Kurt Udermann - Coaching

12. Sonntag                             2 Kor 5,(12f)14-17

(12 Damit wollen wir uns nicht wieder vor euch rühmen, sondern wir geben euch Gelegenheit, rühmend auf uns hinzuweisen, damit ihr denen entgegentreten könnt, die sich nur rühmen, um ihr Gesicht zu wahren, ihr Herz aber nicht zeigen dürfen.[1] 13 Wenn wir nämlich von Sinnen waren, so geschah es für Gott; wenn wir besonnen sind, geschieht es für euch.)

14 Denn die Liebe Christi drängt uns, da wir erkannt haben: Einer ist für alle gestorben, also sind alle gestorben.[2] 15 Er ist aber für alle gestorben, damit die Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde.

16 Also schätzen wir von jetzt an niemand mehr nur nach menschlichen Maßstäben ein; auch wenn wir früher Christus nach menschlichen Maßstäben eingeschätzt haben,
jetzt schätzen wir ihn nicht mehr so ein.[3]

17 Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.


(1) Paulus ringt in seinem Brief an die Korinther um deren Zustimmung zu seiner Art der Verkündigung, die ihnen ärmlich und unattraktiv erscheint. Er hat versucht darzulegen, dass sein „tägliches Sterben“ für die Sache Christi nicht gegen seine Glaubwürdigkeit als Gesandter Gottes spricht. Er hat das „Mit-Sterben-mit-Christus“ bewusst gewählt, weil es ihn mehr mit Christus verbindet.

Er betont, dass er mit allem, was er bisher in seinem Brief an sie geschrieben hat und was er noch schreiben wird, nicht sich selbst hervorheben will (Vers 12). Vielmehr will er ihnen eine Unterscheidungshilfe für den Umgang mit den „Geschäftemachern“[4] an die Hand geben. Er unterstellt diesen, dass sie fromme Worte machen, um die Korinther zu beeindrucken. Nach seinem Ermessen missbrauchen sie das Evangelium zur eigenen Imagepflege und verdrehen es. Sie geben so zu erkennen, dass ihre Worte nicht durch eine persönliche Christusbeziehung gedeckt sind. Der Apostel ist überzeugt: Wer in Christus lebt braucht keine frommen Worte, um dies zu beweisen.

Er traut den Korinthern zu, dass sie ein solches Verhalten bei diesen „gewissen Leuten“, die mit Empfehlungsschreiben kamen und die sich durch ihre Verkündigung bloß selbst empfehlen, entlarven können. Image-Pflege macht sie verdächtig. Sie sollten auch merken, dass er anders ist, nämlich echt, weil in einer persönlichen Christus-Beziehung lebend. Sein Beispiel sollte ihnen die nötige Sicherheit bei der Unterscheidung geben (Vers 12).

Er spricht auch mutig an, was sich trennend zwischen sich und die Korinther gestellt hat. Bei einer Auseinandersetzung ist Paulus leidenschaftlich heftig geworden und offenbar „außer sich“ geraten. Daran nahmen sie Anstoß: Wer so heftig und emotional reagiert, der agiert allzu menschlich und kann daher kein Mann Gottes sein. Soll er immer den Demütigen und Sanften spielen? Ist nicht auch von Jesus überliefert, dass er emotional, mitunter auch zornig werden konnte? Er entschuldigt seinen damaligen Ausbruch nicht, sondern erklärt ihn für berechtigt. Sollte er denn nicht leidenschaftlich reagieren, wenn das Evangelium missbraucht und verdreht wird? Wie Gottes Zorn von Barmherzigkeit umfangen ist (Hosea 8), so spürt Paulus auch in sich zwei gottgewirkte Antriebe: Einerseits die Heftigkeit gegen den Missbrauch und andererseits die Gegensteuerung, die ihn zur Liebe zu den Korinthern bewegt (Vers 13).

(2) Die Liebe Christi „drängt“ Paulus zu einer grundlegenden Glaubenserfahrung: „Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung; Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.“ Worin gründet dieses „In-Christus-Sein“, wodurch ein Mensch eine „neue Schöpfung“ wird? Paulus erklärt: „Einer ist für alle gestorben, also sind alle gestorben. Er ist aber für alle gestorben, damit die Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde.“

Zwischen den Zeilen kann man schlussfolgern, wenn einer für alle gestorben ist, und somit alle gestorben sind, (damit sie durch seinen Tod das Leben haben), dann sind alle gestorben, (damit auch er, der Eine, Leben hat). Ergebnis ist, dass die (in der Taufe Gestorbenen und Auferweckten – dargestellt durch Untertauchen und Auftauchen im Taufbecken) „Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde.“ „Leben für“ meint nicht eine einmalige schriftliche Stimmabgabe oder ein einmaliges verbales Zeugnis, sondern vielmehr „leben mit“. Es bedeutet ein Mitsein in einer Lebens- Lern- und Schicksalsgemeinschaft mit Jesus Christus. Es ist die Entsprechung zu Jesu Versprechen: „Ich bin bei Euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

Wer die „Neuschöpfung“, das neue Sein in Jesus Christus annimmt und ergreift, der wird merken, dass es neue Lebensimpulse und Antriebe mit sich bringt, ebenso andere Wünsche. Zu diesen gehört zuerst und vor allem die Liebe. Das hat natürlich Konsequenzen für den Umgang mit den Brüdern und Schwestern im Glauben und mit allen Mitmenschen. Diejenigen, die „eine neue Schöpfung“ sind, sehen ihre Mitmenschen mit den Augen Jesu und beurteilen das Gegenüber nicht mehr nur nach menschlichen Maßstäben.

Paulus hat Jesus verfolgt, weil er ihm auf die falsche (fleischliche) Weise begegnet ist. Durch das Sterben und Auferstehen mit Christus ist es aber überwunden. Er begegnet den Korinthern nicht auf diese voreingenommene, egoistische und lieblose Weise, sondern in der Liebe, die Christus zu ihnen hat. Das Alte, die Begegnung auf fleischliche, egoistische und lieblose Weise, ist vergangen. Das Neue, die Begegnung in der Liebe Christi, ist geworden. Es ist die Liebe Christi, die Paulus als Kraft und Antrieb wahrnimmt. Damit zeigt er den Korinthern, dass in ihm, der mit Christus in Tod und Leben verbunden ist, die Liebe Christi sein muss und dass sie sein Verhalten ihnen gegenüber bestimmt.

(3) Paulus hofft, dass die Korinther (und wir) den Blick nach oben wenden, denn nur so können sie (und wir) die Wahrheit seiner Worte erfassen. Menschsein für andere kann seiner Ansicht nach nur der, der zuerst Mensch ist „für und mit Christus“.

So sind die wahren Verkünder Jesu und seiner Botschaft diejenigen, die „in Christus“ sind, an deren Leben Jesu Schicksal und seine Überwindung des Bösen abzulesen ist. Diese Botschaft des Apostels desavouiert alle seine Widersacher, die sich selbst inszenierend in das Rampenlicht stellen.

[1] Vgl. die Übersetzung von N. Baumert, Rücken, 110: „12 Nicht empfehlen wir euch schon wieder uns selbst, sondern (mit all dem Gesagten) sind (wir) daran, euch einen Ansatzpunkt für ein Auftreten zu geben, und zwar im Interesse von euch, damit ihr etwas habt gegenüber denen, die auf äußerliche Weise ihr Image pflegen und nicht von Herzen her ein echtes Selbstbewusstsein haben.“
[2] Auch bei den Versen 14 und 15 folge ich der Übersetzung von N. Baumert: „14 Die Liebe des Christus nämlich ist es, die uns zusammenhält, uns, die wir zur Überzeugung gekommen sind, dass ein einzelner anstelle von allen gestorben ist, folglich alle insgesamt gestorben sind (auch ich), und er anstelle von allen gestorben ist, damit sie, sofern sie leben (auch ich) nicht mehr aus sich selbst leben, sondern durch den, der statt ihrer gestorben ist und auferweckt wurde.“
[3] 5,16 Wörtlich: Also kennen wir von jetzt an niemand mehr dem Fleisch nach; auch wenn wir früher Christus dem Fleisch nach gekannt haben, jetzt kennen wir ihn nicht mehr so.
[4] Gegnerische Missionare traten auf und versuchten, die Gemeinde gegen ihn aufzuwiegeln. (Einheitsübersetzung, 380)


11. Sonntag                                2 Kor 5,6-11

6 Wir sind also immer zuversichtlich, auch wenn wir wissen, dass wir fern vom Herrn in der Fremde leben, solange wir in diesem Leib zu Hause sind; 7 denn als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende. 8 Weil wir aber zuversichtlich sind, ziehen wir es vor, aus dem Leib auszuwandern und daheim beim Herrn zu sein.

9 Deswegen suchen wir unsere Ehre darin, ihm zu gefallen, ob wir daheim oder in der Fremde sind. 10 Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat.

11 So versuchen wir, erfüllt von Ehrfurcht vor dem Herrn, Menschen zu gewinnen; Gott aber kennt uns durch und durch. Ich hoffe, dass auch euer Urteil über mich sich zur vollen Wahrheit durchgerungen hat.


(1) Paulus ist immer noch beschäftigt den Korinthern klar zu machen, dass die Bedrängnisse mit denen er zu leben hat und seine Bereitschaft zum „täglichen Sterben“ weder gegen seine Sendung von Gott, noch gegen die Glaubhaftigkeit seiner Botschaft, noch gegen seine geistliche Lebendigkeit sprechen. Ganz im Gegenteil: Weil er in ihrer Welt und zu dieser Zeit das Evangelium unverkürzt verkündet, hat er mit ständigen Herausforderungen und Bedrängnissen zu leben. Er kann beides annehmen, weil er erfahren hat: Wenn er mit Christus stirbt, wird er mit ihm auch auferweckt.

(2) Der Völkerapostel betont seine Zuversicht. Was bedeutet sie? Sie bedeutet, eine Perspektive für die Zukunft, ein Ziel, ein Konzept für den Weg zum Ziel zu haben. Ein Sprichwort sagt: „Auch wenn der Wind noch so gut ist, aber das Ziel nicht bekannt ist, wird das Schiff nie ankommen.“ Begleiter auf dem Weg unseres Lebens ist der Glaube, das Ziel ist das ewige Leben mit dem dreifaltigen Gott. Unser Leben als Christen wird von zwei Voraussetzungen bestimmt: vom Leben im Leib, daher haben wir ein endliches, begrenztes Leben und vom Leben im Geist mit der Möglichkeit über das Irdische hinauszudenken, das Leben zu transzendieren, mit Gott und seinem Sohn im Heiligen Geist in Verbindung zu treten, in eine Verbindung, die der Tod nicht trennen kann. Als Menschen, die sich mit Christus verbinden können, gehen sie vertrauend ihrem Ziel entgegen und hoffen dort von Jesus Christus in die Arme genommen zu werden.

Das Wissen des Apostels, „dass wir fern vom Herrn in der Fremde leben, so lange wir in diesem Leib zu Hause sind;“ kann seine Zuversicht nicht mindern. Er ist sich bewusst, dass er, solange er in dieser Welt lebt, nur „im Trauen auf Gott“ leben kann. Paulus stellt das „Fern vom Herrn Sein“ und „In der Fremde leben“ und dem „Zu Hause Sein in diesem Leib“ das "Daheim beim Herrn Sein" gegenüber. „Leib“ und „Herr“ sind Gegensätze. Er lebt also gleichzeitig in zwei Welten.

Das „Zu Hause Sein in diesem Leib“ bedeutet aber, dass die Maßstäbe dieser Welt sein Leben bestimmen möchten. Aber genau mit dieser Aussicht kann und will er sich nicht abfinden. Um nicht in die Gefallsucht- und Anpassungsfalle zu tappen „ziehen wir es vor, aus dem Leib auszuwandern und daheim beim Herrn zu sein.“ Auch wenn wir nicht in der Gewissheit der Anschauung Gottes leben und geradlinig unseren Weg zum Ziel gehen können, so ist es uns doch möglich, dass wir uns mit dem Herrn vereinigen und uns den rechten Weg und Gottes Willen zeigen lassen. Gebet und Handeln, Aktion und Kontemplation sollten einander ergänzen. Das Ruhen an der Brust des Herrn im vertrauten Gespräch gibt Trost, Kraft und Ermutigung für den Weg zum Ziel.

Paulus klärt also seine Beziehung zu Welt und Christus und erklärt einen bewussten Übergang von Fremdbestimmung durch die Maßstäbe dieser Welt zum Führen lassen von Christus. Nicht der „Leib“ und die „Welt“ sollen sein Leben und das der Christen bestimmen, sondern der Herr Jesus Christus. So lebt Paulus in zwei Wirklichkeiten, in der Welt (Leib) und in Christus, aber Heimat ist ihm Jesus Christus allein. Christen kennen das Fremdsein in dieser Welt.

Der Vorwurf der Weltflucht an die Adresse des Apostels geht ins Leere: Wer ihn „verdächtigt, er würde der Verantwortung für die Welt entfliehen, der hätte ihn gründlich missverstanden, diesen Mann, der mit seinem ganzen Einsatz am entscheidensten Punkt zur Rettung der ‚Welt’ ansetzt, der weiß, dass nur Einer der Retter der Welt ist, und der als Hirte die Verantwortung für jenen Teil der Welt, der ihm anvertraut ist, voll wahrnimmt.“[1]

Der Apostel gründet seine Zuversicht nicht nur auf der Erfahrung des Wachsens an den Problemen, des Geführtwerdens vom Herrn, sondern noch an einer anderen Tatsache: auf seiner Erkenntnis, dass seine Ehre darin besteht, dem „Herrn zu gefallen“[2]. Er nimmt dabei Bezug auf den „Richterstuhl Christi“. Vom Urteil Christi lässt er seine Lebens- und Handlungsprioritäten (Werte) bestimmen. Möglich, dass Paulus von der Vorstellung seines Lebensendes und der Rechenschaft für sein Tun und Lassen, seine Werte ableitete; wahrscheinlich aber auch dadurch, dass er im täglichen Austausch mit dem Herrn seine Handlungs-Optionen besprach. Als Ergebnis kam heraus: „ihm zu gefallen, ob wir Daheim oder in der Fremde sind.“ Paulus sucht also nicht die eigene Ehre - vielmehr erfüllt ihn die Ehrfurcht Christi, die ihn motiviert „Menschen zu gewinnen“.[3] Schließlich gibt Paulus seiner Hoffnung Ausdruck, dass sich die Korinther in ihrem Urteil über ihn und seine Botschaft „zur vollen Wahrheit durchringen“ werden.

(3) Viele Menschen verwirklichen in ihrem Leben bestimmte Werte, ohne dass ihnen diese auch bewusst wären. Stephen Covey ist überzeugt, dass zu einem guten (Selbst-) Management auch ein Bewusstsein der eigenen Werte gehört. Er schlägt eine Übung vor, um den persönlichen Werten auf die Spur zu kommen: Der Übende solle sich einen wichtigen, runden Geburtstag[4] vorstellen. Menschen mit wichtigem Bezug zu ihm (Gattin, Tochter, Chef, Freund, Vereinsobmann) halten eine Rede, in der sie ihn würdigen. Der Übende soll sich überlegen, was er sich wünscht,[5] dass diese Personen über ihn bei ihrer Laudatio sagen. Vom Ergebnis seines Nachdenkens über seinen „guten Ruf“ kann er seine Werte ablesen und beginnen, sie in seine Planung zu integrieren, damit ihre Verwirklichung nicht dem Zufall überlassen bleibt. Um seine Gegenwart zu planen, hat der Übende das Ende vorweggenommen.


[1] N. Baumert, Rücken, 102
[2] N. Baumert, Rücken 100-109
[3] Apg 9,1-22; 22,5-16; 26,12-18
[4] Der Autor schlägt das Begräbnis des Übenden selbst vor.
[5] Nicht zu verwechseln mit der Übung zur Fähigkeit der Selbswahrnehmung: „Wie glaube ich, dass andere mich wahrnehmen?“


10. Sonntag                    2 Kor 4,(12)13-5,1

(12 So erweist an uns der Tod, an euch aber das Leben seine Macht.) 13 Doch haben wir den gleichen Geist des Glaubens, von dem es in der Schrift heißt: Ich habe geglaubt, darum habe ich geredet. Auch wir glauben, und darum reden wir 14 ­­Denn wir wissen, dass der, welcher Jesus, den Herrn, auferweckt hat, auch uns mit Jesus auferwecken und uns zusammen mit euch (vor sein Angesicht) stellen wird. 15 Alles tun wir euretwegen, damit immer mehr Menschen aufgrund der überreich gewordenen Gnade den Dank vervielfachen, Gott zur Ehre.[1]

16 Darum werden wir nicht müde; wenn auch unser äußerer Mensch aufgerieben wird, der innere wird Tag für Tag erneuert. 17 Denn die kleine Last unserer gegenwärtigen Not schafft uns in maßlosem Übermaß ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit, 18 uns, die wir nicht auf das Sichtbare starren, sondern nach dem Unsichtbaren ausblicken; denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare ist ewig.

1 Wir wissen: Wenn unser irdisches Zelt abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus im Himmel.[2]



(1) Paulus setzt seine Verteidigung gegen seine Widersacher in Korinth fort. Wer sind diese? Es sind Gläubige aus der Gemeinde, die viele der übrigen Gemeindemitglieder unter ihren Einfluß gebracht haben; Leute, die sich religiös stark fühlen, mit ausgeprägtem Drang zum Imponieren auftreten und sich in den Vordergrund spielen. Sie stellen Paulus in Frage, weil er unermüdlich von Leidens- und Kreuzesnachfolge predigt. Das ist ihrem „positiven Denken“ unzumutbar. Paulus sieht sich also mit Vertretern verschiedener (Eigen-) Interessen und mit Menschen auf unterschiedlichen geistlichen Entwicklungsstufen konfrontiert.

Seinen Gegnern gegenüber hebt Paulus die wahre Kraft Gottes hervor, die sich in seinem „Inneren“ als tragende Kraft in herausfordernden Situationen bewährt. Seine geistliche Lebendigkeit zeigt sich in der Bewährung seines Glaubenslebens, in seinem lebendigen, hoffnungsvollen und engagierten Einsatz mit Blick auf das „Unsichtbare“. Die Erfahrungen von Gnade und der Herrlichkeit Gottes sind die Triebkräfte seines unermüdlichen Dienstes.

(2) Der Apostel geht auf ihre Redeweise ein: Ja, der „Tod“ erweist seine Macht über ihn. Während über sie, die Korinther, das „Leben“, Macht hat. Paulus ist aber überzeugt, dass die Korinther ihr „Leben“, seiner Predigt und seinem „Sterben“ verdanken. Sie sollten ihm auch zutrauen, dass nicht nur sie einen lebendigen Glauben praktizieren, sondern auch er, von dem sie es eigentlich gelernt haben.

Paulus zieht den Psalm 116 als Argumentationshilfe bei („Ich habe geglaubt, darum habe ich geredet.“). Ein Beter rief in äußerster Bedrängnis zu Gott und wurde erhört. Die Korinther müssten verstehen, dass er sich, genauso wie der Beter des Psalms, vertrauend an Gott wenden darf. Er tut es aus dem Wissen, dass Gott, so wie er Jesus nicht im Tod gelassen hat und auferweckte, auch ihn auferwecken werde. Wenn er mit Jesus stirbt, wird er auch ihn lebendig machen, zusammen mit den Korinthern. Gott werde seinen Apostel, Paulus, öffentlich als lebendig vor seinen Gegnern erweisen, die ihm in ihrer Anmaßung die geistliche Lebendigkeit aus Gott absprechen; umgekehrt aber für sich in Anspruch nehmen.

Seine geistliche Lebendigkeit ist aber nur möglich, weil Gott ihn immer wieder erweckt und lebendig macht, auch durch ihr Zutun. Paulus weiß, dass viele Korinther Gott für seinen Dienst als Apostel danken. Im Dank der Korinther erkennt er auch Gottes gnädige Zuwendung für sich. Deren Dank lässt die Gnade, die seinen Dienst begleitet, mehr und mehr wachsen und nach außen dringen. So wird im Geist das „Leben“ in ihm wahrnehmbar, jene Herrlichkeit Gottes, von der schon lange die Rede war und die ihm einige Korinther absprechen wollten.

Paulus baut auf die Fürbitte der Korinther und vertraut in seinem täglichen „Sterben“ auf Gott, dass das von Gott geschenkte Leben immer reicher wird. Daher zieht er sich nicht resigniert zurück. Er wendet sich weder mürrisch ab, noch weicht er dem täglichen Sterben aus. Offenbar erfährt sein „innerer Mensch“ immer wieder eine Stärkung, wird innerlich neu und ist im Frieden. Darum erfüllt Paulus unverdrossen seine Sendung.

Er formuliert ein großartiges Bekenntnis: "Die Bedrängnis, die ich auszustehen habe, ist zwar übermäßig, aber ist doch immer nur von kurzer Dauer ... im Vergleich zu der Herrlichkeit Gottes, die ich als Frucht meiner Arbeit und Mühe erkenne und die von dauerhafter, unzerstörbarer Qualität ist."[3] Das ist nicht nur sporadisch eine Ausnahme-Erfahrung, sondern es ist grundsätzlich so. Mit Herrlichkeit meint Paulus nicht äußeren Erfolg, sondern das "Unsichtbare", jene Dimension, die man nur im Heiligen Geist wahrnehmen kann und die den "inneren Menschen" verwandelt. Er erfährt sie als eine Fülle von Licht und Kraft.

Paulus will mit seiner Verteidigung die „Herrlichkeit Gottes“ in sich nachweisen (Vers 17). Sie ist als „Frucht des Todes“ (seiner Arbeit und Mühen, Verleumdungen und Demütigungen... - Vers 12), sichtbar geworden. Fassbar und sichtbar freilich nur für jene, deren Augen nicht durch Misstrauen und Selbstgefälligkeit getrübt sind.

Nach dem Abbruch des irdischen Zeltes wird der Mensch das Gebäude („Wohnung von Gott“, „ewiges Haus“ - eine Entsprechung des inneren Menschen, der reicher wird an wiederholtem Sterben und Leben), das er schon lange hatte, aber für irdische Augen unsichtbar war, nun mit neuen Augen sehen. Dieses Gebäude ist eine Metapher für die ewige Wirklichkeit, die er jetzt immer mehr erwirbt und die bereits in ihm lebt und wächst.

(3) Der Völkerapostel hat die besondere Gabe, seine konkreten Lebenssituationen von seinem Christusglauben her zu deuten und zu leben. Wie Jesus selbst, ist auch Paulus überzeugt, dass das „Leben“ nur durch den Tod hindurch zu haben ist. [4] Das Auferstehungsleben aber beginnt schon hier und jetzt und nicht erst im Jenseits. 

[1] Bei den Versen 14 und 15 folge ich der Übersetzung von N. Baumert, Rücken, 85: „im Wissen darum, dass er, der den Herrn Jesus erweckt hat, auch uns mit Jesus erwecken und so öffentlich lebendig erweisen muss zusammen mit euch. (kursiv von mir) 15 Das Ganze geschieht ja nicht ohne euer Zutun, so dass die Gnade (in uns) nachdem sie durch (euch) Viele die Danksagung vervielfacht hat, überreich zur Gottesherrlichkeit wird.“
[2] 5,1-10 Paulus vergleicht den Leib mit einem Zelt, einer Wohnung, einem Haus oder einem Kleid;
[3] N. Baumert, Rücken, 89
[4] Mk 8,34f: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“


Dreifaltigkeitssonntag    Röm 8,(12f)14-17


(12 Wir sind also nicht dem Fleisch verpflichtet, Brüder, sodass wir nach dem Fleisch[1] leben müssten. 13 Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, müsst ihr sterben; wenn ihr aber durch den Geist die sündigen Taten des Leibes tötet, werdet ihr leben.)

14 Alle, die sich vom Geist Gottes leiten lassen,
 sind Kinder[2] Gottes. 15 Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen,
 sodass ihr immer noch Furcht haben müsstet,
 sondern ihr habt den Geist der Kindschaft[3] empfangen, 
in dem wir rufen: Abba, Vater!

16 Der Geist selber bezeugt unserem Geist,
 dass wir Kinder Gottes sind. 17 Sind wir aber Kinder, dann auch Erben;
 Erben Gottes
 und Miterben Christi,
 wenn wir mit ihm leiden, 
um mit ihm auch verherrlicht zu werden.


(1) Der Gott der Israeliten und Jesu Vater ist kein selbstgefälliger, unbewegter Beweger, den die Not der Menschen nicht berührt. Er ist ganz und gar Mitteilung, sich verströmendes Leben, lautere gegenseitige Hingabe, Geben und Empfangen. Da wir durch den Geist der Sohnschaft Kinder Gottes sind, Brüder und Schwestern Jesu, Erben Gottes und Miterben Jesu, sind wir hineingenommen in das Geheimnis des dreifaltigen Gottes.

(2) Paulus hat im bisherigen Verlauf seines Briefes an die Römer unmissverständlich den Zusammenhang zwischen Sünde und Tod aufgezeigt: Sünde hat den Tod zur Folge. Konsequenterweise fordert er die Römer nun auf, der Sünde zu widerstehen. Er ist überzeugt, dass sie als Getaufte und gerecht Gemachte, den Geist empfangen haben und dadurch befähigt sind die Sünde zu entlarven und sich dagegen zu entscheiden. Sollten sie aber den Impulsen des Fleisches gehorchen und nach dem Fleisch leben, dann würden sie wieder zurückfallen in den Bereich der Fremdbestimmung und Selbstentfremdung und das neue Leben im Geiste verlieren.

(3) Um Leben oder Tod hier und jetzt, geht es dem Völkerapostel in diesem Textabschnitt. Es geht nicht um den physischen Tod am Ende unseres Lebens, auch nicht um den Tod unseres Leibes. Es geht um das "Töten" dessen (Vers 13), was unsere innere Quelle, die uns mit Gott verbindet, austrocknet und verkümmern lässt. Tod meint "jene tödliche Dimension im Menschen, die in der Gottferne besteht, während 'Leben' das Geschenk Gottes im Geist ist: die Nähe zu Gott, die als Kindschaft beschrieben wird.“[4]

Paulus versucht mit einer weiteren Frage, die Römer zum Widerstand gegen Sünde und Tod zu motivieren. Er ermutigt sie, sich zu erinnern, welche Art des Geistes sie erfuhren, als sie Jesus Christus angenommen und seinen Geist empfangen haben. War es der Geist der Knechte oder der Geist der Freien? Fühlten sie etwa Furcht und Angst, weil sie empfanden, dass sie seinen Ansprüchen nie und nimmer gewachsen sein würden, weil sie seine Gesetze und Gebote niemals erfüllen könnten, weil ihnen der Mut und die Kraft zur Kreuzesnachfolge fehlten? Der Geist, der "euch zu Knechten macht" ist nicht irgendein böser Geist, sondern eine Etappe auf dem Heilsweg Gottes, die Israel seit seinen Anfängen wohlbekannt ist.

Der Gott Israels ist kein Gott, den die Not seines Volkes nicht berührt. Er sah die Sklavenhaltergesellschaft Ägyptens und hörte das Schreien der Israeliten. Jahwe befreite sie aus der Sklaverei und führte sie ins gelobte Land. Damit sie in der befreienden Liebe Gottes bleiben konnten, gab er ihnen die Tora. Die Gesetzesbeobachtung aber entwickelte eine Eigendynamik. Die Liebe zu Gott und zueinander trat in den Hintergrund und die fromme Leistung der Gesetzesbefolgung in den Vordergrund, ebenso die Angst, die Gesetze nicht auf Punkt und Strich zu erfüllen. Das führte in „Knechtschaft“.

Oder haben sie - die Christen in Rom - vielleicht doch nicht den Geist, der sie zu Knechten macht, empfangen, sondern den Geist, der sie zu Söhnen macht? Haben sie den Geist erfahren, der ihnen Beziehung schenkt, Befreiung aus unterschiedlichsten Abhängigkeiten und Zwängen; einen Geist, in dem ihnen die Größe und Würde ihres Daseins aufgrund ihrer Berufung bewusst werden ließ, sodass sie sich wie Söhne Gottes fühlen? „Paulus lässt uns wissen, dass die Christen aufgrund der ihnen von Jesus geschenkten Beteiligung an seinem Sohnesgeist ermächtigt sind zu sagen: ‚Abba, Vater’ (Röm 8,15; Gal 4,6). Dabei ist klar, dass dieses neue Beten der Christen eben nur von Jesus her möglich ist, von ihm her – dem Einzigen.“[5]

Der Geist, den sie durch Jesus Christus empfingen, ist ein Geist der Sohnschaft. Das Zutrauen zu Gott in ihrem Herzen ist der Ausweis, dass sie von einem neuen Geist berührt und geführt werden. Wenn sie freilich gestehen, dass es eher jener Geist ist, der sie zu Knechten macht, der in ihnen wirkt, dann sind sie "noch nicht durchgestoßen zu jenem Trauen, aufgrund dessen uns Gott gerecht macht und neues Leben gibt!"[6]

Die Lesung endet mit dem Hinweis darauf wie sich „unser“ Erbe erfüllt: Unsere Kindschaft als Erben und Miterben erfüllt sich dann, wenn wir mit Jesus Christus „leiden, 
um mit ihm auch verherrlicht zu werden.“

(4) Jesu gemeinsames Leben mit seinen Jüngern bestand in einer Lebens-, Lern- und Schicksalsgemeinschaft. In diesem Miteinander wurde der Geist der Sohnschaft (!) sichtbar, den Jesus in die Welt brachte. Es bedeutete die Überwindung von Egoismus und Selbstgefälligkeit und führte zu einem Denken vom anderen her, sowie zum Mut sich die Zugehörigkeit zu Jesus „etwas kosten zu lassen.


Dreifaltigkeitssonntag - Evangelium 

                        Mt 28,16-20


In jener Zeit 16 gingen die elf Jünger nach Galiläa 
auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte. 17 Und als sie Jesus sahen, 
fielen sie vor ihm nieder,
 einige aber hatten Zweifel.

18 Da trat Jesus auf sie zu
 und sagte zu ihnen:
 Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde.19 Darum geht
 und macht alle Völker zu meinen Jüngern;
 tauft sie
 auf den Namen des Vaters und des Sohnes
 und des Heiligen Geistes 20 und lehrt sie,
 alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.
 Und siehe,
 ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.



(1) Es war zunächst ein Engel, dann Jesus selbst, der den Frauen mitteilte, dass sie den Jüngern ausrichten sollen, dass er ihnen nach Galiläa vorausgehen werde (Mt 28,6f.10). Das Wiedersehen soll also in Galiläa stattfinden. Dort, wo Jesus mit seiner öffentlichen Verkündigung begann, im „Galiläa der Heiden“. Dort will er seinen Jüngern als Auferstandener begegnen, was auf die Fortführung seines Werkes zielt. Die elf Jünger folgten dem Auftrag Jesu zum Wiedersehen kommentarlos. Vermutlich konnten sie sich ein Leben außerhalb ihrer Apostelgemeinschaft gar nicht mehr vorstellen und empfanden Jesus immer noch als ihren Meister.

(2) Jedenfalls stiegen sie auf den Berg in Galiläa, den Jesus ihnen angegeben hatte, der aber ungenannt bleibt. Hier geschieht nun das Unerwartete, aber doch irgendwie Ersehnte und Erhoffte. Die Erschütterung durch die Gegenwart des Gekreuzigt-Auferstandenen zwingt sie in die Knie. Doch einige von ihnen trauen ihren Augen nicht und zweifeln.

Das aber konnte Jesus nicht abhalten auf sie zuzugehen und zu ihnen zu sprechen. Als Auferstandener und zur Rechten Gottes Erhöhter ist er der Kyrios der Welt. Am „Berg des Auferstandenen“ erklärt der Herr nun – im Gegensatz zur Ablehnung der angebotenen Weltherrschaft durch den Teufel am „Berg der Versuchung“ (Mt 4,8f): „Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde.“ Als solcher, der zu seinen Lebzeiten den Willen Gottes erfüllte und die Ohnmacht wählte, der gekreuzigt und von Gott auferweckt wurde, sendet er die Elf, dass sie sein Werk auf Erden weiterführen und vollenden.

Jesus, der selbst während seines irdischen Lebens in der Vollmacht Gottes die Menschen lehrte und heilte (Mt 7,23), hat seine Jünger schon einmal ausgesandt und ihnen dafür Anweisungen gegeben, die ihre Gültigkeit nicht verloren haben. Nur sind sie ab jetzt nicht mehr allein zu den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“ gesandt, sondern zu allen Völkern. Alle Menschen sollen sie zu seinen Jüngern machen.

Die „Völkerwallfahrt“ nach Jerusalem erfährt so eine gewisse Umorientierung. Die Völker der Welt pilgern nicht mehr nach Jerusalem, weil sie sich von der Art und Weise wie die Juden die Tora verwirklichen und in Frieden leben, angezogen fühlen. Diese Verheißung hat sich für den Evangelisten Matthäus durch die drei Weisen, die einem Stern nach Betlehem gefolgt sind und das Jesus-Kind in der Krippe anbeteten, verdichtet. Nun kommen die Heiden zu Jesus Christus.

Die Jünger sollen nun nicht mehr nur „Menschenfischer“ in Israel sein und warten bis die Menschen aus den Völkern nach Jerusalem kommen, sondern vielmehr zu den Völkern gehen, um die Menschen zu Jüngern Jesu zu machen. Unerlässlich ist die Taufe. Durch Jesus werden sie hineingenommen in das Leben des dreifaltigen Gottes. Das kommt einem Herrschaftswechsel gleich. Der Getaufte lebt nicht mehr nach dem, was ihn in den Augen der Menschen groß macht, sondern er räumt Gott Herrschaft über sich ein und tut das, was Gott gefällt. Er begibt sich auf einen Weg, auf dem er wie Petrus lernen muss, nicht das zu wollen, was die Menschen wollen, sondern, was Gott will. Das ist freilich alles andere als leicht. Aber auch dafür hat Jesus vorgesorgt: „Lehrt sie,
 alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.
“

Was diese Lehre, die es zu befolgen gilt, beinhalten soll, ist bei Matthäus ziemlich klar: vor allem die Verwirklichung der Bergpredigt, angefangen von den Seligpreisungen bis zur Feindesliebe. „Mit ihr ist zwar kein Staat zu machen“, aber sie ist den Gemeinschaften, die sich in der Nachfolge Jesu sehen, als „Magna Carta“ aufgegeben. Die Jüngergemeinde soll sie in ihrem Miteinander praktizieren, um alternative Möglichkeiten des Miteinanders sichtbar zu machen. Jüngerwerdung der Völker bedeutet also, dass die Völker mit Jüngergemeinden durchsetzt werden, um so Salz der Erde zu sein. Die Urkirche hatte Gemeinden, die viele Menschen faszinierten. Auf solche Gemeinden käme es auch heute wieder an.

Wenn die „Zwölf“ der Sendung Jesu treu bleiben wird er mit ihnen sein „alle Tage bis zum Ende der Welt.“ Der Auferstandene wird seine Macht einsetzen, um den Seinen gegenwärtig zu sein, denn Jesus ist der „Immanuel, der ‚Gott mit uns.’“

(3) Ist dieser Auftrag der Missionierung, alle Menschen zu Jüngern Jesu zu machen, von irgend jemand außer Kraft gesetzt worden? Es scheint so! Ich habe den Eindruck, dass die Kirche an sich selbst resigniert. Denn, wenn sie nach dem Wort Jesu leben und handeln würde, wenn sie Salz der Erde und Licht der Welt wäre, dann fiele die Gefahr des Zwanges und der Manipulation weg und die Menschen würden tatsächlich die Kirche als Kontrastgesellschaft attraktiv finden und Jünger Jesu werden wollen. Auf das gelebte Beispiel kommt es an. Aber davon sind wir bedauerlicherweise weit entfernt.

Vielleicht sind es auch nicht mehr die „großen Kirchen“, die den Spuren Jesu folgen, sondern die sogenannten Sekten und kleinen, christlichen Gemeinschaften, die durch ihr Miteinander und Ernstnehmen der hl. Schrift Jesus glaubwürdiger verkünden als die Großkirchen.
 

[1] Das Leben „nach dem Geist“ ist hier einem Leben „nach dem Fleisch“ gegenübergestellt; „Fleisch“ bezeichnet in biblischer Überlieferung das Irdische und Vergängliche, das, worauf man sich nicht verlassen darf, wenn man nicht der Sünde verfallen will. Deshalb kann das Wort „Fleisch“ auch den Menschen bezeichnen, der von der Sünde beherrscht wird.
[2] Im Originaltext steht eindeutig „Söhne Gottes“. Ein Text, der zwischen Kind und Sohn wechselt, sollte man nicht einebnen.
[3] Im Originaltext steht „Sohnschaft“; im Gegensatz dazu steht der „Geist, wie ihn der Sklave hat – nicht der Sohn des Hauses“ (W. Bauer, Wörterbuch 1663);
[4] N. Baumert, Christus, 148
[5] J. Ratzinger, Jesus, 395
[6] N. Baumert, Christus, 149


Pfingstsonntag                   Gal 5,16-24

16 Darum sage ich: Lasst euch vom Geist leiten, dann werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen.

17 Denn das Begehren des Fleisches richtet sich gegen den Geist, das Begehren des Geistes aber gegen das Fleisch; beide stehen sich als Feinde gegenüber, so dass ihr nicht imstande seid, das zu tun, was ihr wollt.

18 Wenn ihr euch aber vom Geist führen lasst, dann steht ihr nicht unter dem Gesetz.19 Die Werke des Fleisches sind deutlich erkennbar:[1] Unzucht, Unsittlichkeit, ausschweifendes Leben, 20 Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen, 21 Neid und Missgunst, Trink- und Essgelage und ähnliches mehr. Ich wiederhole, was ich euch schon früher gesagt habe: Wer so etwas tut, wird das Reich Gottes nicht erben.

22 Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, 23 Sanftmut und Selbstbeherrschung; dem allem widerspricht das Gesetz nicht.

24 Alle, die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt.

25 Wenn wir aus dem Geist leben, dann wollen wir dem Geist auch folgen.



(1) Paulus hat in Galatien christliche Gemeinden gegründet. Als er sich in Ephesus befindet, wird er mit der Tatsache konfrontiert, dass Irrlehrer, Verwirrer und Evangeliumsverdreher in den Gemeinden Galatiens Unruhen verursachen. Diese Irrlehrer verbreiten, dass Christen der Tora folgen sollen und dass die Beschneidung für das Heil unabdingbar sei.

Mit dem Brief will Paulus die Galater mit guten Gründen überzeugen, dass die Forderungen der Evangeliumsverdreher die Botschaft Jesu falsch interpretieren. Im Text der heutigen Lesung gibt Paulus den Galatern Unterscheidungshilfen an die Hand, mit denen er sie befähigen möchte, dass sie selbst das in die Irre führende und geistlose Wirken der Irrlehrer erkennen. Er geht davon aus, dass sichtbarem Verhalten bestimmte Einstellungen zugrunde liegen und bestimmte Impulse das Verhalten auslösen. Die Impulse kommen aus zwei unterschiedlichen „Ecken“: dem „Begehren des Fleisches“ und dem „Begehren des Geistes“. Nach Paulus wird menschliches Handeln ausgelöst und ermöglicht durch Anlagen und Handlungsimpulsen, denen dann die Entscheidung des freien Willens folgt, der dies jeweils in die Tat umsetzt oder auch nicht.[2] Fleischliches Begehren steht bei Paulus für alles, was aus einem egoistischen und selbstgefälligen Denken resultiert. Das Begehren des Geistes steht für das, was aus der Einstellung zum Lieben und Dienen hervorgeht.

(2) Paulus ermutigt die Galater, sich vom Geist leiten zu lassen und keinesfalls vom Begehren des Fleisches.[3] Er ist überzeugt, dass im Inneren des Menschen kein Machtkampf entgegengesetzter Kräfte tobt und der Mensch deswegen oft anders handelt, als er eigentlich will.[4] Der Geist ist selbstverständlich stärker. Der Mensch muss ihm Raum geben und ihm in seinem Handeln folgen. Paulus mahnt die Galater von ihrer Freiheit Gebrauch zu machen.

Wenn der Völkerapostel den Galatern den Lasterkatalog vorlegt, dann will er damit nicht behaupten, dass ihre Gemeinden derart in amoralisches Fahrwasser geraten sind. Er hofft trotzdem, dass sie bei der Nennung von „Spaltungen und Parteiungen“ ihre eigene Gemeindesituation wiedererkennen und daraus die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. Wer jedenfalls den Impulsen zu solchen, oder ähnlichen Handlungen, wie sie im Lasterkatalog aufgereiht sind folgt, der kann die Gottesherrschaft nicht erben.

Während die fleischliche Begehrlichkeit zu hektischem Aktivismus führt, wächst das Handeln im Geist organisch wie eine Frucht aus dem Samen hervor. Aber auch hier muss der freie Wille des Menschen tätig werden.

Paulus stellt den Tugendkatalog anders als sonst zusammen. Seine auswählende Hand zeigt sich darin, dass Freude, Freundlichkeit, Selbstbeherrschung und pistis (Glaube) nur in diesem Tugend-Katalog vorkommen.[5] Es geht vor allem um die menschliche Seite des Trauens (pistis), um ein Zutrauen als Vertrauenshaltung nicht nur anderen Menschen, sondern primär Gott gegenüber. Wer also im Geist lebt, der braucht nicht zu fürchten, dass das Gesetz, die Tora, ihn verurteilt, vielmehr bestätigt und lobt es solche Verhaltensweisen. Für Paulus ist das Gesetz keineswegs abgeschafft, sondern weiterhing gültig, um Sünde aufzudecken und Gutes zu fördern.

Christen müssen dem „Begehren des Fleisches“ immer wieder neu eine Absage erteilen und damit aller Selbstgefälligkeit. Sie vermögen es im Heiligen Geist und im Trauen dessen, der sie geliebt und für sie hingegeben hat. Die Überwindung der Antriebe, die zur Sünde und Abhängigkeit führen, bezeichnet Paulus als Kreuzigung. Für Irrlehrer gilt also: Soweit sie sündigen Leidenschaften und Begehrlichkeiten (Egoismus, Selbstgefälligkeit) folgen, gehören sie nicht zu Jesus Christus.

(3) Es gibt zwei literarische Zeugnisse, in denen im einen Fall ein Impuls aus dem „Begehren des Fleisches“ und im anderen Fall einer aus dem „Begehren des Geistes“ durch die freie Entscheidung des Menschen in einem Wunsch zum Ausdruck kommt: Als König Midas von den Göttern einen Wunsch frei bekommt, bittet er darum, dass alles, was er berühre zu Gold werden solle. Bald schon erkennt er, dass er sich Verderben gewünscht hat. Das Wasser, das Brot, der Wein, alles wurde zu Gold, als er es berührte.

Anders wählt König Salomo. Als er einen Wunsch von Gott frei bekommt, wählt er ein hörendes Herz, damit er Gottes Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht. Weil Salomo diese Bitte aussprach und nicht um langes Leben, Reichtum oder den Tod seiner Feinde bat, sondern um Einsicht gebeten hat, um auf das Recht zu hören, hat Gott seine Bitte erhört.

Paulus legt uns ans Herz: Tut etwas nicht schon deshalb, weil es euch gefällt, sondern nur wenn es vom Geist kommt.


[1] 5,19-21.22-26 Paulus bringt hier einen sog. „Laster-“ und einen „Tugendkatalog“, vgl. z. B. Röm 1,29-31; 1 Kor 6,9f.
[2] N. Baumert, Trauen, 141
[3] Ich folge der Übersetzung von N. Baumert, Trauen, 140
[4] Auch die Einheitsübersetzung legt den Gedanken nahe, dass der Mensch guten wie bösen Kräften ausgeliefert sei.
[5] Die Einheitsübersetzung übersetzt pistis (Glaube) hier mit Treue, N. Baumert, dem ich folge, mit Trauen.


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7. Sonntag in der Osterzeit 1 Joh 4,11-16

11 Liebe Brüder, wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben.12 Niemand hat Gott je geschaut; wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollendet.

13 Daran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und er in uns bleibt: Er hat uns von seinem Geist gegeben.

14 Wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als den Retter der Welt.

15 Wer bekennt, dass Jesus der Sohn Gottes ist, in dem bleibt Gott, und er bleibt in Gott. 16 Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen. Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm.



(1) Die heutige Lesung ermutigt uns zu zweifachem Handeln: zunächst einmal, dass wir einander lieben und dann, dass wir bekennen, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Beides sollte dankbare Antwort auf Gottes vorausgegangene Liebe sein. Vom besonderen Geschenk der Liebe Gottes hat die Lesung vom vergangenen Sonntag gehandelt.

(2) Warum ist dem Verfasser des Ersten Johannesbriefes das Bekenntnis zu Jesus, als dem Sohn Gottes, so wichtig? Es wird vermutet, dass die Judenchristen der kleinasiatischen christlichen Gemeinden Probleme mit der Überbetonung der Göttlichkeit Jesu hatten. Es könnte sich um ein Problem handeln, das jenem ähnlich ist, das im Johannes-Evangelium zum Murren und schließlich zur Spaltung unter den Jüngern führte als Jesus sagte: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben. Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist.“[1] Den Anspruch, welchen Jesus hier erhebt, konnten viele nicht mehr folgen und trennten sich von ihm. Johannes fordert nun die Adressaten seines Briefes und uns auf, Jesus Christus als Sohn Gottes zu bekennen. Wer das tut, in dem bleibt Gott, das heißt, er bleibt in Verbundenheit mit ihm, durch die allein er Frucht bringen kann. Damit erweist sich Johannes hier als Verteidiger der Göttlichkeit Jesu.

Niemand kann Gott mit seinen leiblichen Augen sehen, aber Gott kann mitten in der Welt erfahren werden, nämlich dann, „wenn wir einander lieben.“ Gott hat in seiner großen Liebe, seinen Sohn für uns dahin gegeben, um uns zu retten. „Wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben.“ Die Forderung der Liebe als Aufgabe aus der zuvor empfangenen Gabe der Liebe, erinnert uns an die Fußwaschung im Johannesevangelium. Wie Knechte ihrem Herrn oder deren Gästen, wäscht Jesus seinen Jüngern die Füße. Er stellt das Herr-Knecht-Verhältnis auf den Kopf. Petrus ahnt die Konsequenzen der Fußwaschung für sich und die Jünger und verweigert sie. Weil er aber Anteil am Herrn haben möchte, willigt er schließlich ein. Und so lautet Jesu Auftrag an seine Jünger: „Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe. Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“[2] Es ist dieses neue, liebende Miteinander der „Familie Gottes“, das Jesus in die Welt gebracht hat. Daher muss konsequenterweise die Maxime christlichen Handelns so lauten: „Wie Gott durch Jesus uns, so wir untereinander!“

Die heutige Lesung betont, dass sich Gottes Liebe in unserem liebenden Miteinander vollendet! Das ist somit die denkwürdige Ansage dieser Lesung: Gottes Liebe, die in Jesu Verkündigung und in seinem sühnenden Leiden und Sterben für uns seinen Anfang nahm, vollendet sich in unserer gegenseitigen Liebe. Dafür braucht Gott die Kirche als den Ort, an dem Menschen einander in Liebe begegnen, oder wie Paulus fordert: „Einer schätze den anderen höher ein als sich selbst!“. Es braucht die Kirche als die Gemeinschaft, über die Menschen staunend sagen: „Seht, wie sie einander lieben!“ Hier gelten offensichtlich andere Maßstäbe als sonst in der Welt. Das gibt uns wirklich Hoffnung. Aber müssen wir nicht Christen angesichts der Tatsache, dass Gottes Liebe sich in unserem liebenden Miteinander vollenden sollte ehrlicherweise bekennen, dass wir noch in christlicher Steinzeit leben?

Der Lesungstext mündet in die Spitzenaussage der gesamten biblischen Botschaft: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm.“ Hier wird Liebe nicht vergöttlicht, sondern die Göttlichkeit Gottes als Liebe bestimmt. Sie besteht in der rettenden Zuwendung Gottes zu den Menschen in seinem Sohn Jesus Christus. Er hat sein Leben hingegeben, damit wir das Leben haben. Das „Bleiben-in“ verweist uns an das Gleichnis vom Fruchtbringen.[3] Nur in Verbindung mit dem Weinstock kann die Rebe Frucht bringen. Nur in Verbundenheit mit Jesus Christus und mit Gott kann unser Leben als Christen fruchtbar werden.

(3) Am Ende der Bildrede vom „Fruchtbringen“, legte Jesus seinen Jüngern nochmals die Liebe ans Herz: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, ... Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“[4]

[1] Joh 6,56-58
[2] Joh 13,14f.34f
[3] Joh 15,1-17
[4] Joh 15,9f.12f

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Christi-Himmelfahrt         Eph 1,17–23

17 Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn,
 der Vater der Herrlichkeit,
 gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung, damit ihr ihn erkennt.


18 Er erleuchte die Augen eures Herzens,
 damit ihr versteht, 
zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid,
 welchen Reichtum 
die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt
 19 und wie überragend groß 
seine Macht sich an uns, den Gläubigen, erweist 
durch das Wirken seiner Kraft und Stärke.


20 Er ließ sie wirksam werden in Christus,
 den er von den Toten auferweckt 
und im Himmel auf den Platz zu seiner Rechten erhoben hat,
 21 hoch über jegliche Hoheit und Gewalt, 
Macht und Herrschaft
 und über jeden Namen, der nicht nur in dieser Weltzeit,
 sondern auch in der künftigen genannt wird.


22 Alles hat er ihm zu Füßen gelegt 
und ihn, der als Haupt alles überragt,
 über die Kirche gesetzt.
 23 Sie ist sein Leib,
 die Fülle dessen, der das All in allem erfüllt.


(1) Der Verfasser des Briefes an die Epheser unternimmt den Versuch die Adressaten zu einer Glaubensvertiefung zu motivieren. Er tut dies nicht, indem er warnt oder mahnt oder gar mit der Hölle droht, sondern er versucht es vielmehr durch Hinweise darauf, was durch eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Glauben und durch die Öffnung für Neues zu gewinnen ist. Er präsentiert den Weg, den er einzuschlagen vorschlägt, in Form von Fürbitten und Bekenntnissen.

(2) Offenbar wendet sich der Autor an Hörer bzw. Leser jüdischer Herkunft. Und er beginnt mit niemandem Geringeren als mit Gott selbst. Er wendet sich mit seinen Bitten an Gott und Inhalt der Bitte ist ein vertieftes Verständnis des Handelns Gottes an Israel. Dieser Gott an den er sich wendet ist der Gott Israels, der auch der Gott ihres gemeinsamen Herrn, Jesus Christus, ist. Es ist Gott Jahwe, der Israel aus allen Völkern zu seinem Eigentumsvolk erwählt hat, der Gott der Väter Abraham, Isaak und Jakob. Er hat das Schreien seines Volkes in der Sklaverei Ägyptens gehört und in die Freiheit geführt und ihnen das gelobte Land als Erbteil zugewiesen und durch Propheten und Könige geführt, aus dem Exil wieder heimgeführt und aufs Neue durch Jesus Christus an Israel gehandelt. Diesem Gott, der in der Geschichte an Israel und durch Israel an der ganzen Welt wirkt, sollen sich die Judenchristen öffnen und ihn in diesem vielleicht unerwartet Neuen erkennen. Darum bittet Paulus um den Geist der Weisheit und der Offenbarung für seine Hörer in den Gemeinden, damit sie ihren Ort in der Heilsgeschichte tiefer erkennen. Es geht um ein tieferes Verstehen, denn Gott hatten sie schon erkannt (Eph 1,11-13). Der Autor weiß nur zu gut, dass die Erkenntnis Gottes nicht erworben, sondern geschenkt wird. Die Erkenntnis ist eine Erfahrung des Glaubens und der Liebe. Sie ist der erkennende Glaube und die erschließende Liebe (H. Schlier).

Die nächste Bitte wird konkreter. Der Fürbitter betet darum, dass Gott den Angesprochenen die Augen des Herzens öffnen möge. Paulus hilft uns diesen Gebetswunsch zu verstehen: „Denn Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!, er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit wir erleuchtet werden zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi.“ In dem Maße nämlich, wie das Herz im Glauben angesprochen und in der Liebe bewegt wird, ist der Christ ein Sehender.

Was sollen sie mit den Augen des Herzens sehend verstehen? Sie sollen verstehen zu welcher Hoffnung sie berufen sind. Die Juden haben bereits vor dem Auftreten Jesu im Messias, der ihnen verheißen worden war und auf den sie warteten, auf Gottes Handeln gehofft. Paulus bittet Gott, dass sein Offenbarungsgeist die Adressaten tiefer verstehen lehre, dass nämlich Jesus diese Hoffnung ist. Der Erhöhte ist zwar unseren leiblichen Augen verborgen, doch vermögen die Augen des Herzens durch der Geist der Weisheit erkennen, dass sich die Berufung Israels in Jesus verwirklicht. Die Briefempfänger mögen erkennen, dass die Verheißung des Messias in Jesus Christus besteht, auf den alle in Israel gehofft hatten.

Aber Jesus Christus erfüllt nicht nur die Messias-Erwartung Israels, sondern er ist auch das den Heiligen[1] verheißene Erbe. Erbbesitz und Erbe sind Begriffe aus der Frühzeit Israels und stehen für die Sehnsucht der aus Ägypten geflüchteten Ex-Sklaven nach einem Stück Land, das sie ihr Eigen nennen dürfen. Gott schenkt jetzt seinen Sohn als Erbzuteilung. Der Reichtum an Herrlichkeit ist in ihnen[2]. Für viele muss am Anfang eine überwältigende Erfahrung gestanden haben[3] worin sie Gottes Ruf und das seinem Volk verheißene Erbe erkannt haben. Diese Menschen waren beim Hören der Botschaft Juden, die als solche in der Person Jesu Christi die Erfüllung der ihnen von Gott gegebenen Verheißungen erkannten. Paulus wünscht hier jüdischen Christusgläubigen, dass sie Christus, der „in ihnen“ lebt (Gal 2,20) immer tiefer begegnen mögen.

Er wünscht ihnen aber auch, dass sie wahrnehmen, wie Gott seine Macht an ihnen den Glaubenden (Trauenden) erweist. Jetzt spricht Paulus zu seinen Adressaten über ihre neue Stellung als christusgläubige Juden. Er schließt sich bewusst mit ein. Aus der Gesamtzahl Israels hebt er nun die Gruppe heraus, die Gottes Wirken an Israel in noch höherem Maße erfahren hat. Dieses große Geschenk mögen sie, die mit Glauben auf das Evangelium geantwortet haben, immer tiefer verstehen. Dazu hilft, wenn sie das Wirken der Macht Gottes an Christus betrachten. Zur Deutung der eigenen Erfahrung verweist Paulus auf das Wirken Gottes in Jesus Christus, welches die Grundlage ihrer neuen Lebensqualität ist.[4] Wie Gott an Jesus gehandelt hat wird er auch an ihnen handeln. Damit wird endgültig sichtbar wie Gott an ihnen handelt: „Gott aber, der voll Erbarmen ist, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus wieder lebendig gemacht. Aus Gnade seid ihr gerettet. Er hat uns mit Christus Jesus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben“ (Eph 2,24).

(3) Paulus sagt aber nicht nur, wie Gott seine Macht an Jesus erwiesen hat und wie er sie an denen erweist, die glauben. Er zeigt ihnen und uns auch den Ort, wo all das erfahren und erlebt werden kann.

Gott hat seine Macht an Jesus erwiesen, den er auferweckt „und im Himmel auf den Platz zu seiner Rechten erhoben hat,
 hoch über jegliche Hoheit und Gewalt...“. Die Erhöhung Christi hat aber nicht die Trennung von der Gemeinde zur Folge, sondern in seiner neuen Existenzweise ist er als Haupt der Kirche ganz nahe gekommen. Der Autor ist an einer genaueren Bestimmung der Mächte und Gewalten nicht interessiert. Allerdings betont er: Es gibt überhaupt keine Macht mehr über die der erhöhte Christus nicht als Herr gesetzt wäre.

Die Dämonie des Bösen liegt zwar „über der Gesellschaft und setzt sich in ihr als Verschleierung, Lüge, Unfreiheit, Rivalität und Gewalt immer wieder durch. Demgegenüber gibt es in der Welt eine andere Macht, die mächtiger ist als diese scheinbar unüberwindbaren Mächte und Gewalten. Es ist die Macht des Gekreuzigten. Ihr Ort ist die Kirche. Die Menschen in der Kirche sind nicht anders, aber es gibt in ihr von Christus her den Raum der Versöhnung und des Friedens, das ist kein Verdienst der Kirche, sondern reine Gnade, die Fülle Christi.“[5]


[1] „Die Heiligen“ ist die übliche Anrede für die Christen und meint mehr als bloße Mitgliedschaft
[2] wie in Kol 1,27
[3] Apg 2,37-39; 5,14
[4] Vgl. N. Baumert, Berufung, 201-206
[5] G. Lohfink, Kirche, 349

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6. Sonntag in der Osterzeit   1 Joh 4,7-10

7 Geliebte, wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott. 8 Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist Liebe.

9 Darin offenbarte sich die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben. 10 Darin besteht die Liebe: Nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat.


(1) Die Lesung beginnt mit einer ungewohnten und selten verwendeten Anrede: „Geliebte“. Diese Anrede entspricht dem Anliegen des Verfassers. Er drückt darin aus, dass er sich in einer nicht selbstverständlichen Beziehung an seine Hörer bzw. Leser wendet. Als von Gott Geliebter spricht er zu den ebenfalls von Gott geliebten Brüdern und Schwestern in den Gemeinden. Er und sie sind Teil einer Beziehung, in der sich Gott ihnen in Liebe geschenkt hat.

Darum verwundert seine Aufforderung nicht: „wir wollen einander lieben;“ Sie ist uns bekannt von der Forderung der Gottes- und Nächstenliebe.[1] Doch die folgende Formulierung überrascht: „jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott.“ Wen betrifft das? Jeden der gut und hilfsbereit ist? Jeden der liebt, um geliebt zu werden? Jeden, der sich in Liebe zum Partner verzehrt? Nein, nicht jedwede Zuwendung aufgrund unterschiedlichster Motive zu einem anderen Menschen ist gemeint. Es geht um die Zuwendung zum Bruder und zur Schwester, zu Menschen, die durch eine Neugeburt aus Gott neue Menschen geworden sind, die eine neue Existenzweise angenommen haben, die einem Herrschaftswechsel zugestimmt haben, die Gott Herrschaft über sich eingeräumt haben. Ihre Liebe stammt aus Gott und sie erkennen Gott. Denn „erkennen“ in der Bibel hat immer mit "erkennen in Beziehung" zu tun und ist niemals nur Gedankenarbeit. Ihre Liebe zueinander ist prioritär, aber nicht ausschließend. Sie ist Zeugnis für die Liebe Gottes zu allen Menschen.

(2) Der Spitzensatz nicht nur dieses Abschnittes, nicht nur des Briefes, sondern des Evangeliums überhaupt, ist der Satz: „Gott ist Liebe.“ Schon im Alten Testament wurden Aussagen über Gott getätigt: über Gottes Gerechtigkeit und seine Weisheit; Gottes Treue zu seinem Volk wurde betont; von der Macht Gottes wurde ebenso gesprochen wie von seinem Zorn. Hier handelt es sich um Eigenschaften Gottes, die in seinem Wirken unter den Menschen zum Vorschein kommen.

Sie zeigen aber nicht sein Wesen, aus dem diese Eigenschaften hervorgehen. Gottes Wesen ist Liebe. Das erwählte Volk Israel weiß schon etwas von dieser Liebe (Dtn 7,7f[2]) Die Propheten Jeremia und Hosea wissen, dass diese Liebe aufgrund der Treulosigkeit Israels leidet und in Zorn geraten kann. Dennoch verstieg sich keiner der Propheten zur Aussage: „Gott ist Liebe.“

Der Verfasser liefert auch die Begründung dafür, dass Gott Liebe ist. Die Sendung Jesu aus Nazaret, sein Leben, seine Verkündigung, seine Praxis, sein Leben in einer Lern- und Schicksalsgemeinschaft mit seinen Jüngern und Jüngerinnen, sein Leiden, Sterben und seine Auferstehung sind der Grund. Das geschah, „damit wir durch ihn leben“.

Auch wir heute leben durch ihn. Erst wenn wir zum eigenen Lieben befreit sind, gewinnen wir im Lieben das wahre Leben. Lieben und Leben gehören also zusammen. Das Geschenk der erlösenden, befreienden Liebe Gottes ist auch eine Verpflichtung, eine Aufgabe. Das was in Jesus lebendig war, seine Liebe, lebt durch uns weiter. Er, das gesprochene Wort der Liebe Gottes soll durch uns weitergesagt und vor allem nachgeahmt werden, damit wir und andere durch ihn leben.

Aber das Leben „durch ihn“ wird ermöglicht durch Jesu Sühnetod für unsere Sünden, wodurch er uns mit Gott versöhnt hat. Seit Adam will der Mensch sein wie Gott, lebt im Aufruhr und Fremdbestimmung, Eigennutz und Eigensinn, zerstört sich und seine Umwelt. Gott tut das völlig Unerwartete: Er liebt uns trotz unserer Verweigerungen, Undankbarkeit und Lieblosigkeiten. Jesus nimmt all unsere Schuld auf sich und mit in den Tod. Gottes Liebe stirbt, „damit wir durch ihn leben“.

Nur wer die Liebe Gottes am Kreuz des Sohnes schaut, der kann die wahre Liebe Gottes „erkennen“. Die Liebe Gottes empfangen wir von Jesus aus seiner durchbohrten und blutenden Hand. Sie schenkt unserer Seele Frieden und entlastet uns von unserer Angst, verursacht durch unsere Verweigerungen gegen Gott. Auch wenn die Botschaft vom Sühneleiden Jesu schwer verständlich ist können wir sie im Glauben ergreifen.

(3) Die „Herzmitte des Ganzen ist Gottes Liebe, die sich in Seinem Sohn Jesus Christus offenbart hat und uns Menschen zur Liebe erweckt... ’Wenn du lieben lernen willst, dann schau an, wie sehr du von Gott geliebt bist!’“[3]


[1] Mt 22,37ff: 37 Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. 38 Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
[2] Dtn 7,7f: 7 Nicht weil ihr zahlreicher als die anderen Völker wäret, hat euch der Herr ins Herz geschlossen und ausgewählt; ihr seid das kleinste unter allen Völkern. 8 Weil der Herr euch liebt und weil er auf den Schwur achtet, den er euren Vätern geleistet hat, deshalb hat der Herr euch mit starker Hand herausgeführt und euch aus dem Sklavenhaus freigekauft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.
[3] A. Lefrank, Umwandlung, 530

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5. Sonntag in der Osterzeit      1 Joh 3,18-21

18 Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit. 19 Und daran werden wir erkennen, dass wir aus der Wahrheit sind. Und wir werden vor ihm unser Herz überzeugen, 20 dass, wenn unser Herz uns verurteilt, Gott größer ist als unser Herz und alles weiß.

21 Geliebte, wenn das Herz uns aber nicht verurteilt, haben wir gegenüber Gott Zuversicht; 22 und alles, was wir erbitten, empfangen wir von ihm, weil wir seine Gebote halten und tun, was ihm gefällt.

23 Und das ist sein Gebot:
Wir sollen an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben gemäß dem Gebot, das er uns gegeben hat.

24 Wer seine Gebote hält, bleibt in Gott und Gott in ihm. Und daran erkennen wir, dass er in uns bleibt: an dem Geist, den er uns gegeben hat.



(1) Johannes hat in diesem Kapitel bereits betont: „Jeder, der von Gott stammt, tut keine Sünde, weil Gottes Same in ihm bleibt, und er kann nicht sündigen, weil er von Gott stammt... Jeder, der die Gerechtigkeit nicht tut und seinen Bruder nicht liebt, ist nicht aus Gott“ (1 Joh 3,9f). Für Christen ist also entscheidend, dass sie mit Gott verbunden leben.
 
Mit nüchternem Blick auf die christlichen Gemeinden stellt der Autor fest, dass die Gnosis auch unter den Christen ihre Spuren hinterlassen hat. Das Schönreden hat Hochkonjunktur. Die Kluft zwischen Wort und konkreter Umsetzung des Wortes in Taten, die Diskrepanz zwischen Verkündigung und Leben scheint unüberwindbar. Johannes sieht sich genötigt den Finger auf diese Wunde zu legen: „Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit. Und daran werden wir erkennen, dass wir aus der Wahrheit sind.“ Mit dem Hinweis, dass die Zugehörigkeit zu Gott untrennbar mit der konkreten geschwisterlichen Liebe in Wort und Tat zusammenhängt, hebt er das Gewicht dieses Mangels im Leben der Gemeinde hervor. Es handelt sich um ein Vergehen, das schon der Prophet Jesaja im Namen Jahwes Israel vorgeworfen hat: Dieses Volk ehrt mich nur mit den Lippen, aber sein Herz ist weit weg von mir. Jesus hat den verachteten Samariter den Juden als Beispiel vor Augen gestellt. Im Unterschied zu den Kultdienern ist er am Geschundenen nicht vorbeigegangen. Er hat sich seiner Wunden und Schmerzen angenommen. Johannes ist überzeugt, dass viele schöne Worte über die Liebe niemandem nützen, wenn das konkrete Leben von Egoismus und Eigennutz bestimmt wird. Nur wer in Wort und Tat liebt, der ist aus der Wahrheit, d.h. er handelt aus der Verbundenheit mit Gott. In ihm wird das neue Leben aus Gott fruchtbar.

Johannes möchte mit seiner eingängigen Formulierung eine persönliche und gemeindliche Gewissenserforschung anstoßen und zeigt Richtung und Ziel: Versöhnung mit Gott in Jesus Christus und vertieftes Leben in Verbundenheit mit Gott. Die Versöhnung mit Gott setzt große Ehrlichkeit voraus. Wer sich mutig öffnet und sich der Herausforderung des verurteilenden Herzens stellt, seinen Stolz, seinen Neid, seine Eifersucht, seine Angst zu kurz zu kommen, seine Bequemlichkeit, seine Überheblichkeit und Lieblosigkeiten, seine Feigheit und seinen Verrat annimmt, der kann sich wie Petrus an Jesus wenden: „Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebe.“ Wir dürfen uns Gottes Gnade in Jesus Christus anvertrauen, denn ihre Größe zeigt sich darin, dass Gottes Sohn für unsere Sünden starb. Wenn dieser schmerzlich-heilsame Prozess der Selbsterkenntnis und Selbstannahme und Übergabe der Schuld (Mist) durchlaufen ist, dann ist unser Herz versöhnt und verurteilt uns nicht mehr. Das versöhnte Leben mit Gott in Jesus Christus für die Brüder und Schwestern geht weiter. Gott geht mit uns und wirkt durch uns, „weil wir seine Gebote halten und tun, was ihm gefällt.“

Johannes schenkt nun dem „Hauptgebot“ alle Aufmerksamkeit. Es ist das Ziel seiner Intervention. Dessen Beachtung ist die beste Gewähr, dass Fehlentwicklungen im persönlichen Glauben und in der Gemeinde vermieden werden: „Wir sollen an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben gemäß dem Gebot, das er uns gegeben hat.“ Der „Name“ ist in der Bibel nichts Äußerliches. Er enthält das ganze Wesen und Werk dessen, der diesen Namen trägt. Josua, Jeschua, Jesus war ein häufiger Name, wurde durch Jesus Christus zu einer wesenhaften Bezeichnung. Der Engel Gottes offenbarte Josef im Traum, dass Maria einen Sohn gebären wird; „ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen.“ (Mt 1,21) Darauf kommt es also an, dass wir an Jesus, den Sohn Gottes, den Erlöser und verheißenen Messias (Christus) glauben. Die Liebe, die Gott uns in seinem Erlöser geschenkt hat, drängt uns die besondere Ausprägung der Liebe Gottes in Jesus weiterzugeben: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“ (Joh 13,34)

Die erfahrbare Konsequenz aus diesem neuen Sein als Getaufte: Ich lebe in Gott/Christus und Gott/Christus in mir. Der Heilige Geist lässt mich das erkennen, wenn ich gottgefällige Dinge tue, die „auf meinem Mist“ gewachsen sind.

(3) Angesichts dieses Textes schlage ich vor, dass Pastoraltheologen und/oder Religions-soziologen den realen Zustand unserer Kirche und Pfarrgemeinden vor dem Hintergrund der Fragen, die diese Lesung stellt, erheben. Wie steht es z.B. um die Brüderlichkeit/ Geschwisterlichkeit der Gläubigen in den Gemeinden, der Priester miteinander, der Laienmitarbeiter untereinander und der Bischöfe? Welchen Stellenwert hat die Berufung in der Kirche? Welche Bedeutung hat der Taufschein bei mangelhafter Taufvorbereitung Unmündiger? Glauben Christen der Esoterik oder Jesus Christus?


4. Sonntag in der Osterzeit             1 Joh 3,1-2(3)

1 Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es. Die Welt erkennt uns nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat.

2 Liebe Brüder, jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.

3 Jeder, der dies von ihm erhofft, heiligt sich, so wie Er heilig ist.[1]


(1) Der 1. Johannesbrief wurde wahrscheinlich in der Zeit zwischen 90 und 100 n. Chr. geschrieben. Anlass für die Abfassung war der Kampf der kleinasiatischen Gemeinden gegen die aufkommenden, attraktiven frühgnostischen Geistesströmungen. Der Gefahr der spirituellen Verflüchtigung der wesentlichen Heilstatsachen musste begegnet werden. Der Apostel Johannes, der von Ephesus aus in der kleinasiatischen Christenheit wirkte, erinnert an die ursprünglichen Weisungen Jesu und holt den Glauben aus den geistigen Höhen zurück auf die Ebene des irdischen Heilshandelns Jesu.

(2) Liebe ist nicht einfach machbar und kann auch nicht eingefordert werden. Sie ist die Antwort auf eine erfahrene „Anrede“ in unterschiedlichen Formen. Manchmal ist es ein Lächeln, das einlädt, in eine Beziehung einzutreten, in der sich gegenseitige Liebe entfalten kann. Auch in der Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen waltet dieses Gesetz. So betete Johannes vom Kreuz: „Mein Herr und mein Gott! Wer dich mit reiner und schlichter Liebe sucht, warum sollte er dich nicht finden, ganz wie er es wünscht und ersehnt? Bist du es doch, der sich als Erster auf den Weg macht, um denen zu begegnen, die dich finden wollen“ (Weisungen 2).[2]

Gott ist es also, der den Anfang machte, in der Beziehung damals (und mit uns heute), als er uns den Erlöser sandte: „Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es.“ Die große Liebe des Vaters besteht im Geschenk seines Sohnes, Jesus Christus. Jesus, in Betlehem geboren und in Nazareth aufgewachsen, hat als Wanderprediger das Reich Gottes verkündet. Er hat Apostel und Jünger als Mitarbeiter berufen und mit ihnen das neue Miteinander in der neuen Familie Gottes gelebt. Zu dieser Familie gehört, wer den Willen Gottes sucht und ihn tut. Er selbst ist dem Willen des Vaters und seiner Sendung treu geblieben, bis zur Hingabe seines Lebens. Sein Tod bedeutet Leben für die Welt - unsere Rettung. Denen, die ihm folgten versprach er Anteil an seiner Herrlichkeit beim Vater, wie er sie schon zu Lebzeiten gelehrt hatte - Gott als Vater anzusprechen. Als seine Brüder und Schwestern sind sie auch Kinder seines Vaters.

Die Größe seiner Liebe zu ihnen bringt er beim Abendmahl zum Ausdruck: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ Schon am Anfang seines Evangeliums hat Johannes auf das große Geschenk hingewiesen für diejenigen, die Jesus in ihr Leben aufnehmen: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die ... aus Gott geboren sind. (Joh 1,12f)“[3]

Johannes (wie auch Paulus) weiß, dass der Gabe der großen Liebe Gottes, die Übernahme einer Aufgabe entspricht: Wie Jesus ihnen die Füße gewaschen hat, so sollen auch sie einander die Füße waschen und einander lieben wie er sie geliebt hat. Im vorliegenden Brief mahnt er zum Tun der Gerechtigkeit und ruft zur „Bruderliebe“ auf. Jedenfalls muss der konkreten Liebe Jesu, ihre gegenseitige, konkrete Liebe entsprechen.

Kann unsere Gotteskindschaft konkret erkannt werden oder ist es nur Schönrederei? Johannes führt einen merkwürdigen Beweis. Wir erkennen es an der ablehnenden Haltung der „Welt“. Dass wir aus Gott geboren und vom Geist Gottes bestimmt werden, merkt die „Welt“ und fühlt sich bedroht. Sie ist nicht bereit, sich dem Neuen zu öffnen, sondern verschließt sich und lehnt es ab. Wer sich Gott verschließt, dem werden die Handlungen der „Gotteskinder“ zum Anstoß.[4]

(3) Wir sind aber nicht nur Kinder Gottes. Über uns waltet noch ein anderes Geheimnis. Wir werden zwar nie perfekt sein, dennoch wartet auf uns eine große Zukunft, die jetzt noch nicht einmal offenbar ist: „Wir werden ihm ähnlich sein, denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ Wir werden in den verwandelt, den wir schauen dürfen.[5] Ansatzweise dürfen wir die verwandelnde Kraft des Herrn schon erfahren, wenn wir die heilige Schrift betrachtend auf den Herrn schauen und bitten: „Herr schenke mir ein Herz nach deinem Herzen und einen Geist nach deinem Geiste.“ Darin besteht unsere Heiligung.

[1] 3,3 Er: gemeint ist Christus, das große Beispiel der Heiligung.
[2] Zitiert nach R. Nürnberg, Ergriffen 18
[3] Auch der Apostel Paulus betont das unfassbare Geschenk der Gotteskindschaft: „Ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater! So bezeugt der Geist selber unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Sind wir aber Kinder, dann auch Erben; wir sind Erben Gottes und sind Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden. (Röm 8,15ff)“
[4] Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.
[5] Paulus formuliert es so: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin. (1 Kor 13,12)“

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3. Sonntag in der Osterzeit            1 Joh 2,1-5a

1 Meine Kinder, ich schreibe euch dies, damit ihr nicht sündigt.
 Wenn aber einer sündigt,
haben wir einen Beistand beim Vater:
 Jesus Christus, den Gerechten.
 2 Er ist die Sühne für unsere Sünden,aber nicht nur für unsere Sünden,
 sondern auch für die der ganzen Welt.


3 Und daran erkennen wir, dass wir ihn erkannt haben:
 wenn wir seine Gebote halten.
 4 Wer sagt: Ich habe ihn erkannt!,
 aber seine Gebote nicht hält,
 ist ein Lügner
 und in dem ist die Wahrheit nicht.
 5a Wer sich aber an sein Wort hält,
 in dem ist die Gottesliebe wahrhaft vollendet.


(1) Der Film „Mission“ erzählt von den Jesuitenreduktionen in Paraguay und hält mit elektrisierenden Szenen in Atem.[1] Rodrigo Mendoza, dargestellt von Robert De Niro, betätigte sich als Sklavenjäger und ermordete seinen Bruder. Als Pater Gabriel in die Missionsstation zurückkommt wird er mit Rodrigo konfrontiert. Dieser steht immerhin zu seiner Schuld, hat aber jeden Lebensmut verloren. Der Jesuitenpater versichert ihm: „Auch für dich gibt es Erlösung.“ Diesen Ermutigungsversuch des Paters weist Rodrigo zurück. Für ihn, den Mörder, Sklavenhändler und Söldner gäbe es keine Erlösung. Gabriel versucht Licht in seine Finsternis zu bringen: „Du hast den Weg des Verbrechens gewählt. Wähle jetzt den Weg der Buße.“ Schließlich sagt Rodrigo im Aufflackern eines letzten Lebensfunkens: „Bist du bereit mich scheitern zu sehen?“ Rodrigo schleppt den Sack, der seine einstigen Statussymbole, Rüstung, Degen und anderes enthält mühsam hinter sich her. Der Sack symbolisiert seine Schuld. John, ein anderer Jesuit, hat große Mühe Rodrigos selbst auferlegte Sühne mit anzusehen. Er schneidet das Seil, an dem er den Sack mitschleppt durch. Aber dieser Versuch, Rodrigos Sühne abzukürzen hilft ihm nicht wirklich. Rodrigo holt die Last nochmals aus der Tiefe. Erst als ein Indianer, statt Rodrigo in den verdienten Tod zu stoßen, das Seil durchschneidet und den belastenden Sack in die Tiefe befördert, kann dieser befreit weinen und lachen zugleich vor Glück. Jetzt, da er auch von den Indianern Vergebung erlangt hat, kann er sich selbst auch vergeben. Schließlich bittet er um Aufnahme in den Jesuitenorden.

(2) „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“ Diesem Auftrag folgt auch der Verfasser dieses Briefes. Es handelt sich nicht um Bauernfängerei. Er weiß, dass er etwas Kostbares anzubieten hat, nämlich die Befreiung von Schuld und Sünde und die daraus resultierende Jüngerschaft. Was er anzubieten hat ist also sowohl eine Gabe als auch eine Aufgabe. Dennoch muss er Irrtümer und Missverständnisse ausschließen. Eine Quelle für Verdrehungen war damals die Bewegung der Gnosis. Christen wurden verunsichert, denn die Gnostiker behaupteten, dass sie, die Christen bloß Glauben haben, während sie selbst Wissen hätten. Diese Behauptung entlarvt Johannes als grobe Fehleinschätzung und Lüge.

Wenn der Lesungstext mit der Mahnung beginnt, nicht zu sündigen, so grüßt hier nicht der moralische Zeigefinger, sondern ist vielmehr der Sorge geschuldet, durch Leichtsinn der Beziehung mit Jesus verlustig zu gehen. Denn die Gewähr dafür, dass Jesu Erlösungswerk, sein stellvertretendes Leiden und Sterben für uns, fruchtbar wird, besteht darin, dass wir das Geschenk der Erlösung annehmen und in dieser geschenkten Freiheit leben. Genau das hat auch das Volk Israel erfahren. Nach der Befreiung aus dem Sklavenhaus Ägypten, diesem großen Geschenk der Zuwendung Gottes zu seinem Volk, bekam Israel auf dem Berg Sinai das Gesetz, die Tora, nicht um das Volk unter ein Joch zu pressen, sondern damit es in gerechtem Miteinander leben kann.

Johannes ist Realist genug, um zu wissen, dass damit die Sünde (Eigennutz, Eigenwille und Eigensinn) nicht endgültig aus dem Leben gebannt sind. Das, was wir Gott in unserem Leben vorenthalten, ist immer in Gefahr sich eigenmächtig zu verselbständigen. Wenn der Rückfall in die Sünde eintritt, dann rät er, nicht zu resignieren und aufzugeben, sondern sie anzunehmen und sie bei Jesus abzuladen. Er, der ein für alle Mal für unsere Schuld gestorben ist, ist jederzeit bereit uns zu entlasten. Er hat die nötige Autorität. Er ist der Gerechte, unser Beistand, Anwalt und Fürsprecher. Indem er uns unsere Schuld abgenommen und auf sich geladen hat, hat er uns gerecht gemacht, hat er uns mit Gott versöhnt. Er hat uns würdig gemacht erhobenen Hauptes unter die Augen Gottes zu treten. Wenn nun jemand Bedenken hat und sich fragt: Warum gerade ich, ich verdiene dies doch gar nicht?, darf er unbesorgt sein. Allen Menschen ist dieses große Geschenk zugesagt. Allen Menschen soll und darf dieses Angebot zur Versöhnung vorgelegt werden. Damit wird der kleinen Schar der Nachfolger Jesu ungeheure Weite geschenkt.

Sind die „Wissenden“ nun die besseren Christen? Sie erleben großen Zulauf und sind sehr attraktiv. Johannes polemisiert nicht, sondern präsentiert ein klares Kriterium: Wer Gott/Jesus Christus wirklich erkannt hat, der beschränkt sich nicht auf sein Wissen, sondern überzeugt durch das Halten und Bewahren der Gebote. In dieselbe Richtung weist das Wort: „So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat.“ (Jak 2,17). Ignatius von Loyola sagte später: Den Glauben verkündet man mehr durch Taten als durch Worte. Johannes bezieht sich auf die Erfahrung, dass der, der in Beziehung mit Jesus lebt, in Jesu Gestalt verwandelt wird und mehr und mehr Jesu Geistes Kind wird. Er weiß sich reich beschenkt und es drängt ihn die erfahrene Liebe weiter zu schenken. Die Lebens- und Lerngemeinschaft mit Jesus mündet in eine Schicksalsgemeinschaft, in die Übernahme seines Lebensstils. Wer sich im Wort der Heiligen Schrift der Beziehung mit Jesus betrachtend anvertraut und sich von ihm verwandeln lässt und durch sein Leben konkret bezeugt was in seinem Inneren lebendig ist, in dem vollendet sich wahrhaft die Liebe Gottes.

(3) Rodrigo, der ehemalige Sklavenjäger wollte als Jesuit neu anfangen, wusste er doch, „Jesuit sein heißt als Sünder dennoch geliebt sein.“ Ihm war bewusst geworden: Selbst erlösen kann ich mich nicht, dazu brauche ich Gott, dazu brauche ich andere. Auch er war bereit für seine Freunde, die Guarini-Indianer zu sterben. Er griff zu den Waffen, um sie zu beschützen und starb im Kugelhagel. Gabriel, sein Oberer, griff zur Monstranz, um den Kindern, Frauen und Alten in den Tod vorauszugehen.


[1] Mission ist ein Film aus dem Jahr 1986, der von Roland Joffé gedreht wurde. Das Buch folgt dem Theaterstück „Das heilige Experiment“ des österreichischen Dramatikers Fritz Hochwälder. 

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Weißer Sonntag 1 Joh 5,1-6

1 Jeder, der glaubt, dass Jesus der Christus ist, stammt von Gott, und jeder, der den Vater liebt, liebt auch den, der von ihm stammt. 2 Wir erkennen, dass wir die Kinder Gottes lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote erfüllen.

3 Denn die Liebe zu Gott besteht darin, dass wir seine Gebote halten. Seine Gebote sind nicht schwer. 4 Denn alles, was von Gott stammt, besiegt die Welt. Und das ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube. 5 Wer sonst besiegt die Welt, außer dem, der glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist?

6 Dieser ist es, der durch Wasser und Blut gekommen ist: Jesus Christus. Er ist nicht nur im Wasser gekommen, sondern im Wasser und im Blut. Und der Geist ist es, der Zeugnis ablegt; denn der Geist ist die Wahrheit. (7 Drei sind es, die Zeugnis ablegen: 8 der Geist, das Wasser und das Blut; und diese drei sind eins. 9 Wenn wir von Menschen ein Zeugnis annehmen, so ist das Zeugnis Gottes gewichtiger; denn das ist das Zeugnis Gottes: Er hat Zeugnis abgelegt für seinen Sohn.)



(1) Viele Menschen sehnen sich nach Freiheit, nach äußerer, aber auch nach innerer, geistiger Freiheit. Die 2. Lesung aus dem 1. Johannesbrief weist den Weg zum Gewinn der wahren Freiheit. Die Leitlinie auf dem Weg zu diesem Ziel ist der Glaube an Jesus, den Messias (Christus) und Sohn Gottes. Er bezieht die Liebe zum Bruder und zur Schwester in der Gemeinde, die sich an Geboten (!) orientiert. Dieser Glaube führt schließlich zum Sieg über die Welt.

(2) Zunächst lohnt der Blick auf den Kontext des Johannes-Briefes. Es fällt auf, dass der Verfasser in drei Sätzen das „Geborensein aus Gott“ betont. Jeder, der die Gerechtigkeit tut, ist aus Gott geboren, ebenso jeder, der Gott liebt und auch der, der glaubt, dass Jesus der Christus ist. Durch die Formulierung "jeder" haben alle drei Sätze absolute Gültigkeit. Jeder Christ muss die Gerechtigkeit tun, Gott lieben und Jesus als Christus glauben. Nur in diesem Dreiklang besteht Harmonie. Wird der eine oder andere Satz absolut gesetzt, verführt er leicht zu Fehlhaltungen.


Der Glaube, von dem hier die Rede ist, meint nicht die Zustimmung zu einem Glaubenssatz, sondern die innere Überzeugung, die einen Menschen berührt, in Beschlag nimmt und Beziehung sucht. Gemeint ist der Glaube, dass der Mann aus Nazareth, Jesus, der Christus ist. Dass er der von den Propheten verheißene und von unzähligen Generationen erwartete Messias ist, der im verrufenen Palästina geboren, gelitten, gestorben und auferstanden ist. Das zu glauben ist alles andere als selbstverständlich. Wer glauben kann, dass Jesus der Christus ist, "der ist aus Gott geboren." Dieser Glaube ist ein Geschenk Gottes. Er trägt Gottes Wesen, seine Liebe, in sich. Diese drängt ihn zur geschwisterlichen Liebe. Er staunt und freut sich nicht nur über sein eigenes Geborensein aus Gott, sondern auch über das seiner Brüder und Schwestern. Er ist wie sie, Kind des einen Vaters.

 
"Wir erkennen, dass wir unsere Brüder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten." Die Liebe zu den Brüdern und Schwestern hängt nicht von meiner Selbstliebe ab, sondern von meiner Liebe zu Gott und dem Halten der Gebote. Meine Liebe zu Gott ist meine Antwort auf die zuvor von ihm empfangene Liebe.
Gibt es eine Liebe, die sich an Gottes Geboten orientiert? Jesus selbst hat oft genug nach Heilungen gesagt: Gehe hin und sündige nicht mehr. Er hat gegen eine unverbindliche, absichtsvolle Freundlichkeit angekämpft, die gab, um bei nächster Gelegenheit zurückzube-kommen. Jesu Liebe ist eine Hilfe im Kampf gegen Sünde und gegen Irrtümer. Nur wenn unsere Liebe, die Art der Liebe Gottes an sich trägt, ist sie Liebe im Sinne Jesu. Wenn wir Gott und seine Gebote als Wegweiser und Grenzsteine und darüber hinaus seine Barmherzigkeit vor Augen haben, dann lieben wir die Brüder und Schwestern als, „Aus-Gott-Geborene“, als die, die von Gott stammen.


Die allgemeine Anschauung ist, dass das Halten der Gebote doch eher schwer ist. Diese kommt daher, dass wir in der Welt leben und die Welt ihren Anspruch auf uns nicht aufgegeben hat. Wir müssen uns dem Zugriff der Welt entziehen. Johannes hat schon darauf hingewiesen: "Größer ist der in euch als der in der Welt." (1 Joh 4,4) In der Geburt aus Gott gründet der Sieg. Nur der von Gott Geliebte vermag das zu wollen, was Gott will und nicht das, was die Menschen wollen.


Unser eigener Einsatz und Gottes Handeln wirken im Geheimnis des Glaubens zusammen: "Und dies ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube." Der Glaube ist der Sieg über die Welt. In Jesu Kreuz und Auferstehung ist dieser Sieg sichtbar geworden. Der Gläubige nimmt am vollendeten Sieg des Herrn teil. Glaube bedeutet hier Aneignung dessen, was Gott anbietet.
"Wer sonst besiegt die Welt außer dem, der glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist." Es geht wiederum nicht um eine erzwungene Zustimmung zu einem Glaubenssatz. Es handelt sich um einen persönlichen und in Freiheit gewonnenen Glauben. Er ist die dankbare Annahme des "Aus-Gott-Geborenseins" und des neuschaffenden Wirkens Gottes. Wer glauben kann, dass Jesus, der Messias, der Sohn Gottes ist, der ist tatsächlich Sieger über die Welt, er hat Anteil am Sieg des Christus.


(3) Wer als Glaubender die Welt besiegt hat, der lebt in der Welt und hat die Attraktion der Welt, die von Gott wegführt überwunden. Er ist auf einem Weg unterwegs zu einem Ziel, das er aber auch schon irgendwie erreicht hat - die Heimat bei Gott. Er lebt in der Welt unter offenem Himmel.


 
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Ostersonntag                                 1 Kor 5,6-8

6b Ihr wisst, dass ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert? 7 Schafft den alten Sauerteig weg, damit ihr neuer Teig seid. Ihr seid ja schon ungesäuertes Brot; denn als unser Paschalamm ist Christus geopfert worden. 8 Lasst uns also das Fest nicht mit dem alten Sauerteig feiern, nicht mit dem Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit den ungesäuerten Broten der Aufrichtigkeit und Wahrheit.


(1) Paulus ist mit der Tatsache konfrontiert, dass ein Mitglied der Christengemeinde in Korinth in einer inzestuösen Beziehung lebt. Für den Apostel ist das ein klarer Verstoß gegen das Gebot Gottes und diese/r Christin/Christ hat keinen Platz in der Gemeinde. Selbst für die Heiden ist ein solches Verhalten ein „no go“. Den Verantwortlichen in der Gemeindeleitung ist das allerdings nicht so klar. Sie konnten sich auf keine klare Ausschluss-Entscheidung verständigen. Für Paulus ist das inakzeptabel. Er besteht darauf jenes Gemeindemitglied, wenn es nicht bereit ist diese Beziehung abzubrechen, aus der Gemeinde auszuschließen. Der Weg zurück ist bei erfolgtem Abbruch möglich.

Paulus kämpft dafür, dass der Name Jesu unter den Heiden nicht zum Gespött wird. Die Nachfolge Jesu zeigt sich in der Gemeinde auch in bestimmten sittlichen Standards.Die Wahrheit stellt sich nun aber doch anders dar. Die Gemeinde muss sich daher entschieden vom Verhalten dieses Einzelnen distanzieren, damit nicht auch anderes, das mit der Botschaft Jesu unvereinbar ist, akzeptiert wird. Heuchelei muss unterbunden werden, damit das Licht des Evangeliums und der Gegenwart Gottes in der Gemeinde von Korinth nicht verdunkelt werden.

(2) Der Apostel macht seine unbeugsame Haltung nicht von der Zustimmung der Korinther abhängig, aber er sucht ihr geistliches Einverständnis. In einem Bild versucht er ihnen zu erklären, worum es ihm geht. Dieses Bild bedarf einiger Erläuterungen. Es geht um das Paschafest, dem Osterfest der Juden. Vor dem Fest muss alles Gesäuerte aus dem Haus entfernt werden. Zur Feier des Festes braucht es das Paschalamm und die ungesäuerten Brote (Mazzen). Anhand der Hauptbestandteile des Paschafestmahles zeigt Paulus das Dilemma in das sich die Gemeinde gebracht hat, aber auch den Ausweg.

Das geschlachtete Paschalamm Jesus Christus ist bereitgestellt. Was nicht vorhanden ist, das sind die ungesäuerten Brote. Warum? Weil es sie nicht gibt! Warum gibt es sie nicht? Weil der Teig (die Gemeinde) durch den kleinen Anteil des Sauerteiges der Bosheit und Schlechtigkeit (der Mann, der in der inzestuösen Beziehung lebt) „versauert“[1] (versaut, zerstört) wurde.

Damit das Paschafest gefeiert werden kann und ungesäuertes Brot bereit steht, muss der alte Sauerteig von jenen (Gemeindemitgliedern) entfernt werden, die ja ohnehin (durch die Taufe) schon ungesäuerte Brote der Wahrheit und Lauterkeit sind. Das Fest ist in Gefahr, wenn die Gemeinde durch Wort oder Tat die Botschaft Jesu verdunkelt. Alles steht für das Fest bereit, wenn die Gemeinde als „Christus in der Welt gegenwärtig“ (Bonhoeffer) lebt, wenn sie tatsächlich Salz der Erde, Licht der Welt und Stadt auf dem Berge ist.[2]

(3) Sowohl das Pesachfest im Judentum als auch das Osterfest im Christentum nehmen eine hervorragende Stellung in der Liturgie ein. Das Pesachfest feiert die Befreiung und Herausführung aus der ägyptischen Sklavenhaltergesellschaft sowie die Hineinführung ins gelobte Land. Das Osterfest feiert die Erlösung/Befreiung des Menschen aus der Sklaverei und Fremdbestimmung durch die Sünde und die Ermöglichung des ewigen Lebens.

Der Mensch empfängt das Ostergeschenk Gottes in Jesus Christus - Erlösung und Ermöglichung des ewigen Lebens - durch die Taufe. Das Geschenk der Taufe enthält aber auch eine Aufgabe: Jesus durch Wort und konkrete Lebenspraxis glaubwürdig nachzufolgen.

Die Lesung erinnert uns, dass zur rechten Feier des Osterfestes die Erinnerung gehört, dass Gottes Geschenk der Auferweckung Jesus die verbindliche Nachfolge enthält: „Wie Christus das Osterlamm ist, so sollen wir das ungesäuerte Brot sein.“[3] Wir sollen Brot sein für das Leben der Welt.


[1] N. Baumert, Sorgen des Seelsorgers, 69.
[2] Was würde Paulus zum Kindesmissbrauch in der Katholischen Kirche sagen? Die Kirche entfernt sich vom Evangelium, wenn sie auf das Leben und Zeugnis in Lauterkeit und Wahrheit in den Gemeinden und Kirchenleitungen keinen Wert legt.
[3] N. Baumert, Sorgen des Seelsorgers, 69.


Karsamstag B     Röm 6,3-11

3 Wisst ihr denn nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind?[1] 4 Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben.

5 Wenn wir nämlich ihm gleich geworden sind in seinem Tod, dann werden wir mit ihm auch in seiner Auferstehung vereinigt sein.[2] 6 Wir wissen doch: Unser alter Mensch wurde mitgekreuzigt, damit der von der Sünde beherrschte Leib vernichtet werde und wir nicht Sklaven der Sünde bleiben. 7 Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. 8 Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.

9 Wir wissen, dass Christus, von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod hat keine Macht mehr über ihn. 10 Denn durch sein Sterben ist er ein für allemal gestorben für die Sünde, sein Leben aber lebt er für (durch) Gott. 11 So sollt auch ihr euch als Menschen begreifen, die für die Sünde (aufgrund der Sünde) tot sind, aber für (durch)[3] Gott leben in Christus Jesus.

 
 
(1) Der Apostel Paulus selbst ist ein gutes Beispiel für einen Herrschaftswechsel, der eine fundamentale Lebensneuorientierung zur Folge hat. Eine geheimnisvolle Begegnung führte zu einem neuen Denken und einem neuen Lebensstil. Charles de Foucauld führte ein anstößiges Leben, sodass sich seine Familie genötigt sah, ihn zu entmündigen. Obwohl er mit fünfzehn Jahren den Glauben verloren hatte, gloste ein Fünkchen Hoffnung: „Mein Gott, wenn es dich gibt, dann lass mich Dich erkennen.“ Nach dem geschenkten Herrschaftswechsel lebte er das Wort: „Herr Jesus, was willst du, dass ich tun soll?“ Viele Menschen, die ein verborgenes Leben führen, haben ebenso einen Herrschaftswechsel erlebt und mitvollzogen. Sie haben sich von den fremdbestimmenden Mächten befreit und Jesus Christus Herrschaft über sich gegeben.

(2) Offenbar wollten die Römer das Sündigen und die Erfahrung der Vergebung („felix culpa“ - glückliche Schuld) unter einen Hut bringen. Ist es für einen Getauften möglich, Jesus Christus nachzufolgen und einen heidnischen Lebensstil zu führen? Auf diese Frage antwortet der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer. Seine Antwort ist klar: Wer getauft ist, wer zu Jesus Christus und zu seinem Leib, der Kirche, gehört, der soll als „neuer Mensch“ leben. Unser „alter Mensch“ wurde vernichtet, damit wir frei von Sünde leben können. Wir sollen uns als Menschen begreifen, die durch die Sünde tot sind, aber durch Gott leben in Christus Jesus, als Menschen, die das Angebot des Herrschaftswechsels annehmen und mitvollziehen. Es ist also möglich, dass ein Mensch nicht mehr will, was die Menschen wollen, was er tun soll, sondern Gott und seinen Plänen folgt. Es ist möglich, dass ein Mensch neu geboren wird, ohne in den Mutterschoß zurückkehren zu müssen.

Paulus begründet seine Festlegung mit dem Taufverständnis der frühen Kirche. Er erklärt, wie der Übergang vom „alten“ zum „neuen Menschen“ geschieht. Paulus geht von der Adam-Christus-Parallele aus. Durch das Essen des Apfels vom verbotenen Baum hat Adam sich im Ungehorsam dem Willen Gottes verweigert und den Tod nach sich gezogen. Jesus hingegen hat im Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes die Schuld des Menschen, die durch Adam in die Welt gekommen ist, auf sich genommen und durch seinen Tod vernichtet und Leben über den Tod hinaus ermöglicht.

Wer sich entschied, sich taufen zu lassen, lernte, dass er auf Jesu Tod getauft wurde; dass der Tod Jesu ihn von seiner Schuld befreite, dass er aber auch mitgekreuzigt und mitbegraben wird. D.h. im Extremfall wird er in der Nachfolge Jesu sein Kreuz auf sich nehmen und Tode in vielfacher Gestalt erleiden müssen. Auf jeden Fall bedeutete es den Exodus (Auszug) aus vielen Vollzugsweisen der heidnischen Gesellschaft. Vieles, was Heiden erlaubt war (Tierhetzen, Gladiatorenkämpfe usw.), war Christen verboten. Einiges, wozu das römische Imperium verpflichtete, mussten Christen verweigern (Militärdienst, göttliche Verehrung des Kaisers usw.). Es gab eine umfangreiche Liste christlicher Verweigerungen. Für manche Christen bedeutete es auch den Ausschluss aus der Herkunftsfamilie. Christwerden bedeutete für viele Menschen Auszug, Ausschluss, Bedrohung und Lebensgefahr.

Aber kann man von Mangel, Verzicht und Angst leben? Was erklärt die Attraktivität der damaligen christlichen Gemeinden? Wer um Eingliederung in die christliche Gemeinde bat, der lernte, dass er nicht nur mit Christus begraben wird, sondern auch in seiner Auferstehung mit ihm vereinigt ist. Das erlebte er konkret in der neuen Familie Jesu, der neuen Gesellschaft (Kirche), in die er als Bruder oder Schwester aufgenommen wurde. Die Schwestern und Brüder im Glauben folgten dem Beispiel Jesu, der seinen Brüdern die Füße gewaschen hat und für seine Freunde gestorben ist. Ein solches Leben zu führen ist freilich nur möglich, wenn es in innigster Beziehung mit Jesus geführt wird.

Das bedeutete nicht, dass die Sünde in der christlichen Gemeinde ihre Macht völlig verloren hat. Ihrem engmaschigen Netzwerk kann sich auch die Kirche nicht entziehen. Die Sünde ist weiterhin in der Welt mächtig und der Getaufte kann jederzeit in den Unglauben zurückfallen und Jesus Christus verleugnen.

(3) „Wohl schon seit dem 2. Jahrhundert musste der Taufbewerber einen Bürgen vorweisen, der für die Ernsthaftigkeit seiner Umkehr einstand. Er hatte an einem dreijährigen Taufunterricht teilzunehmen, der sorgfältig in das jüdisch-christliche Unterscheidungswissen und in die Lebensform des Glaubens einführte. Die Alte Kirche ging mit größter Selbstverständlichkeit davon aus, dass das christliche Leben den Taufbewerbern nicht von selbst zufliegt, sondern erlernt werden muss. Sie gingen auch davon aus, dass das Böse mächtig ist und dass um jeden Fußbreit der Gottesherrschaft gekämpft werden muss.“[4]

Es schmerzt zu sehen, wozu die österreichischen röm. kath. Bischöfe die Taufe haben verkommen lassen. Zumal für den Empfang eines jeden Sakramentes der Glaube vorauszusetzen ist.

[1] 6,3-11 Dass der Getaufte «mit Christus gestorben» ist, bedeutet, dass er am Tod Jesu teilhat. Er erhält Anteil an dem durch den Tod Jesu bewirkten Heil, hat aber in der Nachfolge Jesu während seines irdischen Lebens das Kreuz auf sich zu nehmen.
[2] 6,5 ihm gleich geworden, wörtlich: mit ihm zusammengewachsen.
[3] Ich folge der Übersetzung von N. Baumert, Christus, 104
[4] G. Lohfink, Kirche, 261


Palmsonntag B           Phil 2,6-11

6 Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, 7 sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich.

Sein Leben war das eines Menschen; 8 er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.

9 Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, 10 damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu 11 und jeder Mund bekennt: "Jesus Christus ist der Herr" - zur Ehre Gottes, des Vaters.


(1) Der Philipperhymnus, den die heutige Lesung verkündet, ist einer der ältesten Versuche den gesamten Heilsweg Jesu Christi in den Blick zu nehmen. Er präsentiert den irdischen Weg Jesu keineswegs als Erfolgsgeschichte. Dem Augenschein nach handelt es sich um eine „Karriere nach unten“.

Heute wird bei der Palmsegnung der feierliche Einzug nach Jerusalem als Evangelium und in der Kirche die Passion Jesu verkündet. Triumph und Ohnmacht sind in der heutigen Liturgie einander gegenübergestellt. Abstieg und Erhöhung sind auch die entscheidenden Themen des Hymnus. Wie ist es möglich, dass Gott derart auf sein Gott-Sein verzichtet, bewusst den letzten Platz einnimmt und sich sogar kreuzigen lässt? Ist das nicht völliger Unsinn? Aber Unsinn ist noch lange nicht sinnlos.[1]

Wird der Christus-Hymnus im Zusammenhang des Philipperbriefes gelesen, dann wird klar, dass Paulus Jesu bewusst gewählte Selbsterniedrigung seinen Adressaten als Beispiel für ein erlöstes Miteinander der Brüder und Schwestern in den Gemeinden ans Herz legt: Wie Jesus sich erniedrigte, so sollen auch sie dem anderen den Vorzug geben, den anderen höher einschätzen als sich selbst.

Der Apostel selbst hat Jesu innere Haltung immer tiefer verstanden. Seit seiner Begegnung mit Jesus bei Damaskus ist er in die Schule Jesu gegangen und hat die Liebe begriffen, die Jesu Beziehung zum Vater und den Menschen erfüllte. Diese Liebe, die ihn bis zur Annahme des letzten Platzes und des Kreuzestodes führte. Paulus hat seine Ohnmacht, Hilflosigkeit und Schwachheit im Dienst seiner Sendung annehmen können, weil Jesus, der Sohn Gottes, es vorgelebt hatte.

(2) Im ersten Teil des Hymnus stellt Paulus dar wie sich der Messias – der zugleich Gott war, unter den Menschen verhielt. Vom Messias, dem irdischen Jesus, sagt Paulus, dass er sein gottgemäßes Auftreten in der Welt nicht ängstlich festgehalten, sondern auf dessen Gebrauch verzichtet hat. Dies stand vor allem bei den Versuchungen in der Wüste und im Garten Getsemani am Prüfstand. Jesus Christus hat in der Empfängnis Sklavengestalt ergriffen und wurde als wirklicher Mensch geboren. In der Sklavenexistenz hat er sich leer und frei gemacht durch Erniedrigung unter andere Menschen. Viele Christen waren in der Antike Sklaven ohne politisches Bürgerrecht. Sie waren zwar nicht völlig ohne Rechte, konnten aber ihre Rechte nicht einklagen. Als Mensch erniedrigte sich Jesus unter Menschen und ist den Tod eines Sklaven gestorben. In all dem hatte er sich der Führung Gottes überlassen.

Wo aber war Gott bei diesem Drama? Die Menschen haben Jesus dem schimpflichen Verbrechertod übergeben. Gott aber hat Jesus, der sich als Mensch selbst erniedrigt hat "über alle erhöht" und ihm den Namen Gottes gegeben und ihn verehrungswürdig gemacht. Im Auferstandenen wird der Mensch Jesus, der gottgleich ist, auf den Thron über alle Welt erhoben. Wenn Begegnung mit Jesus Christus seit seiner Erhöhung geschieht fallen alle personalen Wesen vor Christus auf die Knie und bekennen: "Jesus Christus ist der Herr."

(3) Für Paulus ist die innere Haltung und Bereitschaft den unteren Platz einzunehmen sehr wichtig.[2] Sie ist "in Christus Jesus" der Schlüssel zu einem erlösten Miteinander.[3] Allerdings muss der Mensch zuvor die Vergebung der eigenen Sünden durch Jesus Christus erfahren haben.[4] Nur die überwältigende Erfahrung als Sünder dennoch geliebt zu sein und seine Würde neu erlangt zu haben, öffnet ihm Herz und Verstand für die Einnahme des unteren Platzes. Nur aus der Erfahrung dieser geschenkten Freiheit ist die Haltung des Unterordnens lebbar. Diese neue Freiheit befähigt ihn, Gott als Gott anzuerkennen und den Menschen zu dienen. Sie bedeutet nicht, dass man sich anderen willenlos ausliefert. Paulus geht davon aus, dass man dem anderen hilft in ähnlicher Haltung zu antworten, indem man ihm wohlwollend und zuvorkommend begegnet.

Wir werden nicht aufgefordert uns bis in den Tod zu erniedrigen. Paulus sagt nicht: „’Habt Gesinnung wie Jesus“, sondern: „’Habt die Gesinnung, die einem In-Christus-Sein entspricht.’“[5] Paulus legt uns die Beziehung zu Jesus Christus ans Herz und das Handeln aus dem Hören auf das göttliche Herz.



[1] Den Sinn scheinbar unsinnigen Handelns hat kein anderer so meisterhaft in einer Erzählung vermittelt wie der dänische Religionsphilosoph Sören Kierkegaard: „Der König und das Bettelmädchen“
[2] Damit ist Paulus ganz in der Spur Jesu, der empfiehlt beim Gastmahl den untersten Platz einzunehmen, denn wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden; der beim letzten Abendmahl seinen Jüngern Sklavendienst verrichtet, indem er ihnen die Füße wäscht; der von sich sagt, dass er nicht gekommen sei, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen;
[3] N. Baumert, Trauen, 300
[4] Für Paulus war dies die Begegnung mit Jesus vor Damaskus.
[5] N. Baumert, Trauen, 293

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5. Sonntag in der Fastenzeit                                        Hebr 5,7-9

(5 So hat auch Christus sich nicht selbst die Würde eines Hohenpriesters verliehen, sondern der, der zu ihm gesprochen hat: Mein Sohn bist du. Heute habe ich dich gezeugt, 6 wie er auch an anderer Stelle sagt: Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks.)

7 Als er auf Erden lebte, hat er mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden.

8 Obwohl er der Sohn war, hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt; 9 zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden
(10 und wurde von Gott angeredet als «Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks»).

(1) Der Hebräerbrief hat eine Gemeinde vor Augen, die in eine kritische Situation der Gleichgültigkeit geschlittert und von Glaubensabfall bedroht ist. Er verkündet das Bekenntnis zu Jesus Christus, dem Hohenpriester und Sohn Gottes, dessen Menschwerdung ihn fähig machte, den Menschen ein erlösender Bruder zu sein.

(2) „Mit lautem Schreien und unter Tränen“, hat Jesus „Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte.“ Jesus hat mit den Zwölfen das Letzte Abendmahl gefeiert und ist mit ihnen anschließend in den Ölgarten gegangen. Die Knechte des Hohenpriesters sind bereits losgezogen, um ihn gefangen zu nehmen. Im Garten Gethsemane ringt er um die richtige Entscheidung. Er ahnt, was ihm bevorsteht. Er betet, weil er nicht sterben will. Noch einmal muss er sich mit der Versuchung auseinandersetzten als Sohn Gottes von seiner Allmacht Gebrauch zu machen, um am Leben zu bleiben. Die Entscheidung gegen die Versuchung besteht in der Wahl des Willens Gottes. Das bedeutet für Jesus, dass er die Sendung, mit der Gott ihn in die Welt gesandt hat, bis zum bitteren Ende erfüllt. Er weiß mit welcher Kompromisslosigkeit und Grausamkeit die Maschinerie der Macht und Gewalt über ihn hinwegrollen wird.

Auch die Versuchungen am Beginn der synoptischen Evangelien (Markus, Matthäus und Lukas) sind in diesem Sinne zu lesen. Allerdings nicht so, als hätte sich der Mensch Jesus aus Nazareth in den Versuchungen bewährt und sich als Belohnung den Sohnestitel erworben. Jesus hat als Sohn Gottes von der ihm zur Verfügung stehenden Allmacht nicht Gebrauch gemacht. Das hat damit zu tun, dass nur der Sohn Gottes die Welt erlösen konnte, aber nur als Mensch. Nur als Mensch war es ihm möglich, die Schuld der Mitmenschen auf sich zu nehmen und sie davon zu befreien.

Jesus, der Sohn „hat durch Leiden den Gehorsam gelernt." Wie im Deutschen, hat das Wort Gehorsam auch im Griechischen mit „Hören“ zu tun. In äußerster Lebensgefahr hat sich Jesus nicht allein der Angst überlassen, sondern die Beziehung mit dem Vater gesucht. Jesu, unter Tränen hinaufgeschrieene Gebete und Bitten sind erhört worden. Er konnte die Angst überwinden und schöpfte offensichtlich die Kraft, sich für den Willen Gottes und gegen Eigennutz und Eigenwillen zu entscheiden. So hat er, der Sohn Gottes „durch Leiden den Gehorsam gelernt“. Jesus hat im Gebet die Leiden, die ihm durch die Schuld der Menschen bevorstanden, aus der Hand Gottes entgegengenommen. Damit ist er seinem Auftrag, die Menschen zu erlösen und die Welt mit Gott zu versöhnen, treu geblieben.

Die Evangelien berichten öfters, dass Jesus vor wichtigen Entscheidungen und Handlungen die Beziehung mit dem Vater aufnahm und betete. Dass er aber auch ein Lernender war, betont kein anderer der biblischen Autoren. Dem Verfasser des Hebräer-Briefes lag offenbar am Herzen, gerade auch diesem Aspekt im Leben Jesu Wert beizumessen. Wenn Jesus gelernt hat, dann ist er gewachsen und gereift durch Einsicht und Erfahrung. So unterstreicht er einmal mehr das Menschsein Jesu. Das Menschsein ist die Voraussetzung für die Ausübung des Amtes des „Hohenpriesters nach der Ordnung des Melchisedek“.[1]

So besteht die Erhörung der Bitte Jesu „nicht in der Errettung vor dem Tode, sondern in der Auferstehung und Erhöhung – und damit in der Verwirklichung all des Heiles, um dessentwillen der Tod Jesu notwendig war, den er als Hoherpriester gestorben ist, um ein für allemal das Heil zu wirken (Hebr 7,27; 9,12; 10,10).“[2]


(3) Der Weg der Kirche ist der Weg der Nachfolge Jesu. Das ist die Botschaft an die von Gleichgültigkeit und Glaubensabfall bedrohten Mitglieder der Christengemeinden. Für diesen Weg rät uns die heutige Lesung, wie Jesus Hörende und Gehorsame zu sein. Das bedeutet, dass wir in den unterschiedlichsten Situationen unseres Lebens mit Gott in Beziehung treten und ehrlich fragen, was er will, dass wir tun sollen. Es bedeutet aber auch, dass wir in schmerzvollen Situationen unsere Angst und unseren Schmerz Gott zu Herzen schreien dürfen, um Unheil von uns abzuwenden oder Kraft empfangen, um Gottes Willen treu zu erfüllen.


[1] Hebr 4,14f: Da wir nun einen erhabenen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, laßt uns an dem Bekenntnis festhalten.15 Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat. Hebr 4,14 - 5,10: Jesus wird hier als Hoherpriester und sein Wirken als priesterlicher Dienst der Versöhnung beschrieben. Als alttestamentliches Vorbild wird der vorisraelitische Priesterkönig von Jerusalem, Melchisedek, genannt (vgl. Gen 14,17-20; Ps 110,4; Hebr 7,1-24).
[2] Thomas Söding, Gottessohn, 123


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4. Sonntag in der Fastenzeit                                        Eph 2,4-10

4 Gott aber, der voll Erbarmen ist, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus wieder lebendig gemacht. Aus Gnade seid ihr gerettet. 6 Er hat uns mit Christus Jesus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben.

7 Dadurch, dass er in Christus Jesus gütig an uns handelte, wollte er den kommenden Zeiten den überfließenden Reichtum seiner Gnade zeigen.

8 Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft - Gott hat es geschenkt -, 9 nicht aufgrund eurer Werke, damit keiner sich rühmen kann.

10 Seine Geschöpfe sind wir, in Christus Jesus dazu geschaffen, in unserem Leben die guten Werke zu tun, die Gott für uns im voraus bereitet hat.


(1) Paulus spricht in diesem Abschnitt des Briefes zu Christen, die so wie er einen jüdischen Hintergrund haben, die also mit der Tora aufgewachsen und mit jüdischem Denken vertraut sind. Im anschließenden Abschnitt wendet er sich dann ausdrücklich an Heidenchristen. Der Apostel erinnert die Judenchristen - er versteht sich als einer von ihnen - an die Sendung des Gottesvolkes Israel für die Völker. Diese hat bereits mit Abraham begonnen (Gen 12,1-3) und geht durch Jesus weiter, wobei sie, die angesprochenen Judenchristen, eine besondere Rolle anvertraut bekommen haben.

(2) Der Apostel weist auf die Grunddaten der Heilsgeschichte hin, auf Sünde und Tod und auf die Rettung durch Jesus Christus, die allen Menschen gilt. Aufgrund des göttlichen Heilsplanes ist Jesus Mensch geworden, um die Menschen in Israel und zusammen mit ihnen alle Menschen mit Gott zu versöhnen. Dafür wollte er Israel sammeln und für seine Sendung als Segensmittler für alle Völker neu an Gott ausrichten. Israel aber hat ihn abgelehnt und ans Kreuz geschlagen. Den, den sie getötet haben – zusammen mit den Gliedern seines Leibes, hat Gott aber mit neuem Leben erfüllt. Daher betont Paulus, dass Gott uns "in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus wieder lebendig gemacht" hat. Was Gott da gewirkt hat, das soll allen Menschen zu allen Zeiten zum Segen gereichen.

Wie Gott an Jesus und an allen Gliedern seines Leibes gehandelt hat - auf diese Feststellung legt Paulus großen Wert - ist ausschließlich souveränes Handeln Gottes und nicht etwa die Reaktion auf besonders frommes oder spektakuläres Handeln des Gottesvolkes: "Er hat uns mit Christus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben." Das Geschenk der Auferweckung und des Platzes im Himmel ist kein Geschenk in Ruhestellung, das erst nach unserem Tod aktuell wird. Es ist schon jetzt aktuell. Hier und heute dürfen wir dieses Geschenk annehmen. Damit kann ein Wechsel in unserem Denken erfolgen und unser Leben grundlegend ändern. Wenn wir "besser denken" wird auch unser Leben besser. Nicht mehr Sünde und Tod bestimmen unser Leben, weder die Urteile und Verurteilungen, die Menschen über uns gesprochen haben, die Stempel, die uns aufgedrückt wurden, noch die Fehler, die wir gemacht haben, die Verletzungen, die wir anderen zugefügt haben. Uns ist vergeben. Gott hat uns gerecht gemacht. Wir können immer wieder neu anfangen. Ich bin, weil ich von Gott beschenkt bin. Nicht, was andere über uns sagen, ist entscheidend, sondern, was Gott über uns sagt: Du bist gerettet und kostbar in meinen Augen.

Das, was Gott an Jesus und denen, die zu ihm gehören wirkt, ist aber kein exklusives Geschenk für einige Auserwählte: Gott wollte durch das gütige Handeln an uns - sagt Paulus - "den kommenden Zeiten den überfließenden Reichtum seiner Gnade zeigen." Sie, die angesprochenen Judenchristen und er, Paulus selbst, sind Zeugen für Gottes gnädiges Handeln in der Welt. Es braucht diese Zeugen, weil an ihnen Gottes Handeln sichtbar geworden ist. Sie sind ein bleibendes Zeichen für Gottes gnädiges Wirken für die Menschen kommender Zeiten.

Und noch einmal betont Paulus, dass die Rettung, Geschenk der Gnade Gottes ist. Nie und nimmer kann der Mensch sich durch eigene Vernunft retten. Nie und nimmer kann er durch irgendwelche Taten oder
Leistungen sich Heil und Rettung schaffen.

Heißt das, dass wir (die Judenchristen von Ephesus und wir) lediglich zuschauende Empfänger der Gnade Gottes sind? Ja und nein! Wir sind Empfänger und Zeugen! Zunächst braucht es unseren Glauben, unser vertrauendes Annehmen des verkündeten Handelns Gottes an Jesus Christus und des Zeugnisses der Apostel und Jünger und der christlichen Gemeinden damals und heute. Denn als Geschöpfe Gottes sind wir "in Christus Jesus dazu geschaffen in unserem Leben die guten Taten zu vollbringen, die Gott für uns im voraus bereitet hat." Was durch die Apostel und Jünger begonnen hat soll durch uns (Juden- und Heidenchristen) weitergehen. Es kommt also auch auf uns an: Als durch Christus Gerettete sollen wir Frucht bringen, gute Taten vollbringen. Die Annahme der Rettung durch Jesus Christus sollte uns zu einem erlösten und gelassenen Mit-teilen der erfahrenen Liebe Gottes führen. Diese Grundhaltung ist der Nährboden für die "guten Taten".

(3) Abraham und mit ihm Israel, sollten ein Segen für alle Völker sein. Diese Aufgabe hat das neutestamentliche Gottesvolk mitübernommen. An ihm soll Gottes gnädiges Heilhandeln an den Menschen aufscheinen und sichtbar werden. Die Aufgabe aus dem Geschenk der Rettung besteht im dankbaren, erlösten und gelassenen Teilen der empfangenen Heilsgaben des Retters und Erlösers.


3. Sonntag in der Fastenzeit                                  1 Kor 1,22-25
 
22 Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit.

23 Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, 24 für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.

25 Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen, und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen.



(1) Wenn Paulus mit schwerem Geschütz auffährt - und das ist die Rede vom Kreuz - dann geht es ihm um überzeugende Argumente in einem wichtigen Anliegen. Er wendet sich im vorliegenden Fall gegen Fehlentwicklungen in der Gemeinde von Korinth, die seiner Botschaft widersprechen.

Es gibt in der Gemeinde Spaltung durch Parteibildungen. Apollos hat mit gewandten Worten das Evangelium verkündet. Offenbar haben sich einige zusammengetan, die sich für seine Art der Verkündigung begeistert haben und eine Art Fan-Club gebildet. Das wiederum rief andere auf den Plan, die die Verkündigung des Apostels Paulus schätzten und sich als seine Fans "outeten". Wieder andere bekannten sich zur schlichten und einfachen Verkündigung des Petrus, den sie irgendwann und irgendwo gehört haben. Nicht die drei Verkündiger haben Jünger um sich gesammelt, sondern Gemeindemitglieder meinten, sie müssten öffentlich bezeugen, wer der Mann ihrer Wahl sei, wer ihren Vorstellungen und Wünschen entspricht. Für Paulus ist das Wichtigtuerei, eine unpassende Haltung angesichts des Gekreuzigten.

Die Wahl der "Fan-Club-Zugehörigkeit" erinnert mich an Susanna Tamaro’s Roman, "Geh, wohin dein Herz dich trägt", in dem sie leicht ironisch darauf hinweist, dass Hundehalter gerne solche Hunde wählen, die ausdrücken, wer sie gerne sein möchten. Ein edler, schlanker Windhund oder ein Red River senden eine andere Botschaft aus als ein "Straßenpotpourrie". "Ich bin also, womit ich mich umgebe", oder im Falle der Korinther, "Ich bin, wessen Fan ich bin". Für Paulus jedenfalls ist das Eitelkeit und Wichtigtuerei und steht im Widerspruch zu seiner Botschaft von der Nachfolge des Gekreuzigten.

(2) Paulus geht vom konkreten Problem der Parteiungen, Spaltung und Streitereien in der Gemeinde aus -und führt zum Zentrum seines Anliegens: eine solche eitle und wichtigtuerische Haltung ist angesichts des Gekreuzigten unangemessen. Der Völkerapostel bedient sich bei seiner theologischen Argumentation des Begriffs der Weisheit, wobei er zwischen der Weisheit der Menschen und der Weisheit Gottes unterscheidet.

Die negativ verstandene Weisheit der Weisen ist jene Weisheit, die sich von Gott abgekoppelt hat. Es ist eine menschliche Weisheit, die sich selbst genügt und meint auf Jesus Christus, dem Angebot Gottes, verzichten zu können. Es ist die Weisheit derer, die zu wissen meinen, wie Gott sich verhält und sich zu verhalten habe. Es ist die Weisheit derer, die sich nicht vom Wort Gottes kritisieren lassen, sondern das Wort Gottes kritisieren. Es ist die anmaßende Weisheit derer, die Gott vor ihr Gericht zerren und genau zu wissen vorgeben, wie er handelt und zu handeln hat.

Weil sich Gott aber nicht an der Weisheit und den Wünschen der Menschen orientiert, sondern es zulässt, dass sein Sohn am Kreuz stirbt, ist das für viele "ein empörendes Ärgernis" und eine "Torheit". Menschliche Weisheit würde dem niemals zustimmen. Aber für die "Berufenen", die den Weg der Rettung durch den Gekreuzigten und Auferstandenen annehmen, "ist Christus Gottes Kraft und Weisheit". Sie verstehen, dass darin eine größere Kraft und Weisheit liegt, als in bloß menschlicher Weisheit. Sie glauben, dass Gott in seiner Liebe diesen Weg gewählt hat, um den Menschen mit sich zu versöhnen und ihn zur Umkehr zu bewegen. Dieser Weg Gottes berücksichtigt die menschliche Freiheit.

Paulus will aber weder die zeichenfordernden Juden noch die weisheitsverliebten Griechen abschreiben. Er will möglichst viele retten. Er zeigt daher, wohin der Weg führt, der auf menschliche Weisheit und Kraft setzt und Gott dabei ignoriert. Er zeigt aber auch den anderen Weg, der die Freiheit Gottes respektiert und lädt zum Gehen auf Gottes Weg der Errettung durch Jesus Christus ein. "Berufene" haben sich auf diesen Weg eingelassen, aber dessen Ziel noch nicht erreicht. Da sie aber auf diesem Weg unterwegs sind, gibt ihnen Gott das innere Verstehen und die Erfahrung seiner "Kraft".

(3) Paulus hat den Unsinn des Personenkultes in der christlichen Gemeinde aufgezeigt. Er wollte den Korinther „Fans“ klar machen, dass das Gerangel um das eine oder andere Idol ein dummes Unterfangen ist und sie rein menschlich und irdisch denken. Der Apostel will "jene Grundhaltung (von Gescheiten und Einfachen) aufdecken und Zurückweisen, die sich nicht an Gottes Wegen misst, sondern rein menschliches, unerleuchtetes Denken zum Maßstab macht."[1] Nachfolge ist etwas anderes als Fan von irgendjemand oder irgendeinem Club zu sein.
 
[1] N. Baumert, Sorgen des Seelsorgers, 28

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2. Sonntag in der Fastenzeit                                    Röm 8,31b-34

31b Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? 32 Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben - wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?

33 Wer kann die Auserwählten Gottes anklagen? Gott ist es, der gerecht macht. 34 Wer kann sie verurteilen? Christus Jesus, der gestorben ist, mehr noch: der auferweckt worden ist, sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein. (35 Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert?

36 In der Schrift steht: Um deinetwillen sind wir den ganzen Tag dem Tod ausgesetzt; wir werden behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat. 37 Doch all das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat.

38 Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten 39 der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.)

(1) Die Empfänger des Römerbriefes beschäftigte die Frage, ob ihre Entbehrungen, Leiden, Ängste und Unsicherheiten einen Sinn haben und ob sie vor Gott überhaupt im Recht sind? Sind vielleicht die anderen im Recht, die sie verfolgen und ihnen Verrat am Gemeinwesen vorwerfen?

(2) In der heutigen, kurzen Lesung teilt uns Paulus mit, wie gerecht gemachte, in Gemeinschaft mit Gott leben können. Er argumentiert vor dem Hintergrund eines fiktiven Prozesses, bei dem Gott die Rolle des Richters und Jesus die Rolle des Anwalts innehat. Der Ankläger ist derjenige, der hinter den Bedrängnissen steht.

Der Apostel beginnt mit der Frage: „Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?“ Wenn Gott für uns ist, dann ist alles klar. Aber ist er das tatsächlich? Paulus argumentiert: „Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben“. Abraham hat sich mit seinem Sohn, ganz Gott hingegeben, war bereit den langersehnten Sohn zu opfern. Gott hat vom Opfer seines Sohnes Isaak Abstand genommen. Mit seinem Sohn aber hat sich Gott selbst ganz hergegeben. Das „Nicht-Opfer“-Isaaks zeigt die Größe des Opfers Gottes. Die unfassbare Gabe Gottes zeigt auch, dass Gott eindeutig auf der Seite der Menschen steht. Was könnte da Gott den Menschen noch vorenthalten, welche Verheißung nicht erfüllen? Da muss wohl jede Anklage der Gegner ins Leere gehen.

Anschließend charakterisiert Paulus sowohl Gott, als auch Jesus Christus und schließt jeweils eine Frage an: „Gott ist es, der gerecht macht. Wer kann sie verurteilen? Christus Jesus, der gestorben ist, mehr noch: der auferweckt worden ist, sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein. Was kann uns scheiden von der Liebe Christi?“ Damit sagt der Völkerapostel, dass denjenigen, den Gott gerecht gemacht hat, kein anderer mehr verurteilen kann. Gott ist die höchste Instanz. Wenn Jesus Christus für uns gestorben und auferstanden ist, dann ist seine Liebe erwiesen. Niemand kann ihn abhalten uns zu lieben. Jedenfalls nicht der Kläger, gegen den Jesus als unser Anwalt auftritt. Jesus, unser Anwalt, tritt logischerweise nicht gegen den Richter, also gegen Gott, auf, sondern gegen den Ankläger. Der Name des Anklägers wird nicht ausdrücklich genannt. Er ist derjenige, der hinter „Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert“ steht.

Auf die von ihm gestellte Frage: „Was kann uns scheiden von der Liebe Christi?“, antwortet Paulus: Nichts kann „uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ Gottes Liebe ist stärker als jede Macht, die uns von Gott abbringen möchte. Dennoch dürfen wir nicht vergessen, dass wir Menschen die Liebe Gottes, seine Hilfe und seinen Schutz zulassen und annehmen müssen. Es geschieht niemals ohne unsere Einwilligung.

(3) Paulus ist auf die Leidens-Situation der Gläubigen, besonders der Verkündiger des Evangeliums eingegangen. Die Überwindung dieser Widrigkeiten geschehen im hier und jetzt. Es ist Gottes Antwort auf ihr tägliches Sterben. Der Apostel macht ihnen klar, dass die Erfahrung der Liebe Gottes in allen Verfolgungen dasjenige ist, was sie durchträgt.

Mit diesem letzten, ermutigenden Abschnitt der Kapitel 5-8 appelliert Paulus an die Römer, dass sie inmitten aller Bedrängnis als von Gott Gerechtgemachte in Gemeinschaft mit Gott bleiben und mit ihm Frieden halten mögen.


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1. Sonntag in der Fastenzeit 1 Petr 3,18-22

18 Denn auch Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, er, der Gerechte, für die Ungerechten, um euch zu Gott hinzuführen; dem Fleisch nach wurde er getötet, dem Geist nach lebendig gemacht.[1] 19 So ist er auch zu den Geistern gegangen, die im Gefängnis waren, und hat ihnen gepredigt.[2]

20 Diese waren einst ungehorsam, als Gott in den Tagen Noachs geduldig wartete, während die Arche gebaut wurde; in ihr wurden nur wenige, nämlich acht Menschen, durch das Wasser gerettet.

21 Dem entspricht die Taufe, die jetzt euch rettet. Sie dient nicht dazu, den Körper von Schmutz zu reinigen, sondern sie ist eine Bitte an Gott um ein reines Gewissen aufgrund der Auferstehung Jesu Christi, 22 der in den Himmel gegangen ist; dort ist er zur Rechten Gottes, und Engel, Gewalten und Mächte sind ihm unterworfen.



(1) Der Verfasser des Briefes ermutigt seine Leser und Hörer im 3. Kapitel zum "rechten Verhalten in der Welt". Er ist überzeugt, dass ihnen niemand Böses zufügen werde, wenn sie sich um das Gute mühen. Sollten sie aber um der Gerechtigkeit Willen leiden müssen, dann seien sie erst recht selig zu preisen. Es komme vor allem darauf an, Jesus im eigenen Herzen heilig zu halten. Er schließt eine Empfehlung an, die die Christen aller Generationen beherzigen sollen: "Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen." Die Gegner werden sich dann ihrer Verleumdungen wegen schämen. "Es ist besser, für gute Taten zu leiden, wenn es Gottes Wille ist, als für böse."

(2) Jesus hat Leiden und den Tod auf sich genommen, um Gottes Willen, der auf die Erlösung der Menschen zielte, zu erfüllen. Er ist der Sünden wegen gestorben; nicht nur wegen der Sünden seiner Zeitgenossen, wegen der seiner feigen Jünger, des Verrates durch Judas, des wankelmütigen Politikers Pilatus, der um ihres Einflusses besorgten Hohen Rates und der Hohen Priester, wegen der Sünde auch des Mob, der ihm gerade noch zujubelte und dann seinen Tod forderte und die Freilassung eines Mörders.

Jesus ist auch für unsere Sünden - das heißt - auch für meine, gestorben. So wie er Zeit seines irdischen Wirkens "Mensch für andere" war, so ist er der "Gerechte" für die "Ungerechten" gestorben. Durch den Tod, den er für unsere Sünden gestorben ist, hat er uns zu Gott geführt. Die trennende Schranke, die die Sünden der Menschen, zwischen Gott und sich aufgerichtet haben, hat Jesus durch seinen Tod niedergerissen. Er hat den tiefen Graben, den die Schuld der Menschen verursacht hat durch seinen Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes, eingeebnet. Er hat uns mit Gott versöhnt.

Sein Tod bedeutete zwar das Ende seiner irdischen Existenz als Mensch. Das heißt aber keinesfalls, dass er der Welt und den Menschen fortan fern sei. Er wurde dem Geiste nach lebendig gemacht und ist ihnen in seiner geistigen Existenz nahe, so dass der Christ, seinen Herrn und Retter in lebendiger Beziehung "heilig halten" kann.

Die Rettung, die Jesus durch seinen Tod bewirkte, gilt aber nicht nur seinen Zeitgenossen und späteren Generationen, es betrifft auch Menschen, die in der Vergangenheit gelebt haben, sodass die Rettung, die Jesus für die Menschen erwirkte, umfassend ist. Sie gilt auch denen, die sich Gott in den Zeiten des Noach verweigert hatten.

Dem Angebot der Rettung, das Jesus den Ungehorsamen der Noach-Generation verkündete, entspricht die Wasser-Taufe. Sie bedeutet nicht das Reinigen des Körpers von äußerem Schmutz, was das Untertauchen im Wasser vermuten ließe, sondern "ist eine Bitte an Gott um ein reines Gewissen". Die Taufe befreit das Gewissen von allem, was es belastet, von Schuld und Sünde. Jesus hat durch seinen Tod und seine Auferstehung den Menschen von seiner Schuld befreit und gerettet. Die Frucht des Todes Jesu wegen der Sünden, unsere Rettung, erreicht uns heute durch die Taufe. Wir müssen sie annehmen und aus ihrer Gnade zu leben versuchen.

(3) Beim Sakrament der Taufe erinnert das Übergießen des Täuflings mit Wasser an das Untertauchen und wieder Auftauchen im Taufbecken früherer Zeiten und bedeutet: Mit Christus Jesus gestorben und zu unzerstörbarer Gemeinschaft mit ihm auferstanden sein. Freilich setzt der Empfang des Taufsakramentes, wie jedes andere Sakrament, den Glauben voraus, also die bewusste, gläubige Entscheidung für die Taufe. Ob sich da die Kirche mit ihrer heutigen Praxis nicht selbst belügt?

[1] 3,18.22 Erneut wird urchristliche Bekenntnisüberlieferung zitiert (vgl. 1,18-21; 2,22-25).
[2] 3,19-20 Die Überlieferung, dass Christus in das Reich des Todes hinabgestiegen sei und dort gepredigt habe, erscheint im Neuen Testament nur hier.


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6. Sonntag im Jahreskreis 1 Kor 10,31-11,1
 
31 Ob ihr also esst oder trinkt oder etwas anderes tut: tut alles zur Verherrlichung Gottes! 32 Gebt weder Juden noch Griechen, noch der Kirche Gottes Anlass zu einem Vorwurf!

33 Auch ich suche allen in allem entgegenzukommen; ich suche nicht meinen Nutzen, sondern den Nutzen aller, damit sie gerettet werden.

1 Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme.

(1) „Gebt weder Juden noch Griechen, noch der Kirche Gottes Anlass zu einem Vorwurf!“ Sollen Christen zum Kuschen erzogen werden, zu Duckmäusern und Konformisten? Passt das zu Paulus? Und steht das nicht in krassem Gegensatz zum Leben Jesu?

Jesus hat negative Entwicklungen in seiner jüdischen Tradition scharf kritisiert, nicht zuletzt durch Gleichnisse wie dem vom barmherzigen Samariter, durch den Hinweis auf ein falsches Verständnis der Reinheitsvorschriften etc. Jesus hat bei seiner Verkündigung nie auf das Ansehen der Person geschaut und hat Gott mehr gehorcht als Menschen. Er hatte keine Angst Zöllner und Aussätzige zu berühren und war in vielen Dingen zu einem Stein des Anstoßes geworden. Sein unangepasstes Verhalten hat ihn schließlich ans Kreuz gebracht. Wer ihm nachfolgen will, der muss sein Kreuz auf sich nehmen.

(2) Was will der Apostel Paulus, der gewiss kein Duckmäuser war, seinen Lesern sagen? Wir müssen wieder auf den Kontext schauen, um die Lesung zu verstehen. In den Versen 1-22 dieses Kapitels warnt Paulus vor Götzendienst. Ab Vers 23 setzt er sich wieder mit der Frage des Essens von Götzenopferfleisch auseinander und formuliert einen Grundsatz: Wenn jemand im Glauben erkannt hat, was auch Paulus vertritt, dass das Essen von Fleisch, das von Tieren stammt, die zu ehren von Götzen geschlachtet wurden, dann ist das kein Verstoß gegen die Taufgnade, denn die Götzen sind nichts!

Nun kann es aber geschehen, dass ein Christ bei einem Nichtchristen zum Essen eingeladen ist und Götzenopferfleisch serviert bekommt. Ein Glaubensbruder sieht es und nimmt Anstoß daran. Vielleicht wundert sich auch der Gastgeber. Paulus empfiehlt nun nicht, dass der Götzenopferfleisch-Essende in lange Erklärungen mit dem verunsicherten Bruder eintritt, sondern auf das Essen verzichtet, um den Bruder nicht in noch größere Gewissensnöte zu stürzen.

Trotz Rücksichtnahme auf das Gewissen des Nächsten, soll der Christ dennoch an seiner Weite festhalten, die er durch Christus gewonnen hat (V 26). Er weiß aber auch, dass nicht jeder sein Verhalten aufgrund seines Gewissens versteht, und darum unterscheidet er, wo er es tun kann, und wo nicht. Er muss sich auch bewusst sein, dass die Anwendung dieses Grundsatzes große innere Lauterkeit voraussetzt, denn unter dem Deckmantel des Gewissens können leicht eigene Wünsche und eigenes Begehren zur eigenen Norm gemacht werden.

Dass das, bei Paulus gerade nicht der Fall ist, geht aus anschließender Erklärung hervor: „Auch ich suche allen in allem entgegenzukommen; ich suche nicht meinen Nutzen, sondern den Nutzen aller, damit sie gerettet werden.“ Paulus widersteht der Versuchung seine Wünsche und sein Begehren zum Maß seines Handelns zu machen, weil er nicht seinem Nutzen, sondern der Rettung der Menschen dient. Damit verherrlicht er Gott. In seiner Sendung als Völkerapostel führt er wie sein Herr eine „Pro-Existenz“, eine „Existenz für (andere)“, um sie zu retten. Paulus versucht auf die Menschen einzugehen, sie ernst zu nehmen, ihnen entgegenzukommen, bevor er selbst mit seiner Botschaft verstanden und angenommen werden möchte.

Beim Aufruf: “tut alles zur Verherrlichung Gottes!“ mahnt Paulus darauf zu achten, ob bei dem, was ich tue, Gottes Herrlichkeit aufleuchtet, ob Frieden über meinem Handeln liegt, ob es unnötige Provokationen vermeidet.

(3) Damit der Christ bei seinem Handeln in der Spur Jesu bleibt und vom Weg der Nachfolge nicht abweicht, bietet der Apostel eine Hilfe an: „Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme.“ Er schlägt vor zusammen mit ihm Jesus nachzuahmen.

Die Nachahmung Gottes schränkt den Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf, nicht ein, sondern hebt ihn hervor: Gott ist es, der die Maßstäbe menschlichen Handelns setzt. Jesus Christus ist als Mittler des Heils einzig, in der Art aber, wie er auf Gott und die Menschen sieht, wie er betet und hilft, wie er sich für Gerechtigkeit einsetzt und Barmherzigkeit übt, ist er vorbildlich. Unsere Schwächen und Fehler werden uns zwar immer behindern, dennoch können wir uns an Jesus Christus orientieren.

Wir sind in jeder Situation eingeladen zu fragen: Was hat Jesus Christus in meiner Situation getan? Was würde er wohl in meiner Situation tun? Was würde Paulus in dieser Situation tun?

Ein bewusstes, geistliches Leben wird ohne geistliche Prüfung und Korrektur, die sich am Vorbild Jesu orientiert, nicht auskommen.

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5. Sonntag im Jahreskreis 1 Kor 9,16-19.22-23

16 Wenn ich nämlich das Evangelium verkünde, kann ich mich deswegen nicht rühmen; denn ein Zwang liegt auf mir. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde! 17 Wäre es mein freier Entschluss, so erhielte ich Lohn. Wenn es mir aber nicht freisteht, so ist es ein Auftrag, der mir anvertraut wurde.

18 Was ist nun mein Lohn? Dass ich das Evangelium unentgeltlich verkünde und so auf mein Recht verzichte.

19 Da ich also von niemand abhängig war, habe ich mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele zu gewinnen... 22 Den Schwachen wurde ich ein Schwacher, um die Schwachen zu gewinnen. Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten.

23 Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an seiner Verheißung teilzuhaben.



(1) „Was ist nun mein Lohn? Dass ich das Evangelium unentgeltlich verkünde und so auf mein Recht verzichte.“ Paulus betont im Brief an die Korinther, dass er auf ein Recht verzichtet und zwar aus guten Gründen. Es ist aber gar nicht das einzige Recht, von dem er nicht Gebrauch macht. Es wäre ihm auch zugestanden, dass eine Schwester ihn als Frau auf seinen Missionsreisen begleitet. Worauf will Paulus mit dem Hinweis auf seinen Verzicht auf bestimmte Rechte hinaus?

In Korinth gibt es Gemeindemitglieder, die von der christlichen Freiheit Götzenopferfleisch zu essen bedenkenlos Gebrauch machen. Paulus gibt ihnen sogar Recht, dass sie damit Gott nicht beleidigen. Er mahnt sie aber, dass sie Mitchristen und Mitchristinnen mit schwachem Gewissen verwirren. Denn jene vermuten, dass dabei Götzendienst betrieben wird. Paulus gibt den „Fortschrittlichen“ der Gemeinde zu denken, ob das Pochen auf ein Recht sinnvoll ist, wenn dies zu einer Verunsicherung im Glauben bei den Brüdern und Schwestern in der Gemeinde führt.

(2) Um seinem Anliegen Gewicht zu verleihen, weist er auf einen Konflikt hin, der zwischen ihm und den Korinthern ausgetragen werden musste. Aus irgendeinem Grund – war es Neid gegenüber den Philippern, bei denen Paulus „Unterhalt“ angenommen hatte, oder weil er sich dem Einfluss der Korinther durch Nichtannahme der Versorgung entzog, oder beidem – haben die Korinther bemängelt, dass er gegen die „apostolische Unterhaltsregelung“ verstoße. Der Vorwurf lautete: Nichtannahme der ihm zustehenden Versorgung. Paulus entfaltet im Brief nochmals, weshalb er sich niemals von Menschen für seine Verkündigungstätigkeit entschädigen lässt.

Der Apostel betont, dass seine Verkündigung kein Ruhmesblatt und nicht sein Verdienst sei. Es ist nicht er selbst, der aufopfernd und selbstvergessen agiert und viele Widrigkeiten in Kauf nimmt. Es ist eine innere Notwendigkeit, die ihn zu missionarischen Ausnahmeleistungen motiviert. Das hat wohl mit seiner Begegnung mit dem Herrn vor Damaskus und seiner Berufung zum Völkerapostel zu tun. Er verspürt, dass der Herr selbst es ist, der durch ihn wirkt und den Takt vorgibt. Er würde wohl krank werden, folgte er nicht diesem Takt.

So fragt er mit einer Brise Ironie: „Was ist nun mein Lohn?“ Paulus weiß genau, dass es bei seinem missionarischen Handeln nicht um Lohn, sondern um Dankbarkeit für die vom Herrn geschenkte Beziehung und Sendung geht. Es geht ihm nicht um Lohn aus einem Brotberuf - den hat er ohnehin als Zeltmacher, sondern um Dankbarkeit dafür, Werkzeug Gottes sein zu dürfen. Darum verkündet er unentgeltlich das Evangelium und verzichtet auf sein Recht auf Unterhalt durch die Gemeinde.

Damit bleibt er in der Spur seines Herrn. Jesus hat seinen Jüngern aufgetragen, ohne irgendwelche Sicherheiten – außer dem Vertrauen auf die Vorsehung Gottes - zu verkündigen. Sie hofften auf die Gastfreundschaft von Sympathisanten, die sie freilich nicht ausnützen sollten. Darum lehrte sie Jesus auch zu beten: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Paulus legt Wert darauf, auch gegenüber den Ansprüchen der Gemeinde frei zu sein. Allein dem Herrn gegenüber weiß er sich verpflichtet.

Weil Paulus frei und unabhängig ist, kann er sich zum Sklaven machen, um möglichst viele für Christus zu gewinnen. Er fühlte sich frei, jedem Menschen so zu begegnen wie es ihm seine Christusbeziehung vorgab und nicht etwa die Vorsteher einer Gemeinde, die ihm vorschrieb, wen er keinesfalls aufsuchen dürfe.

„Allen bin ich alles geworden“ konfrontiert uns mit dem Missionierungs-Grundsatz des Apostels. Paulus redet nicht etwa den Leuten nach dem Mund und betreibt „Liebdienerei“. Er passt nicht die Wahrheit den Menschen an, sondern vielmehr sich. Das heißt, dass er nicht mit der Tür ins Haus fällt, sondern dass er zunächst den Menschen zuhört, um gehört zu werden, dass er zuerst sich bemüht zu verstehen, um dann verstanden zu werden. So geht Paulus bei der Tür der Menschen hinein und bei der eigenen heraus.[1] Das hat natürlich zu tun mit Anteilnehmen am Leben der Menschen. So geht der Völkerapostel vor, um Menschen zu retten.

(3) Paulus will „Evangeliums-Gefährte“ sein.[2] Er will anderen Menschen auf dem Weg des Evangeliums Gefährte sein. Auch wir könnten das sein!
 
[1] Das ist ein Vorgehen, das auch der hl. Ignatius von Loyola – wohl im Anschluss an Paulus - empfohlen hat.
[2] N. Baumert, Sorgen, 132, übersetzt Vers 23 so: „Immer handle ich veranlasst durch das Evangelium, damit ich (ihnen) Gefährte darin sei.“

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4. Sonntag im Jahreskreis 1 Kor 7,32-35

32 Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. 33 Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. 34 So ist er geteilt.

Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen.

35 Das sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr in rechter Weise und ungestört immer dem Herrn dienen könnt.



(1) Ich erinnere mich gut an einen Wochenbeginn in der Sommeraushilfe in der Pfarrgemeinde Batschuns in Vorarlberg. Am Abend feierte ich mit einem Teil der Gemeinde die Sonntagsvorabendmesse, Sonntag vormittags zunächst die Gemeindemesse, anschließend eine Familienmesse mit einer Feriengruppe auf einer Alm, am Nachmittag fand eine Taufe statt und abends das Wachtgebet für den verstorbenen, pensionierten Direktor der Volksschule.

Anschließend spürte ich das starke Bedürfnis mit jemandem meine Erfahrungen dieses Tages auszutauschen. Ich kannte auch schon einige Personen des Ortes gut genug, um mit ihnen sprechen zu können. Da war aber auch der Impuls: Das ist genau diese Situation, von der du in der Ausbildung gehört hast. Du kannst jetzt zu vertrauten Menschen gehen und mit ihnen reden - du kannst aber auch auf dein Zimmer gehen und mit Gott reden. So bin ich denn heimgegangen und habe das, was mein Herz und meine Phantasie bewegte, dem Herrn vorgelegt und versucht auf ihn zu hören. Damals ist mir existentiell bewusst geworden, dass der tiefste Sinn meiner Ehelosigkeit das Gebet, die Beziehung mit dem Herrn ist. Diese Erfahrung trägt mich immer noch.

(2) „Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen.“ Die an diesen Vers anschließende Feststellung: „So ist er geteilt.“, besagt freilich nicht, dass der (oder die) Verheiratete zwischen Christus und der Welt einerseits und der Frau (dem Mann) andererseits geteilt sei und deshalb dem Herrn nicht mehr ungeteilt dienen könne.

Entscheidend ist, dass jeder Mensch, den Jesus Christus gerufen hat, seine Gnaden-Gabe und als Aufgabe daraus, den ihm vor- und aufgegebenen Weg ungeteilter Nachfolge, ob in der Ehe oder Ehelosigkeit, erkennt, annimmt und geht. Wer Gottes Ruf hört, entweder zur Ehe oder zur Ehelosigkeit, und vor Gott die eine und andere Option überlegt, für den ist das, wozu Gott ihn einlädt, die Ehe oder Ehelosigkeit, das Vollkommenere, sein Weg der Vollkommenheit.

Wem es gelingt die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen glaubwürdig in der Welt zu leben, der ist der lebendige Beweis, dass Jesus Christus die tiefste Erfüllung jedes Menschen ist. Er will aufgrund der Art seiner Christus-Beziehung in seiner tiefsten personalen Beziehung mit Christus allein leben. Seine Liebesfähigkeit ist von Christus angesprochen und erfüllt.[1] Andere Menschen erkennen von ihrer Christus-Beziehung her, wie er sie auf einen Partner verweist. Sie sind eingeladen in der Weise der ehelichen Liebe, ihre Ganzhingabe an Gott zeichenhaft zum Ausdruck zu bringen.

Man kann nach Paulus allerdings nicht sagen, dass die Ehelosigkeit der vollkommenere Stand sei und Eheleute Christen zweiter Klasse wären. Beide Lebensformen, sowohl die Ehe, als auch die Ehelosigkeit, sind offen auf die ungeteilte Lebenshingabe hin. In diesem Sinne sagt auch das II. Vatikanum, dass jeder Christ zur Vollkommenheit berufen ist (Lumen Gentium). Er muss sie also auch im Ehestand leben können.

(3) Wie kann ein Mensch erkennen, welche Lebensform die richtige für ihn ist? Auf alle Fälle muss die Entscheidung, ob zur Ehe oder Ehelosigkeit, von Gott ausgehen. Der erste Schritt besteht darin, sein Leben in vollem Vertrauen in Gottes Hände zu legen. Die Ganzhingabe ist die Voraussetzung dafür, um herauszufinden, auf welchem Weg der einzelne seine ungeteilte Hingabe leben soll, in der Ehe oder in der Ehelosigkeit. Die Frage an den Herrn lautet: „Auf welchem Weg willst Du von mir, dass ich Dir diene?“ Das Hauptmotiv für die Ehelosigkeit muss der Wunsch sein, dem Herrn gefallen zu wollen. Der Verzicht auf eine menschliche Partnerbeziehung ist nur durch eine Du-Beziehung zum Herrn lebbar, in die auch die sexuelle Anlage integriert ist. Wer sagt, er lebe ehelos, um für den Dienst frei zu sein, der verzweckt den Bereich personaler Beziehung.

„Wenn ein Mensch sich so in seinem Innersten von Gott angenommen und geliebt weiß, erwächst ihm aus dieser Begegnung mit dem ‚Du’ Gottes mehr und mehr die Kraft, von da her seine eheliche Hingabe zu gestalten oder gegebenenfalls, im zeitweiligen oder ständigen Verzicht auf die menschliche Erfüllung, sich Gott zu schenken, ohne verbittert zu werden.“[2]

[1] Besonders schlimm ist es, wenn bei Männer und Frauen in kirchlichen Leitungsämtern die Liebe zu Christus erkaltet.
[2] N. Baumert, Sorgen, 113

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3. Sonntag im Jahreskreis 1 Kor 7,29-31


27 Bist du an eine Frau gebunden, suche dich nicht zu lösen; bist du ohne Frau, dann suche keine.

28 Heiratest du aber, so sündigst du nicht; und heiratet eine Jungfrau, sündigt auch sie nicht. Freilich werden solche Leute irdischen Nöten nicht entgehen; ich aber möchte sie euch ersparen.


29 Denn ich sage euch, Brüder: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine,
30 wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer,

31 wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht.

32 Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen.



(1) Der Abschnitt dem die heutige Lesung entnommen ist trägt in der Einheitsübersetzung die Überschrift: „Ehe und Jungfräulichkeit“. Sie trifft aber nicht den Kern, denn über „die christliche Ehe“ und über die „Ehescheidung“ hat Paulus bereits in der ersten Hälfte dieses Kapitels gesprochen.

In diesem Abschnitt, der mit „Ehe und Jungfräulichkeit“ überschrieben ist, geht Paulus auf die Fragen ein, die die Verantwortlichen der Christen-Gemeinde in Korinth an ihn gerichtet haben. Junge Männer waren Christen geworden und wollten entschlossen ihre Christusbeziehung in ungeteilter Hingabe ehelos leben. Ihrem Vorhaben stand freilich ein Hindernis im Wege: Sie waren offiziell verlobt. Die Verlobung hatte damals einen höheren rechtlichen Stellenwert als heute bei uns. Wie sollten sie mit diesem Problem umgehen? Sie wandten sich an die Verantwortlichen der Gemeinde. Die sahen sich nicht befugt diese schwierige Frage zu beantworten und fragten den „Vertrauensmann“ Gottes um Rat.

Die Antwort des Apostels ist erstaunlich: Er rät, die Verlobung nicht aufzulösen, sondern vielmehr ehelos die Beziehung zu leben unter der Voraussetzung, dass die Braut einverstanden ist. Es gibt nicht nur keinen Grund, die Realität dieser Anfrage an den Apostel anzuzweifeln, sondern auch das Institut der „Josefsehe“[1] ab dem 2. Jahrhundert spricht für die reale Existenz dieser Fälle. Offenbar ist aber auch der Fall eingetreten, dass ein solches „Paar“ dann doch den Wunsch verspürte zu heiraten. Paulus betont, dass, wenn sie heiraten, es keineswegs eine Sünde sei. Es sei möglich und auch gut. Wer die Verlobung bereits aufgelöst hat oder soll sie nicht wieder aufnehmen.

Allerdings weist Paulus auf die Begleitumstände hin, die die neue Situation des „Verheiratetseins“ mit sich bringt: Es wird für sie als Ehepaar schwieriger sein, sowohl die Beziehung zu Jesus Christus und die Beziehung zum Partner als auch den Ansprüchen der Welt gerecht zu werden, miteinander zu vereinbaren. Den Kummer und die Sorgen, die diese vielfältige Inanspruchnahme mit sich bringt, hätte Paulus ihnen gerne erspart. Das aber kann er nicht. Immerhin bietet er ihnen Hilfe an, um mit dieser Herausforderung umzugehen.

(2) Ob sie nämlich in gegenseitiger Übereinstimmung ehelos als Verlobte leben oder als Verheiratete die Ehe vollziehen. Paulus kommt es darauf an, dass sie sich die Liebesbeziehung zu Jesus Christus, der ihr tiefstes Wesen ausfüllt, auf jeden Fall bewahren. Jesus Christus schützt ihren Ehebund – wie den aller christlichen Eheleute, wenn er in ihrem Bunde der Dritte, nein, der Erste ist.[2]

Damit Jesus Christus die Priorität in ihrer Beziehung und auch bei ihren täglichen Aufgaben bleibt, postuliert Paulus das Prinzip des „gewissermaßen nicht habend“[3]. So können sie sich gegen den Zugriff der Welt schützen. Dieses Prinzip will den Glaubenden davor bewahren, sich Erfüllung und Heil bei irgend jemand anderem oder bei irgendetwas anderem als bei Jesus Christus zu suchen.

Sie sollen nicht aufgehen in der Freude der Welt, sondern vielmehr die tiefste Freude bei Christus suchen und finden. Sie sollen sich von Leid und Schmerz, von Enttäuschung und Demütigung nicht aufzehren lassen, sondern sich bewusst bleiben, dass Jesus Christus stärker ist als alles Leid der Welt. Im Vollzug ehelicher Gemeinschaft sollen sie den Herrn weder vergessen noch ausschließen und den Partner nicht vergötzend überfordern. Zu allen Dingen und Personen sollen sie eine gewisse Distanz halten, weil ihr Herz schon einem anderen, nämlich dem Herrn gehört.

Die „Ehelosigkeit des Herzens“[4] soll der tiefsten Liebesbeziehung (zu Jesus Christus), die zuvor das Leben der beiden Verlobten bestimmte auch nach der Eheschließung ihr Mit- und Füreinander bestimmen.

(3) Paulus legt in der Auseinandersetzung mit diesen höchstpersönlichen Fragen und Entscheidungen große Sensibilität an den Tag und mutet den Fragestellern ein hohes Maß an Selbstverantwortung zu. Für ihn ist entscheidend, dass jeder Betroffene den Ruf Gottes ernst nimmt, ihn vor Gott abwägt und den Weg, zu dem Gott ihn einlädt, als seinen Weg der Vollkommenheit geht.

[1] Die Partner gehen rechtlich eine Ehe ein, versprechen sich aber von vornherein Enthaltsamkeit.
[2] N. Baumert, Sorgen, 107
[3] N. Baumert, Sorgen, 111
[4] N. Baumert, Sorgen, 112

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2. Sonntag im Jahreskreis               1 Kor 6,13-20

(12 «Alles ist mir erlaubt» - aber nicht alles nützt mir. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich.[1])

13 Die Speisen sind für den Bauch da und der Bauch für die Speisen; Gott wird beide vernichten. Der Leib ist aber nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn, und der Herr für den Leib. 14 Gott hat den Herrn auferweckt; er wird durch seine Macht auch uns auferwecken.

15 Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? Darf ich nun die Glieder Christi nehmen und zu Gliedern einer Dirne machen? Auf keinen Fall!

16 Oder wisst ihr nicht: Wer sich an eine Dirne bindet, ist ein Leib mit ihr? Denn es heißt: Die zwei werden ein Fleisch sein. 17 Wer sich dagegen an den Herrn bindet, ist ein Geist mit ihm. 18 Hütet euch vor der Unzucht! Jede andere Sünde, die der Mensch tut, bleibt außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib.

19 Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; 20 denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib![2]



(1) „‚Es nimmt mich wunder’ fuhr Leukios fort und wies mit dem Kopf in Richtung der Tempel, ‚was Paulus jenen Leuten sagen lässt, die sich wie bisher an diesen obskuren Orten einfinden. Diese Leute treiben die Freiheit auf die Spitze, ... Es gibt Mitglieder in unserer Gemeinde, die sich hier oder oben auf dem Akrokorinth mit den Tempelprostituierten treffen. Stephanas soll sie zurechtgewiesen haben, aber sie ließen sich nicht beeindrucken.’ ‚Wir sind frei’ sagen sie. ‚Unser Umgang mit den Prostituierten schadet niemandem. Was wir tun, betrifft doch nur das Äußere des Menschen; im Inneren sind wir ganz frei für den Herrn Jesus. Und auf das kommt es an.’ ‚Ob man das so sagen kann?’“[3]

Offenbar gab es in der Gemeinde von Korinth zwei Extreme: einerseits die Ängstlichen, die sich nicht einmal Götzenopferfleisch zu essen trauten,[4] und andererseits die Laxen, die nicht nur in Bezug auf das Essen des Götzenopferfleisches keine Schwierigkeiten hatten, sondern den Slogan „Alles ist mir erlaubt“ sogar auf die Prostitution anwenden.

Das ist also eine der Fragen mit der sich der Apostel Paulus in seinem 1. Brief an die Korinther auseinandersetzen muss: Darf der Christ jede Gelegenheit, die sich ihm bietet, auch ergreifen? Darf er alles nützen, was ihm zur Verfügung steht? Ist die Taufe der Freibrief für unbegrenzte Freiheit? Oder ist die christliche Freiheit doch eine begrenzte?

(2) Für den Apostel ist klar, dass bei denen, die zur Prostituierten gehen, der Heilige Geist nicht wirklich durchgedrungen ist, dass sie noch sündig-fleischlich leben und daher für ihren Trieb eine Rechtfertigung suchen. Da legt sich die Ausrede nahe: „Wenn man Götzenopferfleisch essen kann, dann kann man wohl auch zur Dirne gehen.“ Daher macht er den Korinthern den Unterschied zwischen den Speisen und dem Bauch einerseits und der Bindung an eine Dirne oder dem Herrn andererseits klar. Die Speisen und der Bauch bilden keine Gefahr, weil Gott die Speisen unschädlich macht und damit auch den Bauch vor geistlichem Schaden bewahrt.

Mit der Dirne aber darf man sich nicht verbinden, weil man durch einen solchen Akt jemandem "gehört" und mit jemandem "eins" wird, zu dem man nicht gehört. Außerdem stört es die Beziehung zum Herrn. Der Gläubige hat bei der Taufe dem Herrn „Herrschaft“ über sich eingeräumt und ist ihm zugeordnet. Wie Gott den Herrn Jesus erweckt hat, so erweckt er auch die Getauften durch die Kraft des auferstandenen Herrn Jesus Christus, in den sie eingegliedert worden sind. Dieser Vorgang des Auferweckens ist nicht abgeschlossen, sondern im Vollzug. Er bereichert das Leben der Christen in Jesus Christus. So lässt uns Gott mehr und mehr an Christi Auferstehungsleben teilnehmen. Deshalb wäre es unsinnig, dieses Auferstehungsleben durch eine "Sünde gegen den Leib", die Bindung an eine Dirne, aufs Neue, dem Tod und der Sünde preiszugeben.

Ob Gott mit dem Einzelnen zu seinem Ziel kommt, hängt auch von diesem selbst ab. Darum will Paulus die, die zur Dirne gehen motivieren, ihre Sünde einzugestehen, zu bereuen und umzukehren. Weil der Leib Tempel des Heiligen Geistes ist, der in ihm wohnt - ist er Glied Christi. Durch die "Sünde gegen den Leib", würde diese Beziehung rückgängig gemacht werden.

„Wer sich an den Herrn bindet, ist e i n Geist mit ihm“ besagt natürlich nicht, dass der Leib in der Einheit mit Christus keine Rolle spielt. In der Verbindung des Gläubigen mit dem Herrn, werden zwei leib-seelische Ganzheiten ein Geist. Das heißt: sie werden zu dieser Einheit in und durch den Heiligen Geist - zu einem "geistlichen Leib".

Da nämlich der Heilige Geist in den Korinthern wohnt, gehören sie nicht mehr sich selbst. Sie sind eine neue Existenz, sind Gottes Werk und Eigentum. Und das hat Gott viel gekostet: Der Vater hat seinen Sohn hingegeben und der Sohn hat sein Leben hingegeben - als Preis für sie, ein wahrlich "teurer Preis". Mit Aufwand, mit Mühe, mit seinem Tod am Kreuz als Lösegeld, hat er sie losgekauft. Wie können sie sich da wieder in die Arme von Sünde und Tod werfen?

Die Gläubigen können Gott in ihrem Leib verherrlichen, indem sie sich in ihrem Sexualverhalten so benehmen, dass man merkt, wie Gottes Kraft und Herrlichkeit sie verwandelt hat. In und mit ihrem Leib werden sie Zeugen der Herrlichkeit Gottes.

(3) Wen Jesus Christus ruft und der sich auf eine Beziehung mit ihm einlässt, der lebt in einem respektvollen und wertschätzenden Verhältnis zu den Mitmenschen und den Dingen. Er weiß, dass die Erde dem Menschen übergeben ist, um sie zu hegen und zu pflegen, nicht um sie, oder Menschen auszubeuten. Er lebt so, weil er zu Jesus Christus gehört.
 
[1] 6,12 Alles ist (mir) erlaubt: vermutlich ein Schlagwort, das in der Gemeinde von Korinth zu hören war (vgl. 10,23).
[2] 6,20 Sklaven konnten gegen Lösegeld freigekauft werden. Hier wird der Tod Christi als Kaufpreis verstanden, durch den die Christen aus der Knechtschaft der Sünde befreit wurden (vgl. 7,23; Gal 3,13; 1 Petr 1,18f). 
[3] H.-J. Venetz/S. Bieberstein, Bannkreis, 79
[4] 1 Kor 8,1-13

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1. Sonntag im Jahreskreis  -  Taufe des Herrn 1 Joh 5,1-9

1 Jeder, der glaubt, dass Jesus der Christus ist, stammt von Gott, und jeder, der den Vater liebt, liebt auch den, der von ihm stammt. 2 Wir erkennen, dass wir die Kinder Gottes lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote erfüllen.

3 Denn die Liebe zu Gott besteht darin, dass wir seine Gebote halten. Seine Gebote sind nicht schwer. 4 Denn alles, was von Gott stammt, besiegt die Welt. Und das ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube. 5 Wer sonst besiegt die Welt, außer dem, der glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist?

6 Dieser ist es, der durch Wasser und Blut gekommen ist: Jesus Christus. Er ist nicht nur im Wasser gekommen, sondern im Wasser und im Blut. Und der Geist ist es, der Zeugnis ablegt; denn der Geist ist die Wahrheit. 7 Drei sind es, die Zeugnis ablegen: 8 der Geist, das Wasser und das Blut; und diese drei sind eins.

9 Wenn wir von Menschen ein Zeugnis annehmen, so ist das Zeugnis Gottes gewichtiger; denn das ist das Zeugnis Gottes: Er hat Zeugnis abgelegt für seinen Sohn.



(1) Viele Menschen sehnen sich nach Freiheit, nach äußerer, aber auch nach innerer, geistiger Freiheit. Die 2. Lesung des heutigen Festes der Taufe des Herrn weist den Weg zum Gewinn der wahren Freiheit. Die Leitlinie auf dem Weg zu diesem Ziel ist der Glauben an Jesus, den Messias (Christus) und Sohn Gottes. Er bezieht die Liebe zum Bruder und zur Schwester in der Gemeinde, die sich an Geboten (!) orientiert. Dieser Glaube führt schließlich zum Sieg über die Welt.

(2) Zunächst lohnt der Blick auf den Kontext des Johannes-Briefes. Es fällt auf, dass der Verfasser in drei Sätzen das „Geborensein aus Gott“ betont. Jeder, der die Gerechtigkeit tut, ist aus Gott geboren, ebenso jeder, der Gott liebt und auch der, der glaubt, dass Jesus der Christus ist. Durch die Formulierung "jeder" haben alle drei Sätze absolute Gültigkeit. Jeder Christ muss die Gerechtigkeit tun, Gott lieben und Jesus als Christus glauben. Nur in diesem Dreiklang besteht Harmonie. Wird der eine oder andere Satz absolut gesetzt, verführt er leicht zu Fehlhaltungen.

Der Glaube, von dem hier die Rede ist, meint nicht die Zustimmung zu einem Dogma, sondern die innere Überzeugung, die einen Menschen berührt, in Beschlag nimmt und Beziehung sucht. Gemeint ist der Glaube, dass der Mann aus Nazareth, Jesus, der Christus ist. Dass er der von den Propheten verheißene und von unzähligen Generationen erwartete Messias ist, der im verrufenen Palästina, geboren, gelitten, gestorben und auferstanden ist. Das zu glauben ist alles andere als selbstverständlich. Wer glauben kann, dass Jesus der Christus ist, "der ist aus Gott geboren." Er trägt Gottes Wesen, seine Liebe, in sich. Diese drängt ihn zur geschwisterlichen Liebe. Er staunt und freut sich nicht nur über sein eigenes Geborensein aus Gott, sondern auch über das seiner Brüder und Schwestern. Er ist wie sie, Kind des einen Vaters.

"Wir erkennen, dass wir unsere Brüder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten." Die Liebe zu den Brüdern und Schwestern hängt nicht von meiner Selbstliebe ab, sondern von meiner Liebe zu Gott und dem Halten der Gebote. Meine Liebe zu Gott ist meine Antwort auf die zuvor von ihm empfangene Liebe.

Gibt es eine Liebe, die sich an Gottes Geboten orientiert? Jesus selbst hat oft genug nach Heilungen gesagt: Gehe hin und sündige nicht mehr. Er hat gegen eine weichliche, absichtsvolle Freundlichkeit angekämpft, die gab, um bei nächster Gelegenheit zurückzubekommen. Jesu Liebe ist eine Hilfe im Kampf gegen Sünde und gegen Irrtümer. Nur wenn unsere Liebe, die Art Gottes an sich trägt, ist sie Liebe im Sinne Jesu. Wenn wir Gott und seine Gebote als Wegweiser und Grenzsteine und darüber hinaus seine Barmherzigkeit vor Augen haben, dann lieben wir die Brüder und Schwestern als „Aus-Gott-Geborene“, als die, die von Gott stammen.

Die allgemeine Anschauung ist, dass das Halten der Gebote doch eher schwer ist. Diese kommt daher, dass wir in der Welt leben und die Welt ihren Anspruch auf uns nicht aufgegeben hat. Wir müssen uns dem Zugriff der Welt entziehen. Johannes hat schon darauf hingewiesen: "Größer ist der in euch als der in der Welt." (1 Joh 4,4) In der Geburt aus Gott gründet der Sieg. Nur der von Gott Geliebte vermag das zu wollen, was Gott will und nicht das, was die Menschen wollen.

Unser eigener Einsatz und Gottes Handeln wirken im Geheimnis des Glaubens zusammen: "Und dies ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube." Der Glaube ist der Sieg über die Welt. In Jesu Kreuz und Auferstehung ist dieser Sieg manifest geworden. Der Gläubige nimmt am vollendeten Sieg des Herrn teil. Glaube bedeutet hier Aneignung dessen, was Gott anbietet.

"Wer sonst besiegt die Welt außer dem, der glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist." Es geht wiederum nicht um eine erzwungene Zustimmung zu einem Glaubenssatz. Es handelt sich um einen persönlichen und in Freiheit gewonnenen Glauben. Er ist die dankbare Annahme des "Aus-Gott-Geborenseins" und des neu schaffenden Wirkens Gottes. Wer glauben kann, dass Jesus, der Messias, der Sohn Gottes ist, der ist tatsächlich Sieger über die Welt, er hat Anteil am Sieg des Christus.

(3) Wer als Glaubender die Welt besiegt hat, der lebt in der Welt und hat die Attraktion der Welt, die von Gott wegführt überwunden. Er ist auf einem Weg unterwegs zu einem Ziel, das er aber auch schon irgendwie erreicht hat - die Heimat bei Gott. Er lebt in der Welt unter offenem Himmel.

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Erscheinung des Herrn Eph 3,2-3a.5-6

2 Ihr habt doch gehört, welches Amt die Gnade Gottes mir für euch verliehen hat. 3 Durch eine Offenbarung wurde mir das Geheimnis mitgeteilt.[1] ...
5 Den Menschen früherer Generationen war es nicht bekannt; jetzt aber ist es seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist offenbart worden: 6 dass nämlich die Heiden Miterben sind, zu demselben Leib gehören und an derselben Verheißung in Christus Jesus teilhaben durch das Evangelium.


(1) „Dass nämlich die Heiden Miterben sind, zu demselben Leib gehören und an derselben Verheißung in Christus Jesus teilhaben durch das Evangelium.“ Das ist der Inhalt des Geheimnisses, das Paulus seinen Ansprechpartnern – den Christen aus den Völkern, enthüllt. Die Judenchristen sind Kinder Abrahams und infolgedessen „unmündige“ Erben. Weil Jesus aber durch seinen Tod am Kreuz, die Menschen von ihren Sünden befreite und mit Gott versöhnte sind sie „vollmündige“ Erben. Gott hat durch seinen Sohn dieses Heil in der Welt gewirkt. Aber dieses Heil ist nicht nur dem auserwählten Volk Gottes geschenkt, sondern auch denen „aus den Völkern“ - den Heiden. Sie sind Miterben.

Das „Mit“ bezieht sich auf die Juden. Das Heil geht von den Juden aus, die Gott zu seinem Eigentum erwählt hat. Jesus Christus, der Sohn Gottes, kam als Jude zur Welt und lebte als Jude. Er wusste sich zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Sein Leben und Sterben brachte ihnen die Rettung. Aber eben nicht ihnen exklusiv, sondern auch den Heiden, denn von Anfang an war Israel auf die Welt hingeordnet.
Die Heiden gehören zu demselben Leib. Jesus Christus ist das Haupt des Leibes, dem Juden und Heiden in gleicher Weise angehören. In diesem Leib wird die getrennte Menschheit wieder Eins. Die Verheißung, an der sie zusammen mit Israel teilhaben, versprach das Kommen des verheißenen Retters. Paulus hat ihnen die Frohe Botschaft angesagt, dass Jesus das Evangelium vom Reich Gottes verkündet hat und dass es mit ihm angebrochen ist.

(2) Das Fest „Erscheinung des Herrn“ stellt das Evangelium von der Anbetung des Gottessohnes durch die Weisen aus dem Morgenland in das Zentrum der Aufmerksamkeit: Heiden kommen, egal ob Könige oder Wissenschafter, um Gott anzubeten. Damit ist ein wichtiges Signal für eine entscheidende Etappe in der Geschichte des Heils gegeben: die Erfüllung der von den Propheten verheißene Völkerwallfahrt hat begonnen. Das endgültige Heilshandeln Gottes beginnt mit der Menschwerdung Jesu und erreicht in seinem Versöhnungs-Tod, seiner Auferweckung und Geistsendung, den Höhepunkt. Nachdem Gott so in der Welt das Heil gewirkt hat, kann sich die Verheißung der Völkerwallfahrt erfüllen.

Am Beginn der Bibel sind die Welt und die Menschheit im Blickpunkt. Nach dem Turmbau zu Babel beginnt Gottes Heilshandeln mit Abraham. Ihn wird er zu einem großen Volk machen und durch ihn sollen alle Geschlechter der Erde, Segen erlangen. Israel ist von der ersten Stunde an auf die Welt hingeordnet. Der Prophet Jesaja verheißt eine Wallfahrt der Völker nach Jerusalem, um Gott anzubeten, nachdem etwas umstürzend Neues geschehen ist. Die Völker werden die Tora so anziehend finden, dass sie sich sehnen, danach leben zu dürfen. Diesen Text, in dem auch dem Krieg und der Gewalt abgeschworen wird, beendet der Prophet mit der Aufforderung: „Ihr vom Haus Jakob, kommt, wir wollen unsere Wege gehen im Licht des Herrn.“ (Jes 2,5) Was für die Zukunft verheißen wird, muss im Jetzt verortet werden, muss durch die Israeliten verwirklicht werden. Nur wenn die Völker ihr Tun sehen und attraktiv finden, werden sie sich für die Tora interessieren.

Jesus ging nicht in heidnisches Gebiet, um dort zu missionieren. Er wollte Israel sammeln und auf seine Sendung als Volk Gottes konzentrieren. Erst, als immer klarer wurde, dass Israel ihm nicht folgen werde, öffnete er sein Denken auf die Völker hin: „Ich sage euch: Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen;[2] die aber, für die das Reich bestimmt war, werden hinausgeworfen in die äußerste Finsternis; dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen.“ (Mt 8,11f) Weil das alttestamentliche Gottesvolk seine Sammelbewegung ablehnte, sodass das Licht der Gottesherrschaft unter ihnen nicht aufleuchten konnte, öffnete bereits Jesus das Gottesvolk auf die Heiden hin: „Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen (Mk 16,15).“

(3) Jesu Sendung ist geprägt von der Öffnung auf die Welt (Heiden) und der Konzentration auf das gelebte Zeugnis der Gottesherrschaft. Sowohl die Kirche als Ganze, als auch die Pfarrgemeinde vor Ort, dürfen die jeweiligen Herausforderungen des gelebten Zeugnisses und der Öffnung für Neue und Neues nicht vernachlässigen.


[1] 3,3-6 Das jetzt offenbar gewordene „Geheimnis“ ist der Beschluss Gottes, alle Völker, und nicht nur Israel, zu retten.
[2] Mt 8,11ff; Der Hauptmann von Kafarnaum wird als der erste Vertreter der Heidenwelt, der zum Glauben kommt, herausgestellt.

Zum Evangelium: Kurt Udermann, Neuer Wein gehört in neue Schläuche! Mit dem Wort Gottes durchs Leben. Gedanken zu den Sonn- und Feiertagsevangelien im Jahreskreis B. Memoiren-Verlag Bauschke


Zweiter Sonntag nach Weihnachten              Eph 1,3-6.15-18

3 Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus[1] im Himmel. 4 Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott; 5 er hat uns aus Liebe im voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und nach seinem gnädigen Willen zu ihm zu gelangen, 6 zum Lob seiner herrlichen Gnade. Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn; 7 durch sein Blut haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade. 8 Durch sie hat er uns mit aller Weisheit und Einsicht reich beschenkt 9 und hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan, wie er es gnädig im voraus bestimmt hat[2]: 10 Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, in Christus alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist. 11 Durch ihn sind wir auch als Erben vorherbestimmt und eingesetzt nach dem Plan dessen, der alles so verwirklicht, wie er es in seinem Willen beschließt; 12 wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt, die wir schon früher auf Christus gehofft haben. 13 Durch ihn habt auch ihr das Wort der Wahrheit gehört, das Evangelium von eurer Rettung; durch ihn habt ihr das Siegel des verheißenen Heiligen Geistes empfangen, als ihr den Glauben annahmt. 14 Der Geist ist der erste Anteil des Erbes, das wir erhalten sollen, der Erlösung, durch die wir Gottes Eigentum werden, zum Lob seiner Herrlichkeit.

15/16 Darum höre ich nicht auf, für euch zu danken, wenn ich in meinen Gebeten an euch denke; denn ich habe von eurem Glauben an Jesus, den Herrn, und von eurer Liebe zu allen Heiligen gehört. 17 Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung, damit ihr ihn erkennt. 18 Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt.

 
(1) Im Evangelium des heutigen Sonntags ist die Rede vom Logos, dem Wort Gottes und dem Licht, das in die Welt kam. "Die Finsternis hat das Licht nicht ergriffen, die es aber bei sich aufnahmen, gab er die Macht Kinder Gottes zu werden." Es geht um die fundamentale Entscheidung für das Wort und das Licht. Ich habe also die Wahl. Nehme ich es auf oder nicht?

Die neutestamentliche, zweite Lesung, ermutigt und motiviert zur Aufnahme des Lichtes in mein Leben. Der Epheserbrief erscheint als Rundbrief an die Christen Kleinasiens. Das zentrale Thema des Briefes ist die Kirche, deren Haupt Jesus Christus ist. Gott hat schon vor der Erschaffung der Welt die Kirche erwählt und als sein Volk zusammengerufen.

(2) Im ersten Teil der Lesung hebt der Verfasser die Erwählung der Leser zum Leben vor Gott hervor: "Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott." Mit der Erwählung vor der Erschaffung der Welt wird betont, dass es ewiger Plan und Wille Gottes ist, dass Jesus für die Erfüllung seiner Sendung Gefährten beruft, die ihm bei der Ausführung seiner Sendung beistehen. Damit unterstreicht er, dass die Gabe der Erwählung immer auch eine Aufgabe enthält, nämlich, ein Zeichen der Hoffnung und des Lebens zu sein. Die Menschen sollen sehen, dass über der Welt etwas anderes waltet, als nur die Macht des Stärkeren oder blindes Schicksal.

Das Ineinander von Gabe und Aufgabe, der Erwählung und der Teilnahme an einer Sendung , zieht sich als "Roter Faden" durch die Schriften des Alten und Neuen Testamentes. Israels Grunderfahrung ist die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten und der Einzug ins gelobte Land. Am Berg Sinai bekam das Gottesvolk durch Mose die Tora, die Weisungen für ein solidarisches und gottesfürchtiges Miteinander. Israel sollte durch seine Gottesverehrung und sein wertschätzendes Miteinander ein Zeichen für alle Völker sein.

Die Propheten haben die Abweichungen von diesen Weisungen angeklagt. Die Erwählung zum Eigentumsvolk Jahwes konnte Israel nicht davor bewahren, dass Jerusalem zerstört und das Volk in die babylonische Gefangenschaft verschleppt wurde. Das Ergebnis jüdischen Nachdenkens ergab: Weil Israel die Gebote der Tora missachtete musste es die Leiden der babylonischen Gefangenschaft erdulden. Erwählung ist nicht auf jeden Fall Bevorzugung. Sie ist vor allem Verpflichtung.

Jesus wollte das erwählte Gottesvolk sammeln und neu am Willen Gottes orientieren. Er hat Menschen zu Mitarbeitern berufen: die Zwölf und eine Schar von Jüngern und Jüngerinnen. Sie sollten mit eigenen Augen sehen, mit eigenen Augen hören und mit den eigenen Händen begreifen wer Jesus wirklich ist und ihm nachfolgen.

(3) Jesus nachfolgen setzt voraus, dass er mir begegnet ist und mich berührt hat; ihm nachfolgen heißt, erkennen, wer er ist und welche Sendung ihm aufgetragen ist, nämlich, die Welt mit Gott zu versöhnen, den Menschen die Fesseln ihrer Schuld zu lösen und ihnen die Würde zurückzugeben, die ihnen bei der Schöpfung geschenkt wurde. Jesus nachfolgen heißt aber auch, ihm in seinem Wort begegnen, es hören und tun. "Jesus gibt sein Wort seinen Zuhörern nicht frei, dass es unter ihren krämerischen Händen missbraucht wird, sondern er gibt es ihnen so, dass es allein Macht über sie behalten muss... Diesem Wort Jesu aus der Ewigkeit her entspricht nur noch das schlichte Tun (Dietrich Bonhoeffer).

Jesusnachfolge bedeutet auch, sich vertrauensvoll auf Jesus einlassen, ihm zutrauen, dass er mich sicher zum Ziel eines Lebens in Fülle hier auf Erden und zum ewigen Leben mit Gott führt. Jesus nachfolgen heißt das Prinzip verwirklichen: Wie Jesus mir, so ich dir! Es bedeutet, die Hände öffnen, um sich beschenken zu lassen und das Empfangene zu teilen. Es ist die Verwirklichung von Jesu Aufforderung: "Liebt einander wie ich euch geliebt habe." Er forderte dies, nachdem er selbst den Jüngern die Füße gewaschen hatte. So soll das von der Welt unterscheidbare Miteinander und Füreinander derer, die ihm nachfolgen ein Lebens-Zeichen für die Welt sein, für alle sichtbar und nachahmbar.

(4) Abschließend dankt der Verfasser des Briefes in seinen Gebeten für das Zeugnis der Leser: "denn ich habe von eurem Glauben an Jesus den Herrn, und von eurer Liebe zu allen Heiligen gehört." Das ist zugleich dankbares Lob und Ermutigung für weiteres Zeugnisgeben. 

[1] Die Gemeinschaft mit Christus (vgl. 1,13f) wurde durch die Taufe begründet.
[2] Der Verfasser spricht von einem «Geheimnis», weil der Heilsplan, der durch Christus verwirklicht wurde, vorher nicht bekannt war; auch jetzt kennen ihn nur die Glaubenden.

 
Zum Evangelium: Kurt Udermann, Neuer Wein gehört in neue Schläuche! Mit dem Wort Gottes durchs Leben. Gedanken zu den Sonn- und Feiertagsevangelien im Jahreskreis B. Memoiren-Verlag Bauschke

 


Hochfest der Gottesmutter Maria - Neujahr Gal 4,4-7


4 Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, 5 damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen.
6 Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen, den Geist, der ruft: Abba, Vater. 7 Daher bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn; bist du aber Sohn, dann auch Erbe, Erbe durch Gott.


(1) Während seines Gefängnisaufenthaltes in Ephesus sieht sich Paulus mit einem schwierigen Problem konfrontiert. Was er nicht für möglich gehalten hat, ist eingetreten. Christen und Christinnen unter den Galatern sind bereit, die Beschneidung anzunehmen und sich freiwillig dem Gesetz zu unterstellen. „Evangeliumsverdrehern“ war es gelungen die Galater zu diesem Schritt zu bewegen. Paulus war entrüstet und etwas ratlos. Hat er ihnen nicht in aller Klarheit und Deutlichkeit versichert, dass sie durch Glauben gerecht gemacht wurden und durch nichts anderes? Paulus musste die Galater überzeugen, dass ihre Entscheidung für die Beschneidung und die Übernahme der Tora ein Irrweg ist.


Menschlich allerdings ist das Vorgehen der betroffenen Galater verständlich. Wer sich beschneiden lässt, der trägt ein äußeres Zeichen der Verbundenheit mit dem Volk Gottes. Das vermittelt die Sicherheit der Zugehörigkeit zu einer großen Gemeinschaft. Wer sich den Mühen der Befolgung der Gebote der Tora unterzieht, der kann eine Leistung vorweisen und auch das gibt Sicherheit. Die äußere Zugehörigkeit und die religiöse Leistung gefährden aber das Eigentliche: das tägliche Mühen um den Glauben, um die Beziehung mit Gott.


(2) Paulus versucht in seinem Brief die Galater argumentativ von seiner Sicht des Heilshandelns Gottes zu überzeugen. Er bezieht sich auf Abraham. Durch ihn sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen (Gen 12,3b). Darüber hinaus soll nicht ein Haussklave, sondern ein leiblicher Sohn sein Erbe sein (Gen 15,4b). Aus diesen beiden Verheißungen formt Paulus einen „Erbschaftsbeweis“, wonach er Juden („unmündige Söhne“) und Heiden („Sklaven“) als legitime Erben der Verheißung darstellt.[1] Auf unterschiedlichen Wegen, die durch ihre Herkunft bedingt sind, erlangen sie das Heil.


In der heutigen Lesung erklärt Paulus in den Versen 4-5 den Galatern wie die Juden die Sohnschaft erlangten und zu rechtmäßigen Erben wurden. Durch die Geburt des Gottessohnes und der Erfüllung seiner Sendung durch seinen Tod am Kreuz, hat er die Sünden (die, die Tora aufdeckt und verurteilt) vergeben und die Sünder mit Gott versöhnt, wodurch sie die Sohnschaft erlangten. Dadurch wurden die „Unmündigen“ zu rechtmäßigen Erben.


Ihnen aber, den Galatern, die Söhne sind,[2] sagt Paulus, dass Gott ihnen „den Geist seines Sohnes in ihr Herz sandte, den Geist der ruft: Abba, Vater.“ In wem der Geist Christi zum Vater ruft, der ist nicht mehr Sklave, sondern Sohn. Paulus zieht daraus den logischen Schluss: „Bist du aber Sohn, dann auch Erbe.“[3]


Paulus will den Galatern sagen: Ihr seid bereits Söhne und Erben. Statt euch der Beschneidung und dem Gesetz zu unterwerfen, wäre es sinnvoller, wenn ihr eure ganze Kraft in eure Beziehung zu Gott investieren würdet. Ihm zu trauen und sich ihm anzuvertrauen ist gewiss schwieriger als sich durch Äußerlichkeiten und religiöse Leistungen abzusichern.


(3) „Und wäre Christus tausend Mal in Betlehem geboren, aber nicht in dir, wärst du dennoch verloren.“[4] Wir können Christus Jesus in uns zur Welt kommen lassen, indem wir die von Jesus angebotene Beziehung zu ihm aufnehmen, aus ihr leben und immer wieder vertiefen. Die innere Bewegung, die uns mit Gott verbindet und auf unsere „Sohnschaft“ hinweist, muss nicht der ausdrückliche Abba-Ruf sein. Es ist auch der Geist, der unsere Sehnsucht auf Gott hinlenkt, der uns lobend, dankend und bittend mit ihm verbindet.


[1] Gal 4,1-3: Ich will damit sagen: Solange der Erbe unmündig ist, unterscheidet er sich in keiner Hinsicht von einem Sklaven, obwohl er Herr ist über alles; 2 er steht unter Vormundschaft, und sein Erbe wird verwaltet bis zu der Zeit, die sein Vater festgesetzt hat. 3 So waren auch wir, solange wir unmündig waren, Sklaven der Elementarmächte dieser Welt.
[2] Gal 3,26: Ihr seid alle durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus.
[3] Gal 3,29: Wenn ihr aber zu Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen, Erben kraft der Verheißung.
[4] Angelus Silesius


Fest der heiligen Familie Kol 3,12-21

12 Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen. Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld! 13 Ertragt euch gegenseitig, und vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! 14 Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht. 15 In eurem Herzen herrsche der Friede Christi; dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Seid dankbar!

16 Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch. Belehrt und ermahnt einander in aller Weisheit! Singt Gott in eurem Herzen Psalmen, Hymnen und Lieder, wie sie der Geist eingibt, denn ihr seid in Gottes Gnade. 17 Alles, was ihr in Worten und Werken tut, geschehe im Namen Jesu, des Herrn. Durch ihn dankt Gott, dem Vater!

18 Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt. 19 Ihr Männer, liebt eure Frauen, und seid nicht aufgebracht gegen sie! 20 Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern in allem; denn so ist es gut und recht im Herrn. 21 Ihr Väter, schüchtert eure Kinder nicht ein, damit sie nicht mutlos werden.



(1) Das Schiff Kirche ist vom Schiffbruch bedroht. Aber selbst ein günstiger Seegang ist nutzlos, wenn der Steuermann das Ziel nicht kennt. Wissen die Verantwortlichen der Kirche um die Sendung und das Ziel der Kirche, um die Aufgabe des Volkes Gottes?

Der Gedanke, dass Gott in der Welt ein Volk braucht - nicht um seiner selbst willen, sondern um der Welt willen – durchzieht die biblischen Bücher. Gott will durch sein Volk die Welt verändern und heiligen. Darum darf sich das Gottesvolk weder der Welt anpassen, noch sich ihr anbiedern. Es muss das Neue, das durch Abraham in die Welt gekommen ist und durch Jesus Christus vollendet wurde, unter sich verwirklichen. Die Kirche macht es sich zu leicht, der Welt vorschreiben zu wollen wie sie zu leben habe, sich selbst aber nicht bemüht die Botschaft Jesu glaubhaft zu verwirklichen.

(2) Gemäß der heutigen Lesung soll die Kirche eine Kontrastgesellschaft sein, die sich von der (heidnischen) Gesellschaft[1] unterscheidet. Der Verfasser des Briefes an die Kolosser stellt einer vorausgegangenen Liste von Lastern der heidnischen Gesellschaft[2] das kontrastierende Leben der christlichen Gemeinde gegenüber. In den darauf folgenden Versen wird das neue Leben in Christus durch weitere positive Haltungen beschrieben. In den Schlussversen wird das abweichende Verhalten der Gemeinde auf den familiären Alltag heruntergebrochen.

Unsere Lesung beginnt mit der Entfaltung des Bildes vom Anziehen des „neuen Menschen“. Dies konkretisiert sich in den Haltungen: Erbarmen, Güte, Demut, Milde und Geduld. Die Christen von Kolossä haben Jesus Christus angenommen und werden daher als Erwählte, Heilige und Geliebte bezeichnet. Bei der Aufforderung zur Vergebung geht es um das Vergeben persönlicher Verletzungen. Wie Gott der Herr ihnen vergeben hat, so sollen auch sie einander vergeben. Zu den genannten Haltungen kommt die Liebe hinzu. Sie fasst die Tugenden zu einem schön gebundenen "Blumen-Strauß der Reife" zusammen.[3]

Auf die Aufforderung die Liebe „anzuziehen“ folgt der Wunsch des Friedens. Der Friede solle als „Schiedsrichter“ bei Entscheidungen in ihren Herzen dominieren. In unseren Herzen tobt manchmal ein Kampf zwischen gegensätzlichen Interessen. Egal, ob ich mich für eine von zwei Alternativen bei einer Wahl (z. B. Berufswahl) entscheiden muss oder einen konkreten Schritt in einer Beziehung setzen muss – jener Alternative oder jenem Schritt ist der Vorzug zu geben, bei dem sich der Friede Christi einstellt. Das gelingt nur, wenn sich der Gläubige jeweils neu an Christus wendet.

Paulus appelliert dann an den Charme der Christen von Kolossä. Der soll in ihrer Kommunikation zum Ausdruck kommen. Wenn sie einander lehren und das Evangelium gegenseitig ans Herz legen, sollen sie das in kluger und geschickter Weise tun, um der Redeweise Christi zu entsprechen.

Aber nicht nur in ihrem Reden soll ihr Charme zum Vorschein kommen: Ihre Psalmen, Hymnen und Lieder sollen aus dem Herzen kommen und Schönheit haben. Ihr Reden und Tun insgesamt geschehe "im Namen Jesu" d.h. so wie Jesus es tat und unter seiner Führung. Wenn sie in ihrem Tun von Christus getragen werden, wird ihnen bewusst, dass es Gott ist, der ihnen durch Christus alles schenkt. So können sie den Dank durch Christus, dem Vater zurückgeben.


Die abschließende „christliche Hausordnung“ wird im Wortgottesdienst meist – zu unrecht – willkürlich gestrichen. Man kann der Frau nicht zumuten sich dem Mann unterzuordnen. Aber steht das wirklich da? Der Verfasser des Kolosser-Briefes zeigt eine klare Tendenz, die (vom staatlichen Gesetz) schwächer Gestellten zu stützen. "Er will nicht etwa sagen, dass die gesellschaftliche Unterordnung der Frau speziell durch Christus bedingt sei oder verstärkt würde, sondern dass die Frauen die vorgegebene Ordnung so vollziehen mögen, wie es im Herrn recht ist!"[4] Er gibt der Frau einen Maßstab an die Hand, nach dem sie von Fall zu Fall "im Herrn" d.h. vor Gott „überlegt und sich so, wie sie es jeweils für richtig erachtet, unterordnet."[5] "Christus in euch" ist die letzte Autorität für ihr Handeln.[6] Paulus meint also keine fraglose Unterwürfigkeit der Frau. 

 
"Im Herrn" wird beim Mann nicht wiederholt, gilt aber auch für ihn, wenn er aufgefordert wird seine Frau zu lieben. Er muss sein Handeln am Handeln Jesu orientieren und ihm gegenüber verantworten. Er wird nur allgemein ermahnt, seine stärkere Stellung nicht zu missbrauchen. Warum nur die Väter ermahnt werden ihre Kinder nicht einzuschüchtern, hängt wohl damit zusammen, dass Väter eher zu Machtmissbrauch gegenüber Schwächeren neigen.


(3) Die Kirche ist dann Licht der Welt und Salz der Erde und erfüllt ihre Aufgabe als Volk Gottes in der Welt, wenn sie das kontrastierende Verhalten, welches einem Leben „in Christus“ entspricht, verwirklicht. Es gibt also keinen Grund, Texte aus der Heiligen Schrift einfach nicht zu verkünden, als ob wir „Herren“ über das Wort Gottes wären. Wir dürfen Paulus durchaus unterstellen, dass er Jesus richtig verstanden hat. 


[1] Heute hat es allerdings den Anschein, dass in der demokratischen Gesellschaft mehr biblische Werte verwirklicht sind als in der Kirche.
[2] Kol 3,7-10: „Einst war auch euer Lebenswandel von solchen Dingen bestimmt, ihr habt darin gelebt. Jetzt aber sollt auch ihr das alles ablegen: Zorn, Wut, Bosheit, Lästerung und schmutzige Rede, die aus eurem Munde kommt. Belügt einander nicht; denn ihr habt den alten Menschen mit seinen Taten abgelegt und habt den neuen Menschen angezogen, der nach dem Bild seines Schöpfers erneuert wird, um ihn zu erkennen.“
[3] N. Baumert, Berufung, 154
[4] N. Baumert, Berufung, 155
[5] N. Baumert, Berufung, 156
[6] N. Baumert, Berufung, 156: „So möge die Frau vor Gott prüfen und erkennen, wie sie im konkreten Fall eine Unterordnung vollziehen soll (vgl. Eph 5,21-24), ohne ihre Würde zu verlieren... Immer verweist Paulus die Partner auf ihre Gottesbeziehung, von der aus sie jeweils ihre Beziehung zu einander ordnen sollen.“



4. Adventsonntag Röm 16,25-27

Ehre sei dem, der die Macht hat, euch Kraft zu geben - gemäß meinem Evangelium und der Botschaft von Jesus Christus, gemäß der Offenbarung jenes Geheimnisses, das seit ewigen Zeiten unausgesprochen war, 26 jetzt aber nach dem Willen des ewigen Gottes offenbart und durch prophetische Schriften kundgemacht wurde, um alle Heiden zum Gehorsam des Glaubens zu führen.

27 Ihm, dem einen, weisen Gott, sei Ehre durch Jesus Christus in alle Ewigkeit! Amen.


(1) „Ehre sei dem, der die Macht hat, euch Kraft zu geben.“ Der Römerbrief endet mit diesem Lobpreis Gottes. Alle Aufmerksamkeit wird auf den machtvollen Gott gelenkt. Ihm gebührt Lob und Ehre für das Werk seiner Schöpfung und für sein Handeln in der Geschichte. Gleichzeitig ist aus ihm eine Ermutigung herauszuhören. Er enthält die Einladung sich von Gott Kraft geben zu lassen. Wofür aber sollen sich die römischen Christen stärken lassen?

Paulus begründet in diesem Brief seine Absicht, die Christen und Christinnen in Rom aufzusuchen, „ich möchte euch geistliche Gaben vermitteln, damit ihr dadurch gestärkt werdet.“[1] Er wurde aber daran gehindert. Er bedauert das, „denn wie bei den anderen Heiden soll meine Arbeit auch bei euch Frucht bringen.“ Es liegt ihm jedoch viel daran auch den Römern das Evangelium zu verkünden: „Es ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt, zuerst den Juden, aber ebenso den Griechen.“[2] So sollen sich die römischen Gemeindemitglieder durch die rettende Kraft des Evangeliums stärken lassen, um selber an der Sendung des Völkerapostels – nämlich den Völkern das Heil zu verkünden – Anteil nehmen. Das vermögen sie, wenn sie die briefliche Botschaft des Apostels, das „neue Leben und die Hoffnung des Christen“[3] annehmen und verwirklichen.

(2) Dass es angebracht ist, Gott, der Kraft gibt und stärkt, zu loben und wohl auch zu danken, hat Paulus in „seinem Evangelium“ ausführlich und engagiert nachgewiesen. Sein Evangelium ist die Verkündigung des Leidens und Sterbens, sowie der Auferstehung Jesu. Durch Jesus Christus hat Gott die Welt mit sich versöhnt und die Menschen gerecht gemacht und gerettet.

Ohne Gott ist die Welt absurd, mit Gott ist sie ein Geheimnis“, sagte einmal Kardinal Henry Newman. Die Diskrepanz zwischen menschlichem Denken und dem überraschenden und anderen Handeln Gottes, kommt im „Geheimnis“ zum Ausdruck. Was lange Zeit unausgesprochen und verschwiegen worden war, ist „jetzt“ in und durch Jesus Christus geoffenbart worden. Diese Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus hat ein klares Ziel: „alle Heiden zum Gehorsam des Glaubens zu führen.“[4]

Die besondere Sendung, die Jesus dem Paulus auftrug, war die Verkündigung des Evangeliums unter den Völkern. Dies verlor der Apostel niemals aus dem Blick. Er legte darauf Wert, dass auch die neugegründeten Gemeinden, sich dieses Anliegen zu eigen machten. Das neue Leben in der Gemeinde, das sich in einem erlösten Miteinander, mit neu gewonnener Freiheit und Verbundenheit ausdrückt, soll Magnet für Menschen sein, die dem Geheimnis ihres Lebens auf der Spur sind.

(3) Viele Bibelwissenschafter neigen zur Annahme, dass dieser Lobpreis Gottes am Ende des Römerbriefes, ein späterer Zusatz ist. Der Verfasser dieser Verse wollte nicht nur den Brief mit einem kräftigen Schlussakkord ausklingen lassen, sondern dem Apostel Paulus ein ehrendes Denkmal setzen. Der Hinweis auf die „prophetischen Schriften“ und die Nennung des Zieles der Offenbarung des bisher verschwiegenen Geheimnisses: „um alle Heiden zum Gehorsam des Glaubens zu führen“, rechtfertigen die Annahme, dass mit den „prophetischen Schriften“ nicht die alttestamentlichen Bücher der Propheten gemeint sind, sondern vielmehr die Briefe des Apostel Paulus, unter diesen vor allem der Römerbrief. Vermutlich steht im Hintergrund der Vorgang der Auswahl verbindlicher Zeugnisse über Jesus Christus für die christlichen Gemeinden. Neben dem Alten Testament, das dem jüdischen Ursprung der Kirche geschuldet war und als Hinweis auf den kommenden Messias gelesen wurde, dürften die Paulusbriefe zu den „prophetischen Schriften“ gerechnet worden sein. Dieses Auswahlverfahren hat schließlich zur Kanonisierung (Festlegung) der neutestamentlichen Schriften geführt, die im Verlauf des 2. Jahrhunderts vor sich gegangen ist.

Vielleicht wird uns vor diesem Hintergrund der Klärung verbindlicher, identitätsstiftender, heiliger Schriften, die Bedeutung der geistlichen Schriftlesung für unser geistliches Leben in der Nachfolge Jesu bewusst. Viele Brüder und Schwestern und auch christliche Gemeinschaften beziehen ihre geistlichen Impulse aus der Lektüre der Heiligen Schrift. Die Verkündigung der Heiligen Schrift bildet einen Schwerpunkt der sonntäglichen, gottesdienstlichen Versammlung. Damit bekundet die Kirche, dass das Hören des Wortes Gottes fundamental ist.

Der erste Abschnitt des Briefes endet mit einem Lobpreis: „O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege!“ Der Verfasser des Zusatzes schließt ab: „Ihm, dem einen, weisen Gott, sei Ehre durch Jesus Christus in alle Ewigkeit! Amen.“

[1] Röm 2,11
[2] Röm 2,15.16
[3] Röm 5,12-8,39
[4] N. Baumert, Hochform 426, übersetzt: „... eine Botschaft vom Trauen unter allen Völkern bekannt gemacht worden ist...“ Das Evangelium des Apostels ist die Mitteilung von Gottes Heilshandeln für alle Menschen und nicht die Einforderung eines Gehorsams.


3. Adventsonntag 1 Thess 5,16-24

16 Freut euch zu jeder Zeit!
17 Betet ohne Unterlass!
18 Dankt für alles;
denn das will Gott von euch, die ihr Christus Jesus gehört. 19 Löscht den Geist nicht aus! 20 Verachtet prophetisches Reden nicht! 21 Prüft alles, und behaltet das Gute! 22 Meidet das Böse in jeder Gestalt!

23 Der Gott des Friedens heilige euch ganz und gar und bewahre euren Geist, eure Seele und euren Leib unversehrt, damit ihr ohne Tadel seid, wenn Jesus Christus, unser Herr, kommt. 24 Gott, der euch beruft, ist treu; er wird es tun.

 
(1) Texte, die wir spontan als schön empfinden und innerlich uneingeschränkt bejahen, weil sie klar und einleuchtend scheinen, sind in Gefahr, dass wir unsere eigene Botschaft aus ihnen herauslesen und nicht die der Autoren. Wir lesen im Text unsere eigene Biografie. Oft bleiben wir auch an der Oberfläche eingängiger Worte hängen. Das ruft ein Wort Dietrich Bonhoeffers in Erinnerung: "Wir müssen die biblischen Texte gegen uns selber lesen." Damit meint er, dass wir bereit sein müssen, uns vom biblischen Wort herausfordern zu lassen. Die Zumutung unseres "schönen" Lesungs-Textes ergibt sich aus dem Kontext.

Die heutige Lesung gehört zum Abschnitt der "Anweisungen für das Gemeindeleben". Sie sind das Resümee des Briefes und münden in einen Segenswunsch. Der Aufforderung, sich jederzeit zu freuen, gehen konkrete Anweisungen voraus: Die Mitglieder der Gemeinde sollen die Gemeinde-Leitung anerkennen, hochachten und lieben. Sie sollen untereinander Frieden halten und diejenigen zurechtweisen, die ein unordentliches Leben führen. Die Ängstlichen sollen sie ermutigen, sich der Schwachen annehmen und Geduld mit allen haben. Keiner soll Böses mit Bösem vergelten und alle sollen sich immer bemühen, einander und allen Gutes zu tun. Das ist das wirklich authentische Leitbild der Kirche. Für deren Verwirklichung formuliert Paulus praktische Weisungen, um aktuelle Herausforderungen zu bewältigen.

(2) Wer die Lesung liest, oder hört - und zwar gegen sich selber - und sich fragt, was will Gott mir damit sagen?, der anerkennt, dass es für die, die zu Jesus gehören, Gottes Wille ist, zunächst einmal die drei Imperative - "Freut euch zu jeder Zeit! Betet ohne Unterlass! Dankt für alles;" – als Grundlage zu verwirklichen.
Paulus betont in diesem Brief mehrmals, dass er durch den vorbildlichen Glauben der Gemeindemitglieder und das Wachsen der christlichen Gemeinde von Thessalonich, Freude erlebt. Diese Freude versteht er nicht zuletzt auch als Lohn für seine missionarischen Bemühungen.[1] Was aber bedeutet der Aufruf an die Brüder und Schwestern, sich jederzeit zu freuen? Eine solche Aufforderung ist doch eher ungewöhnlich. Kann man denn Freude befehlen?

Es geht dem Apostel nicht darum, Gefühle zu manipulieren, sondern er ist überzeugt, dass die Zugehörigkeit zu Jesus Christus, der tiefste und innerste Grund sich zu freuen ist. Sie bedeutet durch Jesu Christi Tod und Auferstehung, von Gott angenommen und erlöst zu sein und in unzerstörbarer Beziehung mit Jesus zu leben. Die Zugehörigkeit der Gemeindemitglieder zu Jesus Christus motiviert, sich zu freuen, zu beten und zu danken. Das Bewusstsein - zum Leben in Christus und mit Christus berufen zu sein, schafft einen Grundwasserspiegel freudiger und dankbarer Gestimmtheit, der es ermöglicht, sich jederzeit zu freuen.

Ohne Unterlass zu beten und für alles zu danken, sind eng miteinander verbunden. Beten meint vor allem Lobpreis Gottes. Wenn sich ein Jude an Gott wendet, ob in Freud oder Leid, spricht er: "Gepriesen bist Du Herr, unser Gott, Schöpfer der Welt;" erst dann folgen Bitten und Dank. Zuerst dankt er für das, was Gott ihm schon geschenkt hat, an Taten, die ihn froh gemacht haben, an Begegnungen und Erfahrungen. Dann erst wendet er sich in bittender Haltung an Gott. Jedoch noch nicht sofort mit einer konkreten Bitte, sondern er tritt in einen Dialog mit Gott darüber ein, was geschehen müsse.[2]

Die drei ersten "Befehle" des Apostels können wir als innere Bedingung für das spezifische Vorangehen in Unterscheidungsfragen der Gemeinde verstehen. Anschließend schreibt Paulus den Thessalonichern vier markante Leitsätze ins pfarrgemeindliche Stammbuch:

"Löscht den Geist nicht aus!" Das heißt: weiterhin das verkündete Wort mit Freude aufnehmen und bezeugend weitergeben (1 Thess 1,2-7). Und es heißt auch, der Berufung "heilig zu sein", zu folgen.[3]

"Verachtet prophetisches Reden nicht!" Offenbar hatte die Gemeinde noch nicht gelernt, Unterscheidungsprozesse kontrovers und konstruktiv durchzuführen. Die gemeinsame Suche nach dem, was Gott will, dass die Gemeinde tun soll, befand sich noch im Anfangsstadium. Jedenfalls sah sich der Apostel genötigt, der konstruktiven Kritik, dem ehrlichen Wort über den traurigen Zustand des Gottesvolkes in der Gemeinde-Versammlung, Raum zu geben.[4]

"Prüft alles, und behaltet das Gute!" Die Christen und Christinnen von Thessalonich waren nicht nur Bürger der Königsherrschaft Gottes, sondern auch des Römischen Reiches. Sie waren konfrontiert mit dem römischen Zeitgeist, mit römischen Leitbildern und Moden, mit deren Gewohnheiten und Gebräuchen. Nicht alles war mit ihrem Christsein vereinbar. Da Paulus nicht für alles Wählen und jedes Verhalten klare Handlungsanweisungen geben konnte, wollte er die Brüder und Schwestern befähigen, eine Vorgehensweise zu entwickeln und zu praktizieren, die ihnen hilft herauszufinden, was zu wählen und was zu verwerfen ist. Das betraf natürlich auch innerkirchliche Angelegenheiten.

"Meidet das Böse in jeder Gestalt!" Das Böse steht im Widerspruch zur Gottesherrschaft. Es hemmt deren Wachstum und beeinträchtigt das Zeugnis in der Nachfolge Jesu, sowohl der Einzelnen als auch der Gemeinde. Paulus mutet den Thessalonichern die Last der Unterscheidung zu. Sie müssen selbst herausfinden, was ihrem Leben aus der Taufgnade widerspricht und mit ihrer Berufung unvereinbar ist. Diese Zumutung bedeutet aber auch die Anerkennung, selbstverantwortlich, vor Gott, Entscheidungen treffen zu können.

Seine Anweisungen für die innere Voraussetzung zur Verwirklichung nachfolgender Leitsätze, um die Gemeinde in der Spur der Nachfolge Christi zu behalten, beendet der Apostel mit einem entlastenden Segenswunsch: "Der Gott des Friedens heilige euch ganz und gar und bewahre (euch) ... unversehrt, damit ihr ohne Tadel seid, wenn Jesus Christus, unser Herr, kommt." Paulus versichert die Thessalonicher der Hilfe Gottes im Umgang mit ihren Problemen. Gott wird ihnen zeigen, was sie zu tun haben und ihnen die Kraft geben, es zu tun.

Die Zusage, dass Gott treu ist und "es" tun wird, erinnert an die Ermutigung in Nehemia 8,10: "Macht euch keine Sorgen; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke".

(3) Mit den "Anweisungen für das Gemeindeleben" gibt Paulus den Thessalonichern seine Vision von Gemeinde (5,12-15) mit auf den Weg. Er gibt ihnen aber auch Prinzipien und eine Strategie an die Hand, die ihnen deren Verwirklichung ermöglichen soll (5,16-22). Nicht zuletzt erbittet er vom "Gott des Friedens" Hilfe für die Erfüllung ihres Auftrags (5,23-24). Ihr respektvolles Mit- und Füreinander als Brüder und Schwestern des Vaters im Himmel, ist unaufdringlich, aber sichtbar für den, der es sehen möchte. Macht dieser Text des Apostel Paulus nicht radikal und schmerzlich bewusst, woran es unseren Gemeinden und unserer Kirche wirklich fehlt?

[1] 1 Thess 2,19f; 3,9
[2] N. Baumert, Weg des Trauens, 332: „Wie viele Anläufe zum Bittgebet verlaufen im Sande, weil der Mensch sich auf diesen Klärungsprozess überhaupt nicht einlässt, sondern meint, Gott müsse sofort gerade das tun, worum der Mensch selbst ihn jetzt bittet."
[3] H.-J. Venetz/S. Bieberstein, Bannkreis 37: „‚Ziemlich oft spricht Paulus von unserer Heiligkeit und von unserer Heiligung. So schreibt er an einem Ort, wenn ich mich recht erinnere: Das ist der Wille Gottes: eure Heiligung. An einem anderen Ort schreibt er: Gott hat uns nicht zur Lasterhaftigkeit berufen, sondern zur Heiligung, und er bittet für uns, dass unsere Herzen gefestigt seien, untadelig in Heiligkeit vor unserem Gott bei der Ankunft unseres Herrn Jesus, und am Schluss des Briefes wünscht er: Der Gott des Friedens heilige euch ganz und gar. Ich verstehe das so, dass wir uns das ganze Leben hindurch heiligen sollen oder besser heiligen lassen sollen. Das ist eigentlich das einzige Gebot, das wir haben.’"
[4] H.-J. Venetz/S. Bieberstein, Bannkreis 40: „‚Paulus kritisiert unser Volk, das ist wahr. Aber haben das die Propheten nicht auch gemacht? Es wird doch niemandem einfallen, all die kritischen Worte der Propheten gegen Israel aus unseren Heiligen Schriften herauszustreichen.’"


2. Adventsonntag 2 Petr 3,8-14

Das eine aber, liebe Brüder, dürft ihr nicht übersehen: dass beim Herrn ein Tag wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag sind.[1] 9 Der Herr zögert nicht mit der Erfüllung der Verheißung, wie einige meinen, die von Verzögerung reden; er ist nur geduldig mit euch, weil er nicht will, dass jemand zugrunde geht, sondern dass alle sich bekehren.
10 Der Tag des Herrn wird aber kommen wie ein Dieb. Dann wird der Himmel prasselnd vergehen, die Elemente werden verbrannt und aufgelöst, die Erde und alles, was auf ihr ist, werden (nicht mehr) gefunden.[2]

11 Wenn sich das alles in dieser Weise auflöst: wie heilig und fromm müsst ihr dann leben, 12 den Tag Gottes erwarten und seine Ankunft beschleunigen! An jenem Tag wird sich der Himmel im Feuer auflösen, und die Elemente werden im Brand zerschmelzen. 13 Dann erwarten wir, seiner Verheißung gemäß, einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt.

14 Weil ihr das erwartet, liebe Brüder, bemüht euch darum, von ihm ohne Makel und Fehler und in Frieden angetroffen zu werden.


(1) Der Zweite Petrusbrief wurde wahrscheinlich in den Jahren 64/65 n. Chr. in Rom vom Apostel Petrus geschrieben. Er wendet sich in diesem Schreiben ausnahmslos an alle Christen. Es ist sein Vermächtnis, da er seine Lebenszeit an sein nahes Ende gekommen sieht.[3]

Petrus will den Glauben seiner Leser durch die Festigung ihrer Hoffnung auf das Wiederkommen Christi und durch die Warnung vor Irrlehrern stärken. Im 2. Kapitel des Briefes beschreibt er das Auftreten und Wirken von Irrlehrern. Gegen die „Verzögerungs-Spötter“ argumentiert er in der heutigen Lesung.

In den Gemeinden sind Leute aufgetreten, die aufgrund des Nicht-Eintretens der Naherwartung, ihren Glauben aufgegeben haben. Weil das verheißene, nahe Ende noch nicht angebrochen ist, sich also verzögert, warfen sie ihren Glauben an Jesus Christus über Bord. Aufgrund der Nichterfüllung der Naherwartungs-Verheißungen waren der Kirche und den Gemeinden tatsächlich große Probleme entstanden, deren zersetzende Wirkung wir heute vielleicht nicht mehr begreifen.

Unter Naherwartung versteht man „die Vorstellung vom unmittelbaren Bevorstehen des Weltendes und des damit verbundenen endgültigen Anbruchs des Reiches Gottes bzw. der Parusie des Menschensohnes mit den endzeitlichen Ereignissen der Auferstehung der Toten und des Weltgerichts.“[4] Die synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas) zeigen nicht nur, dass mit Jesus das Reich Gottes bereits angebrochen ist, sondern auch, dass die gegenwärtige Generation den endgültigen Anbruch des Reiches Gottes erleben wird. So sagt Jesus in Markus 9,1: „Amen, ich sage euch: Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht erleiden, bis sie gesehen haben, dass das Reich Gottes in (seiner ganzen) Macht gekommen ist.“[5]

Wie sind die biblischen Schriftsteller mit diesem Problem umgegangen? Zunächst folgte man der Meinung, dass das Ende tatsächlich nahe bevorsteht (1 Thess 4,15-17[6]). Eine andere Einstellung taucht in 2 Thess 1,4-7 auf: Die Verfolgungen und Nöte der Gemeinde werden als notwendige Bewährung vor der Parusie (Wiederkunft Christi) verstanden. Schließlich wird vor einer übertriebenen Naherwartung, die sogar als Irrlehre bezeichnet wird, gewarnt (2 Thess 2,2-8).

(2) Dass das Ausbleiben der Parusie zu einem immer größeren Problem für die Gläubigen wurde, hat seinen Niederschlag in der heutigen Lesung gefunden. Weil sich die Parusie-Verheißung nicht erfüllt hat, haben einige Christen nicht nur ihren Glauben aufgegeben, sondern auch Gott in Frage gestellt. Ihr Argument lautet: „Wo bleibt denn seine verheißene Ankunft? Seit die Väter[7] entschlafen sind, ist alles geblieben, wie es seit Anfang der Schöpfung war.“[8] Petrus weist zunächst darauf hin, dass vor der Ewigkeit Gottes, sich die Zeitfrage gänzlich relativiert. Die mit der Uhr messbare Zeit ist nur für uns Menschen von Bedeutung, nicht aber für Gott. Das entscheidende Argument für das Ausbleiben der Parusie ist aber die Geduld Gottes. Er will, dass alle umkehren und niemand zugrunde geht, wenn der „Tag Gottes“ überraschend wie ein Dieb hereinbricht. Der Verfasser begründet das Kommen Christi in Herrlichkeit am „Tag Gottes“ mit der Offenbarung am Berg der Verklärung in Markus 9,1-10.[9] Auf dem Berg haben die Apostel die Herrlichkeit Christi geschaut. Gott gab ihm Ehre und Herrlichkeit und offenbarte ihn als seinen geliebten Sohn, der ganz nach seinem Geschmack ist. Die Erfahrung der Verklärung Jesu begründet und gewährleistet die zukünftige Erfüllung der Verheißung. Die Begründung baut auf das Wort Gottes und der Offenbarung Jesu als Sohn.

(3) Wie sollen wir als Christen angesichts der (noch) nicht erfüllten Naherwartung unser Leben gestalten? In Jesus von Nazaret hat Gottes „schon immer auf die Welt zukommende Gnade endgültig ihr Ziel erreicht. Damit ist Endzeit. Wenn das Reich Gottes trotzdem noch nicht in seiner ganzen Fülle da ist, so liegt das nicht daran, dass Gott es noch zurückhält, sondern daran, dass wir es noch nicht voll ergriffen haben. Überall ist noch Unglaube. Das Reich Gottes kann noch nicht volle Realität werden. Was mit Christus schon da ist, hat sich noch nicht durchgesetzt. Aber das liegt nicht an Gott. Es liegt an uns, an unserer mangelnden Umkehr. Von Gott her gesehen ist alles da, ist alles angeboten. Wir müssten es nur ergreifen.“[10]

Genau das will uns auch die heutige Lesung sagen: Wir können die Ankunft des Herrn in Herrlichkeit durch ein „heiliges und frommes“ Leben beschleunigen.


[1] Vgl. Psalm 90,4
[2] 3,10 die Erde und alles, was auf ihr ist, wörtlich: die Erde und die Werke auf ihr. - Die eingeklammerten Worte „nicht mehr“ finden sich nur bei wenigen Textzeugen, sind aber für den Sinn des Satzes notwendig.
[3] 2 Petr 1,14
[4] Finkenzeller, Naherwartung, LdkD, 386
[5] Vgl.: Mk 13,28-30: „Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. Genauso sollt ihr erkennen, wenn ihr (all) das geschehen seht, dass das Ende vor der Tür steht. Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles eintrifft.“ Mt 10,23: „Wenn man euch in der einen Stadt verfolgt, so flieht in eine andere. Amen, ich sage euch: Ihr werdet nicht zu Ende kommen mit den Städten Israels, bis der Menschensohn kommt.“
[6] Siehe: 32. Sonntag, Lesejahr A
[7] 3,4 die Väter: die Christen der ersten Generation.
[8] 2 Petr 3,4
[9] 2 Petr 1,16-18
[10] N. Lohfink, Verharmlosung, 30f


1. Adventsonntag  B                                                1Kor 1,3-9

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Ich danke Gott jederzeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch in Christus Jesus geschenkt wurde, 5 dass ihr an allem reich geworden seid in ihm, an aller Rede und aller Erkenntnis. 6 Denn das Zeugnis über Christus wurde bei euch gefestigt, 7 so dass euch keine Gnadengabe fehlt, während ihr auf die Offenbarung Jesu Christi, unseres Herrn, wartet. 8 Er wird euch auch festigen bis ans Ende, so dass ihr schuldlos dasteht am Tag Jesu, unseres Herrn.[1]

9 Treu ist Gott, durch den ihr berufen worden seid zur Gemeinschaft mit seinem Sohn Jesus Christus, unserem Herrn.








(1) "Gnade sei mit euch und Friede von Gott." Dieser Gruß, den Paulus an den Beginn seines Briefes an die Korinther setzt, ist ein "frommer Wunsch" mit dem er seinen Brief beginnt. Jedenfalls eignet sich dieser auch als Hoffnungswort für das neue Kirchenjahr, das wir uns immer neu einander zusprechen sollten: Wir sind berufen Empfänger und Träger der Gnade und des Friedens Gottes zu sein.

Das ist heute mindestens so wichtig wie damals. Paulus sah sich mit einer unerfreulichen Situation konfrontiert. Die Gemeinde von Korinth war eine lebendige, selbstbewusste, aufstrebende Gemeinde, die von sich Reden machte, vor allem wegen ihrer Gnadengaben, den sogenannten Charismen. Diese trugen aber nur teilweise zur Auferbauung der Gemeinde bei. Der positive Anteil wurde durch negative Auswirkungen überdeckt wenn die Gnadengaben nicht in den Dienst des Reiches Gottes gestellt wurden, sondern der Mehrung des eigenen Ansehens dienen sollten. Dies führte zu Prahlerei, Ehrsucht, Neid und Eifersucht. Diese Ichbezogenheit vieler gemeindlicher Aktivitäten führte die Gemeinschaft der Christen in Korinth an den Rand des Abgrunds einer Spaltung.

(2) Paulus erinnert die Brüder und Schwestern in Korinth daran, wie Gott an ihnen gehandelt hat und wohin er sie führen will. Es ist ein Weg, der mit der Annahme des Glaubens, den der Apostel und andere ihnen vermittelten, begonnen hat. Dieser Weg mündet in den "Jüngsten Tag", den Tag der "Offenbarung Jesu Christi, unseres Herrn." Irgendwo, zwischen diesen beiden Punkten ist die Christengemeinde von Korinth unterwegs. Offensichtlich ist Paulus überzeugt, dass er die Korinther erinnern muss, dass Gottes Gnade sie auf ihrem Weg begleitet.

Die große Gnade, die ihnen zuteil geworden war, ist Jesus Christus. Er ist zunächst und vor allem ein Geschenk Gottes, die Gnadengabe schlechthin. Gott hat sie zur Gemeinschaft mit seinem Sohn Jesus Christus berufen. Paulus war das Werkzeug Gottes, der ihnen die Botschaft vom gekreuzigten und auferstandenen Christus gebracht hat. Sie selbst haben den Verkündigten, Christus, auf- und angenommen. In der Gemeinschaft mit ihm haben sie ihr Leben neu orientiert und Vielem den Rücken gekehrt. Der Preis, den sie für den Eintritt in die Christengemeinde bezahlt haben war hoch. Dafür aber wurden sie durch die vielen Schwestern und Brüder entschädigt, die nun mit ihnen demselben Ziel entgegengingen. Die Gemeinschaft mit Jesus Christus, ihre Solidarität untereinander, sowie ihr gemeinsames Unterwegssein bedeuteten einen großen Reichtum. Sie sind sich ihrer Verantwortung für die Gemeinde und ihrer Begabungen[2] bewusst geworden.

Gott schenkte ihnen auch die Gnade „an aller Rede und aller Erkenntnis“ reich zu werden, was sie zum Zeugnis für Jesus befähigte. Für ihr Leben in, mit und durch Jesus Christus haben sie Zeugnis abgelegt. Das festigt und stärkt ihren Glauben, der Halt und festen Boden unter den Füßen gibt. Die innige Verbundenheit mit Jesus wird sie bei der "Offenbarung Jesu Christi" das volle Licht des wiederkommenden Herrn schauen lassen.

Schon über Stephanus hat sich der Himmel geöffnet und er "sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen (Apg 7,55)." Als Paulus sich Damaskus näherte, umstrahlte ihn ein Licht und Jesus sprach zu ihm (Apg 9,3). Gott hat ihm seinen Sohn geoffenbart, dass er ihn unter den Heiden verkündige (Gal 1,16). Diese Offenbarungs-Erfahrungen werden noch überstrahlt beim Wiederkommen des Herrn am "Jüngsten Tag", an dem der Menschensohn die von ihm Auserwählten zusammenführen wird (Mk 13,27).

(3) In der Adventszeit, der dunkelsten Zeit des Jahres, haben Kerzen und Licht eine große Bedeutung. "Denn die erwartete Ankunft Jesu, seine Wiederkunft, wird umfassendes Licht in unserer Finsternis sein. Dieses Licht wird nicht nur offenlegen, sondern auch wärmen und verwandeln."[3]


[1] 1,8 Gemeint ist die Wiederkunft Christi in Herrlichkeit zum Gericht und zur Vollendung der Welt (vgl. 15,23-28).
[2] Sie erlebten, dass ihre Begabungen - vergleichbar mit einem Strauß schönster Wiesenblumen - an Farbe und Buntheit zugenommen haben. Aber gerade was die Begabungen betrifft, mussten sie schmerzlich lernen, dass sie nur dann ans Ziel kommen wenn sie in den Dienst der Gottesherrschaft gestellt werden. Dann erst präsentiert sich ihr Blumenstrauß in voller Pracht. Wie im Gleichnis von den zwei Dienern, die mit ihren anvertrauten Gaben gut wirtschafteten und sie verdoppelten und als Belohnung die ursprünglich anvertrauten Gaben vermehrt wurden.
[3] K. Berger, Briefe, 135


34.Christkönig                1 Kor 15,20-26.28

20 Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen. 21 Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist,[1] kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten. 22 Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.

23 Es gibt aber eine bestimmte Reihenfolge: Erster ist Christus; dann folgen, wenn Christus kommt, alle, die zu ihm gehören.[2] 24 Danach kommt das Ende, wenn er jede Macht, Gewalt und Kraft vernichtet hat und seine Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt. 25 Denn er muss herrschen, bis Gott ihm alle Feinde unter die Füße gelegt hat.[3] 26 Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod.

28 Wenn ihm dann alles unterworfen ist, wird auch er, der Sohn, sich dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott herrscht über alles und in allem.


 
(1) Hinsichtlich der Auferstehung spricht Paulus mit aller wünschenswerten Klarheit: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos.“ Einige Verse später betont er: „Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen.“[4] Es geht bei der Auferstehung aber nicht nur um den Sinn seiner Verkündigung und um den Glauben der Menschen, sondern auch um das Ziel menschlichen Lebens. Aus dem Munde eines Zeitgenossen des Paulus in Korinth hört sich das so an: „‚Ich möchte wissen, was in meinem Tod und nach meinem Tod passiert. Ich möchte wissen, ob mich dann all das, was hier geschieht, in unserer Stadt, in unserer Gemeinde Gottes, all das, wofür ich mich eingesetzt habe und einsetze, ob mich all das noch etwas angeht. Ich möchte wissen, ob die Herrschaft des Christus auch über meinen Tod hinaus mich meint, mich ganz persönlich.’“[5] Und heute am Christkönigssonntag interessiert natürlich auch die Frage, ob und wie Jesus Christus als König herrscht.

(2) Für die Korinther ist Pauls Verkündigung der Auferstehung Jesu viel schwerer zu verstehen und anzunehmen, als für die Juden, die durch ihre Heiligen Schriften darauf vorbereitet sind. Erinnern wir uns an die Überlieferung vom Auftreten des Apostels in Athen und seiner Abfuhr als er von der Auferstehung Jesu zu reden begann.[6]

Paulus verkündet, dass Gott Jesus Christus von den Toten auferweckt hat. Wie Jesus Mensch für andere war, so dient auch seine Auferweckung nicht seiner Selbstbestätigung, sondern uns Menschen. Sie steht im Dienste unserer Rettung. Paulus bringt dies im Bild von der Erstlingsgabe („der Erste“) zum Ausdruck. Sie wird als erste Erntegabe Gott stellvertretend für die gesamte Ernte dargebracht. Symbolisch wird die Ernte Gott dankend übereignet und aus seiner Hand entgegengenommen. Damit wird anerkannt, dass er der Spender aller guten Gaben ist. Das Bild besagt: „Die Auferstehung Jesu ist nicht nur die erste in einer langen Kette von Auferstehungen, die Gott verheißt, sondern die eine Auferstehung, in der alle anderen Auferstehungen begründet sind.“[7]


Was Paulus im Bildwort andeutete, das hat er anschließend in der Kontrast-Parallele Adam-Jesus verdeutlicht. Adams Schuld hat der Welt Unheil gebracht. Er hat sich gegen Gott aufgelehnt und wollte selbst wie Gott sein und hat so den Tod für sich und alle Menschen nach sich gezogen. Aber das sollte nicht das Ende sein. Das, was Gott mit dem Menschen (Adam) noch vorhat wird endgültig sichtbar in Jesus Christus, durch den die Auferstehung kommt. Der, welcher der Welt das Heil bringt, muss selber Mensch sein, das Leben eines Menschen führen und den Tod eines Menschen erleiden.

„In Adam“ sterben alle, weil sie sündigen und ihre Sünden Ausdruck des Widerspruchs gegen Gott und die Mitmenschen sind. „In Christus“ dagegen werden alle lebendig gemacht, weil in denjenigen, die „in Christus“ sind, bereits der Geist des Lebens wirkt, der sie künftig zur Auferstehung führen wird.

(3) Der Text manifestiert anschließend folgenden Ablauf der heilsgeschichtlichen Ereignisse: „Auferstehung Jesu – Sitzen Jesu zur Rechten des Vaters – der Vater besiegt für Jesus die Feinde des Menschen – der letzte Feind ist der Tod – Jesus kommt wieder – die Auferstehung der Toten kann geschehen, denn der Tod ist besiegt... Dann folgt die ‚Unterwerfung’ des Sohnes unter den Vater, auf dass Gott alles in allem sei.“[8]
Jesus Christus regiert jetzt als König. Er herrscht seit seiner Auferstehung und Erhöhung zur Rechten des Vaters, bis zu seiner Wiederkunft. In dieser Zwischenzeit seit Jesu Erhöhung bis zu seinem Wiederkommen leben wir jetzt. Die Zeit der Herrschaft Christi ist geprägt durch den Kampf gegen die menschenfeindlichen Herrschaften, Gewalten und Mächten. Es sind die, den Menschen verachtende Ideologien, wie Nationalismus, Rassismus, Faschismus, Kommunismus, Militarismus, Kapitalismus und jede Art von Totalitarismus. Die hauptsächlichen Mächte sind Geiz und Neid.

Das Ende kommt dann, „‚wenn jede Macht und Herrschaft und Gewalt dem Christus unter die Füße gelegt sein wird, dass der letzte Feind, der entmachtet wird, der Tod ist und dass sich letztlich der Sohn mit allem, was er sich unterworfen hat, selbst dem Vater unterwerfen wird, damit Gott alles in allem ist.’’’[9] Dass Gott alles in allem ist bedeutet, dass er alles mit seiner Herrlichkeit erfüllt.


[1] Gen 3,17-19
[2] 1 Thess 4,15
[3] Ps 110,1 und Ps 8,7
[4] 1 Kor 15,14.19
[5] H.-J. Venetz/S. Bieberstein, Bannkreis, 141f
[6] Apg 17,31f: „Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, spotteten die einen, andere aber sagten: Darüber wollen wir dich ein andermal hören.“
[7] Th. Söding, Gottessohn, 79
[8] K. Berger, Briefe, 219
[9] H.-J. Venetz/S. Bieberstein, Bannkreis, 140


33. Sonntag im Jahreskreis 1 Thess 5,1-6


1 Über Zeit und Stunde, Brüder, brauche ich euch nicht zu schreiben. 2 Ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht.

3 Während die Menschen sagen: Friede und Sicherheit!, kommt plötzlich Verderben über sie wie die Wehen über eine schwangere Frau, und es gibt kein Entrinnen.

4 Ihr aber, Brüder, lebt nicht im Finstern, so dass euch der Tag nicht wie ein Dieb überraschen kann. 5 Ihr alle seid Söhne des Lichts und Söhne des Tages. Wir gehören nicht der Nacht und nicht der Finsternis. 6 Darum wollen wir nicht schlafen wie die anderen, sondern wach und nüchtern sein.

(1) Die Fähigkeit zu delegieren ist eine „not-wendende“ Begabung für Manager, die viel um die Ohren haben. Da Delegation immer mit Vertrauen verbunden ist, will sie auch gut überlegt sein. Nach der Eisenhower-Matrix sollen Angelegenheiten, die dringend, aber nicht wichtig sind, abgetreten werden, damit Zeit frei wird, für solche, die wichtig, aber nicht dringend sind.

Wenn Delegation Abtreten von Verantwortung bedeutet, kann sie verhängnisvoll sein, weil sie die Selbstbestimmung gegen Fremdbestimmung eintauscht. Leider fördert der Staat die Abtretung der Kompetenzen der Individuen, weil er zu einem nimmersatten Moloch neigt und dem Hang des Menschen zur Bequemlichkeit entgegenkommt. So nimmt die entmündigende Delegation ihren Lauf. Wir delegieren und wiegen uns in bequemer, falscher Sicherheit und bauen auf einem Fundament, das sehr fragil ist. Der Christ jedenfalls darf seine Verantwortung, die er mit der Taufe übernommen hat, nicht delegieren.

(2) Paulus konnte die besorgten Thessalonicher beruhigen. Ihre lieben Verstorbenen sind von der Begegnung mit dem wiederkommenden Christus am „Tag des Herrn“ nicht ausgeschlossen. Zusammen mit den Lebenden werden sie an der Herrlichkeit des kommenden Christus teilhaben. So konnte Paulus den besorgniserregenden Aspekt der „Wiederkunft des Herrn“ als Missverständnis entschärfen. Um den Thessalonichern zu erklären, dass die Trennung von lieben Verstorbenen keine endgültige ist, hat er ihren Blick in die Zukunft auf den „Tag des Herrn“ gelenkt. Das Heil für die Lebenden und Verstorbenen, das sich bei der Wiederkunft des Herrn endgültig vollendet, ist eine große, verheißene Gabe Gottes.

Jetzt aber liegt dem Völkerapostel viel daran, ihren Blick in die Zukunft zurück auf die konkrete Gegenwart zu lenken. Das christliche Engagement im Hier und Heute wird inspiriert und befeuert, nicht nur durch die Taufe, sondern auch vom Ende her, von der Begegnung mit dem wiederkommenden Herrn. Die Verheißung der Herrlichkeit - in der Zukunft - gibt ihnen Kraft und Zuversicht für die Gegenwart, birgt jedoch auch die Gefahr, in der Wachsamkeit, Konzentration und Einsatzbereitschaft im Dienst des Herrn nachzulassen.

Paulus verwendet das Bild vom einbrechenden Dieb, um die Konsequenz des Unvorbereitet-Seins auf den „Tag des Herrn“, oder dessen "Verschlafen", aufzuzeigen. Der Tag des Herrn kommt dann wie ein Dieb. Wenn ich keine Maßnahmen gegen den Einbruch getroffen habe, wird der Dieb ungehindert zu seiner Beute kommen. Es geht dabei nicht um irgendein Raubgut, sondern um mein Leben.[1]

Paulus warnt auch vor dem Slogan der römischen Staatspropaganda: Frieden und Sicherheit (pax et securitas). Er trägt nicht wirklich und ist nur dünnes Eis unter den Füßen und könnte dazu verleiten sein Lebenshaus auf Sand[2] zu bauen. Der "Tag des Herrn" ist so natürlich und unausweichlich, wie die Geburtswehen bei einer Schwangeren. Niemand kann ihm entweichen. Als Söhne und Töchter des Lichtes, wird der "Tag des Herrn" für die Christen in Thessalonich nicht die negativen Folgen haben, wie für die Söhne und Töchter der Finsternis, die das Licht - Jesus Christus - nicht aufnahmen und nicht an ihn glauben.

Paulus ermutigt die Thessalonicher an Jesu Projekt der Befreiung der Menschen von Fremdbestimmung und ihrer Versöhnung mit Gott, mitzuwirken. Sie sollen die ihnen geschenkte Zeit der Bewährung zu einem intensiven, christlichen Leben nutzen. Es ist der Schlüssel zum Aussperren des Diebes, der in der Nacht einbricht, und der Weg zur Begegnung mit dem wiederkehrenden Herrn. Im Alltagsleben dürfen das Ziel und der Weg zum Ziel niemals aus dem Blick verloren gehen. In dieser Hinsicht gilt es wachsam und nüchtern zu sein.

(3) Hören wir abschließend hinein in das fiktive Gespräch einiger Christen in Thessalonich: „‚Wenn wir uns immer so schwer tun, den Tod Jesu zu verstehen - hier ist der Sinn gut angegeben: Er ist für uns gestorben, das heißt mit uns bis zum letzten solidarisch geworden, damit wir vereint mit ihm leben. Ein Leben mit ihm wäre überhaupt nicht möglich, wenn er nicht bis zum Äußersten gegangen wäre. Mit ihm leben: das könnte doch der Sinn unseres Lebens sein - und unseres Sterbens... Mit ihm sind wir als Lebende, mit ihm kämpfen wir für die Befreiung der Welt und der Menschen, kämpfen mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil.'"[3]

[1] Vgl. Mt 24,43-51
[2] Bergpredigt: Das Leben baut auf Fels, wer Jesu Wort hört und danach handelt. Auf Sand baut sein Leben, wer Jesu Wort hört und nicht danach handelt.
[3] H.-J. Venetz/S. Bieberstein, Bannkreis, 69


32. Sonntag im Jahreskreis 1 Thess 4,13-18

13 Brüder, wir wollen euch über die Verstorbenen nicht in Unkenntnis lassen, damit ihr nicht trauert wie die anderen, die keine Hoffnung haben.[1] 14 Wenn Jesus - und das ist unser Glaube - gestorben und auferstanden ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen. 15 Denn dies sagen wir euch nach einem Wort des Herrn: Wir, die Lebenden, die noch übrig sind, wenn der Herr kommt, werden den Verstorbenen nichts voraushaben.

16 Denn der Herr selbst wird vom Himmel herabkommen, wenn der Befehl ergeht, der Erzengel ruft und die Posaune Gottes erschallt. Zuerst werden die in Christus Verstorbenen auferstehen; 17 dann werden wir, die Lebenden, die noch übrig sind, zugleich mit ihnen auf den Wolken in die Luft entrückt, dem Herrn entgegen. Dann werden wir immer beim Herrn sein.

18 Tröstet also einander mit diesen Worten!

 
 
(1) Was wird mit unseren Lieben sein die sterben, bevor Jesus wiederkommt? Werden wir dann für immer von denen getrennt sein, die uns nahe standen, von der Gattin, dem Sohn, der Freundin, dem Bruder? Wird das Glück, den wiederkehrenden Herrn Jesus Christus zu empfangen, getrübt durch das Unglück der Trennung von denen, die zwar gehofft hatten beim Fest der Parusie[2] dabei zu sein und ihr Leben darauf hin ausgerichtet haben, nur leider vor diesem Ereignis gestorben sind? Diese Fragen stellten sich die Christen in Thessalonich, die die Wiederkunft des Herrn schon bald erwarteten.

Für manche Hinterbliebene in der Christengemeinde von Thessalonich hat der Verlust eines geliebten Menschen die Vorfreude auf die Wiederkunft des Herrn radikal reduziert. Im Gespräch unter Brüder und Schwestern mag sich das Problem so angehört haben: „‚Wir haben in unserer Gemeinde mehrere Todesfälle zu beklagen, die uns hart treffen. Einige von uns kommen darüber nicht so recht hinweg. Mitten in unserem großen Aufbruch ist uns Aristia, die Frau des Demetrius... weggestorben. Warum nur? Es ist doch, als ob sie nicht dabei sein dürfte, wenn unser Herr kommt. Aristia war eine große Stütze unserer Gemeinde. Und wir waren echte Freundinnen... Ich weiß, man sollte das nicht so sagen; aber es macht nicht viel Sinn, den Herrn zu erwarten, wenn die Liebsten doch nicht mehr da sind, wenn sie bei seiner Ankunft doch nicht mitfeiern können.’“[3]

(2) Paulus, der sich nicht nur als Verkünder des Evangeliums versteht, sondern auch Seelsorger sein will, geht auf diese Frage ein, die die Christen in Thessalonich umtreibt: Er will sie trösten und sie „über die Verstorbenen nicht in Unkenntnis lassen.“ Sie sollen nicht trauern „wie die anderen, die keine Hoffnung haben.“ Was die Christen von den „anderen“, den Heiden, unterscheidet ist also ihre Hoffnung. Worauf bauen die Heiden und Neuheiden ihr Leben? Worin besteht ihre Hoffnung? Sie beten falsche Götter, Götzen, leblose, von Menschenhand hergestellte Gebilde an. Sie sind tot, nicht lebendig. Die Thessalonicher haben sich von diesen abgewandt, um den wahren, lebendigen Gott anzubeten. Und dieser Gott, der in der Geschichte handelt, hat seine Lebendigkeit nicht zuletzt dadurch erwiesen, dass er Jesus zum Leben erweckt hat.

Im ältesten seiner Briefe schon stellt Paulus den Zusammenhang zwischen der Auferstehung Jesu und der Auferstehung aller „in Christus Verstorbenen“ her. Die, die bei der Wiederkunft Jesu noch leben, haben keinen Vorteil gegenüber denen, die schon gestorben sind. Es kommt nicht auf die Begegnung von Angesicht zu Angesicht am „Jüngsten Tag“ an, sondern vielmehr auf das Leben aus der Taufgnade, auf das Leben „in Christus“. Eine Witwe, Juliane mit Namen, in Thessalonich hat ihre Hoffnung - vermittelt durch Paulus - so ausgedrückt: „‚Für Paulus scheinen die Toten nicht einfach tot zu sein. Sie schlafen auch nicht nur und warten auf eine Auferstehung am Jüngsten Tag. Sie sind in Christus... Und dann sagt Paulus noch ein zweites: Wenn der Christus kommt, dann werden auch die Verstorbenen in Christus mit ihm kommen. Auch das glaube ich. Und das genügt mir. ‚Verstehe ich dich recht, sagte Andronikus, ‚wenn wir beten oder singen Komm, Herr Jesus, dann bitten wir auch, dass die Verstorbenen mit ihm kommen?’ ‚Das ist es ja, was ich so tröstlich finde, antwortete Juliane.’“[4]

Mit dieser Hoffnung lässt es sich gut sterben, aber auch gut leben. Mit unseren Verstorbenen sind wir eins „in Christus Jesus“. Der physische Tod kann uns weder von Christus, noch von unseren Lieben trennen. Zur christlichen Gemeinde gehören, sowohl die „in Christus“ Lebenden, als auch die „in Christus“ Verstorbenen. Darauf gründet die Hoffnung der Christen. Paulus bezieht sich in seiner Argumentation nicht auf eigene Überlegungen oder eine Offenbarung des Auferstandenen, sondern auf ein Wort des irdischen Jesus.[5]

(3) Das Geschehen von Jesu Tod und Auferstehung - der Grund unserer Hoffnung - ist noch nicht abgeschlossen. Es reicht bis an unser Ufer: „‚Ich verstehe das so, dass Tod und Auferstehung eben nicht ein Ereignis ist, das in der Vergangenheit ein für allemal abgeschlossen ist, sondern dass die Erfüllung dieses Ereignisses noch aussteht. Unser Glaube blickt nicht nur auf das einmalige gestorben und auferstanden Jesu, sondern spannt sich zugleich aus nach Jesu Ankunft im Triumphzug.’“ Die Auferstehung Jesu ist gewissermaßen der Beginn seines Triumphzuges, der Vollendung findet, wenn er bei uns ankommt und so die Befreiung vollenden wird.[6] Mit den Hoffnungsworten des Apostels – aus der heutigen Lesung - dürfen wir guten Gewissens einander Trost spenden, wenn wir den Verlust eines lieben Menschen betrauern.


[1] Wie der Zusammenhang 4,13-18 zeigt, entsprang die Sorge der Thessalonicher um ihre Toten nicht einem Zweifel an der Auferstehung überhaupt, sondern der Ungewissheit, ob die bereits Verstorbenen ebenfalls am nahe erwarteten Tag des Herrn teilnehmen würden.
[2] Wiederkunft des Herrn
[3] H.-J. Venetz/S. Bieberstein, Bannkreis, 57
[4] H.-J. Venetz/S. Bieberstein, Bannkreis, 61
[5] Th. Söding, Gottessohn, 90, sieht in den Versen 16f das Jesuswort, „freilich nicht im Originalton, sondern in der paulinischen Applikation.“
[6] H.-J. Venetz/S. Bieberstein, Bannkreis, 64
    


31. Sonntag im Jahreskreis 1 Thess 2,7b-9.13

 
7b Wir sind euch freundlich begegnet: Wie eine Mutter für ihre Kinder sorgt, 8 so waren wir euch zugetan und wollten euch nicht nur am Evangelium Gottes teilhaben lassen, sondern auch an unserem eigenen Leben; denn ihr wart uns sehr lieb geworden.
9 Ihr erinnert euch, Brüder, wie wir uns gemüht und geplagt haben. Bei Tag und Nacht haben wir gearbeitet, um keinem von euch zur Last zu fallen, und haben euch so das Evangelium Gottes verkündet.
13 Darum danken wir Gott unablässig dafür, dass ihr das Wort Gottes, das ihr durch unsere Verkündigung empfangen habt, nicht als Menschenwort, sondern - was es in Wahrheit ist - als Gottes Wort angenommen habt; und jetzt ist es in euch, den Gläubigen, wirksam.

 
(1) "Und jetzt ist es (Gottes Wort) in euch, den Gläubigen, wirksam." Mit diesen Worten endet der heute verkündete Abschnitt aus dem 1. Brief des Apostels Paulus an die Thessalonicher. Dieser Spitzensatz vertieft die Aussage vom vergangenen Sonntag, dass "das Wort des Herrn aber nicht nur nach Mazedonien und Achaia gedrungen ist, sondern überall euer Glaube an Gott bekannt geworden ist." Paulus kann also mit Dankbarkeit und Freude feststellen, dass sein und seiner Gefährten - Silvanus und Timotheus - Verkündigungstätigkeit unter den Thessalonichern, trotz mancher Hindernisse, Frucht getragen hat.

Der Völkerapostel ist sich bewusst, dass Gott hier am Werk war, dass es aber doch auch seines und seiner Gefährten Einsatzes bedurfte. Aber das allein hätte noch nicht genügt: auf Seiten der Thessalonicher brauchte es die Bereitschaft, sowohl die Boten als auch ihre Botschaft, das verkündete Evangelium, aufzunehmen.

(2) Nachdem Paulus im Brief an die Schwierigkeiten erinnerte, mit denen er bei seinen anfänglichen Bemühungen konfrontiert worden war, beschreibt er, wie er und Silvanus eine Beziehung zu den Christen und Christinnen in Thessalonich aufgebaut haben. Sie sind ihnen freundlich begegnet und waren ihnen mit mütterlicher Sorge zugetan. Die Boten des Evangeliums Gottes sind den Menschen, die sie für Christus gewinnen wollten, so begegnet, wie Christus ihnen begegnet ist. Paulus hat die große Liebe Gottes in der Begegnung mit seinem Sohn vor Damaskus erfahren. Er ist in eine Beziehung mit ihm eingetreten, die er mit nichts in der Welt tauschen möchte. Mit dieser Erfahrung des Geliebt- und Gesandtseins ist er auf die Thessalonicher zugegangen. Er hat die Brüder und Schwestern der entstehenden Gemeinde mit den Augen Jesu gesehen. Er war den Brüdern und Schwestern ein in Liebe verbundener Bruder geworden.

Die Verkündigung des Paulus beinhaltete ein doppeltes Zeugnis. Zunächst bemühte er sich ihnen am Evangelium Anteil zu geben. Er trachtete ihnen die Frohe Botschaft von Jesu Leben, seiner Hingabe am Kreuz und seiner Auferweckung glaubhaft zu vermitteln. Durch das von Gott geschenkte Heil im auferweckten Jesus Christus sind auch sie von Gott angenommen und mit ihm versöhnt. Durch die Taufe sind sie in eine unzerstörbare Gemeinschaft hineingenommen, die über den leiblichen Tod hinausgeht.

Paulus berichtet aber auch, dass er ihnen am eigenen Leben Anteil gegeben hat. Das bedeutet, dass er mit Ihnen in eine zeitlich begrenzte Lebens- Lern- und Schicksalsgemeinschaft eingetreten ist. Er hat ihnen Anteil gegeben an seinen Lebenserfahrungen, an seinen Irrungen und Wirrungen, der Verfolgung der Christen, seiner Berufung und seiner Sendung, seinem unermüdlichen Einsatz, seinen Erfolgen und Misserfolgen, seinen Zweifeln und Ängsten, seinen Plänen und Hoffnungen. Der Austausch wird aber wohl keine Einbahn gewesen sein. Auch die Brüder und Schwestern werden von ihren Erwartungen und Hoffnungen, ihrer Begegnung mit Jesus im Gebet und dem Versuch, den Alltag in seinem Geiste zu leben, erzählt haben.

Ein weiterer Aspekt im Leben des Apostels, der freilich nicht überall und von allen geschätzt wurde, war sein Anliegen, niemandem zur Last zu fallen. Von eigener Hände Arbeit wollte er leben. Vielleicht auch, um mit den arbeitenden Menschen solidarisch zu sein. Allein schon zu wissen, wie es ist müde nach der täglichen Arbeit seiner Botschaft zu zuzuhören. Er mühte sich, sowohl seine körperliche Arbeit zu verrichten, als auch das Evangelium Gottes den Menschen zu verkünden.

(3) Der Apostel Paulus war für die Thessalonicher ein glaubwürdiger Nachahmer seines geliebten Vorbildes Jesus Christus. Wundert es, dass sie selbst zu eifrigen engagierten Nachahmern des Paulus geworden sind?

"Paulus" hat das Evangelium nicht nur mit Worten verkündet, sondern 'mit Macht und mit heiligem Geist und mit voller Gewissheit', um die Thessalonicher zu gewinnen (1 Thess 1,5).

Etwas von dieser Gewissheit im heiligen Geist muss unserem christlichen Zeugnis zu eigen sein. Man kann das nicht nur mit Worten versichern, sondern es muss eine geistliche Erfahrung dahinter stehen. Wenn ich vom auferstandenen Herrn spreche, muss ich seine lebendige Gegenwart erfahren und erfasst haben. 'Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir' (Galater 2,20).
         

                 30. Sonntag im Jahreskreis 

                        1 Thess 1,5c-10

Ihr wisst, wie wir bei euch aufgetreten sind, um euch zu gewinnen. 6 Und ihr seid unserem Beispiel gefolgt und dem des Herrn; ihr habt das Wort trotz großer Bedrängnis mit der Freude aufgenommen, die der Heilige Geist gibt.[1] 7 So wurdet ihr ein Vorbild für alle Gläubigen in Mazedonien und in Achaia.

8 Von euch aus ist das Wort des Herrn aber nicht nur nach Mazedonien und Achaia gedrungen, sondern überall ist euer Glaube an Gott bekannt geworden, so dass wir darüber nichts mehr zu sagen brauchen.

9 Denn man erzählt sich überall, welche Aufnahme wir bei euch gefunden haben und wie ihr euch von den Götzen zu Gott bekehrt habt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen 10 und seinen Sohn vom Himmel her zu erwarten, Jesus, den er von den Toten auferweckt hat und der uns dem kommenden Gericht Gottes entreißt.



(1) Nach der spektakulären Befreiung aus dem Gefängnis von Philippi, zogen Paulus und Silvanus weiter nach Thessalonich. Wie gewohnt nahm Paulus zunächst Kontakt mit der Synagoge auf. An drei aufeinanderfolgenden Sabbaten legte er ihnen die Schriften aus und erklärte, dass der Messias leiden und auferweckt werden musste. Dieser Messias sei Jesus, dessen Evangelium er verkünde. Einige Juden ließen sich von Paulus überzeugen und schlossen sich ihm an. Die Schar der gottesfürchtigen Heiden, die mit dem Judentum sympathisierten und sich Paulus anschlossen war erheblich größer. Unter ihnen befanden sich nicht wenige Frauen aus vornehmen Kreisen.

Nach Auskunft der Apostelgeschichte wurden die Juden eifersüchtig und sie wiegelten die Stadtbevölkerung auf. Sie versuchten Paulus und Silvanus zu ergreifen, fanden sie aber nicht im vermuteten Haus vor. An ihrer Stelle wurden Jason und einige Brüder vor die Stadtpräfekten geschleppt und bezichtigt, notorische Unruhestifter bei sich aufgenommen zu haben. Sie wurden aber schließlich freigelassen. Paulus und sein Gefährte mussten aus Sicherheitsgründen heimlich aus der Stadt gebracht werden.

Paulus selbst schreibt im Brief in Erinnerung an diese Zeit der Gemeindegründung: „dennoch haben wir im Vertrauen auf unseren Gott das Evangelium Gottes trotz harter Kämpfe freimütig und furchtlos bei euch verkündet. Denn wir predigen nicht, um euch irrezuführen, in schmutziger Weise auszunutzen oder zu betrügen, sondern wir tun es, weil Gott uns geprüft und uns das Evangelium anvertraut hat, nicht also um den Menschen, sondern um Gott zu gefallen, der unsere Herzen prüft.“[2]

(2) Dieser beherzte Einsatz – ungeachtet, permanenter Verleumdung, Verachtung, Verfolgung und Leiden - für die Verbreitung des Evangeliums, hat die Thessalonicher tief berührt. In ebendieser Einstellung und Haltung haben sie dem Beispiel des Paulus und Silvanus nachgeeifert. Der Glaube an Jesus - den Messias und der Dienst an der Weitergabe des Evangeliums fand viele aufnahmebereite Herzen und Ohren, sowohl in Mazedonien als auch in Achaia. Paulus rechnet ihnen nicht nur die Verkündigung des Wortes hoch an, sondern auch, dass ihr Glaube an Gott nicht unbeachtet blieb, sondern vielmehr überall bekannt geworden ist. Paulus und Silvanus haben in ihrer Missionierungstätigkeit Jesu Einsatz für das Reich Gottes nachgeahmt und sind zu Vorbildern für die Thessalonicher geworden. Diese wiederum wurden durch ihre Bemühungen für die Christen in ihrem Umfeld zu Vorbildern.

Auch den Thessalonichern sind Schmerz-, Leid- und Kampfbereitschaft bei der Weitergabe des Evangeliums nicht erspart geblieben. Gerade darin haben sie sich ausgezeichnet und Standhaftigkeit bewiesen. Das war keineswegs eine freudlose Zeit. Die Erfahrung von Freude im Durchstehen von Leid, war durchaus kein abwegiger Gedanke. Sie erlebten, wovon auch Petrus berichtete: „Liebe Brüder, ... freut euch, dass ihr Anteil an den Leiden Christi habt; denn so könnt ihr auch bei der Offenbarung seiner Herrlichkeit voll Freude jubeln. Wenn ihr wegen des Namens Christi beschimpft werdet, seid ihr seligzupreisen; denn der Geist der Herrlichkeit, der Geist Gottes, ruht auf euch.“[3]

(3) Paulus erinnert schließlich auch noch an seine Verkündigung in Thessalonich. Dieser Hinweis zeigt, womit sich die anfängliche Heidenmission auseinanderzusetzen hatte: Es galt, den Götzendienst gegenüber den vielen Göttern abzustellen und das entfachte Feuer des Glaubens an den wahren und lebendigen Gott zum Lodern zu bringen. Die Thessalonicher jedenfalls haben sich von den Götzen bekehrt und sind in den Dienst Gottes getreten. Wie Petrus im Messias-Bekenntnis – Jesus, als Sohn des lebendigen Gottes bekennt, so erwarten die Thessalonicher – Jesus, den Sohn Gottes vom Himmel her. Paulus legt großes Gewicht auf den wiederkommenden Herrn, der Gericht halten wird.[4] Aber er wird sie dem Gericht entreißen, weil er der Retter ist. „Es rettet einzig und allein der, den Gott – zu diesem Zweck – von den Toten auferweckt hat.“[5]

(4) Unser Leben als Christen und Christinnen könnte ein Glied in der Kette aus Vorbildern und Nachahmern werden, wenn wir in unserem Reden und Handeln wirklich Maß nehmen würden am ersten Glied der Kette, an Jesus Christus, und uns bemühten ihm ähnlich zu werden.


[1] Die Bedrängnis war durch die von Juden angezettelte Verfolgung verursacht (vgl. 4,14 und Apg 17,5-9).
[2] 1 Thess 2,2-4
[3] 1 Petr 4,13f
[4] In Röm 5 hingegen sagt Paulus, dass wir das Entscheidende schon hinter uns haben.
[5] Th. Söding, Gottessohn, 270


29. Sonntag im Jahreskreis 1 Thess 1,1-5

1 Paulus, Silvanus und Timotheus an die Gemeinde von Thessalonich[1], die in Gott, dem Vater, und in Jesus Christus, dem Herrn, ist: Gnade sei mit euch und Friede.

2 Wir danken Gott für euch alle, sooft wir in unseren Gebeten an euch denken; 3 unablässig erinnern wir uns vor Gott, unserem Vater, an das Werk eures Glaubens, an die Opferbereitschaft eurer Liebe und an die Standhaftigkeit eurer Hoffnung[2] auf Jesus Christus, unseren Herrn.

4 Wir wissen, von Gott geliebte Brüder, dass ihr erwählt seid. 5 Denn wir haben euch das Evangelium nicht nur mit Worten verkündet, sondern auch mit Macht und mit dem Heiligen Geist und mit voller Gewissheit;


(1) Der erste Brief des Apostels Paulus an die Thessalonicher ist die älteste Schrift des Neuen Testaments. Paulus hat die Gemeinschaft um das Jahr 50 gegründet, musste die Stadt aber bald wieder verlassen, weil es Probleme mit der Synagoge gab. Später sandte er Timotheus, der ausgleichend wirkte. Viele Nachrichten bezeugten das geistliche Wachstum der Christengemeinschaft von Thessalonich, was Paulus mit Dankbarkeit erfüllte.

Der Völkerapostel nennt als Mitabsender Silvanus und Timotheus. Die Adressaten haben sie erlebt, als diese ihnen den Glauben an Jesus Christus verkündeten. Die Hörer der drei Missionare setzten sich aus ehemaligen Heiden, Juden und solchen, die mit dem Judentum sympathisierten, zusammen. Den ehemaligen Juden und deren Sympathisanten dürfte der Schritt von der Torafrömmigkeit zur Christusfrömmigkeit nicht leicht gefallen sein. Der Glaube der Väter und das Halten der Gesetze gab doch irgendwie Sicherheit und man konnte stolz darauf sein. Es verursachte aber auch Stress. Paulus und seine Mitarbeiter verkündeten ihnen, dass Jesu Tod am Kreuz und seine Auferweckung, sie vor Gott gerecht gemacht und mit ihm versöhnt habe. Das veranlasste viele Juden sich taufen zu lassen. Für Heiden, unter ihnen besonders die Sklaven und jene, die aus den ärmeren Schichten kamen, war es vor allem der Glaube, dass sie als Getaufte untereinander und vor Gott gleich und gleichwertige Brüder und Schwestern Jesu sind, der sie um die Taufe bitten ließ.

Was aber die Gemeinschaft der Getauften zusätzlich attraktiv machte, war ihr Miteinander, das ganz anders war, als in anderen Zusammenschlüssen von Menschen. In der Familie Gottes hilft einer dem anderen seine Last zu tragen, nicht die Köpfe werden gegenseitig gewaschen, sondern die Füße. Keinem werden Verstöße rücksichtslos ins Gesicht geschleudert, sondern dass sie die gutgemeinten Zurechtweisungen auch annehmen können. Einzeln und gemeinsam fragen sie nach dem Willen Gottes und versuchen danach zu leben. Entscheidend ist letztlich aber das Fundament: die Gemeinschaft mit Gott, dem Vater und dem Herrn (Kyrios) Jesus Christus, ermöglicht durch den Heiligen Geist. Daher spricht Paulus ihre Gemeinschaft mit dem Ehrentitel „Gemeinde“  (ekklesia) an. Er wünscht ihnen, was sie schon empfangen haben: Gnade und Frieden. Gnade ist das von Gott geschenkte Heil. Friede ist die Frucht der Hingabe Jesu am Kreuz und seiner Auferweckung, wodurch er uns gerecht gemacht und mit Gott versöhnt hat.

(2) Ein fester Bestandteil seiner missionarischen Tätigkeit war für den Apostel das Gebet für die Gemeinden. Der Samen, den er an verschiedenen Orten ausgestreut hatte, war bis zum Fruchtbringen gefährdet. Das Wachsen und Gedeihen des ausgestreuten Gotteswortes empfahl er im Gebet der Vorsehung Gottes. Er, oder die betende Gruppe in der er sich befand, dankte Gott auch für die Christinnen und Christen in Thessalonich, für das starke Zeugnis ihres Glaubens. Ihre Gemeinde ist zu einem Zentrum christlichen Glaubens in der Region geworden, das weit ausstrahlte.

Offenbar waren die theologischen Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe, der Maßstab anhand dessen Paulus und seine Mitarbeiter den zu gehenden Weg, sowohl eines Christen, als auch einer christlichen Gemeinde beschrieben haben. Paulus anerkennt dankbar, dass die Thessalonicher auf diesem Weg vorbildlich vorankommen: ihr Glaube verwirklicht sich in konkreten Taten und Werken, ihre Liebe ist bereit Mühen und Opfer zu bringen. Ihre Hoffnung ist der Grund ihrer Geduld und Beharrlichkeit.

(3) Die heutige Lesung zeigt uns wichtige Stationen unseres christlichen Weges. Die Botschaft des Apostels lässt sich so zusammenfassen: Unser Glaube als Gabe ist auch eine Aufgabe, sonst ist er fruchtlos. Die Freundschaft mit Jesus ist eine Beziehung mit Folgen. Glaube ist immer auch Treue.


[1] Thessalonich (Thessaloniki) war in römischer Zeit Hauptstadt der Provinz Mazedonien. Wegen ihrer günstigen Lage an der Rom mit Byzanz verbindenden Fernstraße «Via Egnatia» war sie ein bedeutender Handelsplatz. - Silvanus (latinisierte Form des Namens Silas) stammte aus der Jerusalemer Urgemeinde. Er kam nach Antiochia, von wo Paulus ihn auf die zweite Missionsreise mitnahm (Apg 15,40). - Timotheus, Sohn eines heidnischen Vaters und einer judenchristlichen Mutter mit Namen Eunike, wohl schon auf der ersten Missionsreise von Paulus zum Glauben bekehrt, begleitete den Apostel von Lystra an auf seiner zweiten Reise (vgl. Apg 16,1-3; 2 Tim 1,5).

[2] Zur Dreiheit Glaube - Hoffnung - Liebe vgl. 5,8; 1 Kor 13,13; Eph 1,16-18; Kol 1,4f; Hebr 10,22-24.


28. Sonntag im Jahreskreis Phil 4,12-14.19-20


12 Ich weiß Entbehrungen zu ertragen, ich kann im Überfluss leben. In jedes und alles bin ich eingeweiht: in Sattsein und Hungern, Überfluss und Entbehrung. 13 Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt. 14 Trotzdem habt ihr recht daran getan, an meiner Bedrängnis teilzunehmen.

19 Mein Gott aber wird euch durch Christus Jesus alles, was ihr nötig habt, aus dem Reichtum seiner Herrlichkeit schenken.

20 Unserem Gott und Vater sei die Ehre in alle Ewigkeit! Amen.



(1) Wer seine Taufe ernst nimmt, vor Gott und den Menschen wachsen möchte, der weiß, Nachfolge ist manchmal wie eine Achterbahn des Lebens, mit Höhen und Tiefen, Zeiten der Fruchtbarkeit und der Trostlosigkeit. Auch Paulus ist diesen Weg gegangen. Er war im Glauben soweit gereift, dass er von sich sagen konnte, dass er sich in jeder Lage zurechtfinde, dass ihn nichts von Christus trennen könne. Auch wir sind unterwegs mit Jesus Christus zum Vater.

(2) Paulus stellt in allem Jesus Christus, seinen Herrn in den Mittelpunkt. Was er für sein Selbstverständnis und sein Selbstwertgefühl braucht, das hat ihm Jesus bei der Begegnung vor Damaskus geschenkt. Vom Herrn geliebt, verwandelt und gebraucht zu werden genügt ihm, um seine Berufung zum Völkerapostel zu erfüllen. Auf seine Verdienste und empfangenen Gnaden zu pochen ist nicht seine Sache. Das tut er nur, wenn seine Gegner ihn provozieren und ihm seine Legitimität als Apostel absprechen wollen. Dann allerdings nimmt er sich kein Blatt vor den Mund.

Im 2. Korintherbrief gibt uns Paulus, der mit unglaublicher Energie wichtige Teile der damals bekannten Welt bereist, um sie mit dem Evangelium bekannt zu machen, Anschauungsunterricht in Sachen Entbehrungen um des Evangeliums willen (2 Kor 11,23-28): „Ich ertrug mehr Mühsal, war häufiger im Gefängnis, wurde mehr geschlagen, war oft in Todesgefahr. Fünfmal erhielt ich von Juden die neunundreißig Hiebe; dreimal wurde ich ausgepeitscht, einmal gesteinigt, dreimal erlitt ich Schiffbruch, eine Nacht und einen Tag trieb ich auf hoher See. Ich war oft auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden, gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch falsche Brüder. Ich erduldete Mühsal und Plage, durchwachte viele Nächte, ertrug Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Blöße. Um von allem andern zu schweigen, weise ich noch auf den täglichen Andrang zu mir und die Sorgen für alle Gemeinden hin.“

Weil Paulus sich bei dieser Selbstdarstellung nicht ganz wohl fühlt, bezeichnet er solches „Prahlen“ als „närrisch“. Er ist überzeugt, dass der Ruhm eines Apostels nur in der Teilhabe am Kreuz Christi bestehen kann: „Wer sich also rühmen will, der rühme sich des Herrn.“ (2 Kor 10,17)

Paulus betont der Gemeinde von Philippi gegenüber, dass er mit allem und jedem vertraut ist, was dem Glauben an Jesus Christus Abbruch tun könnte: mit der Angst vor Entbehrungen, Strapazen und Leiden, ebenso mit dem Überfluss, der zu Selbstgefälligkeit, Bequemlichkeit und Selbstherrlichkeit verführen kann. Paulus ist der Versuchung, Leiden und Entbehrungen auszuweichen, oder dem Wohlleben den Vorzug gegenüber Jesus zu geben, nie erlegen. Dass Jesu Auftrag und Sendung immer Priorität in seinem Leben hatte, verdankt er dem Herrn selbst: „Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt.“

Frieden findet Paulus darin, dass er mitten in der Bedrängnis die Kraft Jesu erfährt. Das hat er im 2. Korintherbrief nach seiner „Prahlerei“ zum Ausdruck gebracht: „Sehr gern nun will ich mich noch mehr rühmen in den Schwachheiten, will sie gerne annehmen, damit über mich komme die Kraft des Christus. Darum bin ich mit den Schwachheiten zufrieden und ausgesöhnt, mit Beleidigungen, Nöten, Engpässen und Verfolgungen an Christi Stelle; denn wenn ich so schwach bin, gerade dann bin ich stark.“ (2 Korinther 12,9-10)

Paulus hat seinen religiösen Ehrgeiz seit seiner Begegnung mit dem Herrn vor Damaskus hinter sich gelassen. Jesus begegnete ihm nicht als fordernder Gott, sondern als von ihm Verfolgter. Fortan hat er nicht mehr mit Leistungsfrömmigkeit die eigene Ehre gesucht und vertraute mehr seiner Schwachheit, als seiner blinden, ichbezogenen, religiösen Leistungsbereitschaft.

(3) Der Völkerapostel Paulus ist zur Leidensbereitschaft mit seinem Herrn Jesus Christus bereit. Gerade deshalb ist er kein isolierter Einzelkämpfer. Den Philippern bezeugt er, dass Jesus ihn, in seinen Herausforderungen nicht allein lässt. Er gibt Paulus die Kraft, weder im Meer der Tränen noch der Freude zu ertrinken. Den Philippern, die an seinem Gedeih und Verderb geschwisterlichen Anteil nehmen, verheißt Paulus, dass Gott auch ihnen durch Jesus Christus Kraft schenken werde, die sie benötigen, um ihre Herausforderungen in der Nachfolge Jesu zu bestehen.



Jesus,
egal, ob Entbehrungen oder Überfluss,
ob Bedrohungen oder Annehmlichkeiten,
Paulus kennt die Bandbreite alles dessen,
womit konfrontiert wird, wer dir nachfolgt.
Auch Gefängnis und möglicher Tod
versetzen ihn weder in Panik noch in Hoffnungslosigkeit.

Er hat es erfahren und setzt darauf seine Hoffnung,
dass du, der Herr, ihm die Kraft gibst,
sich unbeschadet in jeder Lage,
in der er sich befindet,
zu bewähren.

Obwohl du die Quelle seiner Kraft bist,
dankt er den Brüdern und Schwestern in Philippi,
dass sie an seiner Bedrängnis Anteil nehmen,
dass sie ihm helfen seine Lasten zu tragen
und geschwisterliche Solidarität üben.

Die Brüder und Schwestern ermutigt er mit der Zusage,
dass der Vater ihnen durch dich geben werde,
was sie nötig haben - Kraft zum Leben und Lieben.
Was er am eigenen Leib erfahren hat,
das werden auch sie erfahren dürfen.



26. Sonntag im Jahreskreis Phil 2,1-11

1,27 Vor allem: lebt als Gemeinde so, wie es dem Evangelium Christi entspricht...

1 Wenn es eine Ermahnung in Christus gibt, einen Zuspruch aus Liebe, eine Gemeinschaft des Geistes, ein Erbarmen und Mitgefühl, 2 dann macht meine Freude vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, einander in Liebe verbunden, einmütig, einträchtig, 3 dass ihr nichts aus Streitsucht und nichts aus Prahlerei tut.

Sondern in Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst. 4 Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen.

5 Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht:
6 Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein,[1] 7 sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; 8 er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.

9 Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, 10 damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu 11 und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr - zur Ehre Gottes, des Vaters.


(1) Der besondere Wert des Philipperbriefes liegt darin, dass er Auskunft über das persönliche Wollen und Denken des Apostels Paulus gibt. Paulus mahnt die Gemeinde wiederholt zu Frieden, Einmütigkeit und Demut. Der bedeutendste Text im Brief ist das Christuslied, das den Weg Jesu Christi beschreibt und an dem die Gemeinde Maß nehmen soll.[2]

(2) Der Apostel stellt der Gemeinde von Philippi ein gutes Zeugnis aus. Er ist sehr erbaut über deren geistlichen Zustand und freut sich über ihr geistliches Wachstum. Die Saat des ausgestreuten Samens des Wortes Gottes ist aufgegangen. Das Miteinander in der Gemeinde wird von Verhaltensweisen bestimmt, die sich klar von denen, außerhalb der Gemeinde unterscheiden. Er begrüßt das hohe Maß an Sensibilität für den gemeinsamen Weg, den Jesus vorausgegangen ist und dem sie folgen. Wenn nötig, helfen sie einander von einem falsch gewählten Weg umzukehren.

Die Gemeinde weiß sich ihrer Sendung verpflichtet, so zu leben, dass Gottes Gegenwart unter ihnen aufleuchtet. Die Getauften motivieren sich gegenseitig durch Ermutigung, Trost und Wertschätzung. Sie glauben, dass die Versammlung im Geiste Jesu sie trägt und zusammenhält, nicht nur die gottesdienstlichen Versammlungen, sondern auch jene, in denen das gemeinsame, missionarische Tun beraten wird. Ihr Denken vom anderen her, ihr Bemühen, das Herz dem Bruder und der Schwester zu öffnen und Solidarität zu üben, entspricht der Nachfolge Jesu.

So weit so gut! Paulus ist erfreut über dieses Miteinander der Gemeinde. Aber etwas fehlt noch, damit seine Freude vollkommen ist, dass die Getauften in Philippi „eines Sinnes“ seien.

Der Völkerapostel weist den Weg zum Ziel: Sowohl einander in Liebe verbunden, als auch einmütig und einträchtig zu sein. Wer sich von der Liebe Gottes beschenkt erfährt, kann sich in Liebe mit dem Bruder und der Schwester verbinden, der kann auch seinen Eigensinn, Eigenwillen und Eigennutz überwinden und zur gemeinsamen Entscheidungsfindung beitragen. In einer christlichen Gemeinde bestimmt nicht „ein Großbauer über seine Knechte“, sondern in Demut schätzt jeder den anderen größer ein als sich selbst und strebt nicht nur nach dem eigenen Wohl, sondern auch nach dem des anderen. Ehrgeiz und Prahlerei sind Unkraut im Garten der Nachfolge Jesu.

Vor diesem gemeindlichen Hintergrund ruft Paulus die Gemeindemitglieder in Philippi dazu auf untereinander „so gesinnt zu sein, wie es dem Leben in Jesus Christus entspricht“. Es geht um den Geist, in dem sie miteinander Umgang pflegen, um die geistliche Einstellung mit der sie einander begegnen. An der Einstellung und Lebenspraxis Jesu sollen sie Maß nehmen. Sie sollen - wie es in der Taufliturgie heißt - Jesus Christus anziehen und ihn nachahmen. An der unfassbaren Demut Jesu sollen sie Maß nehmen. Er, der Gott gleich war „wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich“. Er wurde ein Mensch, nicht um auf seine Brüder und Schwestern herabzuschauen, sondern, um ihnen ins Gesicht zu schauen und in ihnen das Abbild Gottes zu erkennen und zu würdigen. Noch tiefer führte ihn der Abstieg, er wurde „wie ein Sklave“, um zum Bruder und zur Schwester aufzuschauen. Er berührte die Aussätzigen, vergab den Sündern, aß mit den Zöllnern und wusch den Jüngern die Füße. Knecht und Diener der Menschen war er geworden und hat ihre Ohnmacht geteilt. Ein „Mensch für andere“ ist er geworden.

Sein Auftrag vom Vater bestand nicht darin, zu sterben, sondern die Menschen zu retten und zu erlösen. Diesen hat er gehorsam und gewaltlos erfüllt. Er hat auf Gottes Wort gehört, ist ihm gefolgt und hat es auch in der schweren Stunde von Getsemani durchgehalten. Die freiwillige und gehorsame Selbsterniedrigung Jesu ist der Grund für seine Erhöhung beim Vater. Ihm wird der Name Gottes, Kyrios geschenkt. Alle Geschöpfe sollen ihn als Gott anerkennen: "Jesus Christus ist der Herr" - zur Ehre Gottes, des Vaters. Jesus ehrte seinen Vater,[3] indem er die Gottesherrschaft (Reich Gottes), die Heiligung seines Namens und die Erfüllung seines Willens verkündete und lebte.

(3) „Die anderen lächelten, nickten ihm zu und sagten: ‚Nur zu, Anthimos. Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Wie sollst du ein anderes Bild haben von Gott und von seinem Christus, wenn wir es dir durch unser Verhalten nicht deutlich machen? Wie sollst du eine Ahnung bekommen von einer anderen Politik und einer anderen Welt, wenn wir das Andere, das Neue unter uns nicht verwirklichen?’“[4]


[1] 2,6-11 Paulus greift hier einen Hymnus auf, in dem der Weg Christi von seinem vorzeitlichen Sein über seine Menschwerdung und seinen Tod bis zur Erhöhung und Einsetzung zum Herrscher des Alls beschrieben wird. Der im Lied betonte Gehorsam Jesu wird der Gemeinde als Vorbild gegenseitigen Dienens vor Augen gestellt.
[2] Strukturreformen zur Bewältigung des Priestermangels, Aufrufe, doch nicht im eigenen Saft zu schmorren, sondern missionarisch nach außen zu gehen, haben zur jahrzehntelagen Austritts- und Misserfolgsgeschichte der Kirche beigetragen. Verkündigung ohne das Verkündete auch zu leben, Organisationsformen zu wechseln ohne auf den Geist zu achten, der alles beseelen soll, führte dorthin, wo wir heute stehen: zu Familien, in denen der Glaubensvollzug ein Tabu ist, zu Gemeinden mit ausgedünntem oder gestorbenem Gemeindeleben, zu einem von Laien kontrolliertem Presbyterium. Da kommen einem die Worte des Paulus wie eine Botschaft von einem anderen Planeten vor.
[3] Joh 8,49
[4] H.J. Venetz/S. Bieberstein, Bannkreis, 173


25. Sonntag im Jahreskreis Phil 1,20ad-24.27a

20 Ich erwarte und hoffe, dass Christus verherrlicht werden wird in meinem Leibe, ob ich lebe oder sterbe. 21 Denn für mich ist Christus das Leben, und Sterben Gewinn. 22 Wenn ich aber weiterleben soll, bedeutet das für mich fruchtbares Wirken. Was soll ich wählen? Ich weiß es nicht.

23 Bedrängt werde ich von beiden Seiten: Ich habe das Verlangen, aufzubrechen[1] und bei Christus zu sein - um wie viel besser wäre das!
24 Aber euretwegen ist es notwendiger, dass ich am Leben bleibe.

27 Vor allem: Lebt als Gemeinde so, wie es dem Evangelium Christi entspricht.



(1) Es gibt Menschen, denen die Zeit im Gefängnis zur kostbaren „Bedenkzeit“ wird. Sie verlassen verändert und gereift diesen Ort. Die Zeit der Haft ist eine Begegnung mit sich selbst und oft auch mit Gott. Ich denke vor allem an Nino Aquino und an Nelson Mandela. Sie haben nach langjähriger Haft und ihrer Entlassung Großes für die Menschen ihrer Länder geleistet (Philippinen und Südafrika).

(2) Paulus ist im Gefängnis von Ephesus in Haft. Er wartet auf sein Urteil. Der Ausgang ist ungewiss. Er muss im schlimmsten Fall mit der Todesstrafe rechnen. Der Grund für seine Verhaftung war seine Verkündigung des Evangeliums. Damit habe er die öffentliche Ordnung gefährdet. Paulus ist auf sich selbst zurückgeworfen. Allein in seiner Zelle ringt er um die richtige Einstellung vor Gott und vor der Gemeinde. Selbst in dieser Extremsituation im Angesicht des Todes versucht er klaren Kopf zu bewahren. Er wendet sich besinnend den Quellen zu, aus denen er Kraft und Mut bezieht.

Das Fundament, auf das er sein Leben seit der Begegnung mit dem Herrn vor Damaskus gebaut hat, ist die Indienstnahme durch Jesus Christus - seine Berufung zum Völkerapostel. Diesem Auftrag treu zu dienen und damit den zu verherrlichen, den er einst verfolgte, ist nun sein Lebensziel. All sein Tun und Lassen, seine Lebensvollzüge und selbst sein Sterben sind diesem Ziel untergeordnet.

Das Wissen um den Sinn und das Ziel seines Lebens helfen ihm, gelassen auf die Möglichkeiten zu schauen, die sich vor seinem geistigen Auge auftun: Tod(esstrafe) oder Leben (in Freiheit oder vorübergehender Haftstrafe). Paulus nimmt beide Möglichkeiten in den Blick, die des Sterbens und die des Weiterlebens. Was ist die Voraussetzung zu solch einer „Freiheit des Geistes“? Der Apostel selbst bringt sie auf den Punkt: „Denn für mich ist Christus das Leben, und Sterben Gewinn.“ [2]

Schon vor Damaskus hat Paulus sein Leben in den Dienst Gottes gestellt, aber seit der Begegnung mit dem Verfolgten, ist er als Apostel in Dienst genommen und hat Jesus – dem Gekreuzigten und Auferstandenen, Herrschaft über sich gegeben. Christus anzugehören und ihm nachzufolgen bedeutet für ihn, mit ihm auch zu sterben, um an seiner Auferstehung Anteil zu haben. Wer sich Christus anvertraut und sich ihm überlässt, der stirbt zwar sich selber, aber gewinnt das Leben - ein Leben, das der Tod nicht zerstören kann. Paulus weiß, dass Christus schon hier und jetzt auf Erden sein Leben ist und nicht erst im Himmel - darum erachtet Paulus das Sterben als Gewinn. Weil er das weiß, hat er keine Angst vor dem Tode, sondern Mut zum Leben.

Weil Paulus nicht sich selber lebt, will er der Neigung nicht folgen, jetzt schon aus dieser Welt zu scheiden. Seine Berufung zum Völkerapostel widersteht der Versuchung zum frommen Egoismus. Er ist bereit und gewiss sein Leben in den Dienst des Evangeliums und der Gemeinden zu stellen. Die Entscheidung des Gerichts liegt nicht in seiner Hand. Er jedenfalls ist bereit für das eine und das andere. In dieser Freiheit des Geistes legt Paulus sein Schicksal in Gottes Hand.

Der Gemeinde in Philippi legt er ans Herz, als Gemeinde so zu leben „wie es dem Evangelium Christi entspricht.“ Nicht der einzelne Christ wird zu einem evangeliumsgemäßen Leben aufgefordert, sondern die Gemeinde. Im Miteinander der Gemeinde soll Gottes Gegenwart erfahrbar und sichtbar sein. Dann ist sie Stadt auf dem Berg, Licht der Welt und Salz der Erde. Ein Zeichen dafür, dass Leben auch anders geht.

(3) „Die Freiheit des Geistes“ (Indifferenz) ist keine lahme Leidenschaftslosigkeit, der ‚alles gleich ist’, keine Gefühllosigkeit gegenüber Werten. Indifferenz ist nur zu verstehen als Ausdruck der Liebe, die zu ‚allem bereit’ ist: ‚Ich will dir folgen, wohin du auch gehst’ (Mt 8,19) – auf Tabor und auf Golgota. Oder wie es im Trauritus heißt: ‚Ich verspreche dir die Treue in guten und bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit.’“[3]


[1] aufbrechen: Umschreibung für „sterben“.
[2] W. Lambert, Wirklichkeit, 61: Für Johannes Tauler „ist die Gelassenheit das Kriterium dafür, dass ein Mensch ‚in den Grund gekommen ist’, d.h. in die Tiefe, in der sein Innerstes eins geworden ist mit Gott.“
[3] W. Lambert, Wirklichkeit, 59f


24. Sonntag im Jahreskreis Röm 14,7-9

7 Denn keiner von uns lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber:

8 Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn.

9 Denn Christus ist gestorben und lebendig geworden, um Herr zu sein über Tote und Lebende.


(1) Zu den wesentlichen Faktoren, die unser Menschsein ausmachen gehören die Tatsachen, dass der Mensch nicht für sich selber lebt und dass er immer auch anders kann. Der Mensch ist grundsätzlich auf das Miteinander angelegt. Allein und in sich abgeschlossen, verkümmert er. Er legt sich in die Welt hinein aus, mit seiner Hände und seines Geistes „Arbeit“. Er geht Beziehungen ein, lässt sich in Dienst nehmen und nimmt in Dienst. Der Religionsphilosoph Martin Buber sieht im Dialog eine notwendige Voraussetzung für das Wachsen und die Entwicklung des Menschen. Am Du wird der Mensch zum Ich. Der Mensch braucht den Austausch, den Dialog, um zu entfalten, was in ihm angelegt ist. Dialogpartner können Menschen und auch Gott sein. Dass der Mensch sich nicht selbst genügt, hat Viktor Frankl festgestellt, indem er beobachtete, dass Häftlinge, auf die ein Mensch oder eine Aufgabe warteten, das Konzentrationslager eher überlebten als andere, auf die niemand und nichts wartete.

Dass der Mensch immer auch anderes kann, ist Ausdruck seiner Freiheit. Der evangelische Theologe und Pastor Dietrich Bonhoeffer hat das eindrucksvoll bewiesen. Er war in New York in Sicherheit und hätte „seine Haut retten“ können. Er konnte sich nicht vorstellen, mit dem Gedanken leben zu können, in der entscheidenden Stunde der Bewährung, nicht bei seinen Geschwistern im Glauben präsent zu sein. Die Rückkehr nach Deutschland kostete ihm das Leben. Der Tod war für ihn nicht das Letzte. Er war überzeugt, dass ihn nichts – auch nicht der Tod - von Jesus Christus trennen kann.

(2) In seinem Brief an die Römer schaltet Paulus in den Streit zwischen einer konservativ-religiösen und einer fortschrittlichen Gruppierung, den eher grundsätzlichen Text der heutigen Lesung ein (14,7-9). Er wollte den Streithähnen ganz einfach die Unangemessenheit ihrer Auseinandersetzung vor Augen führen.

Lebensbestimmend ist für den Völkerapostel die alles entscheidende, grundlegende Beziehung zu Jesus Christus. Das gilt auch für uns Christen. In der Taufe hat vollzieht der Täufling einen Herrschaftswechsel. Er unterstellt sich der Herrschaft Gottes. Gott soll Herr in seinem Leben sein. Damit hat er vielen anderen Mächten und Gewalten, die bisher sein Leben bestimmten, eine Absage erteilt. Jesus, Gottes Sohn, soll sein Leben bestimmen: Mit dem Taufkleid hat er Jesus „angezogen“, mit der Übernahme der Taufkerze, lässt er das Licht Christi in seinem Leben leuchten und will Licht für andere sein. Im Effata-Ritus wird ihm das Ohr zum Hören des Wortes Gottes und der Mund zu dessen Weitersagen geöffnet. In der Salbung mit Chrisam ist er sich seiner Würde und Verantwortung als Getaufter bewusst geworden. In der Wassertaufe ist er grundsätzlich mit Christus gestorben und auferstanden. Nicht einmal der Tod kann diese von Gott geschenkte Beziehung zerstören. Und das heißt: „Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn.“

Der Getaufte weiß, dass er Eigentum Gottes ist, dass Jesus sein Besitzer ist. Das klingt nach Entfremdung und Enteignung und wirkt irgendwie bedrohlich. Es geht ja auch nicht um irgendetwas, sondern es geht um die Wahl der Gottesherrschaft mit ihrer unzerstörbaren Beziehung zu Jesus Christus. Wer diese Option wählt, der wählt das Leben und braucht den Tod nicht aus seinem Leben zu verdrängen. Er lebt, handelt, leidet und vergibt, weil er aus der Verheißung der Auferstehung lebt.

Paulus selbst versteht sich als Sklave Jesu Christi. Er weiß sich durch Jesu Lebenshingabe „gerecht gemacht“. Er anerkennt Jesu Recht auf ihn. Daher sollen auch die Christen in Rom nicht länger Sklaven der Sünde (Unreinheit, Gesetzlosigkeit), sondern der Gerechtigkeit sein.[1] Er gibt ihnen zu bedenken, dass auch sie, die von der Sklaverei der Sünde befreit sind, jetzt Sklaven der Gerechtigkeit werden können - mit dem Ziel des ewigen Lebens.

(3) Weil wir nicht uns selbst gehören, leben wir auch nicht für uns selber. Wer zu einem gemeinsamen Herrn betet, der sieht im Mitchristen einen Bruder oder eine Schwester. „Wer für den Herrn lebt und stirbt, der gehört in jedem Fall ihm, und der darf sich deshalb nicht richterlich über seine christlichen Mitgeschwister erheben.“[2] Das legt Paulus nicht nur den streitenden römischen Gruppierungen, sondern auch uns ans Herz.
 


[1] Röm 6,16-23
[2] K. Berger, Briefe, 117



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