Kurt Udermann - Coaching

4. Sonntag im Jahreskreis A               1 Kor 1,26-31
 
26 Seht doch auf eure Berufung, Brüder und Schwestern! Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme, 27 sondern das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. 28 Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten, 29 damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott.
 
30 Von ihm her seid ihr in Christus Jesus, den Gott für uns zur Weisheit gemacht hat, zur Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung. 31 Wer sich also rühmen will, der rühme sich des Herrn; so heißt es schon in der Schrift.

 
(1) In der Stadt Jericho „geht Zachäus Jesus schauen“. Er, der kleine Mann, will von ihm gesehen werden. Er steigt auf den Maulbeerfeigenbaum und schaut erwartungsvoll auf den Kommenden. Jesus nimmt den Zöllner wahr, nimmt ihn in den Blick und gibt ihm damit Ansehen und stellt dadurch sein Leben auf den Kopf.
 
Der Zöllner Zachäus steht für viele Menschen, die sich nach Ansehen, Bejahung und Bestätigung sehnen. Diese Sehnsucht kann aber leicht in Sucht umschlagen, nämlich dann, wenn die innere Sicherheit gering ist, und der Selbstwert nur von außen her bezogen wird. Das führt dann oft dazu, dass die Betroffenen anfangen sich selbst zu geben, was ihnen - ihrer Meinung nach - vorenthalten wird. Sie beginnen sich selbst zu loben und zu rühmen. Das steht allerdings im Gegensatz zur Auffassung des Völkerapostels und zur Seligpreisung des heutigen Evangeliums: "Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.“ Weil Zachäus sich mit seiner „Armut“ und Schwachheit angenommen hat, konnte Jesus ihm Ansehen geben (Lk 19,1-10).
 
Eines der Probleme in der jungen Christengemeinde von Korinth, mit denen der Apostel Paulus konfrontiert wird, ist geistliche Überheblichkeit eines Teiles der Gemeindemitglieder. Korinthische Christen haben offenbar eine sehr hohe Meinung vom Auferstandenen und seiner Einheit mit dem Heiligen Geist und von sich selbst. Für den irritierend schändlichen Tod Jesu haben sie weniger Verständnis. Das hat Folgen für das Miteinander in der Gemeinde. Sie schauen auf die geistlich weniger Begabten herab. Das gefällt dem Gemeindegründer Paulus überhaupt nicht und er nimmt engagiert dagegen Stellung.
 
(2) Die heutige Lesung ist aus jenem Abschnitt des Korintherbriefes genommen, der in der Einheitsübersetzung mit der Überschrift „Die Botschaft vom Kreuz (1,18-31)“ versehen ist und im größeren Kontext der Spaltungen in der Gemeinde steht. Hier nun schreibt Paulus in einer Art angewandter Kreuzestheologie gegen die Tendenzen der Selbsterhöhung an. Zunächst öffnet er den Hörern die Augen für die gemeindliche Realität und klärt den Stellenwert von weiße und töricht, von stark und schwach, von angesehen und verachtet in den Augen Gottes. Dann betont er, wem Christen alles verdanken, nämlich Gott, denn von ihm her sind sie in Jesus Christus. Es folgt die Spitzenaussage: "Wer sich also rühmen will, der rühme sich des Herrn; (1,31)"
 
Es gibt also keinen Grund, sich besser oder überlegen vorzukommen und auf die Mitchristen herabzuschauen.[1] Erkenntnis und Weisheit, wenn sie echt und nicht eingebildet sind, kommen von Gott. Dankbarkeit ist in solchem Falle angemessen und nicht Stolz oder Überheblichkeit. Der Versuchung des Vergleichens gilt es zu widerstehen und die bevorzugte Liebe Gottes zu den Armen, Schwachen und Niedrigen ernst zu nehmen. Gottes Torheit – sein Handeln in Jesus Christus in Schwachheit und Ohnmacht - ist echte Weisheit.
 
Hier wird sichtbar, dass Paulus den Menschen die Freude am Leben nicht vermiesen will, sondern im Gegenteil. Paulus stößt die Weisen, Mächtigen und Vornehmen vom Podest. In ihnen wuchert der Keim des Stolzes und der Versuchung "sein zu wollen wie Gott". Die Schwachen, Entrechteten und die ohne Ansehen, kommen in der Gemeinde zu Ehren durch die neuen Maßstäbe, die Jesus in die Welt gebracht hat. So zumindest sollte und könnte es sein.
 
(3) Wie Münchhausen können wir uns nicht selbst am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Wir können uns nicht selbst erlösen, auch wenn wir noch so klug, stark oder vornehm sind. Wir dürfen glauben, dass Jesus Christus uns durch seinen Tod am Kreuz erlöst hat, und zwar auf dem Weg der Teilhabe an unserer Leidensgeschichte. Das ist keineswegs Weltverachtung, sondern absolute Weltbejahung. Ich bin durch Jesus Christus das, was ich bin. Dessen kann ich mich rühmen.
 
Paulus öffnet uns die Augen für die Wahl, vor der wir stehen: Weise ich die Erlösung stolz zurück, weil ich alles weiß und kann, und mich daher nicht für erlösungsbedürftig halte oder nehme ich sie dankbar an?


[1] Bedenkenswert ist auch der Grundsatz, den Paulus vertritt: "'Nicht über das hinaus, was in der Schrift steht', dass also keiner zugunsten des einen und zum Nachteil des anderen sich wichtig machen darf. Denn wer räumt dir einen Vorrang ein? Und was hast du, das du nicht empfangen hättest? Wenn du es aber empfangen hast, warum rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?" (1 Kor 4,6b-7)

3. Sonntag im Jahreskreis            1 Kor 1,10-13.17  

10 Ich ermahne euch aber, Brüder und Schwestern, im Namen unseres Herrn Jesus Christus: Seid alle einmütig und duldet keine Spaltungen unter euch; seid vielmehr eines Sinnes und einer Meinung!11 Es wurde mir nämlich, meine Brüder und Schwestern, von den Leuten der Chloë berichtet, dass es Streitigkeiten unter euch gibt. 12 Ich meine damit, dass jeder von euch etwas anderes sagt: Ich halte zu Paulus - ich zu Apollos - ich zu Kephas - ich zu Christus. 13 Ist denn Christus zerteilt? Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft worden? … 17 Denn Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu verkünden, aber nicht mit gewandten und klugen Worten, damit das Kreuz Christi nicht um seine Kraft gebracht wird.
 
(1) Die Evangelien berichten über das Leben, Sterben und die Auferstehung Jesu. Die Apostelgeschichte zeigt, wie der Same, den Jesus ausgestreut hat, durch den Dienst der Missionare im Mittelmeerraum, allmählich aufgeht und Frucht bringt. Die neutestamentlichen Briefe sind schriftliche Verkündigung des Evangeliums. Sie thematisieren die Probleme in den gegründeten Gemeinden, dienen ihrem Aufbau und sind Zeugnis für die Inkulturation des Evangeliums in juden- und heidenchristlichen Gemeinden.

Paulus hat den ersten Brief an die Gemeinde von Korinth zwischen 53 und 55 nach Christus in Ephesus geschrieben. Der Grund für den Brief sind Fragen, die ihm von "Leuten der Chloe" und durch eine schriftliche Anfrage übermittelt wurden. Der Brief gibt Einblick in das Leben und die Probleme einer von Paulus gegründeten heidenchristlichen Gemeinde. Es ist erstaunlich, dass der Völkerapostel sich Zeit nimmt und Kraft investiert, um sich eingehend mit den Problemen der von ihm gegründeten Gemeinde auseinanderzusetzen.

(2) Die "Leute der Chloe" meldeten, dass es Streit und Zank in der Gemeinde gibt. Damit wird ihr Zeugnis verdunkelt. Die Sicht auf die "Stadt auf dem Berg“ wird verstellt. So kann die Gemeinde weder "Salz der Erde", noch "Licht der Welt" sein (Mt 5,13-16). Offenbar ist es für den Apostel selbstverständlich, dass er mutig und konkret vor der gemeindlichen Öffentlichkeit in Form eines Briefes dazu Stellung nimmt. Und er hat auch kein Problem, die Übermittler des Missstandes zu nennen.[1] Paulus mahnt eindringlich zur Einmütigkeit. Spaltungen sind ein absolutes "No go" und er fordert die Gemeindemitglieder auf, eines Sinnes und einer Meinung zu sein.

Als Grund für den Streit und den Zank werden Parteiungen genannt, weil offenbar jeder zu jemand anderen hält: "Ich halte zu Paulus - ich zu Apollos - ich zu Kephas - ich zu Christus." Die Wortführer der unterschiedlichen Gruppen missbrauchten die Namensträger für ihre eigenen Interessen. Möglicherweise sahen deren Parteigänger ihre Wünsche und Erwartungen bei dieser oder jener Person und dessen Anhängerschaft besser aufgehoben.

Welche Gründe können ausschlaggebend sein, sich dieser oder jener Gruppe anzuschließen? Vielleicht ist es eine Idee oder eine Vorstellung, die jemand veranlasst, sich dieser oder jener Gruppierung anzuschließen? Oder ist es ganz einfach ein materieller Vorteil oder Nutzen, sich für eine dieser Gruppen zu entscheiden? Vielleicht ist es auch der ganz banale Wunsch, mit jemandem eine alte Rechnung begleichen zu wollen? Eigensinn, Eigennutz und Eigenwille sind die treibenden Kräfte. Obwohl es allzu menschlich ist, dass Menschen erwarten, dass Gott ihnen ihre Wünsche und Träume erfüllt, Getaufte jedoch sollten sich mühen, Gottes Willen und Träume zu erfüllen. Die Einheit kann dann am besten gewahrt werden, wenn die Beteiligten bei einer gemeinsamen Entscheidungsfindung sich ehrlich fragen: „Will ich der Sache Gottes dienen oder meiner eigenen?“

Die Antwort des Paulus lautet: "Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber ließ wachsen. So ist weder der etwas, der pflanzt, noch der, der begießt, sondern nur Gott, der wachsen lässt... Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld, Gottes Bau... Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus." (1 Kor 3,6-11)
Paulus weiß sich von Jesus Christus gesandt, das Evangelium zu verkünden, aber so, "damit das Kreuz Christi nicht um seine Kraft gebracht wird." Wenn Paulus vom Kreuz Christi spricht, geht es ihm auch um Teilhabe an der Demut, dem Gehorsam und der Liebe Jesu.

(3) Das ist es, was uns die heutige Lesung zu bedenken gibt: Ist uns bewusst, dass wir als Gemeinde - auch und vor allem durch unseren Umgang mit Fragen, Konflikten und Problemen - die Botschaft Christi verdunkeln oder bestätigen? Bestehen unsere Gemeinden bloß aus Individualisten, die ihr persönliches Heil suchen, oder gibt es eine gemeinsame Praxis aufgrund des gemeinsamen Glaubens? Sind wir ehrlich miteinander oder bevorzugen wir ein Denunziantentum? Geht es uns um die Sache Christi oder um die eigene?

[1] Viele Diözesanleitungen, die ein sensibles Gehör für Denunziationen und anonyme Anklagen haben, sich aber scheuen ein Problem in der gemeindlichen Öffentlichkeit auszutragen bzw. den Gemeinden zu helfen, handeln in krassem Gegensatz dazu.

Taufe des Herrn           A              Apg 10,34-38(40)

34 Da begann Petrus zu reden und sagte: Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht, 35 sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist. 36 Er hat das Wort den Israeliten gesandt, indem er den Frieden verkündete durch Jesus Christus: Dieser ist der Herr aller.
 
37 Ihr wisst, was im ganzen Land der Juden geschehen ist, angefangen in Galiläa, nach der Taufe, die Johannes verkündet hat: 38 wie Gott Jesus von Nazaret gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft, wie dieser umherzog, Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Teufels waren; denn Gott war mit ihm.
 
(39 Und wir sind Zeugen für alles, was er im Land der Juden und in Jerusalem getan hat. Ihn haben sie an den Pfahl gehängt und getötet. 40 Gott aber hat ihn am dritten Tag auferweckt und hat ihn erscheinen lassen…)

 
(1) Zwei Visionen bestimmen das Geschehen dieses Kapitels. Dem römischen Hauptmann der Italischen Kohorte, die in Caesarea stationiert ist, Kornelius, erscheint ein Engel, der ihm aufträgt nach Simon Petrus zu schicken, der sich in Joppe im Haus Simons des Gerbers aufhält. Kornelius gehorcht und beauftragt drei Männer Petrus abzuholen (Apg 10,1-8). Auch Petrus hat in Joppe eine Vision. Dem eingefleischten Judenchristen bringt der Heilige Geist mit sanftem Druck bei, dass er nicht für unrein erklären darf, was Gott für rein erklärt hat. Schlussendlich stehen die drei von Kornelius gesandten Männer vor der Haustür und legen Petrus ihren Auftrag vor. Er folgt ihnen widerspruchslos, weil er in der Vision dazu aufgefordert worden war (Apg 10,9-23).
 
Bevor Petrus sich erklären lässt, warum nach ihm geschickt wurde, erzählt er den Anwesenden, was Gott ihn gelehrt hat: „Ihr wisst, dass es einem Juden nicht erlaubt ist, mit einem Nichtjuden zu verkehren oder sein Haus zu betreten; mir aber hat Gott gezeigt, dass man keinen Menschen unheilig oder unrein nennen darf. (Apg 10,28)“ Nach Kornelius Auskunft, weshalb er nach Petrus schickte, sprach Petrus ausführlich zu den anwesenden Verwandten und Freunden des Hausherren Kornelius. Seine Ausführungen mündeten in die Taufe des Hauptmannes und seines Hauses.
 
(2) Die Öffnung der Kirchentür auch für die Heiden wird für den eingefleischten Judenchristen Petrus nicht leicht gewesen sein. Aber Gott belehrte ihn eines anderen und er gehorchte. Sein Bekenntnis, dass Gott nicht auf die Person schaut,[1] „sondern ihm in jedem Volk willkommen ist, wer Gott fürchtet und tut, was gerecht ist“, kommt überraschend und ist daher umso erstaunlicher. Jesu öffentliches Wirken und sein Sterben öffnete durch seine Auferstehung und die Sendung des Heiligen Geistes auch den Heiden die Tür zur Kirche.
 
Der Heilsweg der Kirche steht allen offen und dieser Heilsweg ist Jesus Christus. Die Botschaft Gottes ist zunächst an die „Kinder Israels“ ergangen. Ihnen wurde durch Jesus „Frieden“ verkündet. Der Friede mit Gott ist die wesentliche Voraussetzung allen Heils. Aber Jesus Christus und sein Friedenswerk reicht über Israels Grenzen hinaus[2]: „Er ist der Herr aller.“
 
Da Petrus von der Bedeutung des irdischen Lebens Jesu für die nachösterliche Verkündigung überzeugt ist, referiert er vor den Anwesenden die Lebensgeschichte Jesu. Um Jesus zu kennen, ihn zu lieben und ihm zu folgen bedarf es dieser Kenntnis. Petrus folgt in seiner Predigt (Apg 10,36-40)[3] den Schwerpunkten der Verkündigung wie sie auch im Lukas-Evangelium genannt werden: Taufe, öffentliche Verkündigung, Tod, Auferstehung und Erscheinungen.
 
Petrus betont, dass Jesus nicht irgendwo wirkte, sondern im ganzen Land der Juden, in Galiläa und in Jerusalem. Damit bezeugte Jesus sein Judesein und sah sich als Erfüllung der Verheißungen Gottes (Lk 4,16-21). Jesus wollte ganz Israel sammeln und neu an Gott orientieren und gab sein Leben für alle hin. Ein markantes Ereignis im Leben Jesu war für Petrus die Taufe Jesu durch Johannes den Täufer. Für Jesus war der Täufer nicht nur der größte Prophet, sondern auch der Größte unter den Menschen. Er war der Wegbereiter des Messias. Er hat mit Wasser getauft, damit Jesus nach ihm mit Wasser und Heiligem Geist taufen konnte. Johannes betonte, dass Gott in seinem Zorn über die Sünder im Recht ist. Jesus setzte sich davon ab und betont, dass Gott noch mehr mit seiner Liebe im Recht ist.
 
In seiner Darstellung der Jesusgeschichte hebt Petrus die Salbung Jesu durch Gott hervor. Durch die Salbung wird ein Mensch in die Sphäre Gottes gehoben. Er wird geheiligt, um eine Aufgabe zu erfüllen z.B. gerecht zu herrschen, das Wort Gottes zu verkünden oder die Sünder mit Gott zu versöhnen. Diese drei Momente des Königlichen, des Priesterlichen und Prophetischen verbinden sich mit der Gestalt des Messias (Gesalbter, Christus). Die Salbung Jesu schließt den Auftrag zur messianischen Verkündigung ein. Jesus beginnt sie sofort nach der Taufe. Er wurde in der Taufe als gesalbter, messianischer Gottessohn dem Volk Gottes geoffenbart. Die Kraft, die Jesus bei der Salbung geschenkt wurde ist Kraft für sein Heilswirken. Auf Jesu Machttaten wies Petrus schon in seiner Pfingstpredigt hin.
 
Jesu Heilungen sind ein wichtiges Zeichen. Krankheiten zu seiner Zeit bedeuteten nicht bloß ein medizinisches, sondern auch ein religiöses und soziales Problem. Aussätzige z. B. wurden in die Isolation verbannt. Durch ihre Heilung sind sie nicht nur gesund geworden, sondern auch sozial und religiös wieder integriert worden. Sie kehrten zurück in das Leben mit anderen (Lk 5,12-16). Drastisch redet Petrus von den Heilungen derer, die „in der Gewalt des Teufels waren“. Gemeint sind die von einem Dämon besessenen, also fremdbestimmte Menschen. Die Macht Gottes bricht in Jesus die Macht des Widersachers, der will, dass die Menschen elend zugrunde gehen. Diese Heil-Kraft wirkt nach Ostern weiter, aber immer als Heil-Kraft, die Gott Jesus verliehen hat.

Petrus schließt Jesu Wirken mit einer kurzen Notiz: „denn Gott war mit ihm.“ Ein Unterschied zum Evangelium fällt auf. Dort heißt es, dass Jesus mit Gott war, dass er Gottes Nähe im Gebet gesucht und gefunden hat (Lk 3,21; 6,12; 9,18.28 u.a.). In Petrus Predigt ist Gott Jesus nah d.h. Gott stellt sich auf die Seite Jesu, seines Gesalbten; er ist gegenwärtig, wo Jesus ist. In Jesus begegnet uns Gott selbst.

Schließlich verweist Petrus auf die Zeugen, zu denen er sich auch selbst zählt und beruft sich dabei auf das, was die Augenzeugen und die Diener des Wortes überliefert haben. Es sind die Apostel, die im Idealfall von der Taufe Jesu bis zu seiner Aufnahme in den Himmel dabei waren und alles Entscheidende über Jesus wissen.

(3) Der römische Hauptmann Kornelius, der mit seinem ganzen Haus fromm und gottesfürchtig lebte, „gab dem Volk reichlich Almosen und betete beständig zu Gott. (Apg 10,2)“ Gott führte ihn mit Petrus zusammen. Dieser vervollständigte dessen Wissen über die Geschichte Jesu und wurde so zu einem Akteur der ersten Taufe eines Heiden: „Kann jemand denen das Wasser zur Taufe verweigern, die ebenso wie wir den Heiligen Geist empfangen haben? Und er ordnete an, sie im Namen Jesu Christi zu taufen. (Apg 10,47f)“

[1] Vgl. 1 Sam 16,7
[2] Vgl. Röm 3,2ff; Gal 3,26ff
[3] Vgl. T. Söding, Gottessohn, 231-236

Erscheinung des Herrn                    Eph 3,2-3a.5-6
 
2 Ihr habt doch gehört, welches Amt die Gnade Gottes mir für euch verliehen hat. 3 Durch eine Offenbarung wurde mir das Geheimnis mitgeteilt.[1] ...

5 Den Menschen früherer Generationen war es nicht bekannt; jetzt aber ist es seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist offenbart worden: 6 dass nämlich die Heiden Miterben sind, zu demselben Leib gehören und an derselben Verheißung in Christus Jesus teilhaben durch das Evangelium.
 
(1) „Dass nämlich die Heiden Miterben sind, zu demselben Leib gehören und an derselben Verheißung in Christus Jesus teilhaben durch das Evangelium.“ Das ist der Inhalt des Geheimnisses, das Paulus seinen Ansprechpartnern – den Christen aus den Völkern, enthüllt. Die Judenchristen sind Kinder Abrahams und infolgedessen „unmündige“ Erben. Weil Jesus aber durch seinen Tod am Kreuz, die Menschen von ihren Sünden befreite und mit Gott versöhnte sind sie „vollmündige“ Erben. Gott hat durch seinen Sohn dieses Heil in der Welt gewirkt. Aber dieses Heil ist nicht nur dem auserwählten Volk Gottes geschenkt, sondern auch denen „aus den Völkern“ - den Heiden. Sie sind Miterben.

Das „Mit“ bezieht sich auf die Juden. Das Heil geht von den Juden aus, die Gott zu seinem Eigentum erwählt hat. Jesus Christus, der Sohn Gottes, kam als Jude zur Welt und lebte als Jude. Er wusste sich zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Sein Leben und Sterben brachte ihnen die Rettung. Aber eben nicht ihnen exklusiv, sondern auch den Heiden, denn von Anfang an war Israel auf die Welt hin geordnet.

Die Heiden gehören zu demselben Leib. Jesus Christus ist das Haupt des Leibes, dem Juden und Heiden in gleicher Weise angehören. In diesem Leib wird die getrennte Menschheit wieder Eins. Die Verheißung, an der sie zusammen mit Israel teilhaben, versprach das Kommen des verheißenen Retters. Paulus hat ihnen die Frohe Botschaft angesagt, dass Jesus das Evangelium vom Reich Gottes verkündet hat und dass es mit ihm angebrochen ist.

(2) Das Fest „Erscheinung des Herrn“ stellt das Evangelium von der Anbetung des Gottessohnes durch die Weisen aus dem Morgenland in das Zentrum der Aufmerksamkeit: Heiden kommen, egal ob Könige oder Wissenschafter, um Gott anzubeten. Damit ist ein wichtiges Signal für eine entscheidende Etappe in der Geschichte des Heils gegeben: die Erfüllung der von den Propheten verheißenen Völkerwallfahrt hat begonnen. Das endgültige Heilshandeln Gottes beginnt mit der Menschwerdung Jesu und erreicht in seinem Versöhnungs-Tod, seiner Auferweckung und Geistsendung, den Höhepunkt. Nachdem Gott so in der Welt das Heil gewirkt hat, kann sich die Verheißung der Völkerwallfahrt erfüllen.

Am Beginn der Bibel sind die Welt und die Menschheit im Blickpunkt. Nach dem Turmbau zu Babel beginnt Gottes Heilshandeln mit Abraham. Ihn wird er zu einem großen Volk machen und durch ihn sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen. Israel ist von der ersten Stunde an auf die Welt hin geordnet. Der Prophet Jesaja verheißt eine Wallfahrt der Völker nach Jerusalem, um Gott anzubeten, nachdem etwas umstürzend Neues geschehen ist. Die Völker werden die Tora so anziehend finden, dass sie sich sehnen, danach leben zu dürfen. Diesen Text, in dem auch dem Krieg und der Gewalt abgeschworen wird, beendet der Prophet mit der Aufforderung: „Ihr vom Haus Jakob, kommt, wir wollen unsere Wege gehen im Licht des Herrn.“ (Jes 2,5) Was für die Zukunft verheißen wird, muss im Jetzt verortet werden, muss durch die Israeliten verwirklicht werden. Nur wenn die Völker ihr Tun sehen und attraktiv finden, werden sie sich für die Tora interessieren.

Jesus ging nicht in heidnisches Gebiet, um dort zu missionieren. Er wollte Israel sammeln und auf seine Sendung als Volk Gottes konzentrieren. Erst, als immer klarer wurde, dass Israel ihm nicht folgen würde, öffnete er sein Denken auf die Völker hin: „Ich sage euch: Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen;[2] die aber, für die das Reich bestimmt war, werden hinausgeworfen in die äußerste Finsternis; dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen.“ (Mt  8,11f) Weil das alttestamentliche Gottesvolk seine Sammelbewegung ablehnte, sodass das Licht der Gottesherrschaft unter ihnen nicht aufleuchten konnte, öffnete bereits Jesus das Gottesvolk auf die Heiden hin: „Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen (Mk 16,15).“

(3) Jesu Sendung ist geprägt von der Öffnung auf die Welt (Heiden) und der Konzentration auf das gelebte Zeugnis der Gottesherrschaft. Sowohl die Kirche als Ganzes, als auch die Pfarrgemeinden vor Ort, dürfen die jeweiligen Herausforderungen des gelebten Zeugnisses und der Öffnung für Neues nicht vernachlässigen.


[1] 3,3-6 Das jetzt offenbar gewordene „Geheimnis“ ist der Beschluss Gottes, alle Völker, und nicht nur Israel, zu retten.

 
[2] Mt 8,11ff; Der Hauptmann von Kafarnaum wird als der erste Vertreter der Heidenwelt, der zum Glauben kommt, herausgestellt. 

1. Jänner - Neujahr                             Gal 4,4-7

4 Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, 5 damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen.6 Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen, den Geist, der ruft: Abba, Vater.

7 Daher bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn; bist du aber Sohn, dann auch Erbe, Erbe durch Gott.
 
(1) Während seines Gefängnisaufenthaltes in Ephesus sieht sich Paulus mit einem schwierigen Problem konfrontiert. Was er nicht für möglich gehalten hat, ist eingetreten. Christen und Christinnen unter den Galatern sind bereit, die Beschneidung anzunehmen und sich freiwillig dem Gesetz zu unterstellen. „Evangeliumsverdrehern“ war es gelungen die Galater zu diesem Schritt zu bewegen. Paulus war entrüstet und etwas ratlos. Hat er ihnen nicht in aller Klarheit und Deutlichkeit versichert, dass sie durch Glauben gerecht gemacht wurden und durch nichts anderes? Paulus musste die Galater überzeugen, dass ihre Entscheidung für die Beschneidung und die Übernahme der Tora ein Irrweg ist.

Menschlich allerdings ist das Vorgehen der betroffenen Galater verständlich. Wer sich beschneiden lässt, der trägt ein äußeres Zeichen der Verbundenheit mit dem Volk Gottes. Das vermittelt die Sicherheit der Zugehörigkeit zu einer großen Gemeinschaft. Wer sich den Mühen der Befolgung der Gebote der Tora unterzieht, der kann eine Leistung vorweisen und auch das gibt Sicherheit. Die äußere Zugehörigkeit und die religiöse Leistung gefährden aber das Eigentliche: das tägliche Mühen um den Glauben, um die Beziehung mit Gott.

(2) Paulus versucht in seinem Brief die Galater argumentativ von seiner Sicht des Heilshandelns Gottes zu überzeugen. Er bezieht sich auf Abraham. Durch ihn sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen (Gen 12,3b). Darüber hinaus soll nicht ein Haussklave, sondern ein leiblicher Sohn sein Erbe sein (Gen 15,4b). Aus diesen beiden Verheißungen formt Paulus einen „Erbschaftsbeweis“, wonach er Juden („unmündige Söhne“) und Heiden („Sklaven“) als legitime Erben der Verheißung darstellt.[1] Auf unterschiedlichen Wegen, die durch ihre Herkunft bedingt sind, erlangen sie das Heil.

In der heutigen Lesung erklärt Paulus in den Versen 4-5 den Galatern wie die Juden die Sohnschaft erlangten und zu rechtmäßigen Erben wurden. Durch die Geburt des Gottessohnes und der Erfüllung seiner Sendung durch seinen Tod am Kreuz hat er die Sünden (die, die Tora aufdeckt und verurteilt) vergeben und die Sünder mit Gott versöhnt, wodurch sie die Sohnschaft erlangten. Dadurch wurden die „Unmündigen“ zu rechtmäßigen Erben.

Ihnen aber, den Galatern, die Söhne sind,[2] sagt Paulus, dass Gott ihnen „den Geist seines Sohnes in ihr Herz sandte, den Geist der ruft: Abba, Vater.“ In wem der Geist Christi zum Vater ruft, der ist nicht mehr Sklave, sondern Sohn. Paulus zieht daraus den logischen Schluss: „Bist du aber Sohn, dann auch Erbe.“[3]

Paulus will den Galatern sagen: Ihr seid bereits Söhne und Erben. Statt euch der Beschneidung und dem Gesetz zu unterwerfen, wäre es sinnvoller, wenn ihr eure ganze Kraft in eure Beziehung zu Gott investieren würdet. Ihm zu trauen und sich ihm anzuvertrauen ist gewiss schwieriger als sich durch Äußerlichkeiten und religiöse Leistungen abzusichern.

(3) „Und wäre Christus tausend Mal in Betlehem geboren, aber nicht in dir, wärst du dennoch verloren.“[4] Wir können Christus Jesus in uns zur Welt kommen lassen, indem wir die von Jesus angebotene Beziehung zu ihm aufnehmen, aus ihr leben und immer wieder vertiefen. Die innere Bewegung, die uns mit Gott verbindet und auf unsere „Sohnschaft“ hinweist, muss nicht der ausdrückliche Abba-Ruf sein. Es ist auch der Geist, der unsere Sehnsucht auf Gott hinlenkt, der uns lobend, dankend und bittend mit ihm verbindet.


[1] Gal 4,1-3: Ich will damit sagen: Solange der Erbe unmündig ist, unterscheidet er sich in keiner Hinsicht von einem Sklaven, obwohl er Herr ist über alles; 2 er steht unter Vormundschaft, und sein Erbe wird verwaltet bis zu der Zeit, die sein Vater festgesetzt hat. 3 So waren auch wir, solange wir unmündig waren, Sklaven der Elementarmächte dieser Welt.

[2] Gal 3,26: Ihr seid alle durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus.
[3] Gal 3,29: Wenn ihr aber zu Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen, Erben kraft der Verheißung.
[4] Angelus Silesius

Fest der heiligen Familie                           Kol 3,12-21

 
12 Bekleidet euch also, als Erwählte Gottes, Heilige und Geliebte, mit innigem Erbarmen, Güte, Demut, Milde, Geduld! 13 Ertragt einander und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat! Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!

14 Vor allem bekleidet euch mit der Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist! 15 Und der Friede Christi triumphiere in euren Herzen. Dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Seid dankbar!
 
16 Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch. In aller Weisheit belehrt und ermahnt einander! Singt Gott Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder in Dankbarkeit in euren Herzen! 17 Alles, was ihr in Wort oder Werk tut, geschehe im Namen Jesu, des Herrn. Dankt Gott, dem Vater, durch ihn!
 
18 Ihr Frauen, ordnet euch den Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt! 19 Ihr Männer, liebt die Frauen und seid nicht erbittert gegen sie! 20 Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern in allem, denn das ist dem Herrn wohlgefällig! 21 Ihr Väter, schüchtert eure Kinder nicht ein, damit sie nicht mutlos werden!

 
 
(1) Das Schiff Kirche ist vom Schiffbruch bedroht. Aber selbst ein günstiger Seegang ist nutzlos, wenn der Steuermann das Ziel nicht kennt. Wissen die Verantwortlichen der Kirche um die Sendung und das Ziel der Kirche, um die Aufgabe des Volkes Gottes?
 
Der Gedanke, dass Gott in der Welt ein Volk braucht - nicht um seiner selbst willen, sondern um der Welt willen – durchzieht die biblischen Bücher. Gott will durch sein Volk die Welt verändern und heiligen. Darum darf sich das Gottesvolk weder der Welt anpassen, noch sich ihr anbiedern. Es muss das Neue, das durch Abraham in die Welt gekommen ist und durch Jesus Christus vollendet wurde, unter sich verwirklichen. Die Kirche macht es sich zu leicht, der Welt vorschreiben zu wollen wie sie zu leben habe, sich selbst aber nicht bemüht die Botschaft Jesu glaubhaft zu verwirklichen.
 
(2) Gemäß der heutigen Lesung soll die Kirche eine Kontrastgesellschaft sein, die sich von der (heidnischen) Gesellschaft[1] unterscheidet. Der Verfasser des Briefes an die Kolosser stellt einer vorausgegangenen Liste von Lastern der heidnischen Gesellschaft[2] das kontrastierende Leben der christlichen Gemeinde gegenüber. In den darauffolgenden Versen wird das neue Leben in Christus durch weitere positive Haltungen beschrieben. In den Schlussversen wird das abweichende Verhalten der Gemeinde auf den familiären Alltag heruntergebrochen.
 
Unsere Lesung beginnt mit der Entfaltung des Bildes vom Anziehen des „neuen Menschen“. Dies konkretisiert sich in den Haltungen: Erbarmen, Güte, Demut, Milde und Geduld. Die Christen von Kolossä haben Jesus Christus angenommen und werden daher als Erwählte, Heilige und Geliebte bezeichnet. Bei der Aufforderung zur Vergebung geht es um das Vergeben persönlicher Verletzungen. Wie Gott der Herr ihnen vergeben hat, so sollen auch sie einander vergeben. Zu den genannten Haltungen kommt die Liebe hinzu. Sie fasst die Tugenden zu einem schön gebundenen "Blumen-Strauß der Reife" zusammen.[3]
 
Auf die Aufforderung die Liebe „anzuziehen“ folgt der Wunsch des Friedens. Der Friede solle als „Schiedsrichter“ bei Entscheidungen in ihren Herzen dominieren. In unseren Herzen tobt manchmal ein Kampf zwischen gegensätzlichen Interessen. Egal, ob ich mich für eine von zwei Alternativen bei einer Wahl (z. B. Berufswahl) entscheiden muss oder einen konkreten Schritt in einer Beziehung setzen muss – jener Alternative oder jenem Schritt ist der Vorzug zu geben, bei dem sich der Friede Christi einstellt. Das gelingt nur, wenn sich der Gläubige jeweils neu an Christus wendet.
 
Paulus appelliert dann an den Charme der Christen von Kolossä. Der soll in ihrer Kommunikation zum Ausdruck kommen. Wenn sie einander lehren und das Evangelium gegenseitig ans Herz legen, sollen sie das in kluger und geschickter Weise tun, um der Redeweise Christi zu entsprechen.
 
Aber nicht nur in ihrem Reden soll ihr Charme zum Vorschein kommen: Ihre Psalmen, Hymnen und Lieder sollen aus dem Herzen kommen und Schönheit haben. Ihr Reden und Tun insgesamt geschehe "im Namen Jesu" d.h. so wie Jesus es tat und unter seiner Führung. Wenn sie in ihrem Tun von Christus getragen werden, wird ihnen bewusst, dass es Gott ist, der ihnen durch Christus alles schenkt. So können sie den Dank durch Christus, dem Vater zurückgeben.
Die abschließende „christliche Hausordnung“ wird im Wortgottesdienst meist – zu unrecht – willkürlich gestrichen. Man kann der Frau nicht zumuten sich dem Mann unterzuordnen. Aber steht das wirklich da? Der Verfasser des Kolosser-Briefes zeigt eine klare Tendenz, die (vom staatlichen Gesetz) schwächer Gestellten zu stützen. "Er will nicht etwa sagen, dass die gesellschaftliche Unterordnung der Frau speziell durch Christus bedingt sei oder verstärkt würde, sondern dass die Frauen die vorgegebene Ordnung so vollziehen mögen, wie es im Herrn recht ist!"[4] Er gibt der Frau einen Maßstab an die Hand, nach dem sie von Fall zu Fall "im Herrn" d.h. vor Gott „überlegt und sich so, wie sie es jeweils für richtig erachtet, unterordnet."[5] "Christus in euch" ist die letzte Autorität für ihr Handeln.[6] Paulus meint also keine fraglose Unterwürfigkeit der Frau.

"Im Herrn" wird beim Mann nicht wiederholt, gilt aber auch für ihn, wenn er aufgefordert wird seine Frau zu lieben. Er muss sein Handeln am Handeln Jesu orientieren und ihm gegenüber verantworten. Er wird nur allgemein ermahnt, seine stärkere Stellung nicht zu missbrauchen. Warum nur die Väter ermahnt werden ihre Kinder nicht einzuschüchtern, hängt wohl damit zusammen, dass Väter eher zu Machtmissbrauch gegenüber Schwächeren neigen.

(3) Die Kirche ist dann Licht der Welt und Salz der Erde und erfüllt ihre Aufgabe als Volk Gottes in der Welt, wenn sie das kontrastierende Verhalten, welches einem Leben „in Christus“ entspricht, verwirklicht. Es gibt also keinen Grund, Texte aus der Heiligen Schrift einfach nicht zu verkünden, als ob wir „Herren“ über das Wort Gottes wären. Wir dürfen Paulus durchaus unterstellen, dass er Jesus, seinen Herrn, richtig verstanden hat.


[1] Heute hat es allerdings den Anschein, dass in der demokratischen Gesellschaft mehr biblische Werte verwirklicht sind als in der Kirche.

[2] Kol 3,7-10: „Einst war auch euer Lebenswandel von solchen Dingen bestimmt, ihr habt darin gelebt. Jetzt aber sollt auch ihr das alles ablegen: Zorn, Wut, Bosheit, Lästerung und schmutzige Rede, die aus eurem Munde kommt. Belügt einander nicht; denn ihr habt den alten Menschen mit seinen Taten abgelegt und habt den neuen Menschen angezogen, der nach dem Bild seines Schöpfers erneuert wird, um ihn zu erkennen.“
[3] N. Baumert, Berufung, 154
[4] N. Baumert, Berufung, 155
[5] N. Baumert, Berufung, 156
[6] N. Baumert, Berufung, 156: „So möge die Frau vor Gott prüfen und erkennen, wie sie im konkreten Fall eine Unterordnung vollziehen soll (vgl. Eph 5,21-24), ohne ihre Würde zu verlieren... Immer verweist Paulus die Partner auf ihre Gottesbeziehung, von der aus sie jeweils ihre Beziehung zu einander ordnen sollen.“

Weihnachten – Am Tag                       Hebr 1,1-6
 
1 Vielfältig und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten;[1]
 
2 am Ende dieser Tage hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben von allem eingesetzt, durch den er auch die Welt erschaffen hat; 3 er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens; er trägt das All durch sein machtvolles Wort, hat die Reinigung von den Sünden bewirkt und sich dann zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt;
 
4 er ist um so viel erhabener geworden als die Engel, wie der Name, den er geerbt hat, ihren Namen überragt.
 
5 Denn zu welchem Engel hat er jemals gesagt: Mein Sohn bist du, ich habe dich heute gezeugt, und weiter: Ich will für ihn Vater sein und er wird für mich Sohn sein?
 
6 Wenn er aber den Erstgeborenen wieder in die Welt einführt, sagt er: Alle Engel Gottes sollen sich vor ihm niederwerfen.[2]

 
(1) Wir schauen heute dankbar auf das Kind in der Krippe. Niemand kann sich seinem Charme entziehen. Aber seine Faszination schwindet oft mit seiner Deutung: In diesem Kind ist Gott Mensch geworden. Dieses Kind ist Gottes Sohn! Hier sagen viele Menschen - auch Christen: Stopp! Ein großer und besonderer Mensch, durch den Gott uns den Weg zu sich weist, ja! Aber doch nicht Gott!
 
Der Verfasser des Hebräerbriefes musste müde und entmutigte Christen, die von Verfolgung und Verachtung bedroht wurden, mahnen ihrem Glauben treu zu bleiben. Aber Ermahnungen und Ermutigungen lassen immer auch die Frage stellen: Wofür bezahle ich einen so hohen Preis? Wer ist es, für den ich Verfolgung und Verachtung auf mich nehme? Ist er es wert?
 
Der Text der neutestamentlichen Lesung besteht aus drei Teilen. Zunächst sagt der Verfasser des Briefes, dass und wie Gott zu den Vätern, also zu den Vorfahren des Gottesvolkes Israel, gesprochen hat. Im zweiten Teil geht es um die Endzeit, die durch Jesu Wirken angebrochen ist. Hier wird gesagt, wer Jesus wirklich ist: Er ist der Sohn Gottes. Er ist das nicht erst seit der Auferstehung und Erhöhung, sondern schon vor allen Zeiten, also vor der Schöpfung. Im dritten Teil betont der Verfasser des Hebräerbriefes den Vorrang Jesu vor den Engeln.
 
(2) Gott hat in der Vergangenheit durch zahlreiche Propheten zu seinem auserwählten Volk gesprochen. Sie haben das Gehörte weitergegeben, egal ob gelegen oder ungelegen. Für ihre Treue zum Wort Gottes mussten sie nicht selten einen hohen Preis bezahlen. Denken wir zum Beispiel an die Propheten Elia, Jeremia oder auch an Johannes den Täufer. Die Aufgabe der Propheten bestand vor allem darin, die Einhaltung der Tora einzufordern oder Abweichungen von ihr anzuklagen und die Konsequenzen schonungslos aufzuzeigen. In der Zeit des babylonischen Exils wurden sie von Gott beauftragt das Volk zu trösten, aufzubauen, zu stärken und zu ermutigen.[3] So hat sich Jahwe als Mitseiender seines Volkes erwiesen, das er aus der Sklaverei in Ägypten befreit hatte und dem er die Tora gab, damit es ein Lichtblick für die Welt sei.
 
"In dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, ..." Mit der Endzeit wird Letztes und Endgültiges angesagt. In Jesus, seinem Sohn, spricht Gott endgültig und unüberbietbar. Über Gott kann nicht mehr gesagt und gesehen werden, als was durch Jesus gehört und sichtbar geworden war. Er ist nicht bloß Mittler des Wortes Gottes, er ist das Fleisch gewordene Wort. "Wer mich sieht, der sieht den Vater." Das sagt Jesus von sich selbst. Das sagt auch der Prolog des Johannesevangeliums, der heute als Frohbotschaft verkündet wird.
 
Jesus ist also mehr als ein Prophet! Was aber bedeutete es, wenn Jesus nur ein Prophet wäre? Dann wäre es nicht zu verwundern, wenn früher oder später Propheten auftreten würden, die bessere Lösungen für die Probleme der Welt anbieten würden. Dann hätte Gott nicht endgültig in Jesus gesprochen. Er hätte Entscheidendes zurückgehalten und wir lebten in einer letzten Ungewissheit. Dann wäre die Kirche eine rein menschliche Organisation, in deren Sakramente eben Gott nicht handelt. Die Kirche wäre nicht mehr als ein Trost- und Weltverbesserungs-verein. Es gäbe darüber hinaus keine Erlösung im christlichen Sinn. Weil Jesus aber mehr ist als ein Prophet gibt es das Wunder, dass Gott im Angesicht Jesu zu schauen ist (Joh 14,7-9).
 
Der Lesungstext spricht unter anderem auch davon, dass Gott die Welt durch Jesus erschaffen hat, dass Jesus die Welt von der Sünde reinigte und dass sich Jesus zur Rechten der Majestät gesetzt hat. Für Juden kann nur Gott Sünden vergeben. Die Erhöhungsaussage betont, dass Jesus immer schon Sohn Gottes ist, nicht erst seit Tod und Auferstehung. Nach jüdisch-alttestamentlichem Denken wird damit unmissverständlich gesagt, dass Jesus sowohl Mensch als auch Gott ist. Und so sagt es auch das christliche Bekenntnis: Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott, natürlich in Einheit mit dem Vater und dem Geist. Die Nachfolge Jesu ist den hohen Preis wert.
 
(3) Das hilflose Kind in der Krippe ist der Sohn Gottes. Naturwissenschaftlich lässt sich das nicht beweisen. Es braucht meinen Glaubensmut, denn "den ganz großen Dingen des Lebens kann man nur im Vertrauen begegnen. Liebe kann man nicht beweisen. Man kann sich ihr nur anvertrauen. Erst indem man sich einem anderen anvertraut, erkennt man ihn."[4]
 
 
 
[1] 1,1 - 2,18 Das kunstvoll gestaltete Vorwort (1,1-4) und die anschließenden Zitate aus dem Alten Testament legen dar, dass Jesus als der Sohn Gottes die Engel an Bedeutung weit übertrifft; daher ist auch der von ihm gestiftete Bund dem Alten Bund, der nach jüdischer Auffassung durch Engel vermittelt wurde (vgl. Apg 7,53; Gal 3,19: über das Gesetz), weit überlegen.[2] Dtn 32,43 G; Ps 97,7  [3] Der Prophet Jesaja verkündete, im Unterschied zu den davidischen Messias-Verheißungen, die Sendung eines Gottesknechtes. [4] Gerhard Lohfink, Jesus von Nazaret, 469


Weihnachten - In der Heiligen Nacht    Titus 2,11-14  
 
11 Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.
 
12 Sie erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden loszusagen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben, 13 während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten: auf das Erscheinen der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Christus Jesus.
 
14 Er hat sich für uns hingegeben, damit er uns von aller Ungerechtigkeit erlöse und für sich ein auserlesenes Volk schaffe, das voll Eifer danach strebt, das Gute zu tun.

 
(1) Weihnachten ist das große Fest des Schenkens. Gottes Geschenk an uns Menschen ist das Kind in der Krippe zu Bethlehem. Nichts hat es von seiner Strahlkraft bis auf den heutigen Tag verloren. Dieses Geschenk unterscheidet sich aber wesentlich von den Geschenken, die wir unter den Christbaum legen, um einander Freude zu bereiten. Gottes Geschenk, sein Sohn, will mit mir in Beziehung treten. Er spricht mich an und will meine Antwort. Die Annahme dieses Geschenkes Gottes kann der Anfang einer lebenslangen freundschaftlichen Beziehung sein.
 
(2) Der Apostel Paulus hat Titus, einen seiner engsten Mitarbeiter, auf Kreta zurückgelassen. In dem eher amtlichen Brief gibt Paulus Anweisungen, wie Titus die Christen auf Kreta leiten soll. Bis zu seinem Lebensende hat dieser das Bischofsamt auf der Insel ausgeübt. Im 2. Korintherbrief wird er mehrmals erwähnt. Paulus hat ihn offenbar mit wichtigen Aufgaben betraut, weil er besonnen und verantwortungsbewusst handelte.
 
Paulus schlägt Titus vor, welche Männer er als Leiter einsetzen, berät ihn wie er mit Irrlehrern umgehen, wie er Männer, Frauen, Jugendliche und Sklaven ermahnen soll und welche Pflichten Getaufte im sozialen Bereich übernehmen sollen. Ungefähr in der Mitte des Briefes steht - als Motivation für die Verwirklichung des empfohlenen Tuns - der Text der Lesung, der in der Einheitsübersetzung mit der Überschrift versehen ist: „Gottes Gnade und christliches Leben.“
 
Der Abschnitt spricht von der Gnade Gottes, die mit dem Ziel erschienen ist, alle Menschen zu retten. Jesus, die Gnade Gottes, erzieht die Menschen zu einem Herrschaftswechsel. Die Rettung der Menschen setzt sich fort durch das Eigentumsvolk des großen Gottes und Retters Jesus Christus.
 
(3) Dieser Text sagt einiges über unseren Retter und unsere Rettung. Ist Jesus, das Kind in der Krippe, das ich erstaunt bewundere, über dessen Leben, Sterben und Auferstehen ich merkwürdige Dinge gehört habe, und die mich bei manchen traditionellen Festen in die Kirche führen, der Garant dafür, dass mein Leben - unabhängig von meinem Tun - nicht ins Leere läuft? Oder ist das Kind in der Krippe, das mir seine Hände entgegenstreckt, und das von seinem Sterben und seiner Auferstehung her seine Bedeutung bekommt, die Einladung zu einer erfüllten Beziehung?
 
Jesus hat Mitarbeiter gesucht und seine Jünger in einer Lern- und Lebensgemeinschaft die Umgangsformen des Reiches Gottes gelehrt. Er rief die Menschen zur Umkehr auf, zur Abkehr von einem fremdbestimmten und eigennützigen Leben und zur Hinkehr zu Gott, ihrem Vater. Das Denken vom anderen her und das gegenseitige Füßewaschen hat er selbst praktiziert und denen, die ihm nachfolgen als bleibende Aufgabe anvertraut. All denen, die seine Einladung zur Nachfolge annehmen, öffnet er einen weiten Sehnsuchtsraum, in dem sie besonnen, gerecht und fromm leben - besonnen mit der nötigen Geduld und Gelassenheit. Sie wissen, dass es auf sie ankommt, aber nicht von ihnen abhängt. Gerecht, weil sie nicht auf den „Waage-gerechten Ausgleich: Wie du mir, so ich dir“, beharren, sondern vielmehr dem „Menschen-gerechten: „Wie Gott mir, so ich dir“, Vorzug geben. Fromm sein, im Verborgenen beten, fasten und Almosen geben, Gottes Wünsche erfüllen und nicht darauf bestehen, dass Gott Wünsche erfüllt - so bemüht sich zu leben, wer das Christkind in sich groß werden lässt.
 
Jahwe hat Israel zu seinem Eigentumsvolk erwählt und Israel aus der Sklaverei in Ägypten befreit und auf dem Berg Sinai die Tora anvertraut, um in der Liebe Gottes zu bleiben. Das Voraus der Liebe Gottes ist ein Merkmal seines Handelns. Jesus hat uns von unserer Schuld befreit und zu seinem Eigentumsvolk erwählt. Um Salz der Erde und Licht der Welt zu sein, ist es notwendig, die ausgestreckten Arme des Christkindes zu ergreifen und sich von ihm berühren und führen zu lassen.


4. Adventsonntag       Röm 1,1-7
 
1 Paulus, Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert, das Evangelium Gottes zu verkünden, 2 das er durch seine Propheten im Voraus verheißen hat in heiligen Schriften: 3 das Evangelium von seinem Sohn, der dem Fleisch nach geboren ist als Nachkomme Davids, 4 der dem Geist der Heiligkeit nach eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht seit der Auferstehung von den Toten, das Evangelium von Jesus Christus, unserem Herrn. 5 Durch ihn haben wir Gnade und Apostelamt empfangen, um unter allen Heiden Glaubensgehorsam aufzurichten um seines Namens willen;[1] 6 unter ihnen lebt auch ihr, die ihr von Jesus Christus berufen seid.
7 An alle in Rom, die von Gott geliebt sind, die berufenen Heiligen: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.
 
(1) Es ist eher ungewöhnlich, dass Paulus seinen Brief an die Römer nicht mit einer Anrede an die Versammlung (ekklesia) und ihre Verantwortlichen beginnt. Grund dafür dürfte gewesen sein, dass es in Rom mehrere Hausgemeinden gegeben hat. Der Briefschreiber stellt sich vor als berufenen Apostel, als Träger einer Aufgabe, dem die Gabe der Berufung vorausliegt. Er weist also zunächst auf seine Verbundenheit mit Jesus hin und versteht sich als dessen Diener. Diener einer großen Persönlichkeit zu sein war in der Antike ein Ehrentitel. Er weiß sich erwählt und ausgesondert das Evangelium Gottes zu verkünden. Sein Evangelium allen Völkern im Auftrag des Auferstandenen zu verkünden ist er allen schuldig. In diesem Brief kommt er seiner Schuldigkeit den Römern gegenüber nach. 
Sein Verkündigungs-Auftrag ist durch zwei Merkmale gekennzeichnet. Es ist die gute Kunde und Botschaft Gottes, die er bereits durch seine Propheten in heiligen Schriften angekündigt hatte und es handelt sich darüber hinaus um das „Evangelium von seinem Sohn“.

Damit will Paulus den Judenchristen in Rom sagen, dass seine Botschaft von ihnen nicht verlangt, dass sie sich von ihren jüdischen Wurzeln trennen. Der, den er als Sohn Gottes verkündet ist vielmehr die Erfüllung der Verheißungen, die ihnen die Propheten zugesagt haben. Auch Jesus selbst hat seine Sendung im Rahmen der Offenbarung Gottes an Israel erklärt. Den Heidenchristen sagt Paulus damit, dass sie Anteil haben an der erfüllten Verheißung an die Juden. Von ihnen müssen sie lernen.

(2) Was der Apostel hier in der Briefeinleitung (Präskript) in wenigen Worten verdichtet ist eine Kurzfassung des Evangeliums. Die Wendungen „Das Evangelium von seinem Sohn“ (Vers 3a) und „das Evangelium von Jesus Christus“ (Vers 4c) rahmen diese Kurzfassung. Zunächst betont Paulus, dass der Sohn Gottes seinem Menschsein nach aus Israel erwuchs. Er war der erwartete Sohn Davids. „Dem Fleische nach“ betrifft seine fleischliche Existenz und hebt sein Leben in Schwachheit und Hinfälligkeit hervor. Der Formulierung „der dem Fleisch nach“ (Vers 3) wird die „der dem Geist der Heiligkeit nach“ (Vers 4) gegenübergestellt. „Christus dem Geiste nach“ betont die andere Seite der menschlichen Existenz Jesu.[2] Damit nimmt der Apostel zwei unterschiedliche Existenzweisen Christi Jesu in den Blick.

Zuerst handelt er von der Existenzweise des menschgewordenen Sohnes Gottes in seiner Schwachheit und Hinfälligkeit. Er, der Sohn Gottes ist, wurde wirklicher Mensch aus dem Samen Davids. Vom Sohn Gottes in Schwachheit und Hinfälligkeit sagt der Apostel, dass Gott ihn zum „Sohn Gottes mit Macht“ erhoben hat.[3] Christus ist in seiner geistlichen Existenz geprägt durch Heiligkeit, die mit der Auferstehung gegeben ist. Jesus wird in seiner geistlichen Existenz durch Tod und Auferstehung geheiligt. Christus ist für uns gestorben und auferstanden in eine Geist-Existenz, zu der er alle Menschen führen will, wenn sie sich auf ihn einlassen, ihn annehmen und mit ihm sterben.

Durch den Gesalbten Jesus hat Paulus Gnade und Apostelamt empfangen. Der Völkerapostel weiß sich gesandt die Botschaft des Trauens[4] zu verkünden. Trauen besagt nicht primär Glauben, sondern betont, dass Gott uns in Christus Jesus mit Trauen entgegenkommt, um so unser Trauen herauszulocken. Gemeint ist eine Wechselbeziehung, in der Gott die Initiative ergreift. Gott kommt also auf uns Menschen zu durch Jesus mit Trauen, wie er auch auf Abraham zugekommen war. Den Israeliten war Gott durch Mose mit dem Gesetz entgegen-gekommen. Dieses heilsgeschichtliche Konzept wird Paulus im Brief an die Römer entfalten. Er hat vom erhöhten Christus als Gabe und Aufgabe das Apostelamt empfangen, die Sendung von Gottes Trauen mit Autorität und Vollmacht den Völkern zu verkünden.

Paulus bezeichnet seine Adressaten als „Berufene Jesu Christi“ (Nomen) und anschließend als „berufene Heilige“. Dieser Sprachgebrauch ist bei ihm sehr selten und drückt seine Wertschätzung gegenüber den Römern aus. Als Christen in Rom haben sie einen besonderen Status (Berufung). Bald wird die Nachricht von ihrem Trauen die ganze damalig bekannte Welt erreichen (Vers 8). Er sieht die Christen und Christinnen in Rom mit einer Berufung für die Völker vergleichbar seiner eigenen Berufung.

(3) Die Erwähnung des Namens der Hauptstadt hat für die Zeitgenossen einen besonderen Klang. Er apostrophiert sie als „Geliebte und berufene Heilige“, womit er seine und ihre persönliche trauende Verbindung mit Christus zum Ausdruck bringt. Die christusgläubigen Juden und Heiden Roms, die die Botschaft vom Trauen Gottes angenommen haben weiß Paulus mitverantwortlich für die Sendung zu allen Völkern, um allen die Botschaft vom Trauen zu bringen.


[1] Ich übersetze die Verse 5 und 6 mit N. Baumert, Hochform, 13: „Durch ihn haben wir empfangen die Gabe einer bevollmächtigten apostolischen Sendung an seiner Statt (anstelle seiner Person) für eine Botschaft von Trauen (die wir auszurichten haben) unter allen Völkern, unter welchen auch ihr ‚Berufene Jesus Christi‘ seid.“

[2] Paulus unterscheidet auch beim Gläubigen Geist und Fleisch.
[3] Damit wird nicht geleugnet, dass er schon immer Sohn Gottes ist und dass der Erhöhte immer noch Mensch ist.
[4] Mit „Trauen“ beschreitet N. Baumert einen neuen Weg in der Paulus-Exegese. N. Baumert, Hochform, 15f

2. Adventsonntag A                                             Röm 15,4-9

1 Wir müssen als die Starken die Schwäche derer tragen, die schwach sind, und dürfen nicht für uns selbst leben. 2 Jeder von uns soll dem Nächsten zu Gefallen leben, zum Guten und zur Auferbauung. 3 Denn auch Christus hat nicht sich selbst zu Gefallen gelebt; vielmehr steht geschrieben: Die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen.
 
4 Denn alles, was einst geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch Geduld und durch den Trost der Schriften Hoffnung haben. 5 Der Gott der Geduld und des Trostes aber schenke euch, eines Sinnes untereinander zu sein, Christus Jesus gemäß, 6 damit ihr Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus, einmütig und mit einem Munde preist. 7 Darum nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat, zur Ehre Gottes!
 
8 Denn, das sage ich, Christus ist um der Wahrhaftigkeit Gottes willen Diener der Beschnittenen geworden, um die Verheißungen an die Väter zu bestätigen; 9 die Heiden aber sollen Gott rühmen um seines Erbarmens willen, wie geschrieben steht: Darum will ich dich bekennen unter den Heiden / und deinem Namen lobsingen.

 
(1) Es ist Gift für eine Gemeinschaft, wenn in ihr Parteiungen entstehen, die sich gegeneinander durch Denken und Handeln abgrenzen und die jeweils andere Gruppe verachten oder verurteilen. Diese Entwicklung wiegt umso schwerer, wenn es sich um eine Gemeinschaft handelt, deren Ziel es ist, den Wert der Einheit und des gelingenden Miteinander vorlebend zu bezeugen. Einer christlichen Gemeinde wird es schwer möglich sein „Salz der Erde und Licht der Welt“ zu sein, wenn in ihr Streit und gegenseitige Verurteilung dominieren.
 
Paulus wurde in der Gemeinde von Rom mit einer solchen Situation des Verlustes der Einheit konfrontiert. Er sah sich herausgefordert den zentrifugalen Kräften entgegenzuwirken. Es ging offenbar um das Thema Essen oder Fasten an dem sich die Gemüter erhitzten. Es kam zu Verurteilungen und Verwerfungen. Paulus ruft ihnen ins Gewissen: „Du aber, was richtest du deinen Bruder? Und du, was verachtest du deinen Bruder?“ (14,10) Es sollte in die andere Richtung gehen: „Lasst uns also dem nachjagen, was dem Frieden dient und der gegenseitigen Auferbauung! Reißt nicht wegen einer Speise das Werk Gottes nieder!“ (14,19f) Er kommt zu dem Schluss: „Jeder von uns soll dem Nächsten zu Gefallen leben, zum Guten und zur Auferbauung. Denn auch Christus hat nicht sich selbst zu Gefallen gelebt;“ (15,2f)
 
(2) In dieser problematischen Intervention macht der Apostel den Römern klar, warum es zu so einer Fehlentwicklung innerhalb der Gemeinde kommen konnte und dass es nur einen Ausweg aus der Misere gibt. Dass es so weit kommen konnte hat zur Ursache, dass sie das Wesentliche aus den Augen verloren haben: „Wer Fleisch isst, tut es zur Ehre des Herrn, denn er dankt Gott dabei. Und wer kein Fleisch isst, unterlässt es zur Ehre des Herrn und auch er dankt Gott. Denn keiner von uns lebt sich selber und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn.“ (14,6-8) Die Gläubigen in Rom haben Christus aus den Augen verloren und den Eigeninteressen Macht über sich gegeben. Neuorientierung an Christus ist notwendig.
 
Paulus spricht nun (ab Vers 2) beide Gruppen, die Starken und die Schwachen, die er mit den Begriffen „verachten“ und „richten“ kennzeichnete, an und fordert sie auf einander „zu Gefallen leben“. Statt ideologischen Eifer an den Tag zu legen, sollen sie bedenken, was dem anderen „guttut“ (gefällt). Dabei sollen sie an Jesus Christus Maß nehmen, der auch nicht „sich zu Gefallen gelebt hat.“ Christus Jesus hat aber auch nicht einfach den Menschen „zu Gefallen gelebt“, sondern er ist vor den Menschen für Gott eingetreten und hat daher „Gott zu Gefallen gelebt“. Wie aber können sie einander einen Gefallen erweisen? Es ist offensichtlich, indem sie einander statt Geringschätzung Hochachtung, statt Verurteilung Respekt entgegenbringen!
 
Aber wie hängt das mit der Erwähnung zusammen, dass Christus dem Schriftwort entsprochen habe (Psalm 69,8-13)? In diesem Abschnitt des Psalms liegt der Anlass zur Schmähung im Fasten und in der Buße (Vers 11f). Wer einen Menschen deswegen schmäht, schmäht damit zugleich auch Gott selbst.  Für diejenigen also, die kein Fleisch essen, die Schwachen, die geringschätzig behandelt werden, kann es eine Stärkung bedeuten, wenn sie den Spott mit Christus in Rückbindung an Gott tragen. Denn auch Christus hat Schmähung ertragen, die sich zugleich auch an Gott richtete. Indirekt ist dies auch eine Zurechtweisung derer unter den Starken, die die Fastenden verspotteten.
 
Ausführlich begründet Paulus die Verwendung des Schriftwortes als ob er wüsste, dass dessen Anwendung schwer verständlich ist. Dieser Gebrauch ist legitim, weil die Schrift zu unserer Belehrung aufgeschrieben wurde. Eine Belehrung aus der Schrift soll ja durch Geduld und Trost, durch Festhalten und Ermutigung Hoffnung bewirken. Ziel der Hoffnung aber ist das Festhalten an einer gegenwärtigen, aber unsichtbaren Realität und von ihr zu leben, als wäre sie schon.
 
An die Begründung schließt der Apostel einen Segenswunsch an: „Gott aber schenke euch, eines Sinnes untereinander zu sein, Christus Jesus gemäß.“ Er will nicht, dass sie dasselbe denken und die gleichen Ansichten haben, sondern in Einheit und in gutem Miteinander leben. Die Einstellung der anderen mögen sie der Prüfung Gottes überlassen und nicht zum Gegenstand des Streites machen. Nur ein Miteinander im Geiste Christi kann den Konflikt im Leib Christi entschärfen. Jedes Glied soll sich mit seinen Fähigkeiten auf das gemeinsame Werk ausrichten. Daraus kann der gemeinsame Lobpreis „des Vaters unseres Herrn Jesus Christus entstehen.“ Grundlage für die Einmütigkeit im Heiligen Geist, so dass alle „mit einem Munde“ Gott verherrlichen bedeutet, dass alle in Jesus Christus leben. Folgt man anderen Maßstäben stehen die Grundlagen auf dem Spiel.
 
Als Konsequenz appelliert Paulus an beide Seiten: „Nehmt einander auf!“ Maßstab dafür ist einmal mehr Christus Jesus: „Er hat uns (beide) aufgenommen.“ Sich gegenseitig aufnehmen schließt ein, die Überzeugung des anderen zu achten, denn Gott selbst ist es, der den Einzelnen prüft und schützt, er weiß, wie er es meint. Gott hat „uns“ (Starke und Schwache, Juden und Völker) durch Christus an- und aufgenommen, so dass nun Herrlichkeit in uns aufstrahlt.
 
Abschließend will der Völker-Apostel die Christen in Rom ermutigen: Wie es Jesu Speise war den Willen Gottes zu erfüllen, so sollen auch sie, die Adressaten seines Briefes in Rom „Gott zu Gefallen leben“. Er stellt ihnen Christus Jesus als Diener Gottes für die Rettung von Juden und Heiden vor Augen. Er hat für Israel die Verheißungen an die Väter erfüllt. Gottes Diener hinsichtlich der Völker war er, indem er ihnen Gottes Erbarmen bezeugte, um Gott vor ihnen zu verherrlichen.
 
(3) „Was Gott an uns tat, das waren wir nun unserem Bruder schuldig. Je mehr wir empfangen hatten, desto mehr konnten wir geben, und je ärmer unsere Bruderliebe, desto weniger lebten wir offenbar aus Gottes Barmherzigkeit und Liebe. So lehrte uns Gott selbst, einander so zu begegnen, wie Gott uns in Christus begegnet ist. ‚Nehmet euch untereinander auf, gleich wie euch Christus aufgenommen hat zu Gottes Lobe‘ (Röm 15,7).“[1]
[1] Bonhoeffer Brevier, 164

1. Adventsonntag A                                Röm 13,11-14a(b)

11 Das tut im Wissen um die gegenwärtige Zeit: Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf. Denn jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. 12 Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe. Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts!
13 Lasst uns ehrenhaft leben wie am Tag, ohne maßloses Essen und Trinken, ohne Unzucht und Ausschweifung, ohne Streit und Eifersucht!
14a Vielmehr zieht den Herrn Jesus Christus an (14b und sorgt nicht für euren Leib, dass die Begierden erwachen.[1])


(1) Dem Abschnitt der Kapitel 12 und 13 im Brief des Apostels Paulus an die Römer hat die Einheitsübersetzung die Überschrift „Weisungen für das Leben der Gemeinde“ gegeben. In Mahnungen und Anweisungen vermittelt er der Gemeinde wie sie sich nach außen und innen präsentieren soll. Zum Abschluss dieser Einheit richtet er einen Appell an die Gemeinde, es nicht beim Lesen bzw. Hören bewenden zu lassen. Alles Geschriebene und Diskutierte bleibt wertlos, wenn es nicht in die Tat umgesetzt wird. Er ermutigt sie, das Gebot der Stunde ernst zu nehmen und mit der Verwirklichung des Gelesenen/Gehörten besser heute als morgen zu beginnen.

(2) Paulus möchte, dass die Christen und Christinnen in Rom die Gnade des Augenblicks erkennen und handeln. Er will sie motivieren, auf ihrem Weg seit ihrer Bekehrung entschlossen weiterzugehen. Sie haben das Geschenk des Rufes Gottes angenommen und sich für einen Herrschaftswechsel entschieden. Nicht mehr die (von Egoismus, fleischlich bestimmte) Welt soll ihr Leben dominieren, sondern Gott. Sie wollen in ihrem Leben Gott Herrschaft über sich einräumen und in der Beziehung mit Jesus Christus, seinem Sohn, wachsen. Und so sind sie nun bereits ein Stück des Weges seit der Umkehr mit ihm gegangen.

Der Völker-Apostel ist überzeugt, dass es nun an der Zeit sei, eine höhere Stufe der Beziehung mit Jesus Christus und in der Glaubenserfahrung zu erklimmen. Es ist höchste Zeit, vom Schlaf aufzustehen! Der vollzogene Herrschaftswechsel soll nun auch im konkreten Leben sichtbar werden. Er hat die Kraft nicht nur Denken, Fühlen und Reden zu verwandeln, er muss sich auch in einem veränderten Lebensstil Ausdruck verschaffen. Die, die Jesus nachfolgen sollen Salz der Erde und Licht der Welt sein. Nichts kann bleiben wie es vor dem Herrschaftswechsel war. Alles bekommt ein neues Vorzeichen. Das Vorzeichen des Lebensstiles Jesu.

Paulus ermutigt zu diesem Schritt nach vorn in der Beziehung mit Jesus durch den Hinweis, dass uns die Rettung jetzt näher ist als damals, da wir anfingen, Gott zu trauen. Je intensiver wir unser Denken, Reden und Handeln an Jesus orientieren, desto mehr reduziert sich der Einfluss der „Finsternis“ auf unser Leben. Ein „geistliches Leben“ führen, bedeutet nicht, sich von der Welt zurückzuziehen und sie ihrem Schicksal zu überlassen, sondern im Geiste Christi „mit den Waffen des Lichts“ mithelfen, ihr die Würde und Schönheit des Schöpfungsmorgens zurückzugeben. Und das heißt ein Leben zur größeren Ehre Gottes zu führen.

Nach den Metaphern „Tag“ und „Nacht“, „Finsternis“ und „Licht“ spricht der Apostel direkt an, was einem Leben in der Nachfolge Jesu entgegengesetzt ist. Nach dieser klaren Abgrenzung folgt eine eindeutige Schlussfolgerung im Kontrast, die der liturgische Text allerdings beschnitten hat. Die Einladung „Zieht unseren Herrn Jesus Christus an“, im Sinne von „nehmt seine Denkweise an“ ist selbstredend und bedeutet: Schlüpft in die Rolle Jesu. Die schwer zu übersetzende Fortsetzung erinnert an das chinesische Sprichwort: „Achte auf deine Gedanken, sie sind der Anfang der Tat.“ Die kontrastierende Mahnung ruft auf, den bösen Anfängen zu wehren: Es gibt diese gottfernen Gedanken und Pläne in euch; sie sind auch jetzt noch da (vgl. 8,13) und haben die Tendenz, euch mehr und mehr zu gewinnen! Seid also wachsam; wenn solche von Gott wegziehende Impulse kommen, dann gebt ihnen nicht Raum, sonst wird daraus eine Begehrlichkeit, über die ihr dann nicht mehr Herr werdet![2]

(3) Mit Taufe und Firmung ist unser Christsein noch lange nicht am Ziel. Wer die Taufgnade angenommen hat lebt in Beziehung mit Jesus Christus und diese Beziehung durchläuft verschiedene Wachstumsstadien. Jede neue Ebene erfordert nicht nur größere Entschiedenheit, sondern auch eine vertiefte Hinwendung zu Christus. Je näher wir ihm kommen, umso entscheidender ist es, dass wir auf seine weiteren Sendungen eingehen und nicht denken, wir hätten unser Heil schon erreicht. Christus-förmig werden zu wollen im Leben mit dem Auferstandenen ist eine lebenslange Aufgabe.

[1] Ich übersetze mit N. Baumert, Hochform, 272:„Vielmehr zieht an unseren Herrn Jesus Christus (nehmt an seineVerhaltensweise). Eine sündige Überlegung und Tendenz lasst nicht von euch auszu Begehrlichkeit anwachsen.“  [2] N. Baumert, Hochform, 275


34. So C   Christkönigssonntag   Kol 1,(9-11)12-20(21-23)

(9 Daher hören wir seit dem Tag, an dem wir davon erfahren haben, nicht auf, für euch zu beten und zu bitten, dass ihr mit der Erkenntnis seines Willens in aller Weisheit und geistlichen Einsicht erfüllt werdet. 10 Denn ihr sollt ein Leben führen, das des Herrn würdig ist und in allem sein Gefallen findet. Ihr sollt Frucht bringen in jeder Art von guten Werken und wachsen in der Erkenntnis Gottes. 11 Er gebe euch in der Macht seiner Herrlichkeit viel Kraft, damit ihr in allem Geduld und Ausdauer habt.)12 Dankt dem Vater mit Freude! Er hat euch fähig gemacht, Anteil zu haben am Los der Heiligen, die im Licht sind.

13 Er hat uns der Macht der Finsternis entrissen und aufgenommen in das Reich seines geliebten Sohnes. 14 Durch ihn haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden.

15 Er ist Bild des unsichtbaren Gottes, / der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. 16 Denn in ihm wurde alles erschaffen / im Himmel und auf Erden, / das Sichtbare und das Unsichtbare, / Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; / alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen. 17 Er ist vor aller Schöpfung / und in ihm hat alles Bestand. 18 Er ist das Haupt, / der Leib aber ist die Kirche. /

Er ist der Ursprung, / der Erstgeborene der Toten; / so hat er in allem den Vorrang. 19 Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, / 20 um durch ihn alles auf ihn hin zu versöhnen. / Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, / der Frieden gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut.

(21 Auch ihr standet ihm einst fremd und feindlich gegenüber; denn euer Sinn trieb euch zu bösen Taten. 22 Jetzt aber hat er euch durch den Tod seines sterblichen Leibes versöhnt, um euch heilig, untadelig und schuldlos vor sich hintreten zu lassen. 23 Doch müsst ihr im Glauben bleiben, fest und in ihm verwurzelt, und ihr dürft euch nicht von der Hoffnung des Evangeliums, das ihr gehört habt, abbringen lassen. In der ganzen Schöpfung unter dem Himmel wurde es verkündet und ich, Paulus, bin sein Diener geworden.)

(1) Vor dem Hintergrund des heutigen Stellenwertes der christlichen Gemeinden und ihrer Ausdünnung erstaunt die Aufmerksamkeit, das Engagement und der Zuspruch des Verfassers für eine Gemeinde, die er nur vom Hörensagen kennt und Gottes Wirken in ihr dankbar wahrnimmt und es bewusst zu machen versucht. Gemeinde wächst von unten, wo Menschen sich hineinziehen lassen in die Gestalt Christi.

In dieser wertschätzenden Einstellung dankt der Verfasser (höchstwahrscheinlich Paulus) Gott für das, was er in der judenchristlichen Gemeinde in Kolossä wirkt. Er betont, dass er und seine Mitarbeiter für die Gemeindeglieder in Kolossä beten und für sie bitten, dass sie in der Erkenntnis des Willens Gottes wachsen und Frucht bringen in der Verwirklichung guter Werke. Zweimal wird vom Wachsen in der Erkenntnis geredet. Gemeint ist eine Art „Zu-Erkenntnis“. Angesprochen sind Juden-Christen, die die Tora, Propheten und Schriften (das Alte Testament) als ihre Bibel anerkennen und darüber hinaus als ihre Vollendung auch das Evangelium Jesu Christi. Er betet auch darum, dass sie ein Leben führen, das die Quelle sichtbar macht, aus der sie leben und aus der ihre guten Werke entspringen. Diese Sendung in ihrer jüdischen und heidnischen Umgebung zu realisieren braucht viel Geduld und Ausdauer, eine Kraft, die nur Gott geben kann (Verse 9-11).

Als Außenstehender möchte Paulus den Kolossern verdeutlichen wie und was Gott bei ihnen gewirkt hat und wohin er sie auf dem Weg des Trauens führen möchte. Er bezeugt vor der Gemeinde seinen persönlichen Glauben, der vom Damaskus-Erlebnis bestimmt ist.

Der Lesungstext (Verse 12-20) wird in eine Überschrift und drei Abschnitte gegliedert.[1] Die Überschrift (Verse 13-14) verbindet das Schöpfungshandeln Gottes in Jesus Christus mit seinem Erlösungshandeln in Jesus Christus. In Abschnitt I (Verse 15-18a) geht es um Christus als „Erstem“ in der Schöpfung; in II (Verse 18b-20) um Christus als „Erstem“ der Auferweckung und in III (Verse 21-23) um die Aufgabe aus der Gabe der Versöhnung.

(2) Paulus fordert die Kolosser auf, Gott zu danken, weil er sie befähigt hat „Erb-Anteil der Heiligen im Licht“[2] zu haben. Die „Heiligen im Licht“ sind Menschen aus dem Gottesvolk Israel, die in Jesus Christus das von Gott verheißene „Erbe“ erkannt haben und nun in neuem Licht leben. Bei den „Heiligen“ handelt es sich um die Glieder des alttestamentlichen Gottesvolkes, die Jesus als Messias (noch) nicht angenommen haben. Die Judenchristen sollen den Messias vor den übrigen Juden, und darüber hinaus auch vor den unter ihnen lebenden Völkern (Heiden) bekennen. Denn „durch“ Abraham sollen alle Völker gesegnet werden (Gen 12,3).

In der Überschrift (Verse 13-14) wird die Geschichte Gottes mit den Menschen durch den „Sohn seiner Liebe“ thematisiert. Paulus will von Anfang an klar machen, dass Christus über allem steht, was ihr Leben bestimmt und sie fordert.

Paulus beginnt mit einem typisch jüdischen Lobpreis der Großtaten Gottes: „Er hat uns herausgerissen aus der Finsternis in sein Licht und Vergebung gewirkt.“[3] Damit bringt er seine persönlichen und pastoralen Erfahrungen zum Ausdruck. Ziel des befreienden Handelns Gottes ist das „Einpflanzen in die Königsherrschaft und in den Schutzbereich des Sohnes seiner Liebe.“ Dieser Herrschaftswechsel ermöglicht ein erlöstes, befreites und heiliges Leben in Frieden mit Gott.

I. Der „Sohn seiner Liebe“ steht schon von Anfang an mit allen Menschen in Beziehung. Er wird als „Bild und Repräsentant des unsichtbaren Gottes“ vorgestellt, einerseits als Gegenüber der Menschen und andererseits als ihr „Erstgeborener“ (als Einer von ihnen).[4]

Aber es geht hier zunächst nicht um den auf Erden wandelnden Jesus, sondern um seinen Ursprung. Christus, der als Jesus auf Erden wandelte und wirkte, ist größer als ein Mensch und hat eine Vergangenheit, die bis an den Urgrund der Schöpfung reicht. Er ist seit der Schöpfung Ebenbild des unsichtbaren Gottes. Aber er ist auch der Repräsentant Gottes, der aus der Unsichtbarkeit und Ewigkeit Gottes hervorgetreten ist.
Die Schöpfung wird zusammengefasst „in den Himmeln und auf der Erde“. In den Blick genommen sind die Menschen. „Das Ganze in den Himmeln“ bezieht sich auf die Verstorbenen[5] und das Ganze „auf der Erde“ auf die Menschen, die auf Erden leben. Es geht um die menschlichen Geschöpfe, für die Christus „Erstgeborener“ ist.

Unterschieden wird auch „das Sichtbare und das Unsichtbare“.[6] „Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten“ sind jedenfalls keine unsichtbaren Wirklichkeiten.  Gemeint sind innerseelische Autoritäten, die das Handeln des Menschen bestimmen. „Throne“ steht für den ersten Platz in der Seele (also ein „Gegenstand“ für einen unsichtbaren Sachverhalt), den man mit Prioritäten wiedergeben kann. Für „Herrschaften“ steht in derselben Logik Gültigkeiten. Dazu passen auch „Grundsätze (Prinzipien) und Befugnisse“. Gott hat das Äußere und das Innere des Menschen erschaffen und hat ihm Maßstäbe mitgegeben. Paulus beabsichtigt, den Lesern klar zu machen, dass Prioritäten und Grund-Sätze etc. von Gott durch Jesus Christus in das Innere des Menschen gelegt sind. Wo diese verletzt wurden, bietet Gott dem Menschen durch Christus Versöhnung an. Von diesem Maßstab darf sich der Mensch nicht abbringen lassen und muss sich den widersetzlichen weltlichen Regelungen entziehen.

Der Verfasser begründet, dass nichts der Autorität Christi entzogen ist (Vers 17). Denn aus der Ursprungsbeziehung ergibt sich eine permanente Angewiesenheit aller Maßstäbe auf Christus. Er ist nicht nur Grund, sondern auch Ziel aller geschaffener Elemente und aller Lebensregeln. „Erstgeborener“ (Vers 15) wird in Vers 18 durch „Haupt“ aufgenommen. Sein „Leib“ ist die „Versammlung“. Diese meint hier aber nicht Kirche, sondern die ganze Menschheit als Einheit. Für sie ist Christus seit Anbeginn das „Haupt“, das sie in einem „Leib“ zusammenhält und die Menschen nach dem Sündenfall durch seine Menschwerdung zusammenführt.

II. In der neuen Einheit (Verse 18-20), lenkt Paulus den Blick vom Uranfang hin auf die Menschheitsgeschichte seit dem Sündenfall bis in die Gegenwart. Christus wird jetzt als „Anführer, Erstgeborener“ bezeichnet und ist damit „Erster“ in einem Prozess der Heimführung. „Er, der immer schon ihr ‚Haupt‘ ist, ‚wurde‘ in neuer Weise inmitten aller Sterblichen nun ‚Erster‘, und damit für jeden von ihnen ‚Anführer‘ aus dem Tod in ein unzerstörbares Leben.“[7]

Gott realisiert seinen Entschluss, die sündige Menschheit wieder mit sich zu verbinden, indem er vorher im Tod seines Sohnes Frieden anbietet. Hier ist noch nicht von versöhnen[8] die Rede, sondern davon, dass Gott im Voraus „im Blut Christi“ von seiner Seite her Frieden machte, um die Menschen mit sich zu verbinden.[9] Gott verbindet wieder, was durch den Sündenfall getrennt wurde. Die Neuaufnahme dieser Beziehung gibt Gott der Menschheit sofort, als Vertrauens-Vorschuss, unabhängig von ihrer Zustimmung.

Der Vater hat in der Ohnmacht des Sohnes gezeigt, wie er sich selbst den Menschen gegenüber verhält. Um ihretwillen hat der Sohn das Blut vergossen; er nahm die Schuld der Menschen auf sich.

III. Paulus wendet sich abschließend wieder direkt an die jüdischen Adressaten des Briefes, erinnert sie an ihre feindliche Einstellung gegenüber Jesu in der Vergangenheit und geht dann auf ihre neue Situation ein, da sie das Friedens- bzw. Verbindungsangebot Gottes angenommen und sich von Gott durch Jesus, dem Christus haben versöhnen lassen.

Gott hat sie mit sich versöhnt im Tod Christi. Das schließt ein, dass sie mit ihm in diesen Tod hineingenommen sind. Sie sollen sich als heilig und tadellos erweisen, also dieser geschenkten und angenommenen Versöhnung entsprechend leben und nicht mehr den Weg der Sünde gehen. Das ist nur möglich im Trauen.[10]

Die Christen-Gemeinde in Kolossä soll zu einem Ort werden, „wo bezeugt und ernst genommen wird, dass Gott die Welt in Christus mit sich selbst versöhnt hat, dass Gott die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen Sohn für sie hingab.“[11]


[1] Die Verse 13-14 bilden eine Art Überschrift zum Text der Verse 15-23. Die Verse 21-23 sprechen wieder von den Adressaten und bilden eine weitere Einheit. Vers 12 gehört zur Einheit der Verse 9-12.
[2] Die unter Anführungszeichen gesetzten Übersetzungsvarianten stammen jeweils von N. Baumert, Berufung, 48.60f
[3] Das setzt voraus, dass die Adressaten wissen, dass er von Gott spricht und auch die Schöpfungsgeschichte in Genesis 1 kennen.
[4] Dass Christus, der Sohn, seit Anfang am Schöpfungsvorgang der Menschheit beteiligt ist, ist für die Juden neu. Er stellt ihnen die innere Einheit von Vater und Sohn vor Augen und will ihnen so helfen, auch aufgrund seiner Damaskus-Erfahrung, anzunehmen, dass Gott wirklich einen Sohn hat.
[5] Für Juden ist die Unterwelt nicht die einzige Lokalisierung der Toten. „Generell gesprochen war in der zeitgenössischen griechischen Vorstellung kein Platz für das Reich der Toten unter der Erde.“ (Mussner)
[6] Das hat mit dem Anlass des Briefes zu tun: Einige Christusgläubige der Gemeinde konfrontierten die übrigen mit unangemessenen Aufforderungen: „nicht anfassen, nicht kosten“ etc. (2,20f) Um diese weltlich bestimmten Regelungen außer Kraft zu setzen nennt Paulus die echten Maßstäbe des Handelns. Diese sind ihrer Natur nach unsichtbar und werden deshalb vom Sichtbaren des Menschen unterschieden.
[7] N. Baumert, Berufung, 74
[8] Vom Versöhnen ist erst im Vers 22 die Rede.
[9] Zur Versöhnung bedarf es der Zustimmung eines jeden Einzelnen. Gott zwingt niemanden in die Versöhnung.
[10] N. Baumert, Berufung, 78: Dranbleiben im Trauen setzt voraus, „dass sie bereits die Zu-Erkenntnis im ‚Trauen‘ angenommen haben, wobei das Wort offen ist für ein wechselseitiges Trauen: von Gott her und als Antwort von ihnen her (Eph 2,8).“
[11] Bonhoeffer Brevier, 456

33. Sonntag im Jahreskreis C           2 Thess 3,(6)7-12(13)

(6 Im Namen Jesu Christi, desHerrn, gebieten wir euch, Brüder und Schwestern: Haltet euch von jenen fern,die ein unordentliches Leben führen und sich nicht an die Überlieferung halten,die sie von uns empfangen haben!)

 7 Ihr selbst wisst, wie manuns nachahmen soll. Wir haben bei euch kein unordentliches Leben geführt8 und bei niemandem unser Brot umsonst gegessen; wir haben uns gemüht undgeplagt, Tag und Nacht haben wir gearbeitet, um keinem von euch zur Last zufallen. 9 Nicht als hätten wir keinen Anspruch auf Unterhalt; wir wollteneuch aber ein Beispiel geben, damit ihr uns nachahmen könnt. 10 Denn alswir bei euch waren, haben wir euch geboten: Wer nicht arbeiten will, soll auchnicht essen.

11 Wir hören aber, dass einige voneuch ein unordentliches Leben führen und alles Mögliche treiben, nur nichtarbeiten. 12 Diesen gebieten wir und wir ermahnen sie in Jesus Christus,dem Herrn, in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr eigenes Brot zu essen. (13 Ihraber, Brüder und Schwestern, werdet nicht müde, Gutes zu tun!)

(1) Paulus hat imVerlaufe der Auseinandersetzung mit dem Pseudopropheten die Gemeinde vonThessaloniki im Glauben an das Evangelium, das er ihnen verkündet hatte,gestärkt. Anschließend wendet er sich einem anderen Problem in der Gemeinde zu,das mit dem Auftreten des Irrlehrers verbunden sein könnte. Der Völker-Apostelgibt den Brüdern, zusammen mit seinen Ko-Autoren, die Weisung, sich von jenemBruder fernzuhalten, der sowohl einen ungeordneten Lebenswandel führt als auchdarüber hinaus der übernommenen Überlieferung nichtentspricht. Worin aber bestehen der ungeordnete Lebenswandel und dieAbweichung? Für die Adressaten des Briefes genügte scheinbar die Anspielung„herumarbeiten“ (herumwerkeln, alles Mögliche tun), um zu wissen, was er meint.Wir müssen es indirekt erschließen.

(2) In den weiterenAusführungen weist Paulus darauf hin, dass diese Entwicklung irgendwie zuerwarten war, denn schon beim „letzten Besuch“ haben sie wiederholt darauf bestehenmüssen: „Wenn jemand nicht bereit ist zu arbeiten, soll er auch nicht essen!“[1](Vers 10) Im folgenden Vers wendet sich Paulus mit aller wünschenswertenKlarheit mit der Weisung und Ermahnung in Jesus Christus an die betreffendenLeute. Er spricht mit moralischer und religiöser Autorität: „Sie mögen selbstfür ihren eigenen Lebensunterhalt sorgen, indem sie in Ruhe und Zufriedenheitarbeiten![2]

Der Apostel willoffenbar verhindern, dass ein ungeordnetes Leben dem Evangelium und derenVerkündern die Glaubwürdigkeit nimmt oder untergräbt. Nur wenn das verkündeteWort und das Leben dessen der es predigt, übereinstimmen, kommt es bei denHörern als glaubwürdig an. Wenn Wort und Praxis nicht den Geist Jesu atmen,dann sind Wort und Tun vergeblich. Jene, die „herumarbeiten“ (alles Möglichetreiben) legen vermutlich eine religiöse Geschäftigkeit an den Tag, durch die sieandere belästigen. Paulus befürchtet, dass dies dem Zeugnis der Gemeinde einen schlechtenDienst erweist. Es könnte sein, dass es sich bei den angesprochenen Personen umjene handelt, von denen bereits in der Auseinandersetzung mit dem falschen Prophetendie Rede war: „Betet auch darum, dass wir von den bösen und schlechten Menschengerettet werden.“ (3,2)

Paulus belässt es aber nichtbei der strengen Maßnahme zum Schutz der glaubwürdigen Verkündigung. Er willauch den Geist sichtbar machen, der glaubwürdiges Handeln in der Nachfolge Jesuhervorbringt. Er selbst und seine Gefährten haben dafür ein starkes Zeichengesetzt, das im Gegensatz zum schädlichen Verhalten der Kritisierten steht.Obwohl sie durchaus berechtigt wären ihre Lebenskosten auf die Thessalonicherabzuwälzen, haben sie sich angestrengt und abgemüht, sich durch ihrer eigenenHände Arbeit ihr Brot selbst zu verdienen. In diesem aufgezeigtengegensätzlichen Verhalten manifestiert sich offenbar das „unordentliche“Verhalten: Sie wollen aus der Sache des Evangeliums persönlichen Nutzen ziehen,aber ihr nicht dienen.

Paulus weiß, dass ihr gelebtesLeben im Geiste Jesu ein ebenso wichtiger Bestandteil der Verkündigung ist wieihre gesprochenen Predigten. Die Apostel bemühen sich durch ihr Leben einBeispiel zu geben, das der Nachahmung wert ist, aber aus der rechten Gesinnungkommen muss. Die gelingende Nachahmung ist nur dann keine Kopie, wenn sie sichdem Wirken des Heiligen Geistes öffnet.

Das Gebet um dieErkenntnis, was Gott jetzt will, dass ich Gutes tue und das Tun des erkanntenWillens Gottes bewahrt vor religiösen Spekulationen und irregeleitetenTrugbildern.

(3)  Wenn „Christus als Gemeinde“ (DietrichBonhoeffer) in der Welt gegenwärtig sein soll, dann müssen die Tendenzen, diedessen Licht zu verdunkeln drohen, in geistlicher Unterscheidung erkannt undihnen Einhalt geboten werden. Den Anfängen gilt es zu wehren.

Paulus sprichtaber im Unterschied zur Gemeinderegel (Mt 18,15-20) nicht von Ausschluss.Offenbar will er die Brüder mit dem „unordentlichen Leben“ zum Nachdenken unddie Gemeinde zum Gebet für deren Umkehr motivieren.



[1]Übersetzung von N. Baumert: Gegenwart, 183 [2]Übersetzung ebenfalls von N. Baumert


32. Sonntag C                             2 Thess 2,(15)16-3,5

(15 Seid also standhaft, Brüder, und haltet an den Überlieferungen fest, in denen wir euch unterwiesen haben, sei es mündlich, sei es durch einen Brief!) 16 Jesus Christus selbst aber, unser Herr, und Gott, unser Vater, der uns liebt und uns in seiner Gnade ewigen Trost und sichere Hoffnung schenkt, 17 ermutige eure Herzen und gebe euch Kraft zu jedem guten Werk und Wort.

31 Im Übrigen, Brüder, betet für uns, damit das Wort des Herrn sich ausbreitet und verherrlicht wird, ebenso wie bei euch! 2 Betet auch darum, dass wir vor den bösen und schlechten Menschen gerettet werden; denn nicht alle nehmen den Glauben an.[1]

3 Aber der Herr ist treu; er wird euch Kraft geben und euch vor dem Bösen bewahren. 4 Wir vertrauen im Herrn auf euch, dass ihr jetzt und auch in Zukunft tut, was wir anordnen. 5 Der Herr richte eure Herzen auf die Liebe Gottes aus und auf die Geduld Christi.
 
(1) Paulus dankte den Gemeindemitgliedern von Thessaloniki für ihr glaubwürdiges, christliches Zeugnis. Ihr Glaube wuchs kräftig und ihre gegenseitige Liebe nahm zu und sie bewiesen auch Standhaftigkeit in ihren Bedrängnissen. Paulus hatte aber vom Wirken eines Irrlehrers in der Gemeinde erfahren. Er nahm den Vorfall ernst, weil er befürchtete, dass sie sich von ihm haben beschwatzen lassen, betraute sie mit Kriterien für einen Unterscheidungsprozess und forderte, dass sie sich von ihm klar distanzieren.

(2) Mit der Aufforderung standhaft zu bleiben und der Überlieferung die Treue zu bewahren (Vers 15) verbindet Paulus eine Ermutigung. Er geht dabei von eigenen Erfahrungen aus. Er hat mit seinen Mitarbeitern den Thessalonichern das Evangelium verkündet und ihnen damit einen Weg aufgezeigt wie auch sie Gottes Herrlichkeit erreichen können. Gott hat ihm und seinen Mitarbeitern dafür Liebe, Trost und Hoffnung geschenkt. Das ist es, was er sich wünscht, dass Gott auch ihnen schenken möge. Konkret: Liebende Zuwendung Gottes, Tröstung, wo es hart auf hart geht und Stärkung, wo der Mut sinken möchte. Gott möge ihnen in den bevorstehenden Auseinandersetzungen für ihr Tun und Reden das geben, was er selbst und seine Gefährten bekommen haben. Und das werden sie brauchen. Es geht ja nicht bloß darum, sich vom Irrlehrer/Pseudopropheten zu distanzieren. Dieser ist auch eine dominierende Person in der Gemeinde.

Neben dieser stärkenden Ermutigung bittet Paulus die Thessalonicher um ihr Gebet für den Fortschritt ihrer Evangeliums-Verkündigung. Er und seine Gefährten bitten um ihr Gebet, dass der Same des Evangeliums, den sie ausstreuen dürfen, nicht auf steinigen Boden fällt oder in Dornen erstickt, sondern reiche Frucht bringt.

Die Vorkommnisse in Thessaloniki erinnern Paulus daran, dass auch hier, wo er mit seinen Gefährten tätig ist, Querulanten seine Verkündigung behindern. Es handelt sich um Menschen, die das Wort Gottes nicht wirklich an sich heranließen und umkehrten. Sie haben sich unehrlich verhalten und wollten sich selbst profilieren und interessant machen. Sie haben das Wort Gottes nicht mit reinem, absichtslosem Herzen aufgenommen und sich verwandeln lassen, sondern ihre ichbezogenen Ziele verfolgt. Sie sind am falschen Platz.[2] Möge das Gebet der Thessalonicher dazu führen, dass er, Paulus, auf gute Weise von ihnen frei werde, um ungehindert das Evangelium verkünden zu können.

Paulus, der soeben über seine persönliche Situation Auskunft gab, wendet sich wieder den Thessalonichern zu: „Aber der Herr ist treu; er wird euch Kraft geben und euch vor dem Bösen bewahren (3,3).“ Was er hier als Ermutigung ausspricht ist kein Wunsch, sondern ein Bekenntnis. Dieses kann aber nur verstehen und annehmen, wer selbst in der Beziehung mit Gott lebt. Aber das setzt Paulus bei den Thessalonichern voraus. Wer im Bund mit Gott lebt, der darf darauf bauen, dass Gott ihn stärken und vor dem Bösen bewahren wird.[3]

Paulus ist sich zwar nicht ganz sicher, ob sich die Thessalonicher nicht doch haben „beschwatzen“ lassen. Trotzdem formuliert er wohlwollend. Sind sie dem Pseudopropheten doch auf den Leim gegangen, werden sie es selber am besten wissen. Indirekt erneuert er freilich die Mahnung, dass sie seine Weisungen in die Tat umsetzen, denn die Lösung des Problems mit dem Irrlehrer in der Gemeinde ist ja noch nicht endgültig ausgestanden.

Für die bevorstehenden klärenden Auseinandersetzungen bittet Paulus Gott, dass er die Herzen der beteiligten Thessalonicher auf Gottes Liebe und auf die Geduld des Christus richte. Gedacht ist hier nicht an die Liebe zu Gott, sondern die von Gott empfangene und weiterzugebende Liebe. Mit der Geduld des Christus ist Jesu Standhaftigkeit und Gehorsam im Erleiden der Unbilden gemeint, die seine Sendung mit sich brachte.

(3) Konflikte und Probleme wird es in der Kirche immer geben. Solche, die von außen kommen und solche, die innerhalb der Gemeinde entstehen. Paulus setzt sich vehement dafür ein, dass die Überlieferung bewahrt wird, erarbeitet Kriterien für den Unterscheidungsprozess und stellt sie der Gemeinde zur Verfügung. Er plädiert nicht für „Exkommunikation“, sondern für ein von Liebe und Geduld bestimmtes Verhalten gegenüber dem Pseudopropheten.

[1] Ich folge der Übersetzung von N. Baumert, Gegenwart, 177: „2 und dass wir weggerissen werden von den Menschen, die nicht am rechten Platz und von übler Art sind. Nicht alle nämlich sind redlich und zuverlässig.“
[2] Dazu schreibt N. Baumert, Gegenwart 177f in Fußnote 92: „Beim Entstehen neuer, lebendiger Gruppierungen, etwa der Charismatischen Erneuerung, kann man immer wieder beobachten, dass Leute dazukommen, die sich auf das Wesentliche nicht einlassen, aber dieses Forum benutzen, um sich zu profilieren, die auf sich aufmerksam machen und, je nach Persönlichkeit, auch die Leiter verdrängen suchen und das eigentliche Anliegen verfälschen oder die Gruppe sprengen. Sie sind in der Tat ‚atopoi‘ – ‚gehören da nicht hin‘, sind nicht ehrlich und daher letztlich nicht gut gesinnt; sie sind aber lautstark und in ihrer Aktivität schwer zu bändigen. – Und ganz allgemein; dass Unberufene sich in der Kirche nach vorn drängen, ist stets ein Problem.
[3] Paulus hat hinter dem Pseudopropheten/Irrlehrer Satan als Urheber seines Wirkens ausgemacht. (2 Thess 2,9)

Allerheiligen C                                               1 Joh 3,1-3

1 Seht, welche Liebe uns der Vater geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es. Deshalb erkennt die Welt uns nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat. 2 Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes. Doch ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. 3 Jeder, der diese Hoffnung auf ihn setzt, heiligt sich, so wie er heilig ist.

 
(1) Wie in den paulinischen sind auch in den johanneischen Gemeinden Irrlehrer aufgetreten. Gegen diese Irrlehren und deren Verbreiter ist der (oder sind die) Verfasser des 1. Johannesbriefes aufgetreten. Aufgrund der Abweichung von der Überlieferung kam es in der Gemeinde, in der der Verfasser lebte, zu einer Spaltung. Die Anhänger der Irrlehre haben die Gemeinde verlassen und sich anderswo niedergelassen und verkündeten dort ihre von der traditionellen Überlieferung abweichende Botschaft. Daher ist der 1. Johannesbrief auch nicht wirklich ein Brief, sondern gleicht eher einer Kampfschrift. Es wird allgemein angenommen, dass das Johannes-Evangelium zwischen 80 und 90 nach Christus entstanden ist und der 1.  Johannesbrief zwischen 90 und 100 nach Christus. Aus manchen Formulierungen im 1. Johannesbrief lassen sich die anstößigen Abweichungen ablesen.
 
(2) In der katholischen Mess-Liturgie lautet eine der Gebets-Einladungen zum Vaterunser so: „Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es. Darum beten wir voll Vertrauen.“ Also eine wörtliche Übernahme des ersten Satzes aus dem 1. Johannesbrief. Das verwundert ein wenig, denn weder im Matthäus-, noch im Lukas-Evangelium, die das Vaterunser überliefern, werden die Jünger bzw. Nachfolger Jesu als „Kinder Gottes“ angesprochen.
 
Wenn wir auf den Befund im Neuen Testament schauen, dann fällt auf, dass die Bezeichnung „Kinder Gottes“ für Christen und Christinnen eher selten verwendet wird. Paulus verwendet sie kaum, das Johannes-Evangelium ebenso. Am häufigsten der 1. Johannesbrief.
 
Wenn der Verfasser des Lesungstextes von „Kinder Gottes“ spricht, muss er etwas Besonderes im Sinn haben. Die Christen sind für den Verfasser des 1. Johannesbriefes „Kinder Gottes“ durch eine Zeugungstat Gottes. Diese Zeugungstat Gottes ist in unserem Text ein Handeln seiner schenkenden Liebe. Natürlich ist dabei auch an die Taufe zu denken.[1] 

Die Formulierung „Wir heißen Kinder Gottes“ wird ergänzt mit der Erläuterung „und wir sind es.“ Offenbar soll damit betont werden, dass tatsächlich in der Packung „drinnen ist, was außen drauf steht“ und es sich nicht um eine Mogelpackung handelt. Hier geht es nicht um eine plakative Selbstbestätigung, sondern um das Wissen, dass es sich um ein Geschenk handelt mit der sich eine Aufgabe verbindet. Das wird erkennbar durch den letzten Vers des vorausgehenden Kapitels: “Wenn ihr wisst, dass er gerecht ist, erkennt auch, dass jeder, der die Gerechtigkeit tut, von Gott stammt. (2,29)“ Jeder, der die Gerechtigkeit tut ist somit aus Gott gezeugt. Die Gotteskindschaft ist also untrennbar verbunden mit einem Leben, das um die Gefahr der Sünde weiß und dagegen kämpft und ein Leben nach dem Vorbild Jesu einschließt. Das musste gegen die Irrlehrer gesagt werden, weil diese behaupteten, dass die Zeugung aus Gott ein für allemal Aufnahme in die Gemeinschaft Gottes war.

Die betrübliche Feststellung, dass „die Welt uns nicht erkennt“, kann nicht groß verwundern. Dahinter steht die Erfahrung, dass Gott in Jesus Christus und in denen, die ihm nachfolgen, erkennbar nur für die ist, deren Vernunft durch den Heiligen Geist erleuchtet ist.[2] Daher haben sie auch „ihn“ nicht erkannt.

Im „Kind Gottes“ kommt aber nicht nur die Zeugungstat Gottes zum Ausdruck, sondern auch die Chance des Wachsens und Reifens des Kindes im anschließenden Jugend- und Erwachsenenalter. Das Kind weiß um die führende und schützende Hand des Vaters (und der Mutter), rechnet mit deren Ermutigung und Trost und Warnung, wie auch mit einem gut gemeinten, zurechtweisenden Wort. Die „Kinder Gottes“ haben auch ein klares Ziel vor Augen.

Der Autor des Briefes verheißt für die Zukunft ein noch größeres Wunder für die „Kinder Gottes“. Zwar ist noch nicht offenbar, was sie sein werden, aber gewiss ist: Sie werden ihrem Gott und Vater ähnlich sein, denn sie werden ihn schauen wie er ist.[3] „Kinder Gottes“ wissen, dass sie in den verwandelt werden, auf den sie schauen. Sie sollen ihre ganze Zukunftshoffnung auf Gott setzen. Auch das ist als Spitze gegen die Abtrünnigen zu sehen, denn sie meinen durch Glauben und Taufe schon die vollkommene Gemeinschaft mit Gott erlangt zu haben. Konsequenterweise folgt der Aufruf, dass der, der auf diese Hoffnung setzt, sich heiligt, wie er, Jesus sich geheiligt hat.[4]

Jesus Christus erfleht als unser Hohepriester immer neu Vergebung und Reinigung für die sündigen Christen und alle Sünder. Er kann es, weil er selbst rein und sündenlos ist. Wer also Gott schauen will, der muss wie Jesus rein werden, muss nach Reinigung streben. Er kann sie erlangen durch Jesu Blut und Jesu Fürsprache (1,7.9; 2,1f).
 
(3) Der Mensch/Adam wurde als Ebenbild Gottes geschaffen. Durch seinen Ungehorsam gegenüber dem Willen Gottes hat er diese Würde verloren. Gott hat in Jesus Christus, in seiner Menschwerdung, seinem Leiden und Sterben am Kreuz, sein neues „Ebenbild“ geschaffen. „Wer in der Gemeinschaft des Menschgewordenen und Gekreuzigten steht, in dem er Gestalt gewonnen hat, der wird auch dem Verklärten und Auferstandenen gleich werden… ‚Wir werden ihm gleich sein, denn wir werden ihn schauen wie er ist‘ (1. Joh 3,2) … Wer Christus schaut, der wird in sein Bild hineingezogen, seiner Gestalt gleichgemacht, ja er wird zum Spiegel des göttlichen Bildes. (D. Bonhoeffer, Nachfolge, 302)“


[1] „Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht von oben geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus entgegnete ihm: Wie kann ein Mensch, der schon alt ist, geboren werden? Kann er etwa in den Schoß seiner Mutter zurückkehren und noch einmal geboren werden? Jesus antwortete: Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus dem Wasser und dem Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. (Joh 3,3-6)“

[2] „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. (Joh 1,12f)“
[3]  „Niemand hat den Vater gesehen außer dem, der von Gott ist; nur er hat den Vater gesehen. (Joh 6,46)“
[4] Im Urtext steht: „Und jeder, der diese Hoffnung auf ihn hat, reinigt sich selbst, wie er rein ist.“ Wahrscheinlich hat der Verfasser Num 8,15.20-22 im Blick.


31. Sonntag C                                                2 Thess 1,11-2,2(3a)

11 Darum beten wir auch immer für euch, dass unser Gott euch eurer Berufung würdig mache und in seiner Macht allen Willen zum Guten und das Werk des Glaubens vollende.[1] 12 So soll der Name Jesu, unseres Herrn, in euch verherrlicht werden und ihr in ihm, durch die Gnade unseres Gottes und Jesu Christi, des Herrn.
2 1 Brüder, wir bitten[2] euch hinsichtlich der Ankunft Jesu Christi[3], unseres Herrn, und unserer Vereinigung mit ihm: 2 Lasst euch nicht so schnell aus der Fassung bringen und in Schrecken jagen[4], wenn in einem prophetischen Wort oder einer Rede oder in einem Brief, wie wir ihn geschrieben haben sollen, behauptet wird, der Tag des Herrn sei schon da!3 Lasst euch durch niemanden und auf keine Weise täuschen!
 
(1) Nach dem Briefeingang hebt Paulus (Silvanus und Timotheus sind als Mitverfasser angegeben) den Dank an die Adressaten besonders hervor. Ihr Glaube nimmt sichtbar zu und ebenso ihre Liebe zueinander. Dazu kommen ihre Standhaftigkeit und ihr Glaube in allen Verfolgungen und Bedrängnissen, die sie zu erleiden haben. Für den Verfasser des Briefes sind dies Anzeichen des gerechten Gerichtes Gottes, denn die Thessalonicher sollen der Königsherrschaft Gottes teilhaftig werden, für das sie zu leiden bereit sind. Gleichzeitig werden die Urheber ihrer Bedrängnisse ihrerseits Bedrängnis erfahren. Den Thessalonichern verheißt er „Ruhe“ zusammen mit ihnen. Wenn Jesus am Jüngsten Tag kommt wird er Vergeltung an denen üben, die Gott nicht kennen und seinem Evangelium nicht gehorchen. Bei den Thessalonichern hat das Zeugnis des Apostels Glauben gefunden und sie gehören nun zum Kreis derer, die den Glauben angenommen haben (Verse 3-10).

(2) Mit den letzten beiden Versen (1,11f) rundet Paulus (bzw. der Verfasser) das erste Kapitel des Briefes ab. Er schließt an das Vorangegangene an – dem Dank für das geduldige Wachsen im Glauben und dem Hinweis auf ihre Standhaftigkeit in Bedrängnissen und Verfolgungen. Nun betet er dafür, dass Gott sie weiterhin mit der Gabe der Geduld in den Herausforderungen der Nachfolge beschenke und weiterhin gütige Pläne zu ihrem Schutz fasse und sie auch verwirkliche. Er betet darum, dass Gott sie auch zukünftig der Berufung zur Königsherrschaft für würdig und ihrer Belastungen für gewachsen halten möge.

Paulus bittet um etwas, was Gottes alleiniges Handeln betrifft und nicht etwa unvollkommenes, bruchstückhaftes menschliches Tun vollendet oder ersetzt. Vielmehr handelt Gott durch berufene Menschen. Man kann sowohl darum bitten, dass Gott einen Plan fasse als auch, dass er ihn ausführt. Paulus bittet darum, dass die Thessalonicher gewürdigt werden „mit Gott verbundenes Werkzeug“ zu sein. Dahinter steht das Bewusstsein sowohl als Jünger Christi im Weinberg des Herrn gebraucht zu werden als auch, nur in der Hand des Herrn etwas bewirken zu können. Menschen erleben dann wie Gottes Geist durch sie hindurch handelt.[5]

Dadurch wird die Person Christi (der Name Jesu) durch sein Leben und Wirken in ihnen an ihnen verherrlicht, und sie werden in ihm verherrlicht. Damit werden Gnade und Zuwendung Gottes ihnen gegenüber sichtbar. Diese Gaben Gottes werden aber nicht nur für sie wahrnehmbar; auch ihre Bedränger müssen zur Kenntnis nehmen, dass in ihnen eine Kraft aufleuchtet, die nicht von Menschen kommt, sondern dass in ihnen Christus wirkt.

Mit dem Neueinsatz (in 2,1) stellt Paulus den Thessalonichern die Frage, ob sie die „Gegenwart des Herrn Jesus Christus“ richtig erkennen. Sie bezieht sich auf eine Offenbarung der Nähe Jesu Christi in der Gemeindeversammlung, um eine geistliche Erfahrung also.[6]
Jemand hat den Eindruck erweckt, dass sich Jesus selbst in ihm offenbart. Aber haben sie das auch geprüft? Oder haben sie zu voreilig und unbedacht zugestimmt? Die Erfahrung der Gegenwart Jesu Christi müsste die Gemeinde fester mit Jesus verbinden, die Gemeinde müsste intensiver am bereits Erkannten festhalten und im Urteil und dem Unterscheidungsvermögen noch sicherer werden. Bewährt sich dies in der Gemeinde, dann ist die Erfahrung der Gegenwart Jesu echt. Paulus liefert ihnen damit einen handhabbaren Maßstab.

Der Apostel hat die Verbundenheit mit Jesus Christus im Blick, wenn er darauf hinweist nicht schwankend zu werden und sich nicht verunsichern zu lassen. Es braucht den Heiligen Geist, der die Vernunft erleuchtet, um sich nicht beschwatzen zu lassen. Die Thessalonicher haben offensichtlich den Maßstab des Apostels nicht angewandt und die Irreführung nicht durchschaut.[7] Sie ließen sich durch eine Pseudo-Offenbarung beeindrucken.

Es geht um die geistliche Qualität dieses Mannes, dem sie da folgen. An der Art und Weise wie er spricht und handelt müssten sie erkennen, wes Geistes Kind er ist und dass er abweicht von dem, was sie schon erkannt haben und dass es dem von Paulus verkündeten Evangelium nicht entspricht. Seine Äußerungen führen nicht zu Christus hin.

(3) Im Anschluss an die heutige Lesung dürfen auch wir füreinander beten, dass Gott uns geduldiges Wachsen im Glauben schenke und uns würdige „mit ihm verbundene Werkzeuge“ zu sein.
Paulus gibt uns einen Maßstab in die Hand, um zu unterscheiden, wo Jesus Christus gegenwärtig ist und mahnt: „Lasst euch durch niemanden und auf keine Weise täuschen!“


[1] Ich folge ab Vers 11b der Übersetzung von N. Baumert: „und ihrer Belastung für gewachsen erachte 11c und er machtvoll einen vollständigen, gütigen Plan fasse 11d und so auch eine zuverlässige Durchführung vollbringe.“ N. Baumert, Gegenwart, 130

[2] Mit N. Baumert, Gegenwart, 130: „fragen“ statt „bitten“.
[3] Mit N. Baumert, Gegenwart, 130: „Gegenwart des Herrn“ statt „Kommen des Herrn“.
[4] Mit N. Baumert, Gegenwart, 130: „ob ihr euch nicht etwa beschwatzen lasst“ statt „Lasst euch nicht so schnell aus der Fassung bringen und in Schrecken jagen“.
[5] Willi Lambert, Aus Liebe zur Wirklichkeit, 192f
[6] Die Mitteilung des Pseudopropheten wird für eine Manifestation Jesu im Kreise der Gemeinde ausgegeben. Der Betreffende scheint die Gemeinde in seinen Bann zu ziehen und sie zu beeinflussen.
[7] Man behauptet „der Tag des Herrn“ habe sich hier in dieser Versammlung neuerdings ereignet. „Der Tag des Herrn“ (nicht „der letzte Tag“ ist gemeint) bezeichnet das Eingreifen Gottes in die Geschichte hier und jetzt. Paulus jedenfalls stellt diese Behauptung in Frage.

 

30. Sonntag C                                                        2 Tim 4,6-8.16-18

6 Denn ich werde schon geopfert und die Zeit meines Aufbruchsist nahe. 7 Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treuebewahrt. 8 Schon jetzt liegt für mich der Kranz der Gerechtigkeit bereit, denmir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tag geben wird, aber nicht nurmir, sondern allen, die sein Erscheinen ersehnen.

16 Bei meiner ersten Verteidigung ist niemand für micheingetreten; alle haben mich im Stich gelassen. Möge es ihnen nicht angerechnetwerden. 17 Aber der Herr stand mir zur Seite und gab mir die Kraft, damit durchmich die Verkündigung vollendet wird und alle Völker sie hören; und so wurdeich dem Rachen des Löwen entrissen. 18 Der Herr wird mich allem bösen Treibenentreißen und retten in sein himmlisches Reich. Ihm sei die Ehre in alleEwigkeit. Amen.

 (1) Paulus bringt seine Erfahrungen als Apostel JesuChristi auf den Punkt. In seinem geistlichen Testament ermutigt er Timotheusebenfalls Jesus nachzufolgen und verheißt ihm den „Kranz der Gerechtigkeit“ undden Beistand Gottes bei seinem Einsatz für die Verkündigung des Evangeliums.

(2) Der Völkerapostel hat seit seiner Christus-Begegnungvor Damaskus nicht nur sein Leben in den Dienst seiner Sendung zumVölker-Apostel gestellt, auch sein Sterben stellt er in diesen Dienst. Wie einStaffelläufer beim sportlichen Wettkampf gibt er den Stab an den nächstenLäufer weiter. Der, dem Paulus übergibt ist sein Freund und Mitarbeiter Timotheus.Paulus will ihn ermutigen und motivieren es ihm gleich zu tun ohne ihm dieSchwierigkeiten, die ihn erwarten, vorzuenthalten. Paulus will weder schönredennoch sich ins Rampenlicht stellen.

Paulus deutet seinen bevorstehenden Tod als Opfer, wörtlichals Trankopfer, das ausgegossen wird. Sein Lebensopfer weist auf JesuLebenshingabe am Kreuz hin und erweist ihn als authentischen Nachfolger JesuChristi. Er tritt seinen letzten Weg ohne Angst und Hadern mit dem Schicksalan, weil er weiß, was das Ziel seines letzten Weges ist. Sein letzter Weg führtihn zu dem, was er so sehr ersehnte: „Denn ich erwarte und hoffe, dass ich inkeiner Hinsicht beschämt werde, dass vielmehr Christus in aller Öffentlichkeit– wie immer, so auch jetzt – verherrlicht werden wird in meinem Leibe, ob ichlebe oder sterbe. Denn für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn.“(Philipperbrief 1,20f)

Angesichts dieser tröstlichen Perspektive lenkt Paulus denBlick auf sein Kämpfen und Ringen in Erfüllung seines Auftrages, den Jesus ihmgegeben hat, den Völkern das Evangelium zu verkünden. Paulus weiß um seineErfolge, sein Scheitern, seine Stärken und Schwächen und vorab um seine Liebezu Jesus Christus. Vor allem aber weiß er, dass er Werkzeug Gottes ist.

Wenn der Apostel vom „Kranz der Gerechtigkeit“[1] spricht, der für ihn schonbereit liegt und den er bei der Erscheinung des Herrn empfangen wird, ist dasnicht Ausdruck seiner Selbstüberschätzung, sondern vielmehr Ansporn fürTimotheus: genau dasselbe darf auch er erwarten, wenn er in seine und in JesuFußstapfen tritt. Timotheus soll wissen, dass der Weg der Nachfolge nichts mit denSchienen eines Zuges zu tun hat, der geradewegs und sicher zum Ziel führt,sondern es ist ein Weg mit Herausforderungen, Infragestellungen, Zweifeln,Ängsten, Versuchungen, Leiden etc., aber der „Kranz der Gerechtigkeit“, derunvergängliche Lohn, ist auch für ihn bereit und für alle, die sich nach derErscheinung des Herrn sehnen.

In der Darstellung der Realität, die seinen Mitarbeitererwartet, geht Paulus noch einen Schritt weiter. Timotheus soll auch wissen,dass auf die vielgepriesene geschwisterliche Liebe kein allzu großer Verlassist: Niemand ist für ihn eingetreten. Alle haben ihn im Stich gelassen. Auchhier wird er seinem Meister gerecht: „Möge es ihnen nicht angerechnet werden.“ Gottallein – davon ist Paulus felsenfest überzeugt - ist der feste Boden, auf dener sich stellen soll.[2] Auf ihn allein istVerlass.

(3) Auch Dietrich Bonhoeffer ist dem Galgen in diesemvertrauenden Bewusstsein entgegengegangen: „Das ist das Ende, für mich derBeginn des Lebens.“

In einer Predigt (in Barcelona) schreibt er: „Herr, lehredoch mich, dass es ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat undich davon muss. (Ps 39,5). Wollen wir gedankenlos dieser Tatsacheentgegengehen? Wollen wir leichtsinnig bleiben bis zur letzten Stunde? Nein,lasst uns in Gottes Namen ernst machen mit uns und d.h. mit dem Letzten, mitdem Tode und dann lasst uns schauen auf das Wunder, was geschehen ist. Lasstuns an die Grenzen der Welt, der Zeit denken, - und es wird ein Wunderbaresgeschehen. Die Augen werden uns aufgetan dafür, dass die Grenze der Welt, dasEnde der Welt – der Anfang eines Neuen ist, der Ewigkeit.“ (Dietrich BonhoefferWerke 10, Seiten 501f)



[1] Vgl.Philipper 3,7-14.

[2] Zu denVersen 16-18 vgl. Psalm 37.


29. Sonntag         Zweiter Brief an Timotheus 3,14-4,2
 
14 Du aber bleibe bei dem, was du gelernt und wovon du dich überzeugt hast. Du weißt, von wem du es gelernt hast; 15 denn du kennst von Kindheit an die heiligen Schriften, die dich weise machen können zum Heil durch den Glauben an Christus Jesus. 16 Jede Schrift ist, als von Gott eingegeben, auch nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, 17 damit der Mensch Gottes gerüstet ist, ausgerüstet zu jedem guten Werk.
 
1 Ich beschwöre dich bei Gott und bei Christus Jesus, dem kommenden Richter der Lebenden und der Toten, bei seinem Erscheinen und bei seinem Reich: 2 Verkünde das Wort, tritt auf, ob gelegen oder ungelegen, überführe, weise zurecht, ermahne, in aller Geduld und Belehrung!
 
(1) Der heutige Lesungs-Text (2 Tim 3,14-4,2) mündet in den Höhepunkt und Abschluss des Briefes (2 Tim 4,1-8). Diese aufrüttelnde Schlussmahnung macht vor allem diesen Brief – neben dem ersten Brief an Timotheus und den Titus-Brief - zum Testament des Apostels an Timotheus und an alle Gemeindeverantwortlichen in seinem Missionsgebiet.[1]

In einigen Passagen seines zweiten Briefes an Timotheus motivierte Paulus seinen Mitarbeiter zu energischem Einsatz (1,6-8; 2,1-3.15.22). Er ermutigt ihn nun, dort weiterzumachen, wo er bereits mit ihm angekommen ist. Aufgrund der gemeinsamen Erfahrungen baut Paulus auf seinen Mitarbeiter (3,10-12).


Zunächst ermutigt Paulus den Briefempfänger an dem festzuhalten, was er gelernt und wovon er sich überzeugt hat (Vers 14). Dann betont er den Nutzen der heiligen Schrift für die Erfüllung seiner Aufgabe (Verse 15-17) und schließlich fordert er ihn auf mit aller Entschiedenheit „das Wort“ zu verkündigen (4,1-2).

(2) Paulus fordert Timotheus also auf, an dem festzuhalten, was er gelernt und wovon er sich überzeugt hat (Vers 14). Was Paulus mit dem Gelernten meint, das hat er bereits ausführlich in den vorausgehenden Versen dargelegt. Timotheus hat mit Paulus in einer Lebens-, Lern- und Schicksalsgemeinschaft das Evangelium unter schwierigen Bedingungen verkündet. Der Apostel erinnert ihn an das, was er, Timotheus, an ihm gesehen und mit ihm in Erfüllung des Missionsauftrages durchlebt hat. Paulus bestätigt ihm, dass er sich als sein Mitarbeiter bereits bespielhaft bewährt hat: „Du aber bist mir gefolgt in der Lehre, im Leben und Streben, im Glauben, in der Langmut, der Liebe und der Ausdauer, in den Verfolgungen und Leiden, denen ich in Antiochia, Ikonion und Lystra ausgesetzt war. Welche Verfolgungen habe ich erduldet! Und aus allen hat der Herr mich errettet.“ (2 Tim 3,10-11) Paulus macht mit dem letzten Satz Timotheus Mut sich auch möglichen, zukünftigen Verfolgungen nicht zu entziehen und verleiht der Hoffnung Ausdruck, dass der Herr auch ihn aus den Verfolgungen erretten wird. Mit Verfolgung müssen freilich alle rechnen, die zu Jesus Christus gehören: „Aber auch alle, die in der Gemeinschaft mit Christus Jesus ein frommes Leben führen wollen, werden verfolgt werden.“ (2 Tim 3,12)

Die zweite Säule seiner Sendung durch den Apostel - neben der ersten, die im Festhalten an der Botschaft und am Verkündigungs-Stil besteht, die er von Paulus gelernt hat - sind die heiligen (alttestamentlichen) Schriften. Sie galten als vom Geist Gottes eingehaucht, also unter dem Beistand Gottes entstanden. Paulus hebt hervor, dass sie weise machen zum Heil durch den Glauben an Christus Jesus; sie sind also durch die Brille Jesu zu lesen. Sie beinhalten den Anruf Gottes, seinem Willen entsprechend zu leben und rüsten ihn aus, den Dienst, den Paulus ihm anvertraute, zu erfüllen. Wenn er sich in die heiligen Schriften meditierend vertieft und sie auslegt, wird ihm die „Erziehung zur Gerechtigkeit“, der ihm Anvertrauten, gelingen. Aber nicht nur der Hirte, sondern vielmehr jeder Christ soll von Kindheit an in den Umgang mit den heiligen Schriften (Altes und Neues Testament) eingeführt werden und vertrauten, meditierenden und persönlich anwendenden Umgang mit ihnen pflegen.

Im anschließenden Höhepunkt seines geistlichen, testamentarischen Vermächtnisses fordert Paulus seinen Freund und Mitarbeiter auf, „das Wort“ mutig zu verkündigen und darauf zu achten, dass es nicht verfälscht und entstellt wird. Das erfordert Unterscheidung, kritische Auseinandersetzung, Zurechtweisung und Ermahnung, aber nie als Demonstration der Macht, sondern vielmehr in Geduld[2] und Belehrung.

(3) Dietrich Bonhoeffer bekennt in einem Brief, was es für ihn bedeutet existentiellen Zugang zur Bibel gefunden zu haben: „Dann kam etwas anderes, etwas, was mein Leben bis heute verändert hat und herumgeworfen hat. Ich kam zum ersten Mal zur Bibel. Das ist auch wieder sehr schlimm zu sagen. Ich hatte schon oft gepredigt, ich hatte schon viel von der Kirche gesehen, darüber geredet und geschrieben - und ich war noch kein Christ geworden, sondern ganz wild und ungebändigt mein eigener Herr. Ich weiß, ich habe damals aus der Sache Jesu Christi einen Vorteil für mich selbst, für eine wahnsinnige Eitelkeit gemacht. Ich bitte Gott, dass das nie wieder so kommt. Ich hatte auch nie oder doch sehr wenig gebetet. Ich war bei aller Verlassenheit ganz froh an mir selbst. Daraus hat mich die Bibel befreit und insbesondere die Bergpredigt. Seitdem ist alles anders geworden. Das habe ich deutlich gespürt und sogar andere Menschen um mich herum. Das war eine große Befreiung.“ (Dietrich Bonhoeffer Werke 14, Seiten 112-114 in Auszügen) 

[1] Vgl. Apostelgeschichte 20,22-32
[2] Ruhiges und beherrschtes Ertragen von etwas, was unangenehm ist oder sehr lange dauert
.

28. Sonntag                                                                   2 Tim 2,8-13
 
8 Denke an Jesus Christus, auferweckt von den Toten, aus Davids Geschlecht, gemäß meinem Evangelium, 9 um dessentwillen ich leide bis hin zu den Fesseln wie ein Verbrecher; aber das Wort Gottes ist nicht gefesselt. 10 Deshalb erdulde ich alles um der Auserwählten willen, damit auch sie das Heil in Christus Jesus erlangen mit ewiger Herrlichkeit.
 
11 Das Wort ist glaubwürdig: Wenn wir nämlich mit Christus gestorben sind, werden wir auch mit ihm leben; 12 wenn wir standhaft bleiben, werden wir auch mit ihm herrschen; wenn wir ihn verleugnen, wird auch er uns verleugnen. 13 Wenn wir untreu sind, bleibt er doch treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen.
 
 
(1) Wann immer sich eine neue Bewegung etabliert sieht sie sich mit Fragen und Problemen von innen und von außen konfrontiert. Sie muss sich die Klarheit über die Frage verschaffen, was das Wesen ihrer Bewegung ist, welches Ziel sie verfolgt und welche Voraussetzungen die Personen mitbringen müssen, die sie leiten sollen. Die Umwelt nimmt ihre neue Existenz wahr, beobachtet sie aufmerksam, ob sie ihre Interessen gefährden und ihren Errungenschaften zuwiderhandeln. Von der daraus resultierenden Einschätzung wird abhängen, ob sie der neuen Bewegung wohlwollend oder feindselig begegnen.
 
Die ersten Christen mussten die Gestalt ihrer Bewegung erst finden. Was war der Kern der Botschaft, den sie im Auftrag Jesu der Welt verkünden sollten? Es ist die sogenannte Apostolische Lehre, das was Jesus die Apostel gelehrt hatte, und im Evangelium ihren Niederschlag fand.
 
Paulus wurde „sein Evangelium“ bei der Begegnung mit Jesus vor Damaskus geoffenbart und dort erhielt er die Sendung zum Heidenmissionar. Er hat zeitlebens Männer und Frauen um sich gesammelt, die ihm bei der Erfüllung seines Auftrages halfen. Und jetzt, wo er mit dem Tod rechnen musste, appellierte er an Timotheus, seinen Freund und Mitarbeiter, die Sendung, die er ihm anvertraut hatte konsequent und selbstlos zu erfüllen, wenn nötig auch mit der Bereitschaft Leiden in Kauf zu nehmen.[1] Um Timotheus bewusst zu machen, dass er ein außerordentliches und anspruchsvolles Amt übertragen bekommen hat, vergleicht er sein Amt mit dem Status von Offizieren, Wettkämpfern und hart arbeitenden Bauern. Aber Paulus belässt es nicht allein beim Aufweis der Herausforderungen, die sein Amt beinhalten, er begründet sie auch.
 
(2) Im Kern seiner Begründung steht der Gedanke, dass Jesus Christus aus dem Geschlecht Davids, vom Tod auferstanden ist. In Jesu Auferstehung und seiner Herkunft aus dem Hause Davids hat sich die davidische Messias-Verheißung erfüllt. Das bedeutet aber gleichzeitigt, dass Jesus von seinem Volk mehrheitlich abgelehnt, verurteilt, ausgeliefert, von den Römern zum Tode verurteilt und als Verbrecher hingerichtet wurde. Aber Gott hat ihm Recht gegeben, hat ihn auferweckt und zu seiner Rechten erhöht. Durch seinen Sühne-Tod hat Jesus die Welt mit Gott versöhnt. Diese „Frohe Botschaft“ soll allen Menschen angeboten werden.
 
Jesus hat also in viel grausamerem Maße am eigenen Leib erfahren, was ihm, Timotheus in viel geringerem Maße zugemutet wird. Aber auch er, Paulus selbst, hat viele Strapazen, Misserfolge, Demütigungen und Leiden um des Evangeliums willen erduldet. Gerade jetzt sitzt er wie ein Verbrecher, gefesselt in einem Gefängnis in Rom. Aber er ist auch zutiefst überzeugt, dass das Wort Gottes nichts und niemand an der Ausbreitung wird hindern können und, dass die Leiden um Christi und des Evangeliums willen Frucht bringen.
 
Der größte Missionar der apostolischen Zeit, Paulus, teilt Timotheus ebenfalls mit, warum er das alles zu ertragen bereit ist: Er tut es für die Auserwählten, „damit auch sie das Heil in Christus Jesus erlangen mit ewiger Herrlichkeit.“ Paulus will seinem Mitarbeiter klar machen, dass er mit seiner Leidensbereitschaft für die Weitergabe des Evangeliums wie Jesus und er selbst, „Mensch für andere“ ist. Auf dieses Privileg sollte er nicht verzichten.
 
Schließlich zeigt Paulus seinem Mitarbeiter wohin ihn sein Engagement für das Evangelium im Dienste Jesu führen wird: Die vielen kleinen und großen Tode, die er in der täglichen Nachfolge sterben wird, sind bei Gott gut aufgehoben und gehen nicht ins Leere. Sie haben ihren Sinn. „Wir können mit Christus sterben, weil er für uns gestorben ist. Christi Sterben für uns schenkt uns Anteilhabe am Reich Gottes und dies ist Anteilhabe an der Gemeinschaft mit Christus.“[2] Wenn er standhaft bleibt, geduldig ausharrt, ist das noch lange kein Scheitern.[3] Wenn er aus Angst und Feigheit einmal Christus verleugnet, wird das nicht das Ende sein. Denke er an Petrus und seine Tränen der Reue! Denn weit über die Verleugnung stellt Paulus die Treue Christi. Die Verleugnung wird durch das Bekenntnis Jesu zu den Menschen, die Gott retten will, aufgehoben.
 
(3) Das Evangelium ist die Quelle und der Maßstab des Gedenkens an Jesus Christus. Es soll nicht nur die Mitte im Dienst des Apostelschülers sein, sondern auch in unserem. Dieses Gedenken vollzieht sich mit Kopf, Herz und Verstand. Dieses Gedächtnis sollte auch unser ganzes Leben prägen.
 
Dietrich Bonhoeffer formuliert es so: „Wir müssen uns immer wieder sehr lange und sehr ruhig in das Leben, Sprechen, Handeln, Leiden und Sterben Jesu versenken, um zu erkennen, was Gott verheißt und was er erfüllt.“[4]


[1] 2 Tim 2,2f: Was du vor vielen Zeugen von mir gehört hast, das vertraue zuverlässigen Menschen an, die fähig sein werden, auch andere zu lehren! 3 Leide mit mir als guter Soldat Christi Jesu!
 
[2] T. Söding, Gottessohn, 110; Mt 26,29: Ich sage euch: Von jetzt an werde ich nicht mehr von dieser Frucht des Weinstocks trinken, bis zu dem Tag, an dem ich mit euch von Neuem davon trinke im Reich meines Vaters.

[3] Lk 22,28ff: Ihr aber habt in meinen Prüfungen bei mir ausgeharrt. 29 Darum vermache ich euch das Reich, wie es mein Vater mir vermacht hat: 30 Ihr sollt in meinem Reich an meinem Tisch essen und trinken und ihr sollt auf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten.

[4] Dietrich Bonhoeffer Werke 8, 572-574


27. Sonntag C                     2 Tim 1,6-8.(9-12)13f


6 Darum rufe ich dir ins Gedächtnis: Entfache die Gnade Gottes wieder, die dir durch die Auflegung meiner Hände zuteilgeworden ist! 7 Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenh
eit. 8 Schäme dich also nicht des Zeugnisses für unseren Herrn und auch nicht meiner, seines Gefangenen, sondern leide mit mir für das Evangelium! Gott gibt dazu die Kraft:(9 Er hat uns gerettet; mit einem heiligen Ruf hat er uns gerufen, nicht aufgrund unserer Taten, sondern aus eigenem Entschluss und aus Gnade, die uns schon vor ewigen Zeiten in Christus Jesus geschenkt wurde; 10 jetzt aber wurde sie durch das Erscheinen unseres Retters Christus Jesus offenbart. Er hat den Tod vernichtet und uns das Licht des unvergänglichen Lebens gebracht durch das Evangelium, 11 als dessen Verkünder, Apostel und Lehrer ich eingesetzt bin. 12 Darum muss ich auch dies alles erdulden; aber ich schäme mich nicht, denn ich weiß, wem ich Glauben geschenkt habe, und ich bin überzeugt, dass er die Macht hat, das mir anvertraute Gut bis zu jenem Tag zu bewahren). 13 Als Vorbild gesunder Worte halte fest, was du von mir gehört hast in Glaube und Liebe in Christus Jesus! 14 Bewahre das dir anvertraute kostbare Gut durch die Kraft des Heiligen Geistes, der in uns wohnt!

 
(1) Jeder von uns kennt die Zeiten des Stillstandes, der Lähmung, der Dürre und des Miss-Trostes im geistlichen Leben. Gott scheint sich zurückgezogen zu haben, nichts mehr geht leicht von der Hand. Stress und Ruhelosigkeit stellen sich ein. Was ist in solchen Situationen zu tun? Der heilige Ignatius von Loyola rät, in solchen Zeiten sich an Gegebenheiten zu erinnern, in der der Trost und die Leichtigkeit das geistliche Dasein mit Ruhe, Sammlung und Ausgeglichenheit dominierten. Umgekehrt empfiehlt er in den Hoch-Zeiten des geistlichen Lebens an die Trockenheit zu denken, um nicht übermütig zu werden. Die heutige Lesung bietet eine zusätzliche Hilfe an, denn auch der Amtsträger Timotheus blieb von geistlicher Antriebslosigkeit nicht verschont.

Der Zweite Brief an Timotheus hat testamentarischen Charakter. Paulus will Timotheus auf seinen Tod vorbereiten. Der Apostel legt großen Wert darauf, dass sich Timotheus an seinem (paulinischen) Evangelium orientiert.

(2) Der Lesungs-Text setzt unausgesprochen eine Situation voraus, in der Timotheus und die Christen der ihm anvertrauten Gemeinden müde geworden sind und eine gewisse Passivität vorherrschte. Der Einsatz für den Glauben und das Zeugnis[1] für Christus, die Spott und Hohn oder vielleicht sogar Verfolgung hervorrufen könnten, hatten an Strahlkraft verloren. Diese Gleichgültigkeit wollte Paulus keineswegs akzeptieren. Er ermutigte seinen Freund und Mitarbeiter Timotheus die Gnade neu zu entfachen, die er ihm bei der Amtsübertragung, durch die Auflegung seiner Hände vermittelte. Die glosende Glut des Kleinglaubens soll wieder auflodern zur begeisterten Glaubens-Flamme. Der Heilige Geist kann die Umpolung von einer Glaubenspraxis, die von Verzagtheit bestimmt ist, zu einer kraftvollen, liebenden, überzeugten und besonnen bewirken. Diese Gnadengabe wurde ihm verliehen. Dass sie in ihm erneut wirksam werden kann, dafür muss er sich öffnen und um sie beten.

Timotheus hatte offenbar ein Problem damit, unangepasst zu sein. In der Welt zu leben, aber nicht aus der Welt zu sein, tendiert zur Außenseiter-Existenz, die oft mit Angst vor Anfeindungen der Gesellschaft einhergeht. Damit muss sich Timotheus anfreunden. Paulus ermutigt ihn, sich weder Jesu, noch seiner zu schämen, sondern sich entschieden zu Christus zu bekennen und ebenso zu ihm, der um Christi willen im Gefängnis sitzt. Er soll sich zur Bereitschaft durchringen mit ihm zusammen für das Evangelium zu leiden. Das Mitleiden mit dem Apostel und der leidensbereite Einsatz für das Evangelium nach des Apostels Vorbild kennzeichnen den wahren Amtsträger.

Im Anschluss an einen Bekenntnishymnus entfaltet Paulus sein Evangelium (Verse 9-12). In ihrer Mitte steht das Erscheinen des Heilandes Jesus Christus. Mit der Menschwerdung Jesu beginnt das rettende Ereignis der Erlösung, das im Evangelium verlautbart wird. In der Auferweckung Jesu ist die Auferstehung der Toten begründet. Als letzter Feind Gottes und der Menschen wird der Tod vernichtet. Jesu Auferstehung ereignet sich für die Menschen, weil er ihnen radikal Anteil gegeben hat an seiner Beziehung zum Vater. Verkünder dieses Heilsgeschehens sind der Apostel und die Gemeinden. Zur Sendung des Verkündigers dieser „Frohen Botschaft“ von Menschwerdung und Auferstehung gehört aber auch das Leiden für das Evangelium. Diese Verse, die nicht in die Lesung aufgenommen wurden, veranschaulichen das Heilshandeln und die Gnade Gottes. Paulus motiviert auf dieser Grundlage Timotheus, seinen Forderungen und Ermutigungen zu entsprechen.

Der Apostel mahnt seinen Mitarbeiter: „Bewahre das dir anvertraute kostbare Gut!“ Das „anvertraute kostbare Gut“ ist die Fachbezeichnung für die apostolische Lehre, also die Lehre, die Jesus den Aposteln zur Verkündigung anvertraut hat und die diese weitergegeben haben. Sie ist identisch mit dem Evangelium, dem Wort Gottes. Einerseits handelt es sich hier um die Glaubenswahrheit, die Gott selbst dem Apostel anvertraut hat und andererseits um die Glaubenslehre, die Paulus den Apostelschülern und den von ihnen bestellten Verkündern zur Verkündigung weitergab. Für ihre Bewahrung und rechte Auslegung sorgt der Heilige Geist. Timotheus hat sich an die „gesunden Worte“ zu halten und sie in Glaube und Liebe zu bewähren.

(3) „Bewahre das dir anvertraute kostbare Gut!“ Ist das der Sargnagel jeden progressiven Handelns in der Kirche? Die Kirche und die Päpste werden ja immer mit dem Vorwurf konfrontiert unheilbar konservativ zu sein. Konservativ hat mit dem Lateinischen conservare zu tun. Etwas Wichtiges ist gefährdet und muss unbedingt bewahrt und gerettet werden. Was muss die Kirche retten und unversehrt überliefern?
 
In der Mitte des christlichen Glaubens steht Jesus Christus. Er ist das letzte und endgültige, unüberbietbare Wort, das Gott gesprochen hat. In Jesus Christus hat Gott alles gesagt, sich selbst ausgesagt. In ihm hat er auch alles getan. Im auferweckten und erhöhten Christus ist die Welt schon vollendet. Das Entscheidende in der Weltgeschichte ist also bereits geschehen. Dieses Heils-Geschehen muss deshalb im Evangelium verkündet und immer wieder in die Gegenwart gestellt werden. Christen und Christinnen müssen bis in ihr Herz hinein konservativ sein, denn das Entscheidende ist schon geschehen und weil es ihnen von Gott anvertraut wurde. Alle Getauften müssen das ihnen anvertraute Gut bewahren und weitergeben. Die Sache Gottes zu leben ist freilich immer progressiv.[2]
 
Die heutige Lesung bietet aber auch eine Medizin gegen Lethargie und Gleichgültigkeit an. Paulus motiviert seinen Mitarbeiter, sich in der Kraft des Heiligen Geistes sich der Amtsübertragungs-Gnade zu öffnen und um sie zu beten. Uns ermutigt er, uns der Taufgnade zu erinnern, uns ihr zu öffnen und ebenfalls um sie zu beten, damit wir gemäß dem Effata-Ritus Gottes Wort, das Evangelium, hören und es verkündend leben.


[1] Teilhard de Chardin: „Beten sie für mich, dass ich mich niemals dazu hinreißen lasse, etwas anderes zu wollen als das Feuer.“
 
[2] Siehe G. Lohfink, Verharmlosung, 208 - 211


26. Sonntag C                                 1 Tim 6,11-16


11 Du aber, ein Mann Gottes, flieh vor alldem! Strebe vielmehr nach Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Glauben, Liebe, Standhaftigkeit und Sanftmut! 12 Kämpfe den guten Kampf des Glaubens, ergreife das ewige Leben, zu dem du berufen worden bist und für das du vor vielen Zeugen das gute Bekenntnis abgelegt hast!

13 Ich gebiete dir bei Gott, von dem alles Leben kommt, und bei Christus Jesus, der vor Pontius Pilatus das gute Bekenntnis abgelegt hat und als Zeuge dafür eingetreten ist:

14 Erfülle deinen Auftrag rein und ohne Tadel, bis zum Erscheinen Jesu Christi, unseres Herrn, 15 das zur vorherbestimmten Zeit herbeiführen wird der selige und einzige Herrscher, der König der Könige und Herr der Herren, 16 der allein die Unsterblichkeit besitzt, der in unzugänglichem Licht wohnt, den kein Mensch gesehen hat noch je zu sehen vermag: Ihm gebührt Ehre und ewige Macht. Amen.


(1) Paulus hat im Brief an seinen Mitarbeiter und treuen Freund Timotheus bereits viele Forderungen, die Gruppen, aber auch einzelne Gemeidemitglieder betreffen, formuliert. Paulus hat diese Forderungen in der Hoffnung aufgestellt, dass Timotheus sie umsetzt. Zuletzt forderte er den rechten Umgang mit dem Reichtum (Verse 6-10). Timotheus solle sich von Habsucht fernhalten („flieh vor allem“). Zum Schluss des Briefes fasst Paulus alle seine genannten Forderungen in einem Auftrag zusammen, den zu erfüllen er Timotheus gebietet.

Timotheus, der ja schon einige Zeit in einer Lebens-, Lern- und Verkündigungsgemeinschaft mit Paulus unterwegs war, hat bei ihm vieles für die Erfüllung seines Auftrages gelernt. Dennoch bietet Paulus seinem jungen Freund eine Rüstung an, mit der er den „guten Kampf des Glaubens kämpfen“ kann.

(2) Paulus legt ihm nahe unermüdlich nach bestimmten Haltungen zu streben: Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Glauben, Liebe, Standhaftigkeit und Sanftmut. Ihre Verinnerlichung und Anwendung werden ihm helfen in unterschiedlichen Situationen in angemessener Weise den Brüdern und Schwestern in der Gemeinde, sowie den Ketzern in der Gesinnung Jesu zu begegnen. Gerechtigkeit bezeichnet hier in ihrem ethischen Sinn das rechte Verhalten.[1] Glaube meint die Haltung, die die überlieferte Glaubenswahrheit festhält und dafür eintritt. Frömmigkeit ist die tief im Glauben wurzelnde Haltung, die die Gottesverehrung in das Zentrum der Lebensgestaltung stellt. Die Liebe orientiert sich an der Liebe Gottes, die sich nicht darin zeigt, dass sie tut, was die geliebte Person verlangt, sondern was diese vom Liebenden braucht. Damit der Mensch Gott und seinen Nächsten lieben kann, muss er sich zunächst Gottes Liebe schenken lassen. Die Standhaftigkeit ist das geduldige Ausharren unter üblen Bedingungen und das Ertragen böser Dinge. Die Sanftmut ist die ausgeglichene, ruhige, geduldige und wohlwollende Gesinnung, die selbst bei Kränkungen, Schmähungen und körperlicher Gewaltanwendung nicht in Zorn gerät, sondern ein besonnenes Verhalten hervorbringt. 
An die Seite dieser Haltungen stellt er das „Kämpfen des guten Kampfes des Glaubens“. Timotheus, sein Mitarbeiter, soll den Anfechtungen und der Gegnerschaft mit Mut und Glaubenskraft entgegentreten und sie bestehen. Schließlich rät er ihm „das ewige Leben zu ergreifen“.

Gott hat in Jesus Christus radikal Anteil genommen am menschlichen Leben. Deshalb kann Jesus, der am Kreuz gestorben ist, durch seinen Tod nicht nur seinen eigenen Tod überwinden, sondern allen, die sterben müssen, die Tür zum ewigen Leben öffnen. Die Hoffnung auf die Ewigkeit, die Jesus den Menschen gibt, öffnet die Konzentration auf die Liebe. Gottes Liebe will Ewigkeit, oder sie ist keine Liebe. „Die Liebe hört niemals auf (1Kor 13,8). Dieses die Zukunft vorwegnehmende Hoffnungs-Wissen soll das gegenwärtige Handeln des Timotheus bestimmen.

Für seine Berufung zum ewigen Leben hat er das „gute Bekenntnis“ vor vielen Zeugen abgelegt. Es handelt sich dabei entweder um das Taufbekenntnis oder das Bekenntnis bei der Bischofsweihe. Möglicherweise ist das Messias-Bekenntnis gemeint, das Petrus auf die Frage Jesu: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ abgelegt hat: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Genau diese Frage stellte der Hohepriester Kajaphas Jesus beim Verhör. Jesu Antwort führt zu seiner Verurteilung und zur Auslieferung an Pilatus. Allerdings hat sich Petrus während des Verhörs im Hof vor dem Gebäude, in dem das Synhedrion tagte, von Jesus distanziert. Könnte da eine Warnung an Timotheus mitschwingen? Dass nämlich das verbale Bekenntnis allein noch nicht viel bedeutet, sondern durch konkrete Taten bewiesen werden muss.

Paulus „gebietet“ Timotheus die Auftragserfüllung „bei Gott“ und „bei Jesus“, der vor Pontius Pilatus das „gute Bekenntnis“ abgelegt und als Zeuge dafür eingetreten ist. Timotheus soll also - entsprechend Jesu Vorbild - seinem Auftrag treu bleiben und für das Evangelium Zeugnis ablegen. Jesus ist der Märtyrer und Zeuge, der sein Leben für Gott eingesetzt hat. Jesu Martyrium weist nicht nur auf die Rettung hin, die Gott im Sinn hat, sondern er verwirklicht sie.[2]

Der Zeitraum für die Erfüllung des Auftrags ist auf die ausstehende Zeit bis zum Widerkommen Jesu begrenzt: „Erfülle deinen Auftrag rein und ohne Tadel, bis zum Erscheinen Jesu Christi, unseres Herrn.“ Hier steht die Annahme im Hintergrund, dass das Wiederkommen Jesu noch zu Lebzeiten des Timotheus geschehen wird.[3] Darüber hinaus soll er seinen Auftrag uneigennützig, unbestechlich und ohne die guten Sitten zu verletzen, erfüllen. Alles das soll er beherzigen im Blick auf die größere Ehre Gottes.

(3) Die Anweisungen, die der Apostel seinem Mitarbeiter gibt, sind auch für uns eine Hilfe, unseren Glauben im herausfordernden Alltag zu bewähren und in Geduld zu wachsen. Es wird uns in Erinnerung gerufen, dass wir den Glauben nicht nur durch Worte, sondern auch durch Taten verkünden. Entscheidend ist auch die Umsetzung der Erkenntnis, dass geistliche Autorität nicht auf den Einsatz von Machtmitteln besteht, sondern durch verinnerlichte und gelebte Haltungen, die Jesus selbst vorgelebt hat. Das setzt eine innige Beziehung mit Jesus voraus, die täglich neu gelebt werden muss.


[1] Im Unterschied zum paulinischen Verständnis von Gerechtigkeit.
[2] T. Söding, Gottessohn, 108: „suchte man eine theologische Komprimierung der Prozesserzählung, fände man sie in 1Tim 6,13.“
[3] T. Söding, Gottessohn, 349: „Nach Markus steht für Jesus im Zentrum, dass der Menschensohn die Engel aussendet, um alle zusammenzuführen, die Gott retten will (Mk 13,24-27). Auf eine solche Versammlung… läuft auch hinaus, was sich nach der Johannesoffenbarung am Ende jenseits der Geschichte ereignet: das Strömen der Völker ins himmlische Jerusalem hinein (Offb 21f)… ‚Komm, Herr Jesus!‘ (Offb 22,20) ist der Bittruf, der alle Bitten zusammenfasst,…“

25. Sonntag C                                                                       1Tim 2,1-8

1 Vor allem fordere ich zu Bitten und Gebeten, zu Fürbitte und Danksagung auf, und zwar für alle Menschen, 2 für die Herrscher und für alle, die Macht ausüben, damit wir in aller Frömmigkeit und Rechtschaffenheit ungestört und ruhig leben können. 3 Das ist recht und wohlgefällig vor Gott, unserem Retter; 4 er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.
 
5 Denn: Einer ist Gott, Einer auch Mittler zwischen Gott und Menschen: der Mensch Christus Jesus, 6 der sich als Lösegeld hingegeben hat für alle, ein Zeugnis zur vorherbestimmten Zeit, 7 als dessen Verkünder und Apostel ich eingesetzt wurde - ich sage die Wahrheit und lüge nicht -, als Lehrer der Völker im Glauben und in der Wahrheit.
 
8 Ich will, dass die Männer überall beim Gebet ihre Hände in Reinheit erheben, frei von Zorn und Strei
t. 

(1) Die Welt, in der wir leben, ist wie sie ist, und sie ist oft der Sendung und dem Dienst, dem wir als Getaufte verpflichtet sind, nicht unbedingt förderlich, ja oft hinderlich oder sogar uns gegenüber feindlich eingestellt. Die Feindschaft den Gläubigen gegenüber kann zwar Märtyrer und standhafte Glaubenszeugen hervorbringen, aber auch viel Schmerz und Leid. Aber nicht nur der Angriff auf Leib und Leben bedrohen die Verkündigung des Glaubens, auch bestimmte geistige Strömungen und Ideologien. Das ist nicht nur heute so, dass war auch damals so, als Paulus diesen Brief an Timotheus schrieb. In jener Zeit war die Gnosis sehr attraktiv, eine Art der Erlösung durch Wissen. Sie barg die Gefahr, den christlichen Glauben auszuhöhlen und umzuinterpretieren.
 
(2) Paulus fordert die Christen und Christinnen durch Timotheus zu Bitten, Gebeten, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen auf und stellt die Fürbitte für die Herrscher und alle Machtausübenden in ihrem konkreten, persönlichen Lebensbereich an den Beginn. Die Begünstigten des Gebetsaufrufes sollen zwar alle Menschen sein, aber nachdem sofort die ergänzende Hinwendung zu den Machthabenden folgt, gilt wohl ihnen das Hauptinteresse. Es fällt auch uns leichter, für alle Menschen zu beten, als für die Regierenden und Politiker. Es ist, als wollte der Autor sagen, ihr habt die Machthaber, die ihr verdient. Also betet für sie. Mit dieser Gebetsaufforderung weist Paulus darauf hin, dass wir uns von der Verantwortung für die Welt nicht dispensieren sollen. Wir sind für sie mitverantwortlich. Wir dürfen ihr Geschick nicht dem Schalten und Walten anderer überlassen. Wir vollziehen unsere Verantwortung mit den uns geschenkten, eigenen Mitteln, vor allem mit dem Gebet: Bitten, Fürbitte und Danksagung.

Unser Platz in der Welt ist der Ort, an dem uns die Erfüllung unserer Aufgabe aufgetragen ist, nämlich das Evangelium zu verkünden und zu bezeugen, sowie der Welt bekannt zu machen, dass alle Menschen gerettet sind und alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen sollen.

Die Danksagung gilt zuerst und vor allem Gott, der in der Geschichte sein Heil wirkt und uns in Jesus Christus mit sich versöhnt hat, der uns Beziehung mit sich schenkt und „Gott-mit-uns“ ist. Wir dürfen ihm aber auch für seine Schöpfung danken, die auf ihn hin durchsichtig ist und die uns immer wieder staunen lässt und zur Anbetung einlädt. Dank schulden die Adressaten aber auch dem Römischen Reich, seiner Rechtsordnung und den Exponenten seiner Macht, soweit sie Frieden und Gerechtigkeit aufrecht halten. Denn zwischen den Zeilen ist die Befürchtung herauszulesen, dass Gefahr in Verzug und Wachsamkeit geboten ist.

Ziel der Fürbitte sind das allgemeine Wohl, der Friede und die Sicherheit, um gut leben zu können und um die Sendung zu erfüllen, die der Gemeinde und jedem einzelnen aufgetragen ist. Ein Leben in Frömmigkeit, das Gott und Christus Jesus anerkennt und ehrt durch Beten, Gottesdienstteilnahme und Gehorsam gegenüber dem Wort Jesu ist in einer stabilen und sicheren Gesellschaft eher möglich als in einer unruhigen und gefährdeten. Das gilt auch für ein rechtschaffenes Leben in Würde.  Es soll einen Menschen anleiten, ein Gott wohlgefälliges und den Menschen zugewandtes Leben zu führen.

Die Christen wurden damals von ihrer Umwelt mit kritischen Augen beobachtet. Sie suchten ihren Platz in der Gesellschaft und richteten sich in ihr ein, weil sich die Wiederkunft Christi verzögerte und sie mit einer längeren Dauer bis zu seiner Wiederkunft rechnen mussten. Sie wollten sich der Welt nicht angleichen, sondern erstrebten eine Umwandlung der Gesellschaft im Geist Christi, denn Gott der Retter, will alle Menschen retten. Die „Rettung aller Menschen“ und der Hinweis auf die „Erkenntnis der Wahrheit“ ist gegen die Sektierer - die Anhänger der Gnosis - formuliert, die dies bestritten. Diese Wahrheit wurde bereits in Glaubenssätze gefasst, wie es das folgende Glaubensbekenntnis zeigt (Verse 5-7). Die Gnosis rechnet mit Störelementen in der Beziehung zwischen Jesus und Gott. Daher betont Paulus den einen Gott und den einen Mittler Jesus Christus, den konkreten Menschen aus Nazareth.

Der Mittler ist „Mittelsmann im Sinne des Mediators und Fürsprechers, des Friedensemissärs.“[1] Jesus ist demnach der Sachwalter Gottes bei den Menschen und zugleich auch Sachwalter der Menschen bei Gott. Durch seinen stellvertretenden Sühnetod ist er der Mittler unseres Heils. Das erinnert an Mk 10,45: „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ Schließlich betont der Autor seine Glaubwürdigkeit und seine apostolische Autorität. Was von seiner Lehre abweicht, ist Irrlehre.

Ist der Grund, dass Gott einen Mittler braucht, seine Abwesenheit in der Welt? Nein! Gott will in der von Leid und Schuld beherrschten Welt sein Heil wirken. Im menschgewordenen Gottessohn schenkt er der Welt seine Liebe. Sie wurde in Jesus Opfer menschlicher Schuld. Gott hat sich der Welt nicht verweigert, sondern liebend hingegeben. Jesus trat als Mensch aus Fleisch und Blut auf, um sich den Menschen als ihren, mit ihnen solidarischen Retter, anzuvertrauen. In ihm hat sich Gott selbst sichtbar gemacht.

In einem neuen Abschnitt wird das Thema Beten weitergeführt. Die Anweisung für die Männer ist sehr knapp. Das Gebet und die Teilnahme am Gottesdienst dürfen weder von Streitigkeiten und Zorn noch von Unversöhntheit bestimmt werden. Das Gebet unversöhnter Christen entspricht nicht dem Willen Gottes.

(3) Die Aufforderung, für Regierung und Politiker auch außerhalb des „Allgemeinen Gebetes (Fürbitten)“ zu beten, weckt seltsame Gefühle. Das ist fast wie die Aufforderung, für die Feinde zu beten. Vertraut ist uns die Kritik an Regierung und Politikern. Wer aber in Betracht zieht, dass wir in einem Land mit sozialem Frieden, gerechter Umverteilung und relativ großer Freiheit leben, der wird wenigstens der Aufforderung zur Danksagung etwas abgewinnen können. Damit das so bleibt, braucht es verantwortungsbewusste Regierende und Politiker mit Rückgrat, nicht solche, die große Versprechungen abgeben und Vertreter der konkurrierenden Partei in den Schmutz ziehen. Es liegt an uns, wofür wir beten und wen wir wählen.

[1] T. Söding, Gottessohn, 328

24. Sonntag C                                                                     1 Tim 1,12-17
 
12 Ich danke dem, der mir Kraft gegeben hat: Christus Jesus, unserem Herrn. Er hat mich für treu gehalten und in seinen Dienst genommen, 13 obwohl ich früher ein Lästerer, Verfolger und Frevler war. Aber ich habe Erbarmen gefunden, denn ich wusste in meinem Unglauben nicht, was ich tat.
 
14 Doch über alle Maßen groß war die Gnade unseres Herrn, die mir in Christus Jesus den Glauben und die Liebe schenkte.
 
15 Das Wort ist glaubwürdig und wert, dass man es beherzigt: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der Erste.
 
16 Aber ich habe gerade darum Erbarmen gefunden, damit Christus Jesus an mir als Erstem seine ganze Langmut erweisen konnte, zum Vorbild für alle, die in Zukunft an ihn glauben, um das ewige Leben zu erlangen. 17 Dem König der Ewigkeit, dem unvergänglichen, unsichtbaren, einzigen Gott, sei Ehre und Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen.
 
 
(1) Der erste und zweite Timotheus- und der Titus-Brief werden als Pastoralbriefe bezeichnet. Sie wollen den Hirten und Christen in Ephesus und den kleinasiatischen Gemeinden eine Hilfe für die Stärkung des Glaubens und der Gemeindeleitung geben. Der Verfasser ist aller Wahrscheinlichkeit nicht Paulus, sondern vermutlich ein unbekannter Amtsträger, der sich der Autorität des Apostels bedient, um seinen eigenen Anweisungen Gewicht zu verleihen. Ein wichtiges Anliegen der Pastoralbriefe ist das Bekenntnis zum universalen Heilswillen Gottes, der „durch das Erscheinen unseres Retters Christus Jesus“ geoffenbart wurde. Der heutige Lesungstext ist ein Einschub, der den Dank des Apostels für das ihm von Gott geschenkte Erbarmen ausdrückt, das zugleich allen Menschen gilt. Die Pastoralbriefe geben Auskunft über die Christengemeinden im ausgehenden ersten christlichen Jahrhundert.
 
(2) „Das Wort ist glaubwürdig und wert, dass man es beherzigt: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten.“[1] Mit der Wendung: „Das Wort ist glaubwürdig“ werden in den Pastoralbriefen Glaubenssätze hervorgehoben, die den Glauben für den Taufunterricht, den Gottesdienst und konkreten Alltag fassbar und anwendbar vermitteln wollen. Der Zusatz „und wert, dass man es beherzigt“ verstärkt die Hervorhebung. Der Verfasser des Briefes bedient sich der Autorität des Völkerapostels, um klar zu machen, dass Jesu Sendung in die Welt ein besonderes Ziel hatte, nämlich die Rettung der Sünder. Aber nicht nur Jesu Einsatz für die Sünder zu seinen Lebzeiten und sein Sterben für sie sind Zeugnis dafür. Auch als Auferstandener setzt er dieses Werk beispielhaft an Paulus fort.
 
Paulus bezeugt das Handeln Gottes an sich durch die geschenkte Begegnung mit Jesus vor Damaskus. Dieses Ereignis scheidet sein Leben in ein Vorher und Nachher. Im Rückblick war das Vorher geprägt durch sein Leben als Sünder (Lästerer, Verfolger und Frevler). Dazwischen war seine Rettung. Nachher wurde er von Christus Jesus in Dienst genommen. Paulus betont, dass er Erbarmen fand, weil er in seinem Unglauben nicht wusste, was er tat. Darüber hinaus hebt er die übergroße Gnade Gottes hervor, die ihm in Christus Jesus den Glauben und die Liebe schenkte.
 
Das zuteil gewordene Erbarmen führt er auf das Nichtwissen aufgrund seines Unglaubens zurück. Das mildernde Motiv des Nichtwissens findet sich schon bei Jesus. Sein erstes Wort am Kreuz (Lk 23,34) ist die Bitte um Vergebung für die, die ihn annageln: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Jesus lebte, was er in der Bergpredigt verkündet hatte. Die Apostelgeschichte berichtet, dass Petrus nach der Heilung des Gelähmten der Masse ins Gewissen redete. Er erinnerte sie, dass sie „den Heiligen und Gerechten verleugnet und die Freilassung eines Mörders gefordert“ hatte. Dieser Hinweis traf sie mitten ins Herz. Dann sagte er: „Nun, Brüder, ich weiß ihr habt in Unwissenheit gehandelt, ebenso wie eure Führer“ (3,17). Im autobiographischen Rückblick des Apostels Paulus ist es diese Unwissenheit, die ihn gerettet hat. Sie machte ihn der Bekehrung und der Vergebung fähig. Das gelehrte Wissen des Schriftgelehrten und Pharisäers Saulus und sein tiefes Unwissen geben sehr zu denken.
 
In der Erzählung von den Magiern aus dem Osten wissen die Hohenpriester und Schriftgelehrten genau, wo der Messias geboren wird. Sie erkennen ihn aber nicht. Als Wissende bleiben sie dennoch blind (Mt 2,4-6). Insofern muss das Wort vom Nichtwissen „gerade auch heute die vermeintlich Wissenden aufrütteln. Sind wir nicht gerade als Wissende blind? Sind wir nicht gerade durch unser Wissen unfähig, die Wahrheit selbst zu erkennen, die sich im Gewussten uns zuwenden möchte?“[2]
 
Das empfangene Erbarmen mit der Gabe des Glaubens und der Liebe hat aber noch einen weiteren Grund: Christus Jesus konnte gerade an ihm seine Langmut erweisen zum Vorbild für alle, die in Zukunft an ihn glauben, um das ewige Leben zu erlangen. Paulus, der der Steinigung des Stephanus zustimmte, den Gekreuzigten und die Christen hasste und verfolgte, hatte Jesu Langmut und Geduld herausgefordert, was schließlich in die Begegnung der beiden vor Damaskus und seiner Bekehrung und Sendung führte. Diese Vorbildhaftigkeit zeigt einerseits, welch große Wertschätzung Paulus in den paulinischen Gemeinden am Ende des ersten christlichen Jahrhunderts genoss und andererseits, dass sich dem Erbarmen Gottes und seiner Gnade alle anvertrauen dürfen. Jesu Gnade vermag auf Dauer alles.
 
(3) „Wir sind gerettet!“ Es gibt keine bessere Sicherheits-Polizze. Dennoch wird deren Wahrheit immer wieder bezweifelt. Sach-Wissen verbunden mit Selbstüberschätzung und Stolz führen oft zum tragischen Irrtum, man müsse oder könne seine Rettung selbst „leisten“. Wir müssen uns nicht selber retten! Das hat Christus für uns getan. Übrigens, die Gnade ist dort übermäßig, wo die Sünde mächtig ist.
 
Paulus wurde von seinem Hass befreit und gerettet. Unser aller Rettung „besteht in der Vergebung der Sünden und in der Erneuerung des ganzen Menschen, der Vermittlung eines authentischen Gottesverhältnisses, am Ende in der Auferstehung der Toten und dem ewigen Leben.[3]
 
An uns liegt es das Zeugnis der Heiligen Schrift anzunehmen: Für die, die in Christus sind gibt es keine Verdammnis (Röm 8,1-4); jeder, der an ihn glaubt geht nicht zugrunde (Joh 3,16-18); wer den Sohn hat, der hat das Leben (1 Joh 5,12f).
 
Letztlich ist es eine Beziehungsfrage: Lebe ich in Beziehung mit dem dreifaltigen Gott? Teile ich mein Leben mit ihm, lass ich mir von ihm in mein Leben „dreinreden“? Vertraue ich darauf, dass er mich langmütig führt, dass er es trotz aller Schicksalsschläge gut mit mir meint?

[1] Vgl. Lk 19,10
[2] J. Ratzinger, Jesus II, 231
[3] T Söding, Gottessohn, 106f


23. So C                                                                    Philemon  9-17
 
9 b Ich, Paulus, ein alter Mann, jetzt auch Gefangener Christi Jesu, 10 ich bitte dich für mein Kind Onesimus, dem ich im Gefängnis zum Vater geworden bin… 12 Ich schicke ihn zu dir zurück, ihn, das bedeutet mein Innerstes. 13 Ich wollte ihn bei mir behalten, damit er mir an deiner Stelle dient in den Fesseln des Evangeliums.
 
14 Aber ohne deine Zustimmung wollte ich nichts tun. Deine gute Tat soll nicht erzwungen, sondern freiwillig sein. 15 Denn vielleicht wurde er deshalb eine Weile von dir getrennt, damit du ihn für ewig zurückerhältst, 16 nicht mehr als Sklaven, sondern als weit mehr: als geliebten Bruder. Das ist er jedenfalls für mich, um wie viel mehr dann für dich, als Mensch und auch vor dem Herrn. 17 Wenn du also mit mir Gemeinschaft hast, nimm ihn auf wie mich!
 
 
(1) Ein Exerzitien-Begleiter empfahl einem Teilnehmer, darüber nachzudenken, was sich in seinem Leben ändern würde, wenn er heute noch entscheidet aufzuhören, Christ zu sein. Welche Konsequenzen hätte das für sein Leben? Wenn sich nichts ändern würde, was hätte das zu bedeuten? Und wie ist das bei mir? Mir ist bewusst, dass ich mich vom Heil abschneiden würde und dass ich allein nicht glauben kann. Ich brauche zum Glauben auch eine christliche Gemeinschaft. In diesem Zusammenhang ist auch die Frage interessant, was sich ändern würde, wenn einer oder eine sich entscheidet, Christ zu werden.

Die heutige Lesung gibt auf diese Frage eine Antwort. Außerdem wird sichtbar, wie Paulus mit seiner Autorität umgeht und der Apostel zeigt sich auf eine ungewöhnlich menschliche, einfühlsame und fürsorgliche Weise.

(2) Onesimus heißt der Sklave, der seinem Herrn Philemon entlaufen war. Dieser lebte vermutlich in Kolossä und war wahrscheinlich durch Paulus Christ geworden. Beide waren freundschaftlich miteinander verbunden. Philemon stellte sein Haus auch den christlichen Versammlungen zur Verfügung. Onesimus war bei seiner Flucht in Verbindung mit Paulus gekommen, der sich zu dieser Zeit im Gefängnis in Ephesus aufhielt. Ob Onesimus von seinem Herrn schlecht behandelt worden war, ob er sich etwas zu Schulden kommen ließ und fliehen musste, oder ob er einfach die Nähe des Apostels suchte, wird alles nicht gesagt.

Sicher ist, dass Onesimus dem Apostel nützlich war und sich eine besonders herzliche Beziehung zwischen dem Apostel und dem Sklaven entfaltete. Paulus, der auf sein Alter und auf seine missliche Situation im Kerker verweist, hat die Dienste des Geflohenen gern in Anspruch genommen. Aber es war wohl viel mehr als der Dienst eines Flüchtlings, der einen gewissen Schutz erfährt und dankbare Entgegennahme des Dienstes. Vielleicht hat Onesimus Paulus deshalb aufgesucht, weil ihn dessen Glaube faszinierte. Es könnte das Wissen um eine ganz andere, neue Verbindung von Brüdern und Schwestern Jesu und als Kinder Gottes in der neuen Familie Jesu gewesen sein,[1] die sie immer mehr verband. Diese offenbar sehr innige Beziehung macht Paulus zum Fürbitter für den Sklaven, den er als sein Kind bezeichnet, weil er ihm zum Vater geworden war, der ihm die Möglichkeiten und Grenzen des Lebens lehrte und ihm Sicherheit und Halt vermittelte.

Trotz dieser nützlichen Verbundenheit und geistlichen Beziehung weiß sich Paulus auch dem Recht verpflichtet. Onesimus ist laut geltendem Gesetz Philemons Besitz. Dem Besitzer ist durch den Entlaufenen ein Schaden entstanden. Dieses Unrecht möchte der Apostel wieder gutmachen und er möchte auch auf Basis der neuen Beziehung, die sie nun verbindet, Philemon zum Einlenken motivieren: Er wird Onesimus zu seinem Herrn zurückschicken. Das ist für ihn, als würde man ihm das Herz aus der Brust reißen. Gern hätte er ihn weiterhin bei sich gehabt, dass er ihm diene, solange er um des Evangeliums willen im Gefängnis weilt. Und Philemon könnte diesen Dienst als Besitzer des Sklaven sogar für sich verbuchen.

Aber weder befiehlt Paulus noch schafft er kraft seiner Autorität unverrückbare Tatbestände, sondern wünscht die Zustimmung seines Freundes. Wenn dieser sich für die gute Tat der wohlwollenden Wiederaufnahme des geflohenen Sklaven entscheidet, dann soll das seine freie Entscheidung und keine erzwungene sein. Paulus wechselt die Perspektive. Vielleicht ist das alles kein Zufall, sondern Werk der göttlichen Vorsehung. Gott sucht das Verlorene und freut sich über das Wiedergefundene. Philemon bekommt viel mehr zurück als einen entlaufenen Sklaven, nämlich einen geliebten Bruder im Herrn. Wer weiß, wieviel Freude er ihm noch bereiten wird.

(3) Paulus hat die Sklaverei nicht abgeschafft. Das konnte er auch gar nicht. Dennoch hat sich der Stellenwert der Sklaven innerhalb der christlichen Gemeinde radikal geändert. Die Gleichheit aller Menschen basiert nicht aufgrund desselben Samens, auch nicht aufgrund des allen Menschen gemeinsamen Weges von der Geburt bis zum Tod, sondern in der Zugehörigkeit zu Jesus Christus.

Im Falle des Onesimus ist Paulus Fürbitter und Bittsteller. Er pocht nicht auf seine Rechte als Apostel, fordert nicht Gehorsam gegenüber seiner Autorität. Er geht sehr sensibel vor und appelliert an das christliche Gewissen des Glaubensbruders Philemon. Paulus weiß sich für den verantwortlich, den er sich vertraut gemacht hat.

Und Onesimus, was immer auch seine ursprüngliche Absicht war, findet sich wieder in der neuen Familie Jesu, in einer Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern. In Paulus hat er einen geistlichen Vater bekommen, der ihn zu Christus geführt und ihm die wahre, innere Freiheit gelehrt hat. In Christus hat er Heil, Sinn und Ziel verheißen bekommen.

[1] Vgl. G. Lohfink, Gemeinde, 66-72


22. Sonntag C                                                             Hebr 12,18-24

18 Denn ihr seid nicht zu einem sichtbaren, lodernden Feuer hinzugetreten, zu dunklen Wolken, zu Finsternis und Sturmwind, 19 zum Klang der Posaunen und zum Schall der Worte, bei denen die Hörer flehten, diese Stimme solle nicht weiter zu ihnen reden; …
 
22 Ihr seid vielmehr zum Berg Zion hinzugetreten, zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, zu Tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung 23 und zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind, und zu Gott, dem Richter aller, und zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten, 24 zum Mittler eines neuen Bundes, Jesus,… 28 Darum wollen wir dankbar sein, weil wir ein unerschütterliches Reich empfangen, und wollen Gott so dienen, wie es ihm gefällt, in ehrfürchtiger Scheu;

(1) Die heutige Lesung stellt das Gegenübertreten des alttestamentlichen Gottesvolkes zum Berg Sinai dem des neutestamentlichen Gottesvolkes zum Berg Zion gegenüber. Sie ist ein Teil des Abschnittes im vorletzten Kapitel des Briefes, der in der revidierten Einheitsübersetzung mit „DIE GRÖSSE DER GÖTTLICHEN BERUFUNG“ überschrieben ist. Dem Abschnitt geht unter der Überschrift „DIE ZUCHT DES HERRN“ die Aufforderung voraus, einander und besonders die Schwachen beim Einsatz in der Nachfolge Jesu zu stärken. Nach dieser (12,12) folgt eine weitere: „Trachtet nach Frieden mit allen und nach der Heiligung, ohne die keiner den Herrn sehen wird! Seht zu, dass niemand von der Gnade Gottes abkomme“ …, dass keiner unzüchtig ist oder gottlos wie Esau, der für eine einzige Mahlzeit sein Erstgeburtsrecht verkaufte!“ (12,14-16).
Der Text der Lesung ist einer der Höhepunkte des Hebräerbriefes. Der Autor des Briefes, der die Leser zu mutigem Glaubenszeugnis mahnt, stellt ihnen in diesem Text Gabe und Aufgabe ihrer Berufung vor Augen: das ewige Heil, zu dem sie schon hinzugetreten sind, aber noch nicht am Ziel sind.

Der wahre Zion, die Stadt des lebendigen Gottes, das himmlische Jerusalem bedeutet ihr endgültiges Heil. Hier sind Tausende von Engeln, hier ist die festliche Versammlung, das Urbild der irdischen Ekklesia. Hier sind die schon vollendeten Gerechten versammelt, hier ist Gott, der Richter, und hier ist Jesus Christus, der Mittler des Neuen Bundes.
Die Lesung spricht also vom Zionsberg und vom Hinzutreten der Heidenchristen. Sie setzt das Schema der Völkerwallfahrt voraus, auch wenn es nicht ausdrücklich genannt wird. Was hat es mit diesem Schema auf sich?

(2) Die Verheißung der Völkerwallfahrt besagt, dass eines Tages alle Völker zum Berg Zion, nach Jerusalem, ziehen werden, um dort die Tora, das Gesetz Mose, kennenzulernen. Die Voraussetzung ist, dass das Volk Gottes, also Israel, die Tora lebt, sodass andere das sehen und sich davon angezogen fühlen, daher am Schluss die Aufforderung, selbst im Licht des Herrn zu wandeln.[1] Das Thema der Völkerwallfahrt findet sich auch bei Deutero-Jesaja (Zweiter Jesaja) und Jesaja 60 greift Jesaja 2 nochmals auf: Die Faszination der Tora spricht sich auf der ganzen Welt herum. Die Heidenvölker ziehen von überall her zum Zion. Sie wollen sehen und erfahren, wie Menschen in Frieden und Gerechtigkeit zusammenleben.

Auch Matthäus 2 hat mit der Völkerwallfahrt zu tun. Die persischen Weisen, die kommen, um Christus zu huldigen, sind eine Vorankündigung dessen, was nach Ostern geschehen wird: das Kommen der Heiden zu Jesus Christus. Matthäus hat sein Evangelium gerahmt durch das sich schon ankündigende Kommen der Heiden (Kapitel 2) und den Auftrag des Auferstandenen zur Heidenmission (Matthäus 28,19-20).

So wird auch verständlich, dass Jesus sich nur in Ausnahmefällen den Heiden zuwandte, denn er war überzeugt, dass zuerst das Gottesvolk gesammelt werden und Israel das Reich Gottes annehmen muss. In der Bergpredigt lehrt Jesus den endzeitlichen Frieden und die absolute Gewaltlosigkeit, das, was gemäß Jesaja 2 die Heidenvölker von Israel lernen werden (Matthäus 5,9.38-41). Damit will Matthäus sagen: „Seit Jesus, der Messias Israels, geboren ist, erfüllt sich die endzeitliche Vision der Völkerwallfahrt. Nun kommen die Heiden zum Zion… Sie finden in den messianischen Gemeinden, die sich seit Jesus auf dem Boden Israels gebildet haben, Rettung und Heil.“[2]

(3) Der Lesungstext sagt also, dass die Glaubenden, die Heidenchristen zu diesem himmlischen Jerusalem, dem vollendeten und nicht mehr überbietbaren Heil in der Völkerwallfahrt bereits hinzugetreten sind. Da Gott aber der Richter aller Menschen ist, können sie ihr Heil immer noch verwirken. Dennoch – sie sind schon hinzugetreten. Wenn sich die Gemeinde zum Gottesdienst versammelt, dann ist sie schon mitten in der himmlischen Versammlung, ist sie schon mitten unter den Engeln und unter den verstorbenen Gerechten, ist sie schon mitten im himmlischen Jerusalem. Sie steht vor Christus, dem Mittler und dem Thron Gottes. Der Autor formuliert die Erfahrung, dass mit Jesus das endgültige und unüberbietbare Heil schon mitten in der Geschichte angekommen ist.
Für die neutestamentlichen Gemeinden war die Vision von der Völkerwallfahrt keine Utopie („Kein Ort“, „Nirgendwo“). Sie glaubten, dass die Erfüllung dieser Vision bereits begonnen hat. Sie hat begonnen, in den Gemeinden, die an Christus, das Licht der Welt, glauben und aus seinem Geist und seiner Kraft in einer neuen Lebensordnung in Frieden zusammenleben. Sie hat auch begonnen, in den Heiden, die angezogen werden vom neuen Leben der Christen.

Der Verfasser des Hebräerbriefes will seine Leser einerseits mahnen, ihr Erstgeburtsrecht nicht zu verspielen, sondern sich mit aller Kraft zu mühen, ein glaubwürdiges Zeugnis für das neue Leben der christlichen Gemeinden abzulegen und andererseits sie zu erinnern, dass sie bereits zum unüberbietbaren Heil, zum Berg Zion, hinzugetreten sind. Sie sind zwar noch nicht angekommen, aber bereits hinzugetreten. Über diese wunderbare Gabe sollen sie die Aufgabe nicht vergessen.

[1] „Viele Völker gehen und sagen: Auf, wir ziehen hinauf zum Berg des HERRN und zum Haus des Gottes Jakobs. Er unterweise uns in seinen Wegen, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn vom Zion zieht Weisung aus und das Wort des HERRN von Jerusalem. Er wird Recht schaffen zwischen den Nationen und viele Völker zurechtweisen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg. Haus Jakob, auf, wir wollen gehen im Licht des HERRN.“ (Jes 2,3-5)

[2] G. Lohfink, Verharmlosung, 26f


21. Sonntag JK C                                                Hebr 12,5-7.11-13

 
(4 Ihr habt im Kampf gegen die Sünde noch nicht bis aufs Blut Widerstand geleistet) 5 und ihr habt die Mahnung vergessen, die euch als Söhne anredet: Mein Sohn verachte nicht die Zucht des Herrn und verzage nicht, wenn er dich zurechtweist! 6 Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er; er schlägt mit der Rute jeden Sohn, den er gern hat. 7 Haltet aus, wenn ihr gezüchtigt werdet! Gott behandelt euch wie Söhne. Denn wo ist ein Sohn, den sein Vater nicht züchtigt?
 
11 Jede Züchtigung scheint zwar für den Augenblick nicht Freude zu bringen, sondern Leid; später aber gewährt sie denen, die durch sie geschult worden sind, Gerechtigkeit als Frucht des Friedens. 12 Darum macht die erschlafften Hände und die wankenden Knie wieder stark, 13 schafft ebene Wege für eure Füße, damit die lahmen Glieder nicht ausgerenkt, sondern vielmehr geheilt werden!

 
(1) Um den vorliegenden Text zu verstehen bedarf es der Kenntnis der vorausgehenden Verse. Der Verfasser des Briefes ermutigt die Leser, mit Ausdauer im Wettkampf zu laufen, der vor ihnen liegt. Entscheidende Hilfe bringt dabei der Blick auf Jesus, dem Urheber und Vollender des Glaubens, der aufgrund der vor ihm liegenden Freude das Kreuz auf sich nahm, der die damit verbundene Schande geringachtete und sich zur Rechten Gottes setzte. Sie mögen sich auf Jesus konzentrieren, der solche Anfeindung der Sünder erduldete, damit sie nicht ermatten und mutlos werden. Der Autor will also die Hebräer aufrichten und ermutigen, den Sündern zu widerstehen. Wieso ist das nötig?
 
Der Hebräerbrief insgesamt ist ein Mahnschreiben mit Ermutigungen. Die anfängliche Glaubens-Euphorie der Adressaten ist durch Verfolgung, Drohungen und Diskriminierung in den Hintergrund getreten. Er betont, dass das Leben eines Christen vom Bekenntnis zum Heilshandeln Gottes in Jesus Christus bestimmt sein soll. Sie müssen sich vor dem lebendigen Wort Gottes bewähren. Er will sie neu auf den Weg verpflichten, den Jesus selbst vorangegangen ist. Wie die Jünger werden sie eingeladen, mit Jesus in einer Lebens-, Lern- und Schicksalsgemeinschaft zu leben.
 
(2) Die Adressaten des Briefes sind im Kampf gegen die Sünde von einer ganz besonderen Art von Sünde bedroht, der Staatsmacht. Sie haben zermürbende Verfolgungen bereits hinter sich und müssen mit neuen rechnen, ebenso mit Enteignung. Wer verliert angesichts leidvoller Erfahrungen nicht den Mut und verzagt? Und können diese lebensgefährlichen Bedrohungen nicht auch ein Hinweis dafür sein, dass Gott gar nicht auf ihrer Seite ist, sondern vielmehr fern von ihnen? Hat der Verfasser zunächst auf das Vorbild Jesu hingewiesen, um sie aufzurichten, so tut er es jetzt mit zwei Zitaten aus dem Alten Testament bzw. der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des hebräischen Alten Testamentes.
 
Das, was ihnen da gerade widerfährt, ist nicht, weil Gott fern wäre, sondern dass er sie damit erziehen möchte. Offenbar versteht der Autor die gegenwärtige leidvolle und lebensbedrohliche Situation seiner Adressaten als Züchtigung, durch die Gott die Hebräer läutern und in eine tiefere Beziehung zu sich führen will. Er sagt aber nichts Genaueres darüber, weswegen sie gezüchtigt werden. Das zitierte Wort von der Züchtigung aus dem Buch der Sprüche steht am Ende einer Ermahnung zur Gottesfurcht (Sprüche 3,1-12). Sind ihre schlotternden Knie, ihre Angst, Zeichen mangelnder Gottesfurcht, zu der sie zurückkehren sollen? Jedenfalls sagt der Verfasser nichts darüber, weswegen und wie sie gezüchtigt werden und wie sie damit umgehen sollen. Möglicherweise war das alles den Lesern längst durch Glaubensunterweisung bekannt und vertraut.
 
Zunächst, sagt der Autor, wird die Züchtigung nicht mit Freude aufgenommen, sondern sie verursacht Schmerz und Traurigkeit. Aber es wird der Zeitpunkt kommen, in dem der geschulte Umgang mit der Züchtigung seine Frucht bringt: Gerechtigkeit als Frucht des Friedens. Was heißt das für die Hebräer? Ich nehme nicht an, dass der Autor sagen will: Nehmt die Verfolgung an, denn sie ist die Strafe/Züchtigung für eure Glaubens-Müdigkeit; später, wenn ihr alles durchgestanden habt, werdet ihr das Ergebnis eurer Mühen ernten. Ich glaube, er will eher sagen: Mutiges Bekenntnis zu Jesus Christus und daraus resultierende Verfolgung und Diskriminierung gehören zum Leben von Menschen, die Jesus nachfolgen. In den Situationen, in denen ihr aufgrund eurer Glaubenstreue Leid und Schmerz ertragen müsst, habt Geduld und Ausdauer und geht zum Herrn am Kreuz und sprecht mit ihm, lasst euch von ihm trösten, bittet ihn, dass er euch hilft, aufzustehen, hadert mit ihm, wenn es nötig ist und fragt ihn, was er euch mit diesen schmerzlichen Erlebnissen sagen will. Werdet nicht müde, zu vertrauen, dass der Herr denen, die ihn lieben alles zum Guten gereichen lässt (Römer 8,17f. 28[1]). Wer im Gespräch mit dem Herrn Trost und Frieden findet, der erntet auch die Haltung der Gerechtigkeit, die das dem Willen Gottes entsprechende Verhalten mit sich bringt.
 
Für die Ermutigung der bedrängten Hebräer nützt der Verfasser wiederum ein alttestamentliches Zitat, diesmal aus dem Buch Jesaja (35,3). Jesaja belebt die aus den Leiden der babylonischen Gefangenschaft heimkehrenden Israeliten: „Stärkt die schlaffen Hände und festigt die wankenden Knie! Sagt den Verzagten: Seid stark, fürchtet euch nicht! Seht, euer Gott! Die Rache kommt, die Vergeltung Gottes! Er selbst kommt und wird euch retten.“ Das, was damals der Prophet den heimkehrenden Israeliten verheißend zurief, das ruft der Autor jetzt den entmutigten Hebräern zu. Die Stärkung angefochtener Gemeindemitglieder wird der Gemeinde aufgetragen. Das Vorbild eines Glaubensbruders oder einer -schwester kann einem Wankenden eine große Hilfe sein.
 
(3) Was bedeutet das für uns? Wir sind kaum von Verfolgung und Diskriminierung bedroht. Unsere Glaubenstreue heute ist durch den Materialismus, Konsumismus und Egoismus bedroht. Sinnleere und Genusssucht greifen rasant um sich. Der notwendige Kampf gegen die Sünde mit ihren Versuchungen, uns von der Nachfolge Jesu abzubringen, ist aktueller denn je, wenn wir die Augen nicht verschließen.
 
Christen und Christinnen sind zwar erlöst, aber bis zum physischen Tod den Versuchungen der Sünde ausgesetzt. Diesem meist inneren „Kampf“ müssen wir uns heute stellen. Nur wenn Jesus Christus das Zentrum unseres Denkens und Handelns ist, wenn wir ihn ergreifen, der uns schon längst ergriffen hat, wird es uns gelingen durch das „enge Tor“ zu gehen und die Versprechungen zu entlarven, die schnelles Glück und Leben verheißen, aber Leere, Verzweiflung und Tod bringen.
 
Natürlich haben auch wir Leid, Verlust, Verletzungen, Schmerz und Scheitern zu bestehen. Nirgendwo wurde uns verheißen, dass uns das erspart bleiben wird. Wir können aber gewiss sein, dass Gott ein „Gott-mit-uns“ ist und wir uns in notvollen Stunden vertrauensvoll an ihn wenden können. Der erzieherische Wert dieser existentiellen Herausforderungen besteht darin, dass wir, wenn wir sie nicht verdrängen, sondern sie im Glauben bestehen, uns einüben ins tägliche „Sterben und Auferstehen“ mit Jesus Christus.
 
[1] 17 Sind wir aber Kinder, dann auch Erben; Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden. 18 Ich bin nämlich überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll… 28 Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht…“
 
 
 
Mariä Aufnahme in den Himmel       Vorabend      

                               1. Korinther 15, (50-53)54-57(58)

(50 Damit will ich sagen Brüder: Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht erben; das Verwesliche erbt nicht das Unverwesliche. Seht, ich enthülle euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, aber wir werden alle verwandelt werden[1] – 52 plötzlich, in einem Augenblick, beim letzten Posaunenschall. Die Posaune wird erschallen, die Toten werden als Unverwesliche auferweckt, wir aber werden verwandelt werden. 53 Denn dieses Verwesliche muss sich mit Unverweslichkeit bekleiden und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit.) 54 Wenn sich dieses Verwesliche mit Unverweslichkeit bekleidet und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit, dann erfüllt sich das Wort der Schrift: Verschlungen ist der Tod vom Sieg.

55 Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? 56 Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft der Sünde ist das Gesetz.[2] 57 Gott aber sei Dank, der uns den Sieg geschenkt hat durch unseren Herrn Jesus Christus. (58 Daher, meine geliebten Brüder, seid standhaft und unerschütterlich, seid stets voll Eifer im Werk des Herrn und denkt daran, dass im Herrn eure Mühe nicht vergeblich ist!)

(1) Heute - am Fest Mariä Aufnahme in den Himmel - wird als zweite Lesung ein Text über die Auferstehung vom Apostel Paulus verkündet. Es handelt sich um den Schluss des 15. Kapitels aus dem Brief an die Korinther in dem er sich ausführlich mit der Auferstehung auseinandersetzt. Einige Korinther, die zwar an die Auferstehung Jesu glaubten, jedoch nicht an gegenwärtige, präsentische und individuelle Auferstehung, waren der Anlass. Paulus war klar, dass es relativ leicht ist, an die Auferstehung Jesu zu glauben, schon schwieriger sei es, an die Auferstehung bei der Vollendung am Jüngsten Tag zu glauben. Am schwersten aber sei der Glaube an die Auferstehung im konkreten Alltagsleben.

Es ist möglich, dass diese Korinther nach einer ersten Zeit freudiger Auferstehungserfahrung feststellen mussten, dass die alltäglichen, ermüdenden, lästigen und zermürbenden Widerfahrnisse diese verblassen ließen. Darüber hinaus waren sie wohl auch nicht bereit, das tägliche Sterben, welches der täglichen Auferstehung vorausgehen muss, auf sich zu nehmen. Sollte die tägliche Auferstehung nicht auch ohne Sterben möglich sein? Mit ihren Rechtfertigungen verunsicherten sie die übrigen Gläubigen, sodass Paulus sich genötigt sah, bei diesem entscheidenden Thema Klarheit zu schaffen. Er tut es sehr ausführlich, aber in einer Sprache und Begrifflichkeit, die uns wenig vertraut ist und die wir schwer verstehen.

Das Kapitel besteht aus zwei Hauptteilen, dem ersten (Verse 12-34) stellt er einen Text voraus. Auf den zweiten (Verse 35-49) lässt er einen folgen. Den Schluss bilden die Verse 50-58, wobei die Verse 50-54 über die Vollendung am sogenannten Jüngsten Tag sprechen und 55-58 zur Gegenwart zurückkehren und eine mahnende Nutzanwendung der Ausführungen bedeuten. Zum leichteren Nachvollzug der Auslegung habe ich den Lesungstext erweitert.

(2) Zunächst wende ich mich dem Verständnis der gegenwärtigen, präsentischen Auferstehung zu, die für den Apostel sehr wichtig ist. Paulus verkündet, dass die Christusgläubigen Anteil haben an der Lebendigmachung Jesu Christi - Auferstehung also nicht erst bei unserem Tod oder bei der Vollendung der Welt am Jüngsten Tag, sondern unser ganzes Leben lang, freilich in der Verbindung mit Sterben.
Im Sprachgebrauch des Apostels sind die „Geretteten“ jene, die Christus angenommen haben und in seiner Nachfolge ihr Leben gestalten, aber vor den Anfechtungen der Sünde nicht gefeit sind. Ihr ganzes Leben ist einerseits ein Mühen, um in der Spur Jesu zu bleiben und allem zu widerstehen, was sie von Gott zu trennen versucht. Andererseits machen Scheitern, Enttäuschung, Verletzung, Verlust, Schmerz usw. auch vor den Geretteten nicht Halt. Bei allen diesen Krisen muss man vom Bild, das man von sich gemacht hat, von seinen Wünschen und Träumen, Abschied nehmen und sie loslassen. Oft ist ein Hadern mit Gott unausweichlich. Der Prozess des täglichen Sterbens ist erst dann abgeschlossen, wenn sich der Beter mit der neuen Situation versöhnt hat. Dann geschieht Auferstehung mitten am Tag. Für dieses tägliche Auf(er)stehen, dem Freiwerden oder Loslassen von etwas, was hindert auf eine höhere Stufe des Glaubens vorzudringen, verwendet Paulus den Begriff Auferstehung.

Petrus, nachdem er Jesus von seinem Weg zum Sterben abhalten wollte, musste sich eine ernüchternde Zurechtweisung gefallen lassen. Außerdem hat er Jesus dreimal verraten. Wie war ihm wohl zumute als der Herr ihn fragte: „Liebst du mich mehr als diese hier?“ In Anbetracht seines Kleinglaubens, der Unverlässlichkeit seiner Zusagen und seiner Feigheit hat er sich mit seinen Schwächen angenommen und versöhnt und war bereit, sich Gott in neuem Wissen um sich selbst zu überlassen. Das war sein Sterben und Auferstehen in der Begegnung mit dem Auferstandenen am See Genezareth.

Paulus selbst war überzeugt, Gott einen Gefallen zu tun, wenn er die Mitglieder der neuen Christen-Sekte verfolgte. Er wurde zu Boden geworfen! Jesus machte ihm klar, dass er einem Irrtum aufgesessen war. Paulus musste seine Fixierung auf das Feindbild Christen loslassen und sich auf die Offenbarung Jesu einlassen. Das ließ ihn wieder aufstehen. Paulus starb mit seinen Vorurteilen und stand durch die Begegnung mit Jesus vor Damaskus als anderer Mensch wieder auf.

In den synoptischen Evangelien spricht Jesus nach der 3. Leidens-ankündigung die Jünger direkt an: „Bei euch aber soll es nicht so sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein (Mk 10,44f).“ Die Jünger, die auf dem Weg darüber diskutierten, wer unter ihnen der Größte sei, mussten sich von ihren Träumen, über anderen zu herrschen, verabschieden. Diese Ambitionen konnten sie in der Nachfolge Jesu nicht verwirklichen. Für sie galt es, wenn auch unter Zähneknirschen, zu sterben und sich mit Jesu Haltung des Dienens und der Lebenshingabe anzufreunden. Das ist das Sterben und Auferstehen der Jünger in einer immer wiederkehrenden Versuchung.

(3) Mit „Fleisch und Blut“ bezeichnet Paulus den Geretteten, der Jesus angenommen hat, aber noch eine sterbliche Existenz hat (Vers 50). Er kann das Reich Gottes erst dann erben, wenn er von der Sünde nicht mehr versucht werden kann, also auch den Tod hinter sich hat. Der Tod ist für ihn Durchgang in Gemeinschaft mit Christus. Das „Verwesliche bezeichnet den „Toten“ (Unbußfertigen, Unerlösten), der sich Jesus verweigert. Auch er wird im Tod noch nicht das Unverwesliche erben, sondern erst beim „Jüngsten Gericht“.

Das Geheimnis, das Gott dem Paulus geoffenbart hat und er mit den Lesern teilt, besagt, dass die Erlösten und Unerlösten „nicht schlafen-gemacht“ werden, und dass „Fleisch und Blut“ verwandelt (nicht auferweckt) werden. Das „Verwesliche“ (Existenz der geistlich Toten, Unerlösten, Unbußfertigen) wird am Jüngsten Tag zur Unverweslichkeit auferstehen. Das „Sterbliche“ (Fleisch und Blut, verbleibende Todesexistenz der Geretteten, Erlösten) aber wird zur Unsterblichkeit verwandelt werden. Auch die, die Jesus nicht angenommen haben, werden also bei der Vollendung auferweckt, allerdings nicht zur Gemeinschaft mit Gott. Sie müssen ewig existieren, auch wenn ihr Zustand ein düsterer ist.

Mit der Frage: „Wo ist, Tod, dein Sieg? Wo ist, Tod, dein Anreiz“ (Vers 55) beginnt die mahnende Schlussfolgerung für die gegenwärtige Situation seiner Leser. Paulus leitet aus dem überwundenen Ende eine Ermutigung für seine Leser ab. Die rhetorische Frage ist kein triumphierender Ausdruck gegenüber dem entmachteten Tod, sondern bildet den Übergang zur Gegenwart und den Beginn der Schlussfolgerungen. Mit der Frage fokussiert Paulus den gegenwärtigen Feind der Korinther. Jetzt müssen sie die richtigen Entscheidungen treffen. Jetzt trifft sie der Tod mit den Verlockungen der Sünde. Aber Gott hat ihnen „jetzt“ bereits den Sieg über den Tod in Jesus Christus geschenkt. Aber diesen müssen sie in Freiheit ergreifen und den Verlockungen der Sünde widerstehen. So entgehen sie mehr und mehr dem Tod, jetzt und am Jüngsten Tag. Dass Gott jetzt schon den Sieg über die Versuchung zur Sünde gibt, ist genau der Grund für den Dank an Gott (Vers 57). Am Ende werden sie den endgültigen Sieg über den Tod erfahren.

Abschließend ruft Paulus die Korinther auf, sich nicht beirren zu lassen durch Verlockungen, die Leben versprechen, aber Tod bringen; sich nicht zu einer Einstellung verführen zu lassen, die das Sterben mit Christus verwirft (Vers 58). Sie sollen nicht nur zum täglichen Sterben bereit sein, sondern sich darin sogar mühen. „Werk des Herrn“ bezeichnet hier die gottgemäße Anstrengung des Sterbens mit Christus. Gott wird diese, ihre Mühen fruchtbar machen.

(4) „Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer, leer auch euer Glaube… Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen. Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden (1 Kor 15,14.20-22).“

Was das für unser Leben bedeutet? Es bezeichnet einen entscheidenden Herrschaftswechsel in unserem Leben. Nicht der Tod ist das bestimmende Vorzeichen unserer Existenz, sondern das Leben, das uns Jesus erwirkt hat durch seinen Gehorsam. Jede Niederlage, alles Scheitern, jede Enttäuschung, jede Verletzung, jeder Verlust und jede Krankheit bekommen so die Möglichkeit eines Neuanfangs und des Vertrauens, ein Auf(er)stehen nach einem Gefallen-Sein. Der Tod verliert seinen Schrecken, wenn er als Durchgang und Heimkehr nach einem bewusst mit Gott und seinem Sohn geführten Leben verstanden wird.


[1] Mit N. Baumert, 301: „Alle werden wir ‚nicht-schlafen‘ gemacht (also wach und lebendig gemacht) werden, nicht alle jedoch werden wir verwandelt werden.“

[2] Mit N. Baumert, 301: „Wo ist, Tod, dein Sieg? Wo ist, Tod, dein Anreiz? Der Anreiz nun und die Verlockung zum Tod ist die Sünde, die Macht hingegen über die Sünde ist das Gesetz.“


20. Sonntag im Jahreskreis C                             Hebr 12,1-4
 
1 Darum wollen auch wir, die wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, alle Last und Sünde abwerfen, die uns so leicht umstrickt. Lasst uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der vor uns liegt, 2 und dabei auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens; er hat angesichts der vor ihm liegenden Freude das Kreuz auf sich genommen, ohne auf die Schande zu achten, und sich zur Rechten von Gottes Thron gesetzt. 3 Richtet also eure Aufmerksamkeit auf den, der solche Anfeindung von Seiten der Sünder gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht ermattet und mutlos werdet! 4 Ihr habt im Kampf gegen die Sünde noch nicht bis aufs Blut Widerstand geleistet.
 
(1) Der Verfasser des Hebräer-Briefes hat sich zum Ziel gesetzt, die im Glauben ermüdeten und mutlos gewordenen Adressaten seines Briefes aufzurichten und das Feuer des einmal begeisternden Glaubens unter der glosenden Asche wieder anzufachen. Er weiß um die Kraft des vorbildlichen Lebens der Glaubenszeugen. Er hat sie im vorausgegangenen Textabschnitt eindrucksvoll aufgeführt. Er hat ihnen eine lange Liste jener Vorbilder im Glauben vorgelegt, die jedem Hebräer vertraut sind. Der Glaube der Väter, ihr auf Hoffnung gegründetes Vertrauen in die Treue Gottes, soll auch seine Leser wieder in die Spur eines Lebens in Beziehung mit Gott und seinem Sohn und des dazugehörigen Einsatzes für den Glauben führen.

(2) Zunächst ruft der Autor die Leser zum Nachdenken darüber auf, was sie hindert, freudig und mutig ihren Glauben zu leben und zu bezeugen. Sie sollen die Barrieren und Hindernisse, über die sie Macht haben, beseitigen und die Sünde abwerfen, die das Zeugnis behindert. Welche Last (Barrieren, Hindernisse) und Sünde kann er damit gemeint haben? Es können liebgewordene Haltungen, Einstellungen und Gewohnheiten sein. Vielleicht sind es Ausreden, dies oder jenes tun zu müssen, dieser oder jener Aufgabe verpflichtet zu sein? Oder handelt es sich um die Angst, durch das Glaubenszeugnis Ansehen und Anerkennung bei bestimmten Menschen zu verlieren? Ist es die Sorge, die Arbeit zu verlieren? Oder wurde die Beziehung mit Gott und Jesus vernachlässigt, sodass man nur mehr nominell Christ ist, der „Schatz“ also nicht Gott, sondern etwas anderes ist? Haben einige die Trennung von Gott unbewusst schon längst vollzogen? Die Hebräer sollen ihr Gewissen erforschen und sich fragen, was Jesus seine Jünger gefragt hat: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Und, seid ihr bereit, das Kreuz auf euch zu nehmen und mir nachzufolgen?

Wer sich bewusst und wieder neu auf Jesus einlässt und sich entscheidet, ihm nachzufolgen, dem rät der Autor, das zukünftige Leben als Christ als einen Wettlauf anzusehen. Start und Ziel markieren den Anfang und den Höhepunkt der sportlichen Herausforderung. Aber die Strecke ist ein langer Weg, ein lebenslanger Prozess. Für die Bewältigung dieser sportlichen Herausforderung braucht es Ausdauer. Durststrecken, Höhen und Tiefen, Strapazen, unüberwindlich scheinende Hürden wird es geben, wahrscheinlich auch unerwartete und überraschende Hilfe, Zeiten des Aufgeben-Wollens, Zeiten zuversichtlicher Begeisterung. Das Ziel darf nicht aus dem Auge verloren werden. Den Ablenkungen muss standgehalten werden. Wer das alles nüchtern einplant und beachtet, der hat mit einem guten Start beinah schon den halben Weg hinter sich gebracht.

Aber die entscheidende Hilfe, das erlaubte Doping bei diesem Wettlauf, ist laut Auskunft des Briefautors der Blick auf Jesus. Der Urheber und Vollender des Glaubens hat uns vorgelebt, wie das Ziel des Wettlaufs zu erreichen ist. Gewiss waren Ausdauer, Geduld und die Bereitschaft, Schmerzen auf sich zu nehmen, wichtige Eigenschaften, über die Jesus verfügte. Es war aber vor allem die Freude, die vor ihm lag, die Vorfreude, „seinen“ persönlichen Wettkampf gewonnen zu haben, der die Versöhnung Gottes mit der Welt, die Erlösung der Welt, bedeutete. Die Freude, dieses große Ziel zu erreichen, den Willen des Vaters zu erfüllen, hat ihm geholfen, die Hindernisse auf diesem Weg zu überwinden, selbst die Schmerzen und die Schmach des Kreuzestodes. Jesus ist der Urheber des Glaubens, weil er den Weg zu Gott bahnt und Vollender, weil er als Glaubender das Ziel der Gemeinschaft mit Gott erreicht hat. Er führt uns Glaubende zu Gott.

Der Schreiber des Hebräerbriefes mahnt, im Wettkampf seine ganze Aufmerksamkeit auf Jesus zu lenken, der die Anfeindungen von Seiten der Sünder erduldet hat. Angst vor Verfolgung, Benachteiligung, Hohn und Spott, sowie Diskriminierung sind Faktoren, die auch heute Menschen hindern, ihren Glauben freimütig zu bekennen. Jesus hatte die Kraft, sich den Anfeindungen zu stellen, weil er in Verbundenheit mit dem Vater lebte und in der Freude, den Willen des Vaters zu erfüllen und frei zu sein gegenüber den Anmaßungen der Menschen.

Die letzte Aufforderung des Textes, die am Vorbild Jesu Maß nimmt, scheint uns vollends zu überfordern: „Ihr habt im Kampf gegen die Sünde noch nicht bis aufs Blut Widerstand geleistet.“ Jesus hat sich bis aufs Blut, also bis in den Tod, gegen die Sünde aufgelehnt. Und es hat immer wieder Christen und Christinnen gegeben, die ihm darin gefolgt sind: Dietrich Bonhoeffer, Maximilian Kolbe, Franz Jägerstätter, um nur die Bekanntesten der nicht allzu fernen Vergangenheit zu nennen. Und es gibt sie auch heute in der Ukraine und in Russland. Jesus selbst hat uns nicht im Unklaren gelassen: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ Manche sind bereit, mit ihm ihr Leben zu investieren, andere stellen ihre Freiheit aufs Spiel. Sind wir bereit, unsere Bequemlichkeit hinzugeben?

(3) Allein das Leben mit dem lebendigen, dreifaltigen Gott gibt Kraft und Mut zum glaubwürdigen Zeugnis für Jesus Christus. Diese Beziehung, die jedem Glaubenszeugnis zugrunde liegt, ist kein unverlierbarer Besitz, man muss ihn sich täglich neu schenken lassen. Wie die Liebe können wir auch die Beziehung zu Gott und den Mitmenschen nicht produzieren, sondern nur „reflektieren“. Wir können nur bezeugen und weitergeben, was wir empfangen haben.

19. Sonntag im Jahreskreis C                               Hebr 11,1-2.8-19

1 Glaube aber ist: Grundlage dessen, was man erhofft, ein Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht. 2 Aufgrund dieses Glaubens haben die Alten ein gutes Zeugnis erhalten…

8 Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, weg zu ziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte; und er zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen würde.

9 Aufgrund des Glaubens siedelte er im verheißenen Land wie in der Fremde und wohnte mit Isaak und Jakob, den Miterben der Verheißung, in Zelten; 10 denn er erwartete die Stadt mit den festen Grundmauern, die Gott selbst geplant und gebaut hat.

Aufgrund des Glaubens empfing selbst Sara, die unfruchtbar war, die Kraft, trotz ihres Alters noch Mutter zu werden; denn sie hielt den für treu, der die Verheißung gegeben hatte. 12 So stammen denn auch von einemeinzigen Menschen, dessen Kraft bereits erstorben war, viele ab; zahlreich wie die Sterne am Himmel und der Sand am Meeresstrand, den man nicht zählen kann.

13 Im Glauben sind diese alle gestorben und haben die Verheißungen nicht erlangt, sondern sie nur von fern geschaut und gegrüßt und sie haben bekannt, dass sie Fremde und Gäste auf Erden sind. 14 Und die, die solches sagen, geben zu erkennen, dass sie eine Heimat suchen. 15 Hätten sie dabei an die Heimat gedacht, aus der sie weggezogen waren, so wäre ihnen Zeitgeblieben zurückzukehren; 16 nun aber streben sie nach einer besseren Heimat, nämlich der himmlischen. Darum schämt sich Gott ihrer nicht, er schämt sich nicht, ihr Gott genannt zu werden; denn er hat ihnen eine Stadt bereitet.

17 Aufgrund des Glaubens hat Abraham den Isaak hingegeben, als er auf die Probe gestellt wurde; er gab den einzigen Sohn dahin, er, der die Verheißung empfangen hatte 18 und zu dem gesagt worden war: Durch Isaak wirst du Nachkommen haben. 19 Er war überzeugt, dass Gott sogar die Macht hat, von den Toten zu erwecken; darum erhielt er Isaak auch zurück. Das ist ein Sinnbild.

(1) Es gibt Menschen, die betonen, dass sie ihren Glauben als Segen und großes Geschenk erachten. Andere bedauern, dass sie gerne glauben würden, aber nicht können. Wieder andere lehnen den Glauben ab, weil sie meinen, dass er gegen die Vernunft verstoße.

Unter „glauben“ verstehen nicht wenige Menschen etwas für wahr halten müssen, etwa Dogmen oder bestimmte Vorschriften und Gebote. Andere wiederum bringen Wunder und Glauben in engste Verbindung. Dietrich Bonhoeffer ist überzeugt: „Alle Menschen gehen zu Gott in ihrer Not…“. Ich beantworte Fragen nach dem Glauben gerne mit einer Unterscheidung: „Wer religiöse Riten und Bräuche praktiziert, dem geht es meist darum, dass Gott seine Wünsche erfüllt. Wer glaubt und sich auf die Beziehung mit Gott einlässt, dem geht es vor allem auch darum Gottes Willen zu erfüllen.“ Wer Gottes Anruf und seine liebende Aufmerksamkeit erfährt, dessen antwortende Verbundenheit verwandelt sich  zu einer dankbaren Verbindlichkeit.

(2) Vor dem Hintergrund des Christusereignisses interpretiert der Verfasser des Hebräerbriefes den Glauben der Väter neu. Gemäß seiner Auslegung war dem Abraham mehr geoffenbart worden als uns das Buch Genesis (1. Buch Mose) geoffenbart hat.

In der heutigen Lesung gibt der Autor des Briefes an die Hebräer eine Definition von Glauben: „Glaube aber ist: Grundlage dessen, was man erhofft, ein Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht.“ Weil die Väter diesen Glauben praktizierten, hat Gott ihnen ein gutes Zeugnis ausgestellt. Ein Grund für den Briefschreiber, uns zu empfehlen, uns an diesem Glauben zu orientieren.

Abraham ist der Vater des Glaubens (Röm 4,1-25 bes.16). Was Glaube heißt lernen wir an seinem Leben. Gottes Ruf holt Abraham aus seiner Umwelt heraus. Er weiß, dass Gott es ist, der zu ihm spricht, ihn persönlich anredet und er gehorcht wortlos. Er verlässt seine Heimat, ohne das Ziel zu kennen. Gott hat sich in Abrahams Leben eingemischt und dieser hat Gottes Einmischung angenommen und ihm gehorcht. Wer es mit Gott zu tun bekommt, der bricht auf und lässt sich vertrauensvoll von Gott führen.

Abraham lässt sich in keiner der Städte der Kanaaniter nieder. Er siedelt als Fremder im ihm verheißenen Land. Er wohnt zwischen ihren Städten in Zelten. Sein Glaube macht ihn zum Fremden. Gebunden an Gott ist er gelöst von der Welt. Als Fremder, aufgrund seines Glaubens an Gott, wird er zu einem glaubwürdigen Zeugen für die Umwelt (Gen/1 Mose 23,6). Dasselbe wird auch Isaak zugeschrieben (Gen/1 Mose 26,3.28). Aber dieses Zeugnis ist nur möglich, weil sie in einer wertschätzenden, bewussten Distanz zu ihrer Umwelt leben. Nicht die Umwelt, sondern der unsichtbare Gott bestimmt ihr Denken und Handeln. Und das wird anerkennend wahrgenommen.

Für den Verfasser des Hebräerbriefes hat Abraham bereitsauf die kommende Herrlichkeit Gottes, auf die „zukünftige“ Stadt gewartet, er hat also nicht nur um Jesu Kommen gewusst (Joh 8,56). Gott selbst ist Planer und Bauherr dieser zukünftigen Stadt. Die Zelte des wandernden Gottesvolkes sind auf Abbruch gebaut. Die kommende Stadt Gottes aber ist auf festem Fundament gegründet. Wer es mit Gott zu tun bekommt, der lebt zwar in dieser Welt, aber er gehört nicht dieser Welt. Er ist Gast auf Erden und wandert der ewigen Heimat entgegen.

Trotz des in der Genesis berichteten ungläubigen Lachens der unfruchtbaren Sara aufgrund der Verheißung eines Sohnes (Gen/1 Mos 18,12),betont der Verfasser des Hebräerbriefes, dass Sara Gott für treu hielt, der die Verheißung gegeben hatte (Gen/1 Mos 21,6). So stammen vom Menschenpaar Abraham und Sara, deren Kraft bereits erstorben war, viele ab, wie die Sterne am Himmel und der unzählbare Sand am Meer.

Im Glauben empfingen Abraham und Sara die Kraft zur Nachkommenschaft, obwohl das menschlich gesehen unmöglich war. Ihr Glaube vertraut der Verheißung und Treue Gottes, nicht den irdischen Möglichkeiten. Gott antwortet auf den Glauben des Menschen, der „ihn für treu hält“. Wer es mit Gott zu tun bekommt und auf Gottes Treue setzt, der erlebt Wunder.

Seinen Sohn Isaak, die Erfüllung aller seiner Hoffnungen und seines Lebenssinnes, war Abraham bereit hinzugeben. Weil er glaubte, dass Gott auch Tote erwecken kann, hat er seinen Sohn zurückbekommen.

Abrahams Glaube wird einer ungeheuerlichen Probeunterworfen, nicht am Beginn seines Weges mit Gott, sondern nach einer langen Strecke gemeinsam gegangenen Weges. Gott fordert im Opfer Isaaks die Verheißung der Nachkommenschaft zurück. Nicht nur das persönliche Glück Abrahams und Saras stehen auf dem Spiel, sondern auch das Heil der Welt. Kann Gott das wirklich wollen? Abraham ist zum Opfer bereit, zu diesem ungeheuerlichen, unfassbaren Akt des Glaubens. Aber Abraham glaubt auch, dass Gott Macht über den Tod hat, er rechnet mit der Auferstehung der Toten. So wird die Opferung Isaaks zu einem „Sinnbild“ für den Tod und die Auferstehung Jesu. Der himmlische Vater hat seinen geliebten Sohn für die Sünden der Welt hingegeben. Wer es mit Gott zutun bekommt, der muss auch damit rechnen, dass er geprüft wird und seinen Glauben bewähren muss.

„Im Glauben sind die Ur- und Erzväter gestorben“, ohne dass sich die Verheißungen erfüllt hätten (Ruhe Gottes, Anbruch der Herrlichkeit Gottes…). Dennoch vertrauen sie der Zuverlässigkeit des Wortes Gottes und leben als Gäste und Fremde auf Erden. In Jesus wurde die Verheißung des Kommens des Erlösers zwar erfüllt, aber die Verheißung des Kommens, der von Gott geplanten und gebauten Stadt steht noch aus, sodass auch für uns gilt, dass wir auf der Suche nach unserer wahren Heimat sind.[1] Wer es mit Gott zu tun bekommt, der erkennt, dass er weniger dahin gehört, wo er herkommt, sondern mehr dorthin, wo er hingeht, dass er Fremder und Gast auf Erden ist und, dass seine Heimat im Himmel ist.

(3) Zum Ruf Gottes an Abraham und dessen gehorsamer Antwort sagt M. Luther: „Eben das ist die Herrlichkeit des Glaubens: nicht wissen, wohin du gehst, was du tust, was du leidest, alles, Gefühl und Verstand, Können und Wollen gefangen geben und der bloßen Stimme Gottes folgen ,also mehr sich führen und treiben lassen, denn selber treiben.“[2]

Und Joseph Ratzinger betont, dass mit Abraham dieGeschichte der Verheißung beginnt. „Abraham weist auf das Kommende voraus. Erist Wanderer, nicht nur vom Land seines Ursprungs ins Land der Verheißung,sondern Wanderer auch im Hinausgehen aus der Gegenwart auf das Künftige zu… Sostellt ihn mit Recht der Hebräer-Brief als Pilger des Glaubens aufgrund derVerheißungen dar: ‚Er erwartete die Stadt mit den festen Grundmauern, die Gottselbst geplant und gebaut hat‘ (Hebr 11,10). Die Verheißung für Abraham beziehtsich zunächst auf seinen Nachkommen, aber sie reicht darüber hinaus: ‚durch ihnsollen alle Völker der Erde Segen erlangen‘ (Gen 18,18). So ist in der ganzenGeschichte, die mit Abraham beginnt und auf Jesus zuführt, der Blick aufsGanze gerichtet – über Abraham soll Segen für alle kommen.“[3]

[1] Wort des hl. Augustinus: „Unruhig ist unser Herz bis es Ruhe findet in dir.“ Gemälde P. d. Ä.: „Schlaraffenland.“ Die in die Wolke hineingestreckten Hände, die aus drücken: „Es muss doch mehr als alles geben.“

[2] M. Luther,173 (3) J. Ratzinger, Jesus von Nazareth, Prolog, 16

18. Sonntag im Jahreskreis C                   Kol 3,1-5.9-11

1 Seid ihr nun mit Christus auferweckt, so strebt nach dem, was oben ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt! 2 Richtet euren Sinn auf das, was oben ist, nicht auf das Irdische! 3 Denn ihr seid gestorben und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott. 4 Wenn Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit.

5 Darum tötet, was irdisch an euch ist: Unzucht, Unreinheit, Leidenschaft, böse Begierde und die Habsucht, die Götzendienst ist… 9 Belügt einander nicht, denn ihr habt den alten Menschen mit seinen Taten abgelegt 10 und habt den neuen Menschen angezogen, der nach dem Bild seines Schöpfers erneuert wird, um ihn zu erkennen.[2] 11 Da gibt es dann nicht mehr Griechen und Juden, Beschnittene und Unbeschnittene, Barbaren, Skythen, Sklaven, Freie, sondern Christus ist alles in allen.[3]


(1) „Wer erfahren will, wer Jesus Christus in Wahrheit ist, der muss von seinem Schreibtisch aufstehen und sich mit ihm auf den Weg machen.“ Der Schriftsteller Alfons Rosenberg ist der Schöpfer dieses weisen Wortes. Eine Definition von Liebe lautet so: „Einander lieben heißt, einander helfen vor Gott zu wachsen.“ Der Christ hat also einen lebenslangen Weg zu gehen und dieser ist seiner Gestaltung anvertraut. Von wem lässt er sich helfen?

Nicht wenige Menschen entdecken, dass Eigensinn, -willen und -nutz unverlässliche und irreführende Ratgeber sind und halten Ausschau nach verlässlichen und zielführenden Weg-Marken. Christen und Christinnen wissen, an wem sie sich vertrauensvoll orientieren können. Aber tun sie das auch mit dem gebotenen Ernst? Wollen sie in ihrer Beziehung mit Gott und zueinander wachsen? Nehmen sie die Hilfe Jesu und der Brüder und Schwestern im Glauben an?

(2) Paulus hat den Judenchristen in Kolossä klar gemacht, dass sie den Forderungen lästiger Leute, die offenbar eine strikte Einhaltung bestimmter Speise- und Reinheitsvorschriften verlangen, kein Gehör schenken sollen. Es handelt sich um Vorschriften, die menschliche Tradition und Überlieferung zum Urheber haben und nicht den Maßstäben Jesu entsprechen. Außerdem dienen sie nur der Befriedigung menschlicher Eitelkeit (Kol 2,20-23). Sie sind mit Christus gestorben und den weltlichen Traditionen und Maßstäben nicht länger verpflichtet.

Nun verdeutlicht der Apostel den Adressaten, was es heißt, „Mit-Christus-Auferweckte“ zu sein. Nach dem zu streben, was oben ist und seinen Sinn auf das zu richten, was oben ist und nicht auf das Irdische, ist keine Einladung den Weltraum zu bereisen, in welcher Form auch immer. Er will, dass seine Leser die geistliche Unterscheidung lernen: Sie sollen durch geduldiges Einüben ein Gespür dafür bekommen, welche inneren Antriebe und Appelle von Gott kommen und welche nicht. Im konkreten Fall ist dann die Frage zu stellen: „Bist du es Herr, der mich einlädt dies oder jenes zu tun oder zu unterlassen oder zu sagen oder besser zu schweigen?“ „Was willst du Jesus, dass ich jetzt tue oder sage?“ Oder: „Was würde Jesus jetzt an meiner Stelle tun oder sagen?“

Der Herr, den wir („oben“) suchen ist im Verborgenen („in Gott verborgen“). Wir finden Zugang zu ihm im Trauen, Hoffen und Lieben. Die, die mit ihm gestorben sind haben sich von den welthaften Maßstäben getrennt und das geschenkte, neue Leben angenommen. Sie führen ihr Leben verborgen, nicht sichtbar und messbar. Das aber gibt ihrem inneren Menschen Klarheit und Selbstbewusstsein und macht sie fähig, irdisch, welthaften Forderungen zu widerstehen.

Wann aber tritt dieses Leben aus seiner Verborgenheit hervor? Erst am Jüngsten Tag? Die Paulus-Briefe sehen das anders: Sie rechnen nicht nur mit einer gegenwärtigen Auferstehung mit Christus, sondern auch ein Offenbarwerden seines neuen Lebens in uns, seinen Zeugen, hier und jetzt. Christus zeigt sich in uns, den „Mit-Christus-Auferweckten“ als „unser Leben“, wenn er in uns und durch uns erkennbar wird, wie zum Beispiel in Maximilian Kolbe. D. h.: Wenn Jesus Christus durch einen Menschen hindurch sein Leben und seine Lebendigkeit bezeugt, dann wird auch der Mensch erkennbar als einer, der in ihm lebt.

Schließlich lenkt Paulus die Aufmerksamkeit seiner Leser auf die tiefer in ihnen schlummernde Begehrlichkeit, eine Gefahr, die größer ist als jene Appelle und Forderungen. Der Briefschreiber hilft den Lesern, sich nicht auf jene aufdringlichen Leute zu fixieren, sondern ihr Leben positiv in Christus zu gestalten, indem sie seine ethischen Maßstäbe befolgen, denn die sündhaften Antriebe gefährden das neue Leben in Christus.

Unbehagen könnte die massive Sündenaufzählung verursachen. Denn die Adressaten des Briefes sind ja fromme Judenchristen. Paulus will seinen Lesern gewiss nicht unterstellen, dass sie diese Sünden begangen haben, sondern will mit grellen Farben den Kontrast zum neuen Leben in Christus hervorheben. Die sogenannten „Lasterkataloge“ sind übrigens Teil der spätjüdischen Tradition.

Wenn Paulus vom „Töten dieser Glieder“ spricht, dann weiß er, dass dies nicht mit einer einmaligen Tat erledigt ist. Er will den Lesern klar machen, dass hier die Front ist, an der es zu kämpfen gilt, nicht nur gegen die Einhaltung weltlicher Verhaltensweisen und Kontaktverbote, sondern indem sie sich bemühen „neue Menschen“ zu werden, zu sein und auch zu bleiben.

Mit dem „Mit-auferweckt-Werden“ ist noch keineswegs alles entschieden. Die grundlegende Veränderung, das Sterben mit Christus, ist bereits geschehen, der alte Mensch wurde abgelegt und der neue Mensch angezogen wie ein Gewand. Das ist durch die Taufe besiegelt, aber es ist gleichzeitig der Beginn eines lebenslangen Prozesses, der sich nicht mit dem äußeren Gewand begnügt, sondern auch unter die Haut geht. Dazu gehört eine Verhaltensveränderung, wobei die Beziehung zu anderen Menschen betont wird. Denn die „Zu-Erkenntnis“, die sie in Christus geschenkt bekamen, konkretisiert sich auch im Umgang mit den Menschen.

Aufgrund ihrer „Zu-Erkenntnis“ (Ergänzung und Erweiterung des Wissens) erkennen sie in allen Mensch Christus. Paulus ermutigt die Schwestern und Brüder in Kolossä in Christus die Würde jedes Menschen, trotz religiöser, ethnischer und gesellschaftlicher Unterschiede, zu achten. Indem er in allen Menschen Christus sieht und so den Menschen achtet, ahmt der christusgläubige Jude seinen Schöpfer nach.

(3) Wer mit Christus gestorben ist und mit ihm auferweckt wurde, den alten Menschen abgelegt und den neuen Menschen als Gewand angezogen hat und sich den Mühen der geistlichen Unterscheidung und des Wachsens unterzogen hat und in allen Menschen Christus sieht, der wird sich eines Tages über seine neue „Kleidung“ freuen: inniges Erbarmen, Güte, Demut, Milde, Geduld und Liebe. Und er wird Gott dem Vater danken, durch Jesus Christus.

[1] Mit N. Baumert, Israels Berufung, 128, lese ich: „4a Wann immer Christus offensichtlich als das Leben von euch erkennbar wird, 4b dann werdet auch ihr zusammen mit ihm in Ehren offen erkennbar werden!“
[2] N. Baumert, Israels Berufung, 139: „10b der neu gemacht wird zu einer Zu-Erkenntnis in Nachbildung und Nachahmung dessen, der ihn (den neuen Menschen) erschaffen hat, …“
[3] N. Baumert, Israels Berufung, 139: „11a wo nicht gilt ‚Grieche und Jude‘, 11b ‚Beschneidung und Unbeschnittenheit‘ (Vorhaut), 11c ‚Barbare – Skythe‘, 11d ‚Sklave – Freier‘, 11e sondern ständig und in allem (gilt): Christus.“


Dreifaltigkeitssonntag C                                 Röm 5,1-5


1 Gerecht gemacht aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn. 2 Durch ihn haben wir auch im Glauben den Zugang zu der Gnade erhalten, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes. 3 Mehr noch, wir rühmen uns ebenso der Bedrängnisse; denn wir wissen: Bedrängnis bewirkt Geduld, 4 Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung. 5 Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.


(1) Die Klugen lassen es uns gelegentlich wissen: Die Wahrscheinlichkeit, dass es Gott gibt bzw. nicht gibt steht 50 zu 50. Also genaues weiß man nicht. Christen lassen sich von dieser Feststellung einschüchtern und stimmen etwas verunsichert zu, freilich mit dem Hintergedanken, dass der Glaube doch für etwas nütze ist. Der Apostel Paulus allerdings würde diese anmaßende Wahrscheinlichkeitsrechnung entschieden zurückweisen. Im heutigen Lesungstext lädt er uns ein über unsere Glaubenspraxis und -erfahrung nachzudenken.

(2) Paulus ist als Missionar auch ein erfahrener Seelsorger. Er hat Menschen vor Augen, die ihre Sünden bekannt haben und denen auch vergeben wurde. Sie fragen nun: Wie soll ich auf diesem neuen Weg der Nachfolge Jesu weitergehen und werde ich es schaffen? Paulus kennt den „Zauber des Anfangs“, den besonders Neubekehrte sehr intensiv erleben. Er weiß aber auch, dass diese Erfahrung nicht von Dauer ist. Es werden Zeiten der Dürre kommen in denen Schwierigkeiten auftauchen, Versuchungen und Bedrängnisse. Zu den alten Begehrlichkeiten und Abhängigkeiten werden neue hinzukommen.

Der Apostel will ihnen helfen ihren je eigenen „gerechten“ Weg mit Jesus Christus zu gehen und mit ihm die Herausforderungen auf diesem Weg zu bewältigen. Paulus weiß wovon er spricht. Er hat viele Menschen aus der Gottferne zu einer lebendigen Beziehung mit Gott geführt. Er schöpft aber nicht nur aus den eigenen Erfahrungen, sondern auch von jenen, die Brüder und Schwestern im Glauben gemacht haben. Und er tut es nicht mit dem erhobenen Zeigefinger der moralischen Entrüstung, sondern als verständnisvoller Bruder.

Im vorausgehenden Abschnitt (3,21-4,25) hat er sich mit der Frage beschäftigt: Wie mit Gott Frieden machen? Er fasst die Antwort auf diese Frage mit der Feststellung zusammen: „Gerecht gemacht aus Glauben“ und schließt die erste von drei Forderungen an: „Lasst uns Frieden halten mit Gott.“ Gott hat uns gerecht gemacht durch den stellvertretenden Sühne Tod seines Sohnes. Er hat uns durch Jesus mit sich versöhnt. Unsere Schuld ist uns vergeben. Aus dieser Gabe Gottes, der Gerechtmachung, will Paulus, dass wir die Aufgabe ableiten, mit Gott Frieden zu halten im gerechten Leben (im Einklang mit Gott) mit seinem Sohn Jesus Christus. Es bedeutet, darauf zu achten, dass dieser uns von Gott geschenkte Friede durch nichts gestört wird. Welchen Weg schlägt Paulus vor?

Zweimal fordert er seine Leser auf sich zu „rühmen“ (Verse 2 und 3). Gemeint ist: Seid dankbar und zuversichtlich aufgrund der „Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes“ und Seid dankbar (für die Gerechtmachung) und zuversichtlich in den Bedrängnissen. Bei der „Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes“ spricht Paulus nicht von einer fernen Zukunft, auch nicht von der Vollendung am Ende der Zeiten, sondern von der gegenwärtigen, jetzt erfahrbaren Herrlichkeit Gottes. Denn es geht ja um Bedrängnisse der Gegenwart. Inhalt dieser Hoffnung ist unser durch Christus erlangtes Gerechtsein. Das ist eine Vollmacht über Sünde Tod und Bedrängnis. Es ist ein Königtum, das wir ausüben können.

Der Apostel weiß, dass diese Hoffnung sich leicht verflüchtigt, denn sie ist nicht wie die Dinge dieser Welt sind, sie ist unsichtbar, dem menschlichen Auge verborgen. Der Mensch kann nicht über sie verfügen. Das schmerzt besonders. Sie kann nur in Ehrfurcht immer wieder neu empfangen werden. Bei der „Hoffnung der Herrlichkeit Gottes“ geht es um die Kraft der Hoffnung, die der Erfüllung gewiss ist. Hoffnung bedeutet, dass das Festhalten an der unsichtbaren Wirklichkeit der Verheißung Gottes nicht beschämt.

Natürlich bewirkt nicht die Bedrängnis Geduld, sondern sie fordert dazu heraus, von Gott her die verborgene Kraft des Geistes zu erwarten und entgegen zu nehmen. Wer durchhält, der weiß, dass sich die Verheißung der Hilfe Gottes bewahrheitet hat, dass Gott aus bedrängenden Situationen befreit oder Kraft in Leiden gibt. Das gibt neue Hoffnung und verstärkt das Festhalten an der verborgenen Wirksamkeit Gottes. Wer will angesichts solcher Erfahrungen noch von einer Wahrscheinlichkeits-rechnung ausgehen? Paulus begründet die Tatsache, dass die Hoffnung jetzt nicht ins Abseits führt, damit, dass die Liebe Gottes jetzt schon durch den Geist in unsere Herzen ausgegossen ist. Gottes Liebe strömt in die Herzen der Menschen ein und verwandelt sie von innen her. Wer will da noch zweifeln, dass Gott ihn liebt?

(3) Das könnte für unser Glaubensleben folgende Konsequenzen haben: „Wenn dir bewusst bist, dass die Herrlichkeit Gottes unsichtbar, ungreifbar und unverfügbar ist und die Belastungen deines Lebens sie überdecken möchten, dann lass dich nicht entmutigen, sondern schau mit den Augen des Geistes auf jene geistliche Wirklichkeit (V 5); wenn du ihre Andersartigkeit akzeptierst und vom Geist auch Signale der Versicherung und Stärkung erfährst, dann ‚rühme dich‘ dieser unsichtbaren Wirklichkeit! Suche darin deine Sicherheit und sei stolz darauf! Tue also das Gegenteil von der Bedrängnis, die dich angreift und entmutigen will. Und dann wirst du sogar erkennen, dass gerade mitten in der Bedrängnis, wenn du auf Gott schaust, jene verborgene Herrlichkeit zu strahlen beginnt und dir Mut zum Durchhalten gibt.“[1]

[1] Norbert Baumert, 89


7. Sonntag in der Osterzeit          Offb 22,12-14.16-17.20


(Ich Johannes, hörte eine Stimme, die zu mir sprach:)  12 Siehe, ich komme bald und mit mir bringe ich den Lohn und ich werde jedem geben, was seinem Werk entspricht. 13 Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende. 14 Selig, die ihre Gewänder waschen: Sie haben Anteil am Baum des Lebens und sie werden durch die Tore der Stadt eintreten können.


16 Ich, Jesus, habe meinen Engel gesandt als Zeugen für das, was die Gemeinden betrifft. Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids, der strahlende Morgenstern. 17 Der Geist und die Braut sagen: Komm! Wer hört, der rufe: Komm! Wer durstig ist, der komme! Wer will, empfange unentgeltlich das Wasser des Lebens! 20 Er, der dies bezeugt, spricht: Ja, ich komme bald.- Amen. Komm, Herr Jesus!
 

(1) Gewöhnlich befremdet die Frage: „Was bringt mir das?“ Wollen Menschen heute für alles bezahlt bekommen? Noch skeptischer ist man, wenn sich diese Frage auf den Glauben bezieht. Vor allem dann, wenn wir überzeugt sind, dass unser Glaube nicht allein darin besteht, dass Gott unsere Wünsche erfüllen soll, sondern wir seine Wünsche bzw. seinen Willen erfüllen sollen. Das heißt, dass wir aus der Erlösung, die Jesus für uns erwirkt hat, unsere Aufgabe erkennen und verwirklichen. 

Wenn wir uns in die Situation der Adressaten der Apokalypse versetzen, dann erscheint die Frage: „Was bringt mir das?“ nicht mehr so anstößig. Sie werden verspottet, verhöhnt, verleumdet, verfolgt und ihr Leben ist in Gefahr aufgrund ihres Zeugnisses für Jesus Christus. Heute geben viele Menschen ihren Glauben wegen weniger wichtiger Dinge auf. „Warum sollen wir unserem Glauben treu bleiben? Warum um des Glaubens Willen sein Leben aufs Spiel setzen?“ Der heutige Lesungs-Text aus der Offenbarung des Johannes gibt uns eine Antwort auf diese Frage, indem sie in der gefährdeten Gegenwart das verheißungsvolle Ende vorwegnimmt.

(2)  Jesus kündigt in seinen Worten an den Seher Johannes sein baldiges Kommen an und dass er den Lohn mit sich bringt. Es folgen eine Selbstvorstellung Jesu sowie eine Seligpreisung und deren Segen für die, die sie sich aneignen. Anschließend gibt es einen Hinweis für die Gemeinden. Eine weitere Selbstvorstellung Jesu schließt an. Der Geist und die Braut eröffnen den sehnsüchtigen Ruf nach dem Herrn. Und schließlich beantwortet Jesus diesen Ruf mit einer positiven Bestätigung und lädt ein, ihn, den Herrn zu rufen.

Jesus, der Herr kommt bald: „Das Kommen Jesu ist fest zugesagt und füllt den Horizont der Zukunft aus.“[1] Er wird jedem geben, wie es seinem Werk entspricht. Wie haben die gefährdeten Gemeindemitglieder diese Botschaft aufgenommen? Ich nehme an als Motivation und Ermutigung. Sie kommt ja nicht von irgendjemand. Die Selbstvorstellung Jesu als Alpha und Omega steht schon am Beginn (Offb 1,17), und nimmt schließlich die Selbstoffenbarung Gottes in Offb 21,6 auf: Jesus identifiziert sich mit Gott, ist eins mit ihm. Wenn Jesus die selig preist, die ihre Gewänder waschen, dann meint er damit diejenigen, die das Erlösungswerk des Lammes (Offb 7,14), also sein Leiden und Sterben und seine Auferweckung angenommen haben und die Werke der Heiligen vollbringen (Offb 19,8), die also ihre Berufung als Antwort auf die Heilsgabe Gottes ernst genommen haben. Sie, die in die unzerstörbare Gemeinschaft mit Gott durch Jesus Christus eingetreten sind, die bereits Teil des Reiches Gottes sind, werden Anteil an der Vollendung erhalten und im Bild durch die Tore endgültig in die (heilige) Stadt (das neue Jerusalem) eintreten können.

Im Wort vom Engel erinnert Jesus daran, dass Engel die Briefe an die sieben Gemeinden überbracht haben. Damit wird aber auch deutlich, dass das Buch der Offenbarung, Offenbarung Jesu Christi ist. Die Apokalypse, in die so oft Dinge hineininterpretiert werden, ist Offenbarung Jesu Christi. Die nächste Selbstvorstellung Jesu: „Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids, der strahlende Morgenstern“ bringt zum Ausdruck, dass sich in ihm die messianischen Verheißungen, die im Verlaufe der Geschichte Gottes mit seinem Volk an Israel ergingen, in ihm erfüllt haben. Er, mit dem die Gottesherrschaft auf Erden angebrochen ist, lädt ein mitzuhelfen, dass sein Werk zur Vollendung gelangt. 

Der Heilige Geist und die Braut, das neutestamentliche Gottesvolk zeigen den Weg: „Komm!“ Wie Jesus die Jünger im „Vater unser“ zu beten gelehrt hat: „Dein Reich komme!“ so ruft er die Adressaten der Offenbarung des Johannes auf zu beten: „Komm, Herr Jesus!“. Die Geschichte der Begegnung Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen mahnt uns, dass wir die Gabe des „Wassers des Lebens“ nicht oberflächlich sehen sollen. Sie führt uns zum Ewigen Leben. Wir dürfen unsere Sehnsucht nach diesem Wasser nicht ersticken. Und was gratis und unentgeltlich ist kann durchaus großen Wert haben und die kostbare Gabe noch größer machen. Es kommt also alles darauf an, dass wir aus überzeugtem Herzen rufen: „Komm, Herr Jesus!“ Komm zu mir, führe und stärke mich in meiner Aufgabe am Kommen der Gottesherrschaft mitzuwirken. „Komm, Herr Jesus!“ und führe alles zur Vollendung.

(3) „Gerade auch in ihrem Schluss zeigt sich die Apokalypse als Offenbarung Jesu Christi, als Offenbarung, die von Jesus Christus herkommt und durch ihn bestimmt ist. Abschließend ist noch einmal alles auf die Person Jesu konzentriert. Alle Verheißungen, die das Buch enthält, alle Vollendung, die es beschreibt, ist gebunden an die Person Jesu und an sein Kommen. Wir hören dann die Botschaft dieses Buches und machen sie uns zu eigen, wenn wir alles auf diese Bitte setzen: Komm, Herr Jesus! (vgl. 22,14).“[2]
 
 
[1] Klemens Stock, 156
[2] Klemens Stock, 157


6. Sonntag in der Osterzeit         Offb 21,10-14.22-23


10 Ein Engel entrückte mich im Geist auf einen großen, hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam, 11 erfüllt von der Herrlichkeit Gottes. Sie glänzte wie ein kostbarer Edelstein, wie ein kristallklarer Jaspis.

12 Die Stadt hat eine große und hohe Mauer mit zwölf Toren und zwölf Engeln darauf. Auf die Tore sind Namen geschrieben: die Namen der zwölf Stämme der Söhne Israels. 13 Im Osten hat die Stadt drei Tore und im Norden drei Tore und im Süden drei Tore und im Westen drei Tore. 14 Die Mauer der Stadt hat zwölf Grundsteine; auf ihnen stehen die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes.

22 Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt. Denn der Herr, ihr Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung, ist ihr Tempel, er und das Lamm. 23 Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, die ihr leuchten. Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lamm.


(1) Es ist nicht das erste Mal, dass ein Engel Johannes entrückte. Zuvor entrückte ihn einer in die Wüste, wo ihm der Untergang der Hure Babylons gezeigt wurde (Offb: Kapitel 17f). Babylon hatte ein gotteslästerliches Leben geführt, sich auf Kosten der Unterdrückten und Unterworfenen bereichert, eine Schreckensherrschaft aufrecht erhalten und insgesamt ein schlechtes Beispiel gegeben. Der Becher des Zornes Gottes wurde über jene ausgegossen, die auch denen übel mitspielten, die Gott treu geblieben waren. Ihr Blut klebte an ihren Händen. Diese Vision von der Rache Gottes an Babylon, die ihre Macht missbrauchte, erinnert auch an die Vision vom Kommen des Menschensohnes im Buch Daniel (Kapitel 7).

Nacheinander steigen vier furchterregende und grausame Tiere aus den Chaoswassern. Sie repräsentieren die vier aufeinanderfolgenden Mächte und Gesellschaften im vorderen Orient, die sich durch Menschenverachtung, Terror und Grausamkeit auszeichneten. Aber alle vier tierähnlichen Lebewesen wurden vom Meer verschlungen. Das ihnen folgende Wesen entstieg jedoch nicht den Chaos-Wassern, sondern kam vom Himmel herab: der Menschensohn. Auch er repräsentiert eine Gesellschaft, eine Kontrastgesellschaft, ein anderes, neues von Gott bestimmtes Miteinander. 

Jesus hat den Titel Menschensohn für sich in Anspruch genommen. In ihm hat sich eine neue Gesellschaft in der Welt etabliert. Sie unterscheidet sich von den anderen Gesellschaften durch ein anderes Miteinander. In seiner Reich-Gottes-Botschaft hat Jesus diese neuen Umgangsformen und die Beziehung mit ihm und dem Vater vor allem auch in der Bergpredigt und den Gleichnissen zum Ausdruck gebracht. Der Wert der heiligen Stadt, die von Gott her kommt und ihre Bedeutung für die Welt, zeigt sich in ihrem Glanz, der mit einem Edelstein und einem kristallklaren Jaspis verglichen wird. Dieser Schatz ist kein Raubgut, das Unterworfenen abgepresst wurde, wie es Babylon getan hatte. Dieser Schatz ist begründet in der Herrlichkeit Gottes, die in ihr wohnt.

(2) Größere Bedeutung als alles andere in der Stadt scheint die Mauer zu haben: Sie hat zwölf Tore mit zwölf Engeln auf ihnen und ist auf zwölf Grundsteinen erbaut. Auf den zwölf Toren stehen die Namen der zwölf Stämme der Söhne Israels und auf den zwölf Grundsteinen die zwölf Namen der Apostel des Lammes. In dieser Stadt ist das Leben der Menschen geprägt und bestimmt vom Erbe der Offenbarung Gottes im alttestamentlichen und vom Erbe der Offenbarung seines Sohnes Jesus Christus im neutestamentlichen Gottesvolk in deren Zeugnissen. 

Auch wenn die Stadt durch zwölf Tore mit der Welt verbunden ist, so weist die Mauer auch darauf hin, dass sie sich der Welt nicht bedenkenlos anpassen darf, sondern das "mehr" wollen muss, das Gott will und nicht das, was die Menschen wollen. Die heilige Stadt Jerusalem ist wie ein Haus, das auf Fels gebaut ist. Sie ist wie die Stadt auf dem Berg, die von allen gesehen werden kann.

In dieser Stadt sah er aber keinen Tempel. Den braucht es nicht mehr. Die Beziehung mit Gott und dem Lamm, Jesus Christus, kann überall wahr- und angenommen werden. Nach der Zerstörung Jerusalems und des Tempels bedeutete diese Aussage auch keinen Affront gegen die Juden. 

Die Bewohner dieser Stadt sind das Licht der Welt, weil Gott sie erleuchtet und Jesus Christus ihre Leuchte ist. Jesus sagte von sich selbst: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben (Joh 8,12).“ Und in der Bergpredigt ruft Jesus die Bewohner dieser Stadt zum Zeugnis auf: „Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf dem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben (Mt 5,14).“

(3) Johannes will die Christen und Christinnen ermutigen, die um ihr Leben fürchten, weil ihr Glaubenszeugnis lebensgefährlich ist. Er stellt ihnen das Projekt vor Augen, dessen Teil sie sind und das sie sich immer noch tiefer aneignen können. Sie müssen die Gefahren nicht herausfordern, aber sie sollen auch wissen, dass Gott durch sie etwas Neues, eine Kontrastgesellschaft, in die Welt bringen will. Ihren Wert für die ganze Menschheit und für sich selbst können sie selbst ermessen, aber ebenso den Preis. 


5. Sonntag der Osterzeit C               Offb 21,1-5a(5b-8)

1 Ich, Johannes, sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. 2 Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat.


3 Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werde
n sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. 4 Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.


5a Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu. 5b Und er sagte: Schreib es auf, denn diese Worte sind zuverlässig und wahr. 6 Er sagte zu mir: Sie sind in Erfüllung gegangen. Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende. Wer durstig ist, den werde ich umsonst aus den Quellen trinken lassen, aus der das Wasser des Lebens strömt. 7 Wer siegt, wird dies als Anteil erhalten: Ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein. 8 Aber die Feiglinge und Treulosen, die Befleckten, die Mörder und Unzüchtigen, die Zauberer, Götzendiener und alle Lügner – ihr Los wird der See von brennendem Schwefel sein. Dies ist der zweite Tod.
 
 
(1) Die Offenbarung des Sehers Johannes will die von Glaubensabfall bedrohten und um ihr Leben fürchtende Christen ermutigen ihrem Glauben treu zu bleiben. Johannes wird die Vision von der "Wohnung Gottes" unter den Menschen geschenkt, um die bedrohten und gefährdeten Christen und Christinnen der Gegenwart und Beistands Gottes zu versichern.
 
Johannes sieht einen neuen Himmel und eine neue Erde und die "heilige Stadt", das "neue Jerusalem" auf die Erde kommen wie eine Braut. In dem, was er anschließend hört, wird ihm das Geschaute gedeutet, zuerst von einer lauten Stimme, die vom Thron her spricht und schließlich durch das, was Gott zu ihm sagt. Die abschließende Ermutigung und Mahnung Gottes, wesentlicher Teil des Textes, wurde nicht in die Lesung aufgenommen (Verse 5b - 8).
 
(2) Gott hat Himmel und Erde erschaffen: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (Gen 1,1). Die Erschaffung des Menschen führte zum Sündenfall und zur Vertreibung aus dem Paradies. Tod und Mühsal waren die Konsequenzen der Verweigerung der Ureltern Adam und Eva gegen Gott. Aber die Hybris des Menschen manifestierte sich auch in der Ermordung Abels durch seinen Bruder Kain (Gen 3). Und schließlich stellt Gott fest, dass „auf der Erde die Schlechtigkeit des Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war (Gen 6,7).“ Die Konsequenz war die „große Flut“. Nur Noach und die Seinen überlebten sie. Schließlich steht der Turmbau zu Babel für den Menschen, der Gott nicht Gott sein lassen und selbst sein will wie Gott (Gen 11). Die Stadt Babylon wird für die Propheten zum Synonym der gottfeindlichen Stadt. Aber auch die Städte Sodom und Gomorrha stehen für den Ungehorsam des Menschen gegenüber Gottes Gebot. Das Meer in der Bibel steht für die gottfeindlichen Chaosmächte. Die Propheten haben das Verhältnis Gottes zu seinem auserwählten Volk Israel im Bild von Braut und Bräutigam dargestellt. Doch die Braut, das Volk, ist immer wieder treulos geworden. 
 
Alles das, was sich von Gott entfernte oder sich ihm widersetzte wird nun durch Gott verwandelt und bekommt ein neues Vorzeichen: der erste Himmel und die erste Erde werden in einen neuen Himmel und eine neue Erde verwandelt. Die Chaosmächte des Meeres müssen den "Wassern des Lebens" weichen (Vers 6). Die überheblichen, sich Gott verweigernden Städte werden durch die "heilige Stadt", das "neue Jerusalem", die von Gott herkommt, abgelöst. Die Menschen, die in dieser Stadt wohnen, sind die "Braut", das Volk Gottes, das sich schmückt „für ihren Mann“. Sie leben nicht für sich selbst, sondern ihre Liebe und Sehnsucht ist ausgerichtet auf Jesus Christus und findet ihre Erfüllung in der vertrauten Gemeinschaft mit ihm.
 
Die Bilder, die die Geschichte Gottes mit seinem Volk durchscheinen lassen, werden von einer lauten "Stimme vom Thron her" gedeutet. Das "neue Jerusalem" ist die Wohnung Gottes unter den Menschen. Die Menschen, die in ihr wohnen, werden sein Volk sein. Er wird alle ihre Tränen abwischen, dem Tod den Stachel nehmen, die menschliche Mühsal beseitigen. Was früher war wird der Vergangenheit angehören. Alles das ist mit dem Kommen Jesu und der Verkündigung des Reiches Gottes Wirklichkeit geworden. In der Bergpredigt hat er diese "heilige Stadt" als unübersehbare Stadt auf dem Berg hervorgehoben. In den Wachstumsgleichnissen hat er Gottes verborgenes, aber unaufhaltsames Handeln verkündet. Er hat die Tränen der Menschen getrocknet, hat Tote zum Leben erweckt und Gott hat ihn auferweckt und damit den Tod entmachtet und eine Beziehung gestiftet, der der physische Tod nichts anhaben kann. Eine Beziehung freilich, die angenommen und gelebt werden muss. 
 
Alles, was sich seit den Ursünden trennend zwischen Gott und Mensch gestellt hat, wurde durch Jesus beseitigt. In ihm hat Gott die Welt mit sich versöhnt und ist auf neue Weise mit ihnen durch Jesus Christus, seinem Sohn. Die negativen Konsequenzen des Sündenfalls sind zwar noch da, haben aber durch die unzerstörbare Beziehung, die Gott in Jesus schenkt, ihre vernichtende Grausamkeit verloren. 
 
(3) Gott, der spricht: "Seht, ich mache alles neu." gebietet dem Seher aufzuschreiben, was er ihm sagen wird. Seine zuverlässigen und wahren Worte sind nämlich bereits in Erfüllung gegangen. Er, der Schöpfer der Welt ermutigt aus der Quelle zu trinken, aus der das Wasser des Lebens strömt. Erinnern wir uns an die Begegnung Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen. Zu ihr sagt er: "Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben (Joh 4,14);"
 
Wer siegt, wer mutig seinen Glauben an Jesus Christus bekennt und also aus der Quelle des lebendigen Wassers schöpft, dem wird als Anteil die Sohnschaft Gottes verheißen. Der Einzelne, der durchhält, wird angesprochen. Seinen Einsatz und seine Treue kann er nicht an andere abtreten. Die folgende Mahnung ist drastisch, aber klar und unmissverständlich (und wohl deshalb leider aus der Lesung gestrichen).
 
Gott ist uns Menschen in Jesus Christus unüberbietbar nahe gekommen. In ihm hat er alles neu gemacht. Mehr geht nicht. Seither haben wir die Möglichkeit durch Jesus Gemeinschaft mit Gott zu haben. Es liegt an jedem Einzelnen von uns, sich auf diese Herausforderung einzulassen.


Palmsonntag                                         Phil 2,(1-5)6-11

1 Wenn es also Ermahnung in Christus gibt, Zuspruch aus Liebe, eine Gemeinschaft des Geistes, herzliche Zuneigung und Erbarmen, 2 dann macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, einander in Liebe verbunden, einmütig und einträchtig, 3 dass ihr nichts aus Ehrgeiz und nichts aus Prahlerei tut. Sondern in Demut schätze einer den anderen höher ein als sich selbst. 4 Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen. 5 Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht:

6 Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, 7 sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; 8 er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.
9 Darum hat Gott ihn über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, 10 damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihr Knie beugen vor dem Namen Jesu 11 und jeder Mund bekennt: „Jesus Christus ist der Herr“ – zur Ehre Gottes, des Vaters.

(1) Paulus weiß die gemeindliche Praxis seiner Lieblingsgemeinde durchaus zu schätzen. Auf dieser Grundlage lädt er sie zum „magis“ (mehr) ein. Sie würden seine Freude vollkommen machen, wenn sie in der Nachfolge Jesu weiter voranschritten.

 Nachdem er auf die einheitsstiftenden Faktoren aufmerksam gemacht hatte, weist er auf die Gefahren hin, die diese bedrängen: Ehrgeiz und Prahlerei. Er nennt ihnen aber auch die nötigen Maßnahmen, um diese Gefahren zu bannen: „In Demut schätze einer den anderen höher ein als sich selbst“ und „jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen.“ Um seinen Forderungen eine glaubhafte Basis zu geben verweist er auf Jesu Leben. Wer sich Christ nennt und Jesus ernstlich nachfolgen möchte, der wird sich an Jesu Einstellung und Verhalten orientieren.

Paulus selbst hat versucht die Einstellung Jesu immer tiefer zu verstehen. Seit seiner Begegnung mit dem Auferstandenen vor Damaskus hat er in der Schule Jesu und des Heiligen Geistes gelernt: Welche Liebe Jesus in seiner Beziehung zum Vater bewegte und von daher auch die Liebe in der Beziehung zu den Menschen, die so weit ging, dass er sich kreuzigen ließ. Der Apostel hat selbst die Haltung Jesu eingeübt in den zahlreichen Belastungen, Auseinandersetzungen und Grenzerfahrungen seines Lebens als Wanderapostel. In allen diesen Unbilden wurde er nicht müde zu fragen: „Was willst du Herr, dass ich tun soll“ (Phil 2,13; 2 Kor 5,9; Röm 12,2). Die Essenz seiner Erfahrungen fasst er zusammen in der Erkenntnis: Aufgrund der Beziehung mit Jesus Christus bereit sein, jedem anderen den Vorrang zu geben. Es ist die Gesinnung, die man hat und haben muss, wenn man in Jesus Christus lebt. Paulus hat sich immer intensiver auf Jesus eingelassen und konnte dadurch immer besser von innen her verstehen wie er in dieser Einstellung bis zum Äußersten gegangen ist und nun die prägt, die ihm nachfolgen.

(2) Bestimmend für die Überlegungen des Apostels ist der Blick auf Jesus Christus „wie er als Mensch sich unter Menschen verhielt.“ Der Messias war von Gottes Art und Wesen, ein anderer als Gott der Vater, er war der Sohn. Paulus geht vom geschichtlichen Jesus aus. Er hat sein gottgemäßes Leben „nicht wie einen Raub“ eingeschätzt. Was man gestohlen hat, das hütet man ängstlich. Jesus hat nicht das Verhalten an den Tag gelegt, das nach menschlichen Erwartungen Gott entsprochen hätte. Er hat in seinem irdischen Leben alles, was ihm als Sohn Gottes zu eigen war, zurückgestellt und sich als Mensch so gering gemacht, dass er das Schicksal eines Verbrechers erlitt. 

Die „kenosis“ (Entäußerung) ist nicht Entleerung seiner Gottheit, weder durch seine Menschwerdung noch durch sein Sterben. Es ist vielmehr der Verzicht des Menschen Jesus auf die Ausübung seiner göttlichen Macht. Jesus hat bewusst aller göttlichen Wunderkraft und menschlichen Machtmittel entsagt und sie nicht zum Schutz seiner selbst genutzt.

Paulus kommt auch indirekt auf das zu sprechen, was vor Jesu irdischem Leben war. Jesus war bereits vorher existent (prä-existent), war als Gott höhergestellt und hat in der Empfängnis die „Knechtsgestalt“ ergriffen (Sklave – Anklang an die Gottesknechtslieder im Buch des Propheten Jesaja), wurde als wirklicher Mensch geboren und was sein Verhalten betrifft als Mensch angetroffen.

Jesu Menschsein zeigte sich darin, dass er sich nicht anders verhielt als alle anderen Menschen (schlafen, essen, trinken, ermüden, sich unterordnen und sterben) und sich zurücknahm, was seine göttliche Macht betrifft. Er hätte durchaus anders handeln können. 

Jedenfalls ist dies der Hintergrund vor dem gesagt wird, dass Jesus sich erniedrigte. Er macht deutlich was das „Sich-leer-Machen“ bedeutet: Der Sohn Gottes hat sich seiner Gottheit nicht entäußert, sondern der Menschgewordene hat in der entscheidenden Konfrontation sein Auftreten als Gott zurückgestellt, ebenso seine menschlichen Möglichkeiten. Er hat sich erniedrigt und sogar ein ungerechtes Urteil auf sich genommen.

Die „gehorsame“ Hingabe Jesu an den Vater vollzieht sich darin, dass er „sich erniedrigte“ als Mensch unter Menschen. Nun zeigt sich deutlich, warum Paulus auf das Verhalten Jesu hinwies als er sie ermutigte zuvorkommend zu sein und anderen den Vorzug zu geben. Es ist die Medizin gegen das Gift des Ehrgeizes und der Prahlerei. Jesus hat sich in seinem Verhalten eingefügt und untergeordnet.

Paulus geht nicht soweit, dass er sagt, dass jeder sich kreuzigen lassen müsse. Man muss sich aber auf Jesus einlassen und entsprechend den Gegebenheiten von seinem Sich-Erniedrigen lernen, gerade auch in den alltäglichen Situationen. 

Jesus hat diese Unterordnung unter Menschen mit dem Blick auf den Vater gelebt. Er wusste, dass Gott seine Würde und seinen Wert anerkannte. Ihm war er „gehorsam“, auch indem er sich freiwillig den Menschen unterordnete. Er bewahrte seine Würde und wurde kein willenloses Objekt anderer.

So ermutigt Paulus seine Leser im Umgang miteinander jeweils dem anderen der Vorrang zu geben. Dahinter steht wohl auch die Erfahrung: Wenn man dem anderen zuvorkommend begegnet, kann ihm das helfen, in ähnlicher Haltung zu antworten. Wer der Empfehlung des Apostels folgt ist keine gebrochene Existenz, sondern ein erlöster Mensch mit einer vornehmen Würde, der sich aber auch nichts vergibt, wenn er dem Geringeren den Vortritt lässt.

Gott hat sehr wohl gemerkt, dass Jesus sich unter die Menschen gedemütigt hat und gibt eine göttliche Antwort. Während die Menschen Jesus zu einem schimpflichen Verbrechertod verurteilten und ihm den letzten Platz zuwiesen, hat Gott ihn aufgenommen, ihn auferweckt und ihn erhöht. Er wird nun als Mensch von Gott, dem Vater in eine Stellung eingesetzt, die über allen Geschöpfen ist. Jesus ist nun der Fürst der ganzen Welt, so dass alle personalen Wesen sich vor ihm beugen und seinen „Namen“ bekennen: „Herr Jesus Christus!“

(3) Mit dem „Beugen des Knies“ wird das Thema der „Unterordnung“ vollendet: Gebt einander in schlichter, demütiger Gesinnung den Vorrang, denn auch Jesus Christus hat sich „erniedrigt“ bis zum Kreuzestod. Nach seiner Erhöhung aber geben ihm in seinem Mensch-Sein alle den Vorrang (Man kann weiterdenken: Und wenn ihr euch in Christus voreinander erniedrigt, wird Gott euch erhöhen. – Aber das wird hier nicht gesagt). 


5. Sonntag in der Fastenzeit            Phil 3,8-14                                                   
7 Doch was mir damals ein Gewinn war, das habe ich um Christi Willen als Verlust erkannt. 8 Ich halte dafür, dass alles Verlust ist, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles überragt. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen 9 und in ihm erfunden zu werden. Nicht meine Gerechtigkeit will ich haben, die aus dem Gesetz hervorgeht, sondern jene, die durch den Glauben an Christus kommt, die Gerechtigkeit, die Gott schenkt aufgrund des Glaubens.[1] 10 Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden, indem ich seinem Tod gleich gestaltet werde. 11 So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen.


12 Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. 13 Brüder, ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte. Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. 14 Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.

 
(1) Paulus wird nicht müde den Philippern immer das Gleiche zu schreiben, wenn es sie nur sicher macht im Durchschauen der falschen Botschaft der „Hunde“, der „falschen Lehrer“, der „Verschnittenen“. Diese rechtfertigen ihre in den Augen des Apostels falsche Lehre mit ihrer Beschneidung, obwohl sie Heidenchristen sind, und rühmen sich ihrer Fähigkeiten und Begabungen.

Das alles sind irdische Vorzüge, die nach Paulus noch lange kein Garant sind, dass sie das Evangelium authentisch verkünden. Der Apostel hätte viel überzeugendere irdische Vorzüge, um die Authentizität seiner Botschaft auf dieser Ebene zu begründen. Denn alle diese sind eben nur irdische Vorzüge. Paulus geht es um etwas viel Grundlegenderes und Entscheidenderes.  Denn alles das, was ihm früher erstrebenswert und wertvoll erschien auf der Ebene der Vorzüge ist jetzt überholt und zweitrangig geworden durch die Begegnung mit Jesus Christus (Phil 3,1-6).

(2) Die Erkenntnis Jesu Christi, die dem Apostel vor Damaskus durch den Auferstandenen geschenkt wurde hat alles, was ihn bisher bestimmt und ausgemacht hat unter ein neues Vorzeichen gestellt.[2] Diese bedeutete eine tiefgreifende Wende in seinem Leben, in dem alles, was ihm bisher wichtig war verblasste. Freilich bedeutet das nicht, dass Paulus sich damit von seinem bisherigen Leben, seiner Vergangenheit, seiner Freude am und seiner Treue zum Gesetz distanziert. Es geht ihm vielmehr wie dem Mann, der den kostbaren Schatz im Acker gefunden hat, der den Acker kaufte, um den Schatz zu erwerben und dem Kaufmann, der bereit war, alles zu verkaufen, um die eine kostbare Perle zu erwerben.

Die Beziehung und Verbundenheit mit Jesus, die Paulus erstmals vor Damaskus erlebte und der Auftrag der ihm dabei übertragen wurde, war ihm wichtiger als alles andere geworden. Ziel des Apostels ist es, dass die Beziehung mit Jesus Christus, das Leben in Verbundenheit mit ihm und die Erfüllung seiner Sendung, ihn als authentischen Gesandten und Nachfolger Jesu vor Gott und den Menschen ausweisen. Vor Gott und den Menschen, weil vor allem die Philipper ihm abnehmen sollen, dass er der von Gott zu ihnen Gesandte ist und nicht die „falschen Lehrer“.

Paulus, der vor Gott und den Menschen in Jesus Christus wachsen und Jesus immer tiefer kennen lernen möchte, will Gott gefallen und seine Gerechtigkeit erlangen. Er erstrebt aber nicht „meine“ Gerechtigkeit, die aus der Befolgung des Gesetzes hervorgeht. Er hat als Pharisäer nach dem Gesetz gelebt, das Gott dem Mose und dem Volk Israel geoffenbart hat und übte Gehorsam gegenüber dem Gebot Gottes. Aber nach der Begegnung mit dem Auferstanden erstrebt er etwas anderes, nämlich die Gerechtigkeit, die Gott schenkt durch Trauen. Diese Gerechtigkeit hat ein dialogisches Geschehen zur Voraussetzung: Gott selbst kommt den Menschen in Jesus Christus trauend entgegen und bietet ihm das Heil an. Am Menschen liegt es nun dieses Angebot des Trauens Gottes im Vertrauen auf Gott anzunehmen und zu beantworten. Paulus, der die Kirche verfolgte hat Gottes trauendes Angebot in Jesus Christus angenommen und vertrauensvoll auf seine persönliche Weise beantwortet.

Es ist als wollte Paulus den Philippern sagen: „Ihr versteht doch! In Christus ist uns Gott auf eine noch persönlichere Weise nahegekommen, so dass wir diese nicht etwa beiseiteschieben dürfen, indem wir die Gabe des Gesetzes an seine Stelle setzen – auch wenn jene sehr gut war und ist. Im Vergleich damit ist die Zu-Erkenntnis, d.h. die Begegnung mit der Person Jesus Christus, dem Sohne Gottes selbst, weitaus überlegen. Und wenn die Gabe Gottes, nämlich das Gesetz, dazu missbraucht wird, (aus Stolz) der Liebe Gottes in der Person Christi auszuweichen, dann ist dieses Ausweichen Sünde – nicht etwa die Erfüllung des Gesetzes als solche!“[3]

Für den frommen Juden mit reinem Herzen war und ist das Gesetz ein Weg zu Gott. Paulus wertet nicht das Gesetz ab, wie könnte er auch, da es doch von Gott gegeben ist, sondern die verkehrte Haltung der „falschen Lehrer“.

Paulus entfaltet die Konsequenzen, die er aus dem trauenden Entgegenkommen Gottes zu ihm gezogen hat, sein „gerechtes Handeln aus Trauen“ Gott gegenüber: Die Pflege der persönlichen Beziehung zu Jesus Christus, dem Sohn des Ewigen Vaters, der durch den Tod zur Auferstehung gelangt ist. Er möchte Christi Auferstehungsmacht immer mehr und besser kennen lernen und darin Christus begegnen. Er kennt ihn schon anfanghaft und möchte ihm immer noch tiefer begegnen. Er bekommt von Christus Leiden mittgeteilt, so wie Christus es einem jeden, der mit ihm geht, persönlich zuzuteilen für gut hält. 

Wenn der Apostel Christi Auferstehungsmacht und sein Mitteilen von Leiden erfährt, begegnet er letztlich Christus selbst und wächst in der Beziehung und Liebe zu ihm. Je mehr ihm diese Liebe aufgeht, umso mehr möchte er sie beantworten.

Indem Paulus die Leiden annimmt, merkt er, wie sehr er Christus ähnlich gemacht wird. Wenn er merkt, dass er in ein Sterben hineingezogen wird, dass mit seiner Sendung zu tun hat und der Rettung vieler dient, dann weiß er, dass das Sterben mit Christus die „Verheißung der Auferstehung mit ihm“ hat. Hier ist allerdings nicht die Auferstehung am „Jüngsten Tag“ gemeint, sondern eine innergeschichtliche, tägliche Auferstehung, also das vertrauensvolle Ausschauen nach dem, wohin jedes Sterben mit Christus immer wieder neu mündet, in eine Erfahrung der Auferstehung hier und jetzt.

(3) Paulus hat am eigenen Leben aufgezeigt, worin das Besondere des Lebens nach dem Evangelium besteht: Er blieb nicht beim Gesetz stehen, sondern war bereit seinen Horizont zu erweitern und den Weg zu gehen zu dem Gott ihn persönlich eingeladen hat. Diese Zu-Erkenntnis führte zu einem Trauen in Christus durch ein tägliches Mitsterben mit ihm. Das ist ein hoher Anspruch und erscheint als hoher sittlicher Wert. 

Nun aber meint Paulus angesichts dieser subtilen Angelegenheit möglichen Fehldeutungen vorbeugen zu sollen und betont: „Ich bin noch auf dem Weg – wie ihr alle-, und bin unterwegs bis zum letzten Atemzug!“ (Verse 12-14)

Paulus befürchtet offensichtlich, dass der Eindruck entstanden sein könnte, dass er Perfektion und Vollkommenheit erwartet. Und das könnte die Philipper entmutigen, weil Paulus ihnen in unerreichbare Ferne gerückt ist.

Der Apostel gesteht, dass er das neue „Gerecht-Sein-aus-Gott-aufgrund des Trauens“ noch nicht völlig ergriffen hat. Darin vollzieht sich ein Kennenlernen, ist etwas das wächst und reifer werden soll, was man aber nie fertig in Händen hat, sondern immer auf die Weise der Hoffnung empfängt. Für die „Gerechtigkeit aus Gott“ erstrebt Paulus den Kampfpreis. Dieser ist wie die Anerkennung einer sportlichen Leistung, eine Bestätigung seines Weges mit Jesus Christus.

Paulus will das „hinter mir Liegende“, also den Kampfpreis für die Erfüllung des Gesetzes als Gabe Gottes (Vers 6), nicht an die Stelle des „vor mir Liegenden“, der personalen Zuwendung und Anerkennung Gottes, setzen. Das Gesetz ist in diesem Sinne Gabe Gottes und der Kampfpreis ist eine Ehrung Gottes. Die Begegnung mit Christus ist eine von Gott geschenkte Zu-Erkenntnis und das weitere, tiefere Erkennen Christi ist eine Ehrung Gottes.

Als Jude könnte Paulus das Gesetz an die erste Stelle setzen, aber er stellt die Person des Sohnes Gottes nicht hinter die Gabe des Gesetzes. Darin will er den Philippern Vorbild sein.

[1] Ich übersetze 9b-d mit N. Baumert, 357: „wobei ich nicht etwa meine eigene, auf dem Maßstab basierende Gerechtigkeit habe (greifbar in Händen habe durch meine Erfüllung der Gebote und mein Wandeln vor Gott), sondern jene durch Trauen Christi, die Gerechtigkeit, die von Gott her geschieht auf der Basis des Trauens“…
[2] Thomas von Aquin hat gegen Ende seines Lebens eine tiefe Gotteserfahrung gehabt und kommentierte sie: „Alles, was ich geschrieben habe, erscheint mir wie Stroh und Spreu gegenüber dem, was ich geschaut habe.“
[3] N. Baumert, 369


4. Fastensonntag C                             2 Kor 5,12-21
 
17 Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.
18 Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat. 19 Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er ihnen die Verfehlungen nicht anrechnete und unter uns das Wort von der Versöhnung aufgerichtet hat. 20 Wir sind also Gesandte an Christi statt und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott ve
rsöhnen! 21 Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden.

(1) Zwei Stichworte helfen, die heutige Lesung zu gliedern und damit besser zu verstehen. Im Vers 17 sind es die Begriffe "Alte" und "Neue", die auf Jesu Sterben, Tod und Auferweckung hinweisen und in Vers 18 ist es das Stichwort Versöhnung. Paulus musste sich für einen Vorfall in der Vergangenheit rechtfertigen, wo er offensichtlich bei einem kontroversiellen Gespräch die Fassung verlor. Widersacher bzw. Gegenspieler haben versucht daraus Kapital zu schlagen, die Korinther für sich zu gewinnen und sie dazu zu bringen sich vom Apostel abzuwenden. „Paulus steht wieder mit dem Rücken zur Wand und mit dem Blick nach oben.“[1]

Wie geht Paulus vor, um die Korinther für Gott zurückzugewinnen? Zunächst versucht er seine wohlmeinende Haltung ihnen gegenüber glaubwürdig nachzuweisen und ihnen Unterscheidungskriterien an die Hand zu geben, um die „Scharlatane“ entlarven zu können (Verse 12-16). Anschließend ruft der Apostel die Versammlung der Korinther auf, sich mit Gott und ihm zu versöhnen.

(2) Paulus geht zuerst auf den Vorwurf ein, sich durch sein aufbrausendes und ungestümes Verhalten als Gesandter Gottes disqualifiziert zu haben. Er entschuldigt sich nicht, sondern erklärt sein Verhalten als durchaus angemessen. So wie Gottes Zorn von seiner Barmherzigkeit und Liebe umfangen ist, so rechtfertigt Paulus sein damals aufbrausendes Verhalten und erklärt, dass auch in ihm  - im Gegenzug - die Liebe Christi wirkt und sein gutgemeintes Verhalten gegenüber der Gemeinde bestimmt. 
 
Dass die Liebe Christi in ihm wirkt führt er darauf zurück, dass er, wenn er mit Christus gestoben ist, nun in ihm auch das Leben hat. Und das verändert alles. Er denkt und handelt nicht mehr fleischlich, egoistisch, sondern in der Liebe Christi. In dieser Liebe tritt er auch den Korinthern entgegen. Dieser Prozess war möglich geworden, weil Jesus für alle gestorben ist, "damit die Lebenden nicht mehr für sich selber leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde." (5,15) 
 
Mit dem, was Paulus schreibt und wie er sich verhält soll den Korinthern eine Unterscheidungshilfe an die Hand geben werden mit der sie die Gegenspieler des Apostels entlarven können, nämlich als solche, die gut und fromm von sich selber reden müssen, weil in ihrem Inneren nichts ist, was der Liebe Christi entspricht. 

Allerdings wird nur der seine Schlussfolgerung verstehen, der selber diesen Weg mit Christus gegangen ist, mit ihm gestorben und das neue Leben – nicht mehr aus sich selbst, sondern durch die Auferstehung - angeboten bekommen und angenommen hat. Er erkennt in Paulus das gleiche Leben, das auch er von Gott geschenkt bekommen hat. Er sieht Gottes Wirken in sich und Paulus und sieht auch, dass in denen, die sich mit frommen Worten aufspielen, Gottes Geist nicht am Werk ist. 
 
Die Aussage vom „neuen Geschöpf“ sagt er im Blick auf sich selbst. Allerdings verallgemeinert er diese Aussage über sich selbst, indem er sich in die Reihe all derer stellt, die in Christus sind. Jeder, der in Christus ist, ist ein neues Geschöpf, also auch er. Das „Alte“, die fleischlich, egoistischen Verhaltensweisen, ist vergangen. Das „Neue“ aber, eine spezifische Gestalt von Liebe, ist die Liebe Christi. Damit ist das Ende des bisherigen Abschnitts ist erreicht.
 
Bisher hat Paulus versucht die Angemessenheit seines wohlmeinenden Verhaltens aufgrund seiner Christusbeziehung den Korinthern gegenüber verständlich zu machen. Nun bringt er ihnen den tiefsten Grund seines Ringens um sie zur Kenntnis: Er möchte sie, die gefährdet sind, indem sie Scharlatanen nachlaufen und sich von ihm, dem echten Hirten und Apostel abwenden, für Gott zurückgewinnen. Paulus argumentiert jetzt sehr persönlich.
 
Er bezieht auch den ersten Schritt der Versöhnung, die Gott geschenkt hat, anfänglich auf sich selbst. Im Hintergrund stehen seine Umkehr und Berufung in der Begegnung mit dem lebendigen Herrn Jesus Christus. Diese Wende im Leben des einstigen Christenverfolgers könnte den Korinthern vielleicht helfen den Aufruf zur Versöhnung anzunehmen. Denn „das alles“ verdankt sich der Initiative Gottes. Er hat „mich“ (Paulus) durch Christus mit sich versöhnt. Erst dann konnte er „mir“ den Dienst der Versöhnung anvertrauen.
 
Was aber heißt, dass Gott die Welt mit sich versöhnt hat? Zunächst hat Gott in Paulus, dem ehemaligen Verfolger, die Welt mit sich versöhnt. Diese Aussage ist aber offen auf alle hin, die das Evangelium angenommen haben und in denen Gott Welthaftes versöhnt hat. Gott hat diese Vergebung in Christus seit Ostern all denen geschenkt, die ihm trauen. Er hat ihnen „ihre Übertretungen nicht angerechnet“, wenn sie in Christus voll Vertrauen zu ihm kamen. Gott hat auch Paulus seine Verfehlungen nicht angerechnet, hat in ihm „die Welt mit sich versöhnt“ und damit die Voraussetzung geschaffen, um ihm die Botschaft von der Versöhnung anzuvertrauen.
 
Paulus versteht sich an Christi statt den Korinthern gegenübergestellt. Gott mahnt durch ihn und er bittet sie an Christi statt: „Lasst euch mit Gott versöhnen!“ (und auch mit mir). Der Apostel reicht den verunsicherten und gefährdeten Korinthern die Hand und versucht, sie zurückzugewinnen. „Wieder steht Paulus an der Schnittstelle zwischen Gott und der Versammlung.“[2]
 
Im Schluss Vers bindet Paulus wieder die situationsbezogene Aussage in einen universalen Zusammenhang. Gott selbst ist es, der alle Sünde auf Christus gelegt hat, Christus ist anstelle von allen Menschen gestorben, „damit sie Gottesgerechtigkeit würden.“ Diese Gerechtigkeit, die wir durch Versöhnung empfangen ist göttlichen Ursprungs und wird durch Gerechtigkeits-Dienst vermittelt, ist aber kein Automatismus. Durch den Tod Christi sind nicht schon alle Gerechtigkeit. Es hängt davon ab, ob sie die angebotene Hand Gottes ergreifen.
 
(3) Es ist der Mensch, der sich immer wieder von Gott entfernt. Doch von Gott geht eine neue Initiative aus als Angebot an die Welt. Die Versöhnung wird aber nur dann vollzogen und vollendet, wenn „Welt“ im einzelnen Menschen sich „mit Gott versöhnen lässt.“


[
1]. N. Baumert, 111

[2] N. Baumert, 119


3. Fastensonntag C                       1. Kor 10,1-6.10-12

1 Ihr sollt wissen, Brüder, dass unsere Väter alle unter der Wolke waren, alle durch das Meer zogen 2 und alle auf Mose getauft wurden in der Wolke und im Meer. 3 Alle aßen auch die gleiche geistgeschenkte Speise 4 und alle tranken den gleichen geistgeschenkten Trank; denn sie tranken aus dem geistgeschenkten Felsen, der mit ihnen zog. Und dieser Fels war Christus. 5 Gott aber hatte an den meisten von ihnen kein Gefallen; denn er ließ sie in der Wüste umkommen. 6 Das aber geschah als warnendes Beispiel für uns: damit wir uns nicht von der Gier nach dem Bösen beherrschen lassen, wie jene sich von der Gier beherrschen ließen.[1] 7 Werdet nicht Götzendiener wie einige von ihnen; denn es steht in der Schrift: Das Volk setzte sich zum Essen und Trinken; dann standen sie auf, um sich zu vergnügen. 8 Lasst uns nicht Unzucht treiben, wie einige von ihnen Unzucht trieben. Damals kamen an einem einzigen Tag dreiundzwanzigtausend Menschen um. 9 Wir wollen auch nicht den Herrn auf die Probe stellen, wie es einige von ihnen taten, die dann von den Schlangen getötet wurden. 10 Murrt auch nicht, wie einige von ihnen murrten; sie wurden vom Verderber umgebracht! 11 Das aber geschah an ihnen, damit es uns als Beispiel dient; uns zur Warnung wurde es aufgeschrieben, uns, die das Ende der Zeit erreicht hat.[2]12 Wer also zu stehen meint, der gebe Acht, dass er nicht fällt. Noch ist keine Versuchung über euch gekommen, die den Menschen überfordert. Gott ist treu; er wird nicht zulassen, dass ihr über eure Kraft hinaus versucht werdet. Er wird euch in der Versuchung einen Ausweg schaffen, sodass ihr ihn bestehen könnt.

.(1) Es gibt eine „erste Liebe“ auch im Leben der von Gott Gerufenen. Wenn sie diesen Ruf annehmen erleben sie die Beziehung mit Gott und das Wachsen im geistlichen Leben auf sehr intensive Weise. Aber diese erste Liebe im Glaubensleben ist nicht von Dauer. Es kommen auch Zeiten der Trockenheit, in der Gott ferne scheint. Das Beten, die Treue, das Zeugnis werden mühsam. In diese Zeiten fallen dann auch die Versuchungen. In solchen Momenten ist es gut, sich an die Weisungen des geistlichen Begleiters zu erinnern, dass in den Dürre-Perioden sich das Trauen und die Treue zu Gott zu bewähren haben. Das gelingt am besten dann, wenn man sich in den Zeiten des geistlichen Hochs einen Vorrat an Trauen und Treue anhäuft, um in den Dürre-Zeiten davon zehren zu können. In Dürre-Perioden hilft die Erinnerung an die erhebenden Zeiten in der Beziehung mit Gott und das Wissen, dass die Zeit der Dürre begrenzt ist. Der heilige Ignatius von Loyola rät in den Zeiten des Trostes nicht übermütig und maßlos zu werden, sondern daran zu denken, dass der Miss-Trost unausweichlich ist. In den Zeiten des Miss-Trostes soll man dankbar der Zeiten gedenken, in denen man das Fließen des Gnadenstromes erfahren durfte.

Einige Christen in der Gemeinde von Korinth haben offenbar diese Zeit der „ersten Liebe“ in ihrem Glaubensleben hinter sich und erleben Zeiten der Dürre und der Versuchungen und einige sind diesen auch erlegen. Paulus motiviert und ermutigt und nennt die Gefahren beim Namen.

(2) Um sein Anliegen plausibel den Lesern nahezubringen wählt er eine Periode aus der Heilsgeschichte: die Zeit der Befreiung der Israeliten aus dem Sklavenhaus Ägypten, des Durchzugs durch das Schilfmeer und durch die Wüste. Wie in einem Spiegel soll den Korinther ihre eigene Situation bewusst werden. Im Verhalten Gottes zum Volk und des Volkes zu Gott sollen sie für ihre eigene Gegenwart die Konsequenzen ziehen.

„Unsere Väter“, des Apostels und aller anderer Juden Väter, „waren unter der Wolke“, d.h. unter der Führung Gottes auf ihrem Weg durch das Rote Meer und durch die Wüste. Aber sie wurden nicht auf Mose getauft (EÜ). Sie fügten sich in Mose für lange Zeit hinein. Und das nicht nur beim Durchzug durch das Rote Meer, sondern auch auf dem Weg durch die Wüste, also auch beim Essen des Manna und beim Trinken aus dem Felsen. Jeder ihrer Schritte war ein sich Hineinfügen-in-Mose, ein sich auf ihn Einlassen und festmachen an seiner Gottesbeziehung.

Die geistgeschenkte Speise und der geistgeschenkte Trank weisen darauf hin, dass Christus uns mit seinem Ruf, dem Wort Gottes und dem Heiligen Geist nährt und tränkt. Bereits für die „Väter“ waren Manna und Wasser ein Realsymbol dafür, dass sie ganz von Gott lebten. Allerdings haben sie die tiefe Bedeutung ihrer äußeren Rettung und Lebenserhaltung nicht begriffen und im entsprechenden Verhalten ergriffen. Die meisten lebten nicht nach dem Geschmack Gottes und wurden hinweggerafft.

Schließlich wird die Beziehung der „Väter“ zu „uns“ hergestellt. Wer begehrt, trotz der Erfahrung des befreienden und Leben schenkenden Gottes, wird hinweggerafft. Auch wir – darauf will Paulus hinaus - sind in Gefahr dem bösen Begehren nachzugeben, das uns anficht. Auch wir sind noch gefährdet und sollen uns hüten die gleichen Fehler zu begehen.
Nach diesem ausführlichen „Anschauungsunterricht“ in dem die eigene (Heils)-Situation sichtbar werden soll, kommt nun endlich das Stichwort, wofür das Vorangegangene Motivation sein soll: Kein Götzendienst! 

In den folgenden Versen (die wichtigen Verse 7-9 wurden leider aus dem Text gestrichen) kommt der aktuelle Anlass der bisherigen Erklärungen zum Ausdruck. Im Vordergrund stehen vier vom Gesetz her formulierte und begründete unmissverständliche Ermahnungen. Hauptursache ist der Rückfall einiger korinthischer Heidenchristen zu ihrem Götterkult. Über „Unzucht-Sünden“ geben 1 Kor 5,1-3 und 6,12-20 Auskunft. „Christus versuchen“ kommt aus einer gewissen Leichtigkeit und Übermut (4,19: sich aufblähen). Zu „murren“ beginnt man, wenn man sich nicht an Gottes Güte und Führung erinnern will, sondern unzufrieden ist. Aber im Grunde geht es um Götzendienst. Leute aus der Auszugsgeneration haben Gott versucht bevor sie Wasser aus dem Felsen bekamen (Num 20,2-11) und bevor sie das Manna bekamen, haben sie gemurrt (EX16,2). Paulus betont auch hierin die Vorzeichenhaftigkeit der Israeliten.

Der Höhepunkt wird in Vers 11 erreicht: Zuerst haben die Israeliten Gottes machtvolle Rettung erfahren. Vor diesem Hintergrund werden die Strafen aufgrund ihres Fehlverhaltens verständlich. Außerdem muss man zwischen dem Geschehen selbst und dem schriftlichen Zeugnis unterscheiden. Die Strafe an den Vätern ist nicht Mittel zum Zweck, sondern ist Ergebnis ihres Verhaltens. Das Aufschreiben geschah uns zur Mahnung und Lehre. Unseretwegen wurde aufgeschrieben, was jenen widerfahren war, also Heil, Versuchung und Sünde, sowie Strafe.

Gottes Rettungswerk ist geprägt von einer geschichtlichen Kontinuität, einem inneren Zusammenhang wie Same und Frucht, Pflanze und Ernte. Die reifen Erträge der vorangegangen Heilsperioden, bei Adam und Eva beginnend, über die Perioden seit Noe, Abraham und Mose, David, den Propheten etc. bis Christus. Diese „Äonen“ sind ausgerichtet auf den Messias und tragen alle etwas dazu bei. Wir sind die, bei denen die Resultate oder Früchte aller dieser Heilsperioden angekommen sind und bleiben. Aber es handelt sich noch nicht um die letzte Vollendung.

(3) Schließlich formuliert Paulus die Konsequenzen: Die Lehre aus der Heilsgeschichte hat verstanden, wer es wagt alle Sicherheit aufzugeben und auf der Hut ist „dass man nicht fällt“, wer die Gabe des Heils nicht als Absicherung versteht, sondern vielmehr als Aufgabe. 

Die Erprobungen gehen weiter und die Gerufenen müssen ihnen mit größerer Verantwortung entgegentreten. Paulus versichert ihnen, dass Gott die Grenzen des Menschen kennt, auch jetzt unter den besonderen Voraussetzungen. Er begleitet jeden individuell und überfordert keinen. Die Versuchungen werden nicht verringert, sondern Gott gibt uns die Kraft, dass wir ihnen widerstehen können.

Entscheidend ist, ob wir diese Kraft von Gott erbitten, sie in Dankbarkeit und Demut annehmen und mit ihr mitarbeiten. Passiv abzuwarten genügt nicht. Die Gnade ist kein Automatismus!

[1] Den Vers 6 übersetze ich mit N. Baumert, 139: „Hinsichtlich dessen aber sind sie Vorentwürfe von uns geworden, so dass wir nicht „Begehrliche nach Schlechtem“ sind, wie in der Tat jene begehrt haben.“

[2] Vers 11 übersetzt N. Baumert, 142, so: „Dies nun ist auf die Weise einer Vorform jenen widerfahren; aufgeschrieben aber wurde es zu Ermahnung von uns, zu denen die Erträge der Heilsperioden hingelangt sind.“

2. Sonntag in der Fastenzeit               Phil 3,17-4,1

 
17 Ahmt auch ihr mich nach, Brüder[1], und achtet auf jene, die nach dem Vorbild leben, das ihr an uns habt! 18 Denn viele – von denen ich oft zu euch gesprochen habe, doch jetzt unter Tränen spreche – leben als Feinde des Kreuzes Christi. 19 Ihr Ende ist Verderben, ihr Gott der Bauch und ihre Ehre besteht in der Schande; Irdisches haben sie im Sinn.
20 Denn unsere Heimat ist im Himmel. Von dorther erwarten wir auch Jesus Christus, den Herrn, als Retter, 21 der unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes, in der Kraft, mit der er sich auch alles unterwerfen kann.

4,1 Darum meine geliebten Brüder, nach denen ich mich sehne, meine Freude und mein Ehrenkranz, steht fest im Herrn, Geliebte!

(1) Vier Akteure spielen in der heutigen Lesung eine Rolle: Paulus, die Angesprochenen des Briefes; diejenigen, über die Paulus weint und Jesus. Der Text besteht aus drei Teilen. Zuerst werden die Leser mit der Aufforderung konfrontiert, Paulus und seine Gefährten als Vorbilder in der Nachfolge Jesu zu wählen und sich von denen abzugrenzen, über die Paulus weint, weil sie sich dem „Irdischen“ verschrieben haben. Als Kontrast dazu wird denen, die im Himmel ihre Heimat haben und von dorther das Kommen Jesu erwarten, Verwandlung ihres armseligen Leibes verheißen. Als Schluss folgt ein herzliches Abschiedswort des Apostels, in dem er nochmals sein Anliegen betont: Steht fest im Herrn.

(2) Warum sieht sich Paulus genötigt mit entschiedenen, harschen Worten zu mahnen? Wieder ist es der Versuch den Anstrengungen und Schmerzen des Kreuzes auszuweichen. Es gibt unter den Philippern, vermutlich sogar unter den engeren Mitarbeitern des Apostels, einige, die einen Lebensstil pflegen, der die Annahme des Kreuzes unmöglich macht. Mit der Ablehnung haben sie vermutlich auch eine Rechtfertigung in Umlauf gebracht und andere damit verunsichert und auf ihre Seite gezogen. Demgegenüber wollte Paulus nicht einfach schweigen, sondern bezog eindeutig Stellung.

Zuerst ruft er die Leser auf, ihn nachzuahmen und auf die zu achten, die vorbildlich verwirklichen, was ihnen Paulus und seine Gefährten vorgelebt haben. Er beansprucht also nicht Nachahmung seines gelebten Glaubens in Konkurrenz zu Jesus, sondern Nachahmung in der Nachfolge Jesu. Der Brief könnte sich also durchaus an engere Mitarbeiter richten und nicht an die ganze Gemeinde. Wenn Paulus die Aufmerksamkeit auf die „Vielen“ lenkt, über die er zu ihnen gesprochen hat, dann gibt er damit auch Einblick in seine Arbeit. Er wird über die Bekehrung der Betroffenen gesprochen haben, über ihren anfänglichen Eifer und ihrem Wachsen im Trauen auf Gott. Das Erzählen über den Glaubensweg eines Menschen hat auch heute seine Attraktivität nicht verloren.

Aber jetzt hat er keine Freude mehr, wenn er an sie denkt, sondern es ist ihm vielmehr zum Weinen: sie leben als Feinde des Kreuzes Christi. Und das ist nicht einmal ungewöhnlich. In den Augen der Welt ist es jedenfalls nicht die normalste Sache der Welt, wenn Menschen bewusst ihr Kreuz in der Nachfolge Jesu auf sich nehmen im Trauen auf Gott, dass sein Sohn sie jetzt schon auferwecken wird. Es braucht das Trauen auf Gott, das Paulus mit so großer Leidenschaft verkündet.

Er macht zunächst auf die Konsequenzen aufmerksam, mit denen zu rechnen ist, wenn man das Kreuz als Voraussetzung des Mitgehens mit Jesus negiert: „Ihr Ende ist Verderben“: Sie schaffen nichts Bleibendes, es zerrinnt ihnen zwischen den Fingern. „Gott ist ihr Bauch“: Diese Formulierung bezeichnet ihre Faulheit und Trägheit angesichts der Einladung zum Sterben mit Christus. Ihre Konzentration ist ganz auf das eigene Ich und Wohlbefinden gerichtet. Empathie, Solidarität und Barmherzigkeit sind ausgeblendet, Genuss und Selbstdarstellung sind überbelichtet. Sie produzieren das Gegenteil von Liebe zu Christus. „Ihre Ehre besteht in ihrer Schande“: Sie haben keine Begegnung mit Jesus Christus, sondern bleiben im Irdischen stecken. Sie versumpfen mit ihrer Pseudo-Religiosität im Diesseits. Paulus will seine Ansprechpartner sensibel dafür machen, wohin die Verweigerung des Mitsterbens mit Jesus führt.

Mit den Worten „Irdisches haben sie im Sinn“ fasst der Apostel ihre Untreue gegenüber dem „Trauen Gottes“ zusammen, der uns in seinem Sohn Jesus Christus vertrauend entgegengekommen ist und von uns erwartet, dass wir seinem Sohn zutrauen, dass er uns heimführt zu seinem und unserem Vater.

Paulus ermutigt seine Leser sich von den Fesseln des Irdischen zu befreien und sich zu erinnern, dass „unsere Heimat der Himmel“ ist, dass wir in der Welt, aber nicht von der Welt sind. Die Fesseln des Irdischen: Eigenwillen, Eigensinn und Eigennutz kann nur hinter sich lassen, wer sich mit der Hilfe Gottes im Trauen Gottes verliert, um das Leben zu gewinnen.

Wenn der Völkerapostel vom Himmel spricht meint er den ganzen göttlichen Bereich und denkt vor allem an den erhöhten Herrn. In der Herrlichkeit des Vaters ist er über alle erhöht als unser Herr und Retter. Er hat sich uns geoffenbart und lädt uns immer neu zu einer lebendigen Beziehung mit ihm ein.

Aber erwarten wir ihn erst am Jüngsten Tag? Nein! Nicht erst dann wird er kommen, sondern jetzt schon dürfen wir ihn empfangen und aufnehmen als unseren Retter. Dies hat mit unserer Bekehrung und Taufe begonnen und wirkt tagtäglich weiter. Jetzt will er uns weiterhin retten vor dem Bösen und dem (geistlichen) Tod. Er schenkt uns immer neu Vergebung, gibt uns von seinem Geist, seinem Leben und seiner Gnade, schenkt Kraft und je persönliche Berufungen und Aufträge. Denen, die Christus trauen, schenkt er Auferstehungs-Leben.

Was aber geschieht bei dieser gegenwärtigen Umgestaltung? Es handelt sich nicht um eine magische Verwandlung des Körpers, sondern um eine existentielle Umformung und Stärkung des ganzen Menschen durch die Herrlichkeit Gottes. Es geht vor allem um eine Angleichung des Verhaltens an Christus, und das heißt, mit ihm in der Haltung des Trauens zu sterben. Das geschieht aber nie automatisch: Gott ruft den Menschen und der trifft in Freiheit die Entscheidung, ob er der Einladung folgen will oder nicht.

(3) Im sehr persönlich gehaltenen Schlusswort ruft er die Brief-Adressaten auf: „Steht fest!“ Er erinnert sie an die Gefährdung, der sie ausgesetzt sind und, dass sie standhaft bleiben sollen in der Haltung des Trauens im Sterben mit Jesus Christus. Der ungewöhnliche (einmalige) Ton ist Ausdruck seines Vertrauens zu den Brüdern.

[1] Ich setze bewusst nicht „Schwestern“, weil sie nicht im Text stehen. Wenn in der Anrede der Lesung „Brüder und Schwestern“ verwendet wird so hat das seine Berechtigung, weil weder Brüder noch Schwestern im Text genannt werden, sondern weil es eine von der Liturgie-Kommission frei gewählte Anrede an die Gottesdienstbesucher ist. Veränderungen im biblischen Text sollte man nicht vornehmen.

1. Fastensonntag                              Röm 10,8-18

8 Was sagt die Schrift? Nahe ist dir das Wort in deinem Mund und in deinem Herzen. Das heißt: das Wort des Glaubens, das wir verkünden; 9 denn wenn du mit deinem Mund bekennst: „Herr ist Jesus“ – und in deinem Herzen glaubst: „Gott hat ihn von den Toten auferweckt“, so wirst du gerettet werden. 10 Denn mit dem Herzen glaubt man und das führt zur Gerechtigkeit, mit dem Mund bekennt man und das führt zur Rettung. 11 Denn die Schrift sagt: Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen. 12 Denn darin gibt es keinen Unterschied zwischen Juden und Griechen. Denn alle haben denselben Herrn; aus seinem Reichtum beschenkt er alle, die ihn anrufen. 13 Denn jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.
 
(1) Paulus hat im vorausgehenden Kapitel (Römer 9) hervorgehoben, dass er zutiefst bedauert, dass viele seiner jüdischen Glaubensbrüder Jesus Christus nicht angenommen haben. Er ist überzeugt, dass sie Christus nicht in der rechten Weise begegnet sind. Er führt das aber nicht auf Unglauben zurück und hält ihnen nicht vor, den Gerechten verworfen zu haben. Er versichert ihnen für sie zu beten und ihnen weiterhin zugetan zu sein. Von Herzen wünscht er ihre Rettung. Paulus anerkennt ihren Eifer für Gott und qualifiziert ihn nicht als „Eifer ohne Einsicht“ (EÜ), sondern als Eifer ohne „Zu-erkenntnis“. Damit meint er, dass ihnen das Neue fehlt, was Gott jetzt durch Jesus Christus geschenkt hat, nämlich eine hinzugekommene Offenbarung Gottes. Alles, was ihnen bisher geoffenbart worden war (z.B. das Gesetz) behält seine Geltung.

Paulus hat Verständnis für das Dilemma seiner Brüder, weil Gott ihn selbst einen schmerzlichen Weg der Annahme der „Zu-erkenntnis“ geführt hat. Seine Begegnung mit Jesus Christus vor Damaskus bedeutete keine totale Umkehr oder Abkehr vom Gesetz, sondern schenkte ihm eine hinzukommende Erkenntnis: Gott hat einen Sohn und ist in seiner Heilsgeschichte mit Israel einen Schritt weiter gegangen. Zur bisherigen Offenbarung und dem Gesetz ist also etwas hinzugekommen. Aus dieser Erfahrung prägte er den Begriff „Zu-erkenntnis“. Viele seiner Glaubensbrüder haben die „Gerechtigkeit Gottes“ nicht erkannt, jene in Christus hinzukommende Offenbarung, die dem Menschen in Christus Vergebung der Sünden schenkt, sowie eine neue Fähigkeit im Geist den Willen Gottes zu erkennen und zu erfüllen. Sie haben also nicht erkannt, dass Gott seine Offenbarung fortsetzt und in Christus zu einem Höhepunkt führt.

Das Gesetz des Moses ist schriftliche Offenbarung Gottes. Paulus nennt die neue Offenbarung in Jesus Christus ebenfalls Gesetz (Tora, Weisung, Wegweisung, Offenbarung des Willens Gottes). Aber es ist nun Gesetz in „Hochform“ (Höhepunkt oder Hochform von Gesetz). Diese neue Offenbarung von Gottes Gerechtigkeit beruht darauf, dass Gott in Jesus Christus den Menschen mit einem neuen „Zu-trauen“ entgegenkommt, auf das sie ihrerseits mit „Trauen“ antworten sollen.

In diesen Ausführungen im Brief an die Römer erkennt man das Bemühen des Apostels den Juden eine Brücke von den ihnen bekannten und vertrauten Offenbarungen zur neuen Offenbarung in Jesus Christus zu schlagen und ihnen einen annehmbaren Zugang zum Christusglauben zu eröffnen. Er will die „Zu-erkenntnis“ für sie „toraförmig“ machen, sodass sie sich darin wieder finden und sich damit identifizieren können. Christus ist der Tora nichts Fremdes. Aber Paulus spricht nun nicht mehr nur von der Rettung der Juden, sondern auch von der Rettung aller.

(2) Um sein Anliegen zu realisieren verwendet Paulus alttestamentliche Zitate und verändert sie, um die neue Botschaft zu erklären. Er stellt dem geschriebenen Wort des mosaischen Gesetzes die neue Weisung des gesprochenen Wortes gegenüber. Die „Hochform göttlicher Weisung“ spricht dem einzelnen Menschen direkt zu Herzen. Dieses gesprochene Wort (diese persönliche Zusage der Nähe Gottes in Jesus Christus) ist in deinem Mund und in deinem Herzen. Es ist das gesprochene Wort vom Trauen, das Paulus und die Boten des Evangeliums verkünden. Sie predigen, dass Gott uns mit Vertrauen entgegenkommt.

Der Apostel sagt aber nicht etwa: Das Wort ist in deinem Ohr und in deinem Herzen. Er folgt vielmehr seiner Vorlage Deuteronomium 30,14: „Das Wort ist ganz nahe bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen.“[1] Das bezieht sich auf das Tora-Lernen der Juden, indem sie die Worte ständig wiederholen, mit dem Mund laut und mit dem Herzen. Paulus betont also, dass das Wort, das er und die Boten verkünden, nicht weit weg ist, sondern ganz nahe. Es ist ein Wort des Trauens, ein Wort, das die persönliche Nähe Gottes zusagt. Und es fordert die Angesprochenen auf, Gott ebenfalls zu trauen.

„Das Wort in deinem Mund“ wird zu einem Akt des Bekenntnisses und „das  Wort in deinem Herzen“ zu einem Akt des Trauens von Seiten des Menschen: Einerseits Jesus als Herrn bekennen und sich andererseits darauf verlassen, dass Gott ihn aus dem Toten erweckt hat. Paulus verkündet also Christus als den Herrn, der von den Toten auferstanden ist und der erhöht wurde. Den Briefadressaten sagt Paulus: „Wenn du diese Hochform von Gesetz (Christus) annimmst, wirst du gerettet.“ Die Offenbarung des rettenden Gotteswillens in Jesus Christus besteht nun nicht mehr in Tatforderungen (mosaisches Gesetz), sondern in der Einladung „Ihm“ ganz zu trauen, der uns mit Zu-trauen entgegenkommt.

Dieses mündliche „Christus-Gesetz“ wird mit Worten des geschriebenen Gesetzes bestätigt: „Jeder, der an ihn glaubt (vertraut), wird nicht zugrunde gehen.“ Dieses Wort ermutigt, sich auf das Trauen einzulassen, das uns von Gott her in Christus entgegenkommt. Es folgt die doch irgendwie überraschende Feststellung: „Denn darin gibt es keinen Unterschied zwischen Juden und Griechen.“

Wieso bringt Paulus jetzt plötzlich die Heiden ins Spiel? Er greift auf die Botschaft der Propheten zurück, wonach das Heil Israel nicht nur für sich selbst verheißen ist, sondern dass in der Zeit des Messias die Völker nach Jerusalem pilgern werden, um die Tora Gottes kennen zu lernen. Paulus meint damit wohl die geschriebene und die gesprochene Tora (Christus). Er erinnert sodann, dass ein und derselbe Gott, der Gott und Herr aller Menschen ist, zu dem alle Menschen Zugang erhalten, indem sie den Gott Israels mit lebendiger Stimme anrufen.

Dem gesprochenen Wort Gottes entspricht auf Seiten des Menschen ein „Anrufen im Vertrauen“. Paulus schließt mit einem Wort in Anlehnung an den Propheten Joel: „Denn jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.“[2] Jeder Mensch darf Gott anrufen und wird so gerettet. Damit hat Paulus eine Brücke geschlagen zwischen der bisherigen Geschichte Gottes mit seinem auserwählten Volk Israel und der Botschaft Jesu Christi für sein Volk und für alle Menschen.

(3) Das gesprochene Wort wird uns Sonntag für Sonntag verkündet. Wir können es nachlesen und wie die Juden in der Tora-Schule immer wieder wiederholen, sodass es auch in unserem Mund und in unserem Herzen ist, jederzeit verfügbar zum Zeugnis und als Nahrung für unser Trauen (Glauben). Es drückt unser Trauen in Gott als Antwort auf das Zutrauen, das Gott uns im Voraus geschenkt hat, aus und trägt uns.

Jede(r) sollte die für ihn geeignete Form suchen sich die „Worte“ zu verinnerlichen: Worte der Psalmen, Worte der Evangelien und der übrigen neutestamentlichen Literatur. Auch Worte des Alten Testamentes, deren Inhalt berührt und bewegt sollten nicht fehlen.


[1] Dtn 30,11-14: „Dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und es ist nicht fern von dir. 12 Es ist nicht im Himmel, sodass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? 13 Es ist auch nicht jenseits des Meeres, sodass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? 14 Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Herzen, du kannst es halten.“
[2] Joel 3,1: „Danach aber wird es geschehen, dass ich meinen Geist ausgieße über alles Fleisch.“

 

8. So JkCL                                                1 Kor 15,54-58

54 Wenn sich dieses Verwesliche mit Unverweslichkeit bekleidet und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit, dann erfüllt sich das Wort der Schrift: Verschlungen ist der Tod vom Sieg. 55 Tod, wo ist dein Sieg? Tod wo ist dein Stachel? 56 Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft der Sünde ist das Gesetz.[1] 57 Gott aber sei Dank, der uns den Sieg geschenkt hat durch unseren Herrn Jesus Christus.
58 Daher, meine Brüder, seid standhaft und unerschütterlich, seid stets voll Eifer im Werk des Herrn und denkt daran, dass im Herrn eure Mühe nicht vergeblich ist!


(1) Zentrales Thema seiner Verkündigung in Korinth war die Auferstehung. Einige der Gemeindemitglieder hatten allerdings Probleme mit dem Auferstehungs-Verständnis des Apostels Paulus. Nicht etwa, dass sie die Auferstehung am Jüngsten Tag leugneten. Nein! Das nicht! Sie hatten vielmehr Probleme mit der gegenwärtigen Auferstehung. Und das deshalb, weil die Auferstehung immer auch das Sterben voraussetzt. Und das ist immer auch beschwerlich, mühsam und unangenehm. Wer stirbt schon gern die täglichen Tode? Einige Korinther schlussfolgerten, wenn Gott „neues Leben“ schenken kann, warum ausgerechnet mit dem Sterben als Voraussetzung, könnte nicht ein Schlaf genügen? Jedenfalls brachten sie in Umlauf „Es gibt keine Auferstehung Toter.“ Das nun veranlasste Paulus zu diesem Herzstück seiner Verkündigung Stellung zu nehmen. Vom Prinzip Auferstehung her entwickelt er seine Gegendarstellung, die er in eine Ermutigung münden lässt, auf seinem vorgeschlagenen Weg entschieden weiter zu gehen.

Die heutige Lesung zeigt wie schwer es ist einen Text richtig zu verstehen, wenn er von seinem Kontext getrennt wird. Ohne die vorausgehenden Verse zu kennen kann man die Perikope nicht verstehen und würdigen. Unwillkürlich denkt man im Anfangs-Vers (V. 54), dass beide Begriffe „das Verwesliche“ und „das Sterbliche“, die mit „Unverweslichkeit“ und „Unsterblichkeit“ bekleidet werden, synonym sind, also dasselbe mit anderen Worten sagen. Paulus hatte zuvor die zwei Begriffe verwendet, um zwei Existenzweisen bzw. Menschengruppen zu bezeichnen.

Was hat Paulus damit gesagt? Er unterscheidet zwei Gruppen von Menschen, jene, die der „Unverderblichkeit (Einheits-Übersetzung: „Verweslichkeit“)“ und jene, die der „Unsterblichkeit“ entgegengehen. Zur ersten Gruppe gehören die, die in ihrer Lebenszeit nicht den Heils-Tod gestorben sind, die sich weder direkt noch indirekt zu Jesus Christus bekannt haben. Auch die Menschen dieser Gruppe werden nicht im Tode bleiben. Sie werden mit und trotz ihrer Sünden von Gott in Jesus Christus zur Unverderblichkeit auferweckt. Gott führt sie am Ende der Zeit zu einer Grundstufe einer „unverderblichen“ Existenz ohne das Erbe der Königsherrschaft.

Die Christusleute, die bereits mit Jesus Christus auferstanden sind, sind zwar immer noch in „Fleisch und Blut“, haben also immer noch einen sterblichen Leib und eine hinfällige Existenz, was sich darin zeigt, dass sie immer noch den Versuchungen des Todes ausgeliefert sind. Auch das müssen sie noch hinter sich lassen, denn nur so können sie die vollendete Gestalt des Gottes-Reiches erben. Sie sind aber schon „aufgestanden“ mit einem „geistlichen Leib“. Diesen letzten Schritt der Christusleute am Jüngsten Tag nennt Paulus freilich nicht Auferweckung, sondern Verwandlung (!). Das heißt, das was an ihnen trotz des Lebens des Geistes noch „sterblich“ geblieben ist, nämlich ihr „Fleisch und Blut“ wird endgültig und restlos umgeformt. Paulus spricht hier von Verwandlung und nicht von Auferstehung, denn er hat dieses Wort bereits für die Grundstufe der Erlösung in dieser Lebenszeit gebraucht. Die Gläubigen sind bei ihrem physischen Tod nicht eigentlich gestorben, denn die bereits geschehene Auferweckung wird nicht rückgängig gemacht, sondern sie blieben auch nach dem physischen Tod im Auferstehungsleben. Schließlich betont er, dass jede der beiden Existenzweisen eine neue „unverderbliche“ und „unsterbliche“ Existenz anziehen werden.[2] Paulus unterscheidet also zwischen jenen, die geistlich tot geblieben sind, die Christus nicht als Retter angenommen haben und jenen, die ihm gefolgt sind, jenen also, die sich nicht retten ließen und jenen, die sich retten ließen.

(2) Der Beginn der Lesung schaut auf die positive Auswirkung. Allerdings dürfte ursprünglich nur von der „Bekleidung“ des „Sterblichen“ mit „Unsterblichkeit“ die Rede gewesen sein. Bei denen, die sich Christus angeschlossen haben ist der Tod völlig vernichtet. Damit ist das Schriftwort Wirklichkeit geworden. Der Tod wurde von seinem Gegner, dem Leben, überwunden. Der „letzte“ Feind kann den Erlösten nichts mehr anhaben. Bisher mussten sie immer noch rechnen, von der Sünde verführt zu werden und unter die Macht des Todes zu geraten. Nun hat der Tod keine Möglichkeit mehr, sie zur Sünde zu reizen und sie dann zu töten.

Aus allem bisher Gesagten zieht Paulus nun die Schlussfolgerung für die aktuelle Situation der Korinther. Er will aus dem, was am Ende endgültig überwunden sein wird, die Gläubigen hier und jetzt ermutigen. Er nimmt das Ende vorweg, um es für die Gegenwart nutzbar zu machen. Er setzt mit einer Frage an den Tod ein: „Was quälst du weiterhin die Gläubigen mit deinen Versuchungen, wo doch deine künftigen Aussichten derart sind?“

Die Verlockung des Todes durch die Sünde trifft den Menschen jetzt. Aber Gott gibt uns bereits jetzt den Sieg durch Jesus Christus. Wir müssen ihn freilich auch ergreifen. Wir müssen in Freiheit den Versuchungen zur Sünde widerstehen. Wir sind also bereits in der Lage, dem Tod mehr und mehr zu entgehen. Jetzt, und endgültig am Jüngsten Tag.

„Das Gesetz ist die Kraft der Sünde“ ist irreführend. Für Paulus ist das Gesetz „heilig und gut“ (Röm 8,12). Gott feiert auch keinen Triumpf über sein Gesetz. In der neuen Übersetzung Baumerts hat das Gesetz macht über die Sünde. Mit dem Gesetz ist ein Damm aufgerichtet gegen den Sog und die Verlockung der Sünde zum Tod. Dem Tod (Form einer Personalmetapher) kann der Mensch nur dadurch entgehen, dass er in Christus der Sünde widersteht. Dazu hilft ihm das Gesetz Gottes. Es will den Menschen vor dem Zugriff des Todes schützen. Christus macht uns jetzt fähig das Gesetz jetzt zu erfüllen, so dass uns der Tod nichts mehr anhaben kann.

Der Grund Gott zu danken besteht darin, dass er uns jetzt schon den Sieg über Sünde und Versuchung gegeben hat, so dass wir am Ende jenen völligen Sieg über den Tod erfahren werden.

(3) Mit dem Schluss-Vers gibt Paulus den Korinthern und uns eine alles zusammenfassende Ermutigung: Gott gibt uns bereits jetzt den Sieg, trotz der Tatsache, dass der „Anreiz zur Versuchung des Todes“ noch aktiv ist. Die Ermutigung hat zwei Blickrichtungen: die Anstrengung des Sterbens auf sich zu nehmen, weil diese Mühe durch Gott fruchtbar gemacht wird durch Auferstehung und Verwandlung.

Daher, so lautet seine Ermutigung, lasst euch nicht beirren durch die Verlockungen, die Leben versprechen, aber Tod bringen. Lasst euch nicht vom Sterben mit Christus abhalten. Seid vielmehr zum täglichen Sterben mit Christus bereit. Sucht euch auszuzeichnen in dieser mühsamen Tätigkeit des „Heils-Todes“, indem ihr die Angebote der Sünde entschieden zurückweist. „Werk des Herrn“ meint hier die gottgemäße Anstrengung des Sterbens mit Christus.

Das „Sterben“ ist unsere Aufgabe, zu der Paulus auffordert, die Auferweckung ist allein Sache (Gabe) dessen, dem wir uns anvertrauen.

[1] Ich folge der Übersetzung von N. Baumert: Er übersetzt „Stachel“ in den Versen 55 und 56 mit „Anreiz“ und den Vers 56 übersetzt er wohlbegründet so: „Der Anreiz nun und die Verlockung zum Tod ist die Sünde, die Macht hingegen über die Sünde ist das Gesetz.“
[2] 2 Kor 5,2-4: „Überziehen eines Gewandes“ ist Bild für die gegenwärtige Auferstehung; hier in 1 Kor 15,53 ist es ein Bild für die endgültige Auferweckung.

7. So JkC                                               1 Kor 15,35.45-49
 
35 Nun könnte einer fragen: Wie werden die Toten auferweckt, was für einen Leib werden sie haben?... 44 Gesät wird ein irdischer Leib, auferweckt ein überirdischer Leib. Wenn es einen irdischen Leib gibt, gibt es auch einen überirdischen. 45 So steht es in der Schrift: Adam, der erste Mensch, wurde ein irdisches Lebewesen. Der letzte Adam wurde lebendig machender Geist. 46 Aber zuerst kommt nicht das Überirdische; zuerst kommt das Irdische, dann das Überirdische.
 
47 Der erste Mensch stammt von der Erde und ist Erde; der zweite Mensch stammt vom Himmel. 48 Wie der von der Erde irdisch war, so sind es auch seine Nachfahren. Und wie der vom Himmel himmlisch ist, so sind es auch seine Nachfahren.
 
49 Wie wir nach dem Bild des Irdischen gestaltet wurden, so werden wir auch nach dem Bild des Himmlischen gestaltet werden.[1]
 
(1) Im 15. Kapitel seines Briefes an die Korinther setzt sich Paulus mit der Frage der Auferstehung auseinander. Welche Konsequenzen haben Jesu Sterben und Auferstehung für Christen? Paulus argumentiert gegen jene, die die Auferstehung Toter leugnen. Was motiviert diese Gemeindemitglieder zu dieser ablehnenden Haltung gegenüber der Botschaft des Apostels? Paulus verkündet nämlich, dass ihre Auferstehung nicht erst bei der Vollendung am Jüngsten Tag stattfindet, sondern jetzt schon in ihrem konkreten Alltagsleben. Die Frage, die sich einige Christen in Korinth stellen ist gar nicht so abwegig (15,35). Diese Gruppe fragte nämlich: „Wenn Gott uns neues Leben schenkt, warum müssen wir dann unbedingt sterben? Würde nicht auch ein Tiefschlaf reichen? Können wir nicht das gegenwärtige Leben in Christus billiger haben als durch den Tod hindurch?“ Die täglichen Tode sind unangenehm. Ihnen möchten sie gerne ausweichen.[2]
 
Paulus macht ihnen klar, dass das alte Leben sterben muss, wenn Gott neues Leben schafft. Wenn er unsterbliches Leben schenkt, muss das sterbliche Leben aufhören. Damit steht fest: Es gibt keine Auferstehung ohne Tod. Sie können dasselbe Phänomen auch in ihrer unmittelbaren Umgebung beobachten: Der Samen, den sie in die Erde stecken muss sterben, damit er Frucht bringen kann (15,36f).
 
Paulus erwähnt dann viele sichtbare Verschiedenheiten und eröffnet damit einen Weg zum Verständnis des Bereichs der „neuen Schöpfung“. Das Tor des menschlichen Sterbens führt in den Bereich des „geistlichen Lebens“ (15,39-41). 
       
Anschließend spricht Paulus direkt die menschliche Situation an. Gesät wird im Zustand der Verderblichkeit und Hinfälligkeit. Daher soll sich der Mensch Gott überlassen, der aus dem Tod retten kann. Wenn Paulus vom „irdischen Leib“ spricht meint er die Gesamtexistenz des Menschen, der noch des Geistes und der Herrlichkeit Gottes entbehrt und zwar wegen seiner Sünden und seiner Sterblichkeit (Röm 3,23). Was aber Gott neu schafft, das kehrt nicht mehr in den alten Zustand zurück, sondern wird in ein neues, unzerstörbares Leben versetzt. Es handelt sich um eine Auferweckung von der Art der Auferweckung Jesu. Das heißt aber auch: Gott gibt auch uns jetzt schon ewiges Leben (Röm 6,23). Als Erlöste sind wir gerade jetzt schon „geistliche Menschen“ und nicht erst am Ende der Zeiten (15,42-44). Paulus versuchte also seinen Leser klar zu machen, dass es parallel zur Auferstehung Jesu eine Auferstehung Toter gibt. Wie kann da einer behaupten: Es gibt keine Auferstehung Toter?
 
(2) Im letzten Abschnitt dieser Auseinandersetzung fordert Paulus die Leser auf „Ja“ zu sagen zur neuen geistlichen Leibwirklichkeit. Sie sollen sie nicht anzweifeln oder leugnen. Vielmehr sollen sie diese gegenwärtige, aber unsichtbare Wirklichkeit in Hoffnung als neue Existenz annehmen und ihr entsprechend leben.
 
Paulus zeigt ihnen auch einen Weg wie sie dahin kommen können. Er verweist nochmals auf die beiden Ur-Menschen. Sie sind Typ und prägen ihre Nachfahren. Er hebt ihre unterschiedliche Wesensart hervor und bezeichnet Adam, den ersten Menschen, als lehmig und irdisch, den zweiten Menschen, Christus, als geistlich und himmlisch. Mit denjenigen, die ihnen ihre Existenz verdanken ist es ebenso. Paulus bezeichnet uns also jetzt schon als „Himmlische“, jetzt schon ist unsere Heimat im Himmel (Phil 3,20).
 
Der letzte Vers dieses Abschnitts sagt nicht, was mit uns passieren wird (so die Einheitsübersetzung), sondern fordert uns auf, die Abhängigkeit, in der wir als Christen stehen, nun auch bewusst anzunehmen und sie „zu tragen“ wie ein Kleid. Entsprechend dieser, unserer neuen Wesensgestalt sollen wir unser Leben nach diesen Maßstäben bewusst selbst entfalten (z. B. nach den Prinzipien der Feldrede/ Bergpredigt Jesu des heutigen Evangeliums).
 
Paulus beendet seine engagierte Auseinandersetzung also mit einer Ermutigung und Aufforderung: Ja zu sagen zur neuen Wesensart, die wir von Christus bekommen haben und immer mehr durch ihn erhalten. Wir mögen uns nicht irre machen lassen im Vertrauen auf Gottes totenerweckende Macht, sondern festhalten an der Auferstehungs-Wirklichkeit, die ja schon in uns ist.
 
(3) Die gute Nachricht ist, dass wir „das Bild des Himmlischen“ tragen. Das bedeutet, dass Gott uns jetzt schon zu Menschen gemacht hat, die „der Gestalt nach gleich sind“ dem Bild des Sohnes. Wir sind also von gleicher Art wie sein (auferstandener!) Sohn.
 
Nur im Heiligen Geist können wir diese neue Lebensqualität wahrnehmen und uns auf Gott ausrichten und ihm Raum geben, dass er sich uns mitteilen kann. Dabei dürfen wir nicht fordernd sein, sondern müssen in Ehrfurcht und dankbar die Zeichen wahrnehmen, die Gott uns gibt.

[1] Vers 49 übersetze ich mit N. Baumert, Trauen 299: „49 Und wie wir getragen haben Bild und Gestalt des Irdischen, so lasst uns tragen auch Bild und Gestalt des Himmlischen!“
[2] Ich erinnere mich an das Erlebnis eines Therapeuten mit einer Klientin. Weil er ihr Problem nicht erfasste lud er sie zu einem abschließenden Gespräch in die Konditorei zu Kaffee und Torte. Als er sah, dass sie zuerst die Köstlichkeit der Torte genoss und den Rest übriglies, hatte er ihr Problem erkannt: Sie konnte Belohnung nicht aufschieben. Die unangenehme Voraussetzung für das Erreichen eines Zieles wird aufgeschoben und aufgegeben.


6. Sonntag JkC                                      1Kor 15,12.16-20
 
12 Wenn aber verkündet wird, dass Christus von den Toten auferweckt worden ist, wie können dann einige von euch sagen: Eine Auferstehung der Toten gibt es nicht?[1]
16 Denn wenn Tote nicht auferweckt werden, ist auch Christus nicht auferweckt worden. 17 Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos und ihr seid immer noch in euren Sünden; 18 und auch die in Christus Entschlafenen sind dann verloren. 19 Wenn wir allein für dieses Leben unsere Hoffnung auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen.
20 Nun aber ist Christus von den T
eten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen.

 
(1) In Korinth kursierte die Feststellung, „dass es ein Aufstehen Toter nicht gibt“. Das empfand Paulus als eine Provokation, die er einfach nicht so stehen lassen konnte. Diese Aussage bildet auch das Thema des ganzen Kapitels. Was könnte diese anstößige Auffassung meinen? Wenigstens drei Möglichkeiten stehen zur Auswahl: Einige Korinther könnten also geglaubt haben, dass es kein Weiterleben nach dem Tod gibt. Diese könnten auch der Überzeugung gewesen sein, dass es leibliche Auferstehung nicht gibt. Ein anderes Verständnis könnte die Meinung vertreten haben, dass die Auferstehung Jesu ein einmaliges Ereignis gewesen sei und nichts weiter zu erwarten wäre. Vermutlich hatten die Korinther vor allem daran gezweifelt, dass das Auferstehungs-leben bereits jetzt wirksam ist. Paulus beabsichtigte also den Adressaten seines Briefes die gegenwärtige Auferstehung nahe zu bringen.

Um Paulus zu verstehen müssen wir beachten, dass er in seinem Denken ein Vertreter hellenistisch-jüdischer Weisheitstheologie ist. Gemäß der ganzheitlichen jüdischen Anthropologie gibt es keine Aufteilung von Leib und Seele und daher auch keine Trennung dieser beiden im Tode. Entscheidend ist vielmehr der Gegensatz von Gut und Böse. Dieser wird in der Spannung zwischen Fleisch und Geist sichtbar. Fleisch meint den ganzen Menschen, der sündig und hinfällig ist und auch seine Seele betrifft. Geist meint ebenfalls den ganzen Menschen, insofern er vom Geist Gottes bestimmt ist. Das schließt auch den Leib ein. In diesem heilsgeschicht-lichen Dualismus ist auch der tägliche Übergang von „Tod“ zum „Leben“ Auferstehung.

Auch die persönlichen Erfahrungen des Apostels spielen eine wichtige Rolle in seinem Verständnis von Auferstehung. Er hat sich selbst als „Totgeburt“ bezeichnet und damit meint er wohl, dass der Auferstandene ihn durch Christi Erscheinung lebendig gemacht hat (Vers 8). Obwohl er die Christen verfolgte und er sich deshalb als geringsten der Apostel verstand, wusste er sich dennoch von Gottes Gnade getragen und „durch viele Tode“ hindurch mit immer neuem Leben beschenkt (2 Kor 1,10). So wurde er zu einer „Mission“ befähigt, bei der er viele „Tote“ zum „Leben“ geführt hat (1 Kor 15,31; Röm 6,11). Paulus will also den Korinthern die Botschaft vermitteln, dass Jesus jeden, der sich ihm anvertraut, schrittweise in sein Auferstehen hineinnimmt.

Die Vorstellung des Apostels Paulus von der Auferstehung hat, kann man so zusammenfassen: Die Bekehrung und die Taufe bedeuten den grundlegenden Schritt vom Tod zum Leben. Der Glaubende ist dabei durch die Hinwendung zu Gott aus dem Tod des Unglaubens in das Leben des Glaubens hineingegangen, ist also auferweckt worden. Aber damit hat die Auferstehung erst begonnen. Sie setzt sich fort in der Sündenverge-bung, im täglichen Sieg über das Böse, im Erleben der Kraft Gottes mitten im Leid und auch danach und nicht zuletzt im Wachsen des christlichen Lebens.

(2) Die Auferstehung umfasst also alle Stufen, angefangen von der Auferstehung Jesu an Ostern über das Sterben und Lebendigwerden im Glauben und in der Taufe, im christlichen Leben und Leiden bis hin zum physischen Tod und den Ereignissen am Jüngsten Tag. Überall wird „Aufstehen Toter“ realisiert im Übergang in ein neues, verwandeltes Leben von besonderer Qualität (Röm 6,23). Christus, durch den dieses neue Leben von Gott gegeben wird, „stirbt nicht mehr“. Paulus wurde vor Damaskus überrascht, dass der Gekreuzigte lebt. Er erfuhr in persona, dass diese Tatsache sein gegenwärtiges Leben völlig veränderte: aus der „Totgeburt“ wurde ein unermüd-licher Apostel. Das eröffnete ihm dann auch eine neue Sicht auf das Ende der Welt.

Die Frucht des Trauens ist der Empfang des neuen Lebens in Jesus Christus und die Empfänger bleiben nicht im Tod der Sünde. Denn die Sünden werden vergeben durch das Sterben und Aufstehen mit Christus (Röm 6,5b-11). Im Vers 17 werden hingegen die Fruchtlosigkeit und Unwirksamkeit des Glaubens angesprochen.[2] Wenn unsere Sünden in Christus nicht vergeben werden, sind unsere Verstorbenen in ihren Sünden gestorben, obwohl sie glaubten, dass sie durch Christus befreit worden sind. Sie sind nicht in der Gemeinschaft mit Gott zugrunde gegangen, sondern sind getrennt von ihm am Ort der Sünde.[3] Hätten sie sich nicht auf Christus verlassen, hätten sie vielleicht auf andere Weise Vergebung ihrer Sünden erbetet. So kommt Paulus zum Ergebnis: Wenn euer Auf-Christus-Trauen hier nur eine unerfüllte Hoffnung ist, dann sind wir die armseligsten Menschen, weil wir uns haben betrügen lassen. Wir sind einer Illusion nachgelaufen.

(3) Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen. Wie aber ist Christus der Anführer der Entschlafenen? Der Tod ist von Adam ausgegangen. Er hat sich von Anfang an und individuell in jedem einzelnen Menschen ausgewirkt, nicht erst am Ende des Lebens jedes Einzelnen oder gar erst am Jüngsten Tag. Auch das Leben, das Gott in Christus schenkt ist nicht etwas, das er den Erlösten erst am Jüngsten Tag verleiht. Es ist ihm das ganze Leben hindurch gegenwärtig. Dieses Geschehen in den Gläubigen nennt Paulus „Lebendigmachung in Christus“.

Manchmal stehen wir auf

Stehen wir zurAuferstehung auf

Mitten am Tage

Mit unserem lebendigenHaar

Mit unserer atmendenHaut.

 

Nur das Gewohnte ist umuns.

Keine Fata Morgana vonPalmen

Mit weidenden Löwen

Und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hörennicht auf zu ticken

Ihre Leuchtzeigerlöschen nicht aus.

Und dennoch leicht

Und dennochunverwundbar

Geordnet in geheimnisvollerOrdnung

Vorweggenommen in einHaus aus Licht.

     

                  Marie Luise Kaschnitz

[1] Ich übersetze mit N. Baumert: „… warum sagen unter euch einige, dass es ein Aufstehen Toter nicht gibt.“ „Auferstehung“ ist ein Begriff der deutschen Sprache.
[2] In den Versen 14-15 wurde bereits die Grundlosigkeit des Glaubens angesprochen.
[3] Paulus versteht hingegen den Zustand der verstorbenen Gläubigen, auch wenn sie nicht vollendet sind als ein „Mit-Christus-Leben“ (1 Thess 4,14). 
 

. Sonntag iJkC                                           1Kor 15,1-11 

Ich erinnere euch an das Evangelium, das ich euch verkündet habe. Ihr habt es angenommen; es ist der Grund auf dem ihr steht. 2 Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet werden, wenn ihr festhaltet an dem Wort, das ich euch verkündet habe, es sei denn, ihr hättet den Glauben unüberlegt angenommen.[1] 3 Denn vor allem habe ich euch überliefert, was ich auch empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, 4 und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, 5 und erschien dem Kephas, dann den Zwölf.
6 Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. 7 Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. 8 Zuletzt erschien er auch mir, gleichsam der Missgeburt. 9 Denn ich bin der Geringste von den Aposteln; ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe. 10 Doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben. Mehr als sie alle habe ich mich abgemüht – nicht ich, sondern die Gnade Gottes zusammen mit mir. 11 Ob nun ich verkünde oder die anderen: Das ist unsere Botschaft und das ist der Glaube, den ihr angenommen habt.
 
(1) Paulus nimmt in seinem Brief an die Korinther auch zum Thema Auferstehung Stellung. Aus dem heutigen Lesungstext geht nicht klar hervor, was den Apostel veranlasst hat es so ausführlich zu tun. Möglicherweise hat ihn ein Gemeindemitglied über mögliche Missverständnisse oder Abweichungen hinsichtlich der Auferstehung informiert.
Paulus erinnert an die Anfänge seiner Verkündigung des Evangeliums bei ihnen. Sie haben es angenommen und es ist der feste Grund auf dem sie stehen. Wie heute werden auch die Menschen damals gefragt haben: Was bringt es uns? Warum sollen wir uns auf das Evangelium, das du uns anbietest, einlassen? Wie immer Paulus auch argumentiert hat, Tatsache ist, dass sie es angenommen haben.

Er versichert ihnen, dass sie durch das Evangelium gerettet werden. Sie wurden nicht etwa schon in der Vergangenheit bei ihrer Bekehrung gerettet. Sie werden auch nicht erst irgendwann in der Zukunft, etwa am Jüngsten Tag, gerettet werden. Ihr Gerettet-Werden geschieht jetzt in der Gegenwart. Immer wieder erfahren sie durch das Evangelium die rettende Macht Gottes. Bedingt wird die Rettung aber durch das Festhalten an der Begründung, derer sie das Evangelium angenommen haben: Einerseits, dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist und begraben wurde und andererseits, dass er auferstanden ist; beides gemäß der Schrift. Beide Ereignisse sind wichtig, nicht bloß die Auferstehung, sondern auch sein Sterben für uns. Die Auferstehung versteht erst der richtig, der weiß, was sie Jesus „gekostet“ hat.

Paulus bekennt freimütig, dass er weder Zeuge des Sterbens Jesu noch seiner Auferstehung war. Er habe beides von Augenzeugen übernommen: Das Zeugnis von Jesu Tod und das Zeugnis von Kephas und der Zwölf, denen der Auferstandene erschienen ist.

Aber der Herr ist auch fünfhundert Brüdern erschien, sowie dem Herrenbruder Jakobus und allen anderen Aposteln.

Was war also die Basis, dass sie zum Glauben gekommen waren? „Jene, denen der Auferstandene sich gezeigt hat (ob vor seiner Himmelfahrt oder nach Pfingsten) und die ihn nun als Auferstandenen bezeugen, also ‚wir‘ – ich und jene – haben euch überliefert, dass er gestorben und auferstanden und uns erschienen ist;“[2]

(2) Paulus gibt uns im heutigen Lesungstext Einblick in sein Verständnis des Begriffs „Apostel“. Da sind zunächst einmal die Zwölf. Sie sind die Zeugen der Auferstehung in Zusammenhang mit Ostern und den vierzig Tagen danach. Paulus bezeichnet auch die als Apostel, denen der Herr nach Pfingsten erschienen ist. Auch nach der Himmelfahrt gibt sich der Herr weiterhin als der Auferstandene und Lebendige zu erkennen. Freilich zeigt er sich in diesen späteren Erscheinungen nicht mehr so handgreiflich, dass er mit ihnen isst und mit ihnen geht (Emmaus-Jünger). Zu dieser Gruppe von Erscheinungen gehört auch die Erwähnung seiner eigenen Begegnung mit dem auferstandenen Herrn. Paulus versteht sich selbst also nicht als zu den Zwölf gehörig, aber er weiß sich auf sie verwiesen und sucht sich ihnen zuzuordnen.
Die Rede von den Apostelfürsten Petrus und Paulus meint nicht, dass die zwei die ersten der Zwölf wären, sondern dass sie die Anführer der beiden Gruppen von Aposteln sind. Die Beschränkung des Begriffs Apostel auf die Zwölf fand erst später statt.

(3) Paulus gibt uns in diesem Abschnitt auch Einblick in sein Selbstverständnis. In der Reihe der Auferstehungszeugen nennt er sich selbst - mit leicht selbst abwertendem Nebenton - zuletzt. Dennoch versteht er sich selbst als Apostel. „Habe ich nicht den Herrn gesehen?“ gibt er den Korinthern zu verstehen (1 Kor 9,1). Er behauptet nicht, dass er durch das Sehen des Herrn zum Apostel berufen wurde, auch nicht, dass dies durch eine besondere Berufung geschehen wäre. Paulus ist einer der ersten in einer langen Reihe von Menschen, die nach Pfingsten berufen wurden. Der erhöhte Herr kann und wird weiterhin souverän Menschen berufen.

Schließlich behauptet Paulus, dass er sich „mehr als alle gemüht“ hat. Damit meint er nicht „mehr als die Zwölf“. Im Kreis der nachpfingstlich berufenen Apostel schaut er um sich und wagt jene kühne Feststellung. Um den Unterschied zu den anderen Aposteln herauszustellen bezeichnet er sich als „Totgeburt“ (Missgeburt). Bildlich gesprochen fühlte er sich unter seinen Brüdern und Schwestern obwohl lebendig doch tot und zwar in Bezug auf die Offenbarung Christi, weil er die Christen verfolgte. Er führte einen juristisch gedeckten Kampf gegen die Verräter der väterlichen Tradition.

Der auferstandene Christus zeigte sich sogar der „Totgeburt“ und erweckte sie zu einem lebendigen Zeugen. Diese neue Lebendigkeit erwies sich darin, dass Gottes Kraft in ihm wirkte und Paulus in Freiheit dieses Wirken Gottes aufnahm und mit ihr mitwirkte. Er ließ sich von Gott in Dienst nehmen.

Gottes Gnade ist mächtig, aber doch kein Automatismus. Sie ergreift die Initiative aber bleibt vor der Freiheit des Menschen stehen und führt nur weiter, wenn der Mensch in seiner Freiheit zur Einladung Gottes „ja“ sagt.

„Aber dann kommt noch etwas anderes hinzu. Die befreiende Botschaft, die uns Rettung bringt, spricht auch vom Erscheinen des Auferweckten. Zum Auferwecktwerden gehört auch das Erscheinen. So wie Gott dem Abraham erschienen ist und dem Mose, nicht einfach um sich sehen zu lassen, sondern um rufend und verheißend in ihr Leben einzutreten und sie in Beschlag zu nehmen und mit ihnen auf den Weg zu gehen, so ist der Auferweckte auch dem Kephas begegnet und den Zwölf. Alles, was sie predigen und tun und lehren, ist eigentlich nur von daher zu verstehen.“[3]

[1] Den Vers 2 übersetze ich mit N. Baumert: „… mit welcher Begründung ich euch diese frohe Botschaft verkündet habe, wenn ihr sie euch zu eigen gemacht habt und festhaltet; außer ihr seid etwa unüberlegt und ohne Begründung zum Glauben gekommen.“
[2] N. Baumert, Trauen, 274
[3] Venetz/Bieberstein, Bannkreis, 135

4. So im Jahreskreis C                1 Kor 12,31-13


31 Strebt nach den höheren Gnadengaben! Dazu zeige ich euch einen überragenden Weg: 13,1 Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. 2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts. 3 Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte und wenn ich meinen Leib opferte, um mich zu rühmen, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts.
4 Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. 5 Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. 6 Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. 7 Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand.
8 Die Liebe hört niemals auf. Prophetisches Reden hat ein Ende, Zungenrede verstummt, Erkenntnis vergeht. 9 Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden; 10 wenn aber das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk. 11 Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war. 12 Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin. 13 Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe.
 
(1) Paulus hat eine schwierige Mission zu erfüllen. Die Christengemeinde in Korinth ist in Aufruhr. Die an sich geistlich lebendige Gemeinde ist von Spaltungstendenzen bedroht, die durch das Unverständnis und durch die Ablehnung des Umgangs mit den Charismen (Geschenke des Hl. Geistes) verursacht wurde. Paulus sieht sich veranlasst einerseits die Bedeutung und den geistlichen Wert der Charismen zu verteidigen und andererseits die Haltung und die Einstellung (Liebe) einzufordern mit der die Mitteilung bzw. Weitergabe der Charismen einhergehen soll.

Zu Problemen kam es, weil einige, denen Geschenke des Hl. Geistes zu teil geworden waren, meinten, dass sie deshalb bessere Mitglieder der Gemeinde wären. Dadurch haben sie andere klein gemacht und so deren Ablehnung und Neid provoziert. Das verursachte Unruhe in der Gemeinde und wirkte sich auf die Atmosphäre in der Gemeindeversammlung bzw. auf den Gebetsgottesdienst negativ aus.

Überhaupt steht im Hintergrund der ganzen Problematik die Situation eines (charismatischen) Gebetsgottesdienstes. Dieser wird von einem Moderator geleitet. Vieles hängt von seinem Gespür und seiner Erfahrung in der Leitung ab. Er lädt die Teilnehmer zum Sprachengebet, zu Prophetien, zur Mitteilung von Erkenntnissen etc. ein. Er bestimmt wie lange jemand redet und wie viele Personen das Sprachengebet praktizieren dürfen. Der Apostel will, dass auch der Einzelne, dem ein Geschenk des Geistes anvertraut wurde, überlegt, ob es angebracht und hilfreich ist, um das Wort zu bitten. Sollte er darauf verzichten? Passt es jetzt? Sind die anwesenden Personen bereit für seine Mitteilung? Jedenfalls sollte er nicht einfach wie ein Kind drauflosplappern, sondern wie ein Erwachsener den Maßstab der Liebe heranziehen. Der Apostel erteilt keine scharfe Zurechtweisung, sondern eher eine liebevolle Unterweisung. Paulus, der selber in Sprachen betet (aber eher im privaten Bereich) empfiehlt die Liebe als Anwendungskriterium für die Mitteilung der Gnadengeschenke.

(2) Paulus betonte, dass jeder, ohne etwas anderes sein zu wollen, den Platz einnehmen soll, den Gott ihm zugewiesen hat. Es wäre ein Widerspruch zu sagen: „Strebt nach den höheren Gnadengaben.“ Soll einer etwa nach dem Apostelamt streben? Vermutlich handelt es sich um eine Feststellung in Frageform: „Habe ich recht verstanden, dass ihr Größeres sucht?“ Der Gemeindegründer verurteilt ihr Streben nicht völlig, benutzt es aber als Ausgangspunkt, um auf das „überragend Große“ hinzuweisen. Dahinter darf wohl ein leichtes Augenzwinkern angenommen werden. 

Jedenfalls weist Paulus in einem ersten Abschnitt (Verse 1-3) in Ichform auf den begrenzten Wert der Mitteilung der Geistgeschenke hin. Er spricht vor dem Hintergrund seiner pastoralen Erfahrungen. Egal, ob Sprachengebet oder Mitteilung von Prophetien, wenn ich es für mein eigenes Image tue, hat es keinen oder geringen Wert für mich. Für die Hörer kann das durchaus anders sein. Wertvoll ist es für mich erst, wenn ich es in Liebe tue. Falsch wäre zu sagen: besser Liebe als Prophetien. Richtig wäre hingegen: keine Prophetie ohne Liebe. Dasselbe gilt auch, wenn ich meinen ganzen Besitz für die Speisung der Armen hergebe und „meinen Leib übergebe, um mich zu rühmen“. Wenn ich also Leib und Leben ohne Liebe einsetze, nützt es mir nichts.

Im nächsten Abschnitt (Verse 4-7) gibt Paulus eine Charakteristik der Liebe. Die Auswahl gerade dieser Aspekte der Liebe ist bestimmt durch die aktuelle Frage, wie die Geistmanifestationen vorteilhaft integriert werden können. Die Liebe hat ein weites, großes Herz. Gemeint ist nicht nur „Langmut“, sondern auch die Überwindung von Engherzigkeit und Kleinlichkeit. Die „Güte“ ist nicht nur ein Gefühl, sondern drückt sich im hilfreichen Tun aus. Wenn Menschen durch ein Wort der Erkenntnis oder einer Prophetie anderen helfen, dann ist das ein klares Zeichen der Echtheit. „Die Liebe beneidet (ereifert sich) nicht.“ Wenn ich merke, dass ich einen anderen beneide, weil er „mehr an Geist“ hat, dann soll ich anfangen ihn zu lieben wie Gott ihn liebt. „Die Liebe prahlt nicht“. Das bedeutet, dass ich mit einer Geistesgabe nicht großtun soll und damit andere kleinmache. Gott hat sie mir aus Liebe geschenkt. Liebe ist diskret. „Die Liebe bläht sich nicht auf.“ Sie macht frei von Ehrgeiz. In der Liebe weiß der Mensch, dass er alles, auch die Liebe von Gott empfangen hat. 

„Die Liebe ist nicht blasiert (handelt nicht ungehörig).“ Sie tut nicht vornehm. Der Mensch ist nicht besser, wenn er etwas empfangen hat. „Die Liebe begehrt nicht das des anderen.“ Siesucht ihre Identität in Gott und vergleicht sich nicht mit anderen. „Die Liebe lässt sich nicht aus der Fassung bringen, lässt sich nicht aufbringen und zum Zorn reizen.“ Für den, der weiter sieht ist es oft schwer die Fassung zu bewahren. „Die Liebe erkennt das Böse nicht an (freut sich nicht über das Unrecht).“ Es ist kein Zeichen von Liebe bei einem Fehler des anderen ein Auge zuzudrücken. Wahre Liebe verzichtet auf Klatsch und Tratsch. Wenn jemand auf seinem Unrecht besteht, dann ist die Liebe nicht weichlich, sondern widersteht dem Bösen. „Sich mitfreuen mit der Rechtschaffenheit (die Liebe freut sich an der Wahrheit).“ Die Liebe ist unbestechlich und hat einen Blick für Recht und Unrecht. Sie erkennt, wo die Wahrheit in den zwischenmenschlichen Streitigkeiten liegt.

Übersetzungsprobleme gibt es im Vers 7.[1] „Immer bedeckt/schützt die Liebe das, was des Schutzes bedarf und geht mit den Schwachen liebevoll um und schützt ihn gegen Angriffe (Die Liebe erträgt alles)“. „Immer traut sie (glaubt alles). “ Sie verliert nie das Vertrauen auf Gott, der sie nie dem Bösen ausliefert und ist bereit den Menschen immer Vertrauensvorschuss entgegenzubringen. Aber sie traut nicht blindlings allem und jedem. „Immer hofft sie (hofft alles)“. Sie bleibt in jeder Situation voll Hoffnung auf Gott und auch auf den Menschen. „Immer hält sie aus (hält allem stand).“ Sie sagt nicht vor der Zeit, „jetzt ist Schluss“, sondern ist die Kraft, die trägt, bis Gott der Belastung ein Ende setzt.

(3) Im dritten und letzten Abschnitt (13, 8-13) versucht Paulus den Grund verständlich zu machen, warum die Liebe größer ist als die Geistoffenbarungen. Wieder stehen die Vorgänge in einer Gebetsversammlung im Hintergrund, in der solche Geistmanifestationen auftreten. Einige Korinther agieren in der Gebetsversammlung zu spontan und undiszipliniert. Das möchte Paulus abstellen und weist auf die Bedeutung der Liebe hin, an der sich die Geistoffenbarungen orientieren sollen.  

Die „Prophetien“ bestehen aus einzelnen Vorgängen und Worten und sind nur kurze Zeit aktuell. Auch die „Sprachengebete“ dauern nur eine kurze Zeit. Sie sind kurz und haben dann ihre Aufgabe erfüllt. Wenn der Überbringer die „Worte der Erkenntnisse“ in die Versammlung gesprochen hat, hat er seinen Dienst erfüllt. „Die Liebe“ hingegen „fällt niemals aus (Die Liebe hört niemals auf).“ Sie wird nie außer Kraft gesetzt, bleibt stets gültig, wird niemals beiseite geschoben und niemals hinfällig. Während der ganzen Zeit einer Versammlung muss die Liebe durchgehalten werden. Einzelne Worte der Erkenntnis und einzelne Prophetien sind in der Versammlung immer nur eine Zeit lang aktuell (Vers 9).

Bei der Formulierung „wenn aber das Vollendete kommt“ ist nicht an das Jenseits zu denken, sondern an das Ergebnis des Umgangs mit den Geistmanifestationen in Ausrichtung auf den Maßstab der Liebe, wenn das Teil (Geistmanifestation) in die Ganzheit (Liebe) integriert wird. Einzelne Gemeindemitglieder haben ihr Sprachengebet oder ihre Prophetie nicht rücksichtsvoll in das ganze Geschehen eingefügt, sondern zu sehr von ihrer eigenen Stellung her gehandelt.

Der Vergleich „Kind – Erwachsener“ soll den rechten und falschen Umgang mit den Charismen illustrieren. Beim Erwachsenwerden wird die kindliche Art mit verschiedenen Inhalten umzugehen abgelegt. Wenn Prophetien undiszipliniert in die Versammlung eingebracht werden, dann ist das so, wie wenn Kinder einfach losplappern. Ein Kind muss seine Empfindungen und Gedanken rasch loswerden. Der Erwachsene sollte den richtigen Zeitpunkt abwarten oder sich gar zurücknehmen können (14,20.26-31). Dieser Vergleich dient dem Lernprozess des Umgangs mit den Geistoffenbarungen in der Versammlung. Paulus präsentiert zwei Anwendungen:

Die erste ist das Bild vom „Spiegel“. Es meint ein prophetisches Bild. Es ist rätselhafter als ein prophetisches Wort, weil es vieldeutiger ist. Zuerst wird das innere Bild gesehen, dann kommt die Frage, ob es gesagt werden soll. Der Maßstab von trauen, lieben und hoffen muss angelegt werden. Der Blick richtet sich auch auf die Versammlung, auf ihren Verlauf und auf die Personen und vor allem auf Gott. Das „Schauen von Angesicht zu Angesicht“, von Person zu Person bedeutet, dass der mit einem Bild beschenkte den Blick vom inhaltlich bestimmten Bild oder Wort hinwendet zur Person des Herrn, dann auf die anderen Anwesenden. Es muss ein Blick der Liebe sein und nicht der Berechnung. Die personale Hinwendung muss nach dem Sehen des Bildes bewusst geschehen.

Die zweite Anwendung des neuen Prinzips der Ganzheitlichkeit bezieht sich auf das Erkennen. Zunächst weiß ich mich durch eine Geistesgabe beschenkt. Wenn ich dann den Maßstab der Ganzheitlichkeit (Liebe) anlege, werde ich „dazu–erkennen“. Es ist eine von Gott geschenkte Zuerkenntnis. Die Welt sieht anders aus, wenn ich im Hl. Geist auf das Ganze schaue, auf die Menschen und auf den Herrn in ihrer Mitte.

„Bleiben“ bezeichnet jetzt bei allem Wechsel der Geistoffenbarungen die stets gültige Kategorie: Glaube, Hoffnung und Liebe.

Paulus hat auch den dritten Abschnitt dem Thema „Integration der Geistmanifestationen“ gewidmet: Keine Mitteilung der Geistoffenbarungen ohne Liebe!

[1] Ich folge der Übersetzung von N. Baumert, 233, der das griechische „panta“ hier im Sinne von „immer“ zeitlich versteht.

3. Sontag im Jahreskreis C          1 Kor 12,12-31a

12 Wie der Leib einer ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: So ist es auch mit Christus. 13 Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem Geist getränkt.

14 Auch der Leib besteht nicht nur aus einem Glied, sondern aus vielen Gliedern. 15 Wenn der Fuß sagt: Ich bin keine Hand, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört er doch zum Leib. 16 Und wenn das Ohr sagt: Ich bin kein Auge, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört es doch zum Leib. 17 Wenn der ganze Leib nur Auge wäre, wo bliebe dann das Gehör? 18 Nun aber hat Gott jedes einzelne Glied so in den Leib eingefügt, wie es seiner Absicht entsprach. 19 Wären alle zusammen nur ein Glied, wo bliebe dann der Leib? 20 So aber gibt es viele Glieder und doch nur einen Leib. 21 Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich brauche dich nicht. Der Kopf wiederum kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche dich nicht.

22 Im Gegenteil, gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich. 23 Denen, die wir für weniger edel ansehen, erweisen wir umso mehr Ehre und unseren weniger anständigen Gliedern begegnen wir mit umso mehr Anstand, 24 während die anständigen das nicht nötig haben. Gott aber hat den Leib zusammengefügt, dass er dem benachteiligten Glied umso mehr Ehre zukommen ließ, 25 damit im Leib kein Zwiespalt entstehe, sondern alle Glieder einträchtig füreinander sorgen. 26 Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle Glieder mit. 27 Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm.

28 So hat Gott in der Kirche die einen erstens als Apostel eingesetzt, zweitens als Propheten, drittens als Lehrer; ferner verlieh er die Kraft Machttaten zu wirken, sodann die Gaben, Krankheiten zu heilen, zu helfen, zu leiten, endlich die verschiedenen Arten von Zungenrede. 29 Sind etwa alle Apostel, alle Propheten, alle Lehrer? Haben alle die Kraft, Machttaten zu wirken? 30 Besitzen alle die Gabe, Krankheiten zu heilen? Reden alle in Zungen? Können alle übersetzen? 31a Strebt aber nach den höheren Gnadengaben!

(1) Der Apostel Paulus hat die Gemeinde von Korinth gegründet und ihr Wachsen begleitet, durch seine Gegenwart, aber auch aus der Ferne. Nicht nur aus eigener Beobachtung, sondern auch durch Informationen weiß er um die Gefahren, die in der „geistbewegten", lebendigen Gemeinde lauern. Da gibt es Gemeindemitglieder, die mit Geschenken des Geistes in der Gemeindeversammlung beeindrucken, vor allem die, die durch das Praktizieren des „Sprachengebetes“ auffallen. Da gibt es auch die anderen, die diese Manifestation (Sichtbarmachung) des Geistes ablehnen und bekämpfen. Nicht auszuschließen ist, dass Neid dabei ein verstecktes Motiv ist. Nicht zuletzt tragen die „Geistlichen“ durch ihr unsensibles und auf Sonderstellung in der Gemeinde bedachtes Verhalten zum Konflikt bei. Jedenfalls bedeutet diese konkurrierende Situation innerhalb der Gemeinde Lähmung und Mangel an Glaubwürdigkeit. Was schlägt Paulus in dieser beunruhigenden Situation vor?

(2) Er wünscht, dass die Korinther einmütig an einem Strang ziehen. Denn nur so können sie zum „Werk der Verherrlichung Gottes, der eigenen Rettung und zum Zeugnis für die Liebe Gottes“[1] beitragen. Er geht dabei von der allgemein bekannten Kenntnis aus: Juden und Griechen, Sklaven und Freie haben ihren Platz in der Gemeinde. Niemand soll und darf über den Kamm der Gleichmacherei geschert werden. Ihm steht eine erlöste, versöhnte Verschiedenheit in Gott vor Augen. Es geht dem Apostel darum, dass die Korinther die Berechtigung der Verschiedenheit erkennen und sie akzeptieren, besonders im Blick auf die Geistmanifestationen.

Um die Kontrahenten zu überzeugen argumentiert Paulus mit dem zu seiner Zeit bekannten Bild vom „Leib mit den vielen Gliedern“. Er geht von der konkreten Entstehung der Gemeinde aus. Gott hat viele Menschen ergriffen und sie zu einem Ganzen zusammengefügt. Jeder bringt sich mit seiner Eigenart als Glied ein. Alle zusammen bilden sie einen Leib. Die Gemeinde in Korinth weiß noch um ihren Entstehungsprozess.

Diese Leibwerdung geschah „in einem einzigen Geist“, angefangen vom ersten Hören der Botschaft durch jeden Einzelnen über den Geistempfang bis zum Miteinander aller, das sie gegenwärtig erleben, einschließlich der Ausformung und Zuweisung von Aufgaben. Aufgrund des Wirkens des Geistes sind sie dieses Miteinander mit sehr verschiedenen Funktionen geworden. Unter dem „Regen des Heiligen Geistes“ wird der Leib voll handlungsfähig und die Glieder können miteinander das Werk Gotts tun.

Paulus zielt mit dem Bild vom „Leib und den vielen Gliedern“ auf die Ausrichtung auf dieselbe lebenswichtige Handlung. Jedes Glied handelt im eigenen Interesse und dem der anderen Glieder, indem es zur einen und gleichen Handlung seinen Beitrag leistet: „Der Magen knurrt, die Augen sehen einen Apfel, das Wasser läuft im Mund zusammen, die Füße bewegen sich dahin, die Hand greift nach dem Apfel, die Zähne beißen hinein usw. Wenn eine Zwischenfunktion ausfällt, kommt der ganze Vorgang nicht zustande.“[2]

Wenn der Leser oder Hörer der ausführlichen Darlegungen über das nötige Zusammenwirken der einzelnen Glieder zum Funktionieren des Leibes, der Wertschätzung besonders der weniger angesehenen Glieder, sowie der Orientierung an Apostel, Propheten und Lehrer folgt, merkt er bald, dass es nicht wirklich um die Glieder des Leibes geht, sondern um Menschen, um die Mitglieder der Gemeinde von Korinth.

Während die Glieder des Leibes ein selbstverständliches Empfinden für das richtige Verhalten haben, ist das beim Menschen anders. Es kommt zum Fehlverhalten, wenn er seine Identität nicht in Gott findet und sich mit anderen vergleicht. Wenn Gott aber die Verschiedenheit erdacht und zugeteilt hat, dann muss jedes Glied in der Versammlung in ihm sein eigenes Maß und seinen Platz finden. Paulus lehnt Gleichmacherei ab, sondern fordert die Anerkennung der Verschiedenheit und ihre Annahme aus Gottes Hand. Nur so kann die Gemeinde ihre Sendung erfüllen.

Sollte sich ein höher gestelltes Glied als etwas Vollkommeneres vorkommen und auf andere Glieder herabschauen und sich unabhängig fühlen, wird es unverzüglich eines Besseren belehrt: Der Kopf wird schnell merken, dass er ohne Füße nirgends hinkommt.

Da sich Paulus mit dem aktuellen Problem der Ansprüche der Geistlichen und deren Ablehnung durch andere auseinandersetzt, nennt er nun solche Glieder, die für die Lösung wichtig sind. Als erste nennt er die Apostel. Sie sind für die Gründung der Gemeinde und deren weiteres Leben entscheidend. Für Paulus ist klar, dass die Apostel im Auftrag und in der Autorität Gottes handeln und daher den Versammlungen vorstehen. Paulus zeigt den „Geistlichen“ die Grenzen auf, innerhalb dessen sich ihre Aufgabe bewegt: Apostel, Propheten und Lehrer sind die Personen an den sich die Menschen mit aktuellen Geistmanifestationen in deren Ausübung orientieren sollen.

(3) „Titius Justus: ‚Was aber bei Paulus auffällt: Ihm geht es nicht darum, dass die weniger wichtigen Glieder für die wichtigen arbeiten, sondern dass auch die weniger ansehnlichen Glieder zu Ansehen kommen. Paulus setzt sich für die Kleinen ein, für die Unscheinbaren; sie sind unentbehrlich… Paulus plädiert für echte Partnerschaftlichkeit. Es gibt nicht Über- und Unterordnung, es gibt nur einträchtiges Miteinander… Paulus hätte kein besseres Bild finden können, um das lebendige Ineinsgehen von Christus und Gemeinde zum Ausdruck zu bringen. Leib ist nicht einfach Leib. Mit Leib meint Paulus den ganzen lebendigen Menschen: mit seiner Geschichte, mit seinen Beziehungen, mit seinen Hoffnungen… Unsere Gemeinde ist der Leib des Christus, das will sagen: Wer uns begegne1t, begegnet dem Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, begegnet dem Jesus, von dem die Apostel ihre Geschichten erzählen: wie er Blinde heilte, wie er mit Sündern aß und trank, wie er Männer und Frauen in die Nachfolge rief, wie er Partei ergriff für die Unmündigen und Enteigneten…; unsere Gemeinde ist der Leib des Christus, des einmaligen, unverwechselbaren Christus… Für Paulus sind wir eine Gemeinde, die Gott geschaffen hat, eine Gemeinde, die sein Bild widerspiegelt – sehr mangelhaft widerspiegelt, das ist sicher wahr‘“.[3]

1 N. Baumert, 206
2 N. Baumert, 207
3 Venetz/Bieberstein, Bannkreis, 84.86

2. SoJKC                                     1 Kor 12,4-11
 
4 Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. 5 Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. 6 Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen. 7 Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt.
 
8 Dem einen wird vom Geist die Gabe geschenkt, Weisheit mitzuteilen, dem anderen durch denselben Geist die Gabe, Erkenntnis zu vermitteln, 9 einem anderen in demselben Geist Glaubenskraft, einem anderen – immer in dem einen Geist – die Gabe, Krankheiten zu heilen, 10 einem anderen Kräfte, Machttaten zu wirken, einem anderen prophetisches Reden, einem anderen die Fähigkeit, die Geister zu unterscheiden, wieder einem anderen verschiedene Arten von Zungenrede, einem anderen schließlich die Gabe, sie zu übersetzen.
 
11 Das alles bewirkt ein und derselbe Geist; einem jeden teilt er seine besondere Gabe zu, wie er will.
 
(1) Titius Justus mischt sich ins Gespräch: „Aus seinem Brief geht doch an manchen Stellen deutlich hervor, dass er mit 
uns unzufrieden ist. Da zeigt sich übrigens noch einmal, wie gut Paulus uns kennt. Es gibt doch auch Leute bei uns – ich will jetzt keine Namen nennen -, die sich auf ihre Funktionen und Ämter, die sie zweifellos gut ausüben, ungeheuer viel einbilden. Sie tun so, als ob es nur auf sie ankäme, als ob sie den Geist für sich allein gepachtet hätten. Paulus zählt dieses Tun und diese Funktionen, die es in der Gemeinde gibt und braucht, alle auf – oder doch sehr viele davon: Wunderkräfte, Weisheitsrede, Erkenntnisrede, Heilungs-gaben, Prophetengabe, die Gabe der Zungenrede. Er gebraucht aber für all das ein ganz neues Wort, wenn ich so sagen darf. Er gebraucht das Wort charisma, das man sonst eigentlich nicht so häufig hört, und wenn schon, dann nur im profanen Sinn von Geschenk oder Gabe.“[1]

 
(2) In der Gemeinde von Korinth gibt es also auffallende Erscheinungen im Gemeindeleben, die den Pilz der Spaltung in sich tragen. Zum Beispiel ist die „Zungenrede“ so eine Äußerung, die unterschiedliche Stellungnahmen hervorruft. Konkret handelt es sich um zwei Gruppen, mit denen sich Paulus auseindersetzen muss, um den Frieden in der Gemeinde zu bewahren. Da ist die eine, die denen, die sie praktizieren skeptisch gegen-überstehen und sie ablehnen. Vielleicht spielt auch ein gewisser Neid eine Rolle: Warum können die das, aber wir nicht? Die andere Gruppe besteht aus denen, die sie praktizieren, aber den anderen gegenüber unsensibel sind und sich als Bessere vorkommen.
 
Paulus macht zunächst beiden Gruppen klar, wer der Urheber aller Gnadengaben, Dienste und Wirkungen in der christlichen Gemeinde ist: der dreifaltige Gott. Weil Gott durch Jesus Christus und den Heiligen Geist wirkt, steht Gott als Höhepunkt am Schluss. Nicht jeder hat das gleiche Geschenk (Gnadengabe). Sie sind unterschiedlich verteilt. Es ist derselbe Geist, der die besonderen Geschenke gibt. Es gibt verschiedene Dienste in der Gemeinde. Aber es ist derselbe Herr, der sie verteilt. Es ist derselbe Gott, der die unterschiedlichen (auffallenden, besonderen) Wirkungen dem einen oder anderen anvertraut. Es sind Wirkungen, die in der Versammlung sichtbar werden.
 
Die „Geistlichen“ die in der Versammlung in Sprachen beten werden sodann in einen größeren Rahmen gestellt, in dem neun Sichtbarmachungen (Manifestationen) des Geistes genannt werden (Verse 8-10). Diese werden von Gott im oder durch den Geist zugeteilt. Bei den neun Manifestationen geht es um Geschenke, nicht um Begabungen. Es handelt sich um Einzelvollzüge und deren Inhalte, die man aussprechen oder weitergeben soll. Empfänger sind immer Personen. Wichtig ist, dass der Geist einem jeden zuteilt und nicht darum welche Charismen (Gnadengaben) es gibt. Paulus stellt uns neun Beispiele vor Augen, Geschenke, die offensichtlich sind.
 
Die „Gabe Weisheit mitzuteilen“ meint nicht die Begabung eines Weisheitslehrers, sondern etwas, das jemand in einer schwierigen Situation empfängt, von dem er weiß, dass es nicht von ihm kommt, sondern eingegeben ist und vermutlich nur der ganz versteht, dem er es mitteilt.
 
„Ein Wort einer Erkenntnis“ (statt: Gabe der Erkenntnis) meint nicht die Begabung eines guten Pädagogen. In einer Versammlung wird jemand von Gott ein Sachverhalt geoffenbart, den er von sich aus nicht wissen kann und den er der Gemeinde weitergibt.
 
„Glaubenskraft“: Das griechische Wort für Glauben „pistis“ kann auch Zuverlässigkeit, Zutrauen und innere Sicherheit meinen, die darin gründet, dass man sich ganz auf Gott verlässt und sich in ihm festmacht.
 
Bei „Geschenke von Heilmitteln“ (statt: Krankheiten zu heilen) geht es wiederum nicht um eine Begabung und bezieht sich auch nicht generell auf alle Krankheiten. Gemeint ist, dass Gott durch den heiligen Geist in bestimmten Fällen eine Art „geistliches Medikament“ in die Hand gibt, das der Empfänger einem Kranken verabreichen soll. Der Einzelne hat den Auftrag, einem Menschen Heilung zuzusprechen. Aber immer ist es Gott, der durch seinen Geist heilt (Beispiel: Apg 3,6).
 
„Wirkungen einer Kraft“ (statt: Kräfte, Machttaten zu wirken): Es geht um eine Kraft oder Macht, die in bestimmten Fällen notwendig ist. Eine solche Vollmacht hat nicht jeder, sondern sie wird ihm in bestimmten Fällen gegeben. Sie ist nicht in beständigem Besitz des Betreffenden (vgl. Apg 16,18; Röm 15,19; 2 Kor 12,12). Eine solche Vollmacht wird nicht jedem gegeben, aber manchen öfter.
 
„Eine Prophetie“ (statt: prophetisches Reden): Es meint nicht die Prophetengabe, sondern die einzelne Prophetie. Jedes prophetische Wort ist jeweils ein eigenes Geschenk. Paulus lehrt es zu erwarten und zu erbitten.
 
„Ausdeutungen von Geistmitteilungen“ (statt: die Fähigkeit, Geister zu unterscheiden): Eine Prophetie kann an sich verständlich sein, sowohl der Einzelne als auch die Versammlung kann einer weiteren Hilfe bedürfen, um mit der Geistmitteilung richtig umzugehen (Beispiele: Apg 20,23: 21,4.11.12 und Mk 8,32).
 
„Arten von Sprachengebeten“ (statt: Arten von Zungenrede): Wer in Sprachen redet „spricht zu Gott“. Es geht also um ein Gebet. Sprachengebet hat nichts mit Trance oder Ähnlichem zu tun. Der Mensch ist auf Gott ausgerichtet und erfährt, wie der Heilige Geist ihn innerlich führt und zu Gott hin orientiert, auch wenn er nicht versteht, was aus seinem Mund kommt. In einer Versammlung soll es nur dann laut vollzogen werden, wenn es Aussicht auf Auslegung hat. Jedes der Sprachengebete ist ein einmaliges Geschenk Gottes.
 
„Eine Auslegung von Sprachgebeten“ (statt: die Gabe sie zu übersetzen): Es geht nicht um eine Tätigkeit des Geistes. Vorausgesetzt werden Menschen, die geübt sind im Hören auf die inneren Impulse des Heiligen Geistes und die sie von den eigenen Gedanken und Gefühlen unterscheiden können. Sie bekommen einen Eindruck in Bild, Wort oder Gedanke, den sie nun in verständlicher Sprache mitteilen.
 
Zum Schluss betont der Apostel noch einmal, dass die Verschiedenheit der sichtbaren Geschenke von einem und denselben Geist gewirkt wird. Das Problem liegt also in der Verteilung jener manifesten Geschenke, Dienste und Wirkungen. Paulus erklärt, dass die Verschiedenheit, die manchen Gemeinde-Mitgliedern Schwierigkeiten bereitet, auf der freien Zuteilung des Heiligen Geistes beruht, der zuteilt „je nachdem er es für nützlich hält (Verse 7 und 11) und nicht wie es sich der Mensch vielleicht wünscht.
 
(3) Paulus kommt es angesichts der Gnadengaben (Charismen, Geschenke) an, dass die Korinther auf den Geber schauen, der individuell zuteilt. Unangebracht ist die Frage, warum habe ich nicht, was der andere hat. Nicht jeder bekommt alles, was er sich wünscht, sondern jeder seinen Teil.
 
Das eigentliche Thema ist die Verschiedenheit. Sie ist in Gott begründet. Gott gibt jedem Einzelnen ein Element, je nachdem er es für nützlich hält. Wenn also jemand Probleme mit der Verteilung hat, dann soll er nicht andere verdächtigen oder beneiden, sondern Gottes Vorsehung, Weisheit und Güte ehren. Die, denen besondere Geschenke zugeteilt werden, sollen dankbar auf den Geber schauen und sich bewusst sein, dass sie Empfänger sind, bereit weiterzugeben. Es besteht kein Grund für Überheblichkeit

[1] Venetz/Bieberstein, Bannkreis, 91

. So Jk C    Taufe des Herrn          Tit 2,11–14; 3,4–7

2,11 Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.12 Sie erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden loszusagen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben,13 während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten: auf das Erscheinen der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Christus Jesus.14 Er hat sich für uns hingegeben, damit er uns von aller Ungerechtigkeit erlöse und für sich ein auserlesenes Volk schaffe,das voll Eifer danach strebt, das Gute zu tun.
3,3 Denn auch wir waren früher unverständig und ungehorsam, dem Irrtum verfallen, Sklaven aller möglichen Begierden und Leidenschaften, lebten in Bosheit und Neid, waren verhasst und hassten einander. 3,4 Als die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Retters, erschien,5 hat er uns gerettet – nicht aufgrund von Werken der Gerechtigkeit, die wir vollbracht haben, sondern nach seinem Erbarmen – durch das Bad der Wiedergeburt und die Erneuerung im Heiligen Geist.6 Ihn hat er in reichem Maß über uns ausgegossen durch Jesus Christus, unseren Retter,7 damit wir durch seine Gnade gerecht gemacht werden und das ewige Leben erben, das wir erhoffen.
 
 
(1) Der Brief an Titus bildet den Abschluss der sogenannten Pastoralbriefe ( 1. und 2. Timotheusbrief und Titusbrief). Gemeinde-Vorsteher bekommen eine konkrete Anleitung für die Erfüllung ihrer Aufgaben. Paulus hat Titus bei seiner Abreise aus Kreta die Verantwortung für die dortige Kirche übertragen.
 
Heute am Fest der Taufe des Herrn, ist die zweite Lesung aus zwei Texten zusammen gesetzt. Im ersten wird betont, dass ein gottesfürchtiges Leben der Gnade entsprechen soll, die in Jesus Christus erschienen ist (2,11-14). Die in der Taufe geschenkte Erneuerung im Heiligen Geist verpflichtet die Getauften zu einem entsprechenden Leben (3,4-7). Die Wahl dieser beiden Texte soll die Bedeutung der Taufe Jesu durch Johannes dem Täufer am Jordan sichtbar machen.
 
(2) In Tit 3,4 betont der Verfasser, dass wir unsere Rettung nicht unseren Werken der Gerechtigkeit verdanken, sondern allein „seinem Erbarmen“. Die Rettung hat die Christen auf Kreta und uns erreicht im „Bad der Wiedergeburt“ und in der „Erneuerung im Heiligen Geist“. Was die Wassertaufe und der Heilige Geist in diesem Zusammenhang bedeuten wird in der Taufe Jesu im Jordan durch Johannes sichtbar.
 
Um von Johannes getauft werden zu können musste Jesus in den Jordan hinabsteigen und im Wasser untertauchen. Das Untertauchen symbolisiert den Tod. Dahinter steht die Todessymbolik der zerstörenden und vernichtenden Flut. Das Auftauchen aus dem Jordan, der Lebensspender für sein Umland bis heute noch ist, wird zum Symbol des Lebens. Es geht um Reinigung und Befreiung vom Schmutz der Vergangenheit, der das Leben belastet – es geht um Wiedergeburt.
 
Die Taufkandidaten des Johannes verstanden ihr Hinabsteigen als Schuldeingeständnis und als Bitte um Vergebung und Neuanfang. Im Hinabsteigen zur Taufe solidarisiert sich Jesus mit den schuldig gewordenen Menschen. Er trug die Schuld (Ungerechtigkeit) der ganzen Menschheit in den Jordan hinunter. So ist „die Taufe Todesannahme für die Sünden der Menschheit, und die Taufstimme – ‚Dies ist mein geliebter Sohn’ – ist Vorverweis auf die Auferstehung.“[1] Was bedeutet sich taufen zu lassen? Es bedeutet, dass wir selbst an den Jordan treten und unsere Identifikation mit Jesus annehmen, der sich mit uns schuldig gewordenen identifiziert hat. Im Johannesevangelium bezeichnet der Täufer Jesus als „Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt (1,29).“ Jesus ist als Knecht Gottes das wahre Paschalamm, das uns durch seinen Tod in die Freiheit führt. Das weist auf die erlösende und befreiende Bedeutung des Kreuzestodes Jesu für die Rettung der Menschen hin. Der Geist kam „wie eine Taube“ auf Jesus herab und die Stimme aus dem Himmel bezeichnet Jesus als geliebten Sohn, an dem Gott gefallen gefunden hat, der also ganz nach seinem Geschmack ist. Diese Bekanntgabe des Vaters ist ein Vorverweis auf Jesu Auferstehung. „Die Taufe, die die Jünger Jesu seitdem spenden, ist Eintreten in die Taufe Jesu – in die Wirklichkeit, die er damit vorweggenommen hat. So wird man Christ.“[2]
 
Die Taufe verpflichtet die Getauften also zu einem entsprechenden Leben (3,4-7). Was heißt das? Wir verdanken uns nicht unseren Bemühungen und Leistungen, sondern Jesu rettendem Erbarmen. Wir sind zwar gerecht gemacht, aber nicht durch Werke, die wir vollbracht haben, sondern durch durch Gottes Güte und Menschenfreundlichkeit in Jesus Christus. Nicht wir Menschen selbst haben unsere Schuld und Sünden, unsere Lieblosigkeiten, Grausamkeiten und Verletzungen, die wir anderen zufügten, mit unserem eigenen Blut gesühnt. Jesus hat die Schuld von uns allen mit seinem Blut abgewaschen und gesühnt. Damit hat er unserem Leistungsdenken, das immer den Keim der Versuchung zur Selbstüberhebung in sich trägt, die Spitze genommen. Wir sind gerettet und erlöst durch Jesu freiwillige Hingabe an den Willen des Vaters. Dieser Rettungstat Jesu haben wir uns anvertraut, als wir uns im Bad der Wiedergeburt auf einen Herrschaftswechsel und eine Erneuerung im Geist einlassen haben: Ich gebe Gott Macht über mich indem ich mich seinem Schutz und seiner Führung anvertraue und Gott mehr gehorche als den Menschen. Damit lebt die Hoffnung auf das ewige Leben.[3]
 
Wie kann ein gottesfürchtiges Leben der Gnade entsprechen, die in Jesus Christus erschienen ist (2,11-14)? Das, was der Pastoralbrief vorschlägt entspricht der Predigt Jesu: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium. (Mk 1,15).“ Alles das, was von Gott trennt soll beseitigt werden, um in der Nachfolge Jesu ein besonnenes, gerechtes und frommes Leben in der Welt zu führen. Die Gnade ist erzieherisch, „Gnade ist nicht eine Gunst oder Vergünstigung, sondern vermittelt einen Lebensstil, eine Lebensart, eine Prägung und Bildung, die der Würde des Menschen gemäß ist.“[4]
 
(3) Wer fragt, wie so etwas verwirklichbar ist, der findet eine Antwort nicht nur in den Evangelien, sondern auch bei den frühen Mönchen: „Durch Erinnerung an die Wohltaten Gottes, durch Orientierung an der Hoffnung auf Seligkeit und nicht zuletzt durch ein waches und mit Lob Gottes gefülltes Annehmen der Gegenwart.“[5]

[1] J. Ratzinger, Jesus I, 45
[2] J. Ratzinger, Jesus I, 50
[3] G. Lohfink, Gemeinde, 174, betont Aspekt des „auserlesenen Volkes“ von 2,14: „In vielfältigen Begriffen, aber auch in größeren Redestrukturen lebt im Neuen Testament das Wissen von der Kirche als der Kontrastgesellschaft Gottes mitten in der übrigen Gesellschaft. Hier in Tit 3,3-6 stehen sich das Einst (Früher) und Jetzt gegenüber. Das Einst der heidnischen Existenz wird mit einem ganzen Lasterkatalog beschrieben. Die heidnische Gesellschaft und die Kirche werden kontrastierend einander gegenübergestellt. Die Ausweglosigkeit des Heidentums und das Leben in der Kraft des Heiligen Geistes werden einander gegenüber gestellt.“
[4] K. Berger, Briefe, 497
[5] K. Berger, Briefe, 498


Erscheinung des Herrn                   Eph 3,2-3a.5-6
 
2 Ihr habt doch gehört, welches Amt die Gnade Gottes mir für euch verliehen hat. 3 Durch eine Offenbarung wurde mir das Geheimnis mitgeteilt.[1] ...
5 Den Menschen früherer Generationen war es nicht bekannt; jetzt aber ist es seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist offenbart worden: 6 dass nämlich die Heiden Miterben sind, zu demselben Leib gehören und an derselben Verheißung in Christus Jesus teilhaben durch das Evangelium.


(1) „Dass nämlich die Heiden Miterben sind, zu demselben Leib gehören und an derselben Verheißung in Christus Jesus teilhaben durch das Evangelium.“ Das ist der Inhalt des Geheimnisses, das Paulus seinen Ansprechpartnern – den Christen aus den Völkern, enthüllt. Die Judenchristen sind Kinder Abrahams und infolgedessen „unmündige“ Erben. Weil Jesus aber durch seinen Tod am Kreuz die Menschen von ihren Sünden befreite und mit Gott versöhnte sind sie „vollmündige“ Erben. Gott hat durch seinen Sohn dieses Heil in der Welt gewirkt. Aber dieses Heil ist nicht nur dem auserwählten Volk Gottes geschenkt, sondern auch denen „aus den Völkern“ - den Heiden. Sie sind Miterben.

Das „Mit“ bezieht sich auf die Juden. Das Heil geht von den Juden aus, die Gott zu seinem Eigentum erwählt hat. Jesus Christus, der Sohn Gottes, kam als Jude zur Welt und lebte als Jude. Er wusste sich zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Sein Leben und Sterben brachte ihnen die Rettung. Aber eben nicht ihnen exklusiv, sondern auch den Heiden, denn von Anfang an war Israel auf die Völker der Welt hingeordnet.

Die Heiden gehören zu demselben Leib. Jesus Christus ist das Haupt des Leibes, dem Juden und Heiden in gleicher Weise angehören. In diesem Leib wird die getrennte Menschheit wieder Eins. Die Verheißung, an der sie zusammen mit Israel teilhaben meint die erfüllte Zusage des verheißenen Retters Jesus Christus. Teilhaber des göttlichen Rettungshandelns in Jesus Christus sind alle Menschen. Paulus hat ihnen die Frohe Botschaft bekannt gemacht, dass Jesus gekommen war, um zu suchen und zu retten, was verloren ist und dass mit ihm das Reich Gottes angebrochen ist.  

(2) Das Fest „Erscheinung des Herrn“ stellt das Evangelium von der Anbetung des Gottessohnes durch die Weisen aus dem Morgenland in das Zentrum der Aufmerksamkeit: Heiden kommen, um Gott anzubeten, egal ob Könige oder Wissenschafter. Damit ist ein wichtiges Signal für eine entscheidende Etappe in der Geschichte des Heils gegeben: die Erfüllung der Völkerwallfahrt hat begonnen. Das endgültige Heilshandeln Gottes begann mit der Menschwerdung Jesu und erreichte in seinem Versöhnungs-Tod, seiner Auferweckung und Geistsendung den Höhepunkt. Nachdem Gott so in der Welt das Heil gewirkt hat, kann sich die Verheißung der Völkerwallfahrt nun vollends erfüllen.

Am Beginn der Bibel sind die Welt und die Menschheit im Blickpunkt. Nach dem Turmbau zu Babel beginnt Gottes Heilshandeln mit Abraham. Ihn wird er zu einem großen Volk machen und durch ihn sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen. Israel ist von der ersten Stunde an auf die Welt hingeordnet. Der Prophet Jesaja verheißt eine Wallfahrt der Völker nach Jerusalem, um Gott anzubeten, nachdem etwas umstürzend Neues geschehen ist. Die Völker werden die Tora so anziehend finden, dass sie sich sehnen danach leben zu dürfen. Diesen Text, in dem auch dem Krieg und der Gewalt abgeschworen wird, beendet der Prophet mit der Aufforderung: „Ihr vom Haus Jakob, kommt, wir wollen unsere Wege gehen im Licht des Herrn.“ Was für die Zukunft verheißen wird muss jetzt durch die Israeliten anfanghaft verwirklicht werden. Nur wenn die Völker ihr Tun sehen und attraktiv finden, werden sie sich für die Tora interessieren.

Jesus ging nicht in heidnisches Gebiet, um dort zu missionieren. Er wollte Israel sammeln und sich auf seine Sendung das Verlorene zu suchen und zu retten konzentrieren. Erst als immer klarer wurde, dass Israel ihm nicht folgen werde, öffnete er sein Denken auf die Völker hin: „Ich sage euch: Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen;[2] die aber, für die das Reich bestimmt war, werden hinausgeworfen in die äußerste Finsternis; dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen.“ Weil das alttestamentliche Gottesvolk seine Sammelbewegung ablehnte, sodass das Licht der Gottesherrschaft unter ihnen nicht aufleuchten konnte, öffnete Jesus seine Sendung auf die Heiden hin: „Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen (Mk 16,15)“ lautet der Sendungsauftrag Jesu an die Apostel.

(3) Jesu Sendung ist geprägt von der Öffnung auf die Welt (Heiden) und der Konzentration auf das gelebte Zeugnis und der Fortsetzung seiner Sendung. Sowohl die Kirche als Ganze, als auch die Pfarrgemeinde vor Ort, dürfen die jeweiligen Herausforderungen des gelebten Zeugnisses und der Sendung nicht vernachlässigen.

[1] 3,3-6 Das jetzt offenbar gewordene „Geheimnis“ ist der Beschluss Gottes, alle Völker, und nicht nur Israel, zu retten.
[2] Mt 8,11f; Der Hauptmann von Kafarnaum wird als der erste Vertreter der Heidenwelt, der zum Glauben kommt, herausgestellt.
 


Neujahr                                           Gal 4,4-7
 
(1 Ich will damit sagen: Solange der Erbe unmündig ist, unterscheidet er sich in keiner Hinsicht von einem Sklaven, obwohl er Herr ist über alles; 2 er steht unter Vormundschaft, und sein Erbe wird verwaltet bis zu der Zeit, die sein Vater festgesetzt hat. 3 So waren auch wir, solange wir unmündig waren, Sklaven der Elementarmächte[1] dieser Welt.)
 
4 Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, 5 damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen.
 
6 Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unser[2] Herz, den Geist, der ruft: Abba, Vater. 7 Daher bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn; bist du aber Sohn, dann auch Erbe, Erbe durch Gott.

 
 
(1) Paulus erlebt wie Prediger in den Gemeinden Galatiens gegen seine Überzeugungen verkündigen und bei den Christen Gehör finden. Viele der neu getauften Heidenchristen ließen sich einreden, dass ihre Zugehörigkeit zu Christus zweitklassig sei, wenn sie sich nicht auch beschneiden ließen und jüdische Vorschriften beachten. Fromme Leistungen zu erbringen verleiht ein gutes Gefühl. Die Galater waren in Gefahr, die Grundhaltung des Trauens zu verlassen.
 
Der Apostel versucht den Galatern mit seinem Brief klar zu machen, dass für Christen nichtjüdischer Herkunft, die Beschneidung und das Halten anderer jüdischer Vorschriften, keine Geltung haben. Er bedient sich dabei des Bildes eines antiken Hausstandes, zu dem sowohl die unmündigen Kinder, als auch die Sklaven gehören. Die unmündigen Kinder und die Sklaven stehen unter der Aufsicht eines Verwalters, dessen Anordnungen sie zu befolgen haben. Diese äußerliche Ähnlichkeit schreibt Paulus einerseits den Judenchristen und andererseits den Heidenchristen zu. Die Judenchristen vergleicht er mit den unmündigen Kindern, die Heidenchristen mit den Sklaven. Die unmündigen Kinder sind ihrer Herkunft nach, wenn sie volljährig werden, automatisch Erben. Wie aber werden die Sklaven, die Heidenchristen zu Erben? Zunächst geht Paulus auf die Konsequenzen der Sendung des Gottessohnes zu den „unmündi-gen Kindern“, den Juden ein und anschließend beschreibt er wie die Neugetauften aus den Völkern, die „Sklaven“, zu Erben werden.
 
(2) Paulus beginnt seine Argumentation mit der Sendung und der Geburt des Sohnes Gottes. Gott handelt in der Geschichte. Wie er schon die geknechteten Kinder Israels durch Mose aus der Tyrannei Pharaos in Ägypten befreite und durch den Perserkönig Cyrus aus der babylonischen Gefangenschaft heimholte, so handelt Gott auch jetzt wieder souverän in der Geschichte seines Volkes. Die Sendung des Gottessohnes, verbunden mit der Geburt durch eine Frau soll dem Juden sowohl das Große, als auch das Kleine dieses Geschehens bewusst machen. Das Große, weil es ein unfassbares Geheimnis beinhaltet: Gott wird Mensch! Das Kleine, weil Gott durch eine Frau als Mensch zur Welt kommt. Gott unterwirft sich aber nicht nur den biologischen Bedingungen der Welt, Paulus betont auch, dass Jesus als Jude Mensch wird und somit als Kind Abrahams zum auserwählten Volk Israel gehört. Entscheidend für jeden Juden aber ist die Begegnung mit dem, der das Heil, die Vergebung der Sünden, bringt. Jesus hat durch seinen Tod jedem Menschen die Last seiner Schuld abgenommen und auf sich genommen. Er hat seine Sendung, die Menschen mit Gott zu versöhnen, erfüllt. Wer aus dem Gottesvolk dieses Heilsangebot Gottes durch Jesus, den Christus, annimmt, der erlangt die „Sohnschaft“. Die Glieder des auserwählten Volkes Gottes, die „unmündigen Kinder“ werden durch die Annahme des Heilsangebotes in Jesus zu volljährig gewordenen „Erben“.
 
Nachdem Paulus über die Erlangung der Sohnschaft der Judenchristen referiert hat, spricht er nun die aus den Völkern kommenden (Heiden-) Christen, die Galater, direkt mit „ihr“ an. Sie sind die Hörer seines Briefes. Er bezeichnet auch sie als „Söhne“, weil Gott den Geist seines Sohnes in ihr Herz sandte. Dass das so ist, kann jeder von ihnen selbst überprüfen: „Die ehemaligen Heiden lesen ihre ‚Sohnschaft’ ab an einer inneren, ihnen geschenkten Bewegung, die aber zuweilen auch aus ihnen in lauten Rufen herausbricht. So will Paulus sagen: ‚Den Wandel, der sich in eurem Leben vollzogen hat, könnt ihr gleichsam experimentell feststellen. Und es ist der Geist, der in euch ruft (nicht irgendein ‚Gesetz’): ‚Abba, Vater’.“[3] Das Rufen des Geistes in ihnen, das sie aus ihrer geistlichen Erfahrung kennen, ist somit die grundlegende Erfahrung, aus der sie schließen können, dass sie nicht mehr Sklaven sind, sondern Söhne.
 
Diese Erfahrung hat persönliche Konsequenzen für jeden einzelnen von ihnen. Darum spricht Paulus seine Hörer nun nicht mehr mit „ihr“, sondern mit „du“ an: „Daher bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn; bist du aber Sohn, dann auch Erbe, Erbe durch Gott.“ Die Erbschaft der „Söhne“ (Israeliten, wenn sie „trauen“) bei Erreichen der Volljährigkeit ist klar. „Aber bei den Völkern muss es betont werden: ‚Wenn der Heilige Geist dich als ‚Sohn’ Gottes ausweist (das ist immer individuell, ganz persönlich), dann bist du nicht mehr Sklave, sondern ebenfalls in vollem Sinne Erbe, und zwar durch Gott selbst, der ja ‚dein Vater’ ist.“[4]
 
(3) Paulus zeigt, dass Israel und die Völker spezielle Berufungen haben, sich aber im Vertrauen treffen, dass Gott in Christus das Heil gewirkt hat. Mit dem Erbschaftsbeweis wollte Paulus den Galatern versichern, dass für sie die Beschneidung nicht der Weg zur Erbschaft ist. Weder Beschneidung noch das Einhalten irgendwelcher Regelungen dürfen an die Stelle der Beziehung zu Jesus Christus treten.

[1] Die Vorstellung von den «Elementarmächten» geht zurück auf die antike Lehre von den vier Elementen, die alles Irdische bedingen und bestimmen. In späterer Zeit ging man davon aus, dass diese Elemente von göttlichen Wesen beherrscht werden (vgl. VV. 8f).
[2] N. Baumert, Weg des Trauens 96, bevorzugt die Textvariante „in euer Herz“.
[3] N. Baumert, Weg des Trauens 95
[4] N. Baumert, Weg des Trauens, 96

Fest der hl. Familie                    Kol  3,12-21
 
12 Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen. Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld! 13 Ertragt euch gegenseitig, und vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! 14 Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht. 15 In eurem Herzen herrsche der Friede Christi; dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Seid dankbar!
 
16 Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch. Belehrt und ermahnt einander in aller Weisheit! Singt Gott in eurem Herzen Psalmen, Hymnen und Lieder, wie sie der Geist eingibt, denn ihr seid in Gottes Gnade. 17 Alles, was ihr in Worten und Werken tut, geschehe im Namen Jesu, des Herrn. Durch ihn dankt Gott, dem Vater!
 
18 Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt. 19 Ihr Männer, liebt eure Frauen, und seid nicht aufgebracht gegen sie! 18 20 Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern in allem; denn so ist es gut und recht im Herrn. 21 Ihr Väter, schüchtert eure Kinder nicht ein, damit sie nicht mutlos werden.

 
 
(1) Paulus bezeichnet die Mitglieder der christlichen Gemeinde von Kolossä als Geliebte Gottes und erwählte Heilige. Sie sind berufen den "neuen Menschen" anzuziehen. Er hat ihnen zuvor klar gemacht, von welchen Haltungen sie sich zu distanzieren haben, um ihrer Berufung gerecht zu werden.
 
Jetzt legt er ihnen Haltungen ans Herz, die Jesus selbst vorgelebt und empfohlen hat. Es sind Haltungen, die das Zusammenleben der Menschen grundlegend bestimmen. Dieses vom Geist Christi geprägte, neue Miteinander ist Zeichen der Gegenwart Gottes in der Welt. Christus ist als Gemeinde in der Welt gegenwärtig sagt D. Bonhoeffer. Das neue Miteinander muss auch und vor allem in der christlichen "Basis-Gemeinde“, der Familie, eingeübt und gelebt werden. Das Miteinander in der christlichen Gemeinde soll sich deutlich von jenem der heidnischen Gesellschaft unterscheiden.
 
(2a) Von welchen Haltungen sollten sich die Kolosser distanzieren? Womit war der „alte Mensch“ bekleidet? Er war bekleidet mit Zorn, Wut, Bosheit, Lästerungen, Zoten (Unflätigkeit) und Lügen. (Kol 3,8-9) Paulus ist überzeugt, dass die tiefgreifende Umkehr des Herzens der beste Schutz gegen einen Rückfall in dieses alte Verhalten ist. Den Lastern muss eine Absage erteilt werden, um das neue Leben in Christus zu konkretisieren. Eine solide Tugend hilft im konkreten, alltäglichen Miteinander sich den „neuen Menschen“ zu bewahren. Es braucht aber immer auch die Kraft von oben.
 
Den Haltungen (Tugenden), die den alten Menschen kennzeichnen, setzt er folgende entgegen: Das "Erbarmen" bezeichnet ursprünglich "Eingeweide" und steht für den Sitz der Gefühle. "Güte" meint, dass nicht bei Gefühlen halt gemacht werden, sondern praktisch zugepackt werden soll. "Demut" fordert eine schlichte Gesinnung, der Situation angemessen, ohne sich in den Mittelpunkt zu stellen. "Milde" anziehen bedeutet, nicht schroff zu sein, sondern in einer angenehmen Art und Weise zu handeln. Die "Geduld" könnte hier auch mit "Weitherzigkeit" wieder gegeben werden. "Ertragen" setzt auf geschwisterliche Zurechtweisung und gegenseitige Verantwortung. Beim "Vergeben" geht es um persönliche Verletzungen. Als Höhepunkt nennt er die Liebe. Mit ihr fasst die bisher genannten Tugenden zu einem "schönen Blumenstrauß der Reife" zusammen.[1]
 
Neben die Liebe hat Paulus den Frieden Christi gestellt. Er soll als Schiedsrichter agieren wenn es im Herzen den Kampf gibt, soll ich das oder jenes tun? Es gilt das zu wählen, was dem Frieden Christi entspricht.
 
(2b) Nach der Auflistung konkreter Tugenden thematisiert Paulus das "Wort", die "Rede Christi". Gemeint ist nicht eine Zusammenfassung seiner Offenbarung, sondern die im Geist Christi geführte Rede. Es geht also um eine bestimmte Art der Kommunikation. Das wird an Beispielen verdeutlicht: Wenn sie einander belehren und das Evangelium gegenseitig ans Herz legen, dann mögen sie das in kluger und geschickter Weise tun und es soll der Redeweise Christi entsprechen. Ihre Psalmen, Hymnen und Lieder sollen aus dem Herzen kommen und schön sein. Alles, was sie reden und tun, soll im Geiste Jesu geschehen. Wenn sie erkennen, dass Gott es ist, der ihnen das alles durch Christus schenkt, dann möge der Dank an Gott durch Jesus Christus zurückfließen.
 
(2c) Wenn schließlich von "der Unterordnung der Frau" unter den Mann die Rede ist, nehmen nicht wenige Menschen, vor allem Frauen, Anstoß daran. Zur Zeit des Apostels Paulus war es genau umgekehrt. Es war in der antiken Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit, dass der Mann das Haupt der Frau und ihr Vertreter vor dem Gesetz ist.
 
Mit der Formulierung "wie es sich im Herrn geziemt" setzt Paulus möglicher männlicher Willkür eine Grenze. Die Frau soll die vorgegebene Ordnung so vollziehen, wie es im Herrn recht ist. Paulus schärft nicht grundsätzlich die Unterordnung der Frau ein, sondern gibt ihr einen Maßstab. Sie soll überlegen, wie es vor Gott recht ist, sich unterzuordnen. Zudem fordert er die Männer auf, ihre Frauen zu lieben und nicht aufgebracht gegen sie zu sein. Was die zunehmende Wertschätzung der Frau betrifft, ist Paulus im Fahrwasser Jesu, der das ebenfalls getan hat.
 
(3) Die Mitglieder der Christengemeinde von Kolossä haben den „neuen Menschen“ angezogen. Sie bemühen sich die Tugenden zu verwirklichen, die Jesus vorgelebt und Paulus ihnen ans Herz gelegt hat. Ihr Miteinander steht im Widerspruch zum Verhalten der heidnischen Gesellschaft. Das von Jesus geprägte christliche Miteinander schließt besessenen Ehrgeiz, Rachsucht und Lügen aus.
 
Unsere heutigen christlichen Gemeinden bilden keinen Kontrast mehr zur heidnischen Gesellschaft. Sie wurde zu einer Gemeinschaft von Sonntagsgottesdiensten-Konsumenten reduziert. Dem Niedergang christlicher Gemeinden kann nicht mit Strukturreformen und Synodalem Vorgang allein begegnet werden. Die Erneuerung muss bei der Erneuerung des von Christus geprägten Miteinanders ansetzen. Um dieses Miteinander im Geiste Jesu ist es in der Kirche schlecht bestellt.

[1] N. Baumert, Weg des Trauens 147


Heiliger Abend                                      Tit 2,11-14
 
 
11 Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten. 12 Sie erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden loszusagen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben, 13 während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten: auf das Erscheinen der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Christus Jesus.[1]
 
14 Er hat sich für uns hingegeben, um uns von aller Schuld zu erlösen und sich ein reines Volk zu schaffen, das ihm als sein besonderes Eigentum gehört und voll Eifer danach strebt, das Gute zu tun.

 
 
(1) Der Autor des Titus-Briefes fasst Jesu Kommen in die Welt, also seine Geburt, sein Leben und Wirken, sowie sein Leiden, Sterben und seine Auferstehung unter dem Stichwort der Gnade zusammen: „Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.“ Gemeint ist die Gnade, von der schon der Engel bei der Verkündigung sprach: „Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben.“ (Lk 1,30-32) Es ist jene Gnade, von der die Engel auch zu den Hirten sprachen: „Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr.“ (Lk 2,10f) Beim leeren Grab Jesu traten zwei Männer mit leuchtendem Gewand zu den Frauen und sagten: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden.“ (Lk 24,5) Schließlich sagt Jesus bei seiner Himmelfahrt: „Aber ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde.“ (Apg 1,8) Damit ist der Rahmen des Wirkens der Gnade Gottes in der Person Jesu Christi abgesteckt: In ihm vollzieht sich die Rettung aller Menschen. Sie soll bis an die Grenzen der Erde verkündet werden.
 
(2) Gottes Gnade, Jesus Christus, ist also in die Welt gekommen, um alle Menschen zu retten. Ist damit ein Netz der Rettung über alle Menschen geworfen, sodass alle Massenmörder der Geschichte sich ins Fäustchen lachen können? Sind auch Menschen, die sich von Gott gar nicht retten lassen wollen, gerettet? Nein, die Gnade ist kein Selbstläufer. Sie bedarf der dankenden Annahme. Das Heilsangebot Gottes in der Person seines Sohnes, muss der Mensch ergreifen, damit es wirksam werden kann. Es wirkt kein Automatismus, der die Freiheit des Menschen ausschließt. Die Entscheidung des Menschen ist gefordert.
 
Die Annahme des Heilshandelns Gottes in Geburt, Leben, Sterben und Auferstehung Jesu Christi hat die Kraft Menschen zu verwandeln. Deshalb ist auch die Gnade „ein Akt der Neuschöpfung, der bereits hier und jetzt eine neue Lebensperspektive eröffnet.“[2] Wer das Heilsangebot der Liebe Gottes annimmt – das Kind in der Krippe und den Geschundenen am Kreuz – den drängt es diese Liebe zu teilen. Wer Gottes Liebe im Kind von Betlehem annimmt, in dem vollzieht sich ein Herrschaftswechsel, eine existentielle Umkehr, eine Abkehr von aller Gottlosigkeit und eine Hinkehr zu Gott. Er durchschaut seine Abhängigkeiten und überwindet Eigenwillen, Eigensinn und Eigennutz. Es geht ihm weniger um die Durchsetzung seiner eigenen Wünsche und mehr um die Erfüllung der Wünsche Gottes. Er lebt besonnen, gerecht und fromm in der Welt, denkt und handelt von Gott her. Er vertieft sich in das Wort und Leben Jesu mit der Bitte: „Herr Jesus schenke mir ein Herz nach deinem Herzen und einen Geist nach deinem Geiste.“
 
Jesus hat durch seine Lebenshingabe am Kreuz, uns unsere Schuld abgenommen und erlöst. Damit hat er den Weg für unsere Jesus-Nachfolge in der Kirche geebnet. Mit dem Geschenk dieser Heilsgabe sind wir zum Bruder und zur Schwester Jesu und zu einem neuen, menschlicheren Miteinander in der Kirche berufen. Durch seine Hingabe hat sich Jesus ein „reines Volk“ erschaffen, das „ihm als sein besonderes Eigentum gehört und voll Eifer danach strebt, das Gute zu tun.“ 
 
Wie Israel, so ist auch die Kirche besonderes Eigentumsvolk Gottes mit der Aufgabe durch ihr sich von der Welt unterscheidendes Miteinander Zeichen der Gegenwart Gottes in der Welt zu sein. Das Eigentumsvolk Gottes soll Licht der Welt und Salz der Erde sein, betont Jesus in der Bergpredigt: „Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten... Euer Licht soll vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“
 
(3) Zu diesem Engagement - als Aufgabe aus der Gabe des Heils - lädt der Titusbrief vor dem Horizont der großen Hoffnung „auf das Erscheinen der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Christus Jesus“ ein. Mühen und Strapazen, Verachtung und Schmerzen, nichts geht verloren. Alles Scheitern und Gelingen steht unter dem guten Stern der Geburt Jesu in Betlehem und des Wiederkommens Jesu Christi am Ende der Zeiten. Wer in der Taufe mit Jesus Christus gestorben und auferstanden und in dem das Christuskind tatsächlich geboren ist, der lebt in ungetrübter und unzerstörbarer Weihnachtsfreude.

[1] 2,13 Andere Übersetzungsmöglichkeit: der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Retters Christus Jesus.
[2] Söding, Gottessohn 291

4. Adventsonntag                      Hebr 10,5-10
 
5 Darum spricht Christus bei seinem Eintritt in die Welt: Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir geschaffen; 6 an Brand- und Sündopfern hast du kein Gefallen. 7 Da sagte ich: Ja, ich komme - so steht es über mich in der Schriftrolle -, um deinen Willen, Gott, zu tun.[1]
 
8 Zunächst sagt er: Schlacht- und Speiseopfer, Brand- und Sündopfer forderst du nicht, du hast daran kein Gefallen, obgleich sie doch nach dem Gesetz dargebracht werden; 9 dann aber hat er gesagt: Ja, ich komme, um deinen Willen zu tun.
 
So hebt Christus das erste auf, um das zweite in Kraft zu setzen.
 
10 Aufgrund dieses Willens sind wir durch die Opfergabe des Leibes Jesu Christi ein für allemal geheiligt.

                             
 
(1) An Weinachten feiern wir die Geburt Jesu Christi in Betlehem. Der Sohn Gottes ist Mensch geworden und ist auf Erden gewandelt. Er ist mit ausgewählten Gefährten predigend durchs Land gezogen. Er hat gelebt, was er gepredigt hat und ist für das gestorben, was er gelebt hat. Der Sohn Gottes wurde Mensch, weil sein Leib, sein Leben, die wahre Opfergabe werden sollte. Die heutige Lesung aus dem Hebräerbrief, der das Evangelium in kultischer Sprache verkündet, betont, dass von Anfang an die Sendung Jesu darin bestand den Willen Gottes zu erfüllen.
 
(2) Der Verfasser des Hebräerbriefes sieht das Ende des alttestamentlichen Opfers bereits im Alten Testament durch den Beter des Psalms angedeutet: „An Schlacht- und Speiseopfern hast du kein Gefallen, Brand- und Sündopfer forderst du nicht. Doch das Gehör hast du mir eingepflanzt; ... Deinen Willen zu tun, mein Gott, macht mir Freude, deine Weisung trage ich im Herzen.“ (Ps 40,5-7) Er versteht diese Psalmworte als Ankündigung des Kommens des Messias Jesus Christus. Durch seinen Gehorsam hat Jesus Christus den Willen Gottes erfüllt.
 
Schlacht- und Speiseopfer, Brand- und Sündopfer wollen Verbindung mit Gott herstellen. Sie verbinden sich mit Dank und Bitte und sollen der Sühnung von Schuld dienen. Diese Opfer bringen aber nicht wirklich eine Erneuerung des Herzens und wurden von Israel nicht in der rechten Herzenshaltung dargebracht. Sie waren nicht in der Lage, den Menschen zu verwandeln. Diese offenbar unzureichenden Weisen der Kommunikation des Menschen mit Gott werden durch Jesus überboten.
 
An die Stelle des Opfers tritt das verwandelbare und verwandelte Herz, die Verbundenheit mit Gott und dem Mitmenschen. Darum heißt es auch: „Darum lernt, was es heißt: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer." (Mt 9,13) Und an anderer Stelle lesen wir: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir.“ (Mt 15,8)
 
"Aber einen Leib hat er mir erschaffen" weißt hin auf die neue Kommunikation Gottes mit den Menschen, auf das neue Sein mit Gott. Jesus wird als Mensch, mit Leib und Leben, mit Herz und Verstand, aus und durch den Willen Gottes leben. Er wird, mit Gott verbunden auf dessen Wort hören und im Gehorsam gegenüber diesem Wort leben. Im Wort Gottes, das er "an der Brust des Vaters hört" begegnet er dem Willen Gottes, dem er sich verpflichtet weiß und den er erfüllt bis zum Tod am Kreuz. Das ist mit "Hingabe des Leibes Jesu Christi" gemeint. Jesu Opfer ist die Hingabe seines Eigenwillens. Er gibt dem Willen des Vaters Vorrang.
 
Jesus bringt dies mehrmals zum Ausdruck, wenn er sich zum Willen Gottes äußert: „Von mir selbst aus kann ich nichts tun; ich richte, wie ich es (vom Vater) höre, und mein Gericht ist gerecht, weil es mir nicht um meinen Willen geht, sondern um den Willen dessen, der mich gesandt hat.“  (Joh 5,30) oder „Ich bin nicht vom Himmel herabgekommen, um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.“ (Joh 6,38) Als ihm mitgeteilt wird, dass seine Mutter und die Geschwister mit ihm sprechen wollen, stellt er fest: „Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (Mk 3,35) Wie sehr sein Leben vom Willen Gottes geprägt ist bringt Jesus so ins Wort: „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und sein Werk zu Ende zu führen.“ (Joh 4,34)
 
Gottes Wille ist das Heil der Menschen, die Rettung der Verlorenen, das Opfer des ewigen Hohenpriesters zur Vergebung aller unserer Sünden. Zur Erfüllung des Heilswillens Gottes hat sich Jesus zuletzt im Garten Getsemani durchgerungen: „Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen.“ (Lk 22,42)
 
(3) Das Ergebnis des Gehorsams Jesu gegenüber dem Willen seines Vaters wird ebenfalls thematisiert: „Aufgrund dieses Willens sind wir durch die Opfergabe des Leibes Jesu Christi ein für allemal geheiligt.“ Jesus, der Hohepriester, der sich selbst als Opfer dargebrachte, hat uns „ein für allemal geheiligt“. Jesu Erlösungshandeln, sein Tod am Kreuz und seine Erhöhung, sind das Heil, das es von uns zu ergreifen gilt. Geheiligt sind die, die das Heilsangebot Gottes annehmen und dadurch zu Gott gehören.


[1] Ps 40,7-9: „7 An Schlacht- und Speiseopfern hast du kein Gefallen, Brand- und Sündopfer forderst du nicht. Doch das Gehör hast du mir eingepflanzt; 8 darum sage ich: Ja, ich komme. In dieser Schriftrolle steht, was an mir geschehen ist. 9 Deinen Willen zu tun, mein Gott, macht mir Freude, deine Weisung trage ich im Herzen.“ Dieses Danklied eines aus Not erretteten Frommen, erhält durch den Bezug auf Jesus Christus einen neuen Sinn. Nach frühchristlicher Auffassung weisen die Psalmen auch auf Jesus hin.


3. Adventsonntag                      Phil 4,4-7         
 
4 Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch! 5 Eure Güte werde allen Menschen bekannt. Der Herr ist nahe.
 
6 Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott! 7 Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren.

 
                                                
(1) Freude und Frieden sind zwei Güter nach denen sich jeder Mensch sehnt. Er weiß, dass er sie nicht festhalten kann. Die Freude und der Friede, um die es hier geht, sind nicht das Ergebnis kostbarer materieller Geschenke oder besonderer Leistungen. Sie gleichen einem Sonnenaufgang, der das Herz eines Menschen überfließen lässt, sodass er die Welt umarmen möchte. 

(2) Paulus ruft die Philipper auf sich im Herrn zu freuen. Er wiederholt diese ungewöhnliche Einladung. Warum sollen sie sich freuen? Einfach so? Gibt es einen ersichtlichen Grund? Ist es ihre an den Tag gelegte Güte? Ist es die Nähe Jesu? Ist es nicht so, dass sich Freude ergibt, aber doch nicht abrufbar ist? Es ist zu vermuten, dass Paulus von einer inneren Ursache für diese Freude ausgeht, einem inneren Schatz, der am Grund ihres Herzens aufbewahrt ist. Muss er ihnen diesen Schatz erst freilegen, damit sie davon profitieren können? 

Der Apostel selbst hat die von Gott kommende Freude erfahren als er dankend und fürbittend der Zuwendungen seitens der Gemeinde gedachte. Die Philipper haben seine Botschaft mit offenen Ohren aufgenommen, für das Evangelium Zeugnis abgelegt und seine Verbreitung tatkräftig unterstützt. Vor allem haben sie angefangen in und aus Jesus Christus zu leben. Die Erfahrung wie Paulus mit Jesus Christus verbundene Mitarbeiter des Reiches Gottes sein zu dürfen, durch die Gott in der Welt handelt, dürfte Grund der Freude sein. Durch ihr Tun und Lassen ist Jesus inmitten der Welt gegenwärtig, ist er ihnen und durch sie den Menschen nah. Durch ihr konkretes, geschwisterliches Miteinander und die Art, wie sie mit ihren Mitmenschen umgehen, wird ihre milde, angemessene Art allen Menschen bekannt. Grund für ihre Freude ist somit ihre Gemeinschaft mit Jesus Christus, der ihnen nahe ist und die Berufung, Zeichen der Gegenwart Gottes in der Welt sein zu dürfen. 


Sich das in Erinnerung zu rufen, ist durchaus auch für uns eine Quelle erfahrbarer Freude. Das sollte uns ermutigen, uns nicht unsere Mängel und Schwächen vorzuhalten, sondern auf die Quelle unserer gemeinsamen Freude hinzuweisen. Diese Freude ist aber gefährdet. Sorgen können sie ersticken.


Die Philipper sollen sich um nichts sorgen! Ist das realistisch oder nicht doch fahrlässig, weltfremd? Oder gibt es vielleicht zweierlei Sorgen, ein Sorgen, dass die ganze Last der Verantwortung allein trägt, weil der Stolz sich der Hilfe Gottes verweigert. Dem steht ein Sorgen gegenüber, das sich nicht allein weiß und auf Gottes Beistand baut. 


Paulus empfiehlt, wann immer die sorgenden und ängstlichen Gedanken im Kopf zu kreisen beginnen, „betend und flehend eure Bitten unter Dank vor Gott zu bringen“. Paulus zeigt einen Weg, wie mit Sorgen christlich umzugehen ist: Statt um sich selbst zu kreisen, sollen die Anliegen vor Gott gebracht werden. Wenn ich Gott die Probleme gezeigt habe, kann ich in rechter Weise bitten. Angst und Beklemmung bringe ich vor Gott, indem ich die Umstände im Gebet, Gott vorlege. Zuerst lobpreise ich Gott und danke ihm für das, was er mir schon geschenkt hat und bitte ihn um Klarheit in der Sache, die mich beunruhigt. Und dann breite ich meine besorgten Gedanken in einem Dialog vor Gott aus. „Es ist wie bei einem Menschen: zunächst eröffne ich ihm meine ‚Sorgen’, dann kann ich mit ihm überlegen, was hier vorliegt und erst daraus ergibt sich dann eventuell eine konkrete Bitte an diesen Menschen um Hilfe (vgl. Jak 4,3).“[1]  


Der Friede Gottes wird die Herzen und Gedanken derer bewachen, die sich in einem Dialog mit ihrem Kummer Gott anvertrauen. Der Mensch erfährt durch den Frieden Gottes eine Hilfe, mit seinen Gedanken richtig umzugehen: sie vor Gott abzuwägen und jene, die ihn quälen wollen, abzuweisen und sein Inneres zu schützen. Die Antwort, die Gott gibt, hat nicht Angst und Kummer bei sich, sondern ist von einem göttlichen Frieden begleitet und bewahrt vor Irrwegen. Der „Friede Gottes“ meint den Schutz Gottes, wenn ein Mensch Sorgen hat. Gott schenkt Frieden, „wenn der Mensch sich auf Gott persönlich einlässt und sozusagen Gottes Gedanken mehr und mehr in sich zulässt.“[2]


(3) Paulus erinnert mit seinem Aufruf zur Freude an das Buch Nehemia, in dem der Autor ebenfalls Freude und Sorge gegenüberstellt: „Macht euch keine Sorgen; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke.“[3] Paulus hat uns gezeigt, wie wir uns die Freude bewahren können, wenn Sorgen an unsere Tür klopfen.


„Fear knocked on the door. Faith answered. No one entered.“ – „Die Furcht klopfte an die Tür. Der Glaube antwortete. Niemand trat ein.“


[1] N. Baumert, Weg 331
[2] N. Baumert, Weg 334f
[3] Neh 8,10f

2. Adventsonntag                         Phil 1,(3)4-6(7).8-11   
 

3 Ich danke meinem Gott jedesmal, wenn ich an euch denke; 4 immer, wenn ich für euch alle bete, tue ich es mit Freude 5 und danke Gott dafür, dass ihr euch gemeinsam für das Evangelium eingesetzt habt vom ersten Tag an bis jetzt. 6 Ich vertraue darauf, dass er, der bei euch das gute Werk begonnen hat, es auch vollenden wird bis zum Tag Christi Jesu.
 
(7 Es ist nur recht, dass ich so über euch alle denke, weil ich euch ins Herz geschlossen habe. Denn ihr alle habt Anteil an der Gnade, die mir durch meine Gefangenschaft und die Verteidigung und Bekräftigung des Evangeliums gewährt ist.) 8 Gott ist mein Zeuge, wie ich mich nach euch allen sehne mit der herzlichen Liebe, die Christus Jesus zu euch hat.
 
9 Und ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher an Einsicht und Verständnis wird, 10 damit ihr beurteilen könnt, worauf es ankommt. Dann werdet ihr rein und ohne Tadel sein für den Tag Christi, 11 reich an der Frucht der Gerechtigkeit, die Jesus Christus gibt, zur Ehre und zum Lob Gottes.

 
 
(1) Die Gemeinde von Philippi ist die erste christliche Gemeinde auf europäischem Boden. Paulus gründete sie bei seiner zweiten Missionsreise um das Jahr 50 n. Chr. Ihr war er in besonderer Weise verbunden. Paulus schrieb den Brief an die Philipper aus dem Gefängnis (Ephesus oder Rom). Die Christen in Philippi wollten wissen wie es ihm in der Haft geht und vor allem, was aus Epaphroditus geworden ist. Ihn haben sie zur persönlichen Hilfe mit einer ansehnlichen Spende zur Unterstützung seiner Evangeliums-Verkündigung zu ihm geschickt. Im Brief musste der Apostel auch gegen Irrlehren Stellung nehmen.
 
(2) „Dank“ ist der besondere Kitt, der Paulus und die Christen in Philippi miteinander verbindet. Nicht alle "seine" Gemeinden unterhalten eine so herzliche Beziehung zu ihm, wie diese Gemeinde. Von Anfang an erfreut er sich des unterstützenden und mittragenden Wohlwollens für sich und seine Verkündigungstätigkeit. Seit er sich im Gefängnis befindet, bedeutet ihm ihre Zuwendung besonders viel.
 
Wenn er im Brief seiner Dankbarkeit für ihr Gedenken Ausdruck verleiht, dann hofft er, dass ihnen ihre wohlwollende Haltung ihm gegenüber, ihnen durch "seinen" Gott zum Segen gereiche. Seinen Dank bringt er als Fürbitte für sie vor Gott. Die Freude, die er dabei als Trost von Gott erlebt, bestätigt ihm, dass sie, die Philipper und er, auf gottgefälligen Wegen gehen. Sein und ihr Einsatz für das Evangelium ist mehr als nur ihre großzügige finanzielle Unterstützung. Sie haben es selbst angenommen und leben danach. Sie unterstützen den Apostel in seinen Bemühungen auch anderen Menschen die Frohe Botschaft zugänglich zu machen.
 
Der Apostel vertraut darauf, dass dieses gute Werk, nämlich ihre Spende und ihr lebendiges Zeugnis, das Gott unter ihnen begonnen hat, indem er ihnen den Impuls dazu gab und den sie aufgenommen und zu verwirklichen angefangen haben, von ihm auch zu einem guten Ende gebracht wird. Diese Erkenntnis möge ihnen in gemeinsamer Begegnung mit Jesus aufleuchten und bewusst werden.
 
Paulus beteuert, dass es nur recht und billig ist, dass er so wertschätzend, lobend und dankbar von ihnen denkt. Besonders als Inhaftiertem bedeutet ihm ihre Zuneigung, ihre Sorge um sein Wohlbefinden und ihre Gebete sehr viel. Das Bekenntnis: „Ich habe euch ins Herz geschlossen“ ist Ausdruck seiner, von Herzen kommenden Zuneigung zu ihnen. In seinen Belastungen spürt er ihre Nähe, wie die von guten Gefährten – so, dass er in seinem Kampf nicht einsam ist. Gott sei sein Zeuge für seine Sehnsucht nach ihnen. Gott ist aber auch deren Ursache, denn es ist die herzliche Liebe Christi, die er dann in sich wahrnimmt und aktiviert.
 
Paulus hat ihnen "sein" Evangelium verkündet, die Frohe Botschaft, wie sie ihm Jesus selbst geoffenbart hat und was er von den Heiligen in Jerusalem gehört und erfahren hat. Er betet darum, dass die Liebe der Philipper zu ihm, zu Paulus, immer noch mehr wachsen und sich nichts zwischen ihnen und ihm stellen möge, wodurch das gegenseitige Vertrauen getrübt werden könnte. Auf diesem Fundament der Liebe zu ihm und zum Evangelium wie er es verkündet, mögen sie reich werden an zusätzlicher Erkenntnis und Einsicht. Paulus propagiert also nicht, dass etwas zuerst erkannt werden muss, um es lieben zu können. Bei personalen Beziehungen ist es anders. Nur wer mit einem Vorschuss an Vertrauen und Liebe jemandem begegnet, kann ihn wirklich kennen lernen. Ansonsten kommt es nicht zu einer wirklich menschlichen Begegnung.
 
So werden die Philipper jedenfalls die echten von den unechten Verkündern des Evangeliums unterscheiden lernen und erkennen, dass die Verkündigung des Paulus authentisch ist. Nur wenn sie die Abweichungen vom Evangelium Christi erkennen, werden sie von Irrwegen bewahrt bleiben.
 
Kriterium der Echtheit der Verkündigung werden ihre Früchte sein. An ihnen werden sie erkannt (Lk 6,43-45). Gerechtigkeit ist die Frucht, die in gerechtem Tun besteht. Im Falle der Philipper ist es ihr  “Trauen in Gott, ihre Unterstützung des Apostels und dass sie sich an ihn gehalten haben und in der Gefangenschaft nicht von ihm abgewendet haben, das alles wird dann ein Ort sein, an dem Gottes Herrlichkeit aufleuchtet.“[1] Das ist ihr „Tag Christi“.
 
(3) Der Brief an die Philipper zeigt ein tiefes, inniges Vertrauensverhältnis zwischen dem Apostel und seiner Gemeinde. Es ist ein gegenseitiges Anteilnehmen und Anteilgeben im Leben für Gott und füreinander. Es ist ein kostbarer Schatz, der behütet werden muss.
 
[1] N. Baumert, Weg 265

1. Adventsonntag C                                                       1 Thess 3,12-4,2
 
12 Euch aber lasse der Herr wachsen und reich werden in der Liebe zueinander und zu allen, wie auch wir euch lieben, 13 damit euer Herz gefestigt wird und ihr ohne Tadel seid, geheiligt vor Gott, unserem Vater, wenn Jesus, unser Herr, mit allen seinen Heiligen kommt.
 
1 Im übrigen, Brüder, bitten und ermahnen wir euch im Namen Jesu, des Herrn: Ihr habt von uns gelernt, wie ihr leben müsst, um Gott zu gefallen, und ihr lebt auch so; werdet darin noch vollkommener! 2 Ihr wisst ja, welche Ermahnungen wir euch im Auftrag Jesu, des Herrn, gegeben haben.

(1) Nach einem dankbaren Rückblick auf die Anfangszeit in Thessaloniki thematisierte Paulus die Bedrängnisse der jungen Christengemeinde und die Sendung des Timotheus nach Thessaloniki. Dieser sollte Verleumdungen, die über Paulus in Umlauf gebracht wurden, widerlegen und erkunden, ob ihm die Gemeinde nach wie vor vertraut. Er kam mit positiver Nachricht zurück und berichtete auch über Fragen, die die Gemeinde aktuell beschäftigten. Diese Fragen dürften im Hintergrund der heutigen Lesung stehen, in der Paulus zu geistlichem Wachstum ermutigt.
 
(2) Paulus will die Thessalonicher zu geistlichem Wachstum und Reichtum „in der Liebe zueinander und zu allen“  bewegen. Er tut dies mit Blick auf das Kommen des Herrn. Die Begegnung mit dem Herrn am Ende der Zeit soll das gegenwärtige Handeln motivieren. Damit steht er auf festem apostolischen Grund. Die Strahlkraft der christlichen Gemeinde hängt von der Verwirklichung „der Liebe zueinander und zu allen“ ab. Dieses neue Miteinander ist Jesu Gabe und Auftrag. Das kontrastierende Leben der Jerusalemer Urgemeinde wurde positiv wahrgenommen.[1] Der antike Schriftsteller Tertullian (2. Jhdt.) weist auf deren Miteinander hin: „Seht wie sie einander lieben.“
 
Der Missionar Paulus öffnet die  innergemeindliche, geschwisterliche Liebe auf die Thessalonicher hin. Er hat ihnen die Liebe Jesu, die zunächst auf Israel und die christliche Gemeinde begrenzt war, durch seine Verkündigung zugänglich gemacht und ihnen so Anteil gegeben an diesem Empfangen und Weitergeben. Die christliche Gemeinde steht auf zwei Säulen: Die empfangene Liebe Christi mit den Brüdern und Schwestern zu teilen ist die eine, die andere besteht darin, diese Erfahrung der Liebe Christi, die sich in der geschwisterlichen Liebe konkretisiert, anderen Menschen anzubieten.
 
Die Verwirklichung „der Liebe zueinander und zu allen“ ist mühsam und ist vielen Pfarr-Gemeinden abhanden gekommen;[2] ebenso das Wissen, dass das gelebte Miteinander im Geiste Jesu überzeugt und Mission unaufgebbarer Auftrag Jesu ist.
 
Jesus verkündete das Reich Gottes in Wort und Tat. Mit seinen Aposteln und Jüngern hat er in einer Lebens-, Lern-, und Schicksalsgemeinschaft gelebt und ein neues Miteinander praktiziert. Seine Gefährten und Gefährtinnen, die den Willen Gottes erfüllen, bilden seine „neue Familie“. Im Reich Gottes, das mit Jesus angebrochen ist, räumen Menschen freiwillig Gott Herrschaft über sich ein. Bei ihnen sollen andere Maßstäbe gelten als bei den Machthabern dieser Welt, die ihre Untertanen unterdrücken. Jesus stellt die Machtstrukturen auf den Kopf: „Der Erste soll der Diener aller sein.“ Daher sollen die Seinen bei Gastmählern nicht auf die Ehrenplätze zusteuern. Ihnen soll der Sünder vor Augen stehen, der hinten im Tempel stehen bleibt und bekennt: „Herr sei mir Sünder gnädig.“ Jesus integriert und schließt nicht aus und lehrt seine Anhänger „das Denken vom anderen her.“ Er wendet seine Aufmerksamkeit den Ausgegrenzten zu, den Sündern, den Zöllnern und den Aussätzigen. Er kam in die Welt, um das Verlorene zu suchen und zu retten. Wenn er die 99 stehen lässt, um das eine verlorene Schaf zu suchen, zeigt er wie viel ihm jeder Einzelne dieser 99 bedeutet. Nachdem er im Abendmahlsaal den Jüngern die Füße gewaschen hatte verband er seinen Sklavendienst mit dem Auftrag: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe (Joh 13,15).“ Schließlich betonte er, dass es keine größere Liebe gibt, als die, dass einer sein Leben hingibt für seine Freunde. „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe!“ lautet sein Auftrag (Joh 13,34). Diesem weiß sich Paulus verpflichtet und legt ihn den Thessalonichern (und uns) ans Herz.
 
Ein solches Leben „in der Liebe zueinander und zu allen“ ist nur möglich, wenn die Reben mit dem Weinstock verbunden bleiben (Joh 15,1-8). Der Einzelne erfährt in diesem Strom des Empfangens der Liebe und deren Weitergabe, Stärkung und erfreut sich an der Tatsache, „mit Gott verbundenes Werkzeug“ sein zu dürfen. Wenn also die Gemeinde als Ganzes und die Einzelnen mit Christus verbunden bleiben, bringen sie reiche Frucht. In solch einem dichten, geistlichen Klima wird Christus inmitten seiner Heiligen erfahrbar. Die Gemeinde wird dann zu dem in der Bergpredigt beschworenen „Licht der Welt“ und „Salz der Erde“ und zu einem Zeichen der Hoffnung für die Welt.
 
Auch wenn die Thessalonicher in ihrer Nachfolge bereits erhebliche Fortschritte gemacht haben sind sie doch noch nicht am Ziel. Paulus weiß von Timotheus auch von einigen Mängeln und Defiziten in der Gemeinde. Die will er offen ansprechen. Auf dem geistlichen Weg können immer wieder von neuem Schwierigkeiten auftreten. Nur wenn sie wahr- und angenommen werden, ist ihre Verwandlung möglich.
 
Dem Apostel ist aber wichtig, zunächst die Umkehr der Bekehrten zu loben: „ihr lebt auch so.“ Sie haben den Herrschaftswechsel in ihrem Leben konkret vollzogen und haben sich von den fremdbestimmenden Mächten abgewandt. Seit ihrer Bekehrung bestimmt Jesus ihr Leben. Das brachte beachtliche Veränderungen in ihre Lebensführung. Paulus bittet und ermutigt sie, auf diesem Weg des Wachsens in der Nachfolge Jesu, unbedingt weiterzugehen: „werdet darin noch vollkommener!“
 
(3) Wir dürfen Madeleine Delbrel’s Überzeugung teilen: „In Gemeinschaft leben heißt, für die Welt... die Gegenwart Jesu sicherstellen, gemäß seinem Wort: ‚Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, bin ich mitten unter ihnen.’ Ein Gemeinschaftsleben, das in vollkommener Liebe gelebt wird, ist wie ein Streichholz, auf das man nicht verzichten kann, wenn man ein Feuer anzünden will unter den Menschen“ (Frei 20).[3]


[1] Apg 2,47: „Sie lobten Gott und fanden Gunst beim ganzen Volk.“ Apg 4,32: „Die Menge derer, die gläubig geworden waren, war ein Herz und eine Seele.“ Apg 5,13b: „aber das Volk schätzte sie hoch.“ 
[2] Auch die Familie ist heute weniger denn je, eine christliche „Basisgemeinde“.
[3] zitiert nach R. Nürnberg, Ergriffen 24


34. Sonntag i. Jk. - Christkönig                                             Offb 1,5b-8
 
Jesus Christus ist der treue Zeuge, der Erstgeborene der Toten, der Herrscher über die Könige der Erde. Ihm, der uns liebt und hat uns von unseren Sünden erlöst hat durch sein Blut, 6 der uns zu einem Königreich gemacht hat und zu Priestern vor Gott, seinem Vater: Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht in alle Ewigkeit. Amen.
 
7 Siehe, er kommt mit den Wolken und jedes Auge wird ihn sehen, auch alle, die ihn durchbohrt haben; und alle Völker der Erde werden seinetwegen jammern und klagen. Ja, amen.
 
8 Ich bin das Alpha und das Omega, spricht Gott, der Herr, der ist und der war und der kommt, der Herrscher über die ganze Schöpfung.

 
 
(1) Am Anfang und am Ende der Bibel ist die Rede vom Paradies. Am Anfang, wenn von der erschaffenen Welt gesagt wird, dass sie gut ist (Gen 1) und am Ende, wenn das himmlische Jerusalem sich vom Himmel her auf Erden durchsetzt (Offb 21-22). Das himmlische Jerusalem überragt das Schöpfungsparadies, weil es die Rettung des gefallenen Menschen durch Jesus Christus bedeutet. Dieser hat sein Leben für die Menschen hingegeben und tritt als Auferstandener für sie beim Vater ein. Darauf baut die Hoffnung eines jeden Christen.
 
Christsein erschöpft sich nicht im Für-wahr-halten von Glaubenssätzen, sondern auch und vor allem im Leben aus dem Glauben und im Zeugnisgeben für Jesus Christus. Was wird aus denen, die zu Jesu stehen? Lohnt sich das Leben des Zeugnisgebens und im Extremfall das Martyrium?
 
(2) „Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht in alle Ewigkeit. Amen.“ Mit diesem Aufruf fordert Johannes, der Verfasser der Offenbarung, seine Leser auf, Jesu liebenden Einsatz für uns Menschen dankend anzuerkennen. Natürlich schließt diese dankende Anerkennung des Heilshandelns Jesu auch die Aufgabe der Nachfolge und des Zeugnisses für Jesus ein. Dies fällt dem leicht, der sich klar und ausführlich „Jesu Leben für die Menschen“ - seine Proexistenz – immer wieder neu vor Augen führt. Johannes formuliert seinen Aufruf vor dem Hintergrund des Wiederkommens Jesu am jüngsten Tag.
 
„Jesus Christus ist der Herrscher über die Könige der Erde.“ Das ist die dritte Aussage, mit der der Autor den Aufruf zur dankenden Anerkennung Jesu begründet. Mit seinem Tod, seiner Auferweckung und Erhöhung zur Rechten Gottes ist Jesus uneingeschränkter Herrscher der Welt, was bei der Vollendung der Welt endgültig sichtbar werden wird. Für die, die das wissen, verlieren die irdischen Machthaber, Reichen und Schönen und Trendsetter, die sich nach göttlicher Verehrung sehnen, ihre Strahlkraft. Das verleiht unendliche Freiheit und schenkt Hoffnung auch im Leiden.
 
„Jesus Christus ist der Erstgeborene der Toten.“ Mit der Auferweckung Jesu hat Gott Jesu Sache und ihn als Person bestätigt und gegenüber seinen Feinden ins Recht gesetzt. Als unser Bruder hat er uns Anteil gegeben, auch an seiner Auferstehung. Hinter der Formulierung „Erstgeborene der Toten“ steht die Vorstellung von der allgemeinen Totenauferweckung. „Es ist durchaus ... naheliegend, dass die Jünger Jesus zwar als den ersten der von den Toten Auferstehenden begriffen, dass sie aber zugleich damit rechneten, die universale Totenauferweckung und das Ende der Welt würden erst in Tagen oder Wochen folgen.“ Jesus ist der Erste, der Anfang der mit ihm nun eingeleiteten Auferstehung der Toten.[1]
 
„Jesus Christus ist der treue Zeuge.“ Jesu Leben war Zeugnis für Gott, von seiner Geburt bis zum Tod. An seinem Leben und Sterben wird sichtbar, wer Gott ist und wie er sich zu uns Menschen verhält. Jesus zeigt uns, wer der Vater ist, was sein Wille ist und wie er seine Liebe den Menschen erweist. Vor Pontius Pilatus bekennt er, sein bisheriges Leben in den Blick nehmend: „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.“ (Joh 18,37) Für diese Wahrheit, die Wahrheit des Evangeliums, nämlich die Rettung der Menschen, ist Jesus als Blut-Zeuge gestorben.
 
Jesu Zeugnis ist ein Zeugnis aus Liebe, mit dem er uns den aufrechten Gang lehren und den Zugang zum Himmel öffnen möchte. Er hat nicht mit Gewalt und Hass reagiert als er mit seiner Botschaft auf Widerstand stieß, sondern agierte in Liebe, die ans Kreuz genagelt wurde. Das bedeutet die Vollendung seiner gelebten Botschaft von der Liebe Gottes. Jesu Liebe ist Gegenwart. Sein Tod ist vergangen, aber fortwährend wirksam: „Er liebt uns und hat uns von unseren Sünden erlöst durch sein Blut“.
 
(3) Der Verfasser der Offenbarung weiß, was aus jenen wird, die diesem Zeugnis Jesu folgen. „Sie erfahren einen Zuspruch, der unglaublich ist, aber zeigt, welchen Stellenwert sie in Gottes Augen haben (Offb 1,5; vgl. 5,10): ‚Er hat uns zu Königen gemacht und zu Priestern für Gott unseren Vater.’“[2]
[1] G. Lohfink, Jesus 421f
[2] Th. Söding, Gottessohn 139 bzw. 136-139

33. Sonntag im Jahreskreis                                          Hebr 10,11-14.18
 
11 Jeder Priester steht Tag für Tag da, versieht seinen Dienst und bringt viele Male die gleichen Opfer dar, die doch niemals Sünden wegnehmen können. 12 Dieser aber hat nur ein einziges Opfer für die Sünden dargebracht und sich dann für immer zur Rechten Gottes gesetzt; 13 seitdem wartet er, bis seine Feinde ihm als Schemel unter die Füße gelegt werden. 14 Denn durch ein einziges Opfer hat er die, die geheiligt werden, für immer zur Vollendung geführt.
 
18 Wo aber die Sünden vergeben sind, da gibt es kein Opfer für die Sünden mehr.

 
(1) Was wir in der heutigen Lesung gehört haben bildet den Höhepunkt der Aussagen über den Hohenpriester Jesus Christus. Alles, was der Verfasser des Hebräerbriefes bisher zu diesem Thema sagte, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Jesus Christus hat das vollkommene, unüberbietbare Opfer dargebracht.
 
(2) Der Briefautor betont noch einmal den Unterschied zwischen den Priestern des Alten Bundes und dem Hohenpriester Jesus Christus. Während die alttestamentlichen Priester zwar treu ihren Dienst versehen und immer die gleichen Opfer darbringen, die jedoch wirkungslos bleiben, weil sie die Sünden nicht wegnehmen können, hat Jesus durch seine einmalige Selbsthingabe ein für immer gültiges Opfer dargebracht.
 
Sinn und Praxis der Opfer im Alten Bund werden in sichtbar.[1] Dort heißt es: „Folgendes sollst du auf dem Altar darbringen: Tagtäglich und ständig zwei männliche einjährige Lämmer. Das eine Lamm sollst du am Morgen, das andere zur Zeit der Abenddämmerung darbringen, ... Das zweite Lamm bring zur Zeit der Abenddämmerung dar, mit einer Opfergabe und einem Trankopfer wie am Morgen, zum beruhigenden Duft als Feueropfer für den Herrn.“
 
Was kein Brandopfer vermochte, das hat Jesus durch sein Leiden und Sterben bewirkt: Das „Lamm Gottes“ hat uns die Vergebung der Sünden gebracht. Persönlicher Schuld kann eben nur durch persönliche Sühne begegnet werden. Jesus sühnt persönlich nicht seine Schuld, sondern die der gesamten Menschheit.
 
Jesu Karfreitag, sein Sterben, seine Auferstehung und Himmelfahrt bringt der Verfasser in dem einen Satz zum Ausdruck: „Dieser aber hat nur ein einziges Opfer für die Sünden dargebracht und sich dann für immer zur Rechten Gottes gesetzt;“ Aber die letzte, vor aller Welt sichtbare Bestätigung des heilschaffenden Opfertodes Jesu, wird durch Gott am Tag der Wiederkunft Jesu geschehen, wenn ihm seine Feinde als Schemel unter die Füße gelegt werden, was immer das heißen mag. Der Hinweis auf Jesu Wiederkunft soll die Leser und Hörer zum  geduldigen Standhalten und zur Bewährung in der kommenden Zeit der Krise motivieren.
 
Wer Jesu Lebenshingabe als Heilsgabe für sich annimmt, der ist geheiligt und darf mit Vollendung rechnen. Wer glaubt, dass Jesus für ihn gestorben ist, der gehört zu ihm und sein Wesen kann durch das Wirken des Heiligen Geistes in das Bild Jesu verwandelt werden.
 
(3) Zwei Fragen wollen zusammenfassend beantwortet werden: Worin bestand das Opfer Jesu? und, Was hat er uns mit diesem Opfer geschenkt?
 
Jesus hat seiner göttlichen Herrlichkeit entsagt, ist in Armut Mensch geworden und in äußerster Armut gestorben. Er hat die unterste Stelle gewählt und ging den Weg der Erniedrigung. Gehorsam hat er den Willen des Vaters erfüllt, der unsere Erlösung zum Ziel hatte. In den Versuchungen ist er seiner Sendung treu geblieben und hat Gottes Willen über seinen eigenen gestellt. Der Sohn Gottes hat seinen eigenen Willen als Opfer dargebracht. Jesus war Priester und Opfer zugleich. Er hat sein eigenes, sündenloses Leben als Opfer dargebracht. Damit hat er alle Opfer des Alten Bundes erfüllt.
 
Jesus hat uns durch seinen Opfertod völlige Vergebung beim Vater erwirkt. Sein Opfer reichte zur Tilgung unserer Sünden und braucht daher nicht mehr wiederholt zu werden. Er befähigt uns zum Dienst für Gott. Der Gehorsam Jesu wird zum Motiv der Jünger und Jüngerinnen, die ihm nachfolgen. So wird auch ihr Leben zu einem „lebendigen Opfer“. Jesu Opfer wirkt auch unsere Heiligung. Der Heilige Geist erneuert unser Leben und wandelt es um.
[1] Ex 29,38-41

32. Sonntag im Jahreskreis                                               Hebr 9,24-28
 
24 Christus ist nicht in ein von Menschenhand gemachtes Heiligtum hinein gegangen, in ein Abbild des wirklichen, sondern in den Himmel selbst, um jetzt vor Gottes Angesicht zu erscheinen für uns; 25 auch nicht, um sich selbst viele Male zu opfern, wie der Hohepriester jedes Jahr mit fremdem Blut in das Heiligtum hineingeht; 26 sonst hätte er viele Male seit der Erschaffung der Welt leiden müssen. Jetzt aber ist er am Ende der Zeiten ein einziges Mal erschienen, um durch sein Opfer die Sünde zu tilgen.
 
27 Und wie es dem Menschen bestimmt ist, ein einziges Mal zu sterben, worauf dann das Gericht folgt, 28 so wurde auch Christus ein einziges Mal geopfert, um die Sünden vieler hinwegzunehmen; beim zweiten Mal wird er nicht wegen der Sünde erscheinen, sondern um die zu retten, die ihn erwarten.

 
(1) Im Film „Die letzte Stufe“ berührt die Szene, in der Freiherr von Gersthof die von Hans von Dohnany gebastelte Bombe in die Manteltasche steckt. „Das ist doch Selbstmord“ stellt Dietrich Bonhoeffer erschüttert fest. Der entschlossene Attentäter betont, dass er dann Hitler wenigstens auch mitnehmen werde. Er bittet Dietrich um den Segen. Der zögert und ringt mit der Frage, ob man einen Attentäter segnen dürfe. Schließlich bringt er seine Entscheidung mit einem Wort Jesu zum Ausdruck: „Es gibt keine größere Liebe als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde.“ Er sieht offenbar in Gersthofs Bereitschaft zu sterben den entschiedenen Wunsch weiteres Blutvergießen durch Hitler zu verhindern.
 
(2) Der Verfasser des Hebräerbriefes verkündet die Frohbotschaft in kultischer Sprache. Er ist fasziniert von Jesu Dienst und Sendung, die er mit seiner Lebenshingabe erfüllt. Er bringt dieses weltbewegende Geschehen in schlichten Worten zum Ausdruck: „Jetzt aber ist er am Ende der Zeiten ein einziges Mal erschienen, um durch sein Opfer die Sünde zu tilgen.“
 
„Als die Zeit erfüllt war“ kam Jesus in die Welt, um das Unheil, das mit Adam in die Welt gekommen war, die Konsequenzen der Auflehnung gegen Gott, aufzuheben. Jesu irdisches Wirken war darauf angelegt die Welt mit Gott zu versöhnen. Das neue Miteinanander war und ist ein wesentlicher Bestandteil des Reiches Gottes, das mit Jesus angebrochen ist und über seinen Tod und seine Auferstehung hinaus „Licht der Welt“ sein soll. Seine Beziehung zum Vater und zu den Menschen ist das Maß für die Gottes- und Nächstenliebe. Sein Leben steht unter dem Vorzeichen des „Für-andere“. Seinen Worten folgten Taten. Er lebte, was er verkündete. Das aber rief die auf den Plan, die um Macht und Einfluss fürchteten.
 
Jesu drei Leidensankündigungen auf dem Weg nach Jerusalem zeigen, dass ihm klar geworden war, dass die Versöhnung der Menschen mit Gott über seinen Tod laufen werde. Beim „Letzten Abendmahl“ hat Jesus seinen Tod als Hingabe für die „Seinen“ gedeutet und durch sein Blut den Bund Gottes mit seinem Volk erneuert. Der Briefschreiber versteht Jesu Tod als Opfer, das die Kraft hat die Sünden zu tilgen. Die Vergebung der Sünden geschah dadurch, dass Jesus unsere Sünden auf sich nahm: „Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot seien für die Sünden und für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt (1 Petr 2,24).“
 
Nocheinmal betont der Autor die grundlegende Voraussetzung unseres Heils: „So wurde auch Christus ein einziges Mal geopfert, um die Sünden vieler hinwegzunehmen.“  Das war der entscheidende Auftrag, mit dem Gott Jesus und die Welt gesandt hat: die Sünder zu retten. Die Evangelien bezeugen dies: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele (Mk 10,45).“ 
 
In der Darstellung des Opfers Jesu betont der Verfasser die Überlegenheit des Priestertums Jesu gegenüber dem irdischen Hohenpriester, der alle Jahre wieder am Versöhnungstag ins Allerheiligste treten musste, um mit fremdem Blut die Sühnung des Volkes zu bewirken. Jesus dagegen gab sich selbst hin, indem er sein eigenes Blut vergoss. Sein Opfer ist ein Opfer, das Gott gefällt, weil er Gott nichts vorenthält und sein Herz dabei nicht fern von ihm ist.[1] Mit der Betonung der Einmaligkeit des Opfers Jesu werden wir auf die Größe und den unermeßlichen Wert des Kreuzestodes Jesu verwiesen: Im Kreuz ist unser Heil.
 
(3) Gott hat mit der Sendung seines Sohnes Jesus alles getan, was zur Rettung der Menschen möglich und nötig war. Nun aber liegt es an jedem einzelnen Menschen, das angebotene Heil anzunehmen. Wenn die Leser des Hebräerbriefes dieses Heil annehmen und die Retterliebe Gottes bezeugen ergeben sich für sie wie für uns bestimmte Gewissheiten:
 
„Gewiss ist,
dass wir immer in der Nähe
und unter der Gegenwart Gottes
leben dürfen
und dass dieses Leben
für uns ein ganz neues Leben ist.
Gewiss ist,
dass wir nichts zu beanspruchen haben
und doch alles erbitten dürfen;
gewiss ist,
dass im Leiden unsre Freude,
im Sterben unser Leben
verborgen ist;
gewiss ist,
dass wir in dem allen
in einer Gemeinschaft stehen,
die uns trägt.
Zu all dem hat Gott
in Jesus Ja und Amen gesagt.
Dieses Ja und Amen
ist der feste Boden,
auf dem wir stehen.“
                   (Dietrich Bonhoeffer)

 
[1] Vgl. Aussagen zum Opfer: Mk 12,33; 12,41-44 (heutiges Evangelium); Mt 5,23; 9,13; 12,7; 15,5; 23,18-23;           

  31. Sonntag im Jahreskreis                                                           Hebr 7,23-28
 
23 Im Ersten Bund folgten viele Priester aufeinander, weil der Tod sie hinderte zu bleiben; 24 Jesus aber hat, weil er in Ewigkeit bleibt, ein unvergängliches Priestertum. 25 Darum kann er auch die, die durch ihn vor Gott hintreten, für immer retten; denn er lebt allezeit, um für sie einzutreten.
 
26 Ein solcher Hohepriester ziemte sich in der Tat für uns:einer, der heilig ist,frei vom Bösen, makellos,
abgesondert von den Sündern und erhöht über die Himmel; 27 einer, der es nicht Tag für Tag nötig hat, wie die Hohepriester zuerst für die eigenen Sünden Opfer darzubringen und dann für die des Volkes; denn das hat er ein für alle Mal getan, als er sich selbst dargebracht hat.
 
28 Das Gesetz nämlich macht Menschen zu Hohepriestern, die der Schwachheit unterworfen sind; das Wort des Eides aber, der später als das Gesetz kam, setzt den Sohn ein, der auf ewig vollendet ist.
 
 
(1) Was kann einen Menschen bewegen, Demütigung, Verfolgung und Leiden auf sich zu nehmen? Der Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse Viktor Frankl, wies darauf hin, dass viele KZ-Lagergefährten die Qualen des Lagers überstanden haben, weil sie wussten, dass nach dem Lager eine Aufgabe auf sie wartet, die noch erfüllt werden muss, oder ein Mensch auf ihn wartet, der ihn dringend braucht.
 
(2) Was Jesu Priestertum für die Empfänger des Hebräerbriefes bedeutet, kommt in der Schlussfolgerung aus dem Vergleich des alttestamentlichen Hohenpriestertums und dem Jesu zum Ausdruck: „Darum kann er auch die, die durch ihn vor Gott hintreten, für immer retten; denn er lebt allezeit, um für sie einzutreten.“ Es geht also um die Rettung derer, für die der Verfasser den Brief geschrieben hat. Diese leben in Angst und Sorge, dass Verfolgung und Tod sie ereilen könnten, wenn sie an ihrem Glauben an Jesus Christus festhalten und ihn öffentlich als ihren Herrn bezeugen. Es braucht also überzeugende Gründe, um die verunsicherten und entmutigten Christen zu stärken.
 
Die im Brief Angesprochenen sind sich zwar bewusst, dass ihnen niemand diese Würde und Freiheit geben kann, wie sie Jesus, der Sohn Gottes ihnen versichert. Aber genügt das, um denen, die ihnen diese Freiheit nehmen wollen, auch schon die Stirn zu bieten und dafür, wenn nötig, auch in den Tod zu gehen? Ist es eine Verweigerung gegen Gott, eine Sünde, wenn sie, um ihre Haut zu retten, sich den drohenden Verfolgungen entziehen?
 
Der Briefautor nennt den Grund für die Glaubenstreue, zu der er die Briefadressaten ermutigen will: Jesus hat sich „ein für alle Mal“ selbst als Opfer dargebracht, um sie von dem zu befreien, was sie von Gott trennt. Er hat sein Leben nicht geschont, um ihnen den Zugang zum ewigen Leben zu öffnen. Während die irdischen Hohenpriester zuerst für ihre eigenen Sünden Opfer darbringen mussten, um anschließend für die des Volkes, hat Jesus hingegen sich selbst als Opfer hingegeben.
 
Auf diesen persönlichen Einsatz Jesu, der nicht einmal das eigene Leben ausgeklammert hat, ist es dem Briefautor angekommen: Jesu Existenz war eine Pro-Existenz. Das „Für die Menschen“ ist das Kennzeichen seines Lebens. In seinem irdischen Leben ging es ihm darum, die Schönheit und Würde der Gottesebenbildlichkeit des Menschen wieder herzustellen. Er hat geheilt und die Menschen von ihren vielfältigen Entstellungen und Verwirrungen befreit. Als „Arzt“ wusste er sich zu den Kranken und nicht zu den Gesunden gesandt. Er kam in die Welt, um das Verlorene zu suchen und heimzuführen zum Vater. Er kam, um die Blinden sehend zu machen und zwar so, dass sie mit den Augen des Herzens sehen, so dass sie ihn als den Gesandten Gottes erkennen und ihm nachzufolgen.
 
Mit ihm sollen die Sehenden das „Reich Gottes“ aufrichten, das Reich, in dem die Gottes- und Nächstenliebe jeder Verzweckung und Entfremdung des Menschen entgegen wirken. Jesu Auferweckung bedeutet daher nicht nur, dass mit Jesu Tod nicht alles zu Ende ist, sondern dass Gott Jesu Sache, Person und Sendung bestätigt und seinem Willen entspricht. Jesu Auferstehung ist auch nicht bloß eine Bestätigung der Allmacht Gottes. Sie ist auch und vor allem eine Bestätigung der „Pro-Existenz Jesu“. Wie Jesus in seinem irdischen Leben „für andere“ gelebt hat, so steht auch sein Auferstehungsleben im Zeichen dieses „Für-andere“.
 
Darum wird er die, „die durch ihn vor Gott hintreten, für immer retten.“  Auf dieses „durch ihn“ will der Verfasser aufmerksam machen. Wenn die Botschaft von der Würde und Gottebenbildlichkeit des Menschen nicht sterben soll, braucht es Menschen, die die Sendung Jesu weiterführen. In den Evangelien betont Jesus, dass derjenige, der ihn vor den Menschen bekennt, damit rechnen kann, dass er sich vor Gott zu ihm bekennen wird.  Er weist aber auch darauf hin, dass der, der ihm nachfolgt, das Kreuz nicht von vornherein ausschließen darf: „Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten.“ (Mk 8,34f)
 
(3) Haben die Verheißungen mit denen der Autor des Hebräerbriefes die Adressaten zum Durchhalten und zum Zeugnis für Jesus motiviert, dieselbe Kraft wie das Wissen um eine noch zu erfüllende Aufgabe oder, dass es einen Menschen gibt, der auf mich wartet? Gibt mir die Glaubensgewissheit, dass Jesus für mich beim Vater eintreten und mich retten wird, die Kraft, ihn auch in lebensbedrohenden Situationen zu bezeugen?


30. Sonntag im Jahreskreis     Hebr 5,1-6
 
1 Jeder Hohepriester wird aus den Menschen genommen 
und für die Menschen eingesetzt zum Dienst vor Gott,
 um Gaben und Opfer für die Sünden darzubringen. 2 Er ist fähig,
 mit den Unwissenden und Irrenden mitzufühlen,
 da er auch selbst behaftet ist mit Schwachheit, 3 und dieser Schwachheit wegen muss er
wie für das Volk so auch für sich selbst Sündopfer darbringen. 4 Und keiner nimmt sich selbst diese Würde,
sondern er wird von Gott berufen, so wie Aaron.
 
5 So hat auch Christus
sich nicht selbst die Würde verliehen, Hohepriester zu werden, 
sondern der zu ihm gesprochen hat: Mein Sohn bist du. Ich habe dich heute gezeugt, 6 wie er auch an anderer Stelle sagt: Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchísedeks.

 
 
(1) Die Konzeption des Hebräerbriefes wird bestimmt vom gehorsamen, barmherzigen, Gott geweihten Leben Jesu und seines Sterbens. Dieses wird im Licht seiner Auferweckung und der Melchisedek-Offenbarung gedeutet. Im Mittelpunkt des Briefes steht die Aussage, dass Jesus der allein würdige Hohepriester nach der Art des Priesterkönigs Melchisedek ist. In ihm ist das alttestamentliche Priestertum an sein Ziel und Ende gelangt.
 
(2) In der heutigen Lesung wird das Amt des irdischen Hohenpriesters in den Blick genommen und dessen Würde betont. Sein Amt geht auf Moses und die Tora zurück.
 
 Die Tora, das Gesetz Mose, hat Aaron aus dem Stamm Levi und seinen männlichen Nachkommen das Amt des Hohenpriesters übertragen. Aaron stand als erster Hoherpriester an der Spitze der Priester. Ihm folgte einer seiner männlichen Nachkommen in diesem Amte nach. Der Hohepriester war jeweils mit besonderen Vollmachten, Rechten und eigener Amtskleidung ausgestattet. Er musste Weihe und Einkleidung empfangen (Lev 8).
 
Der Hohepriester, der sowohl das erwählte Volk als auch das Priestertum repräsentiert, trägt eine Goldplakette mit der Inschrift "Jahwe heilig". Neben diesem Abzeichen trägt er auch eine Orakeltasche auf der Brust. Darin befinden sich zwölf Steine, von denen jeder den Namen eines der zwölf Söhne Jakobs trägt. Das drückt aus, dass der Hohepriester die Interessen des Zwölfstämmevolkes Israel wahrnimmt.
 
Drei Momente bestimmen den Dienst des Hohenpriesters. Er ist von Gott berufen und auserwählt. Er hat das Vorrecht in Jahwes Allerheiligsten zu stehen. Am Versöhnungstag obliegt ihm die Durchführung des Dienstes der Versöhnung. Die Liturgie am Versöhnungstag (Jom Kippur) bildet den Höhepunkt des hohenpriesterlichen Dienstes (Lev 16). Dem durch das Los "für Asasel" bestimmten Ziegenbock, werden stellvertretend die Sünden des Volkes aufgeladen und in die Wüste getrieben (Lev 16,8-10.22).
 
Der Hohepriester bringt als Mittler zwischen Gott und Mensch einerseits die Bitten vor Gott und erweist ihm die Ehre und andererseits gibt er den Willen Gottes an die Menschen kund und bewahrt die religiösen Traditionen. Nicht selten mussten Propheten unwürdiges Treiben der Hohenpriester, deren Missachtung der Tora und Lauheit im Dienst, verurteilen.
 
Der Psalm 110 begrüßt den König, wohl an seinem Krönungstag, "als Priester auf ewig nach der Art des Melchisedek". Wie Melchisedek aus der kanaanäischen Urzeit (Gen 14,17-20) sowohl König als auch Priester war, soll auch der neue israelitische (Stadt-) König Priester sein. Die Verbindung von Königtum und Priestertum in einer Person gehört zwar der Urzeit an, wurde aber auch für die Zukunft erwartet.
 
In Jesus findet nach dem Neuen Testament die Hoffnung auf die ideale Priestergestalt ihre Erfüllung. Er versteht sich als der erwartete Hohepriester.
 
(3) Unserer heutigen Lesung entsprechend ist der Hohepriester aus den Menschen ausgewählt und für sie eingesetzt zum Dienst vor Gott. Er hat Opfer darzubringen für ihre Sünden. Was den Hohenpriester mit seinen Mitmenschen für seinen Dienst eignend verbindet ist das, was sie gemeinsam von Gott trennt - die Sünde. Was ihn zu diesem „Beruf“ ermächtigt ist, dass er sich seines sündenanfälligen Wesens und der Gefahr sich jederzeit von Gott zu trennen, bewusst ist. Er muss also nicht nur den Opferdienst äußerlich korrekt vollziehen. Er bedarf auch einer einfühlsamen, barmherzigen Haltung gegenüber dem Sünder, gegenüber dessen „Unwissenheit und Irrungen“[1]. Eine solche Haltung muss die eigene Lebensrealität ungeschönt und ehrlich wahr- und annehmen. Er darf sich nicht selbst lossprechen von seinen Unwahrheiten, seinen Lieblosigkeiten und den Verletzungen, die er anderen zugefügt hat, mit der selbstbetrügerischen Formel: Ich hab doch keine Sünden![2] Vorausgesetzt wird, dass er den Balken im eigenen Auge sieht, um Verständnis zu haben für den Splitter im Auge seines Mitmenschen. Daher ist er verpflichtet, zuerst für sich selbst zu opfern, bevor er das Sündopfer für das Volk darbringt.
 
Die Würde des Hohenpriesters erhält der Mensch durch die Berufung Gottes. Auch Jesus hat sich die Würde dieses Amtes nicht genommen, sondern sie wurde ihm von Gott verliehen: „Mein Sohn bist du. Heute habe ich dich gezeugt... Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks.“
                                                               

[1] Num 13,28-31
[2] Psalm 19,13: „Wer bemerkt seine eigenen Fehler? Sprich mich frei von Schuld, die mir nicht bewusst ist.“

29. Sonntag im Jahreskreis   Hebr 4,14-16              

14 Da wir nun einen erhabenen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, lasst uns an dem Bekenntnis festhalten.[1]

 
15 Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat. 16 Lasst uns also voll Zuversicht hingehen zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit.

 
(1) Der Verfasser des Briefes nimmt Bezug auf die Gefahr des Abfalls vom Glauben wegen befürchteter Verfolgungen und Leiden. Nicht nur er selbst, sondern auch die Empfänger seines Briefes haben Verfolgungen um ihres Glaubens willen bereits hinter sich. Werden diese Bedrohungen für Leib und Leben ihrem resignativen Glauben den Todesstoß versetzen? Das möchte er verhindern und die Hörer und Leser seines Briefes aufrichten und ihnen den Rücken stärken. Er ist sich bewusst, dass ihm das nur gelingen wird, wenn er es schafft, ihnen klar zu machen, dass Verfolgung und Leiden Teil ihrer Christusnachfolge sind, ihnen aber auch Anteil an Christi Herrlichkeit geben wird. Jesu Wort der Bergpredigt gilt: „Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt.“ (Mt 5,11f)
 
(2) Die drei Verse unseres Lesungstextes enthalten zwei Aufgaben und deren Vorgaben. Die erste Aufgabe lautet: "Lasst uns an dem Bekenntnis festhalten", die zweite: "Lasst uns also voll Zuversicht hingehen zum Thron der Gnade..."
 
Die erste Aufgabe folgt der Vorgabe mit mit dem Hinweis auf den großen, erhabenen Hohenpriester, den sie nun haben: "Jesus, den Sohn Gottes." Die Erwähnung dieses "Habens des Hohenpriesters" ist dem Autor wichtig. Was sie haben besteht aus dem, was die Apostel mit Jesus erlebt und erfahren haben und als „apostolisches Erbe“ weitergaben. Es ist das Fundament eines jeden Christen auf dem er sein Glaubensleben aufbaut: Jesus aus Nazareth hat das Reich Gottes verkündet, hat gelitten und ist gestorben. Er ist auferweckt worden und ist seinen Jüngern und Jüngerinnen nahe, als Hoherpriester und Sohn Gottes.
 
Diese apostolische Gewissheit ist das "Guthaben", das jeder Christ mit auf den Weg bekommen hat. Auf diesem Weg soll er im Glauben wachsen und sich bewähren. Mit dem Ruf zur Übernahme der Aufgabe: "Lasst uns an dem Bekenntnis festhalten" ermutigt der Briefautor zum treuen Glaubenszeugnis für Jesus Christus, weil sich derjenige, der das tut, auf sicheren Fels stellt und auf dem Weg bleibt, der zu Gott führt.
 
Es gehört freilich zum Wesen des Menschen, dass er Leiden vermeiden möchte und seine Schwächen ihn oft veranlassen seinen Glauben zu verleugnen. Diesen Verführungen und Versuchungen zum Glaubensabfall ist er permanent ausgesetzt. Der Autor lenkt den Blick auf Jesus: "Darum musste er in allem seinen Brüdern gleich sein, um ein barmherziger und treuer Hoherpriester vor Gott zu sein und die Sünden des Volkes zu sühnen. Denn, da er selbst in Versuchung geführt wurde und gelitten hat, kann er denen helfen, die in Versuchung geführt werden." (Hebr 2,17f) Jesu Solidarität mit uns Menschen führte ihn in den Tod. Sie kann unsere Bereitschaft zur Solidarität mit Jesus und zum großmütigen Glaubenszeugnis für ihn wecken.
 
Nachdem Gott bei der Taufe, Jesus als "geliebten Sohn" proklamiert hatte, sollte er nach dem Willen des Teufels seine Macht als Gottessohn missbräuchlich demonstrieren. Jesus hat die Steine nicht in Brot verwandelt, weil er sich dem Willen Gottes verpflichtet wusste und nicht den Verführungen des Teufels. Nicht weniger als Jesu Gehorsam steht auf dem Spiel, wenn der Satan Jesus zur Untreue gegenüber dem Willen Gottes auffordert (Mt 4,3.6). Im Garten Gethsemane hat sich Jesus klar gegen seinen eigenen und für Gottes Willen entschieden (Mt 26,39). Ein letztes Mal geschieht dies als er am Kreuz hängt. Die Leute, die vorbeikommen rufen: "Wenn du Gottes Sohn bist, hilf dir selbst, und steig herab vom Kreuz!" (Mt 27,40) Jesus wurde in allem in Versuchung geführt - wie wir: Auch er stand vor der Frage, ob er dem Leiden und dem Tod ausweichen solle oder nicht? Er ist der Versuchung nicht erlegen. Er ist dem Weg, den der Vater ihm gewiesen hat und der ihn zum Vater führte, treu geblieben.
 
(3) Jesus verlangt von uns nicht mehr als er selbst gegeben hat. Er hat sein Leben hingegeben, um uns zu erlösen und hat vor unseren Augen einen Weg geebnet, der zu Gott führt. Das ist das große, unfassbare Geschenk, das uns Gott gemacht hat. Das gilt es zu ergreifen und die aus der Gabe der Rettung resultierende Aufgabe zu erkennen und das Erkannte zu verwirklichen: Festhalten am Bekenntnis und hingehen zum Thron der Gnade, um Hilfe zu erlangen.
 
Wenn unser mutiges, öffentliches Bekenntnis zu Jesus Christus unausweichlich zu Verfolgung und Leiden führt, dann dürfen wir uns vertrauensvoll hinwenden zum Thron der Gnade und uns auf die verheißene Hilfe zur rechten Zeit verlassen.
 
Am 14. Okt. 2018 wurde der Erzbischof von San Salvador, Oskar Romero, heilig gesprochen. Er hat sich ab einem bestimmten Zeitpunkt entschieden für Glaube und Gerechtigkeit eingesetzt. Die Wende zum Einsatz für die entrechtete und verarmte Bevölkerung war der Tod seines Freundes R. Grande und zweier seiner Katecheten. Als deren Bischof sah er sich verpflichtet – gleich ihnen – mutig für die Armen Partei zu ergreifen. Für ihn war das Bischofsamt kein Privileg, sondern Verpflichtung zur Christusnachfolge bis zur letzten Konsequenz. Die Rache der Gegner brachte ihn schließlich um, aber seine Stimme konnten sie nicht zum Schweigen bringen, bis heute!


[1] 4,14 - 5,10 Jesus wird hier als Hoherpriester und sein Wirken als priesterlicher Dienst der Versöhnung beschrieben. Als alttestamentliches Vorbild wird der vorisraelitische Priesterkönig von Jerusalem, Melchisedek, genannt (vgl. Gen 14,17-20; Ps 110,4; Hebr 7, 1-24).


28. Sonntag im Jahreskreis                                               Hebr 4,12-13
 
12 Lebendig ist das Wort Gottes, kraftvoll und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenk und Mark; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens;
 
13 vor ihm bleibt kein Geschöpf verborgen, sondern alles liegt nackt und bloß vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft schulden.

 
 
(1) Der Verfasser des Hebräerbriefes betont nicht nur das, was das Volk des Alten Bundes von jenem des Neuen unterscheidet. Er weist auch auf das Verbindende hin. In beiden wirkt der Heilige Geist und beide haben Gottes Wort empfangen. Dieses ist lebendig, kraftvoll und schärfer als ein zweischneidiges Schwert.
 
(2) Am Beginn der hl. Schrift steht der Schöpfungsbericht. Gott schuf durch sein machtvolles Wort die Welt: „Und Gott sprach...!“ (Gen 1,3) Den Menschen schuf er als sein Bild und Gleichnis - als sein Gegenüber. Er gab ihm Ohren zum Hören und einen Mund zum Sprechen. Der Mensch kommt im Austausch mit Seinesgleichen und mit Gott zu sich.
 
Abraham hat Gottes Wort in seinem Inneren vernommen. Jahwe hat sich als lebendigen Gott erfahren lassen. Als Hörer des Wortes Gottes hat Abraham eine neue Existenzweise begründet. Er hat sein Leben nicht mehr von klimatischen, wirtschaftlichen und politischen Bedingungen abhängig gemacht, sondern von Gottes Willen. Weil er in den grundlegenden Entscheidungen, die sein Leben bestimmten, vertrauensvoll dem Wort Gottes folgte, wurde er Vater des Glaubens.
 
Als die Nachkommen Abrahams in der ägyptischen Sklaverei um Hilfe heischend zum Himmel schrien, fanden sie bei Gott Gehör. Er sandte Moses mit seinem machtvollen Wort zum Pharao. Er sollte die Israeliten in die Freiheit entlassen. Der Potentat verweigerte Jahwe den Gehorsam und brachte damit viel Leid über sein Volk.
 
Aber auch die Israeliten murrten über den hohen Preis, den sie für ihre Befreiung zu zahlen hatten: Verlust von Bequemlichkeit und Sicherheit und Hören auf Gottes Wort. Auf dem Berg Sinai hat Jahwe, Israel die Tora gegeben, das Gesetz - die 5 Bücher Mose, um die geschenkte Freiheit füreinander zu bewahren und einander zu gewähren. Durch den Mund der Propheten hat Jahwe die Israeliten immer wieder auf seine verpflichtenden Worte in der Tora zum solidarischen Miteinander aufgefordert. Die Propheten waren es auch, die den Messias, den Christus und den Menschensohn verheißen haben.
 
Mit der Geburt Jesu beginnt eine neue Phase in der Geschichte Gottes mit den Menschen: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott... Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt (Joh 1,1.14).“ Nicht mehr nur durch den Mund der Propheten spricht Gott zu den Menschen, sondern er redet nun direkt durch seinen Sohn zu ihnen. Jesus sagt: „Wer mich hört, der hört den Vater.“
 
In der Bergpredigt hebt Jesus hervor, dass er nicht gekommen ist, um das Wort der Tora aufzuheben, sondern um es zu erfüllen. Er macht deutlich, dass er einiges mit anderen Augen sieht und neu interpretiert: „Ich aber sage euch...“ (Mt 5,17.22) Wer seine Worte hört und tut, der baut sein Haus auf Fels. (Mt 7,25)
 
Wenn Menschen Jesus predigen hören, stellen sie fest, dass er mit Vollmacht spricht. Jedenfalls anders als ihre Schriftgelehrten. In seiner Heimatstadt Nazareth fragen die Hörer in der Synagoge: „Woher hat er das alles?“ (Mk 6,2) Die Lebendigkeit, Wirksamkeit und Kraft des Wortes Gottes zeigt sich auch in den Berufungen der Jünger und in den Krankenheilungen. „Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen.“ (Mk 1,17) So erweckt Jesu berufendes Wort seine Jünger zu neuem Leben. Er zwingt die Dämonen durch sein Wort den Menschen freizugeben und gibt so dem Fremdbestimmten seine ursprüngliche Würde und Schönheit zurück. Kranke und Gelähmte richtet er durch sein machtvolles Wort wieder auf.
 
Nachdem nicht wenige an seinen Worten über sein Fleisch und Blut,[1] Anstoß nahmen, fragt Jesus seine Jünger: „Wollt auch ihr weggehen? Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“ (Joh 6,67f)
 
Gottes richtendes Wort, das schärfer als ein zweischneidiges Schwert sei, wird in der Annahme oder Ablehnung des Glaubens an Jesus wirksam. Wer Jesus nicht annimmt, spricht sich selbst das Gericht: „Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat das ewige Leben; er kommt nicht ins Gericht, sondern ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen. “ (Joh 5,24)[2] Das Wort Gottes gibt uns auch – wenn wir dazu bereit sind – Einsicht in unsere innersten Regungen: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?“ (Lk 6,41)
 
(3) „Immer wieder, ohne darin nachzulassen, im Evangelium lesen, um beständig die Taten, Worte, Gedanken Jesu vor Augen zu haben. So werden wir denken, reden, handeln wie Jesus, seinem Beispiel, seiner Weisung folgen und uns nicht nach der Weise der Welt richten, in die wir so schnell zurück fallen, sobald wir die Augen von unserem göttlichen Vorbild lassen.“ (Charles de Foucauld, Brief an Joseph Hours, 3.5.1912)

 
[1] Joh 6,(52-59)63: Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben.
[2] Vgl.:  Joh 3,17f  und Joh 9,39-41;
 

27. Sonntag im Jahreskreis            Hebr 2,9-11

9 Den, der nur für kurze Zeit unter die Engel erniedrigt war, Jesus, ihn sehen wir um seines Todesleidens willen mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt; es war nämlich Gottes gnädiger Wille, dass er für alle den Tod erlitt.

10 Denn es war angemessen, dass Gott, für den und durch den das All ist und der viele Söhne zur Herrlichkeit führen wollte, den Urheber ihres Heils durch Leiden vollendete.

11 Denn er, der heiligt, und sie, die geheiligt werden, stammen alle von Einem ab; darum scheut er sich nicht, sie Brüder zu nennen.


(1) Der Autor des Hebräerbriefes verfasste ein seelsorgerliches Mahnschreiben an Christen, die sich enttäuscht von ihrem christlichen Glauben abwenden wollen. Der Grund ihrer Enttäuschung bestand nicht etwa in unbeantworteten, theoretischen Glaubensfragen, sondern vielmehr in der traurigen Tatsache, dass die Wende zum Heil zwar angesagt worden war, Sünde und Tod aber nach wie vor den Weg des Heils versperren. Das wurde deswegen so schlimm empfunden, weil die Betroffenen bereits Verfolgungen um des Glaubens willen zu überstehen hatten und sich heimatlos fühlten. Der christliche Glaube hat ihre Erwartungen nicht erfüllen können.

Der Briefschreiber setzte sich daher das Ziel, bewusst zu machen, dass die Nachfolge des leidenden Christus das persönliche Leiden nicht ausschließt, sondern integrieren muss. Die Kraft des Glaubens und der Hoffnung helfen durchkreuztes Leben zu bestehen.

(2) Woher kommt diese Kraft des Glaubens und der Hoffnung? Sie kommt daher, dass wir durch Jesu Tod und Auferweckung erlöst und geheiligt worden sind. In der heutigen Lesung zeigt der Verfasser, dass Jesu Leiden und Sterben nicht in Sinnlosigkeit endete, sondern dass sich Gott auf seine Seite stellte. Gott hat Jesus auferweckt und zu seiner Rechten erhöht. Er hat ihn „mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt“. Damit bekommt auch das Leiden derer, die Jesus nachfolgen Sinn und geht nicht ins Leere.

Der Brief macht deutlich, dass Jesus uns durch sein Todesleiden gerettet/ erlöst hat. Jesu Tod war kein zufälliger Unfall der Geschichte, sondern die Erfüllung des göttlichen Heilsplanes. Jesus hat dem geheimnisvollen Willen Gottes, die Menschen aus der Schuld zu retten, freiwillig zugestimmt. Er war bereit sich in der Menschwerdung zu erniedrigen, um die Last menschlicher Schuld stellvertretend auf sich zu vereinen und durch sein Leiden und Sterben zu überwinden.

Die Voraussetzung für unsere Rettung (Befreiung) aus Schuld und Sünde war Jesu Treue zum Weg, den der Vater ihm wies. Im Ölgarten hat er dem Eigenwillen abgesagt und dem Willen Gottes den Vorzug gegeben. Am Kreuz hat seine Verbundenheit mit dem Vater die Bedrängnis der Verlassenheit besiegt. Damit hat Jesus durch Treue und Gehorsam uns Menschen das Heil gewirkt und uns den Heilsweg zum Vater geebnet. Jesus ist „für alle“ gestorben. Alle, jeder und jede muss sich persönlich entscheiden, den von Jesus geebneten Weg zu beschreiten und ihn bis zum Ziel mit Christus verbunden zu gehen. Mit Jesus gehen, bedeutet aber niemals leidens-, oder schmerzfrei durchs Leben der Auferweckung entgegen zu gehen.

Kraft zur Nachfolge schenken uns auch das Wissen und die Erfahrung, dass Jesus uns durch sein Heilshandeln und durch seinen Ruf aus der Welt ausgesondert und in seine Nähe gerufen hat. Durch ihn sind wir geheiligt. Die Gabe des Heilsangebotes verbindet sich mit der Aufgabe, ihm, dem Erlöser immer ähnlicher zu werden und an seinem Rettungswerk tatkräftig mitzuwirken. Als seine Schwestern und Brüder sind unsere Würde und vor Gott nun wieder wie am Anfang der Schöpfung. Die ungetrübte Gottesebenbildlichkeit, die die Menschen bei der Schöpfung besaßen und die sie durch ihre Anmaßung verloren haben, wurde uns durch Christus wiedergeschenkt. Dieser neue Stand verpflichtet am Rettungswerk Christi mitzuwirken: Zu suchen und zu retten, was verloren ist.

(3) Den Weg, den uns Jesus der Messias, geebnet hat, können wir erhobenen Hauptes gehen, selbst wenn sich uns Hindernisse in den Weg stellen:


Nein, bleib nicht stehen;
es ist eine göttliche Gnade,
gut zu beginnen.

Es ist eine größere Gnade,
auf dem Weg zu bleiben
und den Rhythmus nicht zu verlieren.

Aber die Gnade aller Gnaden ist es,
sich nicht zu beugen und -
ob auch zerbrochen und erschöpft,
vorwärts zu gehen bis zum Ziel.

Helder Camara


26. Sonntag im Jahreskreis Jak 5,1-6

1 Ihr Reichen,
 weint nur und klagt über das Elend, das über euch kommen wird! 2 Euer Reichtum verfault
und eure Kleider sind von Motten zerfressen, 3 euer Gold und Silber verrostet. Ihr Rost wird als Zeuge gegen euch auftreten und euer Fleisch fressen wie Feuer.
 Noch in den letzten Tagen habt ihr Schätze gesammelt.

4 Siehe, der Lohn der Arbeiter, die eure Felder abgemäht haben,
der Lohn, den ihr ihnen vorenthalten habt,
 schreit zum Himmel;
 die Klagerufe derer, die eure Ernte eingebracht haben,
 sind bis zu den Ohren des Herrn Zebaoth gedrungen. 5 Ihr habt auf Erden geschwelgt und geprasst
und noch am Schlachttag habt ihr eure Herzen gemästet. 6 Verurteilt und umgebracht habt ihr den Gerechten,
 er aber leistete euch keinen Widerstand.



(1) Mit der Regelmäßigkeit der jährlich stattfindenden Salzburger Festspiele wird auch der „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal, der mit Max Reinhardt die Salzburger Festspiele ins Leben gerufen hat, aufgeführt. Der reiche Jedermann wird mit Tod und Gericht konfrontiert. Der Reiche wird sich seines miesen Charakters bewusst. Der Tod gewährt ihm einen einstündigen Aufschub, damit er einen Gefährten findet, der ihn vor den Richterstuhl Gottes begleitet. Sein Freund, die Vettern und deren Bedienstete sagen ihm ab. Die Gestalt der gebrechlichen Frau, die seine „guten Werke“ repräsentiert, signalisiert Bereitschaft, den Weg mit ihm anzutreten, fühlt sich aber zu schwach. Sie wird ihre „Schwester, den „Glauben“, motivieren, ihn zu begleiten. Jedermann bekehrt sich und entgeht so den Fängen des Teufels, der meinte, in ihm eine leichte Beute gefunden zu haben. Vom Glauben begleitet tritt Jedermann vor das göttliche Gericht.

(2) Jedem, der Reiche beneidet oder den Reichtum attraktiv findet, stellt Jakobus die Rute ins Fenster. Mag sein, dass zur Zeit, als der Brief in Umlauf kam, Reiche besondere Bewunderung und Achtung genossen. Sie haben es immerhin zu etwas gebracht und waren erfolgreich. Außerdem gilt: „Wer das Geld hat, schafft an.“ Und manche Reiche nützen das schamlos aus.

Jakobus sieht ausreichend Gründe gegen eine falsche Vorstellung gegenüber Reichen und dem Reichtum zu Felde zu ziehen. Für ihn sind die Reichen nicht die Beneidens-, sondern vielmehr die Bedauernswerten. In negativen Zusammenhängen weist er auf die Verantwortung hin, die der Reiche mit seinem Reichtum übernimmt. Wenn er den Rost als Zeugen gegen den Reichen vor dem Gericht Gottes auftreten lässt, dann will er damit sagen, dass der Rost nur deswegen zustande kam, weil er sein Kapital nicht durch den Einsatz für die Mitmenschen rostfrei hielt. Sein Getreide und andere Lebensmittel verfaulten, weil er zu lange wartete, um Wucherpreise zu verlangen. Damit ist auch die Vergänglichkeit der materiellen Besitztümer aufgezeigt. Der Briefschreiber will sagen: Wer sich nur seinem eigenen Wohl und seinem Besitz verpflichtet weiß, wer seinen Besitz hortet und um seiner selbst willen vermehrt und vergisst, dass er eine von Gott geliehene Gabe ist und somit auch eine Aufgabe, die ihn nicht von den Mitmenschen isoliert, sondern verbindet, der verfehlt sich gegen seinen Schöpfer.

Noch krasser beschreibt er den verbrecherisch, betrügerischen Umgang mit dem Kapital auf Kosten der Lohnarbeiter und zum eigenen, verschwenderischen Vorteil. Der vorenthaltene gerechte Lohn schreit zum Himmel. Jakobus weiß, wie sehr Gott himmelschreiende soziale Ungerechtigkeit verabscheut. Er hat das Schreien der Kinder Israels in der ägyptischen Sklaverei gehört und zu deren Gunsten eingegriffen. Dass diese prasserischen Reichen auch noch am „Schlachttag“ dem Vergnügen frönen, ist eine Missachtung und Verhöhnung des göttlichen Gerichts. Jakobus geht auch auf die Verbindung von Reichtum, Macht und Einfluss ein. Es waren die Mächtigen und Reichen, die Jesus verurteilt und getötet haben. Es waren dieselben, die Christen im Römischen Reich verfolgten und es ist heute bei Christenverfolgungen nicht anders. Jesus aber hat die Gewalt, die von der Macht ausgeht nicht mit Gegengewalt beantwortet. Das ist das erstaunlich und provozierend Neue in dieser Welt.

Es gibt „reiche Arme“. Das sind Menschen, die ihr Leben auf das Fundament ihres Glaubens an Gott gründen. Sie definieren sich nicht über ihre Leistung und ihrem Besitz, sondern über ihre Gotteskindschaft. Dann gibt es die „armen Reichen“. Sie leiten ihren Wert und ihre Lebensberechtigung von ihrem Besitz und ihrer Leistung ab. Sie leben in ständiger Angst und werden leicht Opfer der Gier. Gibt es auch „reiche Reiche“? Ja, es gibt sie! Das sind Menschen, die zu Recht auf ihren Unternehmerlohn bestehen. Sie sind sich aber auch bewusst, dass sie ohne den Einsatz der Mitarbeiter den Betrieb nicht erfolgreich führen könnten und ihnen ein gerechter Lohn oder gar Gewinnbeteiligung zusteht. Sie wissen, dass der gerechte Lohn nicht nur in Geld, sondern auch in Wertschätzung und Wohlwollen besteht. Sie anerkennen, dass der Arbeitnehmer nicht nur Arbeitskraft, sondern auch Bruder oder Schwester ist.

(3) Wie finde ich die rechte Einstellung zum Besitz, zum Reichtum, zum Geld? Diese Frage ist nicht zu trennen von der Frage nach der rechten Einstellung auch zum Leben. Was bedeuten mir meine Beziehungen zu meiner Familie, Freunden, Mitarbeitern, übernommene Verpflichtungen gegenüber Vereinen etc. Was möchte ich in diesen Bereichen verwirklicht haben? Der Glaube schaut mir beim Nachdenken über die Schulter. Wenn ich Antworten gefunden habe, kann ich diese, meine persönlichen Werte, verwirklichen.


25. Sonntag im Jahreskreis Jak 3,(13-15)16-4,3

(13 Wer von euch ist weise und verständig? Er soll in weiser Bescheidenheit die Taten eines rechtschaffenen Lebens vorweisen. 14 Wenn ihr aber bittere Eifersucht und Streitsucht in eurem Herzen tragt, dann prahlt nicht und verfälscht nicht die Wahrheit! 15 Das ist nicht die Weisheit, die von oben kommt, sondern eine irdische, weltliche, teuflische Weisheit.)

16 Wo nämlich Eifersucht und Streit herrschen,
 da gibt es Unordnung und böse Taten jeder Art. 17 Doch die Weisheit von oben
 ist erstens heilig,
 sodann friedfertig, freundlich, gehorsam,
 voll Erbarmen und reich guten Früchten,
 sie ist unparteiisch, sie heuchelt nicht. 18 Die Frucht der Gerechtigkeit
wird in Frieden für die gesät,
 die Frieden schaffen.

4, 1 Woher kommen Kriege bei euch,
 woher Streitigkeiten? 
Etwa nicht von den Leidenschaften, die in euren Gliedern streiten? 2 Ihr begehrt
 und erhaltet doch nichts. 
Ihr mordet und seid eifersüchtig 
und könnt dennoch nichts erreichen. 
Ihr streitet und führt Krieg.
 Ihr erhaltet nichts, weil ihr nicht bittet. 3 Ihr bittet und empfangt doch nichts,
 weil ihr in böser Absicht bittet, 
um es in euren Leidenschaften zu verschwenden.



(1) Der Verfasser des Briefes wendet sich an christliche Gemeinden, die mehrheitlich aus Judenchristen bestehen. Er ermutigt die Christen im praktischen Alltagsleben ihre Zugehörigkeit zu Christus zu bezeugen. Er warnt vor Verflachung des Glaubens und vor einer Scheinfrömmigkeit. In den christlichen Gemeinden scheint ein eklatanter und gefährlicher Unterschied zwischen Glaubensideal und realer Glaubenspraxis zu bestehen. Das zeigte sich zum Beispiel in der bevorzugten Behandlung des Reichen gegenüber dem Armen, die Jakobus in der Nachfolge Jesu nicht gutheißen kann. Offenbar verläuft das Leben in der Gemeinde, das geschwisterliche Miteinander nach den alten Mustern der Eifersucht und des Ehrgeizes. Ein solches Verhalten schadet der Gemeinde, weil es im Widerspruch zum eigenen Ideal steht. Wenn es nicht erkannt und überwunden wird, gleicht sich die Gemeinde der Welt an und ist nicht länger Licht für die Welt und Salz der Erde. Jakobus schreibt gegen diese Tendenz der Weltanpassung an.

(2) Im heutigen Lesungstext unterscheidet der Autor des Briefes zwei Herrschaftsbereiche, den Herrschaftsbereich der „irdischen, weltlichen, teuflischen Weisheit“ von jenem der „Weisheit von oben“. Die „irdische Weisheit“ begegnet den Menschen, die er anspricht in Form von Eifersucht, Ehrgeiz und Streit und mündet in Mord und Krieg. Die „Weisheit von oben“ wird in der Gemeinde in anderer Weise erfahren. Sie „ist erstens heilig, sodann friedfertig, freundlich, gehorsam, voll Erbarmen und reich an guten Früchten, sie ist unparteiisch, sie heuchelt nicht“.

In dem von der „irdischen Weisheit“ bestimmten Bereich „herrschen Eifersucht und Streitsucht“. In jenem durch die „Weisheit von oben“ dominierten Bereich „herrscht der Friede“. Sowohl Eifersucht und Ehrgeiz, als auch Friede sind äußere Entsprechungen eines inneren Zustandes, zu dem der Mensch durch Erziehung und Erfahrung „herangereift“ ist. Durch Wort und Tat teilt der Mensch mit, was in ihm lebendig ist.

Jakobus fordert die Leser seines Briefes indirekt auf, sehr aufmerksam auf das zu achten, was um sie herum in der Gemeinde passiert. Erkennen sie in seiner Beschreibung Vorkommnisse und Zustände in ihrer Gemeinde? Herrschen in ihren Versammlungen und Aktivitäten Eifersucht und Streitsucht? Gönnt man einander den Erfolg nicht? Spricht man einander Begabungen und Fähigkeiten ab? Haben manche das Gefühl benachteiligt zu werden? Wollen einige unbedingt etwas erreichen, egal um welchen Preis? Meinen einige, Gott näher als andere, oder gar bessere Christen zu sein? Werden Mitchristen als Feinde, Rivalen oder Bevorzugte gesehen, die andere aus dem Licht in den Schatten drängen? Der Boden auf dem alles dies wächst und gedeiht sind Eigensinn, Eigenwillen und Eigennutz und das Verlangen, alles zur größeren, eigenen Ehre zu tun.

Auf die äußere Wahrnehmung muss der mutige Blick in das eigene Innere folgen. Welche inneren Regungen bewegen mich selbst? Ist da viel Unruhe in mir, Angst, Unsicherheit, Zweifel, Wut, Zorn, Neid? Wie wirkt sich das nach außen hin aus?

Umgekehrt könnte der Leser/Hörer in der Gemeinde durchaus auch herzlichem, gegenseitigen Wohlwollen begegnen, gegenseitiger Wertschätzung und Respekt, ehrlichem Miteinander, statt Gegeneinander, die Bereitschaft aus materieller und geistiger Not zu helfen, das Bemühen Kritik annehmbar zu formulieren und sich für „Ausraster“ zu entschuldigen, dass die alle verbindende Geschwisterlichkeit gefördert und geschützt wird, sodass der Frieden höher gestellt wird, als die erfolgversprechenden Aktionen. Der Boden dafür ist das Lebensziel, alles „zur größeren Ehre Gottes“ zu tun.

Wer mit solchem Verhalten den Menschen begegnet und auf die Bewegungen in seinem Inneren achtet, der wird merken, dass Friede, Freude, Ruhe, Aufrichtigkeit, Hörbereitschaft und Gleichmütigkeit die Grundströmung seines Daseins sind.

(3) Die entscheidende Haltung vor Gott, um die „Weisheit von oben“ zu erhalten, ist die „Haltung der offenen Hände“, mit der Bereitschaft, sich die Hände von Gott füllen zu lassen, alles aus Gottes Händen entgegenzunehmen, sich beschenken lassen und weiterschenken. Nicht das Nehmen und An-sich-Reißen wird empfohlen, sondern das dankbare Empfangen und Weitergeben.

Lieber Gott, erneuere deine Kirche. Fange bei mir an und höre bei den Bischöfen nicht auf!
 

Rezension zum Buch von Detlef Bald: Dietrich Bonhoeffer. Der Weg in den Widerstand. „Ich bete für die Niederlage meines Landes“. Darmstadt 2021

Der Autor gibt Einblick in das Ringen Dietrich Bonhoeffers um eine adäquate, christliche Antwort auf die Provokationen und Täuschungen des Nationalsozialismus. Das letzte von 13 Kapiteln beschreibt als eine Art Zusammenfassung auch die anfängliche öffentliche Ablehnung der Anerkennung Bonhoeffers in Deutschland und seiner unaufhaltsamen, weltweiten Hochachtung. (209 - 212) Der Verfasser öffnet zwölf Zugänge zur folgerechten Entscheidung Bonhoeffers, sich dem Widerstand um Canaris und Oster anzuschließen.

Die Untersuchung bietet viele interessante Informationen zu den Phasen, die den Weg Bonhoeffers in den offiziellen Widerstand markieren. Ihre gewählte Perspektive bringt überraschende und erhellende Details ans Licht, die gewöhnlich in Biographien nicht zur Sprache kommen. Die Lektüre wird bereichert durch vertiefende Einblicke in politische, soziale und persönliche Voraussetzungen der Protagonisten und der politischen Strömungen der jeweiligen Station. Der Autor thematisiert auch viele bekannte Erlebnisse, Ereignisse und Entscheidungen Bonhoeffers: Im reflektierten und konsequenten Kampf gegen das NS-Regime mündet dieses entschiedene „Gegenhandeln“ schließlich in den Widerstand und findet in der Hinrichtung am 9. April 1945 sein tragisches Ende.

Die Darstellung von Bonhoeffers Klar- und Weitsicht sowie die entschiedene Umsetzung des Erkannten in konkretes Tun beeindrucken. Beides – Analyse und Handeln – war Bonhoeffer nicht in die Wiege gelegt worden. Das Zustandekommen seines einjährigen Aufenthaltes in New York, der die Weichen seines Lebens richtungsweisend stellte, nahm er als ein unerwartetes Geschenk gerne an. Die Fäden im Hintergrund zog sein Entdecker Superintendent Max Diestel. (57)

Die Erfahrungen Bonhoeffers in der „anderen, neuen Welt“ haben sein Denken und sein Handeln (Lebensmotto: „Christentum bedeutet Entscheidung“) grundlegend neu orientiert und motiviert. Er hat sich an seinem Studienort, dem Union Theological Seminary, von Professoren und Studienkollegen inspirieren lassen. (42) Maßgeblich aber waren für sein späteres Leben seine Offenheit für die Begegnung mit Afroamerikanern und ihrer Lebenswelt, ihrer Diskriminierung durch die weiße Mehrheitsbevölkerung, die von der Kirche abgesegnet war. Er lernte Vertreter der Befreiungsbewegung und ihre Publikationen kennen. Jedenfalls ließ er im gelobten Land der „Neuen Welt“ auch deren dunkle Seiten an sich heran.

Im „Union“ eignete sich Bonhoeffer eine klare Haltung gegenüber Rassismus, sozialer und ökonomischer Diskriminierung und angemaßtes Herrentum an. Er war empört, dass die „weiße Kirche“ die Schwarzen aus ihren Gottesdiensten ausschloss. So war er auch willens, der Kirche in Deutschland die Stirn zu bieten und ihren Gleichschritt mit den Nazis als Verirrung zu verurteilen. Aber New York brachte nicht nur in politischer Hinsicht eine Lebens-Wende. Er betonte, dass er auch zur Bibel fand – vor allem zur Bergpredigt. Er, der vor noch nicht allzu langer Zeit in guter protestantischer Tradition den Krieg gerechtfertigt und die Bergpredigt für irrelevant erklärt hatte, denkt nun in die Gegenrichtung: Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit und Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes, insbesondere der Bergpredigt. (51)

Auf diesem geistigen Fundament und mit der Bereitschaft zu entschiedenem Handeln kehrte er 1931 nach Deutschland zurück. Wie er in Harlem schwarze Frauen und Kinder unterrichtete, so übernahm er in Berlin-Wedding Jugendarbeit. Er antwortete auf seine Überlegungen zur sozialen Frage mit konkreten Taten, real im verrufenen und kirchenfernen Proletarier-Milieu, in dem Armut und Unmoral dominierten. Erstaunlich ist sein solidarisches Leben mit den Jugendlichen. Mit seinem Freund Franz Hildebrandt verfasste er einen „Lutherischen Katechismus“, um die Jugendlichen auf die Konfirmation vorzubereiten. Sie wollten den Burschen auch Kriterien an die Hand geben, mit denen sie die menschenverachtenden Ziele und Verführungen des Nationalsozialismus durchschauen konnten. Sie betonten, dass alle Zwietracht in der Welt überwunden werden müsse und allein christliche Brüderlichkeit Frieden stiften könne. Bonhoeffer wollte „diese Jugendlichen vor NS-Tendenzen schützen und ihnen Hoffnung vermitteln, dass ihre Zukunft nicht in Armut und Verzweiflung enden würde.“ (61)

Später begründete er in einer Rede vor Pfarrern, dass die Kirche Recht und Aufgabe hätte, dem Rad in die Speichen zu fallen, wenn die Politik (das NS-Regime) gegen das Recht verstoße. Er appellierte an die Solidarität mit den Juden. (69) Dieser aufrüttelnden Botschaft verschloss sich die Mehrheit der anwesenden Pfarrer.

Auf mutige und prophetische Weise nahm er am 1. Februar 1933 im Radio Stellung zur Machtübernahme Hitlers (30. Jän.): Der „Führer“ gebärdet sich als Messias. Wenn er sich nicht an das Recht hält, wird er zum „Verführer“. (11) Er wies klar auf die Gefahren des Führersystems hin. Die Unterwerfung unter den Führer bedeute Selbstentrechtung und Selbstentmündigung der Bürger. Bald schon galt: Der Führer hat beschlossen! Die Rechtsstaatlichkeit war aufgegeben und der Diktatur das Tor weit geöffnet.

Nach seiner Ernennung zum Jugendsekretär des ökumenischen Weltbundes (Herbst 1931) und während seiner Tätigkeit als Pfarrer in London (1933-1935) widmete sich Bonhoeffer der Erarbeitung einer Friedensethik. Dafür setzte er sich intensiv mit den Fragen des Krieges auseinander: „Die Geschichte des Westens belehrt uns, dass dies eine Geschichte der Kriege gewesen ist.“ (78) „Herrschaft über die Natur führe zu einer Kultur nicht nur gegen die Natur, sondern auch gegen den anderen Menschen’“. (79) Große Beachtung fand seine Friedensrede am 28. Aug. 1934 in Fanö (Dänemark). Der Pfarrereid auf Hitler und die Aufrüstung der Reichswehr signalisieren zwei direkte Anlässe. (91) Er prangerte das Kriegstreiben der Nazis an und beschwor den Frieden. Jeder zukünftige Krieg werde mit dem äußersten Einsatz technischer Mittel geführt werden und eine Maschinerie des Todes in Gang setzen. Das Leid werde unermesslich sein. „Es gab nur eine alternative Lösung: Frieden... Es ist als ob alle Mächte der Erde sich verschworen hätten gegen den Frieden; das Geld, die Wirtschaft, der Trieb zur Macht, ja selbst die Liebe zum Vaterland sind in den Dienst des Hasses hineingerissen, Hass der Völker, Hass der Volksgenossen gegen eigene Volksgenossen.“ (95) Für die Nazis war diese Rede eine ungeheure Provokation.

Die Planungen für eine Indienreise liefen seit Dietrichs Pfarrertätigkeit in London und parallel zu den Vorbereitungen der Friedensrede in Fanö. Er erwartete sich durch die Begegnung mit der östlichen Glaubenswelt, Mahatma Gandhi und Rabindranath Tagore, Impulse für seine Friedensethik, besonders hinsichtlich des gewaltfreien Widerstandes. Seine Indienreisepläne waren keine modische Eintagsfliege. Schon bei der Rückreise aus New York 1931 hatte er einen Indien-Aufenthalt erwogen. Die Zusage an die Bekennende Kirche, im Herbst 1934 im kommenden Jahr die Leitung des Predigerseminars in Finkenwalde bei Stettin zu übernehmen, beendeten seine Reisepläne. (98) Detlef Bald hat den zahlreichen Berührungspunkten im Denken Gandhis und Bonhoeffers angemessene Aufmerksamkeit geschenkt. (98 - 113)

Bonhoeffer wurde zum „Staatsfeind“ erklärt, die Lehrerlaubnis an der Universität entzogen (5. Aug. 1936) und das Predigerseminar in Finkenwalde geschlossen (28. Sept. 1937). Ziel der Ausbildung im Predigerseminar war eine auf Dauer angelegte Gemeinschaft von Pfarrern, die fähig sind „in den gegenwärtigen und kommenden kirchlichen Kämpfen“ ihre Aufgaben zu erfüllen. (116) „Das Motto, das Bonhoeffer dabei vorschwebte, könnte umschrieben werden: Grundlegung innerhalb der Mauern der Gemeinschaft (intra muros) für eine Bewährung im Leben (extra muros).“ (115) Auf das Redeverbot im Reichsgebiet (Sept. 1940) folgte das Publikationsverbot (März 1941).

Bonhoeffer wurde in den Strudel einer existentiellen Entscheidungskrise hineingerissen. Sein zweiter Aufenthalt in New York sollte zur Klärung beitragen. Einladungen zu Lehrveranstaltungen in New York und Chicago lagen vor. In New York angekommen bedrängten ihn wieder Unruhe und Zweifel. Deutschland bewegte ihn ebenso wie ‚die Brüder drüben und ihre Arbeit.’“ (133) Schließlich traf er die Entscheidung, in die „Heimat“ zurückzureisen (20. Juni). Statt einem Jahr blieb er nur zwei Monate in den USA (Juni/Juli 1939). Er kehrte in sein Land zurück, um dessen Schicksal zu teilen. (160)

Um der Einberufung zum Wehrdienst zu entgehen, suchte Bonhoeffer freiwillig um Dienst als Militärseelsorger an. Dienst mit der Waffe und ein Eid auf Hitler waren für ihn undenkbar. Der Bescheid war negativ. Im Frühsommer 1940 wurde er in den Kreis des Widerstandes unter Admiral Wilhelm Canaris, dem Leiter der Heeresabwehr und Generalmajor Hans Oster, dem Chef der Zentrale des Geheimdienstes, aufgenommen. (144) Hans von Dohnany, Bonhoeffers Schwager, Jurist und Leiter des Referates für Politik im Geheimdienst, wurde für Dietrich die entscheidende Bezugsperson im Widerstand. Die Abwehr nutzte seine Verbindungen in Kirche und internationaler Ökumene, „um vor allem Informationen nach Großbritannien zu geben oder zu berichten, was dort über alliierte Politik verdeckt zu erfahren sei.“ (145) Ziele des militärischen Widerstandes waren das Attentat auf den „Führer“, Sturz des NS-Regimes, Beseitigung der Diktatur und Verhandlungen für ein Kriegsende, danach Etablierung von Rechtsstaatlichkeit und Frieden, eine gerechte Sozialordnung in freiheitlicher Gesellschaft. (146)

Bonhoeffer wurde in die Erarbeitung von Konzepten einer Friedens- und Gesellschaftsordnung für die Zeit nach dem Krieg involviert. Als im Mai 1942 der Beistandsvertrag zwischen London und Moskau im Radio gemeldet wurde, reiste Bonhoeffer als Bote zu Lordbischof Bell, damit dieser vermittelnd in London für den Widerstand eintrete. Dieser wollte als zukünftiger Verhandlungspartner der Alliierten akzeptiert werden. Zur Vertrauensbildung nannte Bonhoeffer die Namen der Militärs, die bereit waren, den Putsch mitzutragen und erläuterte die Ziele des Widerstandes. Das von Bischof Bell an das „Foreign Office“ weitergeleitete Memorandum wurde zwar freundlich, aber negativ bewertet. Der Widerstand musste sich darauf neu erfinden. (170)

Dietrich Bonhoeffer war am Projekt „Unternehmen Sieben“ beteiligt, wie es bereits von der Außenstelle in Wien mit Erfolg praktiziert wurde. Der Abtransport jüdischer Bürger konnte dadurch verhindert werden. „Es brauchte mehr als ein Jahr, diese Gruppe im Spätherbst 1942 über Basel in die Freiheit zu bringen mit der Legende, Richtung Südamerika zu fahren, von dort aus in die USA zu gelangen, um militärisch relevante Informationen zu liefern.“ (175f) Die Widerstandsgruppe um Canaris rettete so 14 jüdische Mitbürger und bewies Mut und Solidarität mit den Juden.

Da ein Ende des Krieges nur durch die Beseitigung Hitlers erreichbar schien, fand sich Bonhoeffer – im Unterschied zu Helmut James Graf von Moltke, Mitglied des Kreisauer Kreises und ebenfalls Protestant – mit dem Tyrannenmord ab. (161, 180) Aber keines der geplanten Attentate (13. und 21. März 1942) gelang. Nachdem Hitler das Attentat vom 20. Februar 1944 überlebt hatte, übte er grausame Rache.

Eberhard Bethge überliefert in seiner Bonhoeffer-Biographie: In außergewöhnlich herzlicher Atmosphäre unter Freunden antwortete Dietrich Bonhoeffer auf die Frage, welche Bedeutung die gegenwärtige Lage im Krieg für ihn ganz persönlich habe, wofür er bete. „Wenn Sie es wissen wollen, ich bete für die Niederlage meines Landes, denn ich glaube, dass das die einzige Möglichkeit ist, um für das ganze Leiden zu bezahlen, das mein Land in der Welt verursacht hat.“ (159) „Bonhoeffer nahm die historische, übergroße Schuld mitleidend und kollektiv auf sich.“ (160)

Der Aufenthalt in New York öffnete Dietrich Bonhoeffer die Augen: Er sah die Auswirkungen der Rassendiskriminierung, der unbewältigten „Sozialen Frage“, der Bewertung des Krieges und die Legitimierung all dessen durch die Kirche. Er war sensibilisiert für die Weichenstellungen der Reichskirche und des NS-Regimes, entlarvte dessen „Maskerade des Bösen“ und gestaltete sein überzeugtes, widerständiges Handeln. Das führte ihn in letzter Konsequenz in den Kreis des Widerstandes um Canaris und Oster.

„Ihr, die das Leben gabt für des Volkes Freiheit und Ehre,
nicht erhob sich das Volk, euch Freiheit und Leben zu retten.“ (Ricarda Huch) (211)

Immerhin hat der Verfasser Dietrich Bonhoeffer ein literarisches Denkmal gesetzt. Detlef Bald ist es gelungen, sein Thema kompetent, ausführlich und sehr ansprechend darzustellen sowie die Einzigartigkeit Bonhoeffers im Denken und Handeln sichtbar zu machen.

Kurt Udermann,
 
 24. Sonntag im Jahreskreis Jak 2,14-18

14 Meine Schwestern und Brüder,
was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, 
aber es fehlen die Werke? 
Kann etwa der Glaube ihn retten?

15 Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung sind
 und ohne das tägliche Brot 16 und einer von euch zu ihnen sagt: Geht in Frieden, 
wärmt und sättigt euch!,
 ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen –
 was nützt das? 17 So ist auch der Glaube für sich allein tot, 
wenn er nicht Werke vorzuweisen hat.

18 Aber es könnte einer sagen: Du hast Glauben 
und ich kann Werke vorweisen; 
zeige mir deinen Glauben ohne die Werke
 und ich zeige dir aus meinen Werken den Glauben.
[1]

(1) Jakobus spricht das Problem, das er lösen möchte mutig und direkt an: „Meine Schwestern und Brüder,
was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, 
aber es fehlen die Werke?... So ist auch der Glaube für sich allein tot, 
wenn er nicht Werke vorzuweisen hat.“ Der Grund, seiner Sorge Ausdruck zu verleihen, dürfte ein Einwand gewesen sein, der seine Option für die Armen relativierte: „Die Bevorzugung des Reichen ist doch nur allzumenschlich und nicht von großer Bedeutung. Wichtiger sind doch die innerlichen, geistlichen Erfahrungen.“ Jakobus sieht darin ein Abweichen von der Botschaft Jesu.

Für den Autor ist es wichtig, auf dem Weg Jesu zu bleiben und seine Anliegen zu verfolgen. Zudem sieht er in der Betonung der Innerlichkeit und einer Geringachtung des Handelns, eine große Gefahr für den Glauben in der Nachfolge Jesu.

Ich erinnere mich daran, was ein geistlicher Lehrer unserer Tage festgestellt hat: „Wenn einer beschließt, aus der Kirche auszutreten und sich in seinem Leben danach überhaupt nichts ändert, dann hat er sich schon lange davor von ihr abgewandt.“ Bei dieser Feststellung steht die Ansicht im Vordergrund, dass die Zugehörigkeit zur Kirche sowohl innerliche, als auch äußere Konsequenzen mit sich bringt, dass sowohl die Lebenseinstellung, als auch die Lebensvollzüge davon betroffen sind. Wenn der Austritt (Lebenseinstellung) nichts am konkreten Lebensvollzug ändert, war der Austritt schon viel früher vollzogen worden, oder es kam nie wirklich zum Eintritt. Allerdings muss man Menschen, die sich enttäuscht von der Kirche abwenden, zugestehen, dass sie nach wie vor aus einer Beziehung mit Jesus Christus leben.

(2) Für Jakobus ist der Glaube mehr als ein Für-wahr-halten von Glaubenssätzen, auch mehr als die Erfüllung bestimmter religiöser Leistungen (Gesetzes-Glaube), die doch wieder nur der Bestätigung der eigenen Kräfte und Fähigkeiten dient. Glaube, wenn er nicht tot ist, sondern lebendig sein soll, muss Werke hervorbringen, muss konkret und fruchtbar werden. Im praktischen Verhalten zeigt sich Entscheidendes, ob nämlich der Glaube wirklich Glaube ist.

Glaube („pisteuein“) bedeutet, auf der Basis gegenseitigen Vertrauens in einer Beziehung verbunden sein. Er beginnt mit der Einladung Gottes/Jesu: „Ich stehe an der Tür und klopfe. Wenn einer meine Stimme hört und die Tür öffnet, werde ich bei ihm eintreten.“ (Offb 3,20) Das ist der Anfang der Beziehung. Sie beschränkt sich nicht auf Innerlichkeit. Das Gegenteil ist der Fall, gerade wenn diese Beziehung das Innerste des Menschen berührt, wird sie Konsequenzen für alle Lebensvollzüge haben. Wie ein Verliebter die Welt plötzlich mit anderen Augen sieht und anders agiert, so auch einer, dem Christus, Begegnung und Beziehung schenkt.

Bei den Werken handelt es sich um Werke, die die Frucht der Beziehung mit Jesus sind. In dieser Beziehung geht es um Hören und Antworten in Wort und Tat, um Empfangen und Geben, um Austausch miteinander. Meine Beziehung mit Jesus wird fruchtbar für den Nächsten. Glaube ist nur Glaube, wenn er in der Liebe tätig ist. Es geht um Werke des aufmerksamen Gehorsams im Hören des Wortes Jesu. Die Werke sind verleiblichte Lebenszeichen des Glaubens.

Die mit Jesus aufgenommene Beziehung muss aber in Treue gepflegt werden, sie bedarf der Zeit des Gesprächs (Gebet) mit Jesus und dem verbindlichen Handeln (Aktion), wenn der Auftrag dazu erging. Das Stehen in der Offenheit des Hörens und im praktischen Gehorsam sind Lebenszeichen des Glaubens. Jesus bringt dies im Gleichnis vom Weinstock und den Reben zum Ausdruck. Nur in enger Verbundenheit mit dem Weinstock bringt die Rebe reiche Frucht. Durch unsere Zugehörigkeit zu Jesus Christus und in seiner Nachfolge sind wir gewürdigt „Gottes Mitarbeiter“ und seine Werkzeuge, mit Gott verbundene Werkzeuge zu sein. Wir sind es, wenn wir durchlässig werden für seine Liebe zu unseren Mitmenschen.

Jakobus legt großen Wert darauf, dass jeder Glaubende aus der Beziehung mit Jesus heraus handelt. Eine „Arbeitsteilung“ akzeptiert er nicht. Den Einsatz für die Schöpfung dürfen wir nicht auf die „Grünen“ oder den „Ärzten ohne Grenzen“ abwälzen und uns aufs Beten konzentrieren. „Was willst Du Herr, dass ich tun soll? Ja, Herr, Dein Wille geschehe!“ Nur konkrete Zeugnisse und Werke sind sichtbar und lassen die Menschen fragen: „Wer tut so etwas und warum? Aus welcher Quelle lebt er?“

(3) Wie die Blätter und Früchte eines Baumes Zeichen seiner Lebendigkeit sind, so sind unser Zeugnis für Christus in Wort und Tat, Lebenszeichen unseres Glaubens. Sie können sehr vielfältig und auch unspektakulär sein. Wichtig ist, dass wir den Auftrag aus dem Gespräch mit dem Herrn verbindlich in die Tat umsetzen. 

 
[1] 2,18 Möglicherweise beginnt in V. 18b die Entgegnung auf den Einwand von 18a, und man könnte übersetzen: Nun wird einer sagen: Du hast den Glauben, und ich habe die Werke. - Dann zeig mir doch deinen Glauben ohne die Werke, und ich . . .


23. Sonntag im Jahreskreis Jak 2,1-5

1 Meine Schwestern und Brüder,
 haltet den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus,
 den Herrn der Herrlichkeit,
 frei von jedem Ansehen der Person! 2 Wenn in eure Versammlung
 ein Mann mit goldenen Ringen
 und prächtiger Kleidung kommt
 und zugleich kommt ein Armer in schmutziger Kleidung 3 und ihr blickt auf den Mann in der prächtigen Kleidung 
und sagt: Setz du dich hier auf den guten Platz!
 und zu dem Armen sagt ihr: Du stell dich 
oder setz dich dort zu meinen Füßen! – 4 macht ihr dann nicht untereinander Unterschiede
 und seid Richter mit bösen Gedanken?

5 Hört, meine geliebten Brüder und Schwestern!
 Hat nicht Gott die Armen in der Welt
 zu Reichen im Glauben
 und Erben des Reiches erwählt,
 das er denen verheißen hat, die ihn lieben?



(1) Zu den "Tischregeln der Gottesherrschaft" gehört nicht nur die Regel: Strebe bei einem Festmahl nicht zu den "Ehrenplätzen", sondern suche einen unteren Platz. Aufgrund der heutigen Lesung gilt auch der Grundsatz: Die Armen sind den Angesehenen/Reichen vorzuziehen. In den Gemeinden hat sich diese Tischregel jedenfalls nicht durchgesetzt. Wie wenig dieser die kirchlichen "Würdenträger" entsprechen, liegt ebenfalls auf der Hand.

(2) Jedes Urteil, jede Entscheidung bedarf der Alternativen aus denen gewählt werden kann. Die verschiedenen Möglichkeiten müssen dann anhand eines Maßstabes, eines Kriteriums unterschieden und bewertet werden. Jene Alternative, die dem Kriterium am ehesten entspricht bekommt den zu verwirklichenden Vorzug. Im vorliegenden Fall gibt es drei Möglichkeiten. Die erste Alternative ist die bevorzugte Behandlung des Angesehenen/Reichen, die zweite, die bevorzugte Behandlung des Armen und die dritte, die gleiche wertschätzende Behandlung des Armen und des Angesehenen/Reichen. Entscheidend sind die Überlegungen hinsichtlich des Kriteriums, der zur Auswahl stehenden Alternativen.

In dem vom Verfasser des Briefes beschriebenen Fall fiel die Entscheidung klar zugunsten der ersten Alternative aus - für die bevorzugte Behandlung des Angesehenen/Reichen. Der Briefschreiber unterstellt den Akteuren, dass sie "bösen Gedanken" als Kriterium bei der Bewertung der Alternativen folgten. Wie könnten sie gelautet haben? So etwa: Wenn ich den Angesehenen/Reichen ehre, bringt das mir selbst und auch der Gemeinde Vorteile. Er könnte bei der nächsten Spendensammlung einen noch größeren Betrag spenden. Vielleicht kommt er mir entgegen, wenn ich etwas von ihm brauche? Möglich, dass er für die Gemeinde ein gutes Wort bei passender Gelegenheit einlegt.

Jakobus macht ihnen klar, dass sie sich für die falsche Alternative entschieden haben. Sie hätten den Armen, wenn schon nicht bevorzugen, so wenigstens mit der gleichen Wertschätzung wie dem Angesehenen/ Reichen begegnen sollen. Sie haben ihren Glauben nicht frei gehalten „vom Ansehen der Person.“ Sie haben sich von den goldenen Ringen und der prächtigen Kleidung korrumpieren lassen.

Jakobus gibt ihnen einen klaren Grundsatz für das Verhalten gegenüber Angesehenen/Reichen und Armen in der Gemeinde. Den Armen ist der Vorzug zu geben. Die Option für die Armen begründet er mit dem Hinweis, dass Gott die Armen der Welt erwählt hat, um sie durch Glauben reich und zu Erben der Königsherrschaft Gottes machen will. Ziel der Gemeinde ist nicht die Gemeinschaft der „Reichen und Schönen“, sondern der Armen, die „durch Glauben reich" geworden sind, Gottes Liebe angenommen haben und bereit sind für die Sache Gottes einzutreten. Ihr Reichtum besteht in der Beziehung mit Gott, ihrem Lebensziel, zu dem hin sie miteinander wachsend unterwegs sind.

(3) Der Maßstab für das Verhalten der Gemeinde gegenüber Armen und Reichen orientiert sich an Jesus. Sein Leben ist ein Leben in Armut für die Armen. Unter ärmlichsten Verhältnissen ist er als armer Leute Kind in einer Wohnhöhle oder in einem Stall zur Welt gekommen. Er hat mit jenen Menschen Kontakt gesucht, die unter den Sammelbegriff "Arme" fallen: Bettler, Blinde, Taube, Kranke, Lahme, Aussätzige, Besessene, Sünder, Prostituierte, Zöllner, Mörder... Er hat den Umgang mit den Mächtigen und Einflussreichen nicht gesucht, um sich in ihrem Licht zu sonnen. Er hat die "Angesehenen/Reichen" aber auch nicht prinzipiell von der Gottesherrschaft ausgeschlossen, wiewohl er betonte, dass sie es schwer haben hineinzukommen. Er hat die Armen selig gepriesen und empfohlen, Arme als Gäste zum Essen einzuladen, weil sie die Einladung nicht mit einer Gegeneinladung zurückzahlen können. Gott wird ihnen diese Weitherzigkeit vergelten. Auch Jesu Sterben geschah in großer "Armut": Verraten, verleumdet und an die Besatzungsmacht ausgeliefert, starb er am Kreuz, verhöhnt als Verbrecher, obwohl er unschuldig war.


22. Sonntag im Jahreskreis Jak 1,17-18.21b-22.27

17 Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk 
kommt von oben herab,
 vom Vater der Gestirne[1], 
bei dem es keine Veränderung oder Verfinsterung gibt. 18 Aus freiem Willen 
hat er uns durch das Wort der Wahrheit geboren,
 damit wir eine Erstlingsfrucht seiner Schöpfung seien.[2]

21b Nehmt in Sanftmut das Wort an,
 das in euch eingepflanzt worden ist 
und die Macht hat, euch zu retten! 22 Werdet aber Täter des Wortes
 und nicht nur Hörer,
 sonst betrügt ihr euch selbst! 27 Ein reiner und makelloser Gottesdienst ist es
 vor Gott, dem Vater:
 für Waisen und Witwen in ihrer Not zu sorgen und sich unbefleckt von der Welt zu bewahren.


(1) Dietrich Bonhoeffer spricht einmal in wenigen Sätzen vom Segen eines Lebens mit dem Wort Gottes: „Wo Gottes Wort bei mir ist, finde ich in der Fremde meinen Weg, im Unrecht mein Recht, in der Ungewissheit meinen Halt, in der Arbeit meine Kraft, im Leiden die Geduld.“[3]

(2) Jede Gabe und jedes Geschenk Gottes hat die Qualität, den Menschen, wenn er die Gabe annimmt und sie sich zur Aufgabe werden lässt, Gott näher zu bringen. So ist es auch mit der Gabe Gottes schlechthin: dem menschgewordenen Wort (Logos) Gottes, Jesus Christus. Wer es annimmt, sich auf es (ihn) einlässt und zur entscheidenden Richtschnur seines Lebens erklärt, der überwindet aufgrund dieser Beziehung jetzt schon den Tod und lebt mit Gott verbunden.

Gott hat die Empfänger seiner kostbaren Gabe nicht aufgrund irgendeines Verdienstes, einer besonderen Leistung oder eines hervorragenden Talents berufen, sondern frei gewählt. Er hat sie "geboren" durch das "Wort der Wahrheit", durch das Evangelium Jesu Christi. Durch die Frohbotschaft, die Jesus in Wort und Tat verkündete (nicht das Buch ist gemeint) und die dadurch aufgenommene Beziehung zu ihm, sind sie zur Welt gebracht. Als durch das "Wort der Wahrheit" Geborene, sind sie "Erstlingsfrucht" der Schöpfung Gottes. Sie sind von Gott berufene Bilder und Gleichnisse des Wortes Gottes, Zeugen Jesu Christi.

Jakobus fordert seine Leser und Hörer auf: „Nehmt in Sanftmut das Wort an“. Man kann es sich gut vorstellen, das Wort in Form des Buches - in der Schale der offenen und ausgestreckten Hände liegend - zum Herzen zu führen. Es ist dennoch merkwürdig, dass das, was ohnehin schon in uns eingepflanzt ist, noch näher zur Lebensmitte hingeführt werden soll. Es entspricht andererseits der Wirklichkeit, dass uns "das Wort (Gottes)" vertraut ist, wir uns aber lieber auf andere attraktive Worte verlassen.

Im Samengleichnis mahnt Jesus eindringlich guter Boden für den Samen des Wortes Gottes zu sein. Angesichts der Tatsache, dass Dreiviertel der Saat auf schlechtem Boden verkommt, macht Jesus – bei der Erklärung des Gleichnisses - auf drei Gefährdungen aufmerksam, die es unmöglich machen, guter Boden zu sein: Die erste Gefährdung besteht darin, dass ich Gottes Wort gar nicht wirklich hören will, nämlich mit der Konsequenz, mich durch das Wort verwandeln zu lassen. Das Wort hören und nicht verstehen bedeutet, es nur zu hören, aber es sich nicht zu Herzen gehen lassen. Ich muss mich also vom Wort Gottes berühren lassen und bereit sein, Jesu Hand und Fuß und Sprachrohr in der Welt zu sein, also „Täter des Wortes“ zu werden.

Eine weitere Gefährdung ist der Irrtum, zu meinen, das gehörte Wort, unser Glaube bedürfe keiner Vertiefung. Das vor langer Zeit im Religionsunterricht Gehörte reicht längst nicht aus. Wir müssen unseren Glauben hegen und pflegen. Wir müssen unseren Glauben auch verstehen und gegenüber Nichtglaubenden rechtfertigen und argumentieren können. Außerdem sollte uns nicht schon der geringste Gegenwind umwerfen. Wir müssen uns auch bemühen in der Beziehung mit Jesus zu wachsen. So wie wir auch in unserer Beziehung zu den Mitmenschen wachsen sollten.

Die dritte Gefährdung sind falsch gesetzte Prioritäten. Spielt Gott wirklich die erste Geige in meinem Leben? Ist mein Herz wirklich bei Gott? Nur wenn ich die Prioritäten richtig gesetzt habe, wenn ich an Gottes Vorsehung, an seinen Segen und seine Führung auch für mich glaube, weiß ich, dass es zwar auf mich ankommt, aber nicht von mir abhängt. Ich muss nicht alles im Griff haben und brauche nicht in den Sorgen und Existenzängsten zu ersticken. Ich darf darauf vertrauen, dass Gott alles zum Guten wenden wird.

Wenn ich beim Lesen oder Betrachten der Heiligen Schrift einen Impuls in diese oder jene Richtung verspüre, muss ich diesen vor Gott prüfen. Wenn ich erkannt habe, was Gott will, dass ich verwirkliche, dann sollte ich nicht zögern, denn es ist Gottes Wille. Das Lesen und Betrachten des Wortes Gottes verlangt verbindliches Tun. Charles de Foucauld betont: „Man versteht das Evangelium nicht, wenn man es nur liest; man versteht es nur, wenn man es tut.“

Dem Auftrag "in der Welt, aber nicht von der Welt zu sein" entspricht der am besten, der sich den Armen, Witwen und Waisen verpflichtet weiß. Er entrinnt der allgegenwärtigen Gefahr zu korrumpieren.

(3) „Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neu geboren werden aus diesem Beten und diesem Tun.“[4]


[1] 1,17 Vater der Gestirne, wörtlich: Vater der Lichter; der Ausdruck bezeichnet Gott als den Schöpfer der Gestirne.
[2] 1,18 Wort der Wahrheit: das Wort des Evangeliums mit seiner Christusbotschaft und seiner sittlichen Forderung.
[3] D. Bonhoeffer, Behütet
[4] D. Bonhoeffer, Behütet


21. Sonntag im Jahreskreis Eph 5,21-33

21 Einer ordne sich dem andern unter 
in der gemeinsamen Furcht Christi! 22 Ihr Frauen 
euren Männern wie dem Herrn; 23 denn der Mann ist das Haupt der Frau,
 wie auch Christus das Haupt der Kirche ist.
 Er selbst ist der Retter des Leibes. 24 Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, 
so sollen sich auch die Frauen in allem den Männern unterordnen.

25 Ihr Männer, 
liebt eure Frauen,
 wie auch Christus die Kirche geliebt 
und sich für sie hingegeben hat, 26 um sie zu heiligen,
 da er sie gereinigt hat durch das Wasserbad im Wort! 27 So will er die Kirche herrlich vor sich hinstellen, 
ohne Flecken oder Falten oder andere Fehler;
 heilig soll sie sein und makellos.

28 Darum sind die Männer verpflichtet,
 ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. 
Wer seine Frau liebt,
 liebt sich selbst. 29 Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst,
 sondern er nährt und pflegt ihn,
 wie auch Christus die Kirche. 30 Denn wir sind Glieder seines Leibes.

31 Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen
 und sich an seine Frau binden
 und die zwei werden ein Fleisch sein. 32 Dies ist ein tiefes Geheimnis; 
ich beziehe es auf Christus und die Kirche.


(1) Der amerikanische, geistliche Schriftsteller Richard Rohr, erhielt eines schönen Tages von einer Frau folgende Zeilen: „Als Frau habe ich mich, wie so viele andere Frauen auch, taub gestellt gegenüber allen seinen Worten, die wir in der Liturgie hörten. Und diese Einstellung gibt es unter Frauen immer noch, die am liebsten die Kirche verlassen würden, wenn sie hören, dass wir unseren Ehemännern gegenüber unterwürfig sein sollen. Jahrhundertelang haben Frauen genau deswegen Missbrauch erlitten. Was kann man tun, um Paulus im Denken der Frauen zu rehabilitieren?“[1]

Ja, was ist zu tun? Das Wort der Bibel, das uns nicht genehm ist, einfach ignorieren und statt „peinlicher Sätze“, wohlklingende verkünden? Da sitzt mir D. Bonhoeffers Wort im Nacken: Wir sollen uns nicht zu Richtern des Wortes Gottes erheben, sondern uns dem Gericht des Gotteswortes unterstellen. Bleiben noch die Fragen: Ist die Übersetzung korrekt? Verstehen wir den Text richtig? Darüber hinaus gibt Widerspruch zu denken: „Einer ordne sich dem andern unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus.“ Wenn sowohl Männer als auch Frauen angesprochen sind, warum wird dann eine einseitige Unterwerfung der Frauen gefordert?

(2) „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn (Christus);“ So lautet die anstößige Formulierung, die viele Frauen derart blockiert, dass sie nicht mehr weiterhören. Sie argumentieren: Unterordnung der Frau unter den Mann kann doch nicht „Frohbotschaft“ sein. Fragen wir zunächst: Welchen Stellenwert hat diese Aussage für einen gläubigen Menschen? Es handelt sich nicht um eine Aussage Jesu, sondern des Apostels und ist keine für alle Zeiten geltende Offenbarung. Es ist eine aus der damaligen gesellschaftlichen Situation ergebende Forderung. sondern eine, sich aus der Situation ergebende Forderung, die in dieser Sie gilt in dieser Form solange, wie diese Umstände aktuell sind.

Was damit gemeint ist, verdeutlicht ein anderer anstößiger Paulustext: Bei Gebetsversammlungen soll die Frau das Wort ergreifen, nicht aber bei beratenden Gemeindeversammlungen. Ist das Heuchelei? Paulus argumentiert nicht theologisch, sondern weist auf menschliche Tradition und kulturell bedingtes Empfinden bei Griechen und Juden hin. Offenbar denkt und handelt er nach dem Prinzip: Das Verhalten der Gemeinde soll der Kultur, der gesellschaftlichen Ordnung und Tradition nicht zum Anstoß werden. Nach dem gleichen Prinzip würde Paulus heute sagen: Die Frau kann und soll z. B. im Pfarrgemeinderat mitreden.

Abgesehen von dieser Klarstellung kann unser problematischer Satz auch anders übersetzt werden. Er streicht das anstößige „Unterordnen“ nicht. Durch den Zusammenhang, der sichtbar wird, erscheint es aber weniger anstößig.[2] Die Begründung für die Unterordnung der Frau beruft sich auf eine damals gesellschaftlich vorgegebene Ordnung. Sie besagt, dass der Mann „Haupt der Frau“ ist. Daher möge sie sich unterordnen. Paulus appelliert an die geistliche Bereitschaft der Frau, die von der Gesellschaft vorgegebene Unterordnung im Geiste Christi frei und selbstbewusst zu vollziehen.

Er ermutigt sie, die gesellschaftliche Ordnung einzuhalten durch einen Vergleich mit Christus und der „ekklesia“ (Versammlung, Menschheit).[3] Den Verweis auf Christus als „Haupt der Versammlung“ hat der Apostel als Vergleich herangezogen, weil in der hellenistischen Gesellschaft der Ehemann „Herr/ Kyrios“ genannt und als „Haupt der Frau“ bezeichnet wird. Jedenfalls ist die Unterordnung der Menschheit unter Christus von Gott gesetzt, die der Frau unter den Mann ist menschliche Ordnung und hat natürlich nicht dasselbe Gewicht. Die Forderung der Unterordnung der Ehefrau unter den Ehemann ist nicht göttliches, sondern zeitgebundenes Gesetz.

Wie könnte Paulus also heute formulieren? Er würde kaum von „unterordnen“ reden, sondern eher von gegenseitigem „achten und respektieren“ der Partner. Zum Beispiel: „Ihr Frauen achtet und respektiert eure Männer als eure geliebten Partner.“ Die Liebe des Ehemannes zur Ehefrau würde er an der Liebe Christi zur „ekklesia“ orientieren und er würde vom Angebot der Liebe Christi an jeden Menschen reden und von der Freiheit des Menschen dieses Angebot anzunehmen oder abzulehnen.

Bei aller Aufregung über diese Stelle sollten wir die anderen kostbaren Aussagen des Textes nicht überhören. Beachtlich sind die Aussagen über Christus und seine Beziehung zur Menschheit. Christus erscheint als „Haupt“ als „Retter“ seines „Leibes“, der „Versammlung“, der ganzen Menschheit, die er mit aufmerksamer, zärtlicher Liebe umsorgt, reinigt und mit Heiligem Geist erfüllt und so zu Gerechtigkeit und Liebe führt, die Gottes Gefallen finden. Paulus geht von der innigen Liebe der Eheleute aus und sieht auch umgekehrt in der Liebe Christi zu den Menschen eine Motivation für die Liebe von Eheleuten, besonders für den Ehemann, der der Hauptangesprochene ist.

(3) Paulus legt weder der Frau noch dem Mann ein Gebot vor, das den Stellenwert wie eines der 10-Gebote hätte, vielmehr ein hohes Ideal, eine Zielvorstellung, wie es die Seligpreisungen sind. Der Apostel lädt uns ein, sie zu verwirklichen. Die Liebe Christi nachzuahmen kann aber nur bedeuten aufzubrechen, um mehr und mehr zu dieser Liebe hin zu wachsen.


[1] R. Rohr, Paulus 95
[2] Die paraphrasierende Übersetzung stammt von Nobert Baumert, Völker 336: „Lasst euch mit Geist erfüllen, so dass ihr euch einander unterordnet in einer von Christus geprägten Ehrfurcht: Ihr Frauen (ordnet euch unter) euren Ehemännern als dem („Kyrios“, eurem gesellschaftlich verantwortlichen) Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau (ist ihr übergeordnet), wie auch der Christus Haupt der Versammlung (der gesamten Menschheit) ist, Er, der Retter des Leibes. Ja, in der Tat, wie die Versammlung dem Christus untersteht, so (unterstehen) auch durchaus die Ehefrauen ihren Männern (in der damaligen Gesellschaft).
[3] N. Baumert, Völker 340f: Die Einheitsübersetzung setzt für „ekklesia“ automatisch „Kirche“ - das trifft hier nicht zu!


Mariä Aufnahme in den Himmel 1 Kor 15,20-27a

20 Christus ist von den Toten auferweckt worden 
als der Erste der Entschlafenen. 21 Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist,
 kommt durch einen Menschen 
auch die Auferstehung der Toten. 22 Denn wie in Adam alle sterben, 
so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. 23 Es gibt aber eine bestimmte Reihenfolge:
 Erster ist Christus;
 dann folgen, wenn Christus kommt,
 alle, die zu ihm gehören. 24 Danach kommt das Ende,
 wenn er jede Macht, Gewalt und Kraft entmachtet hat
 und seine Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt. 25 Denn er muss herrschen, 
bis Gott ihm alle Feinde unter seine Füße gelegt hat. 26 Der letzte Feind, der entmachtet wird,
 ist der Tod. 27a Denn: Alles hat er seinen Füßen unterworfen.

(1) Das Thema Auferstehung, das im Zentrum der heutigen Lesung steht, wirft mehr Fragen auf als es Antworten darauf gibt. Der Text der Lesung stellt uns vor Augen wie Paulus sich die Auferstehung derer denkt, die Jesus Christus annehmen und jener, die dies nicht tun. Es handelt sich jedenfalls um eine Frage mit der sich schon die Christen in Korinth auseinander gesetzt haben. Paulus betont aber auch, dass bei der Befreiung aus Sünde und Tod, der Mensch zum Mittun aufgefordert ist.

Leukios fragte, ob ihm jemand den Zusammenhang zwischen der Auferstehung Jesu und unserer Auferstehung erklären kann. Er bekam folgende Antwort: „Als ich im Gottesdienst diesen Abschnitt hörte, ist mir vor allem dieses in den Ohren geblieben: dass Christus der Erste ist, der auferweckt worden ist, oder der Erstling... Das ist für mich darum wichtig, weil ich dann Tod und Auferweckung Jesu nicht nur als geschichtliches und starres Datum zu betrachten habe, sondern als etwas, das den Anfang bildet: den Anfang des neuen Lebens, den Anfang einer neuen Gesellschaft,... Ich habe das an einem Bild festmachen können, das Paulus, wenn ich ihn richtig verstehe, selber gebraucht: So wie Adam der erste der Menschen ist, die in die Welt kommen und sterben, so ist Christus der Erste derer, die auferstehen werden.“[1]

(2) Unsere "Lebendigmachung" (Auferweckung) hängt von unserer Beziehung zu Jesus Christus ab. Sie war jedenfalls notwendig geworden durch Adams Verweigerung gegenüber Gottes Willen. Er wollte selbst sein wie Gott, ließ Gott nicht Gott sein. Dadurch kam der Tod in die Welt. Dagegen steht die Verheißung, dass wir Menschen, die wir in Adam gestorben sind, durch Christus lebendig gemacht werden

Jesus Christus ist nach der bestimmten Reihenfolge der Erste, der von Gott lebendig gemacht wurde. Dann müssen als zweite die, die zu Christus gehören, lebendig gemacht werden, schließlich alle Übrigen, wenn Christus die Königsherrschaft an Gott übergibt.[2] Die „Christusleute“ empfangen das Auferstehungsleben bereits jetzt anfanghaft (!) in der Begegnung mit Christus. Die „Übrigen“ aber erst, wenn Christus "die Königsherrschaft dem Vater übergibt", wenn sein rettendes Wirken – bei diesen erfolglos - zum Ende kommt.

Denen, die zu Christus gehören, ist die Parousia, die Gegenwart Christi, verheißen. Sie ist ein Geschenk, das Leben vermittelt und das die einzelnen Menschen in verschiedener Stärke erfahren können. Durch sie werden die „Christusleute“ von Gott "lebendig gemacht", nicht nur in der Anfangsbekehrung und Taufe, sondern immer wieder neu durch sein Wort, seinen Geist, seine Liebe und Nähe in ihrem Leben als Gläubige.

Die Befreiung aus der Macht der Sünde und des Todes ist ein Kampf, in dem die Menschen nicht passiv bleiben dürfen, sondern zum Mittun aufgefordert sind. Der Anführer ist Christus. Der Feind ist kein menschliches Heer, sondern sind Mächte, Kräfte und Gewalten anderer Art.[3] Jeder, der sich zu den „Christusleuten“ rekrutieren lässt, entscheidet sich dazu und begibt sich auf den Weg des Gerettetwerdens. Wer sich zu ihm bekennt, wird von Christus lebendig gemacht, immer neu und mehr, durch seine persönliche Nähe. Wer sich in seiner Lebenszeit dem Anruf Christi verweigert, bleibt Teil der übrigen großen Masse (Legionäre).

Wie aber werden die „Übrigen“ lebendig gemacht? Es sind jene, die nicht zu Christus gekommen sind und seine Botschaft nicht angenommen haben; jene, die nie durch die erweckende Gegenwart Christi verändert und lebendig gemacht worden sind, da sie ihn nicht angenommen haben, obwohl er auch um sie gekämpft hat. Lebendig gemacht werden sie dann, wenn Christus die Herrschaft auch über sie, seinen erfüllten Rettungsauftrag, den sie nicht annahmen, dem Vater am Ende der Zeit übergibt.

Die Christusgläubigen, die den Retter annehmen und Vergebung ihrer Sünden erlangen, werden damit bereits jetzt von der Herrschaft der Sünde befreit und empfangen daraufhin das Auferstehungsleben. Bei den anderen kämpft Christus ebenfalls darum, dass sie von der Sündenmacht befreit werden. Sie bekommen ebenfalls und immer wieder die Chance zur Umkehr. Doch wenn der Mensch sie nicht annimmt, dann bleibt er unter der Oberbefehlsgewalt der Mächte und Gewalten, bis diesen durch den physischen Tod die Macht entzogen wird. Paulus betont, dass Christus zuerst darum kämpft, alle Menschen von jeder fremden Macht zu befreien, um sie schließlich aufgrund ihres Mittuns, vom Tod zu befreien, wobei er die einen bereits jetzt mit dem Auferstehungsleben beschenkt, die anderen am Ende mit einer Auferweckung in "Unverderblichkeit".[4]

(3) Das „Lebendiggemachtwerden“ aller Menschen wird nicht ausschließlich auf den „Jüngsten Tag“ verschoben, sondern wird immer wieder, auch bereits in dieser Zeit geschehen. Wir sind eingeladen, Jesu Christi Liebe und Nähe zu suchen, uns von seinem Wort ermutigen, trösten und herausfordern und von seinem Geist inspirieren zu lassen.


[1] H.-J. Venetz/S. Bieberstein, Paulus 137
[2] Im Hintergrund dieser Darlegung steht das Bild von einem Heeresaufgebot. Ein anführender Feldherr sammelt eine Kerntruppe, eine Schar verlässlicher und überzeugter Soldaten. Die größere Anzahl bilden die Legionäre, die wenig überzeugten, bloß um den Sold kämpfende Soldaten.
[3] Das können Menschen versklavende mächtige Ideologien sein: Nationalismus, Faschismus, Kommunismus, Kapitalismus, Militarismus, Rassismus, jede Art von Totalitarisus, Konfessionalismus und auch und vor allem Geiz und Neid. Oft erscheinen sie im Gewand von Sachzwängen mit ideologischem Hintergrund.
[4] N. Baumert, Seelsorger 286: „‚Unvergänglich’ sind die Menschen nicht etwa von Natur aus, etwa aufgrund einer ‚unsterblichen’ Seele, sondern immer durch Gottes Wirken in Jesus Christus, durch den sie lebendig gemacht werden.’“


19. Sonntag im Jahreskreis            Eph 4,(29)30-5,2

29 Über eure Lippen komme kein böses Wort, sondern nur ein gutes, das den, der es braucht, auferbaut und denen, die es hören, Nutzen bringt. 30 Betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, 
den ihr als Siegel empfangen habt für den Tag der Erlösung![1] 31 Jede Art von Bitterkeit 
und Wut und Zorn
 und Geschrei und Lästerung
 mit allem Bösen verbannt aus eurer Mitte! 32 Seid gütig zueinander, 
seid barmherzig, 
vergebt einander, 
wie auch Gott euch in Christus vergeben hat.

5,1 Ahmt Gott nach als seine geliebten Kinder 2 und führt euer Leben in Liebe, 
wie auch Christus uns geliebt 
und sich für uns hingegeben hat 
als Gabe und Opfer, das Gott gefällt![2]



(1) Die Ermutigung am Ende der Lesung soll die Hörer oder Leser des Lesungstextes zur Verwirklichung der vorausgehenden Forderungen für ein gedeihliches und attraktives Miteinander in der Gemeinde motivieren: „Ahmt Gott nach als seine geliebten Kinder und führt euer Leben in Liebe, 
wie auch Christus uns geliebt 
und sich für uns hingegeben hat“ (5,1f).

(2) Die Lesung geht von einem Wortgefecht aus, das zu eskalieren droht und nicht nur die Beteiligten schädigt, sondern auch Ansehen und Attraktivität der Gemeinde und nicht zuletzt den Heiligen Geist. Wer wird einer solchen Gemeinschaft angehören wollen, deren Zusammenleben von Streit und Entzweiung geprägt ist? Wie aber können unvermeidbare unterschiedliche Standpunkte für die Gemeinde nutzbar gemacht und Konflikte gelöst werden, ohne tiefe Gräben zu hinterlassen? Gibt es dafür eine Technik, eine Methode? Nicht die Lösung eines Kommunikations-Trainers bietet der Apostel an, sondern das Wirken des Heiligen Geistes.

Stellen wir uns die Situation des Wortgefechtes unter Gemeindemitgliedern vor: Es besteht die Gefahr, dass sich einer eines besonders verletzenden, bösen Wortes bedient, um im Kampf der Wörter den entscheidenden Schlag zu führen. Paulus möchte die Eskalation des Wortgefechtes verhindern. Um de-eskalierend zu wirken rät er, auf ein böses Wort kein böses, sondern ein gutes Wort folgen zu lassen. Die Tendenz, dass auf ein böses Wort ein noch böseres folgt, soll gestoppt werden. Freilich kommt es auf das "gute Wort" an. Es muss ehrlich sein und Emotionen und Gedanken auf eine andere Ebene heben, von der Ebene persönlicher Betroffenheit auf die Ebene des „neuen Miteinanders“. Der andere muss sich ernst genommen fühlen und spüren, dass er nicht "vernichtet" werden soll. Es geht in erster Linie darum aus dem Reiz-Reaktions-Muster auszubrechen (auf ein verletzendes Wort folgt ein noch verletzenderes). Wir wissen, dass das nicht leicht ist. Die Versuchung den Vernichtungsschlag zu führen ist sehr stark.[3]

Paulus empfiehlt, sich in einer solchen Situation dem Heiligen Geist zu öffnen: Ihr seid gesiegelt für einen Tag einer Loslösung. Gott löst euch durch seinen Geist los von dem bösen Wort, das in euch aufsteigt. Loslösung geschieht also auf Anregung und in der Kraft des Heiligen Geistes, wenn man sein Angebot annimmt. "Das ist dann nicht etwa 'euer großer Tag', sondern ist ein Tag, an dem in der Kraft des Heiligen Geistes etwas geschieht, was aber nicht geschehen könnte, wenn ihr ihm nicht folgen würdet! 'Besiegelung mit dem Geist' besagt ja nicht etwa, dass alles abgeschlossen und 'versiegelt' ist, sondern dass der Geist uns definitiv gegeben ist, damit wir nun mit ihm und in ihm handeln!"[4] Der Heilige Geist ist betrübt, wenn ihr sein Angebot nicht wahrnehmt.

Wenn wir uns für das Wirken des Heiligen Geistes öffnen geschieht Arbeit an der Wurzel: Sich Jesu Sicht aneignen, mit ihm auf Gottes Willen hören und ihm nachfolgen. Wer gütig und barmherzig ist und vergeben kann, der ist in der Lage „jede Art von Bitterkeit, Wut, Zorn, Geschrei und Lästerung“ aus seinem Leben mit den Mitmenschen zu verbannen. Gott selbst ist der Maßstab für ein solches Verhalten: "wie Gott in Christus uns vergeben hat".

Es gilt, Gott in seiner Liebe nachzuahmen. Wie sehr Gott uns liebt, hat er uns durch seinen Sohn vor Augen geführt. Dies sollten wir immer neu verinnerlichen, denn es ist die Grunderfahrung, auf die jedes christliche Engagement aufbaut. Wie auch Kinder zur Liebe befähigt werden, wenn sie die Liebe der Eltern erfahren und diese dann nachahmen, so sollen auch die Leser und Hörer des Briefes die Liebe Gottes durch Jesus nachahmen. Wir dürfen und müssen uns immer wieder vergewissern, wie sehr Gott uns als seine Kinder liebt. Wenn wir diese Liebe auf uns wirken lassen werden wir befähigt sie mit anderen zu teilen.

Worin zeigte sich die Liebe Jesu zu uns? In seiner Geduld, seiner Vergebung, seinen Heilungen und Erweckungen, seinen Ermutigungen, Unterweisung und Stärkung durch den Geist. Der Einsatz Christi für uns ist als Darbringung für Gott zu einem wohlriechenden Duft zu verstehen. Als "Wohlgeruch für Gott" werden sowohl Brandopfer wie Speiseopfer bezeichnet, steht aber auch allgemein für etwas, das Gott wohlgefällt.

(3) Paulus schlägt vor, mit dem guten Wort das böse zu besiegen, damit der, der es braucht, gestärkt wird. Die, die es hören, sollen daraus Nutzen ziehen. Das ist gewiss nicht leicht. Es setzt die Erfahrung voraus, von Gott geliebt zu sein. Aber nicht nur das, auch eine bewusste Orientierung an Jesus, sowie Erfahrung im Umgang mit Emotionen wie Bitterkeit, Wut, Zorn etc., das Widerstehen spontaner Reaktionen und das bewusste „Sich-Offenhalten“ für das Wirken des Heiligen Geistes.

[1] Ich folge der Übersetzung von N. Baumert, Völker 317 : „Überdies betrübt ihr (durch ein böses Wort) den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr doch gesiegelt worden seid für einen Tag einer Loslösung (dafür, dass Gott euch dann vom Bösen lösen möchte).“
[2] 5,2 Wörtlich: als Gabe und Opfer für Gott zum wohlriechenden Duft. Ich übersetze mit N. Baumert, Völker 317: "Und gestaltet euer Leben (unter den Völkern) in Liebe wie auch Christus (der Messias) uns geliebt und sich für uns eingesetzt hat als eine Darbringung und Opfergabe für Gott zu einem wohlriechenden Duft."
[3] „Pretty Woman“ ist ein typisches amerikanisches Hollywood-Märchen, verfilmt mit Julia Roberts und Richard Gere. Ein erfolgreicher Geschäftsmann und eine Prostituierte verlieben sich. Zu guter Letzt heiratet er sie. Mich interessiert eine Nebenhandlung: Der Geschäftsmann ist ein Corporate Raider, ein Finanzinvestor, der eine Mehrheitsbeteiligung an Unternehmen erwirbt, um sie anschließend entweder mit Gewinn weiter zu veräußern oder zu zerschlagen. Edward fängt an, im Spiegel von Vivians Sichtweise seine berufliche Tätigkeit und seine Motivation in Frage zu stellen. Es kommt zum Gespräch, bei dem die Zerschlagung des Familienunternehmens Morse „finalisiert“ werden soll. Aber Viviens Sichtweise verursacht dem kühlen und rücksichtslosen Rechner ernsthafte Zweifel. Er lenkt ein und führt mit dem Senior-Chef Morse ein Einzelgespräch. Edward beschließt, das Familienunternehmen nicht zu zerschlagen, sondern es zu sanieren. Hier hat jemand seine Sicht geändert und auf seine innere Stimme gehört.
[4] N. Baumert, Völker 321


18. Sonntag im Jahreskreis           Eph 4,17(18f).20-24

17 Das also sage ich und beschwöre euch im Herrn: Lebt nicht mehr wie die Heiden in ihrem nichtigen Denken![1] (18 Sie sind verfinstert in ihrem Sinn. Sie sind dem Leben Gottes entfremdet durch die Unwissenheit, in der sie befangen sind, durch die Verhärtung ihres Herzens. 19 In ihrer Haltlosigkeit gaben sie sich der Ausschweifung hin, um jede Art von Unreinheit in Habgier zu vollführen.)

20 Ihr aber habt Christus nicht so kennen gelernt. 21 Ihr habt doch von ihm gehört und seid unterrichtet worden, wie es Wahrheit ist in Jesus. 22 Legt den alten Menschen des früheren Lebenswandels ab, der sich in den Begierden des Trugs zugrunde richtet, 23 und lasst euch erneuern durch den Geist in eurem Denken! 24 Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.[2]


(1) Offenbar ist es für erwachsene Menschen schwer ihr Leben grundlegend positiv zu ändern. Sind gar die im Recht, die sagen, dass sich ab einem bestimmten Zeitpunkt der Mensch nicht mehr ändert? Er bleibt im Fahrwasser seiner Kindheits- und Jugenderfahrungen.

Der amerikanische Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau weist auf die geringen Chancen hin: "Auf je tausend, die an den Blättern des Bösen zupfen, kommt einer, der an der Wurzel hackt." Große Verbesserungen in unserem Leben können wir also nur dann erzielen, wenn wir aufhören an den Blättern der Einstellungen und Verhaltensweisen zu zupfen. Wir müssen die Arbeit an den Wurzeln aufnehmen, denen diese Einstellungen und Verhaltensweisen entsprießen.

Jeder sieht die Welt durch die einzigartige Brille seiner persönlichen Erfahrung. Wir sehen also die Welt nicht so wie sie ist, sondern so, wie wir sind - oder wie wir sie zu sehen konditioniert sind. Was wir sehen (wahrnehmen) steht in enger Wechselwirkung zu dem, was wir sind. Wir können unser Sehen nicht sehr verändern, ohne gleichzeitig unser Sein zu ändern, und umgekehrt.[3]

Der „neue Mensch“, von dem in der heutigen Lesung die Rede ist, repräsentiert ein „neues Sein“, das Sein aus und mit Jesus Christus. Mit dem „neuen Sein“ geht eine neue Sichtweise einher, nämlich das Sehen der Welt mit den Augen Jesu.

(2) Wem bestätigt der Apostel Paulus, dass sie nicht ebenso wie Heiden leben?[4] In Eph 2,11-13 sprach er zu den Heidenchristen, den Christusgläubigen aus den Völkern, dass sie vorher ohne Gott, ohne verheißenen Christus gelebt hätten und darüber hinaus Israel gegenüber fremd waren.
Hier, am Beginn der Lesung, bestätigt (!) Paulus den christusgläubigen Juden, dass sie nicht leben wie die Heiden, die die Einladung zum Glauben an Jesus Christus nicht angenommen haben. Deren Lebenswandel ist nach wie vor von Unkenntnis des wahren Gottes geprägt. Deshalb sind sie Spielball ihrer Begierlichkeit und Zügellosigkeit (V 18f).

Sie, die Judenchristen haben schon lange mit dem Messias/Christus gelebt, wenn auch zunächst nur in der Haltung des Wartens auf den verheißenen Messias. Der Christus ist erst recht Teil ihres Lebens geworden als sie das Evangelium Jesu „gehört“, darin „unterrichtet“ worden sind und in ihm den verheißenen Christus anerkannt haben. Damit haben sie den „alten Menschen“, die Wurzel aller ins Verderben führender Begierlichkeit und die Verweigerung Gott gegenüber abgelegt und wurden „erneuert“. Gott lässt sie nach dem Herrschaftswechsel, der Distanzierung vom „alten Menschen“ und der Hinwendung zu Jesus Christus, nicht allein und ohne Hilfe. Die Beziehung mit Jesus ist die „Wurzel“ aus der, der „neue Mensch“ hervorwächst. An ihr muss gearbeitet werden, damit der „neue Mensch“ immer mehr Gestalt annimmt. Aus der Wurzel leben bedeutet vor allem in Beziehung mit Jesus leben, ihm nachfolgen.

Mit dem „neuen Menschen“ wird der Heilige Geist gegeben. Gott sorgt für sie durch seinen Geist und erneuert sie in ihrem geistlichen Denken. Das nimmt konkrete Formen in dem „neuen Menschen“ an, den sie angezogen haben. Von jetzt an denken sie anders. Vom „neuen Menschen“ in ihnen gehen Impulse aus, die ihr Handeln verändern und erneuern wollen.

Das alles ist Erklärung dafür, dass sie nicht so leben wie die Heiden (V 17-19), da sie aus einer anderen Wurzel leben. Und nun erst recht, da Jesus, die Erfüllung ihrer Messias-Erwartungen zur alles tragenden Wurzel geworden ist. Der Herrschaftswechsel, der Übergang vom „alten Menschen“ zum „neuen Menschen“ setzt die Entscheidung zur Annahme des Angebotes zur Lebens- Lern- und Schicksalsgemeinschaft mit Jesus voraus. Aus der Beziehung mit Jesus bezieht der „neue Mensch“ die konkreten Einstellungen und Handlungen.

Der Text schließt mit der Schöpfung: Der "neue Mensch" ist "nach Gott geschaffen." Das befähigt ihn auch zu gerechtem Handeln und einer echten Heiligkeit: Zur Nächsten- und Gottesliebe.

(3) Es geht im heutigen Abschnitt aus dem Brief an die Epheser um einen entscheidenden Perspektivenwechsel, um das Ablegen der einen Brille und das Aufsetzen einer anderen. Der „alte Mensch“ sieht durch die (alte) Brille, die die Welt ohne Gott sieht und alles Lebende in den Dienst der eigenen Interessen stellt. Das führt im schlimmsten Fall zu Gier und Zügellosigkeit. Der „neue Mensch“ sieht durch die (neue) Brille, die die Welt mit den Augen des Messias Jesus sieht und was im besten Fall zur Gottes- und Nächstenliebe führt.


[1] Ich folge hier nicht der Einheitsübersetzung, sondern N. Baumert, der 17 b nicht als Aufforderung, sondern als Aussage übersetzt: „17 Insofern nun erkläre und bestätige ich im Herrn, dass ihr nicht ebenso lebt, wie in der Tat die Völker leben, nämlich in der Torheit ihres Verstandes.“
[2] Auch die V 22-24 sind nach N. Baumert nicht als Aufforderung, sondern als Aussage zu übersetzen: „20 Ihr aber habt den ‚Messias’ (Christus) nicht so kennengelernt – 21 wenigstens wenn ihr von ihm gehört habt und in ihm unterrichtet worden seid, wie es wirklich ist: 22 dass ihr in Jesus abgelegt habt den der früheren Lebensart entsprechenden alten Menschen, der mit seiner trügerischen Begierlichkeit ins Verderben führt; 23 erneuert jedoch werdet ihr im Geist eures Denkens 24 und angezogen habt ihr den neuen Menschen, der nach Gott geschaffen worden ist in Gerechtigkeit und einer von der Wahrheit geprägten Heiligkeit."
[3] Vgl. St. Covey, Wege, 53
[4] Vgl. N. Baumert, Völker, 311-313

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17. Sonntag im Jahreskreis                Eph 4,1-6

1 Ich, der Gefangene im Herrn, ermahne euch, ein Leben zu führen, das des Rufes würdig ist, der an euch erging. 2 Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe, 3 und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens!

4 Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung in eurer Berufung; 5 ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, 6 ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist.



(1) Dass sich das Judenchristentum schwer tat, sich für die Heiden (Völker) zu öffnen hat seine Gründe. Jesus wusste sich zunächst auch nur zu den „Verlorenen“ des Hauses Israel gesandt. Nur vereinzelt ließ er sich mit Heiden ein (und war überrascht von ihrem Glauben). Erst nachdem sich die Ablehnung seiner Glaubensbrüder aus dem Gottesvolk verfestigte, änderten sich seine Festlegungen. Nach seiner Auferstehung sendet er seine Jünger mit dem Taufbefehl in alle Welt.

Das Ringen um die Öffnung ist in den Kapiteln der Apostelgeschichte dokumentiert. Die Bekehrung des Kornelius, die Auseinandersetzungen zwischen Petrus und Paulus, wie auch das Apostelkonzil, geben beredtes Zeugnis. Wie es konkret vor Ort aussah lehrt uns nicht zuletzt der Brief des Apostels Paulus an die Epheser. Für Paulus ist die Öffnung des Heilsangebotes für die ganze Menschheit von Anfang an Teil des Planes Gottes.

(2) Nicht die Erwählung des Gottesvolkes Israel steht am Anfang der Bibel, sondern die Schöpfung der Welt. Die erste biblische Gestalt ist nicht Abraham, sondern Adam. Adam meint in den ersten Kapiteln der Genesis aber keineswegs einen Einzelnen, sondern "Menschheit". Die Bibel beginnt also mit der Menschheit. Wegen der Verweigerung gegenüber dem Willen Gottes (Sündenfall) und der Überhebung des Menschen (Stadt- und Turmbau von Babel), entfremdet sich die Menschheit von Gott. Mit Abraham beginnt Gott sein Erlösungswerk mit der ganzen Menschheit. Eine Verheißung bringt Abraham auf den Weg: Einmal ein großes Volk und zum Segen für andere zu werden. Außerdem sollen sich in ihm "Segen zusprechen alle Geschlechter der Erde." "Du sollst ein Segen sein", wird noch einmal gesteigert zu einem Segen, der die ganze Menschheit umfasst. Es geht Gott um alle Völker, um alle Geschlechter der Erde. Der weltumgreifende Horizont ist im Blick.

Für die Erfüllung seines Erlösungswerkes wählt Gott ein Volk (Dtn 7,6-8). "Erwählt zu sein, wird nicht zum Privileg, nicht zur Bevorzugung vor anderen, sondern zur Existenz für die anderen und damit zur schweren Last der Geschichte".[1] Erwählung ist aber immer auch mit einem Auftrag verbunden. Gott will alle Menschen befreien und verwandeln. Dafür braucht er in der Welt einen Anfang, einen Ort und Zeugen. Die Erwählung Israels ist kein Selbstzweck und dient auch nicht der Selbstverwirklichung.

Die Judenchristen (von Ephesus) sind das Gegenüber zu seinem "ich", das er noch hervorhebt durch "der Gefangene im Herrn".[2] Diese Charakterisierung ist in geistlichem Sinne zu verstehen. Es ist ein Ehrentitel und betont seine Autorität den Briefempfängern gegenüber. Paulus trägt ihnen auf, ihre Berufung im Dienste der ganzen Menschheit in großer Demut anzunehmen und auszuüben. Er ermutigt er sie im Umgang mit den Menschen und besonders auch mit denen aus den Völkern, unabhängig davon, ob sie an Christus glauben oder nicht, Milde walten zu lassen. Sie sollen weder schroff noch arrogant sein. Dass ist alles andere als leicht, weil den Juden von der ganzen Welt Feindschaft entgegenschlägt. Er motiviert sie, im Umgang mit den möglichen Adressaten des Evangeliums, den Menschen aus den Völkern, offen und aufgeschlossen zu begegnen.

In der neuen Einheit mit Christus sollen die angeredeten Judenchristen neu das Miteinander mit allen Menschen lernen, indem sie andere Menschen ertragen und auch gelten lassen. Die Einheit des Geistes sollen sie in Liebe mit allen Menschen hegen und pflegen. Die Erfahrung des Friedens des Auferstandenen möge sie zu einem Band machen, das alle Menschen zusammenhält. Die Christusgläubigen aus den Juden sollen ihre einmalige Berufung für die Völker erkennen und alle Menschen, ob christusgläubig oder nicht, als Mit-Glieder in demselben Leib in Milde annehmen.

Das folgende Bekenntnis zum Leib/Geist, Herrn und Gott, dem Vater aller, ist die Voraussetzung für alle weiteren Ermutigungen. Es existiert nur "ein einziger Leib". Er ist von Anfang an vorhanden. Der ein- und derselbe Geist belebt von Anfang an die Glieder dieses Leibes. Alle Völker sind zu ein- und demselben "Trauen(Glauben)" auf Gott in Christus berufen.[3] Dieses "Trauen" ist wechselseitig zu verstehen: Zuerst ist das Trauen Gottes zu uns Menschen in Christus, dem unser Trauen zu Gott in Christus entsprechen soll. Wie im Alten Testament wird dreifach zum Ausdruck gebracht, dass Gott sich um alle Menschen kümmert - also auch um die Völker. Gott steht über allen, ist inmitten aller und in allen.

Das betont Paulus gegenüber christusgläubigen Juden, ohne dabei zu leugnen, dass Gott ihnen, seinem auserwählten Volk in besonderer Weise nahe war und ist und sein wird.

(3) „Als erstes würde ich raten, dass die Christen alle miteinander anfangen müssen, wie Jesus Christus zu leben. Wenn ihr im Geist eures Meisters zu uns kommen wolltet, könnten wir euch nicht widerstehen.“ (M. Gandhi)


[1] N. Lohfink, Kirche, 57
[2] N. Baumert, Völker, 282-287
[3] N. Baumert, Völker, 286: Die sechsmalige Nennung des Zahlwortes "eins" in den drei Versen zielt auf die gegenseitige Bezogenheit von Juden und Völkern im Heilswirken Gottes.

Zum Evangelium: Kurt Udermann, Neuer Wein gehört in neue Schläuche! Mit dem Wort Gottes durchs Leben. Gedanken zu den Sonn- und Feiertagsevangelien im Jahreskreis B. Memoiren-Verlag Bauschke


16. Sonntag im Jahreskreis         Eph 2,(11f)13-18

11 Erinnert euch also, dass ihr früher von Geburt Heiden wart und von denen, die äußerlich beschnitten sind, Unbeschnittene genannt wurdet. 12 Zu jener Zeit wart ihr von Christus getrennt, der Gemeinde Israels fremd und von dem Bund der Verheißung ausgeschlossen; ihr hattet keine Hoffnung und lebtet ohne Gott in der Welt.[1]

13 Jetzt aber seid ihr, die ihr einst in der Ferne wart, in Christus Jesus, nämlich durch sein Blut, in die Nähe gekommen.14 Denn er ist unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile - Juden und Heiden - und riss die trennende Wand der Feindschaft in seinem Fleisch nieder.[2]

15 Er hob das Gesetz mit seinen Geboten und Forderungen auf, um die zwei in sich zu einem neuen Menschen zu machen. Er stiftete Frieden[3] 16 und versöhnte die beiden durch das Kreuz mit Gott in einem einzigen Leib. Er hat in seiner Person die Feindschaft getötet. 17 Er kam und verkündete den Frieden: euch, den Fernen, und Frieden den Nahen.

18 Denn durch ihn haben wir beide in dem einen Geist Zugang zum Vater.

 

(1) In Erfüllung seiner Sendung wandte sich der Apostel Paulus zunächst immer an Juden, um ihnen das Evangelium von Jesus, dem lange erwarteten Messias, zu verkünden und erweiterte seine missionarischen Bemühungen auch auf Heiden. Die von ihm gegründeten Gemeinden bestanden bald schon aus Juden- und Heidenchristen. Aber hat Paulus da nicht Grenzen überschritten, die nicht überschritten werden durften? Legte Gott nicht selbst größten Wert auf die Absonderung und Trennung Israels von den anderen Völkern, um billige Anpassung und Abfall zu verhindern? Paulus liefert den Judenchristen Argumente für die radikale Neuorientierung seines Verhaltens und lädt heidnische Sympathisanten des Judentums ein, sich seiner Botschaft anzuschließen.

Paulus zieht einen Strich unter die Vergangenheit und beschreibt eine Wende vom Einst zum Jetzt, vom Totsein zum Lebendigsein, vom Fernsein zum Nahesein. Betroffen von dieser einschneidenden Wende, die Gott in Jesus Christus herbeiführte, sind die Beziehungen der Juden und Heiden zu Gott: „Durch ihn haben wir beide in dem einen Geist Zugang zum Vater“ und die Beziehung der Juden und Heiden zueinander.

(2) Zunächst spricht der Völkerapostel die Empfänger seines Briefes, die Judenchristen (in Ephesus) an und erklärt ihnen die Wende in der Beziehung Gottes zu Israel. Gott hat diese durch den Messias Jesus an ihnen vollzogen: „Ihr wart tot infolge eurer Verfehlungen und Sünden... Gott aber, der voll Erbarmen ist, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus wieder lebendig gemacht.“ (Eph 2,1.4/5) Paulus betont, dass sie (er und die Judenchristen) aus Gnade und durch „Trauen“ gerettet sind (2,8). Gott hat sie, die wegen ihrer Sünden tot waren, aus Liebe, zusammen mit Christus lebendig gemacht. Dadurch „wollte er den kommenden Zeiten den überfließenden Reichtum seiner Gnade zeigen (2,7).“

Die entscheidende Wende für die Heidenchristen beschreibt Paulus im Bild von fern und nahe: „Jetzt aber seid ihr, die ihr einst in der Ferne wart, durch Christus Jesus, nämlich durch sein Blut, in die Nähe gekommen.“ Er erläutert diese Aussage und redet nun nicht über die Heiden, sondern spricht sie direkt an. Er rechnet damit, dass die Judenchristen in Ephesus einigen Heidenchristen und Interessenten den Brief zur Kenntnis bringen werden.[4] Warum gerieten die Heiden in die Ferne (von Christus getrennt, der Gemeinde Israels fremd, vom Bund der Verheißung ausgeschlossen, ohne Hoffnung und ohne Gott) und mussten in die Nähe geholt werden? Sie gelangten immer mehr ins Abseits, weil sie sich Gott entfremdeten und ihn ablehnten. Durch das Sterben des Messias Jesus holte Gott sie heim, in seine Nähe.

Ihre Entfremdung und Abwendung von Gott hatte für die Heidenvölker weitreichende Konsequenzen. Weil Gott ihre Sünde zuwider war, entstand seine Feindschaft zu den Völkern, die sich auch auf das Verhältnis des Gottesvolkes zu den Völkern negativ auswirkte. Gott hat sich aus allen Völkern, Israel als sein Eigentumsvolk auserwählt, mit dem Auftrag, sich von den Heiden mit ihren Tendenzen zur Selbsterhebung und Gottlosigkeit fernzuhalten. So wurde mittels Geboten und Verboten in der Tora[5], dem Gesetz und den Propheten eine Wand errichtet, die ein Miteinander von Juden und Heiden ausschloss.

Die Wand, die Israel von den Völkern und die Völker von Israel fernhalten sollte, wurde niedergerissen, weil Gott allen Menschen und damit auch den Heiden, in Christus ein neues Friedensangebot machte. Durch den Kreuzestod seines Sohnes hat Gott auch die Trennung zwischen den beiden Teilen der Menschheit (Juden und Heiden)[6] aufgehoben und beide Gruppen miteinander eins gemacht. Der Messias Jesus hat in seinem Fleisch eine Feindschaft beendet, die Gott selbst durch „die Ordnung der Verbote“ errichtet hatte. Die Beseitigung der Wand geschieht aber nicht durch die Außerkraftsetzung der Tora (des Gesetzes), sondern durch die Aufhebung eines bestimmten „Systems von Verboten“.[7]

Jesus hat die Feindschaft in seiner Person getötet. Das weist auf seinen Tod hin. Mit seinem „Kommen“ ist dann wohl an seine Auferstehung gedacht. Die Botschaft der Auferstehung war der Friede von Gott her, der „Friede den Fernen und den Nahen.“ (Jes 57,9) Die ausgegrenzten Heiden wurden zunächst nahe gerückt, sodass sie mit den Juden, die schon nahe waren, verbunden werden konnten. Damit ist ein neues Miteinander grundgelegt. Das war der letzte Schritt der Aufhebung der Trennungs-Vorschriften, der schon von den Propheten angekündigt worden war.[8]

(3) Mit diesen Argumenten hat Paulus - nach der Heimholung der Heiden - ein Fundament für das gemeinsame Haus für Juden- und Heidenchristen gelegt. Damit hat er Klarheit geschaffen für seine Verkündigungstätigkeit, für die Zusammensetzung der Gemeinden und für das Selbstverständnis sowohl der Juden- als auch der Heidenchristen und die Spaltung der Menschheit überwunden. Die neue Gemeinsamkeit von Israel und den Völkern ist darin begründet, dass Christus beiden einen neuen Zugang zu Gott schenkte und die trennende Wand zwischen ihnen niederriss.


[1] 2,12 von dem Bund, wörtlich: von den Bündnissen. - Gemeint sind die Bundesschlüsse Gottes mit Abraham, Mose usw.; vgl. Röm 9,4.
[2] 2,14 Er vereinigte die beiden Teile, wörtlich: Er machte die beiden zu einem.
[3] 2,15f «Die zwei» und «die beiden» bezeichnen die Juden und die Heiden. Die Spaltung der Menschheit in verschiedene Gruppen wurde innerhalb der Kirche aufgehoben.
[4] G. Lohfink, Verharmlosung, 271: Wie ja überhaupt die Zusammensetzung der judenchristlichen Gemeinden in den Anfängen der Erklärung bedarf: „Wer waren denn die Heiden, die Paulus in so großer Zahl für Christus gewonnen hat? Es waren fast ausnahmslos Heiden, die im räumlichen und geistigen Umfeld jüdischer Synagogengemeinden lebten. Sie waren fasziniert vom jüdischen Monotheismus, von der Wohltat des Sabbats und der Armenfürsorge der Synagoge. Man nannte diese Heiden ‚Gottesfürchtige’ (vgl. Apg 16,14; 17,17; 18,7). Diese ‚Gottesfürchtigen’ waren Freunde und Sympathisanten Israels... Sie hatten sich (sofern sie Männer waren) noch nicht beschneiden lassen. Sie hielten die Tora noch nicht in ihrem vollen Umfang... Paulus hat also nicht einfachhin Heiden bekehrt, sondern Heiden aus dem Umfeld der Synagoge – und nur deshalb konnte er so schnell derart viele Gemeinden gründen: Seine Zuhörer waren auf die Botschaft von Jesus Christus bereits vorbereitet.“
[5] Das Gesetz wurde als Umfriedung Israels, als trennender, schützender Zaun verstanden. So wurde es zum Symbol der Absonderung. Es soll das Volk vor der heidnischen Verunreinigung schützen, aber seine effektive Wirkung war Spaltung. Ein Beispiel: „Du hüte dich aber, mit den Bewohnern des Landes, in das du kommst, einen Bund zu schließen; sie könnten dir sonst, wenn sie in deiner Mitte leben, zu einer Falle werden. Du darfst dich nicht vor einem andern Gott niederwerfen. Denn Jahwe trägt den Namen ‚der Eifersüchtige’; ein eifersüchtiger Gott ist er.“ (Ex 34,12.14 u.a.)
[6] In der jüdischen Welt war der Gedanke verbreitet, dass die Welt in die zwei großen Gruppen der Juden und Heiden aufgeteilt ist.
[7] N. Baumert, Völker 237
[8] Jes 11,10 u.a.: „An jenem Tag wird es der Sproß aus der Wurzel Isais sein, der dasteht als Zeichen für die Nationen; die Völker suchen ihn auf; sein Wohnsitz ist prächtig.
 

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15. Sonntag im Jahreskreis               Eph 1,3-14

3 Gepriesen sei Gott, der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus. Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel.[1]

4 Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Grundlegung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor ihm. 5 Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und zu ihm zu gelangen nach seinem gnädigen Willen, 6 zum Lob seiner herrlichen Gnade. Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn.

7 In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade. 8 Durch sie hat er uns reich beschenkt mit aller Weisheit und Einsicht, 9 er hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan, wie er es gnädig im Voraus bestimmt hat in ihm.[2] 10 Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, das All in Christus als dem Haupt zusammenzufassen, was im Himmel und auf Erden ist in ihm. 11 In ihm sind wir auch als Erben vorherbestimmt nach dem Plan dessen, der alles so bewirkt, wie er es in seinem Willen beschließt; 12 wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt, die wir schon früher auf Christus gehofft haben.[3]

13 In ihm habt auch ihr das Wort der Wahrheit gehört, das Evangelium von eurer Rettung; in ihm habt ihr das Siegel des verheißenen Heiligen Geistes empfangen, als ihr zum Glauben kamt. 14 Der Geist ist der erste Anteil unseres Erbes hin zur Erlösung, durch die ihr Gottes Eigentum werdet, zum Lob seiner Herrlichkeit.


(1) Schreibt Paulus mit dem Lobpreis Gottes am Beginn seines Briefes an die Epheser eine neue Heilsgeschichte? Handelt sie von Christusgläubigen sowohl aus dem außerwählten Volk Gottes als auch aus den Heidenvölkern? Es wäre eine Heilsgeschichte der Kirche.

Aber das hat der Apostel Paulus nicht im Sinn. Er sieht sich vor eine andere Aufgabe gestellt. Er will denen, die an Jesus, den Christus glauben und die dem auserwählten Volk Israel angehören, klar machen, dass der Glaube an den gekommenen Messias keinen Bruch mit ihrem Glauben, sondern vielmehr seine Vollendung bedeutet.

Im Hintergrund des außergewöhnlichen Lobpreises steht die ganze Heilsgeschichte Israels von der Berufung Abrahams über die Befreiung Israels aus dem Sklavenhaus Ägypten, der Gabe der Tora und des Bundes vom Sinai, der Landgabe, den Messias-Verheißungen der Propheten und deren Ankündigungen der Völkerwallfahrt bis zum Kommen des Messias Jesus, seinem Wirken, seinem Leiden und Sterben am Kreuz und seiner Erhöhung, sowie seinem Auftrag überall auf der Welt das Evangelium zu verkünden.

(2) Am Beginn steht als Überschrift ein Lobpreis Gottes. Es folgen drei Abschnitte, die verschieden lang sind und jeweils um ein bestimmtes Thema kreisen. Jeder Abschnitt wird mit dem refrainartigen Bekenntnis geschlossen, dass Gott für die jeweilige Offenbarung seiner Herrlichkeit Lobpreis gebührt.

Paulus eröffnet die Eulogie mit einem Preis Gottes. Jahwe, der „Ich-bin-da“ (Ex 3,14), der Bundes-Gott Israels ist auch der Gott und Vater Jesu. In ihm ist er neu und vertieft gegenwärtig als fleischgewordenes Wort Gottes, als Immanuel, „Gott ist mit uns“ (Mt 1,23). In der angebotenen und angenommenen Gemeinschaft mit Jesus, der zur Rechten Gottes im Himmel throhnt, erreicht Gottes Segen sein Ziel bei den Menschen.

Zunächst geht es um die Vorherbestimmung und Erwählung des Volkes Israel zur Sohnschaft durch Jesus Christus vor der Grundlegung der Welt (Verse 4-6). Jesus ist der Mittler des Segens. In ihm sind die Israeliten vor und seit Jesu Wandel auf Erden erwählt „heilig und untadelig“ vor Gott zu leben, ein heiliges Volk zu repräsentieren, das der Berufung zu einem Leben wie es dem „Bild und Gleichnis Gottes“ entspricht, folgt. Jesus hat nicht nur Kunde vom gerechten und barmherzigen Gott gebracht, er hat auch den Zugang
zum barmherzigen Vater erschlossen. Durch Jesus gelangen wir zum Vater „zum Lob seiner herrlichen Gnade“. Durch unsere Nachfolge Jesu in einer Lebens- Lern- und Schicksalsgemeinschaft mit ihm, gereicht unser Leben zur größeren Ehre Gottes.

Das nächste große Thema (Verse 7-12) ist die zur erfüllten Zeit geschehene Offenbarung in Jesus Christus vor ganz Israel und die Vollendung des göttlichen Planes: die Erlösung durch das vergossene Blut des Christus. Gottes herrliche Gnade ist das Geschenk seines geliebten Sohnes Jesus, in die Krippe (unter den Weihnachtsbaum) gelegt. Mit seinem Blut, dem Blut des Ohnmächtigen und Gewaltlosen, hat er uns mit Gott versöhnt. Er hat nicht nur seinen Mördern ihre Schuld vergeben, sondern hat an ihrer Stelle ihre Schuld mit seinem Tod beglichen. Auch für unsere Sünden hat er sich annageln lassen. Diese Befreiung von belastender Schuld und Sünde macht den Reichtum der Gnade Gottes aus. Gott allein kann aus Falschem Gutes machen und auf krummen Zeilen gerade schreiben. Israel hat durch die Erlösung in Jesus Christus sein verheißenes Erbe (Losanteil) empfangen. Ganz Israel wurde als Erbe eingesetzt, denn es hatte den Messias erwartet, der nun tatsächlich unter ihnen aufgetreten war.[4]

Das alles ist nicht aus verhangenem Himmel in die Welt hereingebrochen. Die Schriften des Alten Testaments, die Tora, die Geschichts-, Propheten- und Weisheitsbücher sind die oft vergessenen Zeugen der Verheißungen vom Kommen des Messias/Christus in der „Fülle der Zeiten“. Ganz Israel war Träger dieser Verheißung, die alle Völker betraf.[5]

Im dritten Abschnitt (Verse 13-14) werden die Empfänger des Briefes – es handelt sich um christusgläubige Juden - direkt angesprochen. Durch den Messias, Jesus von Nazaret, sind auch sie, die Leser und Hörer dieses Briefes, zur Gemeinschaft mit Jesus Berufene und Erben und mit Gottes Segen gesegnete. Sie haben das Evangelium ihrer Rettung angenommen und sind in der Sohnschaft durch den Heiligen Geist besiegelt und bestätigt worden. Der Heilige Geist ist eine Vor-Leistung ihres Erbes[6], das sie befähigt Söhne und Töchter Gottes zu werden in Jesus Christus. Es liegt nun an ihnen zu erkennen, welche Aufgabe Gott ihnen aus dieser Gabe zumutet. Sie haben jedenfalls die Voraussetzung weiterhin „Loslösung zu erwerben“, d. h. sich für den Dienst in der Nachfolge Jesu von allem „freizuhalten“, was sie von Gott und ihrem Dienst wegführen könnte, denn sie sind immer noch auf dem Weg.[7]

(3) Paulus kam es darauf an, die Rolle Israels im Geschehen der Heilsgeschichte zu klären und den neuen Abschnitt in der Offenbarung Gottes in Christus in die Heilsgeschichte Israels einzuordnen. Die Christen, vor allem jene, die aus dem Judentum kommen, sollen in der Christusoffenbarung keinen Bruch sehen, sondern vielmehr die Erfüllung alles dessen, was Gott verheißen hat.

 
[1] 1,3 Die Gemeinschaft mit Christus (vgl. 1,13f) wurde durch die Taufe begründet.
[2] 1,9f Der Verfasser spricht von einem „Geheimnis“, weil der Heilsplan, der durch Christus verwirklicht wurde, vorher nicht bekannt war; auch jetzt kennen ihn nur die Glaubenden (vgl. die Anmk. zu 3,3-6).
[3] 1,12 Mit denen, die „schon früher auf Christus gehofft haben“, sind wohl die Judenchristen gemeint.
[4] Diejenigen, die Christus nicht erkannt haben, sind nicht abgeschrieben, sondern bleiben Träger der Messias-Verheißung.
[5] Vgl. Gen 12,1-3
[6] Josua bekam den Auftrag: „Verlose das Land als Erbbesitz.“ Diese Redeweise stammt aus der Situation der Landnahme, wird aber bald im übertragenen Sinn gebraucht für das Heil, das Gott seinem Volke schenkt (Jos 13,6f).
[7] N. Baumert, Israels Berufung, 180 übersetzt den Vers 14 so: „Dieser ist eine Vorleistung unseres Erbes, mit dem Ziel einer Loslösung des Erwerbens zu einem Lob seiner Herrlichkeit.“ Vgl. die Auslegung Seite 190

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14. Sonntag 2 Kor 12,7-10

7 Damit ich mich wegen der einzigartigen Offenbarungen nicht überhebe, wurde mir ein Stachel ins Fleisch gestoßen: ein Bote Satans, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe.[1] 8 Dreimal habe ich den Herrn angefleht, dass dieser Bote Satans von mir ablasse.

9 Er aber antwortete mir: Meine Gnade genügt dir; denn die Kraft wird in der Schwachheit vollendet. Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt.

10 Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.



(1) Das Wirken des Apostels Paulus wird unterschiedlich wahrgenommen. Einst hat er die Anhänger Jesu grausam verfolgt. Ziemlich energisch und selbstbewusst vertrat er am Apostelkonzil die Position, dass den Heiden das Evangelium bedingungslos zugänglich sein müsse. Für die Korinther tritt er einerseits selbstsicher und entschieden auf und verkündet überzeugend. Andererseits erleben sie ihn auch als schwächlich und wenig attraktiv. Er bekennt freimütig, dass ihm ein „Bote Satans“ mit Faustschlägen zusetzt. Wer also ist dieser Mann aus Tarsus? Ist er ein wahrer oder falscher Apostel? Der Briefschreiber Paulus verteidigt hier nicht etwa die Lehre Christi, sondern sich selbst. Er will die Rechtmäßigkeit seines Apostelamtes beweisen.

(2) Eifer und Hingabe kennzeichnen seine persönliche Jesus-Nachfolge. Paulus schämt sich nicht auch Schwachheit zuzugeben. Anmaßende Überheblichkeit allerdings soll es bei der Erfüllung seiner Sendung nicht geben. Seine Neigung zur Überheblichkeit könnte der Grund für seine verblendete Verfolgung der Christen gewesen sein bevor er Jesus vor Damaskus begegnete. Droht ihm von daher Gefahr, die er unbedingt vermeiden muss? Weiß er doch, dass der Satan die Schwachstellen des Menschen nutzt, um Macht über ihn zu gewinnen.

Paulus hat die „einzigartigen Offenbarungen“, die ihm von Gott geschenkt wurden in den vorausgehenden Versen beschrieben (Verse 2-4).[2] Das Beglückende dieser Erfahrungen ist aber nur die Vorderseite der Medaille. Die Rückseite ist der „Satansbote“, der ihn mit Faustschlägen traktiert. Ihm ist dieser „Stachel“[3] ins Fleisch „gestoßen“. Bei den Angriffen des „Satansboten“ besteht die Schwachheit des Apostels darin, dass er sie nicht einfach abschütteln kann, sondern sie aushalten und mit ihr leben muss. Die Faustschläge Satans sind eine Ohnmachtserfahrung als Kontrasterfahrung zu den „einzigartigen Offenbarungen“.

Das heißt aber nicht, dass Gott ihm den Satan geschickt hat, sondern dass er zuließ, dass dieser in seiner Eigenaktivität begrenzt handelt, aber letztlich dessen Handeln seinem eigenen Ziel unterordnet. Das Ziel Gottes besteht darin, dem Betroffenen durch ein größeres Gnadenangebot („Meine Gnade genügt dir;“) Wachstum im Leben vor Gott zu schenken. Dieser muss aber das Angebot auch annehmen.

Es war für Paulus gewiss nicht leicht, sowohl an der Himmelstür zu stehen mit Blick in den Himmel, als auch vor dem Abgrund mit Blick in die Finsternis. Er erinnert die Korinther, dass er Gott dreimal angefleht hat, diese Anfechtungen von ihm abzuwenden. Der aber antwortete ihm: „Meine Gnade genügt dir;" Diese kurze und schlichte Rede Gottes ist eine Variation der mehrfachen Zusage: „Ich werde mit dir sein!“

„Meine Gnade genügt dir;" ist das Wort Gottes mit dem der Apostel aus- und zurechtkommen muss. Paulus denkt über dieses Offenbarungswort ausführlich nach, um herauszufinden, welchen Sinn es für ihn hat und wie er damit umgehen soll. Er erklärt es mit eigenen Worten und in Zusammenhang mit seinen Ohnmachtserfahrungen, dass nämlich die Gnade Gottes in seiner menschlichen Schwachheit ihre Kraft zur Geltung bringt und sich vollendet. Gott befreit ihn nicht von seiner Kraftlosigkeit. Die Gnade jedoch, die er ihm schenkt genügt, um die Angriffe des „Satansboten“ und die anderen Ohnmachts-Erfahrungen zu bewältigen.

Gottes Zusage „Meine Gnade genügt dir;“ enthält für Paulus noch eine weitere Botschaft: „Wenn du anerkennst, dass es meine Kraft ist, die durch dich handelt, entgehst du der Gefahr der Überheblichkeit.“ Wenn Gottes Kraft in menschlicher Kraftlosigkeit wirkt, bringt das die Gefahr mit sich, dass der Mensch es sich als Eigenleistung verbucht, hochmütig und überheblich wird. Paulus ist diesbezüglich offenbar gefährdet. Er ist bereit, die Kraft, die von Gott kommt und durch ihn wirksam wird, entschieden als Kraft anzuerkennen durch die Gott agiert. Er weiß aber auch, dass diese Kraft in ihm nur dann wirken kann, wenn er das Angebot Gottes sich seine Gnade genügen zu lassen, bewusst annimmt. Er will demütig bleiben, um ein „besseres Werkzeug“ für Gottes Handeln in der Welt zu sein. So erfährt er die Attacken Satans auf geheimnisvolle Weise als Schutz Gottes vor Überheblichkeit.

(3) Wenn Schwachheit und Ohnmacht ihn bedrängen „rühmt“ Paulus sich im Herrn d. h. er öffnet seine Hände, um sich durch Gottes Kraft stärken zu lassen. Wenn er sich mit Vertrauen und Zuversicht auf ihn ausrichtet, ist das die beste Voraussetzung dafür, dass „die Kraft Christi auf ihn herabkommt“. Wenn er in sich verschlossen bleibt und über seine Nöte jammert oder sich dagegen aufbäumt, kann Christus seine Macht in ihm nicht entfalten und er bleibt ein Häufchen Elend. Paulus hat seine Sicherheit im Herrn, ob er nun kraftvoll auftritt oder ob er sich unter Schwachheiten so verhält, dass Gottes Kraft sich in ihm vollendet.

Er beendet seine Überlegungen mit der eindeutigen Willenserklärung, seine vielfältigen Schwachheiten zu bejahen und sich Gottes Gnade genügen zu lassen. Das ist seine Stärke.


[1] 12,7 Paulus spricht wohl von einer Krankheit, die sein Wirken beeinträchtigte (vgl. Gal 4,13f). Näheres wissen wir darüber nicht.
[2] J. Ratzinger, Jesus II, 298f: „Paulus hat seine mystischen Erfahrungen, wie zum Beispiel die in 2 Kor 12,1-4 geschilderte Erhebung bis in den dritten Himmel, ganz klar von der Begegnung mit dem Auferstandenen auf dem Weg nach Damaskus unterschieden, die ein Ereignis in der Geschichte, eine Begegnung mit einem Lebenden war,“
[3] meist ein dünner, kleiner spitzer Pflanzenteil; offenbar handelt es sich um ein chronisches Leiden, das ihn gelegentlich belastet, schmerzt und seinen Elan beeinträchtigt; dies machte ihn scheinbar in den Augen seiner Gegner verachtenswert;


13. Sonntag            2 Kor 8,(1-2)7.(8.) 9.13-15

(1 Wir berichten euch jetzt, Brüder und Schwestern, von der Gnade, die Gott den Gemeinden Mazedoniens erwiesen hat.[1] 2 Während sie durch große Not geprüft wurden, verwandelten sich ihre übergroße Freude und ihre tiefe Armut in den Reichtum ihrer selbstlosen Güte.)

7 Wie ihr aber an allem reich seid, an Glauben, Rede und Erkenntnis, an jedem Eifer und an der Liebe, die wir in euch begründet haben, so sollt ihr euch auch an diesem Liebeswerk mit reichlichen Spenden beteiligen. (8 Ich meine das nicht als strenge Weisung, aber ich gebe euch Gelegenheit, angesichts des Eifers anderer auch eure Liebe als echt zu erweisen.) 9 Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen...

13 Denn es geht nicht darum, dass ihr in Not geratet, indem ihr anderen helft; es geht um einen Ausgleich. 14 Im Augenblick soll euer Überfluss ihrem Mangel abhelfen, damit auch ihr Überfluss einmal eurem Mangel abhilft. So soll ein Ausgleich entstehen, 15 wie es in der Schrift heißt: Wer viel gesammelt hatte, hatte nicht zu viel, und wer wenig, hatte nicht zu wenig.[2]


(1) Paulus appelliert brieflich an die Korinther, dass sie sich am „Liebeswerk“ für die Heiligen in Jerusalem beteiligen mögen. Auf dem Apostelkonzil hat er zugesagt für die „Armen“ in Jerusalem eine Spendenaktion in seinen Gemeinden durchzuführen. Die Sammlung sollte Ausdruck der Solidargemeinschaft zwischen den heidenchristlichen Gemeinden und der judenchristlichen Urgemeinde sein. Zuvor hat er im Brief das Konfliktpotential, das seine Beziehung zu den Korinthern belastete, mutig angesprochen. Sein Mitarbeiter Titus hat ihnen einen Brief, den sogenannten „Tränenbrief“ des Paulus überbracht und ihnen den Standpunkt des Apostels erklärt. Die Korinther haben die Gegenspieler des Paulus zur Rede gestellt, das Angebot zur Umkehr angenommen und sich mit ihm „versöhnt“. Paulus will Titus nochmals zu ihnen senden und hofft, dass es ihm gelingt, die Korinther zum Ergreifen der „Gnade des Gebens“ zu motivieren.

(2) Im Lesungstext versucht Paulus nun selbst die Korinther für die Hilfsaktion zu gewinnen und sie möglichst gut darauf einzustellen. Er tut es auf zweifache Weise. Er stellt ihnen das Beispiel der christlichen Gemeinden in Makedonien und Jesus Christus als Vorbild vor Augen. Die Sinnspitze seiner Ausführung bilden Überlegungen für ihr Spenden. Paulus zielt nicht darauf, dass die Korinther möglichst tief in die Tasche greifen, sondern dass die Spendenaktion ihrer inneren Haltung entspricht und zu ihrem geistlichen Wachsen beiträgt.

Damit kein Konkurrenzdenken unter den Gemeinden hinsichtlich des Spendens entsteht und eine Gemeinde die andere übertreffen will, nennt Paulus nicht die Höhe der Spenden, betont aber, dass die ohnehin materiell nicht reich gesegneten Makedonier über seine Erwartungen hinaus reichlich gegeben haben.

Dass die Makedonier in ihrer schwierigen sozialen Lage so großzügig spendeten ist nicht selbstverständlich. Dass sie es dennoch getan haben führt Paulus auf ein „Gnadengeschenk Gottes“ zurück. Da die Gnade Gottes den Menschen immer auch zu einer Antwort ruft, sind in den Augen des Apostels die schenkenden Makedonier die eigentlich Beschenkten. Sie haben großzügig ihre Hände im Trauen auf Gott geöffnet und haben sich damit auch Gott und dem Paulus in die Hände gelegt. So steigen die Geber mit großem geistlichen (Gnaden-) Gewinn aus der Spendenaktion aus. Daher appelliert Paulus an die Korinther, dass auch sie wie die makedonischen Christen ihre Liebe bewähren, indem er auf das Beispiel Jesu hinweist: „Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen.“

Jesus ist nicht bloß Mensch geworden, sondern unter den Menschen zu einem der Ärmsten, um uns den Weg zum wahren Reichtum zu zeigen. Jesus kam nicht in einem Palast auf die Welt. Er war armer Leute Kind, hat macht-, besitz- und heimatlos mit Freunden gelebt. Er hat auf Beglaubigungswunder verzichtet und in Ohnmacht für seine Sendung gelebt. Seine Armut bestand darin mit dem Geringsten auf Augenhöhe zu leben. In seiner Armut wird aber zugleich sein Reichtum sichtbar: seine Gemeinschaft mit dem Vater. „Niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.“ (Mt 11,27) Diesen Reichtum, der das Leben in Fülle über den Tod hinaus in sich trägt, hat Jesus allen Menschen verfügbar gemacht.

Arme Menschen werden aber nicht einfach reich gemacht, sondern auf einen Weg des Reichwerdens berufen. „Durch seine Armut reich werden kann man nur, wenn man zunächst Christi ‚Armut’ annimmt, sodann sein eigenes Armsein erkennt, anerkennt und mit Christi Armut vereint – und das heißt, seine Armut in die Hände Gottes legt. Erst dann kann man ‚aufgrund seiner Armut reich werden’.“[3] Paulus wünscht den Korinthern, dass sie durch das Armwerden in Christus reich werden zur Schlichtheit des Gebens.

Die Überlegungen, die Paulus für das Spenden vorlegt, sollen davor bewahren, dass sich der Geber übernimmt. Sie mögen von ihrem Reichtum mit Freude und innerer Überzeugung angemessen geben, aber so, dass sie nicht selbst in Not geraten. Die Jerusalemer erhalten so einen Beitrag und Linderung ihrer Not. Aber sollen die Korinther es tun, um es zurückgezahlt zu bekommen (Do ut des! - Geben, um zu empfangen!)? Ob das im Sinne Jesu wäre?[4] Absichtsloses Geben kann aber dadurch motiviert werden, indem man sich die Möglichkeit vor Augen stellt, selbst einer absichtslosen Hilfe zu bedürfen. Paulus könnte auch meinen, dass die Korinther schon im Voraus von den Jerusalemern mit geistlichen Gaben beschenkt worden sind (z.B.: mit der hl. Schrift des AT) und ihre Spende Ausdruck des Dankes ist.[5]

Mit dem angemessenen Spenden ist nicht gemeint, dass alle auf ein gleiches materielles Niveau gebracht werden sollen. Paulus verdeutlicht dies mit dem Hinweis auf das Mannawunder beim Auszug aus Ägypten (Ex 16,18): Wer für sich und seine Familie sorgte, der sammelte mehr - wer nur für sich, natürlich weniger. Keiner Gleichheit redet er das Wort, sondern der angemessenen Verschiedenheit.

(3) Wir sind also auf den Weg des Reichwerdens berufen. Was motiviert uns ihn zu gehen, da es sich nicht um materiellen Reichtum handelt? Wir müssen uns einiger grundlegender Wahrheiten vergewissern. Wir haben uns das Leben nicht selbst gegeben. Es ist uns geschenkt und wird uns eines Tages wieder genommen. Ich bin der Gestalter meines Lebens. Mein Leben auf ein bestimmtes Ziel hin zu orientieren ist mir aufgegeben. Wenn ich anerkenne, dass Gott mir das Leben anvertraut hat und ich mich ihm gegenüber in meinem Tun und Lassen verantwortlich weiß, dann ist klar: Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben, das die Fülle verheißt und zu einer Weggemeinschaft einlädt, die selbst der Tod nicht trennen kann. Wer mit ihm geht und sich von ihm führen lässt, der kann und wird Überraschungen erleben.
 

[1] 2 Kor 9,1 f; Röm 15,26
[2] Ex 16,18
[3] N. Baumert, Rücken, 148
[4] Lk 14,14: „Du wirst selig sein, denn sie haben nichts, um es dir zu vergelten; es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.“
[5] N. Baumert, Rücken, 154f: Man könnte so übersetzen: „Im Augenblick soll euer Überfluss ihrem Mangel abhelfen, weil auch ihr Überfluss eurem Mangel abhalf/abhilft.“ Diese Übersetzung ist durchaus möglich.


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12. Sonntag                             2 Kor 5,(12f)14-17

(12 Damit wollen wir uns nicht wieder vor euch rühmen, sondern wir geben euch Gelegenheit, rühmend auf uns hinzuweisen, damit ihr denen entgegentreten könnt, die sich nur rühmen, um ihr Gesicht zu wahren, ihr Herz aber nicht zeigen dürfen.[1] 13 Wenn wir nämlich von Sinnen waren, so geschah es für Gott; wenn wir besonnen sind, geschieht es für euch.)

14 Denn die Liebe Christi drängt uns, da wir erkannt haben: Einer ist für alle gestorben, also sind alle gestorben.[2] 15 Er ist aber für alle gestorben, damit die Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde.

16 Also schätzen wir von jetzt an niemand mehr nur nach menschlichen Maßstäben ein; auch wenn wir früher Christus nach menschlichen Maßstäben eingeschätzt haben,
jetzt schätzen wir ihn nicht mehr so ein.[3]

17 Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.


(1) Paulus ringt in seinem Brief an die Korinther um deren Zustimmung zu seiner Art der Verkündigung, die ihnen ärmlich und unattraktiv erscheint. Er hat versucht darzulegen, dass sein „tägliches Sterben“ für die Sache Christi nicht gegen seine Glaubwürdigkeit als Gesandter Gottes spricht. Er hat das „Mit-Sterben-mit-Christus“ bewusst gewählt, weil es ihn mehr mit Christus verbindet.

Er betont, dass er mit allem, was er bisher in seinem Brief an sie geschrieben hat und was er noch schreiben wird, nicht sich selbst hervorheben will (Vers 12). Vielmehr will er ihnen eine Unterscheidungshilfe für den Umgang mit den „Geschäftemachern“[4] an die Hand geben. Er unterstellt diesen, dass sie fromme Worte machen, um die Korinther zu beeindrucken. Nach seinem Ermessen missbrauchen sie das Evangelium zur eigenen Imagepflege und verdrehen es. Sie geben so zu erkennen, dass ihre Worte nicht durch eine persönliche Christusbeziehung gedeckt sind. Der Apostel ist überzeugt: Wer in Christus lebt braucht keine frommen Worte, um dies zu beweisen.

Er traut den Korinthern zu, dass sie ein solches Verhalten bei diesen „gewissen Leuten“, die mit Empfehlungsschreiben kamen und die sich durch ihre Verkündigung bloß selbst empfehlen, entlarven können. Image-Pflege macht sie verdächtig. Sie sollten auch merken, dass er anders ist, nämlich echt, weil in einer persönlichen Christus-Beziehung lebend. Sein Beispiel sollte ihnen die nötige Sicherheit bei der Unterscheidung geben (Vers 12).

Er spricht auch mutig an, was sich trennend zwischen sich und die Korinther gestellt hat. Bei einer Auseinandersetzung ist Paulus leidenschaftlich heftig geworden und offenbar „außer sich“ geraten. Daran nahmen sie Anstoß: Wer so heftig und emotional reagiert, der agiert allzu menschlich und kann daher kein Mann Gottes sein. Soll er immer den Demütigen und Sanften spielen? Ist nicht auch von Jesus überliefert, dass er emotional, mitunter auch zornig werden konnte? Er entschuldigt seinen damaligen Ausbruch nicht, sondern erklärt ihn für berechtigt. Sollte er denn nicht leidenschaftlich reagieren, wenn das Evangelium missbraucht und verdreht wird? Wie Gottes Zorn von Barmherzigkeit umfangen ist (Hosea 8), so spürt Paulus auch in sich zwei gottgewirkte Antriebe: Einerseits die Heftigkeit gegen den Missbrauch und andererseits die Gegensteuerung, die ihn zur Liebe zu den Korinthern bewegt (Vers 13).

(2) Die Liebe Christi „drängt“ Paulus zu einer grundlegenden Glaubenserfahrung: „Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung; Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.“ Worin gründet dieses „In-Christus-Sein“, wodurch ein Mensch eine „neue Schöpfung“ wird? Paulus erklärt: „Einer ist für alle gestorben, also sind alle gestorben. Er ist aber für alle gestorben, damit die Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde.“

Zwischen den Zeilen kann man schlussfolgern, wenn einer für alle gestorben ist, und somit alle gestorben sind, (damit sie durch seinen Tod das Leben haben), dann sind alle gestorben, (damit auch er, der Eine, Leben hat). Ergebnis ist, dass die (in der Taufe Gestorbenen und Auferweckten – dargestellt durch Untertauchen und Auftauchen im Taufbecken) „Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde.“ „Leben für“ meint nicht eine einmalige schriftliche Stimmabgabe oder ein einmaliges verbales Zeugnis, sondern vielmehr „leben mit“. Es bedeutet ein Mitsein in einer Lebens- Lern- und Schicksalsgemeinschaft mit Jesus Christus. Es ist die Entsprechung zu Jesu Versprechen: „Ich bin bei Euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

Wer die „Neuschöpfung“, das neue Sein in Jesus Christus annimmt und ergreift, der wird merken, dass es neue Lebensimpulse und Antriebe mit sich bringt, ebenso andere Wünsche. Zu diesen gehört zuerst und vor allem die Liebe. Das hat natürlich Konsequenzen für den Umgang mit den Brüdern und Schwestern im Glauben und mit allen Mitmenschen. Diejenigen, die „eine neue Schöpfung“ sind, sehen ihre Mitmenschen mit den Augen Jesu und beurteilen das Gegenüber nicht mehr nur nach menschlichen Maßstäben.

Paulus hat Jesus verfolgt, weil er ihm auf die falsche (fleischliche) Weise begegnet ist. Durch das Sterben und Auferstehen mit Christus ist es aber überwunden. Er begegnet den Korinthern nicht auf diese voreingenommene, egoistische und lieblose Weise, sondern in der Liebe, die Christus zu ihnen hat. Das Alte, die Begegnung auf fleischliche, egoistische und lieblose Weise, ist vergangen. Das Neue, die Begegnung in der Liebe Christi, ist geworden. Es ist die Liebe Christi, die Paulus als Kraft und Antrieb wahrnimmt. Damit zeigt er den Korinthern, dass in ihm, der mit Christus in Tod und Leben verbunden ist, die Liebe Christi sein muss und dass sie sein Verhalten ihnen gegenüber bestimmt.

(3) Paulus hofft, dass die Korinther (und wir) den Blick nach oben wenden, denn nur so können sie (und wir) die Wahrheit seiner Worte erfassen. Menschsein für andere kann seiner Ansicht nach nur der, der zuerst Mensch ist „für und mit Christus“.

So sind die wahren Verkünder Jesu und seiner Botschaft diejenigen, die „in Christus“ sind, an deren Leben Jesu Schicksal und seine Überwindung des Bösen abzulesen ist. Diese Botschaft des Apostels desavouiert alle seine Widersacher, die sich selbst inszenierend in das Rampenlicht stellen.

[1] Vgl. die Übersetzung von N. Baumert, Rücken, 110: „12 Nicht empfehlen wir euch schon wieder uns selbst, sondern (mit all dem Gesagten) sind (wir) daran, euch einen Ansatzpunkt für ein Auftreten zu geben, und zwar im Interesse von euch, damit ihr etwas habt gegenüber denen, die auf äußerliche Weise ihr Image pflegen und nicht von Herzen her ein echtes Selbstbewusstsein haben.“
[2] Auch bei den Versen 14 und 15 folge ich der Übersetzung von N. Baumert: „14 Die Liebe des Christus nämlich ist es, die uns zusammenhält, uns, die wir zur Überzeugung gekommen sind, dass ein einzelner anstelle von allen gestorben ist, folglich alle insgesamt gestorben sind (auch ich), und er anstelle von allen gestorben ist, damit sie, sofern sie leben (auch ich) nicht mehr aus sich selbst leben, sondern durch den, der statt ihrer gestorben ist und auferweckt wurde.“
[3] 5,16 Wörtlich: Also kennen wir von jetzt an niemand mehr dem Fleisch nach; auch wenn wir früher Christus dem Fleisch nach gekannt haben, jetzt kennen wir ihn nicht mehr so.
[4] Gegnerische Missionare traten auf und versuchten, die Gemeinde gegen ihn aufzuwiegeln. (Einheitsübersetzung, 380)


11. Sonntag                                2 Kor 5,6-11

6 Wir sind also immer zuversichtlich, auch wenn wir wissen, dass wir fern vom Herrn in der Fremde leben, solange wir in diesem Leib zu Hause sind; 7 denn als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende. 8 Weil wir aber zuversichtlich sind, ziehen wir es vor, aus dem Leib auszuwandern und daheim beim Herrn zu sein.

9 Deswegen suchen wir unsere Ehre darin, ihm zu gefallen, ob wir daheim oder in der Fremde sind. 10 Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat.

11 So versuchen wir, erfüllt von Ehrfurcht vor dem Herrn, Menschen zu gewinnen; Gott aber kennt uns durch und durch. Ich hoffe, dass auch euer Urteil über mich sich zur vollen Wahrheit durchgerungen hat.


(1) Paulus ist immer noch beschäftigt den Korinthern klar zu machen, dass die Bedrängnisse mit denen er zu leben hat und seine Bereitschaft zum „täglichen Sterben“ weder gegen seine Sendung von Gott, noch gegen die Glaubhaftigkeit seiner Botschaft, noch gegen seine geistliche Lebendigkeit sprechen. Ganz im Gegenteil: Weil er in ihrer Welt und zu dieser Zeit das Evangelium unverkürzt verkündet, hat er mit ständigen Herausforderungen und Bedrängnissen zu leben. Er kann beides annehmen, weil er erfahren hat: Wenn er mit Christus stirbt, wird er mit ihm auch auferweckt.

(2) Der Völkerapostel betont seine Zuversicht. Was bedeutet sie? Sie bedeutet, eine Perspektive für die Zukunft, ein Ziel, ein Konzept für den Weg zum Ziel zu haben. Ein Sprichwort sagt: „Auch wenn der Wind noch so gut ist, aber das Ziel nicht bekannt ist, wird das Schiff nie ankommen.“ Begleiter auf dem Weg unseres Lebens ist der Glaube, das Ziel ist das ewige Leben mit dem dreifaltigen Gott. Unser Leben als Christen wird von zwei Voraussetzungen bestimmt: vom Leben im Leib, daher haben wir ein endliches, begrenztes Leben und vom Leben im Geist mit der Möglichkeit über das Irdische hinauszudenken, das Leben zu transzendieren, mit Gott und seinem Sohn im Heiligen Geist in Verbindung zu treten, in eine Verbindung, die der Tod nicht trennen kann. Als Menschen, die sich mit Christus verbinden können, gehen sie vertrauend ihrem Ziel entgegen und hoffen dort von Jesus Christus in die Arme genommen zu werden.

Das Wissen des Apostels, „dass wir fern vom Herrn in der Fremde leben, so lange wir in diesem Leib zu Hause sind;“ kann seine Zuversicht nicht mindern. Er ist sich bewusst, dass er, solange er in dieser Welt lebt, nur „im Trauen auf Gott“ leben kann. Paulus stellt das „Fern vom Herrn Sein“ und „In der Fremde leben“ und dem „Zu Hause Sein in diesem Leib“ das "Daheim beim Herrn Sein" gegenüber. „Leib“ und „Herr“ sind Gegensätze. Er lebt also gleichzeitig in zwei Welten.

Das „Zu Hause Sein in diesem Leib“ bedeutet aber, dass die Maßstäbe dieser Welt sein Leben bestimmen möchten. Aber genau mit dieser Aussicht kann und will er sich nicht abfinden. Um nicht in die Gefallsucht- und Anpassungsfalle zu tappen „ziehen wir es vor, aus dem Leib auszuwandern und daheim beim Herrn zu sein.“ Auch wenn wir nicht in der Gewissheit der Anschauung Gottes leben und geradlinig unseren Weg zum Ziel gehen können, so ist es uns doch möglich, dass wir uns mit dem Herrn vereinigen und uns den rechten Weg und Gottes Willen zeigen lassen. Gebet und Handeln, Aktion und Kontemplation sollten einander ergänzen. Das Ruhen an der Brust des Herrn im vertrauten Gespräch gibt Trost, Kraft und Ermutigung für den Weg zum Ziel.

Paulus klärt also seine Beziehung zu Welt und Christus und erklärt einen bewussten Übergang von Fremdbestimmung durch die Maßstäbe dieser Welt zum Führen lassen von Christus. Nicht der „Leib“ und die „Welt“ sollen sein Leben und das der Christen bestimmen, sondern der Herr Jesus Christus. So lebt Paulus in zwei Wirklichkeiten, in der Welt (Leib) und in Christus, aber Heimat ist ihm Jesus Christus allein. Christen kennen das Fremdsein in dieser Welt.

Der Vorwurf der Weltflucht an die Adresse des Apostels geht ins Leere: Wer ihn „verdächtigt, er würde der Verantwortung für die Welt entfliehen, der hätte ihn gründlich missverstanden, diesen Mann, der mit seinem ganzen Einsatz am entscheidensten Punkt zur Rettung der ‚Welt’ ansetzt, der weiß, dass nur Einer der Retter der Welt ist, und der als Hirte die Verantwortung für jenen Teil der Welt, der ihm anvertraut ist, voll wahrnimmt.“[1]

Der Apostel gründet seine Zuversicht nicht nur auf der Erfahrung des Wachsens an den Problemen, des Geführtwerdens vom Herrn, sondern noch an einer anderen Tatsache: auf seiner Erkenntnis, dass seine Ehre darin besteht, dem „Herrn zu gefallen“[2]. Er nimmt dabei Bezug auf den „Richterstuhl Christi“. Vom Urteil Christi lässt er seine Lebens- und Handlungsprioritäten (Werte) bestimmen. Möglich, dass Paulus von der Vorstellung seines Lebensendes und der Rechenschaft für sein Tun und Lassen, seine Werte ableitete; wahrscheinlich aber auch dadurch, dass er im täglichen Austausch mit dem Herrn seine Handlungs-Optionen besprach. Als Ergebnis kam heraus: „ihm zu gefallen, ob wir Daheim oder in der Fremde sind.“ Paulus sucht also nicht die eigene Ehre - vielmehr erfüllt ihn die Ehrfurcht Christi, die ihn motiviert „Menschen zu gewinnen“.[3] Schließlich gibt Paulus seiner Hoffnung Ausdruck, dass sich die Korinther in ihrem Urteil über ihn und seine Botschaft „zur vollen Wahrheit durchringen“ werden.

(3) Viele Menschen verwirklichen in ihrem Leben bestimmte Werte, ohne dass ihnen diese auch bewusst wären. Stephen Covey ist überzeugt, dass zu einem guten (Selbst-) Management auch ein Bewusstsein der eigenen Werte gehört. Er schlägt eine Übung vor, um den persönlichen Werten auf die Spur zu kommen: Der Übende solle sich einen wichtigen, runden Geburtstag[4] vorstellen. Menschen mit wichtigem Bezug zu ihm (Gattin, Tochter, Chef, Freund, Vereinsobmann) halten eine Rede, in der sie ihn würdigen. Der Übende soll sich überlegen, was er sich wünscht,[5] dass diese Personen über ihn bei ihrer Laudatio sagen. Vom Ergebnis seines Nachdenkens über seinen „guten Ruf“ kann er seine Werte ablesen und beginnen, sie in seine Planung zu integrieren, damit ihre Verwirklichung nicht dem Zufall überlassen bleibt. Um seine Gegenwart zu planen, hat der Übende das Ende vorweggenommen.


[1] N. Baumert, Rücken, 102
[2] N. Baumert, Rücken 100-109
[3] Apg 9,1-22; 22,5-16; 26,12-18
[4] Der Autor schlägt das Begräbnis des Übenden selbst vor.
[5] Nicht zu verwechseln mit der Übung zur Fähigkeit der Selbswahrnehmung: „Wie glaube ich, dass andere mich wahrnehmen?“


10. Sonntag                    2 Kor 4,(12)13-5,1

(12 So erweist an uns der Tod, an euch aber das Leben seine Macht.) 13 Doch haben wir den gleichen Geist des Glaubens, von dem es in der Schrift heißt: Ich habe geglaubt, darum habe ich geredet. Auch wir glauben, und darum reden wir 14 ­­Denn wir wissen, dass der, welcher Jesus, den Herrn, auferweckt hat, auch uns mit Jesus auferwecken und uns zusammen mit euch (vor sein Angesicht) stellen wird. 15 Alles tun wir euretwegen, damit immer mehr Menschen aufgrund der überreich gewordenen Gnade den Dank vervielfachen, Gott zur Ehre.[1]

16 Darum werden wir nicht müde; wenn auch unser äußerer Mensch aufgerieben wird, der innere wird Tag für Tag erneuert. 17 Denn die kleine Last unserer gegenwärtigen Not schafft uns in maßlosem Übermaß ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit, 18 uns, die wir nicht auf das Sichtbare starren, sondern nach dem Unsichtbaren ausblicken; denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare ist ewig.

1 Wir wissen: Wenn unser irdisches Zelt abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus im Himmel.[2]



(1) Paulus setzt seine Verteidigung gegen seine Widersacher in Korinth fort. Wer sind diese? Es sind Gläubige aus der Gemeinde, die viele der übrigen Gemeindemitglieder unter ihren Einfluß gebracht haben; Leute, die sich religiös stark fühlen, mit ausgeprägtem Drang zum Imponieren auftreten und sich in den Vordergrund spielen. Sie stellen Paulus in Frage, weil er unermüdlich von Leidens- und Kreuzesnachfolge predigt. Das ist ihrem „positiven Denken“ unzumutbar. Paulus sieht sich also mit Vertretern verschiedener (Eigen-) Interessen und mit Menschen auf unterschiedlichen geistlichen Entwicklungsstufen konfrontiert.

Seinen Gegnern gegenüber hebt Paulus die wahre Kraft Gottes hervor, die sich in seinem „Inneren“ als tragende Kraft in herausfordernden Situationen bewährt. Seine geistliche Lebendigkeit zeigt sich in der Bewährung seines Glaubenslebens, in seinem lebendigen, hoffnungsvollen und engagierten Einsatz mit Blick auf das „Unsichtbare“. Die Erfahrungen von Gnade und der Herrlichkeit Gottes sind die Triebkräfte seines unermüdlichen Dienstes.

(2) Der Apostel geht auf ihre Redeweise ein: Ja, der „Tod“ erweist seine Macht über ihn. Während über sie, die Korinther, das „Leben“, Macht hat. Paulus ist aber überzeugt, dass die Korinther ihr „Leben“, seiner Predigt und seinem „Sterben“ verdanken. Sie sollten ihm auch zutrauen, dass nicht nur sie einen lebendigen Glauben praktizieren, sondern auch er, von dem sie es eigentlich gelernt haben.

Paulus zieht den Psalm 116 als Argumentationshilfe bei („Ich habe geglaubt, darum habe ich geredet.“). Ein Beter rief in äußerster Bedrängnis zu Gott und wurde erhört. Die Korinther müssten verstehen, dass er sich, genauso wie der Beter des Psalms, vertrauend an Gott wenden darf. Er tut es aus dem Wissen, dass Gott, so wie er Jesus nicht im Tod gelassen hat und auferweckte, auch ihn auferwecken werde. Wenn er mit Jesus stirbt, wird er auch ihn lebendig machen, zusammen mit den Korinthern. Gott werde seinen Apostel, Paulus, öffentlich als lebendig vor seinen Gegnern erweisen, die ihm in ihrer Anmaßung die geistliche Lebendigkeit aus Gott absprechen; umgekehrt aber für sich in Anspruch nehmen.

Seine geistliche Lebendigkeit ist aber nur möglich, weil Gott ihn immer wieder erweckt und lebendig macht, auch durch ihr Zutun. Paulus weiß, dass viele Korinther Gott für seinen Dienst als Apostel danken. Im Dank der Korinther erkennt er auch Gottes gnädige Zuwendung für sich. Deren Dank lässt die Gnade, die seinen Dienst begleitet, mehr und mehr wachsen und nach außen dringen. So wird im Geist das „Leben“ in ihm wahrnehmbar, jene Herrlichkeit Gottes, von der schon lange die Rede war und die ihm einige Korinther absprechen wollten.

Paulus baut auf die Fürbitte der Korinther und vertraut in seinem täglichen „Sterben“ auf Gott, dass das von Gott geschenkte Leben immer reicher wird. Daher zieht er sich nicht resigniert zurück. Er wendet sich weder mürrisch ab, noch weicht er dem täglichen Sterben aus. Offenbar erfährt sein „innerer Mensch“ immer wieder eine Stärkung, wird innerlich neu und ist im Frieden. Darum erfüllt Paulus unverdrossen seine Sendung.

Er formuliert ein großartiges Bekenntnis: "Die Bedrängnis, die ich auszustehen habe, ist zwar übermäßig, aber ist doch immer nur von kurzer Dauer ... im Vergleich zu der Herrlichkeit Gottes, die ich als Frucht meiner Arbeit und Mühe erkenne und die von dauerhafter, unzerstörbarer Qualität ist."[3] Das ist nicht nur sporadisch eine Ausnahme-Erfahrung, sondern es ist grundsätzlich so. Mit Herrlichkeit meint Paulus nicht äußeren Erfolg, sondern das "Unsichtbare", jene Dimension, die man nur im Heiligen Geist wahrnehmen kann und die den "inneren Menschen" verwandelt. Er erfährt sie als eine Fülle von Licht und Kraft.

Paulus will mit seiner Verteidigung die „Herrlichkeit Gottes“ in sich nachweisen (Vers 17). Sie ist als „Frucht des Todes“ (seiner Arbeit und Mühen, Verleumdungen und Demütigungen... - Vers 12), sichtbar geworden. Fassbar und sichtbar freilich nur für jene, deren Augen nicht durch Misstrauen und Selbstgefälligkeit getrübt sind.

Nach dem Abbruch des irdischen Zeltes wird der Mensch das Gebäude („Wohnung von Gott“, „ewiges Haus“ - eine Entsprechung des inneren Menschen, der reicher wird an wiederholtem Sterben und Leben), das er schon lange hatte, aber für irdische Augen unsichtbar war, nun mit neuen Augen sehen. Dieses Gebäude ist eine Metapher für die ewige Wirklichkeit, die er jetzt immer mehr erwirbt und die bereits in ihm lebt und wächst.

(3) Der Völkerapostel hat die besondere Gabe, seine konkreten Lebenssituationen von seinem Christusglauben her zu deuten und zu leben. Wie Jesus selbst, ist auch Paulus überzeugt, dass das „Leben“ nur durch den Tod hindurch zu haben ist. [4] Das Auferstehungsleben aber beginnt schon hier und jetzt und nicht erst im Jenseits. 

[1] Bei den Versen 14 und 15 folge ich der Übersetzung von N. Baumert, Rücken, 85: „im Wissen darum, dass er, der den Herrn Jesus erweckt hat, auch uns mit Jesus erwecken und so öffentlich lebendig erweisen muss zusammen mit euch. (kursiv von mir) 15 Das Ganze geschieht ja nicht ohne euer Zutun, so dass die Gnade (in uns) nachdem sie durch (euch) Viele die Danksagung vervielfacht hat, überreich zur Gottesherrlichkeit wird.“
[2] 5,1-10 Paulus vergleicht den Leib mit einem Zelt, einer Wohnung, einem Haus oder einem Kleid;
[3] N. Baumert, Rücken, 89
[4] Mk 8,34f: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“


Dreifaltigkeitssonntag    Röm 8,(12f)14-17


(12 Wir sind also nicht dem Fleisch verpflichtet, Brüder, sodass wir nach dem Fleisch[1] leben müssten. 13 Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, müsst ihr sterben; wenn ihr aber durch den Geist die sündigen Taten des Leibes tötet, werdet ihr leben.)

14 Alle, die sich vom Geist Gottes leiten lassen,
 sind Kinder[2] Gottes. 15 Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen,
 sodass ihr immer noch Furcht haben müsstet,
 sondern ihr habt den Geist der Kindschaft[3] empfangen, 
in dem wir rufen: Abba, Vater!

16 Der Geist selber bezeugt unserem Geist,
 dass wir Kinder Gottes sind. 17 Sind wir aber Kinder, dann auch Erben;
 Erben Gottes
 und Miterben Christi,
 wenn wir mit ihm leiden, 
um mit ihm auch verherrlicht zu werden.


(1) Der Gott der Israeliten und Jesu Vater ist kein selbstgefälliger, unbewegter Beweger, den die Not der Menschen nicht berührt. Er ist ganz und gar Mitteilung, sich verströmendes Leben, lautere gegenseitige Hingabe, Geben und Empfangen. Da wir durch den Geist der Sohnschaft Kinder Gottes sind, Brüder und Schwestern Jesu, Erben Gottes und Miterben Jesu, sind wir hineingenommen in das Geheimnis des dreifaltigen Gottes.

(2) Paulus hat im bisherigen Verlauf seines Briefes an die Römer unmissverständlich den Zusammenhang zwischen Sünde und Tod aufgezeigt: Sünde hat den Tod zur Folge. Konsequenterweise fordert er die Römer nun auf, der Sünde zu widerstehen. Er ist überzeugt, dass sie als Getaufte und gerecht Gemachte, den Geist empfangen haben und dadurch befähigt sind die Sünde zu entlarven und sich dagegen zu entscheiden. Sollten sie aber den Impulsen des Fleisches gehorchen und nach dem Fleisch leben, dann würden sie wieder zurückfallen in den Bereich der Fremdbestimmung und Selbstentfremdung und das neue Leben im Geiste verlieren.

(3) Um Leben oder Tod hier und jetzt, geht es dem Völkerapostel in diesem Textabschnitt. Es geht nicht um den physischen Tod am Ende unseres Lebens, auch nicht um den Tod unseres Leibes. Es geht um das "Töten" dessen (Vers 13), was unsere innere Quelle, die uns mit Gott verbindet, austrocknet und verkümmern lässt. Tod meint "jene tödliche Dimension im Menschen, die in der Gottferne besteht, während 'Leben' das Geschenk Gottes im Geist ist: die Nähe zu Gott, die als Kindschaft beschrieben wird.“[4]

Paulus versucht mit einer weiteren Frage, die Römer zum Widerstand gegen Sünde und Tod zu motivieren. Er ermutigt sie, sich zu erinnern, welche Art des Geistes sie erfuhren, als sie Jesus Christus angenommen und seinen Geist empfangen haben. War es der Geist der Knechte oder der Geist der Freien? Fühlten sie etwa Furcht und Angst, weil sie empfanden, dass sie seinen Ansprüchen nie und nimmer gewachsen sein würden, weil sie seine Gesetze und Gebote niemals erfüllen könnten, weil ihnen der Mut und die Kraft zur Kreuzesnachfolge fehlten? Der Geist, der "euch zu Knechten macht" ist nicht irgendein böser Geist, sondern eine Etappe auf dem Heilsweg Gottes, die Israel seit seinen Anfängen wohlbekannt ist.

Der Gott Israels ist kein Gott, den die Not seines Volkes nicht berührt. Er sah die Sklavenhaltergesellschaft Ägyptens und hörte das Schreien der Israeliten. Jahwe befreite sie aus der Sklaverei und führte sie ins gelobte Land. Damit sie in der befreienden Liebe Gottes bleiben konnten, gab er ihnen die Tora. Die Gesetzesbeobachtung aber entwickelte eine Eigendynamik. Die Liebe zu Gott und zueinander trat in den Hintergrund und die fromme Leistung der Gesetzesbefolgung in den Vordergrund, ebenso die Angst, die Gesetze nicht auf Punkt und Strich zu erfüllen. Das führte in „Knechtschaft“.

Oder haben sie - die Christen in Rom - vielleicht doch nicht den Geist, der sie zu Knechten macht, empfangen, sondern den Geist, der sie zu Söhnen macht? Haben sie den Geist erfahren, der ihnen Beziehung schenkt, Befreiung aus unterschiedlichsten Abhängigkeiten und Zwängen; einen Geist, in dem ihnen die Größe und Würde ihres Daseins aufgrund ihrer Berufung bewusst werden ließ, sodass sie sich wie Söhne Gottes fühlen? „Paulus lässt uns wissen, dass die Christen aufgrund der ihnen von Jesus geschenkten Beteiligung an seinem Sohnesgeist ermächtigt sind zu sagen: ‚Abba, Vater’ (Röm 8,15; Gal 4,6). Dabei ist klar, dass dieses neue Beten der Christen eben nur von Jesus her möglich ist, von ihm her – dem Einzigen.“[5]

Der Geist, den sie durch Jesus Christus empfingen, ist ein Geist der Sohnschaft. Das Zutrauen zu Gott in ihrem Herzen ist der Ausweis, dass sie von einem neuen Geist berührt und geführt werden. Wenn sie freilich gestehen, dass es eher jener Geist ist, der sie zu Knechten macht, der in ihnen wirkt, dann sind sie "noch nicht durchgestoßen zu jenem Trauen, aufgrund dessen uns Gott gerecht macht und neues Leben gibt!"[6]

Die Lesung endet mit dem Hinweis darauf wie sich „unser“ Erbe erfüllt: Unsere Kindschaft als Erben und Miterben erfüllt sich dann, wenn wir mit Jesus Christus „leiden, 
um mit ihm auch verherrlicht zu werden.“

(4) Jesu gemeinsames Leben mit seinen Jüngern bestand in einer Lebens-, Lern- und Schicksalsgemeinschaft. In diesem Miteinander wurde der Geist der Sohnschaft (!) sichtbar, den Jesus in die Welt brachte. Es bedeutete die Überwindung von Egoismus und Selbstgefälligkeit und führte zu einem Denken vom anderen her, sowie zum Mut sich die Zugehörigkeit zu Jesus „etwas kosten zu lassen.


Dreifaltigkeitssonntag - Evangelium 

                        Mt 28,16-20


In jener Zeit 16 gingen die elf Jünger nach Galiläa 
auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte. 17 Und als sie Jesus sahen, 
fielen sie vor ihm nieder,
 einige aber hatten Zweifel.

18 Da trat Jesus auf sie zu
 und sagte zu ihnen:
 Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde.19 Darum geht
 und macht alle Völker zu meinen Jüngern;
 tauft sie
 auf den Namen des Vaters und des Sohnes
 und des Heiligen Geistes 20 und lehrt sie,
 alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.
 Und siehe,
 ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.



(1) Es war zunächst ein Engel, dann Jesus selbst, der den Frauen mitteilte, dass sie den Jüngern ausrichten sollen, dass er ihnen nach Galiläa vorausgehen werde (Mt 28,6f.10). Das Wiedersehen soll also in Galiläa stattfinden. Dort, wo Jesus mit seiner öffentlichen Verkündigung begann, im „Galiläa der Heiden“. Dort will er seinen Jüngern als Auferstandener begegnen, was auf die Fortführung seines Werkes zielt. Die elf Jünger folgten dem Auftrag Jesu zum Wiedersehen kommentarlos. Vermutlich konnten sie sich ein Leben außerhalb ihrer Apostelgemeinschaft gar nicht mehr vorstellen und empfanden Jesus immer noch als ihren Meister.

(2) Jedenfalls stiegen sie auf den Berg in Galiläa, den Jesus ihnen angegeben hatte, der aber ungenannt bleibt. Hier geschieht nun das Unerwartete, aber doch irgendwie Ersehnte und Erhoffte. Die Erschütterung durch die Gegenwart des Gekreuzigt-Auferstandenen zwingt sie in die Knie. Doch einige von ihnen trauen ihren Augen nicht und zweifeln.

Das aber konnte Jesus nicht abhalten auf sie zuzugehen und zu ihnen zu sprechen. Als Auferstandener und zur Rechten Gottes Erhöhter ist er der Kyrios der Welt. Am „Berg des Auferstandenen“ erklärt der Herr nun – im Gegensatz zur Ablehnung der angebotenen Weltherrschaft durch den Teufel am „Berg der Versuchung“ (Mt 4,8f): „Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde.“ Als solcher, der zu seinen Lebzeiten den Willen Gottes erfüllte und die Ohnmacht wählte, der gekreuzigt und von Gott auferweckt wurde, sendet er die Elf, dass sie sein Werk auf Erden weiterführen und vollenden.

Jesus, der selbst während seines irdischen Lebens in der Vollmacht Gottes die Menschen lehrte und heilte (Mt 7,23), hat seine Jünger schon einmal ausgesandt und ihnen dafür Anweisungen gegeben, die ihre Gültigkeit nicht verloren haben. Nur sind sie ab jetzt nicht mehr allein zu den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“ gesandt, sondern zu allen Völkern. Alle Menschen sollen sie zu seinen Jüngern machen.

Die „Völkerwallfahrt“ nach Jerusalem erfährt so eine gewisse Umorientierung. Die Völker der Welt pilgern nicht mehr nach Jerusalem, weil sie sich von der Art und Weise wie die Juden die Tora verwirklichen und in Frieden leben, angezogen fühlen. Diese Verheißung hat sich für den Evangelisten Matthäus durch die drei Weisen, die einem Stern nach Betlehem gefolgt sind und das Jesus-Kind in der Krippe anbeteten, verdichtet. Nun kommen die Heiden zu Jesus Christus.

Die Jünger sollen nun nicht mehr nur „Menschenfischer“ in Israel sein und warten bis die Menschen aus den Völkern nach Jerusalem kommen, sondern vielmehr zu den Völkern gehen, um die Menschen zu Jüngern Jesu zu machen. Unerlässlich ist die Taufe. Durch Jesus werden sie hineingenommen in das Leben des dreifaltigen Gottes. Das kommt einem Herrschaftswechsel gleich. Der Getaufte lebt nicht mehr nach dem, was ihn in den Augen der Menschen groß macht, sondern er räumt Gott Herrschaft über sich ein und tut das, was Gott gefällt. Er begibt sich auf einen Weg, auf dem er wie Petrus lernen muss, nicht das zu wollen, was die Menschen wollen, sondern, was Gott will. Das ist freilich alles andere als leicht. Aber auch dafür hat Jesus vorgesorgt: „Lehrt sie,
 alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.
“

Was diese Lehre, die es zu befolgen gilt, beinhalten soll, ist bei Matthäus ziemlich klar: vor allem die Verwirklichung der Bergpredigt, angefangen von den Seligpreisungen bis zur Feindesliebe. „Mit ihr ist zwar kein Staat zu machen“, aber sie ist den Gemeinschaften, die sich in der Nachfolge Jesu sehen, als „Magna Carta“ aufgegeben. Die Jüngergemeinde soll sie in ihrem Miteinander praktizieren, um alternative Möglichkeiten des Miteinanders sichtbar zu machen. Jüngerwerdung der Völker bedeutet also, dass die Völker mit Jüngergemeinden durchsetzt werden, um so Salz der Erde zu sein. Die Urkirche hatte Gemeinden, die viele Menschen faszinierten. Auf solche Gemeinden käme es auch heute wieder an.

Wenn die „Zwölf“ der Sendung Jesu treu bleiben wird er mit ihnen sein „alle Tage bis zum Ende der Welt.“ Der Auferstandene wird seine Macht einsetzen, um den Seinen gegenwärtig zu sein, denn Jesus ist der „Immanuel, der ‚Gott mit uns.’“

(3) Ist dieser Auftrag der Missionierung, alle Menschen zu Jüngern Jesu zu machen, von irgend jemand außer Kraft gesetzt worden? Es scheint so! Ich habe den Eindruck, dass die Kirche an sich selbst resigniert. Denn, wenn sie nach dem Wort Jesu leben und handeln würde, wenn sie Salz der Erde und Licht der Welt wäre, dann fiele die Gefahr des Zwanges und der Manipulation weg und die Menschen würden tatsächlich die Kirche als Kontrastgesellschaft attraktiv finden und Jünger Jesu werden wollen. Auf das gelebte Beispiel kommt es an. Aber davon sind wir bedauerlicherweise weit entfernt.

Vielleicht sind es auch nicht mehr die „großen Kirchen“, die den Spuren Jesu folgen, sondern die sogenannten Sekten und kleinen, christlichen Gemeinschaften, die durch ihr Miteinander und Ernstnehmen der hl. Schrift Jesus glaubwürdiger verkünden als die Großkirchen.
 

[1] Das Leben „nach dem Geist“ ist hier einem Leben „nach dem Fleisch“ gegenübergestellt; „Fleisch“ bezeichnet in biblischer Überlieferung das Irdische und Vergängliche, das, worauf man sich nicht verlassen darf, wenn man nicht der Sünde verfallen will. Deshalb kann das Wort „Fleisch“ auch den Menschen bezeichnen, der von der Sünde beherrscht wird.
[2] Im Originaltext steht eindeutig „Söhne Gottes“. Ein Text, der zwischen Kind und Sohn wechselt, sollte man nicht einebnen.
[3] Im Originaltext steht „Sohnschaft“; im Gegensatz dazu steht der „Geist, wie ihn der Sklave hat – nicht der Sohn des Hauses“ (W. Bauer, Wörterbuch 1663);
[4] N. Baumert, Christus, 148
[5] J. Ratzinger, Jesus, 395
[6] N. Baumert, Christus, 149


Pfingstsonntag                   Gal 5,16-24

16 Darum sage ich: Lasst euch vom Geist leiten, dann werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen.

17 Denn das Begehren des Fleisches richtet sich gegen den Geist, das Begehren des Geistes aber gegen das Fleisch; beide stehen sich als Feinde gegenüber, so dass ihr nicht imstande seid, das zu tun, was ihr wollt.

18 Wenn ihr euch aber vom Geist führen lasst, dann steht ihr nicht unter dem Gesetz.19 Die Werke des Fleisches sind deutlich erkennbar:[1] Unzucht, Unsittlichkeit, ausschweifendes Leben, 20 Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen, 21 Neid und Missgunst, Trink- und Essgelage und ähnliches mehr. Ich wiederhole, was ich euch schon früher gesagt habe: Wer so etwas tut, wird das Reich Gottes nicht erben.

22 Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, 23 Sanftmut und Selbstbeherrschung; dem allem widerspricht das Gesetz nicht.

24 Alle, die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt.

25 Wenn wir aus dem Geist leben, dann wollen wir dem Geist auch folgen.



(1) Paulus hat in Galatien christliche Gemeinden gegründet. Als er sich in Ephesus befindet, wird er mit der Tatsache konfrontiert, dass Irrlehrer, Verwirrer und Evangeliumsverdreher in den Gemeinden Galatiens Unruhen verursachen. Diese Irrlehrer verbreiten, dass Christen der Tora folgen sollen und dass die Beschneidung für das Heil unabdingbar sei.

Mit dem Brief will Paulus die Galater mit guten Gründen überzeugen, dass die Forderungen der Evangeliumsverdreher die Botschaft Jesu falsch interpretieren. Im Text der heutigen Lesung gibt Paulus den Galatern Unterscheidungshilfen an die Hand, mit denen er sie befähigen möchte, dass sie selbst das in die Irre führende und geistlose Wirken der Irrlehrer erkennen. Er geht davon aus, dass sichtbarem Verhalten bestimmte Einstellungen zugrunde liegen und bestimmte Impulse das Verhalten auslösen. Die Impulse kommen aus zwei unterschiedlichen „Ecken“: dem „Begehren des Fleisches“ und dem „Begehren des Geistes“. Nach Paulus wird menschliches Handeln ausgelöst und ermöglicht durch Anlagen und Handlungsimpulsen, denen dann die Entscheidung des freien Willens folgt, der dies jeweils in die Tat umsetzt oder auch nicht.[2] Fleischliches Begehren steht bei Paulus für alles, was aus einem egoistischen und selbstgefälligen Denken resultiert. Das Begehren des Geistes steht für das, was aus der Einstellung zum Lieben und Dienen hervorgeht.

(2) Paulus ermutigt die Galater, sich vom Geist leiten zu lassen und keinesfalls vom Begehren des Fleisches.[3] Er ist überzeugt, dass im Inneren des Menschen kein Machtkampf entgegengesetzter Kräfte tobt und der Mensch deswegen oft anders handelt, als er eigentlich will.[4] Der Geist ist selbstverständlich stärker. Der Mensch muss ihm Raum geben und ihm in seinem Handeln folgen. Paulus mahnt die Galater von ihrer Freiheit Gebrauch zu machen.

Wenn der Völkerapostel den Galatern den Lasterkatalog vorlegt, dann will er damit nicht behaupten, dass ihre Gemeinden derart in amoralisches Fahrwasser geraten sind. Er hofft trotzdem, dass sie bei der Nennung von „Spaltungen und Parteiungen“ ihre eigene Gemeindesituation wiedererkennen und daraus die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. Wer jedenfalls den Impulsen zu solchen, oder ähnlichen Handlungen, wie sie im Lasterkatalog aufgereiht sind folgt, der kann die Gottesherrschaft nicht erben.

Während die fleischliche Begehrlichkeit zu hektischem Aktivismus führt, wächst das Handeln im Geist organisch wie eine Frucht aus dem Samen hervor. Aber auch hier muss der freie Wille des Menschen tätig werden.

Paulus stellt den Tugendkatalog anders als sonst zusammen. Seine auswählende Hand zeigt sich darin, dass Freude, Freundlichkeit, Selbstbeherrschung und pistis (Glaube) nur in diesem Tugend-Katalog vorkommen.[5] Es geht vor allem um die menschliche Seite des Trauens (pistis), um ein Zutrauen als Vertrauenshaltung nicht nur anderen Menschen, sondern primär Gott gegenüber. Wer also im Geist lebt, der braucht nicht zu fürchten, dass das Gesetz, die Tora, ihn verurteilt, vielmehr bestätigt und lobt es solche Verhaltensweisen. Für Paulus ist das Gesetz keineswegs abgeschafft, sondern weiterhing gültig, um Sünde aufzudecken und Gutes zu fördern.

Christen müssen dem „Begehren des Fleisches“ immer wieder neu eine Absage erteilen und damit aller Selbstgefälligkeit. Sie vermögen es im Heiligen Geist und im Trauen dessen, der sie geliebt und für sie hingegeben hat. Die Überwindung der Antriebe, die zur Sünde und Abhängigkeit führen, bezeichnet Paulus als Kreuzigung. Für Irrlehrer gilt also: Soweit sie sündigen Leidenschaften und Begehrlichkeiten (Egoismus, Selbstgefälligkeit) folgen, gehören sie nicht zu Jesus Christus.

(3) Es gibt zwei literarische Zeugnisse, in denen im einen Fall ein Impuls aus dem „Begehren des Fleisches“ und im anderen Fall einer aus dem „Begehren des Geistes“ durch die freie Entscheidung des Menschen in einem Wunsch zum Ausdruck kommt: Als König Midas von den Göttern einen Wunsch frei bekommt, bittet er darum, dass alles, was er berühre zu Gold werden solle. Bald schon erkennt er, dass er sich Verderben gewünscht hat. Das Wasser, das Brot, der Wein, alles wurde zu Gold, als er es berührte.

Anders wählt König Salomo. Als er einen Wunsch von Gott frei bekommt, wählt er ein hörendes Herz, damit er Gottes Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht. Weil Salomo diese Bitte aussprach und nicht um langes Leben, Reichtum oder den Tod seiner Feinde bat, sondern um Einsicht gebeten hat, um auf das Recht zu hören, hat Gott seine Bitte erhört.

Paulus legt uns ans Herz: Tut etwas nicht schon deshalb, weil es euch gefällt, sondern nur wenn es vom Geist kommt.


[1] 5,19-21.22-26 Paulus bringt hier einen sog. „Laster-“ und einen „Tugendkatalog“, vgl. z. B. Röm 1,29-31; 1 Kor 6,9f.
[2] N. Baumert, Trauen, 141
[3] Ich folge der Übersetzung von N. Baumert, Trauen, 140
[4] Auch die Einheitsübersetzung legt den Gedanken nahe, dass der Mensch guten wie bösen Kräften ausgeliefert sei.
[5] Die Einheitsübersetzung übersetzt pistis (Glaube) hier mit Treue, N. Baumert, dem ich folge, mit Trauen.


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7. Sonntag in der Osterzeit 1 Joh 4,11-16

11 Liebe Brüder, wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben.12 Niemand hat Gott je geschaut; wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollendet.

13 Daran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und er in uns bleibt: Er hat uns von seinem Geist gegeben.

14 Wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als den Retter der Welt.

15 Wer bekennt, dass Jesus der Sohn Gottes ist, in dem bleibt Gott, und er bleibt in Gott. 16 Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen. Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm.



(1) Die heutige Lesung ermutigt uns zu zweifachem Handeln: zunächst einmal, dass wir einander lieben und dann, dass wir bekennen, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Beides sollte dankbare Antwort auf Gottes vorausgegangene Liebe sein. Vom besonderen Geschenk der Liebe Gottes hat die Lesung vom vergangenen Sonntag gehandelt.

(2) Warum ist dem Verfasser des Ersten Johannesbriefes das Bekenntnis zu Jesus, als dem Sohn Gottes, so wichtig? Es wird vermutet, dass die Judenchristen der kleinasiatischen christlichen Gemeinden Probleme mit der Überbetonung der Göttlichkeit Jesu hatten. Es könnte sich um ein Problem handeln, das jenem ähnlich ist, das im Johannes-Evangelium zum Murren und schließlich zur Spaltung unter den Jüngern führte als Jesus sagte: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben. Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist.“[1] Den Anspruch, welchen Jesus hier erhebt, konnten viele nicht mehr folgen und trennten sich von ihm. Johannes fordert nun die Adressaten seines Briefes und uns auf, Jesus Christus als Sohn Gottes zu bekennen. Wer das tut, in dem bleibt Gott, das heißt, er bleibt in Verbundenheit mit ihm, durch die allein er Frucht bringen kann. Damit erweist sich Johannes hier als Verteidiger der Göttlichkeit Jesu.

Niemand kann Gott mit seinen leiblichen Augen sehen, aber Gott kann mitten in der Welt erfahren werden, nämlich dann, „wenn wir einander lieben.“ Gott hat in seiner großen Liebe, seinen Sohn für uns dahin gegeben, um uns zu retten. „Wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben.“ Die Forderung der Liebe als Aufgabe aus der zuvor empfangenen Gabe der Liebe, erinnert uns an die Fußwaschung im Johannesevangelium. Wie Knechte ihrem Herrn oder deren Gästen, wäscht Jesus seinen Jüngern die Füße. Er stellt das Herr-Knecht-Verhältnis auf den Kopf. Petrus ahnt die Konsequenzen der Fußwaschung für sich und die Jünger und verweigert sie. Weil er aber Anteil am Herrn haben möchte, willigt er schließlich ein. Und so lautet Jesu Auftrag an seine Jünger: „Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe. Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“[2] Es ist dieses neue, liebende Miteinander der „Familie Gottes“, das Jesus in die Welt gebracht hat. Daher muss konsequenterweise die Maxime christlichen Handelns so lauten: „Wie Gott durch Jesus uns, so wir untereinander!“

Die heutige Lesung betont, dass sich Gottes Liebe in unserem liebenden Miteinander vollendet! Das ist somit die denkwürdige Ansage dieser Lesung: Gottes Liebe, die in Jesu Verkündigung und in seinem sühnenden Leiden und Sterben für uns seinen Anfang nahm, vollendet sich in unserer gegenseitigen Liebe. Dafür braucht Gott die Kirche als den Ort, an dem Menschen einander in Liebe begegnen, oder wie Paulus fordert: „Einer schätze den anderen höher ein als sich selbst!“. Es braucht die Kirche als die Gemeinschaft, über die Menschen staunend sagen: „Seht, wie sie einander lieben!“ Hier gelten offensichtlich andere Maßstäbe als sonst in der Welt. Das gibt uns wirklich Hoffnung. Aber müssen wir nicht Christen angesichts der Tatsache, dass Gottes Liebe sich in unserem liebenden Miteinander vollenden sollte ehrlicherweise bekennen, dass wir noch in christlicher Steinzeit leben?

Der Lesungstext mündet in die Spitzenaussage der gesamten biblischen Botschaft: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm.“ Hier wird Liebe nicht vergöttlicht, sondern die Göttlichkeit Gottes als Liebe bestimmt. Sie besteht in der rettenden Zuwendung Gottes zu den Menschen in seinem Sohn Jesus Christus. Er hat sein Leben hingegeben, damit wir das Leben haben. Das „Bleiben-in“ verweist uns an das Gleichnis vom Fruchtbringen.[3] Nur in Verbindung mit dem Weinstock kann die Rebe Frucht bringen. Nur in Verbundenheit mit Jesus Christus und mit Gott kann unser Leben als Christen fruchtbar werden.

(3) Am Ende der Bildrede vom „Fruchtbringen“, legte Jesus seinen Jüngern nochmals die Liebe ans Herz: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, ... Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“[4]

[1] Joh 6,56-58
[2] Joh 13,14f.34f
[3] Joh 15,1-17
[4] Joh 15,9f.12f

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Christi-Himmelfahrt         Eph 1,17–23

17 Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn,
 der Vater der Herrlichkeit,
 gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung, damit ihr ihn erkennt.


18 Er erleuchte die Augen eures Herzens,
 damit ihr versteht, 
zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid,
 welchen Reichtum 
die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt
 19 und wie überragend groß 
seine Macht sich an uns, den Gläubigen, erweist 
durch das Wirken seiner Kraft und Stärke.


20 Er ließ sie wirksam werden in Christus,
 den er von den Toten auferweckt 
und im Himmel auf den Platz zu seiner Rechten erhoben hat,
 21 hoch über jegliche Hoheit und Gewalt, 
Macht und Herrschaft
 und über jeden Namen, der nicht nur in dieser Weltzeit,
 sondern auch in der künftigen genannt wird.


22 Alles hat er ihm zu Füßen gelegt 
und ihn, der als Haupt alles überragt,
 über die Kirche gesetzt.
 23 Sie ist sein Leib,
 die Fülle dessen, der das All in allem erfüllt.


(1) Der Verfasser des Briefes an die Epheser unternimmt den Versuch die Adressaten zu einer Glaubensvertiefung zu motivieren. Er tut dies nicht, indem er warnt oder mahnt oder gar mit der Hölle droht, sondern er versucht es vielmehr durch Hinweise darauf, was durch eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Glauben und durch die Öffnung für Neues zu gewinnen ist. Er präsentiert den Weg, den er einzuschlagen vorschlägt, in Form von Fürbitten und Bekenntnissen.

(2) Offenbar wendet sich der Autor an Hörer bzw. Leser jüdischer Herkunft. Und er beginnt mit niemandem Geringeren als mit Gott selbst. Er wendet sich mit seinen Bitten an Gott und Inhalt der Bitte ist ein vertieftes Verständnis des Handelns Gottes an Israel. Dieser Gott an den er sich wendet ist der Gott Israels, der auch der Gott ihres gemeinsamen Herrn, Jesus Christus, ist. Es ist Gott Jahwe, der Israel aus allen Völkern zu seinem Eigentumsvolk erwählt hat, der Gott der Väter Abraham, Isaak und Jakob. Er hat das Schreien seines Volkes in der Sklaverei Ägyptens gehört und in die Freiheit geführt und ihnen das gelobte Land als Erbteil zugewiesen und durch Propheten und Könige geführt, aus dem Exil wieder heimgeführt und aufs Neue durch Jesus Christus an Israel gehandelt. Diesem Gott, der in der Geschichte an Israel und durch Israel an der ganzen Welt wirkt, sollen sich die Judenchristen öffnen und ihn in diesem vielleicht unerwartet Neuen erkennen. Darum bittet Paulus um den Geist der Weisheit und der Offenbarung für seine Hörer in den Gemeinden, damit sie ihren Ort in der Heilsgeschichte tiefer erkennen. Es geht um ein tieferes Verstehen, denn Gott hatten sie schon erkannt (Eph 1,11-13). Der Autor weiß nur zu gut, dass die Erkenntnis Gottes nicht erworben, sondern geschenkt wird. Die Erkenntnis ist eine Erfahrung des Glaubens und der Liebe. Sie ist der erkennende Glaube und die erschließende Liebe (H. Schlier).

Die nächste Bitte wird konkreter. Der Fürbitter betet darum, dass Gott den Angesprochenen die Augen des Herzens öffnen möge. Paulus hilft uns diesen Gebetswunsch zu verstehen: „Denn Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!, er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit wir erleuchtet werden zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi.“ In dem Maße nämlich, wie das Herz im Glauben angesprochen und in der Liebe bewegt wird, ist der Christ ein Sehender.

Was sollen sie mit den Augen des Herzens sehend verstehen? Sie sollen verstehen zu welcher Hoffnung sie berufen sind. Die Juden haben bereits vor dem Auftreten Jesu im Messias, der ihnen verheißen worden war und auf den sie warteten, auf Gottes Handeln gehofft. Paulus bittet Gott, dass sein Offenbarungsgeist die Adressaten tiefer verstehen lehre, dass nämlich Jesus diese Hoffnung ist. Der Erhöhte ist zwar unseren leiblichen Augen verborgen, doch vermögen die Augen des Herzens durch der Geist der Weisheit erkennen, dass sich die Berufung Israels in Jesus verwirklicht. Die Briefempfänger mögen erkennen, dass die Verheißung des Messias in Jesus Christus besteht, auf den alle in Israel gehofft hatten.

Aber Jesus Christus erfüllt nicht nur die Messias-Erwartung Israels, sondern er ist auch das den Heiligen[1] verheißene Erbe. Erbbesitz und Erbe sind Begriffe aus der Frühzeit Israels und stehen für die Sehnsucht der aus Ägypten geflüchteten Ex-Sklaven nach einem Stück Land, das sie ihr Eigen nennen dürfen. Gott schenkt jetzt seinen Sohn als Erbzuteilung. Der Reichtum an Herrlichkeit ist in ihnen[2]. Für viele muss am Anfang eine überwältigende Erfahrung gestanden haben[3] worin sie Gottes Ruf und das seinem Volk verheißene Erbe erkannt haben. Diese Menschen waren beim Hören der Botschaft Juden, die als solche in der Person Jesu Christi die Erfüllung der ihnen von Gott gegebenen Verheißungen erkannten. Paulus wünscht hier jüdischen Christusgläubigen, dass sie Christus, der „in ihnen“ lebt (Gal 2,20) immer tiefer begegnen mögen.

Er wünscht ihnen aber auch, dass sie wahrnehmen, wie Gott seine Macht an ihnen den Glaubenden (Trauenden) erweist. Jetzt spricht Paulus zu seinen Adressaten über ihre neue Stellung als christusgläubige Juden. Er schließt sich bewusst mit ein. Aus der Gesamtzahl Israels hebt er nun die Gruppe heraus, die Gottes Wirken an Israel in noch höherem Maße erfahren hat. Dieses große Geschenk mögen sie, die mit Glauben auf das Evangelium geantwortet haben, immer tiefer verstehen. Dazu hilft, wenn sie das Wirken der Macht Gottes an Christus betrachten. Zur Deutung der eigenen Erfahrung verweist Paulus auf das Wirken Gottes in Jesus Christus, welches die Grundlage ihrer neuen Lebensqualität ist.[4] Wie Gott an Jesus gehandelt hat wird er auch an ihnen handeln. Damit wird endgültig sichtbar wie Gott an ihnen handelt: „Gott aber, der voll Erbarmen ist, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus wieder lebendig gemacht. Aus Gnade seid ihr gerettet. Er hat uns mit Christus Jesus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben“ (Eph 2,24).

(3) Paulus sagt aber nicht nur, wie Gott seine Macht an Jesus erwiesen hat und wie er sie an denen erweist, die glauben. Er zeigt ihnen und uns auch den Ort, wo all das erfahren und erlebt werden kann.

Gott hat seine Macht an Jesus erwiesen, den er auferweckt „und im Himmel auf den Platz zu seiner Rechten erhoben hat,
 hoch über jegliche Hoheit und Gewalt...“. Die Erhöhung Christi hat aber nicht die Trennung von der Gemeinde zur Folge, sondern in seiner neuen Existenzweise ist er als Haupt der Kirche ganz nahe gekommen. Der Autor ist an einer genaueren Bestimmung der Mächte und Gewalten nicht interessiert. Allerdings betont er: Es gibt überhaupt keine Macht mehr über die der erhöhte Christus nicht als Herr gesetzt wäre.

Die Dämonie des Bösen liegt zwar „über der Gesellschaft und setzt sich in ihr als Verschleierung, Lüge, Unfreiheit, Rivalität und Gewalt immer wieder durch. Demgegenüber gibt es in der Welt eine andere Macht, die mächtiger ist als diese scheinbar unüberwindbaren Mächte und Gewalten. Es ist die Macht des Gekreuzigten. Ihr Ort ist die Kirche. Die Menschen in der Kirche sind nicht anders, aber es gibt in ihr von Christus her den Raum der Versöhnung und des Friedens, das ist kein Verdienst der Kirche, sondern reine Gnade, die Fülle Christi.“[5]


[1] „Die Heiligen“ ist die übliche Anrede für die Christen und meint mehr als bloße Mitgliedschaft
[2] wie in Kol 1,27
[3] Apg 2,37-39; 5,14
[4] Vgl. N. Baumert, Berufung, 201-206
[5] G. Lohfink, Kirche, 349

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6. Sonntag in der Osterzeit   1 Joh 4,7-10

7 Geliebte, wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott. 8 Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist Liebe.

9 Darin offenbarte sich die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben. 10 Darin besteht die Liebe: Nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat.


(1) Die Lesung beginnt mit einer ungewohnten und selten verwendeten Anrede: „Geliebte“. Diese Anrede entspricht dem Anliegen des Verfassers. Er drückt darin aus, dass er sich in einer nicht selbstverständlichen Beziehung an seine Hörer bzw. Leser wendet. Als von Gott Geliebter spricht er zu den ebenfalls von Gott geliebten Brüdern und Schwestern in den Gemeinden. Er und sie sind Teil einer Beziehung, in der sich Gott ihnen in Liebe geschenkt hat.

Darum verwundert seine Aufforderung nicht: „wir wollen einander lieben;“ Sie ist uns bekannt von der Forderung der Gottes- und Nächstenliebe.[1] Doch die folgende Formulierung überrascht: „jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott.“ Wen betrifft das? Jeden der gut und hilfsbereit ist? Jeden der liebt, um geliebt zu werden? Jeden, der sich in Liebe zum Partner verzehrt? Nein, nicht jedwede Zuwendung aufgrund unterschiedlichster Motive zu einem anderen Menschen ist gemeint. Es geht um die Zuwendung zum Bruder und zur Schwester, zu Menschen, die durch eine Neugeburt aus Gott neue Menschen geworden sind, die eine neue Existenzweise angenommen haben, die einem Herrschaftswechsel zugestimmt haben, die Gott Herrschaft über sich eingeräumt haben. Ihre Liebe stammt aus Gott und sie erkennen Gott. Denn „erkennen“ in der Bibel hat immer mit "erkennen in Beziehung" zu tun und ist niemals nur Gedankenarbeit. Ihre Liebe zueinander ist prioritär, aber nicht ausschließend. Sie ist Zeugnis für die Liebe Gottes zu allen Menschen.

(2) Der Spitzensatz nicht nur dieses Abschnittes, nicht nur des Briefes, sondern des Evangeliums überhaupt, ist der Satz: „Gott ist Liebe.“ Schon im Alten Testament wurden Aussagen über Gott getätigt: über Gottes Gerechtigkeit und seine Weisheit; Gottes Treue zu seinem Volk wurde betont; von der Macht Gottes wurde ebenso gesprochen wie von seinem Zorn. Hier handelt es sich um Eigenschaften Gottes, die in seinem Wirken unter den Menschen zum Vorschein kommen.

Sie zeigen aber nicht sein Wesen, aus dem diese Eigenschaften hervorgehen. Gottes Wesen ist Liebe. Das erwählte Volk Israel weiß schon etwas von dieser Liebe (Dtn 7,7f[2]) Die Propheten Jeremia und Hosea wissen, dass diese Liebe aufgrund der Treulosigkeit Israels leidet und in Zorn geraten kann. Dennoch verstieg sich keiner der Propheten zur Aussage: „Gott ist Liebe.“

Der Verfasser liefert auch die Begründung dafür, dass Gott Liebe ist. Die Sendung Jesu aus Nazaret, sein Leben, seine Verkündigung, seine Praxis, sein Leben in einer Lern- und Schicksalsgemeinschaft mit seinen Jüngern und Jüngerinnen, sein Leiden, Sterben und seine Auferstehung sind der Grund. Das geschah, „damit wir durch ihn leben“.

Auch wir heute leben durch ihn. Erst wenn wir zum eigenen Lieben befreit sind, gewinnen wir im Lieben das wahre Leben. Lieben und Leben gehören also zusammen. Das Geschenk der erlösenden, befreienden Liebe Gottes ist auch eine Verpflichtung, eine Aufgabe. Das was in Jesus lebendig war, seine Liebe, lebt durch uns weiter. Er, das gesprochene Wort der Liebe Gottes soll durch uns weitergesagt und vor allem nachgeahmt werden, damit wir und andere durch ihn leben.

Aber das Leben „durch ihn“ wird ermöglicht durch Jesu Sühnetod für unsere Sünden, wodurch er uns mit Gott versöhnt hat. Seit Adam will der Mensch sein wie Gott, lebt im Aufruhr und Fremdbestimmung, Eigennutz und Eigensinn, zerstört sich und seine Umwelt. Gott tut das völlig Unerwartete: Er liebt uns trotz unserer Verweigerungen, Undankbarkeit und Lieblosigkeiten. Jesus nimmt all unsere Schuld auf sich und mit in den Tod. Gottes Liebe stirbt, „damit wir durch ihn leben“.

Nur wer die Liebe Gottes am Kreuz des Sohnes schaut, der kann die wahre Liebe Gottes „erkennen“. Die Liebe Gottes empfangen wir von Jesus aus seiner durchbohrten und blutenden Hand. Sie schenkt unserer Seele Frieden und entlastet uns von unserer Angst, verursacht durch unsere Verweigerungen gegen Gott. Auch wenn die Botschaft vom Sühneleiden Jesu schwer verständlich ist können wir sie im Glauben ergreifen.

(3) Die „Herzmitte des Ganzen ist Gottes Liebe, die sich in Seinem Sohn Jesus Christus offenbart hat und uns Menschen zur Liebe erweckt... ’Wenn du lieben lernen willst, dann schau an, wie sehr du von Gott geliebt bist!’“[3]


[1] Mt 22,37ff: 37 Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. 38 Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
[2] Dtn 7,7f: 7 Nicht weil ihr zahlreicher als die anderen Völker wäret, hat euch der Herr ins Herz geschlossen und ausgewählt; ihr seid das kleinste unter allen Völkern. 8 Weil der Herr euch liebt und weil er auf den Schwur achtet, den er euren Vätern geleistet hat, deshalb hat der Herr euch mit starker Hand herausgeführt und euch aus dem Sklavenhaus freigekauft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.
[3] A. Lefrank, Umwandlung, 530

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5. Sonntag in der Osterzeit      1 Joh 3,18-21

18 Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit. 19 Und daran werden wir erkennen, dass wir aus der Wahrheit sind. Und wir werden vor ihm unser Herz überzeugen, 20 dass, wenn unser Herz uns verurteilt, Gott größer ist als unser Herz und alles weiß.

21 Geliebte, wenn das Herz uns aber nicht verurteilt, haben wir gegenüber Gott Zuversicht; 22 und alles, was wir erbitten, empfangen wir von ihm, weil wir seine Gebote halten und tun, was ihm gefällt.

23 Und das ist sein Gebot:
Wir sollen an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben gemäß dem Gebot, das er uns gegeben hat.

24 Wer seine Gebote hält, bleibt in Gott und Gott in ihm. Und daran erkennen wir, dass er in uns bleibt: an dem Geist, den er uns gegeben hat.



(1) Johannes hat in diesem Kapitel bereits betont: „Jeder, der von Gott stammt, tut keine Sünde, weil Gottes Same in ihm bleibt, und er kann nicht sündigen, weil er von Gott stammt... Jeder, der die Gerechtigkeit nicht tut und seinen Bruder nicht liebt, ist nicht aus Gott“ (1 Joh 3,9f). Für Christen ist also entscheidend, dass sie mit Gott verbunden leben.
 
Mit nüchternem Blick auf die christlichen Gemeinden stellt der Autor fest, dass die Gnosis auch unter den Christen ihre Spuren hinterlassen hat. Das Schönreden hat Hochkonjunktur. Die Kluft zwischen Wort und konkreter Umsetzung des Wortes in Taten, die Diskrepanz zwischen Verkündigung und Leben scheint unüberwindbar. Johannes sieht sich genötigt den Finger auf diese Wunde zu legen: „Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit. Und daran werden wir erkennen, dass wir aus der Wahrheit sind.“ Mit dem Hinweis, dass die Zugehörigkeit zu Gott untrennbar mit der konkreten geschwisterlichen Liebe in Wort und Tat zusammenhängt, hebt er das Gewicht dieses Mangels im Leben der Gemeinde hervor. Es handelt sich um ein Vergehen, das schon der Prophet Jesaja im Namen Jahwes Israel vorgeworfen hat: Dieses Volk ehrt mich nur mit den Lippen, aber sein Herz ist weit weg von mir. Jesus hat den verachteten Samariter den Juden als Beispiel vor Augen gestellt. Im Unterschied zu den Kultdienern ist er am Geschundenen nicht vorbeigegangen. Er hat sich seiner Wunden und Schmerzen angenommen. Johannes ist überzeugt, dass viele schöne Worte über die Liebe niemandem nützen, wenn das konkrete Leben von Egoismus und Eigennutz bestimmt wird. Nur wer in Wort und Tat liebt, der ist aus der Wahrheit, d.h. er handelt aus der Verbundenheit mit Gott. In ihm wird das neue Leben aus Gott fruchtbar.

Johannes möchte mit seiner eingängigen Formulierung eine persönliche und gemeindliche Gewissenserforschung anstoßen und zeigt Richtung und Ziel: Versöhnung mit Gott in Jesus Christus und vertieftes Leben in Verbundenheit mit Gott. Die Versöhnung mit Gott setzt große Ehrlichkeit voraus. Wer sich mutig öffnet und sich der Herausforderung des verurteilenden Herzens stellt, seinen Stolz, seinen Neid, seine Eifersucht, seine Angst zu kurz zu kommen, seine Bequemlichkeit, seine Überheblichkeit und Lieblosigkeiten, seine Feigheit und seinen Verrat annimmt, der kann sich wie Petrus an Jesus wenden: „Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebe.“ Wir dürfen uns Gottes Gnade in Jesus Christus anvertrauen, denn ihre Größe zeigt sich darin, dass Gottes Sohn für unsere Sünden starb. Wenn dieser schmerzlich-heilsame Prozess der Selbsterkenntnis und Selbstannahme und Übergabe der Schuld (Mist) durchlaufen ist, dann ist unser Herz versöhnt und verurteilt uns nicht mehr. Das versöhnte Leben mit Gott in Jesus Christus für die Brüder und Schwestern geht weiter. Gott geht mit uns und wirkt durch uns, „weil wir seine Gebote halten und tun, was ihm gefällt.“

Johannes schenkt nun dem „Hauptgebot“ alle Aufmerksamkeit. Es ist das Ziel seiner Intervention. Dessen Beachtung ist die beste Gewähr, dass Fehlentwicklungen im persönlichen Glauben und in der Gemeinde vermieden werden: „Wir sollen an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben gemäß dem Gebot, das er uns gegeben hat.“ Der „Name“ ist in der Bibel nichts Äußerliches. Er enthält das ganze Wesen und Werk dessen, der diesen Namen trägt. Josua, Jeschua, Jesus war ein häufiger Name, wurde durch Jesus Christus zu einer wesenhaften Bezeichnung. Der Engel Gottes offenbarte Josef im Traum, dass Maria einen Sohn gebären wird; „ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen.“ (Mt 1,21) Darauf kommt es also an, dass wir an Jesus, den Sohn Gottes, den Erlöser und verheißenen Messias (Christus) glauben. Die Liebe, die Gott uns in seinem Erlöser geschenkt hat, drängt uns die besondere Ausprägung der Liebe Gottes in Jesus weiterzugeben: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“ (Joh 13,34)

Die erfahrbare Konsequenz aus diesem neuen Sein als Getaufte: Ich lebe in Gott/Christus und Gott/Christus in mir. Der Heilige Geist lässt mich das erkennen, wenn ich gottgefällige Dinge tue, die „auf meinem Mist“ gewachsen sind.

(3) Angesichts dieses Textes schlage ich vor, dass Pastoraltheologen und/oder Religions-soziologen den realen Zustand unserer Kirche und Pfarrgemeinden vor dem Hintergrund der Fragen, die diese Lesung stellt, erheben. Wie steht es z.B. um die Brüderlichkeit/ Geschwisterlichkeit der Gläubigen in den Gemeinden, der Priester miteinander, der Laienmitarbeiter untereinander und der Bischöfe? Welchen Stellenwert hat die Berufung in der Kirche? Welche Bedeutung hat der Taufschein bei mangelhafter Taufvorbereitung Unmündiger? Glauben Christen der Esoterik oder Jesus Christus?


4. Sonntag in der Osterzeit             1 Joh 3,1-2(3)

1 Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es. Die Welt erkennt uns nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat.

2 Liebe Brüder, jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.

3 Jeder, der dies von ihm erhofft, heiligt sich, so wie Er heilig ist.[1]


(1) Der 1. Johannesbrief wurde wahrscheinlich in der Zeit zwischen 90 und 100 n. Chr. geschrieben. Anlass für die Abfassung war der Kampf der kleinasiatischen Gemeinden gegen die aufkommenden, attraktiven frühgnostischen Geistesströmungen. Der Gefahr der spirituellen Verflüchtigung der wesentlichen Heilstatsachen musste begegnet werden. Der Apostel Johannes, der von Ephesus aus in der kleinasiatischen Christenheit wirkte, erinnert an die ursprünglichen Weisungen Jesu und holt den Glauben aus den geistigen Höhen zurück auf die Ebene des irdischen Heilshandelns Jesu.

(2) Liebe ist nicht einfach machbar und kann auch nicht eingefordert werden. Sie ist die Antwort auf eine erfahrene „Anrede“ in unterschiedlichen Formen. Manchmal ist es ein Lächeln, das einlädt, in eine Beziehung einzutreten, in der sich gegenseitige Liebe entfalten kann. Auch in der Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen waltet dieses Gesetz. So betete Johannes vom Kreuz: „Mein Herr und mein Gott! Wer dich mit reiner und schlichter Liebe sucht, warum sollte er dich nicht finden, ganz wie er es wünscht und ersehnt? Bist du es doch, der sich als Erster auf den Weg macht, um denen zu begegnen, die dich finden wollen“ (Weisungen 2).[2]

Gott ist es also, der den Anfang machte, in der Beziehung damals (und mit uns heute), als er uns den Erlöser sandte: „Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es.“ Die große Liebe des Vaters besteht im Geschenk seines Sohnes, Jesus Christus. Jesus, in Betlehem geboren und in Nazareth aufgewachsen, hat als Wanderprediger das Reich Gottes verkündet. Er hat Apostel und Jünger als Mitarbeiter berufen und mit ihnen das neue Miteinander in der neuen Familie Gottes gelebt. Zu dieser Familie gehört, wer den Willen Gottes sucht und ihn tut. Er selbst ist dem Willen des Vaters und seiner Sendung treu geblieben, bis zur Hingabe seines Lebens. Sein Tod bedeutet Leben für die Welt - unsere Rettung. Denen, die ihm folgten versprach er Anteil an seiner Herrlichkeit beim Vater, wie er sie schon zu Lebzeiten gelehrt hatte - Gott als Vater anzusprechen. Als seine Brüder und Schwestern sind sie auch Kinder seines Vaters.

Die Größe seiner Liebe zu ihnen bringt er beim Abendmahl zum Ausdruck: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ Schon am Anfang seines Evangeliums hat Johannes auf das große Geschenk hingewiesen für diejenigen, die Jesus in ihr Leben aufnehmen: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die ... aus Gott geboren sind. (Joh 1,12f)“[3]

Johannes (wie auch Paulus) weiß, dass der Gabe der großen Liebe Gottes, die Übernahme einer Aufgabe entspricht: Wie Jesus ihnen die Füße gewaschen hat, so sollen auch sie einander die Füße waschen und einander lieben wie er sie geliebt hat. Im vorliegenden Brief mahnt er zum Tun der Gerechtigkeit und ruft zur „Bruderliebe“ auf. Jedenfalls muss der konkreten Liebe Jesu, ihre gegenseitige, konkrete Liebe entsprechen.

Kann unsere Gotteskindschaft konkret erkannt werden oder ist es nur Schönrederei? Johannes führt einen merkwürdigen Beweis. Wir erkennen es an der ablehnenden Haltung der „Welt“. Dass wir aus Gott geboren und vom Geist Gottes bestimmt werden, merkt die „Welt“ und fühlt sich bedroht. Sie ist nicht bereit, sich dem Neuen zu öffnen, sondern verschließt sich und lehnt es ab. Wer sich Gott verschließt, dem werden die Handlungen der „Gotteskinder“ zum Anstoß.[4]

(3) Wir sind aber nicht nur Kinder Gottes. Über uns waltet noch ein anderes Geheimnis. Wir werden zwar nie perfekt sein, dennoch wartet auf uns eine große Zukunft, die jetzt noch nicht einmal offenbar ist: „Wir werden ihm ähnlich sein, denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ Wir werden in den verwandelt, den wir schauen dürfen.[5] Ansatzweise dürfen wir die verwandelnde Kraft des Herrn schon erfahren, wenn wir die heilige Schrift betrachtend auf den Herrn schauen und bitten: „Herr schenke mir ein Herz nach deinem Herzen und einen Geist nach deinem Geiste.“ Darin besteht unsere Heiligung.

[1] 3,3 Er: gemeint ist Christus, das große Beispiel der Heiligung.
[2] Zitiert nach R. Nürnberg, Ergriffen 18
[3] Auch der Apostel Paulus betont das unfassbare Geschenk der Gotteskindschaft: „Ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater! So bezeugt der Geist selber unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Sind wir aber Kinder, dann auch Erben; wir sind Erben Gottes und sind Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden. (Röm 8,15ff)“
[4] Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.
[5] Paulus formuliert es so: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin. (1 Kor 13,12)“

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3. Sonntag in der Osterzeit            1 Joh 2,1-5a

1 Meine Kinder, ich schreibe euch dies, damit ihr nicht sündigt.
 Wenn aber einer sündigt,
haben wir einen Beistand beim Vater:
 Jesus Christus, den Gerechten.
 2 Er ist die Sühne für unsere Sünden,aber nicht nur für unsere Sünden,
 sondern auch für die der ganzen Welt.


3 Und daran erkennen wir, dass wir ihn erkannt haben:
 wenn wir seine Gebote halten.
 4 Wer sagt: Ich habe ihn erkannt!,
 aber seine Gebote nicht hält,
 ist ein Lügner
 und in dem ist die Wahrheit nicht.
 5a Wer sich aber an sein Wort hält,
 in dem ist die Gottesliebe wahrhaft vollendet.


(1) Der Film „Mission“ erzählt von den Jesuitenreduktionen in Paraguay und hält mit elektrisierenden Szenen in Atem.[1] Rodrigo Mendoza, dargestellt von Robert De Niro, betätigte sich als Sklavenjäger und ermordete seinen Bruder. Als Pater Gabriel in die Missionsstation zurückkommt wird er mit Rodrigo konfrontiert. Dieser steht immerhin zu seiner Schuld, hat aber jeden Lebensmut verloren. Der Jesuitenpater versichert ihm: „Auch für dich gibt es Erlösung.“ Diesen Ermutigungsversuch des Paters weist Rodrigo zurück. Für ihn, den Mörder, Sklavenhändler und Söldner gäbe es keine Erlösung. Gabriel versucht Licht in seine Finsternis zu bringen: „Du hast den Weg des Verbrechens gewählt. Wähle jetzt den Weg der Buße.“ Schließlich sagt Rodrigo im Aufflackern eines letzten Lebensfunkens: „Bist du bereit mich scheitern zu sehen?“ Rodrigo schleppt den Sack, der seine einstigen Statussymbole, Rüstung, Degen und anderes enthält mühsam hinter sich her. Der Sack symbolisiert seine Schuld. John, ein anderer Jesuit, hat große Mühe Rodrigos selbst auferlegte Sühne mit anzusehen. Er schneidet das Seil, an dem er den Sack mitschleppt durch. Aber dieser Versuch, Rodrigos Sühne abzukürzen hilft ihm nicht wirklich. Rodrigo holt die Last nochmals aus der Tiefe. Erst als ein Indianer, statt Rodrigo in den verdienten Tod zu stoßen, das Seil durchschneidet und den belastenden Sack in die Tiefe befördert, kann dieser befreit weinen und lachen zugleich vor Glück. Jetzt, da er auch von den Indianern Vergebung erlangt hat, kann er sich selbst auch vergeben. Schließlich bittet er um Aufnahme in den Jesuitenorden.

(2) „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“ Diesem Auftrag folgt auch der Verfasser dieses Briefes. Es handelt sich nicht um Bauernfängerei. Er weiß, dass er etwas Kostbares anzubieten hat, nämlich die Befreiung von Schuld und Sünde und die daraus resultierende Jüngerschaft. Was er anzubieten hat ist also sowohl eine Gabe als auch eine Aufgabe. Dennoch muss er Irrtümer und Missverständnisse ausschließen. Eine Quelle für Verdrehungen war damals die Bewegung der Gnosis. Christen wurden verunsichert, denn die Gnostiker behaupteten, dass sie, die Christen bloß Glauben haben, während sie selbst Wissen hätten. Diese Behauptung entlarvt Johannes als grobe Fehleinschätzung und Lüge.

Wenn der Lesungstext mit der Mahnung beginnt, nicht zu sündigen, so grüßt hier nicht der moralische Zeigefinger, sondern ist vielmehr der Sorge geschuldet, durch Leichtsinn der Beziehung mit Jesus verlustig zu gehen. Denn die Gewähr dafür, dass Jesu Erlösungswerk, sein stellvertretendes Leiden und Sterben für uns, fruchtbar wird, besteht darin, dass wir das Geschenk der Erlösung annehmen und in dieser geschenkten Freiheit leben. Genau das hat auch das Volk Israel erfahren. Nach der Befreiung aus dem Sklavenhaus Ägypten, diesem großen Geschenk der Zuwendung Gottes zu seinem Volk, bekam Israel auf dem Berg Sinai das Gesetz, die Tora, nicht um das Volk unter ein Joch zu pressen, sondern damit es in gerechtem Miteinander leben kann.

Johannes ist Realist genug, um zu wissen, dass damit die Sünde (Eigennutz, Eigenwille und Eigensinn) nicht endgültig aus dem Leben gebannt sind. Das, was wir Gott in unserem Leben vorenthalten, ist immer in Gefahr sich eigenmächtig zu verselbständigen. Wenn der Rückfall in die Sünde eintritt, dann rät er, nicht zu resignieren und aufzugeben, sondern sie anzunehmen und sie bei Jesus abzuladen. Er, der ein für alle Mal für unsere Schuld gestorben ist, ist jederzeit bereit uns zu entlasten. Er hat die nötige Autorität. Er ist der Gerechte, unser Beistand, Anwalt und Fürsprecher. Indem er uns unsere Schuld abgenommen und auf sich geladen hat, hat er uns gerecht gemacht, hat er uns mit Gott versöhnt. Er hat uns würdig gemacht erhobenen Hauptes unter die Augen Gottes zu treten. Wenn nun jemand Bedenken hat und sich fragt: Warum gerade ich, ich verdiene dies doch gar nicht?, darf er unbesorgt sein. Allen Menschen ist dieses große Geschenk zugesagt. Allen Menschen soll und darf dieses Angebot zur Versöhnung vorgelegt werden. Damit wird der kleinen Schar der Nachfolger Jesu ungeheure Weite geschenkt.

Sind die „Wissenden“ nun die besseren Christen? Sie erleben großen Zulauf und sind sehr attraktiv. Johannes polemisiert nicht, sondern präsentiert ein klares Kriterium: Wer Gott/Jesus Christus wirklich erkannt hat, der beschränkt sich nicht auf sein Wissen, sondern überzeugt durch das Halten und Bewahren der Gebote. In dieselbe Richtung weist das Wort: „So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat.“ (Jak 2,17). Ignatius von Loyola sagte später: Den Glauben verkündet man mehr durch Taten als durch Worte. Johannes bezieht sich auf die Erfahrung, dass der, der in Beziehung mit Jesus lebt, in Jesu Gestalt verwandelt wird und mehr und mehr Jesu Geistes Kind wird. Er weiß sich reich beschenkt und es drängt ihn die erfahrene Liebe weiter zu schenken. Die Lebens- und Lerngemeinschaft mit Jesus mündet in eine Schicksalsgemeinschaft, in die Übernahme seines Lebensstils. Wer sich im Wort der Heiligen Schrift der Beziehung mit Jesus betrachtend anvertraut und sich von ihm verwandeln lässt und durch sein Leben konkret bezeugt was in seinem Inneren lebendig ist, in dem vollendet sich wahrhaft die Liebe Gottes.

(3) Rodrigo, der ehemalige Sklavenjäger wollte als Jesuit neu anfangen, wusste er doch, „Jesuit sein heißt als Sünder dennoch geliebt sein.“ Ihm war bewusst geworden: Selbst erlösen kann ich mich nicht, dazu brauche ich Gott, dazu brauche ich andere. Auch er war bereit für seine Freunde, die Guarini-Indianer zu sterben. Er griff zu den Waffen, um sie zu beschützen und starb im Kugelhagel. Gabriel, sein Oberer, griff zur Monstranz, um den Kindern, Frauen und Alten in den Tod vorauszugehen.


[1] Mission ist ein Film aus dem Jahr 1986, der von Roland Joffé gedreht wurde. Das Buch folgt dem Theaterstück „Das heilige Experiment“ des österreichischen Dramatikers Fritz Hochwälder. 

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Weißer Sonntag 1 Joh 5,1-6

1 Jeder, der glaubt, dass Jesus der Christus ist, stammt von Gott, und jeder, der den Vater liebt, liebt auch den, der von ihm stammt. 2 Wir erkennen, dass wir die Kinder Gottes lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote erfüllen.

3 Denn die Liebe zu Gott besteht darin, dass wir seine Gebote halten. Seine Gebote sind nicht schwer. 4 Denn alles, was von Gott stammt, besiegt die Welt. Und das ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube. 5 Wer sonst besiegt die Welt, außer dem, der glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist?

6 Dieser ist es, der durch Wasser und Blut gekommen ist: Jesus Christus. Er ist nicht nur im Wasser gekommen, sondern im Wasser und im Blut. Und der Geist ist es, der Zeugnis ablegt; denn der Geist ist die Wahrheit. (7 Drei sind es, die Zeugnis ablegen: 8 der Geist, das Wasser und das Blut; und diese drei sind eins. 9 Wenn wir von Menschen ein Zeugnis annehmen, so ist das Zeugnis Gottes gewichtiger; denn das ist das Zeugnis Gottes: Er hat Zeugnis abgelegt für seinen Sohn.)



(1) Viele Menschen sehnen sich nach Freiheit, nach äußerer, aber auch nach innerer, geistiger Freiheit. Die 2. Lesung aus dem 1. Johannesbrief weist den Weg zum Gewinn der wahren Freiheit. Die Leitlinie auf dem Weg zu diesem Ziel ist der Glaube an Jesus, den Messias (Christus) und Sohn Gottes. Er bezieht die Liebe zum Bruder und zur Schwester in der Gemeinde, die sich an Geboten (!) orientiert. Dieser Glaube führt schließlich zum Sieg über die Welt.

(2) Zunächst lohnt der Blick auf den Kontext des Johannes-Briefes. Es fällt auf, dass der Verfasser in drei Sätzen das „Geborensein aus Gott“ betont. Jeder, der die Gerechtigkeit tut, ist aus Gott geboren, ebenso jeder, der Gott liebt und auch der, der glaubt, dass Jesus der Christus ist. Durch die Formulierung "jeder" haben alle drei Sätze absolute Gültigkeit. Jeder Christ muss die Gerechtigkeit tun, Gott lieben und Jesus als Christus glauben. Nur in diesem Dreiklang besteht Harmonie. Wird der eine oder andere Satz absolut gesetzt, verführt er leicht zu Fehlhaltungen.


Der Glaube, von dem hier die Rede ist, meint nicht die Zustimmung zu einem Glaubenssatz, sondern die innere Überzeugung, die einen Menschen berührt, in Beschlag nimmt und Beziehung sucht. Gemeint ist der Glaube, dass der Mann aus Nazareth, Jesus, der Christus ist. Dass er der von den Propheten verheißene und von unzähligen Generationen erwartete Messias ist, der im verrufenen Palästina geboren, gelitten, gestorben und auferstanden ist. Das zu glauben ist alles andere als selbstverständlich. Wer glauben kann, dass Jesus der Christus ist, "der ist aus Gott geboren." Dieser Glaube ist ein Geschenk Gottes. Er trägt Gottes Wesen, seine Liebe, in sich. Diese drängt ihn zur geschwisterlichen Liebe. Er staunt und freut sich nicht nur über sein eigenes Geborensein aus Gott, sondern auch über das seiner Brüder und Schwestern. Er ist wie sie, Kind des einen Vaters.

 
"Wir erkennen, dass wir unsere Brüder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten." Die Liebe zu den Brüdern und Schwestern hängt nicht von meiner Selbstliebe ab, sondern von meiner Liebe zu Gott und dem Halten der Gebote. Meine Liebe zu Gott ist meine Antwort auf die zuvor von ihm empfangene Liebe.
Gibt es eine Liebe, die sich an Gottes Geboten orientiert? Jesus selbst hat oft genug nach Heilungen gesagt: Gehe hin und sündige nicht mehr. Er hat gegen eine unverbindliche, absichtsvolle Freundlichkeit angekämpft, die gab, um bei nächster Gelegenheit zurückzube-kommen. Jesu Liebe ist eine Hilfe im Kampf gegen Sünde und gegen Irrtümer. Nur wenn unsere Liebe, die Art der Liebe Gottes an sich trägt, ist sie Liebe im Sinne Jesu. Wenn wir Gott und seine Gebote als Wegweiser und Grenzsteine und darüber hinaus seine Barmherzigkeit vor Augen haben, dann lieben wir die Brüder und Schwestern als, „Aus-Gott-Geborene“, als die, die von Gott stammen.


Die allgemeine Anschauung ist, dass das Halten der Gebote doch eher schwer ist. Diese kommt daher, dass wir in der Welt leben und die Welt ihren Anspruch auf uns nicht aufgegeben hat. Wir müssen uns dem Zugriff der Welt entziehen. Johannes hat schon darauf hingewiesen: "Größer ist der in euch als der in der Welt." (1 Joh 4,4) In der Geburt aus Gott gründet der Sieg. Nur der von Gott Geliebte vermag das zu wollen, was Gott will und nicht das, was die Menschen wollen.


Unser eigener Einsatz und Gottes Handeln wirken im Geheimnis des Glaubens zusammen: "Und dies ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube." Der Glaube ist der Sieg über die Welt. In Jesu Kreuz und Auferstehung ist dieser Sieg sichtbar geworden. Der Gläubige nimmt am vollendeten Sieg des Herrn teil. Glaube bedeutet hier Aneignung dessen, was Gott anbietet.
"Wer sonst besiegt die Welt außer dem, der glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist." Es geht wiederum nicht um eine erzwungene Zustimmung zu einem Glaubenssatz. Es handelt sich um einen persönlichen und in Freiheit gewonnenen Glauben. Er ist die dankbare Annahme des "Aus-Gott-Geborenseins" und des neuschaffenden Wirkens Gottes. Wer glauben kann, dass Jesus, der Messias, der Sohn Gottes ist, der ist tatsächlich Sieger über die Welt, er hat Anteil am Sieg des Christus.


(3) Wer als Glaubender die Welt besiegt hat, der lebt in der Welt und hat die Attraktion der Welt, die von Gott wegführt überwunden. Er ist auf einem Weg unterwegs zu einem Ziel, das er aber auch schon irgendwie erreicht hat - die Heimat bei Gott. Er lebt in der Welt unter offenem Himmel.


 
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Ostersonntag                                 1 Kor 5,6-8

6b Ihr wisst, dass ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert? 7 Schafft den alten Sauerteig weg, damit ihr neuer Teig seid. Ihr seid ja schon ungesäuertes Brot; denn als unser Paschalamm ist Christus geopfert worden. 8 Lasst uns also das Fest nicht mit dem alten Sauerteig feiern, nicht mit dem Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit den ungesäuerten Broten der Aufrichtigkeit und Wahrheit.


(1) Paulus ist mit der Tatsache konfrontiert, dass ein Mitglied der Christengemeinde in Korinth in einer inzestuösen Beziehung lebt. Für den Apostel ist das ein klarer Verstoß gegen das Gebot Gottes und diese/r Christin/Christ hat keinen Platz in der Gemeinde. Selbst für die Heiden ist ein solches Verhalten ein „no go“. Den Verantwortlichen in der Gemeindeleitung ist das allerdings nicht so klar. Sie konnten sich auf keine klare Ausschluss-Entscheidung verständigen. Für Paulus ist das inakzeptabel. Er besteht darauf jenes Gemeindemitglied, wenn es nicht bereit ist diese Beziehung abzubrechen, aus der Gemeinde auszuschließen. Der Weg zurück ist bei erfolgtem Abbruch möglich.

Paulus kämpft dafür, dass der Name Jesu unter den Heiden nicht zum Gespött wird. Die Nachfolge Jesu zeigt sich in der Gemeinde auch in bestimmten sittlichen Standards.Die Wahrheit stellt sich nun aber doch anders dar. Die Gemeinde muss sich daher entschieden vom Verhalten dieses Einzelnen distanzieren, damit nicht auch anderes, das mit der Botschaft Jesu unvereinbar ist, akzeptiert wird. Heuchelei muss unterbunden werden, damit das Licht des Evangeliums und der Gegenwart Gottes in der Gemeinde von Korinth nicht verdunkelt werden.

(2) Der Apostel macht seine unbeugsame Haltung nicht von der Zustimmung der Korinther abhängig, aber er sucht ihr geistliches Einverständnis. In einem Bild versucht er ihnen zu erklären, worum es ihm geht. Dieses Bild bedarf einiger Erläuterungen. Es geht um das Paschafest, dem Osterfest der Juden. Vor dem Fest muss alles Gesäuerte aus dem Haus entfernt werden. Zur Feier des Festes braucht es das Paschalamm und die ungesäuerten Brote (Mazzen). Anhand der Hauptbestandteile des Paschafestmahles zeigt Paulus das Dilemma in das sich die Gemeinde gebracht hat, aber auch den Ausweg.

Das geschlachtete Paschalamm Jesus Christus ist bereitgestellt. Was nicht vorhanden ist, das sind die ungesäuerten Brote. Warum? Weil es sie nicht gibt! Warum gibt es sie nicht? Weil der Teig (die Gemeinde) durch den kleinen Anteil des Sauerteiges der Bosheit und Schlechtigkeit (der Mann, der in der inzestuösen Beziehung lebt) „versauert“[1] (versaut, zerstört) wurde.

Damit das Paschafest gefeiert werden kann und ungesäuertes Brot bereit steht, muss der alte Sauerteig von jenen (Gemeindemitgliedern) entfernt werden, die ja ohnehin (durch die Taufe) schon ungesäuerte Brote der Wahrheit und Lauterkeit sind. Das Fest ist in Gefahr, wenn die Gemeinde durch Wort oder Tat die Botschaft Jesu verdunkelt. Alles steht für das Fest bereit, wenn die Gemeinde als „Christus in der Welt gegenwärtig“ (Bonhoeffer) lebt, wenn sie tatsächlich Salz der Erde, Licht der Welt und Stadt auf dem Berge ist.[2]

(3) Sowohl das Pesachfest im Judentum als auch das Osterfest im Christentum nehmen eine hervorragende Stellung in der Liturgie ein. Das Pesachfest feiert die Befreiung und Herausführung aus der ägyptischen Sklavenhaltergesellschaft sowie die Hineinführung ins gelobte Land. Das Osterfest feiert die Erlösung/Befreiung des Menschen aus der Sklaverei und Fremdbestimmung durch die Sünde und die Ermöglichung des ewigen Lebens.

Der Mensch empfängt das Ostergeschenk Gottes in Jesus Christus - Erlösung und Ermöglichung des ewigen Lebens - durch die Taufe. Das Geschenk der Taufe enthält aber auch eine Aufgabe: Jesus durch Wort und konkrete Lebenspraxis glaubwürdig nachzufolgen.

Die Lesung erinnert uns, dass zur rechten Feier des Osterfestes die Erinnerung gehört, dass Gottes Geschenk der Auferweckung Jesus die verbindliche Nachfolge enthält: „Wie Christus das Osterlamm ist, so sollen wir das ungesäuerte Brot sein.“[3] Wir sollen Brot sein für das Leben der Welt.


[1] N. Baumert, Sorgen des Seelsorgers, 69.
[2] Was würde Paulus zum Kindesmissbrauch in der Katholischen Kirche sagen? Die Kirche entfernt sich vom Evangelium, wenn sie auf das Leben und Zeugnis in Lauterkeit und Wahrheit in den Gemeinden und Kirchenleitungen keinen Wert legt.
[3] N. Baumert, Sorgen des Seelsorgers, 69.


Karsamstag B     Röm 6,3-11

3 Wisst ihr denn nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind?[1] 4 Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben.

5 Wenn wir nämlich ihm gleich geworden sind in seinem Tod, dann werden wir mit ihm auch in seiner Auferstehung vereinigt sein.[2] 6 Wir wissen doch: Unser alter Mensch wurde mitgekreuzigt, damit der von der Sünde beherrschte Leib vernichtet werde und wir nicht Sklaven der Sünde bleiben. 7 Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. 8 Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.

9 Wir wissen, dass Christus, von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod hat keine Macht mehr über ihn. 10 Denn durch sein Sterben ist er ein für allemal gestorben für die Sünde, sein Leben aber lebt er für (durch) Gott. 11 So sollt auch ihr euch als Menschen begreifen, die für die Sünde (aufgrund der Sünde) tot sind, aber für (durch)[3] Gott leben in Christus Jesus.

 
 
(1) Der Apostel Paulus selbst ist ein gutes Beispiel für einen Herrschaftswechsel, der eine fundamentale Lebensneuorientierung zur Folge hat. Eine geheimnisvolle Begegnung führte zu einem neuen Denken und einem neuen Lebensstil. Charles de Foucauld führte ein anstößiges Leben, sodass sich seine Familie genötigt sah, ihn zu entmündigen. Obwohl er mit fünfzehn Jahren den Glauben verloren hatte, gloste ein Fünkchen Hoffnung: „Mein Gott, wenn es dich gibt, dann lass mich Dich erkennen.“ Nach dem geschenkten Herrschaftswechsel lebte er das Wort: „Herr Jesus, was willst du, dass ich tun soll?“ Viele Menschen, die ein verborgenes Leben führen, haben ebenso einen Herrschaftswechsel erlebt und mitvollzogen. Sie haben sich von den fremdbestimmenden Mächten befreit und Jesus Christus Herrschaft über sich gegeben.

(2) Offenbar wollten die Römer das Sündigen und die Erfahrung der Vergebung („felix culpa“ - glückliche Schuld) unter einen Hut bringen. Ist es für einen Getauften möglich, Jesus Christus nachzufolgen und einen heidnischen Lebensstil zu führen? Auf diese Frage antwortet der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer. Seine Antwort ist klar: Wer getauft ist, wer zu Jesus Christus und zu seinem Leib, der Kirche, gehört, der soll als „neuer Mensch“ leben. Unser „alter Mensch“ wurde vernichtet, damit wir frei von Sünde leben können. Wir sollen uns als Menschen begreifen, die durch die Sünde tot sind, aber durch Gott leben in Christus Jesus, als Menschen, die das Angebot des Herrschaftswechsels annehmen und mitvollziehen. Es ist also möglich, dass ein Mensch nicht mehr will, was die Menschen wollen, was er tun soll, sondern Gott und seinen Plänen folgt. Es ist möglich, dass ein Mensch neu geboren wird, ohne in den Mutterschoß zurückkehren zu müssen.

Paulus begründet seine Festlegung mit dem Taufverständnis der frühen Kirche. Er erklärt, wie der Übergang vom „alten“ zum „neuen Menschen“ geschieht. Paulus geht von der Adam-Christus-Parallele aus. Durch das Essen des Apfels vom verbotenen Baum hat Adam sich im Ungehorsam dem Willen Gottes verweigert und den Tod nach sich gezogen. Jesus hingegen hat im Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes die Schuld des Menschen, die durch Adam in die Welt gekommen ist, auf sich genommen und durch seinen Tod vernichtet und Leben über den Tod hinaus ermöglicht.

Wer sich entschied, sich taufen zu lassen, lernte, dass er auf Jesu Tod getauft wurde; dass der Tod Jesu ihn von seiner Schuld befreite, dass er aber auch mitgekreuzigt und mitbegraben wird. D.h. im Extremfall wird er in der Nachfolge Jesu sein Kreuz auf sich nehmen und Tode in vielfacher Gestalt erleiden müssen. Auf jeden Fall bedeutete es den Exodus (Auszug) aus vielen Vollzugsweisen der heidnischen Gesellschaft. Vieles, was Heiden erlaubt war (Tierhetzen, Gladiatorenkämpfe usw.), war Christen verboten. Einiges, wozu das römische Imperium verpflichtete, mussten Christen verweigern (Militärdienst, göttliche Verehrung des Kaisers usw.). Es gab eine umfangreiche Liste christlicher Verweigerungen. Für manche Christen bedeutete es auch den Ausschluss aus der Herkunftsfamilie. Christwerden bedeutete für viele Menschen Auszug, Ausschluss, Bedrohung und Lebensgefahr.

Aber kann man von Mangel, Verzicht und Angst leben? Was erklärt die Attraktivität der damaligen christlichen Gemeinden? Wer um Eingliederung in die christliche Gemeinde bat, der lernte, dass er nicht nur mit Christus begraben wird, sondern auch in seiner Auferstehung mit ihm vereinigt ist. Das erlebte er konkret in der neuen Familie Jesu, der neuen Gesellschaft (Kirche), in die er als Bruder oder Schwester aufgenommen wurde. Die Schwestern und Brüder im Glauben folgten dem Beispiel Jesu, der seinen Brüdern die Füße gewaschen hat und für seine Freunde gestorben ist. Ein solches Leben zu führen ist freilich nur möglich, wenn es in innigster Beziehung mit Jesus geführt wird.

Das bedeutete nicht, dass die Sünde in der christlichen Gemeinde ihre Macht völlig verloren hat. Ihrem engmaschigen Netzwerk kann sich auch die Kirche nicht entziehen. Die Sünde ist weiterhin in der Welt mächtig und der Getaufte kann jederzeit in den Unglauben zurückfallen und Jesus Christus verleugnen.

(3) „Wohl schon seit dem 2. Jahrhundert musste der Taufbewerber einen Bürgen vorweisen, der für die Ernsthaftigkeit seiner Umkehr einstand. Er hatte an einem dreijährigen Taufunterricht teilzunehmen, der sorgfältig in das jüdisch-christliche Unterscheidungswissen und in die Lebensform des Glaubens einführte. Die Alte Kirche ging mit größter Selbstverständlichkeit davon aus, dass das christliche Leben den Taufbewerbern nicht von selbst zufliegt, sondern erlernt werden muss. Sie gingen auch davon aus, dass das Böse mächtig ist und dass um jeden Fußbreit der Gottesherrschaft gekämpft werden muss.“[4]

Es schmerzt zu sehen, wozu die österreichischen röm. kath. Bischöfe die Taufe haben verkommen lassen. Zumal für den Empfang eines jeden Sakramentes der Glaube vorauszusetzen ist.

[1] 6,3-11 Dass der Getaufte «mit Christus gestorben» ist, bedeutet, dass er am Tod Jesu teilhat. Er erhält Anteil an dem durch den Tod Jesu bewirkten Heil, hat aber in der Nachfolge Jesu während seines irdischen Lebens das Kreuz auf sich zu nehmen.
[2] 6,5 ihm gleich geworden, wörtlich: mit ihm zusammengewachsen.
[3] Ich folge der Übersetzung von N. Baumert, Christus, 104
[4] G. Lohfink, Kirche, 261


Palmsonntag B           Phil 2,6-11

6 Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, 7 sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich.

Sein Leben war das eines Menschen; 8 er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.

9 Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, 10 damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu 11 und jeder Mund bekennt: "Jesus Christus ist der Herr" - zur Ehre Gottes, des Vaters.


(1) Der Philipperhymnus, den die heutige Lesung verkündet, ist einer der ältesten Versuche den gesamten Heilsweg Jesu Christi in den Blick zu nehmen. Er präsentiert den irdischen Weg Jesu keineswegs als Erfolgsgeschichte. Dem Augenschein nach handelt es sich um eine „Karriere nach unten“.

Heute wird bei der Palmsegnung der feierliche Einzug nach Jerusalem als Evangelium und in der Kirche die Passion Jesu verkündet. Triumph und Ohnmacht sind in der heutigen Liturgie einander gegenübergestellt. Abstieg und Erhöhung sind auch die entscheidenden Themen des Hymnus. Wie ist es möglich, dass Gott derart auf sein Gott-Sein verzichtet, bewusst den letzten Platz einnimmt und sich sogar kreuzigen lässt? Ist das nicht völliger Unsinn? Aber Unsinn ist noch lange nicht sinnlos.[1]

Wird der Christus-Hymnus im Zusammenhang des Philipperbriefes gelesen, dann wird klar, dass Paulus Jesu bewusst gewählte Selbsterniedrigung seinen Adressaten als Beispiel für ein erlöstes Miteinander der Brüder und Schwestern in den Gemeinden ans Herz legt: Wie Jesus sich erniedrigte, so sollen auch sie dem anderen den Vorzug geben, den anderen höher einschätzen als sich selbst.

Der Apostel selbst hat Jesu innere Haltung immer tiefer verstanden. Seit seiner Begegnung mit Jesus bei Damaskus ist er in die Schule Jesu gegangen und hat die Liebe begriffen, die Jesu Beziehung zum Vater und den Menschen erfüllte. Diese Liebe, die ihn bis zur Annahme des letzten Platzes und des Kreuzestodes führte. Paulus hat seine Ohnmacht, Hilflosigkeit und Schwachheit im Dienst seiner Sendung annehmen können, weil Jesus, der Sohn Gottes, es vorgelebt hatte.

(2) Im ersten Teil des Hymnus stellt Paulus dar wie sich der Messias – der zugleich Gott war, unter den Menschen verhielt. Vom Messias, dem irdischen Jesus, sagt Paulus, dass er sein gottgemäßes Auftreten in der Welt nicht ängstlich festgehalten, sondern auf dessen Gebrauch verzichtet hat. Dies stand vor allem bei den Versuchungen in der Wüste und im Garten Getsemani am Prüfstand. Jesus Christus hat in der Empfängnis Sklavengestalt ergriffen und wurde als wirklicher Mensch geboren. In der Sklavenexistenz hat er sich leer und frei gemacht durch Erniedrigung unter andere Menschen. Viele Christen waren in der Antike Sklaven ohne politisches Bürgerrecht. Sie waren zwar nicht völlig ohne Rechte, konnten aber ihre Rechte nicht einklagen. Als Mensch erniedrigte sich Jesus unter Menschen und ist den Tod eines Sklaven gestorben. In all dem hatte er sich der Führung Gottes überlassen.

Wo aber war Gott bei diesem Drama? Die Menschen haben Jesus dem schimpflichen Verbrechertod übergeben. Gott aber hat Jesus, der sich als Mensch selbst erniedrigt hat "über alle erhöht" und ihm den Namen Gottes gegeben und ihn verehrungswürdig gemacht. Im Auferstandenen wird der Mensch Jesus, der gottgleich ist, auf den Thron über alle Welt erhoben. Wenn Begegnung mit Jesus Christus seit seiner Erhöhung geschieht fallen alle personalen Wesen vor Christus auf die Knie und bekennen: "Jesus Christus ist der Herr."

(3) Für Paulus ist die innere Haltung und Bereitschaft den unteren Platz einzunehmen sehr wichtig.[2] Sie ist "in Christus Jesus" der Schlüssel zu einem erlösten Miteinander.[3] Allerdings muss der Mensch zuvor die Vergebung der eigenen Sünden durch Jesus Christus erfahren haben.[4] Nur die überwältigende Erfahrung als Sünder dennoch geliebt zu sein und seine Würde neu erlangt zu haben, öffnet ihm Herz und Verstand für die Einnahme des unteren Platzes. Nur aus der Erfahrung dieser geschenkten Freiheit ist die Haltung des Unterordnens lebbar. Diese neue Freiheit befähigt ihn, Gott als Gott anzuerkennen und den Menschen zu dienen. Sie bedeutet nicht, dass man sich anderen willenlos ausliefert. Paulus geht davon aus, dass man dem anderen hilft in ähnlicher Haltung zu antworten, indem man ihm wohlwollend und zuvorkommend begegnet.

Wir werden nicht aufgefordert uns bis in den Tod zu erniedrigen. Paulus sagt nicht: „’Habt Gesinnung wie Jesus“, sondern: „’Habt die Gesinnung, die einem In-Christus-Sein entspricht.’“[5] Paulus legt uns die Beziehung zu Jesus Christus ans Herz und das Handeln aus dem Hören auf das göttliche Herz.



[1] Den Sinn scheinbar unsinnigen Handelns hat kein anderer so meisterhaft in einer Erzählung vermittelt wie der dänische Religionsphilosoph Sören Kierkegaard: „Der König und das Bettelmädchen“
[2] Damit ist Paulus ganz in der Spur Jesu, der empfiehlt beim Gastmahl den untersten Platz einzunehmen, denn wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden; der beim letzten Abendmahl seinen Jüngern Sklavendienst verrichtet, indem er ihnen die Füße wäscht; der von sich sagt, dass er nicht gekommen sei, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen;
[3] N. Baumert, Trauen, 300
[4] Für Paulus war dies die Begegnung mit Jesus vor Damaskus.
[5] N. Baumert, Trauen, 293

Zum Evangelium: Kurt Udermann, Neuer Wein gehört in neue Schläuche! Mit dem Wort Gottes durchs Leben. Gedanken zu den Sonn- und Feiertagsevangelien im Jahreskreis B. Memoiren-Verlag Bauschke


5. Sonntag in der Fastenzeit                                        Hebr 5,7-9

(5 So hat auch Christus sich nicht selbst die Würde eines Hohenpriesters verliehen, sondern der, der zu ihm gesprochen hat: Mein Sohn bist du. Heute habe ich dich gezeugt, 6 wie er auch an anderer Stelle sagt: Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks.)

7 Als er auf Erden lebte, hat er mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden.

8 Obwohl er der Sohn war, hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt; 9 zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden
(10 und wurde von Gott angeredet als «Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks»).

(1) Der Hebräerbrief hat eine Gemeinde vor Augen, die in eine kritische Situation der Gleichgültigkeit geschlittert und von Glaubensabfall bedroht ist. Er verkündet das Bekenntnis zu Jesus Christus, dem Hohenpriester und Sohn Gottes, dessen Menschwerdung ihn fähig machte, den Menschen ein erlösender Bruder zu sein.

(2) „Mit lautem Schreien und unter Tränen“, hat Jesus „Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte.“ Jesus hat mit den Zwölfen das Letzte Abendmahl gefeiert und ist mit ihnen anschließend in den Ölgarten gegangen. Die Knechte des Hohenpriesters sind bereits losgezogen, um ihn gefangen zu nehmen. Im Garten Gethsemane ringt er um die richtige Entscheidung. Er ahnt, was ihm bevorsteht. Er betet, weil er nicht sterben will. Noch einmal muss er sich mit der Versuchung auseinandersetzten als Sohn Gottes von seiner Allmacht Gebrauch zu machen, um am Leben zu bleiben. Die Entscheidung gegen die Versuchung besteht in der Wahl des Willens Gottes. Das bedeutet für Jesus, dass er die Sendung, mit der Gott ihn in die Welt gesandt hat, bis zum bitteren Ende erfüllt. Er weiß mit welcher Kompromisslosigkeit und Grausamkeit die Maschinerie der Macht und Gewalt über ihn hinwegrollen wird.

Auch die Versuchungen am Beginn der synoptischen Evangelien (Markus, Matthäus und Lukas) sind in diesem Sinne zu lesen. Allerdings nicht so, als hätte sich der Mensch Jesus aus Nazareth in den Versuchungen bewährt und sich als Belohnung den Sohnestitel erworben. Jesus hat als Sohn Gottes von der ihm zur Verfügung stehenden Allmacht nicht Gebrauch gemacht. Das hat damit zu tun, dass nur der Sohn Gottes die Welt erlösen konnte, aber nur als Mensch. Nur als Mensch war es ihm möglich, die Schuld der Mitmenschen auf sich zu nehmen und sie davon zu befreien.

Jesus, der Sohn „hat durch Leiden den Gehorsam gelernt." Wie im Deutschen, hat das Wort Gehorsam auch im Griechischen mit „Hören“ zu tun. In äußerster Lebensgefahr hat sich Jesus nicht allein der Angst überlassen, sondern die Beziehung mit dem Vater gesucht. Jesu, unter Tränen hinaufgeschrieene Gebete und Bitten sind erhört worden. Er konnte die Angst überwinden und schöpfte offensichtlich die Kraft, sich für den Willen Gottes und gegen Eigennutz und Eigenwillen zu entscheiden. So hat er, der Sohn Gottes „durch Leiden den Gehorsam gelernt“. Jesus hat im Gebet die Leiden, die ihm durch die Schuld der Menschen bevorstanden, aus der Hand Gottes entgegengenommen. Damit ist er seinem Auftrag, die Menschen zu erlösen und die Welt mit Gott zu versöhnen, treu geblieben.

Die Evangelien berichten öfters, dass Jesus vor wichtigen Entscheidungen und Handlungen die Beziehung mit dem Vater aufnahm und betete. Dass er aber auch ein Lernender war, betont kein anderer der biblischen Autoren. Dem Verfasser des Hebräer-Briefes lag offenbar am Herzen, gerade auch diesem Aspekt im Leben Jesu Wert beizumessen. Wenn Jesus gelernt hat, dann ist er gewachsen und gereift durch Einsicht und Erfahrung. So unterstreicht er einmal mehr das Menschsein Jesu. Das Menschsein ist die Voraussetzung für die Ausübung des Amtes des „Hohenpriesters nach der Ordnung des Melchisedek“.[1]

So besteht die Erhörung der Bitte Jesu „nicht in der Errettung vor dem Tode, sondern in der Auferstehung und Erhöhung – und damit in der Verwirklichung all des Heiles, um dessentwillen der Tod Jesu notwendig war, den er als Hoherpriester gestorben ist, um ein für allemal das Heil zu wirken (Hebr 7,27; 9,12; 10,10).“[2]


(3) Der Weg der Kirche ist der Weg der Nachfolge Jesu. Das ist die Botschaft an die von Gleichgültigkeit und Glaubensabfall bedrohten Mitglieder der Christengemeinden. Für diesen Weg rät uns die heutige Lesung, wie Jesus Hörende und Gehorsame zu sein. Das bedeutet, dass wir in den unterschiedlichsten Situationen unseres Lebens mit Gott in Beziehung treten und ehrlich fragen, was er will, dass wir tun sollen. Es bedeutet aber auch, dass wir in schmerzvollen Situationen unsere Angst und unseren Schmerz Gott zu Herzen schreien dürfen, um Unheil von uns abzuwenden oder Kraft empfangen, um Gottes Willen treu zu erfüllen.


[1] Hebr 4,14f: Da wir nun einen erhabenen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, laßt uns an dem Bekenntnis festhalten.15 Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat. Hebr 4,14 - 5,10: Jesus wird hier als Hoherpriester und sein Wirken als priesterlicher Dienst der Versöhnung beschrieben. Als alttestamentliches Vorbild wird der vorisraelitische Priesterkönig von Jerusalem, Melchisedek, genannt (vgl. Gen 14,17-20; Ps 110,4; Hebr 7,1-24).
[2] Thomas Söding, Gottessohn, 123


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4. Sonntag in der Fastenzeit                                        Eph 2,4-10

4 Gott aber, der voll Erbarmen ist, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus wieder lebendig gemacht. Aus Gnade seid ihr gerettet. 6 Er hat uns mit Christus Jesus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben.

7 Dadurch, dass er in Christus Jesus gütig an uns handelte, wollte er den kommenden Zeiten den überfließenden Reichtum seiner Gnade zeigen.

8 Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft - Gott hat es geschenkt -, 9 nicht aufgrund eurer Werke, damit keiner sich rühmen kann.

10 Seine Geschöpfe sind wir, in Christus Jesus dazu geschaffen, in unserem Leben die guten Werke zu tun, die Gott für uns im voraus bereitet hat.


(1) Paulus spricht in diesem Abschnitt des Briefes zu Christen, die so wie er einen jüdischen Hintergrund haben, die also mit der Tora aufgewachsen und mit jüdischem Denken vertraut sind. Im anschließenden Abschnitt wendet er sich dann ausdrücklich an Heidenchristen. Der Apostel erinnert die Judenchristen - er versteht sich als einer von ihnen - an die Sendung des Gottesvolkes Israel für die Völker. Diese hat bereits mit Abraham begonnen (Gen 12,1-3) und geht durch Jesus weiter, wobei sie, die angesprochenen Judenchristen, eine besondere Rolle anvertraut bekommen haben.

(2) Der Apostel weist auf die Grunddaten der Heilsgeschichte hin, auf Sünde und Tod und auf die Rettung durch Jesus Christus, die allen Menschen gilt. Aufgrund des göttlichen Heilsplanes ist Jesus Mensch geworden, um die Menschen in Israel und zusammen mit ihnen alle Menschen mit Gott zu versöhnen. Dafür wollte er Israel sammeln und für seine Sendung als Segensmittler für alle Völker neu an Gott ausrichten. Israel aber hat ihn abgelehnt und ans Kreuz geschlagen. Den, den sie getötet haben – zusammen mit den Gliedern seines Leibes, hat Gott aber mit neuem Leben erfüllt. Daher betont Paulus, dass Gott uns "in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus wieder lebendig gemacht" hat. Was Gott da gewirkt hat, das soll allen Menschen zu allen Zeiten zum Segen gereichen.

Wie Gott an Jesus und an allen Gliedern seines Leibes gehandelt hat - auf diese Feststellung legt Paulus großen Wert - ist ausschließlich souveränes Handeln Gottes und nicht etwa die Reaktion auf besonders frommes oder spektakuläres Handeln des Gottesvolkes: "Er hat uns mit Christus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben." Das Geschenk der Auferweckung und des Platzes im Himmel ist kein Geschenk in Ruhestellung, das erst nach unserem Tod aktuell wird. Es ist schon jetzt aktuell. Hier und heute dürfen wir dieses Geschenk annehmen. Damit kann ein Wechsel in unserem Denken erfolgen und unser Leben grundlegend ändern. Wenn wir "besser denken" wird auch unser Leben besser. Nicht mehr Sünde und Tod bestimmen unser Leben, weder die Urteile und Verurteilungen, die Menschen über uns gesprochen haben, die Stempel, die uns aufgedrückt wurden, noch die Fehler, die wir gemacht haben, die Verletzungen, die wir anderen zugefügt haben. Uns ist vergeben. Gott hat uns gerecht gemacht. Wir können immer wieder neu anfangen. Ich bin, weil ich von Gott beschenkt bin. Nicht, was andere über uns sagen, ist entscheidend, sondern, was Gott über uns sagt: Du bist gerettet und kostbar in meinen Augen.

Das, was Gott an Jesus und denen, die zu ihm gehören wirkt, ist aber kein exklusives Geschenk für einige Auserwählte: Gott wollte durch das gütige Handeln an uns - sagt Paulus - "den kommenden Zeiten den überfließenden Reichtum seiner Gnade zeigen." Sie, die angesprochenen Judenchristen und er, Paulus selbst, sind Zeugen für Gottes gnädiges Handeln in der Welt. Es braucht diese Zeugen, weil an ihnen Gottes Handeln sichtbar geworden ist. Sie sind ein bleibendes Zeichen für Gottes gnädiges Wirken für die Menschen kommender Zeiten.

Und noch einmal betont Paulus, dass die Rettung, Geschenk der Gnade Gottes ist. Nie und nimmer kann der Mensch sich durch eigene Vernunft retten. Nie und nimmer kann er durch irgendwelche Taten oder
Leistungen sich Heil und Rettung schaffen.

Heißt das, dass wir (die Judenchristen von Ephesus und wir) lediglich zuschauende Empfänger der Gnade Gottes sind? Ja und nein! Wir sind Empfänger und Zeugen! Zunächst braucht es unseren Glauben, unser vertrauendes Annehmen des verkündeten Handelns Gottes an Jesus Christus und des Zeugnisses der Apostel und Jünger und der christlichen Gemeinden damals und heute. Denn als Geschöpfe Gottes sind wir "in Christus Jesus dazu geschaffen in unserem Leben die guten Taten zu vollbringen, die Gott für uns im voraus bereitet hat." Was durch die Apostel und Jünger begonnen hat soll durch uns (Juden- und Heidenchristen) weitergehen. Es kommt also auch auf uns an: Als durch Christus Gerettete sollen wir Frucht bringen, gute Taten vollbringen. Die Annahme der Rettung durch Jesus Christus sollte uns zu einem erlösten und gelassenen Mit-teilen der erfahrenen Liebe Gottes führen. Diese Grundhaltung ist der Nährboden für die "guten Taten".

(3) Abraham und mit ihm Israel, sollten ein Segen für alle Völker sein. Diese Aufgabe hat das neutestamentliche Gottesvolk mitübernommen. An ihm soll Gottes gnädiges Heilhandeln an den Menschen aufscheinen und sichtbar werden. Die Aufgabe aus dem Geschenk der Rettung besteht im dankbaren, erlösten und gelassenen Teilen der empfangenen Heilsgaben des Retters und Erlösers.


3. Sonntag in der Fastenzeit                                  1 Kor 1,22-25
 
22 Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit.

23 Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, 24 für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.

25 Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen, und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen.



(1) Wenn Paulus mit schwerem Geschütz auffährt - und das ist die Rede vom Kreuz - dann geht es ihm um überzeugende Argumente in einem wichtigen Anliegen. Er wendet sich im vorliegenden Fall gegen Fehlentwicklungen in der Gemeinde von Korinth, die seiner Botschaft widersprechen.

Es gibt in der Gemeinde Spaltung durch Parteibildungen. Apollos hat mit gewandten Worten das Evangelium verkündet. Offenbar haben sich einige zusammengetan, die sich für seine Art der Verkündigung begeistert haben und eine Art Fan-Club gebildet. Das wiederum rief andere auf den Plan, die die Verkündigung des Apostels Paulus schätzten und sich als seine Fans "outeten". Wieder andere bekannten sich zur schlichten und einfachen Verkündigung des Petrus, den sie irgendwann und irgendwo gehört haben. Nicht die drei Verkündiger haben Jünger um sich gesammelt, sondern Gemeindemitglieder meinten, sie müssten öffentlich bezeugen, wer der Mann ihrer Wahl sei, wer ihren Vorstellungen und Wünschen entspricht. Für Paulus ist das Wichtigtuerei, eine unpassende Haltung angesichts des Gekreuzigten.

Die Wahl der "Fan-Club-Zugehörigkeit" erinnert mich an Susanna Tamaro’s Roman, "Geh, wohin dein Herz dich trägt", in dem sie leicht ironisch darauf hinweist, dass Hundehalter gerne solche Hunde wählen, die ausdrücken, wer sie gerne sein möchten. Ein edler, schlanker Windhund oder ein Red River senden eine andere Botschaft aus als ein "Straßenpotpourrie". "Ich bin also, womit ich mich umgebe", oder im Falle der Korinther, "Ich bin, wessen Fan ich bin". Für Paulus jedenfalls ist das Eitelkeit und Wichtigtuerei und steht im Widerspruch zu seiner Botschaft von der Nachfolge des Gekreuzigten.

(2) Paulus geht vom konkreten Problem der Parteiungen, Spaltung und Streitereien in der Gemeinde aus -und führt zum Zentrum seines Anliegens: eine solche eitle und wichtigtuerische Haltung ist angesichts des Gekreuzigten unangemessen. Der Völkerapostel bedient sich bei seiner theologischen Argumentation des Begriffs der Weisheit, wobei er zwischen der Weisheit der Menschen und der Weisheit Gottes unterscheidet.

Die negativ verstandene Weisheit der Weisen ist jene Weisheit, die sich von Gott abgekoppelt hat. Es ist eine menschliche Weisheit, die sich selbst genügt und meint auf Jesus Christus, dem Angebot Gottes, verzichten zu können. Es ist die Weisheit derer, die zu wissen meinen, wie Gott sich verhält und sich zu verhalten habe. Es ist die Weisheit derer, die sich nicht vom Wort Gottes kritisieren lassen, sondern das Wort Gottes kritisieren. Es ist die anmaßende Weisheit derer, die Gott vor ihr Gericht zerren und genau zu wissen vorgeben, wie er handelt und zu handeln hat.

Weil sich Gott aber nicht an der Weisheit und den Wünschen der Menschen orientiert, sondern es zulässt, dass sein Sohn am Kreuz stirbt, ist das für viele "ein empörendes Ärgernis" und eine "Torheit". Menschliche Weisheit würde dem niemals zustimmen. Aber für die "Berufenen", die den Weg der Rettung durch den Gekreuzigten und Auferstandenen annehmen, "ist Christus Gottes Kraft und Weisheit". Sie verstehen, dass darin eine größere Kraft und Weisheit liegt, als in bloß menschlicher Weisheit. Sie glauben, dass Gott in seiner Liebe diesen Weg gewählt hat, um den Menschen mit sich zu versöhnen und ihn zur Umkehr zu bewegen. Dieser Weg Gottes berücksichtigt die menschliche Freiheit.

Paulus will aber weder die zeichenfordernden Juden noch die weisheitsverliebten Griechen abschreiben. Er will möglichst viele retten. Er zeigt daher, wohin der Weg führt, der auf menschliche Weisheit und Kraft setzt und Gott dabei ignoriert. Er zeigt aber auch den anderen Weg, der die Freiheit Gottes respektiert und lädt zum Gehen auf Gottes Weg der Errettung durch Jesus Christus ein. "Berufene" haben sich auf diesen Weg eingelassen, aber dessen Ziel noch nicht erreicht. Da sie aber auf diesem Weg unterwegs sind, gibt ihnen Gott das innere Verstehen und die Erfahrung seiner "Kraft".

(3) Paulus hat den Unsinn des Personenkultes in der christlichen Gemeinde aufgezeigt. Er wollte den Korinther „Fans“ klar machen, dass das Gerangel um das eine oder andere Idol ein dummes Unterfangen ist und sie rein menschlich und irdisch denken. Der Apostel will "jene Grundhaltung (von Gescheiten und Einfachen) aufdecken und Zurückweisen, die sich nicht an Gottes Wegen misst, sondern rein menschliches, unerleuchtetes Denken zum Maßstab macht."[1] Nachfolge ist etwas anderes als Fan von irgendjemand oder irgendeinem Club zu sein.
 
[1] N. Baumert, Sorgen des Seelsorgers, 28

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2. Sonntag in der Fastenzeit                                    Röm 8,31b-34

31b Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? 32 Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben - wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?

33 Wer kann die Auserwählten Gottes anklagen? Gott ist es, der gerecht macht. 34 Wer kann sie verurteilen? Christus Jesus, der gestorben ist, mehr noch: der auferweckt worden ist, sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein. (35 Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert?

36 In der Schrift steht: Um deinetwillen sind wir den ganzen Tag dem Tod ausgesetzt; wir werden behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat. 37 Doch all das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat.

38 Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten 39 der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.)

(1) Die Empfänger des Römerbriefes beschäftigte die Frage, ob ihre Entbehrungen, Leiden, Ängste und Unsicherheiten einen Sinn haben und ob sie vor Gott überhaupt im Recht sind? Sind vielleicht die anderen im Recht, die sie verfolgen und ihnen Verrat am Gemeinwesen vorwerfen?

(2) In der heutigen, kurzen Lesung teilt uns Paulus mit, wie gerecht gemachte, in Gemeinschaft mit Gott leben können. Er argumentiert vor dem Hintergrund eines fiktiven Prozesses, bei dem Gott die Rolle des Richters und Jesus die Rolle des Anwalts innehat. Der Ankläger ist derjenige, der hinter den Bedrängnissen steht.

Der Apostel beginnt mit der Frage: „Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?“ Wenn Gott für uns ist, dann ist alles klar. Aber ist er das tatsächlich? Paulus argumentiert: „Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben“. Abraham hat sich mit seinem Sohn, ganz Gott hingegeben, war bereit den langersehnten Sohn zu opfern. Gott hat vom Opfer seines Sohnes Isaak Abstand genommen. Mit seinem Sohn aber hat sich Gott selbst ganz hergegeben. Das „Nicht-Opfer“-Isaaks zeigt die Größe des Opfers Gottes. Die unfassbare Gabe Gottes zeigt auch, dass Gott eindeutig auf der Seite der Menschen steht. Was könnte da Gott den Menschen noch vorenthalten, welche Verheißung nicht erfüllen? Da muss wohl jede Anklage der Gegner ins Leere gehen.

Anschließend charakterisiert Paulus sowohl Gott, als auch Jesus Christus und schließt jeweils eine Frage an: „Gott ist es, der gerecht macht. Wer kann sie verurteilen? Christus Jesus, der gestorben ist, mehr noch: der auferweckt worden ist, sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein. Was kann uns scheiden von der Liebe Christi?“ Damit sagt der Völkerapostel, dass denjenigen, den Gott gerecht gemacht hat, kein anderer mehr verurteilen kann. Gott ist die höchste Instanz. Wenn Jesus Christus für uns gestorben und auferstanden ist, dann ist seine Liebe erwiesen. Niemand kann ihn abhalten uns zu lieben. Jedenfalls nicht der Kläger, gegen den Jesus als unser Anwalt auftritt. Jesus, unser Anwalt, tritt logischerweise nicht gegen den Richter, also gegen Gott, auf, sondern gegen den Ankläger. Der Name des Anklägers wird nicht ausdrücklich genannt. Er ist derjenige, der hinter „Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert“ steht.

Auf die von ihm gestellte Frage: „Was kann uns scheiden von der Liebe Christi?“, antwortet Paulus: Nichts kann „uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ Gottes Liebe ist stärker als jede Macht, die uns von Gott abbringen möchte. Dennoch dürfen wir nicht vergessen, dass wir Menschen die Liebe Gottes, seine Hilfe und seinen Schutz zulassen und annehmen müssen. Es geschieht niemals ohne unsere Einwilligung.

(3) Paulus ist auf die Leidens-Situation der Gläubigen, besonders der Verkündiger des Evangeliums eingegangen. Die Überwindung dieser Widrigkeiten geschehen im hier und jetzt. Es ist Gottes Antwort auf ihr tägliches Sterben. Der Apostel macht ihnen klar, dass die Erfahrung der Liebe Gottes in allen Verfolgungen dasjenige ist, was sie durchträgt.

Mit diesem letzten, ermutigenden Abschnitt der Kapitel 5-8 appelliert Paulus an die Römer, dass sie inmitten aller Bedrängnis als von Gott Gerechtgemachte in Gemeinschaft mit Gott bleiben und mit ihm Frieden halten mögen.


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1. Sonntag in der Fastenzeit 1 Petr 3,18-22

18 Denn auch Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, er, der Gerechte, für die Ungerechten, um euch zu Gott hinzuführen; dem Fleisch nach wurde er getötet, dem Geist nach lebendig gemacht.[1] 19 So ist er auch zu den Geistern gegangen, die im Gefängnis waren, und hat ihnen gepredigt.[2]

20 Diese waren einst ungehorsam, als Gott in den Tagen Noachs geduldig wartete, während die Arche gebaut wurde; in ihr wurden nur wenige, nämlich acht Menschen, durch das Wasser gerettet.

21 Dem entspricht die Taufe, die jetzt euch rettet. Sie dient nicht dazu, den Körper von Schmutz zu reinigen, sondern sie ist eine Bitte an Gott um ein reines Gewissen aufgrund der Auferstehung Jesu Christi, 22 der in den Himmel gegangen ist; dort ist er zur Rechten Gottes, und Engel, Gewalten und Mächte sind ihm unterworfen.



(1) Der Verfasser des Briefes ermutigt seine Leser und Hörer im 3. Kapitel zum "rechten Verhalten in der Welt". Er ist überzeugt, dass ihnen niemand Böses zufügen werde, wenn sie sich um das Gute mühen. Sollten sie aber um der Gerechtigkeit Willen leiden müssen, dann seien sie erst recht selig zu preisen. Es komme vor allem darauf an, Jesus im eigenen Herzen heilig zu halten. Er schließt eine Empfehlung an, die die Christen aller Generationen beherzigen sollen: "Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen." Die Gegner werden sich dann ihrer Verleumdungen wegen schämen. "Es ist besser, für gute Taten zu leiden, wenn es Gottes Wille ist, als für böse."

(2) Jesus hat Leiden und den Tod auf sich genommen, um Gottes Willen, der auf die Erlösung der Menschen zielte, zu erfüllen. Er ist der Sünden wegen gestorben; nicht nur wegen der Sünden seiner Zeitgenossen, wegen der seiner feigen Jünger, des Verrates durch Judas, des wankelmütigen Politikers Pilatus, der um ihres Einflusses besorgten Hohen Rates und der Hohen Priester, wegen der Sünde auch des Mob, der ihm gerade noch zujubelte und dann seinen Tod forderte und die Freilassung eines Mörders.

Jesus ist auch für unsere Sünden - das heißt - auch für meine, gestorben. So wie er Zeit seines irdischen Wirkens "Mensch für andere" war, so ist er der "Gerechte" für die "Ungerechten" gestorben. Durch den Tod, den er für unsere Sünden gestorben ist, hat er uns zu Gott geführt. Die trennende Schranke, die die Sünden der Menschen, zwischen Gott und sich aufgerichtet haben, hat Jesus durch seinen Tod niedergerissen. Er hat den tiefen Graben, den die Schuld der Menschen verursacht hat durch seinen Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes, eingeebnet. Er hat uns mit Gott versöhnt.

Sein Tod bedeutete zwar das Ende seiner irdischen Existenz als Mensch. Das heißt aber keinesfalls, dass er der Welt und den Menschen fortan fern sei. Er wurde dem Geiste nach lebendig gemacht und ist ihnen in seiner geistigen Existenz nahe, so dass der Christ, seinen Herrn und Retter in lebendiger Beziehung "heilig halten" kann.

Die Rettung, die Jesus durch seinen Tod bewirkte, gilt aber nicht nur seinen Zeitgenossen und späteren Generationen, es betrifft auch Menschen, die in der Vergangenheit gelebt haben, sodass die Rettung, die Jesus für die Menschen erwirkte, umfassend ist. Sie gilt auch denen, die sich Gott in den Zeiten des Noach verweigert hatten.

Dem Angebot der Rettung, das Jesus den Ungehorsamen der Noach-Generation verkündete, entspricht die Wasser-Taufe. Sie bedeutet nicht das Reinigen des Körpers von äußerem Schmutz, was das Untertauchen im Wasser vermuten ließe, sondern "ist eine Bitte an Gott um ein reines Gewissen". Die Taufe befreit das Gewissen von allem, was es belastet, von Schuld und Sünde. Jesus hat durch seinen Tod und seine Auferstehung den Menschen von seiner Schuld befreit und gerettet. Die Frucht des Todes Jesu wegen der Sünden, unsere Rettung, erreicht uns heute durch die Taufe. Wir müssen sie annehmen und aus ihrer Gnade zu leben versuchen.

(3) Beim Sakrament der Taufe erinnert das Übergießen des Täuflings mit Wasser an das Untertauchen und wieder Auftauchen im Taufbecken früherer Zeiten und bedeutet: Mit Christus Jesus gestorben und zu unzerstörbarer Gemeinschaft mit ihm auferstanden sein. Freilich setzt der Empfang des Taufsakramentes, wie jedes andere Sakrament, den Glauben voraus, also die bewusste, gläubige Entscheidung für die Taufe. Ob sich da die Kirche mit ihrer heutigen Praxis nicht selbst belügt?

[1] 3,18.22 Erneut wird urchristliche Bekenntnisüberlieferung zitiert (vgl. 1,18-21; 2,22-25).
[2] 3,19-20 Die Überlieferung, dass Christus in das Reich des Todes hinabgestiegen sei und dort gepredigt habe, erscheint im Neuen Testament nur hier.


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6. Sonntag im Jahreskreis 1 Kor 10,31-11,1
 
31 Ob ihr also esst oder trinkt oder etwas anderes tut: tut alles zur Verherrlichung Gottes! 32 Gebt weder Juden noch Griechen, noch der Kirche Gottes Anlass zu einem Vorwurf!

33 Auch ich suche allen in allem entgegenzukommen; ich suche nicht meinen Nutzen, sondern den Nutzen aller, damit sie gerettet werden.

1 Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme.

(1) „Gebt weder Juden noch Griechen, noch der Kirche Gottes Anlass zu einem Vorwurf!“ Sollen Christen zum Kuschen erzogen werden, zu Duckmäusern und Konformisten? Passt das zu Paulus? Und steht das nicht in krassem Gegensatz zum Leben Jesu?

Jesus hat negative Entwicklungen in seiner jüdischen Tradition scharf kritisiert, nicht zuletzt durch Gleichnisse wie dem vom barmherzigen Samariter, durch den Hinweis auf ein falsches Verständnis der Reinheitsvorschriften etc. Jesus hat bei seiner Verkündigung nie auf das Ansehen der Person geschaut und hat Gott mehr gehorcht als Menschen. Er hatte keine Angst Zöllner und Aussätzige zu berühren und war in vielen Dingen zu einem Stein des Anstoßes geworden. Sein unangepasstes Verhalten hat ihn schließlich ans Kreuz gebracht. Wer ihm nachfolgen will, der muss sein Kreuz auf sich nehmen.

(2) Was will der Apostel Paulus, der gewiss kein Duckmäuser war, seinen Lesern sagen? Wir müssen wieder auf den Kontext schauen, um die Lesung zu verstehen. In den Versen 1-22 dieses Kapitels warnt Paulus vor Götzendienst. Ab Vers 23 setzt er sich wieder mit der Frage des Essens von Götzenopferfleisch auseinander und formuliert einen Grundsatz: Wenn jemand im Glauben erkannt hat, was auch Paulus vertritt, dass das Essen von Fleisch, das von Tieren stammt, die zu ehren von Götzen geschlachtet wurden, dann ist das kein Verstoß gegen die Taufgnade, denn die Götzen sind nichts!

Nun kann es aber geschehen, dass ein Christ bei einem Nichtchristen zum Essen eingeladen ist und Götzenopferfleisch serviert bekommt. Ein Glaubensbruder sieht es und nimmt Anstoß daran. Vielleicht wundert sich auch der Gastgeber. Paulus empfiehlt nun nicht, dass der Götzenopferfleisch-Essende in lange Erklärungen mit dem verunsicherten Bruder eintritt, sondern auf das Essen verzichtet, um den Bruder nicht in noch größere Gewissensnöte zu stürzen.

Trotz Rücksichtnahme auf das Gewissen des Nächsten, soll der Christ dennoch an seiner Weite festhalten, die er durch Christus gewonnen hat (V 26). Er weiß aber auch, dass nicht jeder sein Verhalten aufgrund seines Gewissens versteht, und darum unterscheidet er, wo er es tun kann, und wo nicht. Er muss sich auch bewusst sein, dass die Anwendung dieses Grundsatzes große innere Lauterkeit voraussetzt, denn unter dem Deckmantel des Gewissens können leicht eigene Wünsche und eigenes Begehren zur eigenen Norm gemacht werden.

Dass das, bei Paulus gerade nicht der Fall ist, geht aus anschließender Erklärung hervor: „Auch ich suche allen in allem entgegenzukommen; ich suche nicht meinen Nutzen, sondern den Nutzen aller, damit sie gerettet werden.“ Paulus widersteht der Versuchung seine Wünsche und sein Begehren zum Maß seines Handelns zu machen, weil er nicht seinem Nutzen, sondern der Rettung der Menschen dient. Damit verherrlicht er Gott. In seiner Sendung als Völkerapostel führt er wie sein Herr eine „Pro-Existenz“, eine „Existenz für (andere)“, um sie zu retten. Paulus versucht auf die Menschen einzugehen, sie ernst zu nehmen, ihnen entgegenzukommen, bevor er selbst mit seiner Botschaft verstanden und angenommen werden möchte.

Beim Aufruf: “tut alles zur Verherrlichung Gottes!“ mahnt Paulus darauf zu achten, ob bei dem, was ich tue, Gottes Herrlichkeit aufleuchtet, ob Frieden über meinem Handeln liegt, ob es unnötige Provokationen vermeidet.

(3) Damit der Christ bei seinem Handeln in der Spur Jesu bleibt und vom Weg der Nachfolge nicht abweicht, bietet der Apostel eine Hilfe an: „Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme.“ Er schlägt vor zusammen mit ihm Jesus nachzuahmen.

Die Nachahmung Gottes schränkt den Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf, nicht ein, sondern hebt ihn hervor: Gott ist es, der die Maßstäbe menschlichen Handelns setzt. Jesus Christus ist als Mittler des Heils einzig, in der Art aber, wie er auf Gott und die Menschen sieht, wie er betet und hilft, wie er sich für Gerechtigkeit einsetzt und Barmherzigkeit übt, ist er vorbildlich. Unsere Schwächen und Fehler werden uns zwar immer behindern, dennoch können wir uns an Jesus Christus orientieren.

Wir sind in jeder Situation eingeladen zu fragen: Was hat Jesus Christus in meiner Situation getan? Was würde er wohl in meiner Situation tun? Was würde Paulus in dieser Situation tun?

Ein bewusstes, geistliches Leben wird ohne geistliche Prüfung und Korrektur, die sich am Vorbild Jesu orientiert, nicht auskommen.

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5. Sonntag im Jahreskreis 1 Kor 9,16-19.22-23

16 Wenn ich nämlich das Evangelium verkünde, kann ich mich deswegen nicht rühmen; denn ein Zwang liegt auf mir. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde! 17 Wäre es mein freier Entschluss, so erhielte ich Lohn. Wenn es mir aber nicht freisteht, so ist es ein Auftrag, der mir anvertraut wurde.

18 Was ist nun mein Lohn? Dass ich das Evangelium unentgeltlich verkünde und so auf mein Recht verzichte.

19 Da ich also von niemand abhängig war, habe ich mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele zu gewinnen... 22 Den Schwachen wurde ich ein Schwacher, um die Schwachen zu gewinnen. Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten.

23 Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an seiner Verheißung teilzuhaben.



(1) „Was ist nun mein Lohn? Dass ich das Evangelium unentgeltlich verkünde und so auf mein Recht verzichte.“ Paulus betont im Brief an die Korinther, dass er auf ein Recht verzichtet und zwar aus guten Gründen. Es ist aber gar nicht das einzige Recht, von dem er nicht Gebrauch macht. Es wäre ihm auch zugestanden, dass eine Schwester ihn als Frau auf seinen Missionsreisen begleitet. Worauf will Paulus mit dem Hinweis auf seinen Verzicht auf bestimmte Rechte hinaus?

In Korinth gibt es Gemeindemitglieder, die von der christlichen Freiheit Götzenopferfleisch zu essen bedenkenlos Gebrauch machen. Paulus gibt ihnen sogar Recht, dass sie damit Gott nicht beleidigen. Er mahnt sie aber, dass sie Mitchristen und Mitchristinnen mit schwachem Gewissen verwirren. Denn jene vermuten, dass dabei Götzendienst betrieben wird. Paulus gibt den „Fortschrittlichen“ der Gemeinde zu denken, ob das Pochen auf ein Recht sinnvoll ist, wenn dies zu einer Verunsicherung im Glauben bei den Brüdern und Schwestern in der Gemeinde führt.

(2) Um seinem Anliegen Gewicht zu verleihen, weist er auf einen Konflikt hin, der zwischen ihm und den Korinthern ausgetragen werden musste. Aus irgendeinem Grund – war es Neid gegenüber den Philippern, bei denen Paulus „Unterhalt“ angenommen hatte, oder weil er sich dem Einfluss der Korinther durch Nichtannahme der Versorgung entzog, oder beidem – haben die Korinther bemängelt, dass er gegen die „apostolische Unterhaltsregelung“ verstoße. Der Vorwurf lautete: Nichtannahme der ihm zustehenden Versorgung. Paulus entfaltet im Brief nochmals, weshalb er sich niemals von Menschen für seine Verkündigungstätigkeit entschädigen lässt.

Der Apostel betont, dass seine Verkündigung kein Ruhmesblatt und nicht sein Verdienst sei. Es ist nicht er selbst, der aufopfernd und selbstvergessen agiert und viele Widrigkeiten in Kauf nimmt. Es ist eine innere Notwendigkeit, die ihn zu missionarischen Ausnahmeleistungen motiviert. Das hat wohl mit seiner Begegnung mit dem Herrn vor Damaskus und seiner Berufung zum Völkerapostel zu tun. Er verspürt, dass der Herr selbst es ist, der durch ihn wirkt und den Takt vorgibt. Er würde wohl krank werden, folgte er nicht diesem Takt.

So fragt er mit einer Brise Ironie: „Was ist nun mein Lohn?“ Paulus weiß genau, dass es bei seinem missionarischen Handeln nicht um Lohn, sondern um Dankbarkeit für die vom Herrn geschenkte Beziehung und Sendung geht. Es geht ihm nicht um Lohn aus einem Brotberuf - den hat er ohnehin als Zeltmacher, sondern um Dankbarkeit dafür, Werkzeug Gottes sein zu dürfen. Darum verkündet er unentgeltlich das Evangelium und verzichtet auf sein Recht auf Unterhalt durch die Gemeinde.

Damit bleibt er in der Spur seines Herrn. Jesus hat seinen Jüngern aufgetragen, ohne irgendwelche Sicherheiten – außer dem Vertrauen auf die Vorsehung Gottes - zu verkündigen. Sie hofften auf die Gastfreundschaft von Sympathisanten, die sie freilich nicht ausnützen sollten. Darum lehrte sie Jesus auch zu beten: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Paulus legt Wert darauf, auch gegenüber den Ansprüchen der Gemeinde frei zu sein. Allein dem Herrn gegenüber weiß er sich verpflichtet.

Weil Paulus frei und unabhängig ist, kann er sich zum Sklaven machen, um möglichst viele für Christus zu gewinnen. Er fühlte sich frei, jedem Menschen so zu begegnen wie es ihm seine Christusbeziehung vorgab und nicht etwa die Vorsteher einer Gemeinde, die ihm vorschrieb, wen er keinesfalls aufsuchen dürfe.

„Allen bin ich alles geworden“ konfrontiert uns mit dem Missionierungs-Grundsatz des Apostels. Paulus redet nicht etwa den Leuten nach dem Mund und betreibt „Liebdienerei“. Er passt nicht die Wahrheit den Menschen an, sondern vielmehr sich. Das heißt, dass er nicht mit der Tür ins Haus fällt, sondern dass er zunächst den Menschen zuhört, um gehört zu werden, dass er zuerst sich bemüht zu verstehen, um dann verstanden zu werden. So geht Paulus bei der Tür der Menschen hinein und bei der eigenen heraus.[1] Das hat natürlich zu tun mit Anteilnehmen am Leben der Menschen. So geht der Völkerapostel vor, um Menschen zu retten.

(3) Paulus will „Evangeliums-Gefährte“ sein.[2] Er will anderen Menschen auf dem Weg des Evangeliums Gefährte sein. Auch wir könnten das sein!
 
[1] Das ist ein Vorgehen, das auch der hl. Ignatius von Loyola – wohl im Anschluss an Paulus - empfohlen hat.
[2] N. Baumert, Sorgen, 132, übersetzt Vers 23 so: „Immer handle ich veranlasst durch das Evangelium, damit ich (ihnen) Gefährte darin sei.“

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4. Sonntag im Jahreskreis 1 Kor 7,32-35

32 Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. 33 Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. 34 So ist er geteilt.

Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen.

35 Das sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr in rechter Weise und ungestört immer dem Herrn dienen könnt.



(1) Ich erinnere mich gut an einen Wochenbeginn in der Sommeraushilfe in der Pfarrgemeinde Batschuns in Vorarlberg. Am Abend feierte ich mit einem Teil der Gemeinde die Sonntagsvorabendmesse, Sonntag vormittags zunächst die Gemeindemesse, anschließend eine Familienmesse mit einer Feriengruppe auf einer Alm, am Nachmittag fand eine Taufe statt und abends das Wachtgebet für den verstorbenen, pensionierten Direktor der Volksschule.

Anschließend spürte ich das starke Bedürfnis mit jemandem meine Erfahrungen dieses Tages auszutauschen. Ich kannte auch schon einige Personen des Ortes gut genug, um mit ihnen sprechen zu können. Da war aber auch der Impuls: Das ist genau diese Situation, von der du in der Ausbildung gehört hast. Du kannst jetzt zu vertrauten Menschen gehen und mit ihnen reden - du kannst aber auch auf dein Zimmer gehen und mit Gott reden. So bin ich denn heimgegangen und habe das, was mein Herz und meine Phantasie bewegte, dem Herrn vorgelegt und versucht auf ihn zu hören. Damals ist mir existentiell bewusst geworden, dass der tiefste Sinn meiner Ehelosigkeit das Gebet, die Beziehung mit dem Herrn ist. Diese Erfahrung trägt mich immer noch.

(2) „Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen.“ Die an diesen Vers anschließende Feststellung: „So ist er geteilt.“, besagt freilich nicht, dass der (oder die) Verheiratete zwischen Christus und der Welt einerseits und der Frau (dem Mann) andererseits geteilt sei und deshalb dem Herrn nicht mehr ungeteilt dienen könne.

Entscheidend ist, dass jeder Mensch, den Jesus Christus gerufen hat, seine Gnaden-Gabe und als Aufgabe daraus, den ihm vor- und aufgegebenen Weg ungeteilter Nachfolge, ob in der Ehe oder Ehelosigkeit, erkennt, annimmt und geht. Wer Gottes Ruf hört, entweder zur Ehe oder zur Ehelosigkeit, und vor Gott die eine und andere Option überlegt, für den ist das, wozu Gott ihn einlädt, die Ehe oder Ehelosigkeit, das Vollkommenere, sein Weg der Vollkommenheit.

Wem es gelingt die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen glaubwürdig in der Welt zu leben, der ist der lebendige Beweis, dass Jesus Christus die tiefste Erfüllung jedes Menschen ist. Er will aufgrund der Art seiner Christus-Beziehung in seiner tiefsten personalen Beziehung mit Christus allein leben. Seine Liebesfähigkeit ist von Christus angesprochen und erfüllt.[1] Andere Menschen erkennen von ihrer Christus-Beziehung her, wie er sie auf einen Partner verweist. Sie sind eingeladen in der Weise der ehelichen Liebe, ihre Ganzhingabe an Gott zeichenhaft zum Ausdruck zu bringen.

Man kann nach Paulus allerdings nicht sagen, dass die Ehelosigkeit der vollkommenere Stand sei und Eheleute Christen zweiter Klasse wären. Beide Lebensformen, sowohl die Ehe, als auch die Ehelosigkeit, sind offen auf die ungeteilte Lebenshingabe hin. In diesem Sinne sagt auch das II. Vatikanum, dass jeder Christ zur Vollkommenheit berufen ist (Lumen Gentium). Er muss sie also auch im Ehestand leben können.

(3) Wie kann ein Mensch erkennen, welche Lebensform die richtige für ihn ist? Auf alle Fälle muss die Entscheidung, ob zur Ehe oder Ehelosigkeit, von Gott ausgehen. Der erste Schritt besteht darin, sein Leben in vollem Vertrauen in Gottes Hände zu legen. Die Ganzhingabe ist die Voraussetzung dafür, um herauszufinden, auf welchem Weg der einzelne seine ungeteilte Hingabe leben soll, in der Ehe oder in der Ehelosigkeit. Die Frage an den Herrn lautet: „Auf welchem Weg willst Du von mir, dass ich Dir diene?“ Das Hauptmotiv für die Ehelosigkeit muss der Wunsch sein, dem Herrn gefallen zu wollen. Der Verzicht auf eine menschliche Partnerbeziehung ist nur durch eine Du-Beziehung zum Herrn lebbar, in die auch die sexuelle Anlage integriert ist. Wer sagt, er lebe ehelos, um für den Dienst frei zu sein, der verzweckt den Bereich personaler Beziehung.

„Wenn ein Mensch sich so in seinem Innersten von Gott angenommen und geliebt weiß, erwächst ihm aus dieser Begegnung mit dem ‚Du’ Gottes mehr und mehr die Kraft, von da her seine eheliche Hingabe zu gestalten oder gegebenenfalls, im zeitweiligen oder ständigen Verzicht auf die menschliche Erfüllung, sich Gott zu schenken, ohne verbittert zu werden.“[2]

[1] Besonders schlimm ist es, wenn bei Männer und Frauen in kirchlichen Leitungsämtern die Liebe zu Christus erkaltet.
[2] N. Baumert, Sorgen, 113

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3. Sonntag im Jahreskreis 1 Kor 7,29-31


27 Bist du an eine Frau gebunden, suche dich nicht zu lösen; bist du ohne Frau, dann suche keine.

28 Heiratest du aber, so sündigst du nicht; und heiratet eine Jungfrau, sündigt auch sie nicht. Freilich werden solche Leute irdischen Nöten nicht entgehen; ich aber möchte sie euch ersparen.


29 Denn ich sage euch, Brüder: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine,
30 wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer,

31 wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht.

32 Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen.



(1) Der Abschnitt dem die heutige Lesung entnommen ist trägt in der Einheitsübersetzung die Überschrift: „Ehe und Jungfräulichkeit“. Sie trifft aber nicht den Kern, denn über „die christliche Ehe“ und über die „Ehescheidung“ hat Paulus bereits in der ersten Hälfte dieses Kapitels gesprochen.

In diesem Abschnitt, der mit „Ehe und Jungfräulichkeit“ überschrieben ist, geht Paulus auf die Fragen ein, die die Verantwortlichen der Christen-Gemeinde in Korinth an ihn gerichtet haben. Junge Männer waren Christen geworden und wollten entschlossen ihre Christusbeziehung in ungeteilter Hingabe ehelos leben. Ihrem Vorhaben stand freilich ein Hindernis im Wege: Sie waren offiziell verlobt. Die Verlobung hatte damals einen höheren rechtlichen Stellenwert als heute bei uns. Wie sollten sie mit diesem Problem umgehen? Sie wandten sich an die Verantwortlichen der Gemeinde. Die sahen sich nicht befugt diese schwierige Frage zu beantworten und fragten den „Vertrauensmann“ Gottes um Rat.

Die Antwort des Apostels ist erstaunlich: Er rät, die Verlobung nicht aufzulösen, sondern vielmehr ehelos die Beziehung zu leben unter der Voraussetzung, dass die Braut einverstanden ist. Es gibt nicht nur keinen Grund, die Realität dieser Anfrage an den Apostel anzuzweifeln, sondern auch das Institut der „Josefsehe“[1] ab dem 2. Jahrhundert spricht für die reale Existenz dieser Fälle. Offenbar ist aber auch der Fall eingetreten, dass ein solches „Paar“ dann doch den Wunsch verspürte zu heiraten. Paulus betont, dass, wenn sie heiraten, es keineswegs eine Sünde sei. Es sei möglich und auch gut. Wer die Verlobung bereits aufgelöst hat oder soll sie nicht wieder aufnehmen.

Allerdings weist Paulus auf die Begleitumstände hin, die die neue Situation des „Verheiratetseins“ mit sich bringt: Es wird für sie als Ehepaar schwieriger sein, sowohl die Beziehung zu Jesus Christus und die Beziehung zum Partner als auch den Ansprüchen der Welt gerecht zu werden, miteinander zu vereinbaren. Den Kummer und die Sorgen, die diese vielfältige Inanspruchnahme mit sich bringt, hätte Paulus ihnen gerne erspart. Das aber kann er nicht. Immerhin bietet er ihnen Hilfe an, um mit dieser Herausforderung umzugehen.

(2) Ob sie nämlich in gegenseitiger Übereinstimmung ehelos als Verlobte leben oder als Verheiratete die Ehe vollziehen. Paulus kommt es darauf an, dass sie sich die Liebesbeziehung zu Jesus Christus, der ihr tiefstes Wesen ausfüllt, auf jeden Fall bewahren. Jesus Christus schützt ihren Ehebund – wie den aller christlichen Eheleute, wenn er in ihrem Bunde der Dritte, nein, der Erste ist.[2]

Damit Jesus Christus die Priorität in ihrer Beziehung und auch bei ihren täglichen Aufgaben bleibt, postuliert Paulus das Prinzip des „gewissermaßen nicht habend“[3]. So können sie sich gegen den Zugriff der Welt schützen. Dieses Prinzip will den Glaubenden davor bewahren, sich Erfüllung und Heil bei irgend jemand anderem oder bei irgendetwas anderem als bei Jesus Christus zu suchen.

Sie sollen nicht aufgehen in der Freude der Welt, sondern vielmehr die tiefste Freude bei Christus suchen und finden. Sie sollen sich von Leid und Schmerz, von Enttäuschung und Demütigung nicht aufzehren lassen, sondern sich bewusst bleiben, dass Jesus Christus stärker ist als alles Leid der Welt. Im Vollzug ehelicher Gemeinschaft sollen sie den Herrn weder vergessen noch ausschließen und den Partner nicht vergötzend überfordern. Zu allen Dingen und Personen sollen sie eine gewisse Distanz halten, weil ihr Herz schon einem anderen, nämlich dem Herrn gehört.

Die „Ehelosigkeit des Herzens“[4] soll der tiefsten Liebesbeziehung (zu Jesus Christus), die zuvor das Leben der beiden Verlobten bestimmte auch nach der Eheschließung ihr Mit- und Füreinander bestimmen.

(3) Paulus legt in der Auseinandersetzung mit diesen höchstpersönlichen Fragen und Entscheidungen große Sensibilität an den Tag und mutet den Fragestellern ein hohes Maß an Selbstverantwortung zu. Für ihn ist entscheidend, dass jeder Betroffene den Ruf Gottes ernst nimmt, ihn vor Gott abwägt und den Weg, zu dem Gott ihn einlädt, als seinen Weg der Vollkommenheit geht.

[1] Die Partner gehen rechtlich eine Ehe ein, versprechen sich aber von vornherein Enthaltsamkeit.
[2] N. Baumert, Sorgen, 107
[3] N. Baumert, Sorgen, 111
[4] N. Baumert, Sorgen, 112

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2. Sonntag im Jahreskreis               1 Kor 6,13-20

(12 «Alles ist mir erlaubt» - aber nicht alles nützt mir. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich.[1])

13 Die Speisen sind für den Bauch da und der Bauch für die Speisen; Gott wird beide vernichten. Der Leib ist aber nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn, und der Herr für den Leib. 14 Gott hat den Herrn auferweckt; er wird durch seine Macht auch uns auferwecken.

15 Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? Darf ich nun die Glieder Christi nehmen und zu Gliedern einer Dirne machen? Auf keinen Fall!

16 Oder wisst ihr nicht: Wer sich an eine Dirne bindet, ist ein Leib mit ihr? Denn es heißt: Die zwei werden ein Fleisch sein. 17 Wer sich dagegen an den Herrn bindet, ist ein Geist mit ihm. 18 Hütet euch vor der Unzucht! Jede andere Sünde, die der Mensch tut, bleibt außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib.

19 Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; 20 denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib![2]



(1) „‚Es nimmt mich wunder’ fuhr Leukios fort und wies mit dem Kopf in Richtung der Tempel, ‚was Paulus jenen Leuten sagen lässt, die sich wie bisher an diesen obskuren Orten einfinden. Diese Leute treiben die Freiheit auf die Spitze, ... Es gibt Mitglieder in unserer Gemeinde, die sich hier oder oben auf dem Akrokorinth mit den Tempelprostituierten treffen. Stephanas soll sie zurechtgewiesen haben, aber sie ließen sich nicht beeindrucken.’ ‚Wir sind frei’ sagen sie. ‚Unser Umgang mit den Prostituierten schadet niemandem. Was wir tun, betrifft doch nur das Äußere des Menschen; im Inneren sind wir ganz frei für den Herrn Jesus. Und auf das kommt es an.’ ‚Ob man das so sagen kann?’“[3]

Offenbar gab es in der Gemeinde von Korinth zwei Extreme: einerseits die Ängstlichen, die sich nicht einmal Götzenopferfleisch zu essen trauten,[4] und andererseits die Laxen, die nicht nur in Bezug auf das Essen des Götzenopferfleisches keine Schwierigkeiten hatten, sondern den Slogan „Alles ist mir erlaubt“ sogar auf die Prostitution anwenden.

Das ist also eine der Fragen mit der sich der Apostel Paulus in seinem 1. Brief an die Korinther auseinandersetzen muss: Darf der Christ jede Gelegenheit, die sich ihm bietet, auch ergreifen? Darf er alles nützen, was ihm zur Verfügung steht? Ist die Taufe der Freibrief für unbegrenzte Freiheit? Oder ist die christliche Freiheit doch eine begrenzte?

(2) Für den Apostel ist klar, dass bei denen, die zur Prostituierten gehen, der Heilige Geist nicht wirklich durchgedrungen ist, dass sie noch sündig-fleischlich leben und daher für ihren Trieb eine Rechtfertigung suchen. Da legt sich die Ausrede nahe: „Wenn man Götzenopferfleisch essen kann, dann kann man wohl auch zur Dirne gehen.“ Daher macht er den Korinthern den Unterschied zwischen den Speisen und dem Bauch einerseits und der Bindung an eine Dirne oder dem Herrn andererseits klar. Die Speisen und der Bauch bilden keine Gefahr, weil Gott die Speisen unschädlich macht und damit auch den Bauch vor geistlichem Schaden bewahrt.

Mit der Dirne aber darf man sich nicht verbinden, weil man durch einen solchen Akt jemandem "gehört" und mit jemandem "eins" wird, zu dem man nicht gehört. Außerdem stört es die Beziehung zum Herrn. Der Gläubige hat bei der Taufe dem Herrn „Herrschaft“ über sich eingeräumt und ist ihm zugeordnet. Wie Gott den Herrn Jesus erweckt hat, so erweckt er auch die Getauften durch die Kraft des auferstandenen Herrn Jesus Christus, in den sie eingegliedert worden sind. Dieser Vorgang des Auferweckens ist nicht abgeschlossen, sondern im Vollzug. Er bereichert das Leben der Christen in Jesus Christus. So lässt uns Gott mehr und mehr an Christi Auferstehungsleben teilnehmen. Deshalb wäre es unsinnig, dieses Auferstehungsleben durch eine "Sünde gegen den Leib", die Bindung an eine Dirne, aufs Neue, dem Tod und der Sünde preiszugeben.

Ob Gott mit dem Einzelnen zu seinem Ziel kommt, hängt auch von diesem selbst ab. Darum will Paulus die, die zur Dirne gehen motivieren, ihre Sünde einzugestehen, zu bereuen und umzukehren. Weil der Leib Tempel des Heiligen Geistes ist, der in ihm wohnt - ist er Glied Christi. Durch die "Sünde gegen den Leib", würde diese Beziehung rückgängig gemacht werden.

„Wer sich an den Herrn bindet, ist e i n Geist mit ihm“ besagt natürlich nicht, dass der Leib in der Einheit mit Christus keine Rolle spielt. In der Verbindung des Gläubigen mit dem Herrn, werden zwei leib-seelische Ganzheiten ein Geist. Das heißt: sie werden zu dieser Einheit in und durch den Heiligen Geist - zu einem "geistlichen Leib".

Da nämlich der Heilige Geist in den Korinthern wohnt, gehören sie nicht mehr sich selbst. Sie sind eine neue Existenz, sind Gottes Werk und Eigentum. Und das hat Gott viel gekostet: Der Vater hat seinen Sohn hingegeben und der Sohn hat sein Leben hingegeben - als Preis für sie, ein wahrlich "teurer Preis". Mit Aufwand, mit Mühe, mit seinem Tod am Kreuz als Lösegeld, hat er sie losgekauft. Wie können sie sich da wieder in die Arme von Sünde und Tod werfen?

Die Gläubigen können Gott in ihrem Leib verherrlichen, indem sie sich in ihrem Sexualverhalten so benehmen, dass man merkt, wie Gottes Kraft und Herrlichkeit sie verwandelt hat. In und mit ihrem Leib werden sie Zeugen der Herrlichkeit Gottes.

(3) Wen Jesus Christus ruft und der sich auf eine Beziehung mit ihm einlässt, der lebt in einem respektvollen und wertschätzenden Verhältnis zu den Mitmenschen und den Dingen. Er weiß, dass die Erde dem Menschen übergeben ist, um sie zu hegen und zu pflegen, nicht um sie, oder Menschen auszubeuten. Er lebt so, weil er zu Jesus Christus gehört.
 
[1] 6,12 Alles ist (mir) erlaubt: vermutlich ein Schlagwort, das in der Gemeinde von Korinth zu hören war (vgl. 10,23).
[2] 6,20 Sklaven konnten gegen Lösegeld freigekauft werden. Hier wird der Tod Christi als Kaufpreis verstanden, durch den die Christen aus der Knechtschaft der Sünde befreit wurden (vgl. 7,23; Gal 3,13; 1 Petr 1,18f). 
[3] H.-J. Venetz/S. Bieberstein, Bannkreis, 79
[4] 1 Kor 8,1-13

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1. Sonntag im Jahreskreis  -  Taufe des Herrn 1 Joh 5,1-9

1 Jeder, der glaubt, dass Jesus der Christus ist, stammt von Gott, und jeder, der den Vater liebt, liebt auch den, der von ihm stammt. 2 Wir erkennen, dass wir die Kinder Gottes lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote erfüllen.

3 Denn die Liebe zu Gott besteht darin, dass wir seine Gebote halten. Seine Gebote sind nicht schwer. 4 Denn alles, was von Gott stammt, besiegt die Welt. Und das ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube. 5 Wer sonst besiegt die Welt, außer dem, der glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist?

6 Dieser ist es, der durch Wasser und Blut gekommen ist: Jesus Christus. Er ist nicht nur im Wasser gekommen, sondern im Wasser und im Blut. Und der Geist ist es, der Zeugnis ablegt; denn der Geist ist die Wahrheit. 7 Drei sind es, die Zeugnis ablegen: 8 der Geist, das Wasser und das Blut; und diese drei sind eins.

9 Wenn wir von Menschen ein Zeugnis annehmen, so ist das Zeugnis Gottes gewichtiger; denn das ist das Zeugnis Gottes: Er hat Zeugnis abgelegt für seinen Sohn.



(1) Viele Menschen sehnen sich nach Freiheit, nach äußerer, aber auch nach innerer, geistiger Freiheit. Die 2. Lesung des heutigen Festes der Taufe des Herrn weist den Weg zum Gewinn der wahren Freiheit. Die Leitlinie auf dem Weg zu diesem Ziel ist der Glauben an Jesus, den Messias (Christus) und Sohn Gottes. Er bezieht die Liebe zum Bruder und zur Schwester in der Gemeinde, die sich an Geboten (!) orientiert. Dieser Glaube führt schließlich zum Sieg über die Welt.

(2) Zunächst lohnt der Blick auf den Kontext des Johannes-Briefes. Es fällt auf, dass der Verfasser in drei Sätzen das „Geborensein aus Gott“ betont. Jeder, der die Gerechtigkeit tut, ist aus Gott geboren, ebenso jeder, der Gott liebt und auch der, der glaubt, dass Jesus der Christus ist. Durch die Formulierung "jeder" haben alle drei Sätze absolute Gültigkeit. Jeder Christ muss die Gerechtigkeit tun, Gott lieben und Jesus als Christus glauben. Nur in diesem Dreiklang besteht Harmonie. Wird der eine oder andere Satz absolut gesetzt, verführt er leicht zu Fehlhaltungen.

Der Glaube, von dem hier die Rede ist, meint nicht die Zustimmung zu einem Dogma, sondern die innere Überzeugung, die einen Menschen berührt, in Beschlag nimmt und Beziehung sucht. Gemeint ist der Glaube, dass der Mann aus Nazareth, Jesus, der Christus ist. Dass er der von den Propheten verheißene und von unzähligen Generationen erwartete Messias ist, der im verrufenen Palästina, geboren, gelitten, gestorben und auferstanden ist. Das zu glauben ist alles andere als selbstverständlich. Wer glauben kann, dass Jesus der Christus ist, "der ist aus Gott geboren." Er trägt Gottes Wesen, seine Liebe, in sich. Diese drängt ihn zur geschwisterlichen Liebe. Er staunt und freut sich nicht nur über sein eigenes Geborensein aus Gott, sondern auch über das seiner Brüder und Schwestern. Er ist wie sie, Kind des einen Vaters.

"Wir erkennen, dass wir unsere Brüder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten." Die Liebe zu den Brüdern und Schwestern hängt nicht von meiner Selbstliebe ab, sondern von meiner Liebe zu Gott und dem Halten der Gebote. Meine Liebe zu Gott ist meine Antwort auf die zuvor von ihm empfangene Liebe.

Gibt es eine Liebe, die sich an Gottes Geboten orientiert? Jesus selbst hat oft genug nach Heilungen gesagt: Gehe hin und sündige nicht mehr. Er hat gegen eine weichliche, absichtsvolle Freundlichkeit angekämpft, die gab, um bei nächster Gelegenheit zurückzubekommen. Jesu Liebe ist eine Hilfe im Kampf gegen Sünde und gegen Irrtümer. Nur wenn unsere Liebe, die Art Gottes an sich trägt, ist sie Liebe im Sinne Jesu. Wenn wir Gott und seine Gebote als Wegweiser und Grenzsteine und darüber hinaus seine Barmherzigkeit vor Augen haben, dann lieben wir die Brüder und Schwestern als „Aus-Gott-Geborene“, als die, die von Gott stammen.

Die allgemeine Anschauung ist, dass das Halten der Gebote doch eher schwer ist. Diese kommt daher, dass wir in der Welt leben und die Welt ihren Anspruch auf uns nicht aufgegeben hat. Wir müssen uns dem Zugriff der Welt entziehen. Johannes hat schon darauf hingewiesen: "Größer ist der in euch als der in der Welt." (1 Joh 4,4) In der Geburt aus Gott gründet der Sieg. Nur der von Gott Geliebte vermag das zu wollen, was Gott will und nicht das, was die Menschen wollen.

Unser eigener Einsatz und Gottes Handeln wirken im Geheimnis des Glaubens zusammen: "Und dies ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube." Der Glaube ist der Sieg über die Welt. In Jesu Kreuz und Auferstehung ist dieser Sieg manifest geworden. Der Gläubige nimmt am vollendeten Sieg des Herrn teil. Glaube bedeutet hier Aneignung dessen, was Gott anbietet.

"Wer sonst besiegt die Welt außer dem, der glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist." Es geht wiederum nicht um eine erzwungene Zustimmung zu einem Glaubenssatz. Es handelt sich um einen persönlichen und in Freiheit gewonnenen Glauben. Er ist die dankbare Annahme des "Aus-Gott-Geborenseins" und des neu schaffenden Wirkens Gottes. Wer glauben kann, dass Jesus, der Messias, der Sohn Gottes ist, der ist tatsächlich Sieger über die Welt, er hat Anteil am Sieg des Christus.

(3) Wer als Glaubender die Welt besiegt hat, der lebt in der Welt und hat die Attraktion der Welt, die von Gott wegführt überwunden. Er ist auf einem Weg unterwegs zu einem Ziel, das er aber auch schon irgendwie erreicht hat - die Heimat bei Gott. Er lebt in der Welt unter offenem Himmel.

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Erscheinung des Herrn Eph 3,2-3a.5-6

2 Ihr habt doch gehört, welches Amt die Gnade Gottes mir für euch verliehen hat. 3 Durch eine Offenbarung wurde mir das Geheimnis mitgeteilt.[1] ...
5 Den Menschen früherer Generationen war es nicht bekannt; jetzt aber ist es seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist offenbart worden: 6 dass nämlich die Heiden Miterben sind, zu demselben Leib gehören und an derselben Verheißung in Christus Jesus teilhaben durch das Evangelium.


(1) „Dass nämlich die Heiden Miterben sind, zu demselben Leib gehören und an derselben Verheißung in Christus Jesus teilhaben durch das Evangelium.“ Das ist der Inhalt des Geheimnisses, das Paulus seinen Ansprechpartnern – den Christen aus den Völkern, enthüllt. Die Judenchristen sind Kinder Abrahams und infolgedessen „unmündige“ Erben. Weil Jesus aber durch seinen Tod am Kreuz, die Menschen von ihren Sünden befreite und mit Gott versöhnte sind sie „vollmündige“ Erben. Gott hat durch seinen Sohn dieses Heil in der Welt gewirkt. Aber dieses Heil ist nicht nur dem auserwählten Volk Gottes geschenkt, sondern auch denen „aus den Völkern“ - den Heiden. Sie sind Miterben.

Das „Mit“ bezieht sich auf die Juden. Das Heil geht von den Juden aus, die Gott zu seinem Eigentum erwählt hat. Jesus Christus, der Sohn Gottes, kam als Jude zur Welt und lebte als Jude. Er wusste sich zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Sein Leben und Sterben brachte ihnen die Rettung. Aber eben nicht ihnen exklusiv, sondern auch den Heiden, denn von Anfang an war Israel auf die Welt hingeordnet.
Die Heiden gehören zu demselben Leib. Jesus Christus ist das Haupt des Leibes, dem Juden und Heiden in gleicher Weise angehören. In diesem Leib wird die getrennte Menschheit wieder Eins. Die Verheißung, an der sie zusammen mit Israel teilhaben, versprach das Kommen des verheißenen Retters. Paulus hat ihnen die Frohe Botschaft angesagt, dass Jesus das Evangelium vom Reich Gottes verkündet hat und dass es mit ihm angebrochen ist.

(2) Das Fest „Erscheinung des Herrn“ stellt das Evangelium von der Anbetung des Gottessohnes durch die Weisen aus dem Morgenland in das Zentrum der Aufmerksamkeit: Heiden kommen, egal ob Könige oder Wissenschafter, um Gott anzubeten. Damit ist ein wichtiges Signal für eine entscheidende Etappe in der Geschichte des Heils gegeben: die Erfüllung der von den Propheten verheißene Völkerwallfahrt hat begonnen. Das endgültige Heilshandeln Gottes beginnt mit der Menschwerdung Jesu und erreicht in seinem Versöhnungs-Tod, seiner Auferweckung und Geistsendung, den Höhepunkt. Nachdem Gott so in der Welt das Heil gewirkt hat, kann sich die Verheißung der Völkerwallfahrt erfüllen.

Am Beginn der Bibel sind die Welt und die Menschheit im Blickpunkt. Nach dem Turmbau zu Babel beginnt Gottes Heilshandeln mit Abraham. Ihn wird er zu einem großen Volk machen und durch ihn sollen alle Geschlechter der Erde, Segen erlangen. Israel ist von der ersten Stunde an auf die Welt hingeordnet. Der Prophet Jesaja verheißt eine Wallfahrt der Völker nach Jerusalem, um Gott anzubeten, nachdem etwas umstürzend Neues geschehen ist. Die Völker werden die Tora so anziehend finden, dass sie sich sehnen, danach leben zu dürfen. Diesen Text, in dem auch dem Krieg und der Gewalt abgeschworen wird, beendet der Prophet mit der Aufforderung: „Ihr vom Haus Jakob, kommt, wir wollen unsere Wege gehen im Licht des Herrn.“ (Jes 2,5) Was für die Zukunft verheißen wird, muss im Jetzt verortet werden, muss durch die Israeliten verwirklicht werden. Nur wenn die Völker ihr Tun sehen und attraktiv finden, werden sie sich für die Tora interessieren.

Jesus ging nicht in heidnisches Gebiet, um dort zu missionieren. Er wollte Israel sammeln und auf seine Sendung als Volk Gottes konzentrieren. Erst, als immer klarer wurde, dass Israel ihm nicht folgen werde, öffnete er sein Denken auf die Völker hin: „Ich sage euch: Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen;[2] die aber, für die das Reich bestimmt war, werden hinausgeworfen in die äußerste Finsternis; dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen.“ (Mt 8,11f) Weil das alttestamentliche Gottesvolk seine Sammelbewegung ablehnte, sodass das Licht der Gottesherrschaft unter ihnen nicht aufleuchten konnte, öffnete bereits Jesus das Gottesvolk auf die Heiden hin: „Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen (Mk 16,15).“

(3) Jesu Sendung ist geprägt von der Öffnung auf die Welt (Heiden) und der Konzentration auf das gelebte Zeugnis der Gottesherrschaft. Sowohl die Kirche als Ganze, als auch die Pfarrgemeinde vor Ort, dürfen die jeweiligen Herausforderungen des gelebten Zeugnisses und der Öffnung für Neue und Neues nicht vernachlässigen.


[1] 3,3-6 Das jetzt offenbar gewordene „Geheimnis“ ist der Beschluss Gottes, alle Völker, und nicht nur Israel, zu retten.
[2] Mt 8,11ff; Der Hauptmann von Kafarnaum wird als der erste Vertreter der Heidenwelt, der zum Glauben kommt, herausgestellt.

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Zweiter Sonntag nach Weihnachten              Eph 1,3-6.15-18

3 Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus[1] im Himmel. 4 Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott; 5 er hat uns aus Liebe im voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und nach seinem gnädigen Willen zu ihm zu gelangen, 6 zum Lob seiner herrlichen Gnade. Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn; 7 durch sein Blut haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade. 8 Durch sie hat er uns mit aller Weisheit und Einsicht reich beschenkt 9 und hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan, wie er es gnädig im voraus bestimmt hat[2]: 10 Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, in Christus alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist. 11 Durch ihn sind wir auch als Erben vorherbestimmt und eingesetzt nach dem Plan dessen, der alles so verwirklicht, wie er es in seinem Willen beschließt; 12 wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt, die wir schon früher auf Christus gehofft haben. 13 Durch ihn habt auch ihr das Wort der Wahrheit gehört, das Evangelium von eurer Rettung; durch ihn habt ihr das Siegel des verheißenen Heiligen Geistes empfangen, als ihr den Glauben annahmt. 14 Der Geist ist der erste Anteil des Erbes, das wir erhalten sollen, der Erlösung, durch die wir Gottes Eigentum werden, zum Lob seiner Herrlichkeit.

15/16 Darum höre ich nicht auf, für euch zu danken, wenn ich in meinen Gebeten an euch denke; denn ich habe von eurem Glauben an Jesus, den Herrn, und von eurer Liebe zu allen Heiligen gehört. 17 Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung, damit ihr ihn erkennt. 18 Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt.

 
(1) Im Evangelium des heutigen Sonntags ist die Rede vom Logos, dem Wort Gottes und dem Licht, das in die Welt kam. "Die Finsternis hat das Licht nicht ergriffen, die es aber bei sich aufnahmen, gab er die Macht Kinder Gottes zu werden." Es geht um die fundamentale Entscheidung für das Wort und das Licht. Ich habe also die Wahl. Nehme ich es auf oder nicht?

Die neutestamentliche, zweite Lesung, ermutigt und motiviert zur Aufnahme des Lichtes in mein Leben. Der Epheserbrief erscheint als Rundbrief an die Christen Kleinasiens. Das zentrale Thema des Briefes ist die Kirche, deren Haupt Jesus Christus ist. Gott hat schon vor der Erschaffung der Welt die Kirche erwählt und als sein Volk zusammengerufen.

(2) Im ersten Teil der Lesung hebt der Verfasser die Erwählung der Leser zum Leben vor Gott hervor: "Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott." Mit der Erwählung vor der Erschaffung der Welt wird betont, dass es ewiger Plan und Wille Gottes ist, dass Jesus für die Erfüllung seiner Sendung Gefährten beruft, die ihm bei der Ausführung seiner Sendung beistehen. Damit unterstreicht er, dass die Gabe der Erwählung immer auch eine Aufgabe enthält, nämlich, ein Zeichen der Hoffnung und des Lebens zu sein. Die Menschen sollen sehen, dass über der Welt etwas anderes waltet, als nur die Macht des Stärkeren oder blindes Schicksal.

Das Ineinander von Gabe und Aufgabe, der Erwählung und der Teilnahme an einer Sendung , zieht sich als "Roter Faden" durch die Schriften des Alten und Neuen Testamentes. Israels Grunderfahrung ist die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten und der Einzug ins gelobte Land. Am Berg Sinai bekam das Gottesvolk durch Mose die Tora, die Weisungen für ein solidarisches und gottesfürchtiges Miteinander. Israel sollte durch seine Gottesverehrung und sein wertschätzendes Miteinander ein Zeichen für alle Völker sein.

Die Propheten haben die Abweichungen von diesen Weisungen angeklagt. Die Erwählung zum Eigentumsvolk Jahwes konnte Israel nicht davor bewahren, dass Jerusalem zerstört und das Volk in die babylonische Gefangenschaft verschleppt wurde. Das Ergebnis jüdischen Nachdenkens ergab: Weil Israel die Gebote der Tora missachtete musste es die Leiden der babylonischen Gefangenschaft erdulden. Erwählung ist nicht auf jeden Fall Bevorzugung. Sie ist vor allem Verpflichtung.

Jesus wollte das erwählte Gottesvolk sammeln und neu am Willen Gottes orientieren. Er hat Menschen zu Mitarbeitern berufen: die Zwölf und eine Schar von Jüngern und Jüngerinnen. Sie sollten mit eigenen Augen sehen, mit eigenen Augen hören und mit den eigenen Händen begreifen wer Jesus wirklich ist und ihm nachfolgen.

(3) Jesus nachfolgen setzt voraus, dass er mir begegnet ist und mich berührt hat; ihm nachfolgen heißt, erkennen, wer er ist und welche Sendung ihm aufgetragen ist, nämlich, die Welt mit Gott zu versöhnen, den Menschen die Fesseln ihrer Schuld zu lösen und ihnen die Würde zurückzugeben, die ihnen bei der Schöpfung geschenkt wurde. Jesus nachfolgen heißt aber auch, ihm in seinem Wort begegnen, es hören und tun. "Jesus gibt sein Wort seinen Zuhörern nicht frei, dass es unter ihren krämerischen Händen missbraucht wird, sondern er gibt es ihnen so, dass es allein Macht über sie behalten muss... Diesem Wort Jesu aus der Ewigkeit her entspricht nur noch das schlichte Tun (Dietrich Bonhoeffer).

Jesusnachfolge bedeutet auch, sich vertrauensvoll auf Jesus einlassen, ihm zutrauen, dass er mich sicher zum Ziel eines Lebens in Fülle hier auf Erden und zum ewigen Leben mit Gott führt. Jesus nachfolgen heißt das Prinzip verwirklichen: Wie Jesus mir, so ich dir! Es bedeutet, die Hände öffnen, um sich beschenken zu lassen und das Empfangene zu teilen. Es ist die Verwirklichung von Jesu Aufforderung: "Liebt einander wie ich euch geliebt habe." Er forderte dies, nachdem er selbst den Jüngern die Füße gewaschen hatte. So soll das von der Welt unterscheidbare Miteinander und Füreinander derer, die ihm nachfolgen ein Lebens-Zeichen für die Welt sein, für alle sichtbar und nachahmbar.

(4) Abschließend dankt der Verfasser des Briefes in seinen Gebeten für das Zeugnis der Leser: "denn ich habe von eurem Glauben an Jesus den Herrn, und von eurer Liebe zu allen Heiligen gehört." Das ist zugleich dankbares Lob und Ermutigung für weiteres Zeugnisgeben. 

[1] Die Gemeinschaft mit Christus (vgl. 1,13f) wurde durch die Taufe begründet.
[2] Der Verfasser spricht von einem «Geheimnis», weil der Heilsplan, der durch Christus verwirklicht wurde, vorher nicht bekannt war; auch jetzt kennen ihn nur die Glaubenden.

 
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Hochfest der Gottesmutter Maria - Neujahr Gal 4,4-7


4 Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, 5 damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen.
6 Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen, den Geist, der ruft: Abba, Vater. 7 Daher bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn; bist du aber Sohn, dann auch Erbe, Erbe durch Gott.


(1) Während seines Gefängnisaufenthaltes in Ephesus sieht sich Paulus mit einem schwierigen Problem konfrontiert. Was er nicht für möglich gehalten hat, ist eingetreten. Christen und Christinnen unter den Galatern sind bereit, die Beschneidung anzunehmen und sich freiwillig dem Gesetz zu unterstellen. „Evangeliumsverdrehern“ war es gelungen die Galater zu diesem Schritt zu bewegen. Paulus war entrüstet und etwas ratlos. Hat er ihnen nicht in aller Klarheit und Deutlichkeit versichert, dass sie durch Glauben gerecht gemacht wurden und durch nichts anderes? Paulus musste die Galater überzeugen, dass ihre Entscheidung für die Beschneidung und die Übernahme der Tora ein Irrweg ist.


Menschlich allerdings ist das Vorgehen der betroffenen Galater verständlich. Wer sich beschneiden lässt, der trägt ein äußeres Zeichen der Verbundenheit mit dem Volk Gottes. Das vermittelt die Sicherheit der Zugehörigkeit zu einer großen Gemeinschaft. Wer sich den Mühen der Befolgung der Gebote der Tora unterzieht, der kann eine Leistung vorweisen und auch das gibt Sicherheit. Die äußere Zugehörigkeit und die religiöse Leistung gefährden aber das Eigentliche: das tägliche Mühen um den Glauben, um die Beziehung mit Gott.


(2) Paulus versucht in seinem Brief die Galater argumentativ von seiner Sicht des Heilshandelns Gottes zu überzeugen. Er bezieht sich auf Abraham. Durch ihn sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen (Gen 12,3b). Darüber hinaus soll nicht ein Haussklave, sondern ein leiblicher Sohn sein Erbe sein (Gen 15,4b). Aus diesen beiden Verheißungen formt Paulus einen „Erbschaftsbeweis“, wonach er Juden („unmündige Söhne“) und Heiden („Sklaven“) als legitime Erben der Verheißung darstellt.[1] Auf unterschiedlichen Wegen, die durch ihre Herkunft bedingt sind, erlangen sie das Heil.


In der heutigen Lesung erklärt Paulus in den Versen 4-5 den Galatern wie die Juden die Sohnschaft erlangten und zu rechtmäßigen Erben wurden. Durch die Geburt des Gottessohnes und der Erfüllung seiner Sendung durch seinen Tod am Kreuz, hat er die Sünden (die, die Tora aufdeckt und verurteilt) vergeben und die Sünder mit Gott versöhnt, wodurch sie die Sohnschaft erlangten. Dadurch wurden die „Unmündigen“ zu rechtmäßigen Erben.


Ihnen aber, den Galatern, die Söhne sind,[2] sagt Paulus, dass Gott ihnen „den Geist seines Sohnes in ihr Herz sandte, den Geist der ruft: Abba, Vater.“ In wem der Geist Christi zum Vater ruft, der ist nicht mehr Sklave, sondern Sohn. Paulus zieht daraus den logischen Schluss: „Bist du aber Sohn, dann auch Erbe.“[3]


Paulus will den Galatern sagen: Ihr seid bereits Söhne und Erben. Statt euch der Beschneidung und dem Gesetz zu unterwerfen, wäre es sinnvoller, wenn ihr eure ganze Kraft in eure Beziehung zu Gott investieren würdet. Ihm zu trauen und sich ihm anzuvertrauen ist gewiss schwieriger als sich durch Äußerlichkeiten und religiöse Leistungen abzusichern.


(3) „Und wäre Christus tausend Mal in Betlehem geboren, aber nicht in dir, wärst du dennoch verloren.“[4] Wir können Christus Jesus in uns zur Welt kommen lassen, indem wir die von Jesus angebotene Beziehung zu ihm aufnehmen, aus ihr leben und immer wieder vertiefen. Die innere Bewegung, die uns mit Gott verbindet und auf unsere „Sohnschaft“ hinweist, muss nicht der ausdrückliche Abba-Ruf sein. Es ist auch der Geist, der unsere Sehnsucht auf Gott hinlenkt, der uns lobend, dankend und bittend mit ihm verbindet.


[1] Gal 4,1-3: Ich will damit sagen: Solange der Erbe unmündig ist, unterscheidet er sich in keiner Hinsicht von einem Sklaven, obwohl er Herr ist über alles; 2 er steht unter Vormundschaft, und sein Erbe wird verwaltet bis zu der Zeit, die sein Vater festgesetzt hat. 3 So waren auch wir, solange wir unmündig waren, Sklaven der Elementarmächte dieser Welt.
[2] Gal 3,26: Ihr seid alle durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus.
[3] Gal 3,29: Wenn ihr aber zu Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen, Erben kraft der Verheißung.
[4] Angelus Silesius


Fest der heiligen Familie Kol 3,12-21

12 Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen. Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld! 13 Ertragt euch gegenseitig, und vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! 14 Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht. 15 In eurem Herzen herrsche der Friede Christi; dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Seid dankbar!

16 Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch. Belehrt und ermahnt einander in aller Weisheit! Singt Gott in eurem Herzen Psalmen, Hymnen und Lieder, wie sie der Geist eingibt, denn ihr seid in Gottes Gnade. 17 Alles, was ihr in Worten und Werken tut, geschehe im Namen Jesu, des Herrn. Durch ihn dankt Gott, dem Vater!

18 Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt. 19 Ihr Männer, liebt eure Frauen, und seid nicht aufgebracht gegen sie! 20 Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern in allem; denn so ist es gut und recht im Herrn. 21 Ihr Väter, schüchtert eure Kinder nicht ein, damit sie nicht mutlos werden.



(1) Das Schiff Kirche ist vom Schiffbruch bedroht. Aber selbst ein günstiger Seegang ist nutzlos, wenn der Steuermann das Ziel nicht kennt. Wissen die Verantwortlichen der Kirche um die Sendung und das Ziel der Kirche, um die Aufgabe des Volkes Gottes?

Der Gedanke, dass Gott in der Welt ein Volk braucht - nicht um seiner selbst willen, sondern um der Welt willen – durchzieht die biblischen Bücher. Gott will durch sein Volk die Welt verändern und heiligen. Darum darf sich das Gottesvolk weder der Welt anpassen, noch sich ihr anbiedern. Es muss das Neue, das durch Abraham in die Welt gekommen ist und durch Jesus Christus vollendet wurde, unter sich verwirklichen. Die Kirche macht es sich zu leicht, der Welt vorschreiben zu wollen wie sie zu leben habe, sich selbst aber nicht bemüht die Botschaft Jesu glaubhaft zu verwirklichen.

(2) Gemäß der heutigen Lesung soll die Kirche eine Kontrastgesellschaft sein, die sich von der (heidnischen) Gesellschaft[1] unterscheidet. Der Verfasser des Briefes an die Kolosser stellt einer vorausgegangenen Liste von Lastern der heidnischen Gesellschaft[2] das kontrastierende Leben der christlichen Gemeinde gegenüber. In den darauf folgenden Versen wird das neue Leben in Christus durch weitere positive Haltungen beschrieben. In den Schlussversen wird das abweichende Verhalten der Gemeinde auf den familiären Alltag heruntergebrochen.

Unsere Lesung beginnt mit der Entfaltung des Bildes vom Anziehen des „neuen Menschen“. Dies konkretisiert sich in den Haltungen: Erbarmen, Güte, Demut, Milde und Geduld. Die Christen von Kolossä haben Jesus Christus angenommen und werden daher als Erwählte, Heilige und Geliebte bezeichnet. Bei der Aufforderung zur Vergebung geht es um das Vergeben persönlicher Verletzungen. Wie Gott der Herr ihnen vergeben hat, so sollen auch sie einander vergeben. Zu den genannten Haltungen kommt die Liebe hinzu. Sie fasst die Tugenden zu einem schön gebundenen "Blumen-Strauß der Reife" zusammen.[3]

Auf die Aufforderung die Liebe „anzuziehen“ folgt der Wunsch des Friedens. Der Friede solle als „Schiedsrichter“ bei Entscheidungen in ihren Herzen dominieren. In unseren Herzen tobt manchmal ein Kampf zwischen gegensätzlichen Interessen. Egal, ob ich mich für eine von zwei Alternativen bei einer Wahl (z. B. Berufswahl) entscheiden muss oder einen konkreten Schritt in einer Beziehung setzen muss – jener Alternative oder jenem Schritt ist der Vorzug zu geben, bei dem sich der Friede Christi einstellt. Das gelingt nur, wenn sich der Gläubige jeweils neu an Christus wendet.

Paulus appelliert dann an den Charme der Christen von Kolossä. Der soll in ihrer Kommunikation zum Ausdruck kommen. Wenn sie einander lehren und das Evangelium gegenseitig ans Herz legen, sollen sie das in kluger und geschickter Weise tun, um der Redeweise Christi zu entsprechen.

Aber nicht nur in ihrem Reden soll ihr Charme zum Vorschein kommen: Ihre Psalmen, Hymnen und Lieder sollen aus dem Herzen kommen und Schönheit haben. Ihr Reden und Tun insgesamt geschehe "im Namen Jesu" d.h. so wie Jesus es tat und unter seiner Führung. Wenn sie in ihrem Tun von Christus getragen werden, wird ihnen bewusst, dass es Gott ist, der ihnen durch Christus alles schenkt. So können sie den Dank durch Christus, dem Vater zurückgeben.


Die abschließende „christliche Hausordnung“ wird im Wortgottesdienst meist – zu unrecht – willkürlich gestrichen. Man kann der Frau nicht zumuten sich dem Mann unterzuordnen. Aber steht das wirklich da? Der Verfasser des Kolosser-Briefes zeigt eine klare Tendenz, die (vom staatlichen Gesetz) schwächer Gestellten zu stützen. "Er will nicht etwa sagen, dass die gesellschaftliche Unterordnung der Frau speziell durch Christus bedingt sei oder verstärkt würde, sondern dass die Frauen die vorgegebene Ordnung so vollziehen mögen, wie es im Herrn recht ist!"[4] Er gibt der Frau einen Maßstab an die Hand, nach dem sie von Fall zu Fall "im Herrn" d.h. vor Gott „überlegt und sich so, wie sie es jeweils für richtig erachtet, unterordnet."[5] "Christus in euch" ist die letzte Autorität für ihr Handeln.[6] Paulus meint also keine fraglose Unterwürfigkeit der Frau. 

 
"Im Herrn" wird beim Mann nicht wiederholt, gilt aber auch für ihn, wenn er aufgefordert wird seine Frau zu lieben. Er muss sein Handeln am Handeln Jesu orientieren und ihm gegenüber verantworten. Er wird nur allgemein ermahnt, seine stärkere Stellung nicht zu missbrauchen. Warum nur die Väter ermahnt werden ihre Kinder nicht einzuschüchtern, hängt wohl damit zusammen, dass Väter eher zu Machtmissbrauch gegenüber Schwächeren neigen.


(3) Die Kirche ist dann Licht der Welt und Salz der Erde und erfüllt ihre Aufgabe als Volk Gottes in der Welt, wenn sie das kontrastierende Verhalten, welches einem Leben „in Christus“ entspricht, verwirklicht. Es gibt also keinen Grund, Texte aus der Heiligen Schrift einfach nicht zu verkünden, als ob wir „Herren“ über das Wort Gottes wären. Wir dürfen Paulus durchaus unterstellen, dass er Jesus richtig verstanden hat. 


[1] Heute hat es allerdings den Anschein, dass in der demokratischen Gesellschaft mehr biblische Werte verwirklicht sind als in der Kirche.
[2] Kol 3,7-10: „Einst war auch euer Lebenswandel von solchen Dingen bestimmt, ihr habt darin gelebt. Jetzt aber sollt auch ihr das alles ablegen: Zorn, Wut, Bosheit, Lästerung und schmutzige Rede, die aus eurem Munde kommt. Belügt einander nicht; denn ihr habt den alten Menschen mit seinen Taten abgelegt und habt den neuen Menschen angezogen, der nach dem Bild seines Schöpfers erneuert wird, um ihn zu erkennen.“
[3] N. Baumert, Berufung, 154
[4] N. Baumert, Berufung, 155
[5] N. Baumert, Berufung, 156
[6] N. Baumert, Berufung, 156: „So möge die Frau vor Gott prüfen und erkennen, wie sie im konkreten Fall eine Unterordnung vollziehen soll (vgl. Eph 5,21-24), ohne ihre Würde zu verlieren... Immer verweist Paulus die Partner auf ihre Gottesbeziehung, von der aus sie jeweils ihre Beziehung zu einander ordnen sollen.“



4. Adventsonntag Röm 16,25-27

Ehre sei dem, der die Macht hat, euch Kraft zu geben - gemäß meinem Evangelium und der Botschaft von Jesus Christus, gemäß der Offenbarung jenes Geheimnisses, das seit ewigen Zeiten unausgesprochen war, 26 jetzt aber nach dem Willen des ewigen Gottes offenbart und durch prophetische Schriften kundgemacht wurde, um alle Heiden zum Gehorsam des Glaubens zu führen.

27 Ihm, dem einen, weisen Gott, sei Ehre durch Jesus Christus in alle Ewigkeit! Amen.


(1) „Ehre sei dem, der die Macht hat, euch Kraft zu geben.“ Der Römerbrief endet mit diesem Lobpreis Gottes. Alle Aufmerksamkeit wird auf den machtvollen Gott gelenkt. Ihm gebührt Lob und Ehre für das Werk seiner Schöpfung und für sein Handeln in der Geschichte. Gleichzeitig ist aus ihm eine Ermutigung herauszuhören. Er enthält die Einladung sich von Gott Kraft geben zu lassen. Wofür aber sollen sich die römischen Christen stärken lassen?

Paulus begründet in diesem Brief seine Absicht, die Christen und Christinnen in Rom aufzusuchen, „ich möchte euch geistliche Gaben vermitteln, damit ihr dadurch gestärkt werdet.“[1] Er wurde aber daran gehindert. Er bedauert das, „denn wie bei den anderen Heiden soll meine Arbeit auch bei euch Frucht bringen.“ Es liegt ihm jedoch viel daran auch den Römern das Evangelium zu verkünden: „Es ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt, zuerst den Juden, aber ebenso den Griechen.“[2] So sollen sich die römischen Gemeindemitglieder durch die rettende Kraft des Evangeliums stärken lassen, um selber an der Sendung des Völkerapostels – nämlich den Völkern das Heil zu verkünden – Anteil nehmen. Das vermögen sie, wenn sie die briefliche Botschaft des Apostels, das „neue Leben und die Hoffnung des Christen“[3] annehmen und verwirklichen.

(2) Dass es angebracht ist, Gott, der Kraft gibt und stärkt, zu loben und wohl auch zu danken, hat Paulus in „seinem Evangelium“ ausführlich und engagiert nachgewiesen. Sein Evangelium ist die Verkündigung des Leidens und Sterbens, sowie der Auferstehung Jesu. Durch Jesus Christus hat Gott die Welt mit sich versöhnt und die Menschen gerecht gemacht und gerettet.

Ohne Gott ist die Welt absurd, mit Gott ist sie ein Geheimnis“, sagte einmal Kardinal Henry Newman. Die Diskrepanz zwischen menschlichem Denken und dem überraschenden und anderen Handeln Gottes, kommt im „Geheimnis“ zum Ausdruck. Was lange Zeit unausgesprochen und verschwiegen worden war, ist „jetzt“ in und durch Jesus Christus geoffenbart worden. Diese Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus hat ein klares Ziel: „alle Heiden zum Gehorsam des Glaubens zu führen.“[4]

Die besondere Sendung, die Jesus dem Paulus auftrug, war die Verkündigung des Evangeliums unter den Völkern. Dies verlor der Apostel niemals aus dem Blick. Er legte darauf Wert, dass auch die neugegründeten Gemeinden, sich dieses Anliegen zu eigen machten. Das neue Leben in der Gemeinde, das sich in einem erlösten Miteinander, mit neu gewonnener Freiheit und Verbundenheit ausdrückt, soll Magnet für Menschen sein, die dem Geheimnis ihres Lebens auf der Spur sind.

(3) Viele Bibelwissenschafter neigen zur Annahme, dass dieser Lobpreis Gottes am Ende des Römerbriefes, ein späterer Zusatz ist. Der Verfasser dieser Verse wollte nicht nur den Brief mit einem kräftigen Schlussakkord ausklingen lassen, sondern dem Apostel Paulus ein ehrendes Denkmal setzen. Der Hinweis auf die „prophetischen Schriften“ und die Nennung des Zieles der Offenbarung des bisher verschwiegenen Geheimnisses: „um alle Heiden zum Gehorsam des Glaubens zu führen“, rechtfertigen die Annahme, dass mit den „prophetischen Schriften“ nicht die alttestamentlichen Bücher der Propheten gemeint sind, sondern vielmehr die Briefe des Apostel Paulus, unter diesen vor allem der Römerbrief. Vermutlich steht im Hintergrund der Vorgang der Auswahl verbindlicher Zeugnisse über Jesus Christus für die christlichen Gemeinden. Neben dem Alten Testament, das dem jüdischen Ursprung der Kirche geschuldet war und als Hinweis auf den kommenden Messias gelesen wurde, dürften die Paulusbriefe zu den „prophetischen Schriften“ gerechnet worden sein. Dieses Auswahlverfahren hat schließlich zur Kanonisierung (Festlegung) der neutestamentlichen Schriften geführt, die im Verlauf des 2. Jahrhunderts vor sich gegangen ist.

Vielleicht wird uns vor diesem Hintergrund der Klärung verbindlicher, identitätsstiftender, heiliger Schriften, die Bedeutung der geistlichen Schriftlesung für unser geistliches Leben in der Nachfolge Jesu bewusst. Viele Brüder und Schwestern und auch christliche Gemeinschaften beziehen ihre geistlichen Impulse aus der Lektüre der Heiligen Schrift. Die Verkündigung der Heiligen Schrift bildet einen Schwerpunkt der sonntäglichen, gottesdienstlichen Versammlung. Damit bekundet die Kirche, dass das Hören des Wortes Gottes fundamental ist.

Der erste Abschnitt des Briefes endet mit einem Lobpreis: „O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege!“ Der Verfasser des Zusatzes schließt ab: „Ihm, dem einen, weisen Gott, sei Ehre durch Jesus Christus in alle Ewigkeit! Amen.“

[1] Röm 2,11
[2] Röm 2,15.16
[3] Röm 5,12-8,39
[4] N. Baumert, Hochform 426, übersetzt: „... eine Botschaft vom Trauen unter allen Völkern bekannt gemacht worden ist...“ Das Evangelium des Apostels ist die Mitteilung von Gottes Heilshandeln für alle Menschen und nicht die Einforderung eines Gehorsams.


3. Adventsonntag 1 Thess 5,16-24

16 Freut euch zu jeder Zeit!
17 Betet ohne Unterlass!
18 Dankt für alles;
denn das will Gott von euch, die ihr Christus Jesus gehört. 19 Löscht den Geist nicht aus! 20 Verachtet prophetisches Reden nicht! 21 Prüft alles, und behaltet das Gute! 22 Meidet das Böse in jeder Gestalt!

23 Der Gott des Friedens heilige euch ganz und gar und bewahre euren Geist, eure Seele und euren Leib unversehrt, damit ihr ohne Tadel seid, wenn Jesus Christus, unser Herr, kommt. 24 Gott, der euch beruft, ist treu; er wird es tun.

 
(1) Texte, die wir spontan als schön empfinden und innerlich uneingeschränkt bejahen, weil sie klar und einleuchtend scheinen, sind in Gefahr, dass wir unsere eigene Botschaft aus ihnen herauslesen und nicht die der Autoren. Wir lesen im Text unsere eigene Biografie. Oft bleiben wir auch an der Oberfläche eingängiger Worte hängen. Das ruft ein Wort Dietrich Bonhoeffers in Erinnerung: "Wir müssen die biblischen Texte gegen uns selber lesen." Damit meint er, dass wir bereit sein müssen, uns vom biblischen Wort herausfordern zu lassen. Die Zumutung unseres "schönen" Lesungs-Textes ergibt sich aus dem Kontext.

Die heutige Lesung gehört zum Abschnitt der "Anweisungen für das Gemeindeleben". Sie sind das Resümee des Briefes und münden in einen Segenswunsch. Der Aufforderung, sich jederzeit zu freuen, gehen konkrete Anweisungen voraus: Die Mitglieder der Gemeinde sollen die Gemeinde-Leitung anerkennen, hochachten und lieben. Sie sollen untereinander Frieden halten und diejenigen zurechtweisen, die ein unordentliches Leben führen. Die Ängstlichen sollen sie ermutigen, sich der Schwachen annehmen und Geduld mit allen haben. Keiner soll Böses mit Bösem vergelten und alle sollen sich immer bemühen, einander und allen Gutes zu tun. Das ist das wirklich authentische Leitbild der Kirche. Für deren Verwirklichung formuliert Paulus praktische Weisungen, um aktuelle Herausforderungen zu bewältigen.

(2) Wer die Lesung liest, oder hört - und zwar gegen sich selber - und sich fragt, was will Gott mir damit sagen?, der anerkennt, dass es für die, die zu Jesus gehören, Gottes Wille ist, zunächst einmal die drei Imperative - "Freut euch zu jeder Zeit! Betet ohne Unterlass! Dankt für alles;" – als Grundlage zu verwirklichen.
Paulus betont in diesem Brief mehrmals, dass er durch den vorbildlichen Glauben der Gemeindemitglieder und das Wachsen der christlichen Gemeinde von Thessalonich, Freude erlebt. Diese Freude versteht er nicht zuletzt auch als Lohn für seine missionarischen Bemühungen.[1] Was aber bedeutet der Aufruf an die Brüder und Schwestern, sich jederzeit zu freuen? Eine solche Aufforderung ist doch eher ungewöhnlich. Kann man denn Freude befehlen?

Es geht dem Apostel nicht darum, Gefühle zu manipulieren, sondern er ist überzeugt, dass die Zugehörigkeit zu Jesus Christus, der tiefste und innerste Grund sich zu freuen ist. Sie bedeutet durch Jesu Christi Tod und Auferstehung, von Gott angenommen und erlöst zu sein und in unzerstörbarer Beziehung mit Jesus zu leben. Die Zugehörigkeit der Gemeindemitglieder zu Jesus Christus motiviert, sich zu freuen, zu beten und zu danken. Das Bewusstsein - zum Leben in Christus und mit Christus berufen zu sein, schafft einen Grundwasserspiegel freudiger und dankbarer Gestimmtheit, der es ermöglicht, sich jederzeit zu freuen.

Ohne Unterlass zu beten und für alles zu danken, sind eng miteinander verbunden. Beten meint vor allem Lobpreis Gottes. Wenn sich ein Jude an Gott wendet, ob in Freud oder Leid, spricht er: "Gepriesen bist Du Herr, unser Gott, Schöpfer der Welt;" erst dann folgen Bitten und Dank. Zuerst dankt er für das, was Gott ihm schon geschenkt hat, an Taten, die ihn froh gemacht haben, an Begegnungen und Erfahrungen. Dann erst wendet er sich in bittender Haltung an Gott. Jedoch noch nicht sofort mit einer konkreten Bitte, sondern er tritt in einen Dialog mit Gott darüber ein, was geschehen müsse.[2]

Die drei ersten "Befehle" des Apostels können wir als innere Bedingung für das spezifische Vorangehen in Unterscheidungsfragen der Gemeinde verstehen. Anschließend schreibt Paulus den Thessalonichern vier markante Leitsätze ins pfarrgemeindliche Stammbuch:

"Löscht den Geist nicht aus!" Das heißt: weiterhin das verkündete Wort mit Freude aufnehmen und bezeugend weitergeben (1 Thess 1,2-7). Und es heißt auch, der Berufung "heilig zu sein", zu folgen.[3]

"Verachtet prophetisches Reden nicht!" Offenbar hatte die Gemeinde noch nicht gelernt, Unterscheidungsprozesse kontrovers und konstruktiv durchzuführen. Die gemeinsame Suche nach dem, was Gott will, dass die Gemeinde tun soll, befand sich noch im Anfangsstadium. Jedenfalls sah sich der Apostel genötigt, der konstruktiven Kritik, dem ehrlichen Wort über den traurigen Zustand des Gottesvolkes in der Gemeinde-Versammlung, Raum zu geben.[4]

"Prüft alles, und behaltet das Gute!" Die Christen und Christinnen von Thessalonich waren nicht nur Bürger der Königsherrschaft Gottes, sondern auch des Römischen Reiches. Sie waren konfrontiert mit dem römischen Zeitgeist, mit römischen Leitbildern und Moden, mit deren Gewohnheiten und Gebräuchen. Nicht alles war mit ihrem Christsein vereinbar. Da Paulus nicht für alles Wählen und jedes Verhalten klare Handlungsanweisungen geben konnte, wollte er die Brüder und Schwestern befähigen, eine Vorgehensweise zu entwickeln und zu praktizieren, die ihnen hilft herauszufinden, was zu wählen und was zu verwerfen ist. Das betraf natürlich auch innerkirchliche Angelegenheiten.

"Meidet das Böse in jeder Gestalt!" Das Böse steht im Widerspruch zur Gottesherrschaft. Es hemmt deren Wachstum und beeinträchtigt das Zeugnis in der Nachfolge Jesu, sowohl der Einzelnen als auch der Gemeinde. Paulus mutet den Thessalonichern die Last der Unterscheidung zu. Sie müssen selbst herausfinden, was ihrem Leben aus der Taufgnade widerspricht und mit ihrer Berufung unvereinbar ist. Diese Zumutung bedeutet aber auch die Anerkennung, selbstverantwortlich, vor Gott, Entscheidungen treffen zu können.

Seine Anweisungen für die innere Voraussetzung zur Verwirklichung nachfolgender Leitsätze, um die Gemeinde in der Spur der Nachfolge Christi zu behalten, beendet der Apostel mit einem entlastenden Segenswunsch: "Der Gott des Friedens heilige euch ganz und gar und bewahre (euch) ... unversehrt, damit ihr ohne Tadel seid, wenn Jesus Christus, unser Herr, kommt." Paulus versichert die Thessalonicher der Hilfe Gottes im Umgang mit ihren Problemen. Gott wird ihnen zeigen, was sie zu tun haben und ihnen die Kraft geben, es zu tun.

Die Zusage, dass Gott treu ist und "es" tun wird, erinnert an die Ermutigung in Nehemia 8,10: "Macht euch keine Sorgen; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke".

(3) Mit den "Anweisungen für das Gemeindeleben" gibt Paulus den Thessalonichern seine Vision von Gemeinde (5,12-15) mit auf den Weg. Er gibt ihnen aber auch Prinzipien und eine Strategie an die Hand, die ihnen deren Verwirklichung ermöglichen soll (5,16-22). Nicht zuletzt erbittet er vom "Gott des Friedens" Hilfe für die Erfüllung ihres Auftrags (5,23-24). Ihr respektvolles Mit- und Füreinander als Brüder und Schwestern des Vaters im Himmel, ist unaufdringlich, aber sichtbar für den, der es sehen möchte. Macht dieser Text des Apostel Paulus nicht radikal und schmerzlich bewusst, woran es unseren Gemeinden und unserer Kirche wirklich fehlt?

[1] 1 Thess 2,19f; 3,9
[2] N. Baumert, Weg des Trauens, 332: „Wie viele Anläufe zum Bittgebet verlaufen im Sande, weil der Mensch sich auf diesen Klärungsprozess überhaupt nicht einlässt, sondern meint, Gott müsse sofort gerade das tun, worum der Mensch selbst ihn jetzt bittet."
[3] H.-J. Venetz/S. Bieberstein, Bannkreis 37: „‚Ziemlich oft spricht Paulus von unserer Heiligkeit und von unserer Heiligung. So schreibt er an einem Ort, wenn ich mich recht erinnere: Das ist der Wille Gottes: eure Heiligung. An einem anderen Ort schreibt er: Gott hat uns nicht zur Lasterhaftigkeit berufen, sondern zur Heiligung, und er bittet für uns, dass unsere Herzen gefestigt seien, untadelig in Heiligkeit vor unserem Gott bei der Ankunft unseres Herrn Jesus, und am Schluss des Briefes wünscht er: Der Gott des Friedens heilige euch ganz und gar. Ich verstehe das so, dass wir uns das ganze Leben hindurch heiligen sollen oder besser heiligen lassen sollen. Das ist eigentlich das einzige Gebot, das wir haben.’"
[4] H.-J. Venetz/S. Bieberstein, Bannkreis 40: „‚Paulus kritisiert unser Volk, das ist wahr. Aber haben das die Propheten nicht auch gemacht? Es wird doch niemandem einfallen, all die kritischen Worte der Propheten gegen Israel aus unseren Heiligen Schriften herauszustreichen.’"


2. Adventsonntag 2 Petr 3,8-14

Das eine aber, liebe Brüder, dürft ihr nicht übersehen: dass beim Herrn ein Tag wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag sind.[1] 9 Der Herr zögert nicht mit der Erfüllung der Verheißung, wie einige meinen, die von Verzögerung reden; er ist nur geduldig mit euch, weil er nicht will, dass jemand zugrunde geht, sondern dass alle sich bekehren.
10 Der Tag des Herrn wird aber kommen wie ein Dieb. Dann wird der Himmel prasselnd vergehen, die Elemente werden verbrannt und aufgelöst, die Erde und alles, was auf ihr ist, werden (nicht mehr) gefunden.[2]

11 Wenn sich das alles in dieser Weise auflöst: wie heilig und fromm müsst ihr dann leben, 12 den Tag Gottes erwarten und seine Ankunft beschleunigen! An jenem Tag wird sich der Himmel im Feuer auflösen, und die Elemente werden im Brand zerschmelzen. 13 Dann erwarten wir, seiner Verheißung gemäß, einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt.

14 Weil ihr das erwartet, liebe Brüder, bemüht euch darum, von ihm ohne Makel und Fehler und in Frieden angetroffen zu werden.


(1) Der Zweite Petrusbrief wurde wahrscheinlich in den Jahren 64/65 n. Chr. in Rom vom Apostel Petrus geschrieben. Er wendet sich in diesem Schreiben ausnahmslos an alle Christen. Es ist sein Vermächtnis, da er seine Lebenszeit an sein nahes Ende gekommen sieht.[3]

Petrus will den Glauben seiner Leser durch die Festigung ihrer Hoffnung auf das Wiederkommen Christi und durch die Warnung vor Irrlehrern stärken. Im 2. Kapitel des Briefes beschreibt er das Auftreten und Wirken von Irrlehrern. Gegen die „Verzögerungs-Spötter“ argumentiert er in der heutigen Lesung.

In den Gemeinden sind Leute aufgetreten, die aufgrund des Nicht-Eintretens der Naherwartung, ihren Glauben aufgegeben haben. Weil das verheißene, nahe Ende noch nicht angebrochen ist, sich also verzögert, warfen sie ihren Glauben an Jesus Christus über Bord. Aufgrund der Nichterfüllung der Naherwartungs-Verheißungen waren der Kirche und den Gemeinden tatsächlich große Probleme entstanden, deren zersetzende Wirkung wir heute vielleicht nicht mehr begreifen.

Unter Naherwartung versteht man „die Vorstellung vom unmittelbaren Bevorstehen des Weltendes und des damit verbundenen endgültigen Anbruchs des Reiches Gottes bzw. der Parusie des Menschensohnes mit den endzeitlichen Ereignissen der Auferstehung der Toten und des Weltgerichts.“[4] Die synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas) zeigen nicht nur, dass mit Jesus das Reich Gottes bereits angebrochen ist, sondern auch, dass die gegenwärtige Generation den endgültigen Anbruch des Reiches Gottes erleben wird. So sagt Jesus in Markus 9,1: „Amen, ich sage euch: Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht erleiden, bis sie gesehen haben, dass das Reich Gottes in (seiner ganzen) Macht gekommen ist.“[5]

Wie sind die biblischen Schriftsteller mit diesem Problem umgegangen? Zunächst folgte man der Meinung, dass das Ende tatsächlich nahe bevorsteht (1 Thess 4,15-17[6]). Eine andere Einstellung taucht in 2 Thess 1,4-7 auf: Die Verfolgungen und Nöte der Gemeinde werden als notwendige Bewährung vor der Parusie (Wiederkunft Christi) verstanden. Schließlich wird vor einer übertriebenen Naherwartung, die sogar als Irrlehre bezeichnet wird, gewarnt (2 Thess 2,2-8).

(2) Dass das Ausbleiben der Parusie zu einem immer größeren Problem für die Gläubigen wurde, hat seinen Niederschlag in der heutigen Lesung gefunden. Weil sich die Parusie-Verheißung nicht erfüllt hat, haben einige Christen nicht nur ihren Glauben aufgegeben, sondern auch Gott in Frage gestellt. Ihr Argument lautet: „Wo bleibt denn seine verheißene Ankunft? Seit die Väter[7] entschlafen sind, ist alles geblieben, wie es seit Anfang der Schöpfung war.“[8] Petrus weist zunächst darauf hin, dass vor der Ewigkeit Gottes, sich die Zeitfrage gänzlich relativiert. Die mit der Uhr messbare Zeit ist nur für uns Menschen von Bedeutung, nicht aber für Gott. Das entscheidende Argument für das Ausbleiben der Parusie ist aber die Geduld Gottes. Er will, dass alle umkehren und niemand zugrunde geht, wenn der „Tag Gottes“ überraschend wie ein Dieb hereinbricht. Der Verfasser begründet das Kommen Christi in Herrlichkeit am „Tag Gottes“ mit der Offenbarung am Berg der Verklärung in Markus 9,1-10.[9] Auf dem Berg haben die Apostel die Herrlichkeit Christi geschaut. Gott gab ihm Ehre und Herrlichkeit und offenbarte ihn als seinen geliebten Sohn, der ganz nach seinem Geschmack ist. Die Erfahrung der Verklärung Jesu begründet und gewährleistet die zukünftige Erfüllung der Verheißung. Die Begründung baut auf das Wort Gottes und der Offenbarung Jesu als Sohn.

(3) Wie sollen wir als Christen angesichts der (noch) nicht erfüllten Naherwartung unser Leben gestalten? In Jesus von Nazaret hat Gottes „schon immer auf die Welt zukommende Gnade endgültig ihr Ziel erreicht. Damit ist Endzeit. Wenn das Reich Gottes trotzdem noch nicht in seiner ganzen Fülle da ist, so liegt das nicht daran, dass Gott es noch zurückhält, sondern daran, dass wir es noch nicht voll ergriffen haben. Überall ist noch Unglaube. Das Reich Gottes kann noch nicht volle Realität werden. Was mit Christus schon da ist, hat sich noch nicht durchgesetzt. Aber das liegt nicht an Gott. Es liegt an uns, an unserer mangelnden Umkehr. Von Gott her gesehen ist alles da, ist alles angeboten. Wir müssten es nur ergreifen.“[10]

Genau das will uns auch die heutige Lesung sagen: Wir können die Ankunft des Herrn in Herrlichkeit durch ein „heiliges und frommes“ Leben beschleunigen.


[1] Vgl. Psalm 90,4
[2] 3,10 die Erde und alles, was auf ihr ist, wörtlich: die Erde und die Werke auf ihr. - Die eingeklammerten Worte „nicht mehr“ finden sich nur bei wenigen Textzeugen, sind aber für den Sinn des Satzes notwendig.
[3] 2 Petr 1,14
[4] Finkenzeller, Naherwartung, LdkD, 386
[5] Vgl.: Mk 13,28-30: „Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. Genauso sollt ihr erkennen, wenn ihr (all) das geschehen seht, dass das Ende vor der Tür steht. Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles eintrifft.“ Mt 10,23: „Wenn man euch in der einen Stadt verfolgt, so flieht in eine andere. Amen, ich sage euch: Ihr werdet nicht zu Ende kommen mit den Städten Israels, bis der Menschensohn kommt.“
[6] Siehe: 32. Sonntag, Lesejahr A
[7] 3,4 die Väter: die Christen der ersten Generation.
[8] 2 Petr 3,4
[9] 2 Petr 1,16-18
[10] N. Lohfink, Verharmlosung, 30f


1. Adventsonntag  B                                                1Kor 1,3-9

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Ich danke Gott jederzeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch in Christus Jesus geschenkt wurde, 5 dass ihr an allem reich geworden seid in ihm, an aller Rede und aller Erkenntnis. 6 Denn das Zeugnis über Christus wurde bei euch gefestigt, 7 so dass euch keine Gnadengabe fehlt, während ihr auf die Offenbarung Jesu Christi, unseres Herrn, wartet. 8 Er wird euch auch festigen bis ans Ende, so dass ihr schuldlos dasteht am Tag Jesu, unseres Herrn.[1]

9 Treu ist Gott, durch den ihr berufen worden seid zur Gemeinschaft mit seinem Sohn Jesus Christus, unserem Herrn.








(1) "Gnade sei mit euch und Friede von Gott." Dieser Gruß, den Paulus an den Beginn seines Briefes an die Korinther setzt, ist ein "frommer Wunsch" mit dem er seinen Brief beginnt. Jedenfalls eignet sich dieser auch als Hoffnungswort für das neue Kirchenjahr, das wir uns immer neu einander zusprechen sollten: Wir sind berufen Empfänger und Träger der Gnade und des Friedens Gottes zu sein.

Das ist heute mindestens so wichtig wie damals. Paulus sah sich mit einer unerfreulichen Situation konfrontiert. Die Gemeinde von Korinth war eine lebendige, selbstbewusste, aufstrebende Gemeinde, die von sich Reden machte, vor allem wegen ihrer Gnadengaben, den sogenannten Charismen. Diese trugen aber nur teilweise zur Auferbauung der Gemeinde bei. Der positive Anteil wurde durch negative Auswirkungen überdeckt wenn die Gnadengaben nicht in den Dienst des Reiches Gottes gestellt wurden, sondern der Mehrung des eigenen Ansehens dienen sollten. Dies führte zu Prahlerei, Ehrsucht, Neid und Eifersucht. Diese Ichbezogenheit vieler gemeindlicher Aktivitäten führte die Gemeinschaft der Christen in Korinth an den Rand des Abgrunds einer Spaltung.

(2) Paulus erinnert die Brüder und Schwestern in Korinth daran, wie Gott an ihnen gehandelt hat und wohin er sie führen will. Es ist ein Weg, der mit der Annahme des Glaubens, den der Apostel und andere ihnen vermittelten, begonnen hat. Dieser Weg mündet in den "Jüngsten Tag", den Tag der "Offenbarung Jesu Christi, unseres Herrn." Irgendwo, zwischen diesen beiden Punkten ist die Christengemeinde von Korinth unterwegs. Offensichtlich ist Paulus überzeugt, dass er die Korinther erinnern muss, dass Gottes Gnade sie auf ihrem Weg begleitet.

Die große Gnade, die ihnen zuteil geworden war, ist Jesus Christus. Er ist zunächst und vor allem ein Geschenk Gottes, die Gnadengabe schlechthin. Gott hat sie zur Gemeinschaft mit seinem Sohn Jesus Christus berufen. Paulus war das Werkzeug Gottes, der ihnen die Botschaft vom gekreuzigten und auferstandenen Christus gebracht hat. Sie selbst haben den Verkündigten, Christus, auf- und angenommen. In der Gemeinschaft mit ihm haben sie ihr Leben neu orientiert und Vielem den Rücken gekehrt. Der Preis, den sie für den Eintritt in die Christengemeinde bezahlt haben war hoch. Dafür aber wurden sie durch die vielen Schwestern und Brüder entschädigt, die nun mit ihnen demselben Ziel entgegengingen. Die Gemeinschaft mit Jesus Christus, ihre Solidarität untereinander, sowie ihr gemeinsames Unterwegssein bedeuteten einen großen Reichtum. Sie sind sich ihrer Verantwortung für die Gemeinde und ihrer Begabungen[2] bewusst geworden.

Gott schenkte ihnen auch die Gnade „an aller Rede und aller Erkenntnis“ reich zu werden, was sie zum Zeugnis für Jesus befähigte. Für ihr Leben in, mit und durch Jesus Christus haben sie Zeugnis abgelegt. Das festigt und stärkt ihren Glauben, der Halt und festen Boden unter den Füßen gibt. Die innige Verbundenheit mit Jesus wird sie bei der "Offenbarung Jesu Christi" das volle Licht des wiederkommenden Herrn schauen lassen.

Schon über Stephanus hat sich der Himmel geöffnet und er "sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen (Apg 7,55)." Als Paulus sich Damaskus näherte, umstrahlte ihn ein Licht und Jesus sprach zu ihm (Apg 9,3). Gott hat ihm seinen Sohn geoffenbart, dass er ihn unter den Heiden verkündige (Gal 1,16). Diese Offenbarungs-Erfahrungen werden noch überstrahlt beim Wiederkommen des Herrn am "Jüngsten Tag", an dem der Menschensohn die von ihm Auserwählten zusammenführen wird (Mk 13,27).

(3) In der Adventszeit, der dunkelsten Zeit des Jahres, haben Kerzen und Licht eine große Bedeutung. "Denn die erwartete Ankunft Jesu, seine Wiederkunft, wird umfassendes Licht in unserer Finsternis sein. Dieses Licht wird nicht nur offenlegen, sondern auch wärmen und verwandeln."[3]


[1] 1,8 Gemeint ist die Wiederkunft Christi in Herrlichkeit zum Gericht und zur Vollendung der Welt (vgl. 15,23-28).
[2] Sie erlebten, dass ihre Begabungen - vergleichbar mit einem Strauß schönster Wiesenblumen - an Farbe und Buntheit zugenommen haben. Aber gerade was die Begabungen betrifft, mussten sie schmerzlich lernen, dass sie nur dann ans Ziel kommen wenn sie in den Dienst der Gottesherrschaft gestellt werden. Dann erst präsentiert sich ihr Blumenstrauß in voller Pracht. Wie im Gleichnis von den zwei Dienern, die mit ihren anvertrauten Gaben gut wirtschafteten und sie verdoppelten und als Belohnung die ursprünglich anvertrauten Gaben vermehrt wurden.
[3] K. Berger, Briefe, 135


34.Christkönig                1 Kor 15,20-26.28

20 Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen. 21 Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist,[1] kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten. 22 Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.

23 Es gibt aber eine bestimmte Reihenfolge: Erster ist Christus; dann folgen, wenn Christus kommt, alle, die zu ihm gehören.[2] 24 Danach kommt das Ende, wenn er jede Macht, Gewalt und Kraft vernichtet hat und seine Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt. 25 Denn er muss herrschen, bis Gott ihm alle Feinde unter die Füße gelegt hat.[3] 26 Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod.

28 Wenn ihm dann alles unterworfen ist, wird auch er, der Sohn, sich dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott herrscht über alles und in allem.


 
(1) Hinsichtlich der Auferstehung spricht Paulus mit aller wünschenswerten Klarheit: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos.“ Einige Verse später betont er: „Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen.“[4] Es geht bei der Auferstehung aber nicht nur um den Sinn seiner Verkündigung und um den Glauben der Menschen, sondern auch um das Ziel menschlichen Lebens. Aus dem Munde eines Zeitgenossen des Paulus in Korinth hört sich das so an: „‚Ich möchte wissen, was in meinem Tod und nach meinem Tod passiert. Ich möchte wissen, ob mich dann all das, was hier geschieht, in unserer Stadt, in unserer Gemeinde Gottes, all das, wofür ich mich eingesetzt habe und einsetze, ob mich all das noch etwas angeht. Ich möchte wissen, ob die Herrschaft des Christus auch über meinen Tod hinaus mich meint, mich ganz persönlich.’“[5] Und heute am Christkönigssonntag interessiert natürlich auch die Frage, ob und wie Jesus Christus als König herrscht.

(2) Für die Korinther ist Pauls Verkündigung der Auferstehung Jesu viel schwerer zu verstehen und anzunehmen, als für die Juden, die durch ihre Heiligen Schriften darauf vorbereitet sind. Erinnern wir uns an die Überlieferung vom Auftreten des Apostels in Athen und seiner Abfuhr als er von der Auferstehung Jesu zu reden begann.[6]

Paulus verkündet, dass Gott Jesus Christus von den Toten auferweckt hat. Wie Jesus Mensch für andere war, so dient auch seine Auferweckung nicht seiner Selbstbestätigung, sondern uns Menschen. Sie steht im Dienste unserer Rettung. Paulus bringt dies im Bild von der Erstlingsgabe („der Erste“) zum Ausdruck. Sie wird als erste Erntegabe Gott stellvertretend für die gesamte Ernte dargebracht. Symbolisch wird die Ernte Gott dankend übereignet und aus seiner Hand entgegengenommen. Damit wird anerkannt, dass er der Spender aller guten Gaben ist. Das Bild besagt: „Die Auferstehung Jesu ist nicht nur die erste in einer langen Kette von Auferstehungen, die Gott verheißt, sondern die eine Auferstehung, in der alle anderen Auferstehungen begründet sind.“[7]


Was Paulus im Bildwort andeutete, das hat er anschließend in der Kontrast-Parallele Adam-Jesus verdeutlicht. Adams Schuld hat der Welt Unheil gebracht. Er hat sich gegen Gott aufgelehnt und wollte selbst wie Gott sein und hat so den Tod für sich und alle Menschen nach sich gezogen. Aber das sollte nicht das Ende sein. Das, was Gott mit dem Menschen (Adam) noch vorhat wird endgültig sichtbar in Jesus Christus, durch den die Auferstehung kommt. Der, welcher der Welt das Heil bringt, muss selber Mensch sein, das Leben eines Menschen führen und den Tod eines Menschen erleiden.

„In Adam“ sterben alle, weil sie sündigen und ihre Sünden Ausdruck des Widerspruchs gegen Gott und die Mitmenschen sind. „In Christus“ dagegen werden alle lebendig gemacht, weil in denjenigen, die „in Christus“ sind, bereits der Geist des Lebens wirkt, der sie künftig zur Auferstehung führen wird.

(3) Der Text manifestiert anschließend folgenden Ablauf der heilsgeschichtlichen Ereignisse: „Auferstehung Jesu – Sitzen Jesu zur Rechten des Vaters – der Vater besiegt für Jesus die Feinde des Menschen – der letzte Feind ist der Tod – Jesus kommt wieder – die Auferstehung der Toten kann geschehen, denn der Tod ist besiegt... Dann folgt die ‚Unterwerfung’ des Sohnes unter den Vater, auf dass Gott alles in allem sei.“[8]
Jesus Christus regiert jetzt als König. Er herrscht seit seiner Auferstehung und Erhöhung zur Rechten des Vaters, bis zu seiner Wiederkunft. In dieser Zwischenzeit seit Jesu Erhöhung bis zu seinem Wiederkommen leben wir jetzt. Die Zeit der Herrschaft Christi ist geprägt durch den Kampf gegen die menschenfeindlichen Herrschaften, Gewalten und Mächten. Es sind die, den Menschen verachtende Ideologien, wie Nationalismus, Rassismus, Faschismus, Kommunismus, Militarismus, Kapitalismus und jede Art von Totalitarismus. Die hauptsächlichen Mächte sind Geiz und Neid.

Das Ende kommt dann, „‚wenn jede Macht und Herrschaft und Gewalt dem Christus unter die Füße gelegt sein wird, dass der letzte Feind, der entmachtet wird, der Tod ist und dass sich letztlich der Sohn mit allem, was er sich unterworfen hat, selbst dem Vater unterwerfen wird, damit Gott alles in allem ist.’’’[9] Dass Gott alles in allem ist bedeutet, dass er alles mit seiner Herrlichkeit erfüllt.


[1] Gen 3,17-19
[2] 1 Thess 4,15
[3] Ps 110,1 und Ps 8,7
[4] 1 Kor 15,14.19
[5] H.-J. Venetz/S. Bieberstein, Bannkreis, 141f
[6] Apg 17,31f: „Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, spotteten die einen, andere aber sagten: Darüber wollen wir dich ein andermal hören.“
[7] Th. Söding, Gottessohn, 79
[8] K. Berger, Briefe, 219
[9] H.-J. Venetz/S. Bieberstein, Bannkreis, 140


33. Sonntag im Jahreskreis 1 Thess 5,1-6


1 Über Zeit und Stunde, Brüder, brauche ich euch nicht zu schreiben. 2 Ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht.

3 Während die Menschen sagen: Friede und Sicherheit!, kommt plötzlich Verderben über sie wie die Wehen über eine schwangere Frau, und es gibt kein Entrinnen.

4 Ihr aber, Brüder, lebt nicht im Finstern, so dass euch der Tag nicht wie ein Dieb überraschen kann. 5 Ihr alle seid Söhne des Lichts und Söhne des Tages. Wir gehören nicht der Nacht und nicht der Finsternis. 6 Darum wollen wir nicht schlafen wie die anderen, sondern wach und nüchtern sein.

(1) Die Fähigkeit zu delegieren ist eine „not-wendende“ Begabung für Manager, die viel um die Ohren haben. Da Delegation immer mit Vertrauen verbunden ist, will sie auch gut überlegt sein. Nach der Eisenhower-Matrix sollen Angelegenheiten, die dringend, aber nicht wichtig sind, abgetreten werden, damit Zeit frei wird, für solche, die wichtig, aber nicht dringend sind.

Wenn Delegation Abtreten von Verantwortung bedeutet, kann sie verhängnisvoll sein, weil sie die Selbstbestimmung gegen Fremdbestimmung eintauscht. Leider fördert der Staat die Abtretung der Kompetenzen der Individuen, weil er zu einem nimmersatten Moloch neigt und dem Hang des Menschen zur Bequemlichkeit entgegenkommt. So nimmt die entmündigende Delegation ihren Lauf. Wir delegieren und wiegen uns in bequemer, falscher Sicherheit und bauen auf einem Fundament, das sehr fragil ist. Der Christ jedenfalls darf seine Verantwortung, die er mit der Taufe übernommen hat, nicht delegieren.

(2) Paulus konnte die besorgten Thessalonicher beruhigen. Ihre lieben Verstorbenen sind von der Begegnung mit dem wiederkommenden Christus am „Tag des Herrn“ nicht ausgeschlossen. Zusammen mit den Lebenden werden sie an der Herrlichkeit des kommenden Christus teilhaben. So konnte Paulus den besorgniserregenden Aspekt der „Wiederkunft des Herrn“ als Missverständnis entschärfen. Um den Thessalonichern zu erklären, dass die Trennung von lieben Verstorbenen keine endgültige ist, hat er ihren Blick in die Zukunft auf den „Tag des Herrn“ gelenkt. Das Heil für die Lebenden und Verstorbenen, das sich bei der Wiederkunft des Herrn endgültig vollendet, ist eine große, verheißene Gabe Gottes.

Jetzt aber liegt dem Völkerapostel viel daran, ihren Blick in die Zukunft zurück auf die konkrete Gegenwart zu lenken. Das christliche Engagement im Hier und Heute wird inspiriert und befeuert, nicht nur durch die Taufe, sondern auch vom Ende her, von der Begegnung mit dem wiederkommenden Herrn. Die Verheißung der Herrlichkeit - in der Zukunft - gibt ihnen Kraft und Zuversicht für die Gegenwart, birgt jedoch auch die Gefahr, in der Wachsamkeit, Konzentration und Einsatzbereitschaft im Dienst des Herrn nachzulassen.

Paulus verwendet das Bild vom einbrechenden Dieb, um die Konsequenz des Unvorbereitet-Seins auf den „Tag des Herrn“, oder dessen "Verschlafen", aufzuzeigen. Der Tag des Herrn kommt dann wie ein Dieb. Wenn ich keine Maßnahmen gegen den Einbruch getroffen habe, wird der Dieb ungehindert zu seiner Beute kommen. Es geht dabei nicht um irgendein Raubgut, sondern um mein Leben.[1]

Paulus warnt auch vor dem Slogan der römischen Staatspropaganda: Frieden und Sicherheit (pax et securitas). Er trägt nicht wirklich und ist nur dünnes Eis unter den Füßen und könnte dazu verleiten sein Lebenshaus auf Sand[2] zu bauen. Der "Tag des Herrn" ist so natürlich und unausweichlich, wie die Geburtswehen bei einer Schwangeren. Niemand kann ihm entweichen. Als Söhne und Töchter des Lichtes, wird der "Tag des Herrn" für die Christen in Thessalonich nicht die negativen Folgen haben, wie für die Söhne und Töchter der Finsternis, die das Licht - Jesus Christus - nicht aufnahmen und nicht an ihn glauben.

Paulus ermutigt die Thessalonicher an Jesu Projekt der Befreiung der Menschen von Fremdbestimmung und ihrer Versöhnung mit Gott, mitzuwirken. Sie sollen die ihnen geschenkte Zeit der Bewährung zu einem intensiven, christlichen Leben nutzen. Es ist der Schlüssel zum Aussperren des Diebes, der in der Nacht einbricht, und der Weg zur Begegnung mit dem wiederkehrenden Herrn. Im Alltagsleben dürfen das Ziel und der Weg zum Ziel niemals aus dem Blick verloren gehen. In dieser Hinsicht gilt es wachsam und nüchtern zu sein.

(3) Hören wir abschließend hinein in das fiktive Gespräch einiger Christen in Thessalonich: „‚Wenn wir uns immer so schwer tun, den Tod Jesu zu verstehen - hier ist der Sinn gut angegeben: Er ist für uns gestorben, das heißt mit uns bis zum letzten solidarisch geworden, damit wir vereint mit ihm leben. Ein Leben mit ihm wäre überhaupt nicht möglich, wenn er nicht bis zum Äußersten gegangen wäre. Mit ihm leben: das könnte doch der Sinn unseres Lebens sein - und unseres Sterbens... Mit ihm sind wir als Lebende, mit ihm kämpfen wir für die Befreiung der Welt und der Menschen, kämpfen mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil.'"[3]

[1] Vgl. Mt 24,43-51
[2] Bergpredigt: Das Leben baut auf Fels, wer Jesu Wort hört und danach handelt. Auf Sand baut sein Leben, wer Jesu Wort hört und nicht danach handelt.
[3] H.-J. Venetz/S. Bieberstein, Bannkreis, 69


32. Sonntag im Jahreskreis 1 Thess 4,13-18

13 Brüder, wir wollen euch über die Verstorbenen nicht in Unkenntnis lassen, damit ihr nicht trauert wie die anderen, die keine Hoffnung haben.[1] 14 Wenn Jesus - und das ist unser Glaube - gestorben und auferstanden ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen. 15 Denn dies sagen wir euch nach einem Wort des Herrn: Wir, die Lebenden, die noch übrig sind, wenn der Herr kommt, werden den Verstorbenen nichts voraushaben.

16 Denn der Herr selbst wird vom Himmel herabkommen, wenn der Befehl ergeht, der Erzengel ruft und die Posaune Gottes erschallt. Zuerst werden die in Christus Verstorbenen auferstehen; 17 dann werden wir, die Lebenden, die noch übrig sind, zugleich mit ihnen auf den Wolken in die Luft entrückt, dem Herrn entgegen. Dann werden wir immer beim Herrn sein.

18 Tröstet also einander mit diesen Worten!

 
 
(1) Was wird mit unseren Lieben sein die sterben, bevor Jesus wiederkommt? Werden wir dann für immer von denen getrennt sein, die uns nahe standen, von der Gattin, dem Sohn, der Freundin, dem Bruder? Wird das Glück, den wiederkehrenden Herrn Jesus Christus zu empfangen, getrübt durch das Unglück der Trennung von denen, die zwar gehofft hatten beim Fest der Parusie[2] dabei zu sein und ihr Leben darauf hin ausgerichtet haben, nur leider vor diesem Ereignis gestorben sind? Diese Fragen stellten sich die Christen in Thessalonich, die die Wiederkunft des Herrn schon bald erwarteten.

Für manche Hinterbliebene in der Christengemeinde von Thessalonich hat der Verlust eines geliebten Menschen die Vorfreude auf die Wiederkunft des Herrn radikal reduziert. Im Gespräch unter Brüder und Schwestern mag sich das Problem so angehört haben: „‚Wir haben in unserer Gemeinde mehrere Todesfälle zu beklagen, die uns hart treffen. Einige von uns kommen darüber nicht so recht hinweg. Mitten in unserem großen Aufbruch ist uns Aristia, die Frau des Demetrius... weggestorben. Warum nur? Es ist doch, als ob sie nicht dabei sein dürfte, wenn unser Herr kommt. Aristia war eine große Stütze unserer Gemeinde. Und wir waren echte Freundinnen... Ich weiß, man sollte das nicht so sagen; aber es macht nicht viel Sinn, den Herrn zu erwarten, wenn die Liebsten doch nicht mehr da sind, wenn sie bei seiner Ankunft doch nicht mitfeiern können.’“[3]

(2) Paulus, der sich nicht nur als Verkünder des Evangeliums versteht, sondern auch Seelsorger sein will, geht auf diese Frage ein, die die Christen in Thessalonich umtreibt: Er will sie trösten und sie „über die Verstorbenen nicht in Unkenntnis lassen.“ Sie sollen nicht trauern „wie die anderen, die keine Hoffnung haben.“ Was die Christen von den „anderen“, den Heiden, unterscheidet ist also ihre Hoffnung. Worauf bauen die Heiden und Neuheiden ihr Leben? Worin besteht ihre Hoffnung? Sie beten falsche Götter, Götzen, leblose, von Menschenhand hergestellte Gebilde an. Sie sind tot, nicht lebendig. Die Thessalonicher haben sich von diesen abgewandt, um den wahren, lebendigen Gott anzubeten. Und dieser Gott, der in der Geschichte handelt, hat seine Lebendigkeit nicht zuletzt dadurch erwiesen, dass er Jesus zum Leben erweckt hat.

Im ältesten seiner Briefe schon stellt Paulus den Zusammenhang zwischen der Auferstehung Jesu und der Auferstehung aller „in Christus Verstorbenen“ her. Die, die bei der Wiederkunft Jesu noch leben, haben keinen Vorteil gegenüber denen, die schon gestorben sind. Es kommt nicht auf die Begegnung von Angesicht zu Angesicht am „Jüngsten Tag“ an, sondern vielmehr auf das Leben aus der Taufgnade, auf das Leben „in Christus“. Eine Witwe, Juliane mit Namen, in Thessalonich hat ihre Hoffnung - vermittelt durch Paulus - so ausgedrückt: „‚Für Paulus scheinen die Toten nicht einfach tot zu sein. Sie schlafen auch nicht nur und warten auf eine Auferstehung am Jüngsten Tag. Sie sind in Christus... Und dann sagt Paulus noch ein zweites: Wenn der Christus kommt, dann werden auch die Verstorbenen in Christus mit ihm kommen. Auch das glaube ich. Und das genügt mir. ‚Verstehe ich dich recht, sagte Andronikus, ‚wenn wir beten oder singen Komm, Herr Jesus, dann bitten wir auch, dass die Verstorbenen mit ihm kommen?’ ‚Das ist es ja, was ich so tröstlich finde, antwortete Juliane.’“[4]

Mit dieser Hoffnung lässt es sich gut sterben, aber auch gut leben. Mit unseren Verstorbenen sind wir eins „in Christus Jesus“. Der physische Tod kann uns weder von Christus, noch von unseren Lieben trennen. Zur christlichen Gemeinde gehören, sowohl die „in Christus“ Lebenden, als auch die „in Christus“ Verstorbenen. Darauf gründet die Hoffnung der Christen. Paulus bezieht sich in seiner Argumentation nicht auf eigene Überlegungen oder eine Offenbarung des Auferstandenen, sondern auf ein Wort des irdischen Jesus.[5]

(3) Das Geschehen von Jesu Tod und Auferstehung - der Grund unserer Hoffnung - ist noch nicht abgeschlossen. Es reicht bis an unser Ufer: „‚Ich verstehe das so, dass Tod und Auferstehung eben nicht ein Ereignis ist, das in der Vergangenheit ein für allemal abgeschlossen ist, sondern dass die Erfüllung dieses Ereignisses noch aussteht. Unser Glaube blickt nicht nur auf das einmalige gestorben und auferstanden Jesu, sondern spannt sich zugleich aus nach Jesu Ankunft im Triumphzug.’“ Die Auferstehung Jesu ist gewissermaßen der Beginn seines Triumphzuges, der Vollendung findet, wenn er bei uns ankommt und so die Befreiung vollenden wird.[6] Mit den Hoffnungsworten des Apostels – aus der heutigen Lesung - dürfen wir guten Gewissens einander Trost spenden, wenn wir den Verlust eines lieben Menschen betrauern.


[1] Wie der Zusammenhang 4,13-18 zeigt, entsprang die Sorge der Thessalonicher um ihre Toten nicht einem Zweifel an der Auferstehung überhaupt, sondern der Ungewissheit, ob die bereits Verstorbenen ebenfalls am nahe erwarteten Tag des Herrn teilnehmen würden.
[2] Wiederkunft des Herrn
[3] H.-J. Venetz/S. Bieberstein, Bannkreis, 57
[4] H.-J. Venetz/S. Bieberstein, Bannkreis, 61
[5] Th. Söding, Gottessohn, 90, sieht in den Versen 16f das Jesuswort, „freilich nicht im Originalton, sondern in der paulinischen Applikation.“
[6] H.-J. Venetz/S. Bieberstein, Bannkreis, 64
    


31. Sonntag im Jahreskreis 1 Thess 2,7b-9.13

 
7b Wir sind euch freundlich begegnet: Wie eine Mutter für ihre Kinder sorgt, 8 so waren wir euch zugetan und wollten euch nicht nur am Evangelium Gottes teilhaben lassen, sondern auch an unserem eigenen Leben; denn ihr wart uns sehr lieb geworden.
9 Ihr erinnert euch, Brüder, wie wir uns gemüht und geplagt haben. Bei Tag und Nacht haben wir gearbeitet, um keinem von euch zur Last zu fallen, und haben euch so das Evangelium Gottes verkündet.
13 Darum danken wir Gott unablässig dafür, dass ihr das Wort Gottes, das ihr durch unsere Verkündigung empfangen habt, nicht als Menschenwort, sondern - was es in Wahrheit ist - als Gottes Wort angenommen habt; und jetzt ist es in euch, den Gläubigen, wirksam.

 
(1) "Und jetzt ist es (Gottes Wort) in euch, den Gläubigen, wirksam." Mit diesen Worten endet der heute verkündete Abschnitt aus dem 1. Brief des Apostels Paulus an die Thessalonicher. Dieser Spitzensatz vertieft die Aussage vom vergangenen Sonntag, dass "das Wort des Herrn aber nicht nur nach Mazedonien und Achaia gedrungen ist, sondern überall euer Glaube an Gott bekannt geworden ist." Paulus kann also mit Dankbarkeit und Freude feststellen, dass sein und seiner Gefährten - Silvanus und Timotheus - Verkündigungstätigkeit unter den Thessalonichern, trotz mancher Hindernisse, Frucht getragen hat.

Der Völkerapostel ist sich bewusst, dass Gott hier am Werk war, dass es aber doch auch seines und seiner Gefährten Einsatzes bedurfte. Aber das allein hätte noch nicht genügt: auf Seiten der Thessalonicher brauchte es die Bereitschaft, sowohl die Boten als auch ihre Botschaft, das verkündete Evangelium, aufzunehmen.

(2) Nachdem Paulus im Brief an die Schwierigkeiten erinnerte, mit denen er bei seinen anfänglichen Bemühungen konfrontiert worden war, beschreibt er, wie er und Silvanus eine Beziehung zu den Christen und Christinnen in Thessalonich aufgebaut haben. Sie sind ihnen freundlich begegnet und waren ihnen mit mütterlicher Sorge zugetan. Die Boten des Evangeliums Gottes sind den Menschen, die sie für Christus gewinnen wollten, so begegnet, wie Christus ihnen begegnet ist. Paulus hat die große Liebe Gottes in der Begegnung mit seinem Sohn vor Damaskus erfahren. Er ist in eine Beziehung mit ihm eingetreten, die er mit nichts in der Welt tauschen möchte. Mit dieser Erfahrung des Geliebt- und Gesandtseins ist er auf die Thessalonicher zugegangen. Er hat die Brüder und Schwestern der entstehenden Gemeinde mit den Augen Jesu gesehen. Er war den Brüdern und Schwestern ein in Liebe verbundener Bruder geworden.

Die Verkündigung des Paulus beinhaltete ein doppeltes Zeugnis. Zunächst bemühte er sich ihnen am Evangelium Anteil zu geben. Er trachtete ihnen die Frohe Botschaft von Jesu Leben, seiner Hingabe am Kreuz und seiner Auferweckung glaubhaft zu vermitteln. Durch das von Gott geschenkte Heil im auferweckten Jesus Christus sind auch sie von Gott angenommen und mit ihm versöhnt. Durch die Taufe sind sie in eine unzerstörbare Gemeinschaft hineingenommen, die über den leiblichen Tod hinausgeht.

Paulus berichtet aber auch, dass er ihnen am eigenen Leben Anteil gegeben hat. Das bedeutet, dass er mit Ihnen in eine zeitlich begrenzte Lebens- Lern- und Schicksalsgemeinschaft eingetreten ist. Er hat ihnen Anteil gegeben an seinen Lebenserfahrungen, an seinen Irrungen und Wirrungen, der Verfolgung der Christen, seiner Berufung und seiner Sendung, seinem unermüdlichen Einsatz, seinen Erfolgen und Misserfolgen, seinen Zweifeln und Ängsten, seinen Plänen und Hoffnungen. Der Austausch wird aber wohl keine Einbahn gewesen sein. Auch die Brüder und Schwestern werden von ihren Erwartungen und Hoffnungen, ihrer Begegnung mit Jesus im Gebet und dem Versuch, den Alltag in seinem Geiste zu leben, erzählt haben.

Ein weiterer Aspekt im Leben des Apostels, der freilich nicht überall und von allen geschätzt wurde, war sein Anliegen, niemandem zur Last zu fallen. Von eigener Hände Arbeit wollte er leben. Vielleicht auch, um mit den arbeitenden Menschen solidarisch zu sein. Allein schon zu wissen, wie es ist müde nach der täglichen Arbeit seiner Botschaft zu zuzuhören. Er mühte sich, sowohl seine körperliche Arbeit zu verrichten, als auch das Evangelium Gottes den Menschen zu verkünden.

(3) Der Apostel Paulus war für die Thessalonicher ein glaubwürdiger Nachahmer seines geliebten Vorbildes Jesus Christus. Wundert es, dass sie selbst zu eifrigen engagierten Nachahmern des Paulus geworden sind?

"Paulus" hat das Evangelium nicht nur mit Worten verkündet, sondern 'mit Macht und mit heiligem Geist und mit voller Gewissheit', um die Thessalonicher zu gewinnen (1 Thess 1,5).

Etwas von dieser Gewissheit im heiligen Geist muss unserem christlichen Zeugnis zu eigen sein. Man kann das nicht nur mit Worten versichern, sondern es muss eine geistliche Erfahrung dahinter stehen. Wenn ich vom auferstandenen Herrn spreche, muss ich seine lebendige Gegenwart erfahren und erfasst haben. 'Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir' (Galater 2,20).
         

                 30. Sonntag im Jahreskreis 

                        1 Thess 1,5c-10

Ihr wisst, wie wir bei euch aufgetreten sind, um euch zu gewinnen. 6 Und ihr seid unserem Beispiel gefolgt und dem des Herrn; ihr habt das Wort trotz großer Bedrängnis mit der Freude aufgenommen, die der Heilige Geist gibt.[1] 7 So wurdet ihr ein Vorbild für alle Gläubigen in Mazedonien und in Achaia.

8 Von euch aus ist das Wort des Herrn aber nicht nur nach Mazedonien und Achaia gedrungen, sondern überall ist euer Glaube an Gott bekannt geworden, so dass wir darüber nichts mehr zu sagen brauchen.

9 Denn man erzählt sich überall, welche Aufnahme wir bei euch gefunden haben und wie ihr euch von den Götzen zu Gott bekehrt habt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen 10 und seinen Sohn vom Himmel her zu erwarten, Jesus, den er von den Toten auferweckt hat und der uns dem kommenden Gericht Gottes entreißt.



(1) Nach der spektakulären Befreiung aus dem Gefängnis von Philippi, zogen Paulus und Silvanus weiter nach Thessalonich. Wie gewohnt nahm Paulus zunächst Kontakt mit der Synagoge auf. An drei aufeinanderfolgenden Sabbaten legte er ihnen die Schriften aus und erklärte, dass der Messias leiden und auferweckt werden musste. Dieser Messias sei Jesus, dessen Evangelium er verkünde. Einige Juden ließen sich von Paulus überzeugen und schlossen sich ihm an. Die Schar der gottesfürchtigen Heiden, die mit dem Judentum sympathisierten und sich Paulus anschlossen war erheblich größer. Unter ihnen befanden sich nicht wenige Frauen aus vornehmen Kreisen.

Nach Auskunft der Apostelgeschichte wurden die Juden eifersüchtig und sie wiegelten die Stadtbevölkerung auf. Sie versuchten Paulus und Silvanus zu ergreifen, fanden sie aber nicht im vermuteten Haus vor. An ihrer Stelle wurden Jason und einige Brüder vor die Stadtpräfekten geschleppt und bezichtigt, notorische Unruhestifter bei sich aufgenommen zu haben. Sie wurden aber schließlich freigelassen. Paulus und sein Gefährte mussten aus Sicherheitsgründen heimlich aus der Stadt gebracht werden.

Paulus selbst schreibt im Brief in Erinnerung an diese Zeit der Gemeindegründung: „dennoch haben wir im Vertrauen auf unseren Gott das Evangelium Gottes trotz harter Kämpfe freimütig und furchtlos bei euch verkündet. Denn wir predigen nicht, um euch irrezuführen, in schmutziger Weise auszunutzen oder zu betrügen, sondern wir tun es, weil Gott uns geprüft und uns das Evangelium anvertraut hat, nicht also um den Menschen, sondern um Gott zu gefallen, der unsere Herzen prüft.“[2]

(2) Dieser beherzte Einsatz – ungeachtet, permanenter Verleumdung, Verachtung, Verfolgung und Leiden - für die Verbreitung des Evangeliums, hat die Thessalonicher tief berührt. In ebendieser Einstellung und Haltung haben sie dem Beispiel des Paulus und Silvanus nachgeeifert. Der Glaube an Jesus - den Messias und der Dienst an der Weitergabe des Evangeliums fand viele aufnahmebereite Herzen und Ohren, sowohl in Mazedonien als auch in Achaia. Paulus rechnet ihnen nicht nur die Verkündigung des Wortes hoch an, sondern auch, dass ihr Glaube an Gott nicht unbeachtet blieb, sondern vielmehr überall bekannt geworden ist. Paulus und Silvanus haben in ihrer Missionierungstätigkeit Jesu Einsatz für das Reich Gottes nachgeahmt und sind zu Vorbildern für die Thessalonicher geworden. Diese wiederum wurden durch ihre Bemühungen für die Christen in ihrem Umfeld zu Vorbildern.

Auch den Thessalonichern sind Schmerz-, Leid- und Kampfbereitschaft bei der Weitergabe des Evangeliums nicht erspart geblieben. Gerade darin haben sie sich ausgezeichnet und Standhaftigkeit bewiesen. Das war keineswegs eine freudlose Zeit. Die Erfahrung von Freude im Durchstehen von Leid, war durchaus kein abwegiger Gedanke. Sie erlebten, wovon auch Petrus berichtete: „Liebe Brüder, ... freut euch, dass ihr Anteil an den Leiden Christi habt; denn so könnt ihr auch bei der Offenbarung seiner Herrlichkeit voll Freude jubeln. Wenn ihr wegen des Namens Christi beschimpft werdet, seid ihr seligzupreisen; denn der Geist der Herrlichkeit, der Geist Gottes, ruht auf euch.“[3]

(3) Paulus erinnert schließlich auch noch an seine Verkündigung in Thessalonich. Dieser Hinweis zeigt, womit sich die anfängliche Heidenmission auseinanderzusetzen hatte: Es galt, den Götzendienst gegenüber den vielen Göttern abzustellen und das entfachte Feuer des Glaubens an den wahren und lebendigen Gott zum Lodern zu bringen. Die Thessalonicher jedenfalls haben sich von den Götzen bekehrt und sind in den Dienst Gottes getreten. Wie Petrus im Messias-Bekenntnis – Jesus, als Sohn des lebendigen Gottes bekennt, so erwarten die Thessalonicher – Jesus, den Sohn Gottes vom Himmel her. Paulus legt großes Gewicht auf den wiederkommenden Herrn, der Gericht halten wird.[4] Aber er wird sie dem Gericht entreißen, weil er der Retter ist. „Es rettet einzig und allein der, den Gott – zu diesem Zweck – von den Toten auferweckt hat.“[5]

(4) Unser Leben als Christen und Christinnen könnte ein Glied in der Kette aus Vorbildern und Nachahmern werden, wenn wir in unserem Reden und Handeln wirklich Maß nehmen würden am ersten Glied der Kette, an Jesus Christus, und uns bemühten ihm ähnlich zu werden.


[1] Die Bedrängnis war durch die von Juden angezettelte Verfolgung verursacht (vgl. 4,14 und Apg 17,5-9).
[2] 1 Thess 2,2-4
[3] 1 Petr 4,13f
[4] In Röm 5 hingegen sagt Paulus, dass wir das Entscheidende schon hinter uns haben.
[5] Th. Söding, Gottessohn, 270


29. Sonntag im Jahreskreis 1 Thess 1,1-5

1 Paulus, Silvanus und Timotheus an die Gemeinde von Thessalonich[1], die in Gott, dem Vater, und in Jesus Christus, dem Herrn, ist: Gnade sei mit euch und Friede.

2 Wir danken Gott für euch alle, sooft wir in unseren Gebeten an euch denken; 3 unablässig erinnern wir uns vor Gott, unserem Vater, an das Werk eures Glaubens, an die Opferbereitschaft eurer Liebe und an die Standhaftigkeit eurer Hoffnung[2] auf Jesus Christus, unseren Herrn.

4 Wir wissen, von Gott geliebte Brüder, dass ihr erwählt seid. 5 Denn wir haben euch das Evangelium nicht nur mit Worten verkündet, sondern auch mit Macht und mit dem Heiligen Geist und mit voller Gewissheit;


(1) Der erste Brief des Apostels Paulus an die Thessalonicher ist die älteste Schrift des Neuen Testaments. Paulus hat die Gemeinschaft um das Jahr 50 gegründet, musste die Stadt aber bald wieder verlassen, weil es Probleme mit der Synagoge gab. Später sandte er Timotheus, der ausgleichend wirkte. Viele Nachrichten bezeugten das geistliche Wachstum der Christengemeinschaft von Thessalonich, was Paulus mit Dankbarkeit erfüllte.

Der Völkerapostel nennt als Mitabsender Silvanus und Timotheus. Die Adressaten haben sie erlebt, als diese ihnen den Glauben an Jesus Christus verkündeten. Die Hörer der drei Missionare setzten sich aus ehemaligen Heiden, Juden und solchen, die mit dem Judentum sympathisierten, zusammen. Den ehemaligen Juden und deren Sympathisanten dürfte der Schritt von der Torafrömmigkeit zur Christusfrömmigkeit nicht leicht gefallen sein. Der Glaube der Väter und das Halten der Gesetze gab doch irgendwie Sicherheit und man konnte stolz darauf sein. Es verursachte aber auch Stress. Paulus und seine Mitarbeiter verkündeten ihnen, dass Jesu Tod am Kreuz und seine Auferweckung, sie vor Gott gerecht gemacht und mit ihm versöhnt habe. Das veranlasste viele Juden sich taufen zu lassen. Für Heiden, unter ihnen besonders die Sklaven und jene, die aus den ärmeren Schichten kamen, war es vor allem der Glaube, dass sie als Getaufte untereinander und vor Gott gleich und gleichwertige Brüder und Schwestern Jesu sind, der sie um die Taufe bitten ließ.

Was aber die Gemeinschaft der Getauften zusätzlich attraktiv machte, war ihr Miteinander, das ganz anders war, als in anderen Zusammenschlüssen von Menschen. In der Familie Gottes hilft einer dem anderen seine Last zu tragen, nicht die Köpfe werden gegenseitig gewaschen, sondern die Füße. Keinem werden Verstöße rücksichtslos ins Gesicht geschleudert, sondern dass sie die gutgemeinten Zurechtweisungen auch annehmen können. Einzeln und gemeinsam fragen sie nach dem Willen Gottes und versuchen danach zu leben. Entscheidend ist letztlich aber das Fundament: die Gemeinschaft mit Gott, dem Vater und dem Herrn (Kyrios) Jesus Christus, ermöglicht durch den Heiligen Geist. Daher spricht Paulus ihre Gemeinschaft mit dem Ehrentitel „Gemeinde“  (ekklesia) an. Er wünscht ihnen, was sie schon empfangen haben: Gnade und Frieden. Gnade ist das von Gott geschenkte Heil. Friede ist die Frucht der Hingabe Jesu am Kreuz und seiner Auferweckung, wodurch er uns gerecht gemacht und mit Gott versöhnt hat.

(2) Ein fester Bestandteil seiner missionarischen Tätigkeit war für den Apostel das Gebet für die Gemeinden. Der Samen, den er an verschiedenen Orten ausgestreut hatte, war bis zum Fruchtbringen gefährdet. Das Wachsen und Gedeihen des ausgestreuten Gotteswortes empfahl er im Gebet der Vorsehung Gottes. Er, oder die betende Gruppe in der er sich befand, dankte Gott auch für die Christinnen und Christen in Thessalonich, für das starke Zeugnis ihres Glaubens. Ihre Gemeinde ist zu einem Zentrum christlichen Glaubens in der Region geworden, das weit ausstrahlte.

Offenbar waren die theologischen Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe, der Maßstab anhand dessen Paulus und seine Mitarbeiter den zu gehenden Weg, sowohl eines Christen, als auch einer christlichen Gemeinde beschrieben haben. Paulus anerkennt dankbar, dass die Thessalonicher auf diesem Weg vorbildlich vorankommen: ihr Glaube verwirklicht sich in konkreten Taten und Werken, ihre Liebe ist bereit Mühen und Opfer zu bringen. Ihre Hoffnung ist der Grund ihrer Geduld und Beharrlichkeit.

(3) Die heutige Lesung zeigt uns wichtige Stationen unseres christlichen Weges. Die Botschaft des Apostels lässt sich so zusammenfassen: Unser Glaube als Gabe ist auch eine Aufgabe, sonst ist er fruchtlos. Die Freundschaft mit Jesus ist eine Beziehung mit Folgen. Glaube ist immer auch Treue.


[1] Thessalonich (Thessaloniki) war in römischer Zeit Hauptstadt der Provinz Mazedonien. Wegen ihrer günstigen Lage an der Rom mit Byzanz verbindenden Fernstraße «Via Egnatia» war sie ein bedeutender Handelsplatz. - Silvanus (latinisierte Form des Namens Silas) stammte aus der Jerusalemer Urgemeinde. Er kam nach Antiochia, von wo Paulus ihn auf die zweite Missionsreise mitnahm (Apg 15,40). - Timotheus, Sohn eines heidnischen Vaters und einer judenchristlichen Mutter mit Namen Eunike, wohl schon auf der ersten Missionsreise von Paulus zum Glauben bekehrt, begleitete den Apostel von Lystra an auf seiner zweiten Reise (vgl. Apg 16,1-3; 2 Tim 1,5).

[2] Zur Dreiheit Glaube - Hoffnung - Liebe vgl. 5,8; 1 Kor 13,13; Eph 1,16-18; Kol 1,4f; Hebr 10,22-24.


28. Sonntag im Jahreskreis Phil 4,12-14.19-20


12 Ich weiß Entbehrungen zu ertragen, ich kann im Überfluss leben. In jedes und alles bin ich eingeweiht: in Sattsein und Hungern, Überfluss und Entbehrung. 13 Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt. 14 Trotzdem habt ihr recht daran getan, an meiner Bedrängnis teilzunehmen.

19 Mein Gott aber wird euch durch Christus Jesus alles, was ihr nötig habt, aus dem Reichtum seiner Herrlichkeit schenken.

20 Unserem Gott und Vater sei die Ehre in alle Ewigkeit! Amen.



(1) Wer seine Taufe ernst nimmt, vor Gott und den Menschen wachsen möchte, der weiß, Nachfolge ist manchmal wie eine Achterbahn des Lebens, mit Höhen und Tiefen, Zeiten der Fruchtbarkeit und der Trostlosigkeit. Auch Paulus ist diesen Weg gegangen. Er war im Glauben soweit gereift, dass er von sich sagen konnte, dass er sich in jeder Lage zurechtfinde, dass ihn nichts von Christus trennen könne. Auch wir sind unterwegs mit Jesus Christus zum Vater.

(2) Paulus stellt in allem Jesus Christus, seinen Herrn in den Mittelpunkt. Was er für sein Selbstverständnis und sein Selbstwertgefühl braucht, das hat ihm Jesus bei der Begegnung vor Damaskus geschenkt. Vom Herrn geliebt, verwandelt und gebraucht zu werden genügt ihm, um seine Berufung zum Völkerapostel zu erfüllen. Auf seine Verdienste und empfangenen Gnaden zu pochen ist nicht seine Sache. Das tut er nur, wenn seine Gegner ihn provozieren und ihm seine Legitimität als Apostel absprechen wollen. Dann allerdings nimmt er sich kein Blatt vor den Mund.

Im 2. Korintherbrief gibt uns Paulus, der mit unglaublicher Energie wichtige Teile der damals bekannten Welt bereist, um sie mit dem Evangelium bekannt zu machen, Anschauungsunterricht in Sachen Entbehrungen um des Evangeliums willen (2 Kor 11,23-28): „Ich ertrug mehr Mühsal, war häufiger im Gefängnis, wurde mehr geschlagen, war oft in Todesgefahr. Fünfmal erhielt ich von Juden die neunundreißig Hiebe; dreimal wurde ich ausgepeitscht, einmal gesteinigt, dreimal erlitt ich Schiffbruch, eine Nacht und einen Tag trieb ich auf hoher See. Ich war oft auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden, gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch falsche Brüder. Ich erduldete Mühsal und Plage, durchwachte viele Nächte, ertrug Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Blöße. Um von allem andern zu schweigen, weise ich noch auf den täglichen Andrang zu mir und die Sorgen für alle Gemeinden hin.“

Weil Paulus sich bei dieser Selbstdarstellung nicht ganz wohl fühlt, bezeichnet er solches „Prahlen“ als „närrisch“. Er ist überzeugt, dass der Ruhm eines Apostels nur in der Teilhabe am Kreuz Christi bestehen kann: „Wer sich also rühmen will, der rühme sich des Herrn.“ (2 Kor 10,17)

Paulus betont der Gemeinde von Philippi gegenüber, dass er mit allem und jedem vertraut ist, was dem Glauben an Jesus Christus Abbruch tun könnte: mit der Angst vor Entbehrungen, Strapazen und Leiden, ebenso mit dem Überfluss, der zu Selbstgefälligkeit, Bequemlichkeit und Selbstherrlichkeit verführen kann. Paulus ist der Versuchung, Leiden und Entbehrungen auszuweichen, oder dem Wohlleben den Vorzug gegenüber Jesus zu geben, nie erlegen. Dass Jesu Auftrag und Sendung immer Priorität in seinem Leben hatte, verdankt er dem Herrn selbst: „Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt.“

Frieden findet Paulus darin, dass er mitten in der Bedrängnis die Kraft Jesu erfährt. Das hat er im 2. Korintherbrief nach seiner „Prahlerei“ zum Ausdruck gebracht: „Sehr gern nun will ich mich noch mehr rühmen in den Schwachheiten, will sie gerne annehmen, damit über mich komme die Kraft des Christus. Darum bin ich mit den Schwachheiten zufrieden und ausgesöhnt, mit Beleidigungen, Nöten, Engpässen und Verfolgungen an Christi Stelle; denn wenn ich so schwach bin, gerade dann bin ich stark.“ (2 Korinther 12,9-10)

Paulus hat seinen religiösen Ehrgeiz seit seiner Begegnung mit dem Herrn vor Damaskus hinter sich gelassen. Jesus begegnete ihm nicht als fordernder Gott, sondern als von ihm Verfolgter. Fortan hat er nicht mehr mit Leistungsfrömmigkeit die eigene Ehre gesucht und vertraute mehr seiner Schwachheit, als seiner blinden, ichbezogenen, religiösen Leistungsbereitschaft.

(3) Der Völkerapostel Paulus ist zur Leidensbereitschaft mit seinem Herrn Jesus Christus bereit. Gerade deshalb ist er kein isolierter Einzelkämpfer. Den Philippern bezeugt er, dass Jesus ihn, in seinen Herausforderungen nicht allein lässt. Er gibt Paulus die Kraft, weder im Meer der Tränen noch der Freude zu ertrinken. Den Philippern, die an seinem Gedeih und Verderb geschwisterlichen Anteil nehmen, verheißt Paulus, dass Gott auch ihnen durch Jesus Christus Kraft schenken werde, die sie benötigen, um ihre Herausforderungen in der Nachfolge Jesu zu bestehen.



Jesus,
egal, ob Entbehrungen oder Überfluss,
ob Bedrohungen oder Annehmlichkeiten,
Paulus kennt die Bandbreite alles dessen,
womit konfrontiert wird, wer dir nachfolgt.
Auch Gefängnis und möglicher Tod
versetzen ihn weder in Panik noch in Hoffnungslosigkeit.

Er hat es erfahren und setzt darauf seine Hoffnung,
dass du, der Herr, ihm die Kraft gibst,
sich unbeschadet in jeder Lage,
in der er sich befindet,
zu bewähren.

Obwohl du die Quelle seiner Kraft bist,
dankt er den Brüdern und Schwestern in Philippi,
dass sie an seiner Bedrängnis Anteil nehmen,
dass sie ihm helfen seine Lasten zu tragen
und geschwisterliche Solidarität üben.

Die Brüder und Schwestern ermutigt er mit der Zusage,
dass der Vater ihnen durch dich geben werde,
was sie nötig haben - Kraft zum Leben und Lieben.
Was er am eigenen Leib erfahren hat,
das werden auch sie erfahren dürfen.



26. Sonntag im Jahreskreis Phil 2,1-11

1,27 Vor allem: lebt als Gemeinde so, wie es dem Evangelium Christi entspricht...

1 Wenn es eine Ermahnung in Christus gibt, einen Zuspruch aus Liebe, eine Gemeinschaft des Geistes, ein Erbarmen und Mitgefühl, 2 dann macht meine Freude vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, einander in Liebe verbunden, einmütig, einträchtig, 3 dass ihr nichts aus Streitsucht und nichts aus Prahlerei tut.

Sondern in Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst. 4 Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen.

5 Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht:
6 Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein,[1] 7 sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; 8 er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.

9 Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, 10 damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu 11 und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr - zur Ehre Gottes, des Vaters.


(1) Der besondere Wert des Philipperbriefes liegt darin, dass er Auskunft über das persönliche Wollen und Denken des Apostels Paulus gibt. Paulus mahnt die Gemeinde wiederholt zu Frieden, Einmütigkeit und Demut. Der bedeutendste Text im Brief ist das Christuslied, das den Weg Jesu Christi beschreibt und an dem die Gemeinde Maß nehmen soll.[2]

(2) Der Apostel stellt der Gemeinde von Philippi ein gutes Zeugnis aus. Er ist sehr erbaut über deren geistlichen Zustand und freut sich über ihr geistliches Wachstum. Die Saat des ausgestreuten Samens des Wortes Gottes ist aufgegangen. Das Miteinander in der Gemeinde wird von Verhaltensweisen bestimmt, die sich klar von denen, außerhalb der Gemeinde unterscheiden. Er begrüßt das hohe Maß an Sensibilität für den gemeinsamen Weg, den Jesus vorausgegangen ist und dem sie folgen. Wenn nötig, helfen sie einander von einem falsch gewählten Weg umzukehren.

Die Gemeinde weiß sich ihrer Sendung verpflichtet, so zu leben, dass Gottes Gegenwart unter ihnen aufleuchtet. Die Getauften motivieren sich gegenseitig durch Ermutigung, Trost und Wertschätzung. Sie glauben, dass die Versammlung im Geiste Jesu sie trägt und zusammenhält, nicht nur die gottesdienstlichen Versammlungen, sondern auch jene, in denen das gemeinsame, missionarische Tun beraten wird. Ihr Denken vom anderen her, ihr Bemühen, das Herz dem Bruder und der Schwester zu öffnen und Solidarität zu üben, entspricht der Nachfolge Jesu.

So weit so gut! Paulus ist erfreut über dieses Miteinander der Gemeinde. Aber etwas fehlt noch, damit seine Freude vollkommen ist, dass die Getauften in Philippi „eines Sinnes“ seien.

Der Völkerapostel weist den Weg zum Ziel: Sowohl einander in Liebe verbunden, als auch einmütig und einträchtig zu sein. Wer sich von der Liebe Gottes beschenkt erfährt, kann sich in Liebe mit dem Bruder und der Schwester verbinden, der kann auch seinen Eigensinn, Eigenwillen und Eigennutz überwinden und zur gemeinsamen Entscheidungsfindung beitragen. In einer christlichen Gemeinde bestimmt nicht „ein Großbauer über seine Knechte“, sondern in Demut schätzt jeder den anderen größer ein als sich selbst und strebt nicht nur nach dem eigenen Wohl, sondern auch nach dem des anderen. Ehrgeiz und Prahlerei sind Unkraut im Garten der Nachfolge Jesu.

Vor diesem gemeindlichen Hintergrund ruft Paulus die Gemeindemitglieder in Philippi dazu auf untereinander „so gesinnt zu sein, wie es dem Leben in Jesus Christus entspricht“. Es geht um den Geist, in dem sie miteinander Umgang pflegen, um die geistliche Einstellung mit der sie einander begegnen. An der Einstellung und Lebenspraxis Jesu sollen sie Maß nehmen. Sie sollen - wie es in der Taufliturgie heißt - Jesus Christus anziehen und ihn nachahmen. An der unfassbaren Demut Jesu sollen sie Maß nehmen. Er, der Gott gleich war „wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich“. Er wurde ein Mensch, nicht um auf seine Brüder und Schwestern herabzuschauen, sondern, um ihnen ins Gesicht zu schauen und in ihnen das Abbild Gottes zu erkennen und zu würdigen. Noch tiefer führte ihn der Abstieg, er wurde „wie ein Sklave“, um zum Bruder und zur Schwester aufzuschauen. Er berührte die Aussätzigen, vergab den Sündern, aß mit den Zöllnern und wusch den Jüngern die Füße. Knecht und Diener der Menschen war er geworden und hat ihre Ohnmacht geteilt. Ein „Mensch für andere“ ist er geworden.

Sein Auftrag vom Vater bestand nicht darin, zu sterben, sondern die Menschen zu retten und zu erlösen. Diesen hat er gehorsam und gewaltlos erfüllt. Er hat auf Gottes Wort gehört, ist ihm gefolgt und hat es auch in der schweren Stunde von Getsemani durchgehalten. Die freiwillige und gehorsame Selbsterniedrigung Jesu ist der Grund für seine Erhöhung beim Vater. Ihm wird der Name Gottes, Kyrios geschenkt. Alle Geschöpfe sollen ihn als Gott anerkennen: "Jesus Christus ist der Herr" - zur Ehre Gottes, des Vaters. Jesus ehrte seinen Vater,[3] indem er die Gottesherrschaft (Reich Gottes), die Heiligung seines Namens und die Erfüllung seines Willens verkündete und lebte.

(3) „Die anderen lächelten, nickten ihm zu und sagten: ‚Nur zu, Anthimos. Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Wie sollst du ein anderes Bild haben von Gott und von seinem Christus, wenn wir es dir durch unser Verhalten nicht deutlich machen? Wie sollst du eine Ahnung bekommen von einer anderen Politik und einer anderen Welt, wenn wir das Andere, das Neue unter uns nicht verwirklichen?’“[4]


[1] 2,6-11 Paulus greift hier einen Hymnus auf, in dem der Weg Christi von seinem vorzeitlichen Sein über seine Menschwerdung und seinen Tod bis zur Erhöhung und Einsetzung zum Herrscher des Alls beschrieben wird. Der im Lied betonte Gehorsam Jesu wird der Gemeinde als Vorbild gegenseitigen Dienens vor Augen gestellt.
[2] Strukturreformen zur Bewältigung des Priestermangels, Aufrufe, doch nicht im eigenen Saft zu schmorren, sondern missionarisch nach außen zu gehen, haben zur jahrzehntelagen Austritts- und Misserfolgsgeschichte der Kirche beigetragen. Verkündigung ohne das Verkündete auch zu leben, Organisationsformen zu wechseln ohne auf den Geist zu achten, der alles beseelen soll, führte dorthin, wo wir heute stehen: zu Familien, in denen der Glaubensvollzug ein Tabu ist, zu Gemeinden mit ausgedünntem oder gestorbenem Gemeindeleben, zu einem von Laien kontrolliertem Presbyterium. Da kommen einem die Worte des Paulus wie eine Botschaft von einem anderen Planeten vor.
[3] Joh 8,49
[4] H.J. Venetz/S. Bieberstein, Bannkreis, 173


25. Sonntag im Jahreskreis Phil 1,20ad-24.27a

20 Ich erwarte und hoffe, dass Christus verherrlicht werden wird in meinem Leibe, ob ich lebe oder sterbe. 21 Denn für mich ist Christus das Leben, und Sterben Gewinn. 22 Wenn ich aber weiterleben soll, bedeutet das für mich fruchtbares Wirken. Was soll ich wählen? Ich weiß es nicht.

23 Bedrängt werde ich von beiden Seiten: Ich habe das Verlangen, aufzubrechen[1] und bei Christus zu sein - um wie viel besser wäre das!
24 Aber euretwegen ist es notwendiger, dass ich am Leben bleibe.

27 Vor allem: Lebt als Gemeinde so, wie es dem Evangelium Christi entspricht.



(1) Es gibt Menschen, denen die Zeit im Gefängnis zur kostbaren „Bedenkzeit“ wird. Sie verlassen verändert und gereift diesen Ort. Die Zeit der Haft ist eine Begegnung mit sich selbst und oft auch mit Gott. Ich denke vor allem an Nino Aquino und an Nelson Mandela. Sie haben nach langjähriger Haft und ihrer Entlassung Großes für die Menschen ihrer Länder geleistet (Philippinen und Südafrika).

(2) Paulus ist im Gefängnis von Ephesus in Haft. Er wartet auf sein Urteil. Der Ausgang ist ungewiss. Er muss im schlimmsten Fall mit der Todesstrafe rechnen. Der Grund für seine Verhaftung war seine Verkündigung des Evangeliums. Damit habe er die öffentliche Ordnung gefährdet. Paulus ist auf sich selbst zurückgeworfen. Allein in seiner Zelle ringt er um die richtige Einstellung vor Gott und vor der Gemeinde. Selbst in dieser Extremsituation im Angesicht des Todes versucht er klaren Kopf zu bewahren. Er wendet sich besinnend den Quellen zu, aus denen er Kraft und Mut bezieht.

Das Fundament, auf das er sein Leben seit der Begegnung mit dem Herrn vor Damaskus gebaut hat, ist die Indienstnahme durch Jesus Christus - seine Berufung zum Völkerapostel. Diesem Auftrag treu zu dienen und damit den zu verherrlichen, den er einst verfolgte, ist nun sein Lebensziel. All sein Tun und Lassen, seine Lebensvollzüge und selbst sein Sterben sind diesem Ziel untergeordnet.

Das Wissen um den Sinn und das Ziel seines Lebens helfen ihm, gelassen auf die Möglichkeiten zu schauen, die sich vor seinem geistigen Auge auftun: Tod(esstrafe) oder Leben (in Freiheit oder vorübergehender Haftstrafe). Paulus nimmt beide Möglichkeiten in den Blick, die des Sterbens und die des Weiterlebens. Was ist die Voraussetzung zu solch einer „Freiheit des Geistes“? Der Apostel selbst bringt sie auf den Punkt: „Denn für mich ist Christus das Leben, und Sterben Gewinn.“ [2]

Schon vor Damaskus hat Paulus sein Leben in den Dienst Gottes gestellt, aber seit der Begegnung mit dem Verfolgten, ist er als Apostel in Dienst genommen und hat Jesus – dem Gekreuzigten und Auferstandenen, Herrschaft über sich gegeben. Christus anzugehören und ihm nachzufolgen bedeutet für ihn, mit ihm auch zu sterben, um an seiner Auferstehung Anteil zu haben. Wer sich Christus anvertraut und sich ihm überlässt, der stirbt zwar sich selber, aber gewinnt das Leben - ein Leben, das der Tod nicht zerstören kann. Paulus weiß, dass Christus schon hier und jetzt auf Erden sein Leben ist und nicht erst im Himmel - darum erachtet Paulus das Sterben als Gewinn. Weil er das weiß, hat er keine Angst vor dem Tode, sondern Mut zum Leben.

Weil Paulus nicht sich selber lebt, will er der Neigung nicht folgen, jetzt schon aus dieser Welt zu scheiden. Seine Berufung zum Völkerapostel widersteht der Versuchung zum frommen Egoismus. Er ist bereit und gewiss sein Leben in den Dienst des Evangeliums und der Gemeinden zu stellen. Die Entscheidung des Gerichts liegt nicht in seiner Hand. Er jedenfalls ist bereit für das eine und das andere. In dieser Freiheit des Geistes legt Paulus sein Schicksal in Gottes Hand.

Der Gemeinde in Philippi legt er ans Herz, als Gemeinde so zu leben „wie es dem Evangelium Christi entspricht.“ Nicht der einzelne Christ wird zu einem evangeliumsgemäßen Leben aufgefordert, sondern die Gemeinde. Im Miteinander der Gemeinde soll Gottes Gegenwart erfahrbar und sichtbar sein. Dann ist sie Stadt auf dem Berg, Licht der Welt und Salz der Erde. Ein Zeichen dafür, dass Leben auch anders geht.

(3) „Die Freiheit des Geistes“ (Indifferenz) ist keine lahme Leidenschaftslosigkeit, der ‚alles gleich ist’, keine Gefühllosigkeit gegenüber Werten. Indifferenz ist nur zu verstehen als Ausdruck der Liebe, die zu ‚allem bereit’ ist: ‚Ich will dir folgen, wohin du auch gehst’ (Mt 8,19) – auf Tabor und auf Golgota. Oder wie es im Trauritus heißt: ‚Ich verspreche dir die Treue in guten und bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit.’“[3]


[1] aufbrechen: Umschreibung für „sterben“.
[2] W. Lambert, Wirklichkeit, 61: Für Johannes Tauler „ist die Gelassenheit das Kriterium dafür, dass ein Mensch ‚in den Grund gekommen ist’, d.h. in die Tiefe, in der sein Innerstes eins geworden ist mit Gott.“
[3] W. Lambert, Wirklichkeit, 59f


24. Sonntag im Jahreskreis Röm 14,7-9

7 Denn keiner von uns lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber:

8 Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn.

9 Denn Christus ist gestorben und lebendig geworden, um Herr zu sein über Tote und Lebende.


(1) Zu den wesentlichen Faktoren, die unser Menschsein ausmachen gehören die Tatsachen, dass der Mensch nicht für sich selber lebt und dass er immer auch anders kann. Der Mensch ist grundsätzlich auf das Miteinander angelegt. Allein und in sich abgeschlossen, verkümmert er. Er legt sich in die Welt hinein aus, mit seiner Hände und seines Geistes „Arbeit“. Er geht Beziehungen ein, lässt sich in Dienst nehmen und nimmt in Dienst. Der Religionsphilosoph Martin Buber sieht im Dialog eine notwendige Voraussetzung für das Wachsen und die Entwicklung des Menschen. Am Du wird der Mensch zum Ich. Der Mensch braucht den Austausch, den Dialog, um zu entfalten, was in ihm angelegt ist. Dialogpartner können Menschen und auch Gott sein. Dass der Mensch sich nicht selbst genügt, hat Viktor Frankl festgestellt, indem er beobachtete, dass Häftlinge, auf die ein Mensch oder eine Aufgabe warteten, das Konzentrationslager eher überlebten als andere, auf die niemand und nichts wartete.

Dass der Mensch immer auch anderes kann, ist Ausdruck seiner Freiheit. Der evangelische Theologe und Pastor Dietrich Bonhoeffer hat das eindrucksvoll bewiesen. Er war in New York in Sicherheit und hätte „seine Haut retten“ können. Er konnte sich nicht vorstellen, mit dem Gedanken leben zu können, in der entscheidenden Stunde der Bewährung, nicht bei seinen Geschwistern im Glauben präsent zu sein. Die Rückkehr nach Deutschland kostete ihm das Leben. Der Tod war für ihn nicht das Letzte. Er war überzeugt, dass ihn nichts – auch nicht der Tod - von Jesus Christus trennen kann.

(2) In seinem Brief an die Römer schaltet Paulus in den Streit zwischen einer konservativ-religiösen und einer fortschrittlichen Gruppierung, den eher grundsätzlichen Text der heutigen Lesung ein (14,7-9). Er wollte den Streithähnen ganz einfach die Unangemessenheit ihrer Auseinandersetzung vor Augen führen.

Lebensbestimmend ist für den Völkerapostel die alles entscheidende, grundlegende Beziehung zu Jesus Christus. Das gilt auch für uns Christen. In der Taufe hat vollzieht der Täufling einen Herrschaftswechsel. Er unterstellt sich der Herrschaft Gottes. Gott soll Herr in seinem Leben sein. Damit hat er vielen anderen Mächten und Gewalten, die bisher sein Leben bestimmten, eine Absage erteilt. Jesus, Gottes Sohn, soll sein Leben bestimmen: Mit dem Taufkleid hat er Jesus „angezogen“, mit der Übernahme der Taufkerze, lässt er das Licht Christi in seinem Leben leuchten und will Licht für andere sein. Im Effata-Ritus wird ihm das Ohr zum Hören des Wortes Gottes und der Mund zu dessen Weitersagen geöffnet. In der Salbung mit Chrisam ist er sich seiner Würde und Verantwortung als Getaufter bewusst geworden. In der Wassertaufe ist er grundsätzlich mit Christus gestorben und auferstanden. Nicht einmal der Tod kann diese von Gott geschenkte Beziehung zerstören. Und das heißt: „Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn.“

Der Getaufte weiß, dass er Eigentum Gottes ist, dass Jesus sein Besitzer ist. Das klingt nach Entfremdung und Enteignung und wirkt irgendwie bedrohlich. Es geht ja auch nicht um irgendetwas, sondern es geht um die Wahl der Gottesherrschaft mit ihrer unzerstörbaren Beziehung zu Jesus Christus. Wer diese Option wählt, der wählt das Leben und braucht den Tod nicht aus seinem Leben zu verdrängen. Er lebt, handelt, leidet und vergibt, weil er aus der Verheißung der Auferstehung lebt.

Paulus selbst versteht sich als Sklave Jesu Christi. Er weiß sich durch Jesu Lebenshingabe „gerecht gemacht“. Er anerkennt Jesu Recht auf ihn. Daher sollen auch die Christen in Rom nicht länger Sklaven der Sünde (Unreinheit, Gesetzlosigkeit), sondern der Gerechtigkeit sein.[1] Er gibt ihnen zu bedenken, dass auch sie, die von der Sklaverei der Sünde befreit sind, jetzt Sklaven der Gerechtigkeit werden können - mit dem Ziel des ewigen Lebens.

(3) Weil wir nicht uns selbst gehören, leben wir auch nicht für uns selber. Wer zu einem gemeinsamen Herrn betet, der sieht im Mitchristen einen Bruder oder eine Schwester. „Wer für den Herrn lebt und stirbt, der gehört in jedem Fall ihm, und der darf sich deshalb nicht richterlich über seine christlichen Mitgeschwister erheben.“[2] Das legt Paulus nicht nur den streitenden römischen Gruppierungen, sondern auch uns ans Herz.
 


[1] Röm 6,16-23
[2] K. Berger, Briefe, 117



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