Kurt Udermann - Coaching

   Fundación Madre Herlinda Moises

Mutter Herlinde Moises Stiftung


                   


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Pasacaballo, am 12. Mai 2019 (14. Brief)

Am Donnerstag haben wir am Vormittag Gregorio zu Grabe getragen. Er ist in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch 47jährig gestorben. Er ist erlöst und bei Gott gut aufgehoben. Es schmerzte, ihn in seiner Verkrümmung und Armseligkeit zu sehen. Ich hoffe, dass er keine Schmerzen erdulden musste. Das Krankenhaus, in dem er starb, ist jedenfalls modernste ausgerüstet. Ob die menschliche Fürsorge mit dem technischen Standard mithält, ist eine andere Frage.

                  

                     Gregorio mit Mitarbeiterinnen der Stiftung

Der Leichnam wurde zu Hause aufgebahrt. Freunde, Bekannte, viele, die ihn "als Mädchen für alles" von der "Stiftung Madre Herlinde" kannten, kamen um für ihn zu beten und sich von ihm zu verabschieden. Auch Donnerstag früh wurde noch gebetet, bevor der Sarg in Prozession zur Kirche gebracht wurde. Die Anteilnahme war groß und die Kirche voll. Ich durfte bei der schlichten Totenmesse konzelebrieren. Vier Personen leiteten den "Volksgesang" der Totenmesse mit erbaulichen, schwungvollen Osterliedern. Wie bei den Sonntagsgottesdiensten betonte er die Freude und das Glück des Christen glauben zu dürfen, dass nicht der Tod und das absurde Nichts das Ende der irdischen Pilgerfahrt, sondern Gott ist, der einer von uns geworden ist und den Tod vernichtet hat. Ich habe hier überhaupt den Eindruck, dass sich hier der Klerus den Glauben weniger mies machen lässt und sich nicht von außen sagen lässt, was er zu verkünden hat.

Nach dem würdevollen Gottesdienst führte der Weg zum Friedhof. Der Priester ging nicht mit. Das war nicht immer so. Aber seit an den Gräbern ziemlich absurde, würde- und geschmacklose Dinge geschehen, wurde beschlossen einfach nicht mehr mitzugehen. Ich ging in Zivil mit. Was sich mir da am Friedhof bot überraschte mich. Keine Spur von dem, was wir als Begräbniskultur wertschätzen. Der Ort eher ungepflegt. Viele Trümmerhaufen von zusammengefallenen "Sargbunkern". Der Sarg wird in Nischen geschoben und zugemauert. Nicht vergleichbar mit unseren gepflegten Urnennischen.

   

Aber am Grab spielte sich noch ein kleines menschliches Drama ab, das das hitzige Temperament der hier lebenden Menschen sichtbar macht. Die Angehörigen der Familie von Gregorio warfen der geschiedenen Frau und den Kindern vor, dass sie den Verstorbenen nur finanziell ausgenommen hätten, sich aber in seiner Krankheit überhaupt nicht um ihn gekümmert hätten. Viel Geschimpfe und Tränen! Alles beruhigte sich erst als die Frau mit Kindern und Anhang den Friedhof verließen. Wie oft kommt es vor, dass ein Todesfall Gräben aufreißt, oder bereits vorhandene vertieft. Es ist ein Segen, wenn ein Mensch von dieser Welt gehen kann, in dem Wissen, alles wohl geordnet verlassen zu haben. Auch wert, darum zu beten!

Ein fester Bestandteil der Begräbniskultur ist die neuntägige Totenwache. Ein Rosenkranz wird gebetet, Speisen aufgetragen und Erinnerungen über den Toten ausgetauscht. Dabei kommen auch zahlreiche afrikanische Geisterglauben-Reste zum Zug.

Von Montag bis Sonntag (19. Mai) verbringe ich eine Woche Urlaub in Medellin, der Stadt des ewigen Frühlings. Ich freue mich auf die vielversprechende Abwechslung.

Im Heiligenkalender der Röm.-Kath.-Kirche ist für den 19. Mai der Gedenktag der Heiligen Bernada Bütler vorgesehen. Weil aber Sonntag ist, fällt der Gedenktag aus. So möchte ich von meinem Besuch am Ort des Wirkens dieser Heiligen aus der Schweiz erzählen. Am Nachmittag besuchten Kelly (Pastoralassistentin), Segito (er leitet die Gruppe der Krankenbetreuer in der Pfarre) und ich Gregorio im Krankenhaus. Dann fuhren wir ins "Collegio Biffi", wo sich heute ein Museum und eine Kapelle mit den Gebeinen der Heiligen befindet.

 

 

 

Ein Besinnungs- und Bildungshaus mit einem schönen Park ist angeschlossen. Die Schwestern führen in Cartagena eine renommierte Schule, zwei Altenheime (eines für betagte Schwestern) und ein Krankenhaus.

       

Schwester Herlinde Moises gehörte dieser Ordensgemeinschaft an. Als man von ihr verlangte sich für den Orden oder für das Missions-Team in Pasacaballo zu entscheiden, gab sie dem Missions-Team den Vorzug. Ihre Gebeine ruhen in einer Grabnische jener Kapelle, wo auch die Gebeine der Heiligen Bernarda in einer außerordentlichen Plastik bestattet sind. Ich sprach auch mit Schwester Bertranda, einer Steirerin aus St. Lorenzen im Mürztal. Sie ist 88 Jahre alt und geistig erstaunlich fit.

"MARIA BERNARDA (VERENA BÜTLER) wurde in Auw, Kanton Aargau, Schweiz, am 28. Mai 1848 geboren und getauft. Sie war das vierte Kind von Heinrich und Katharina Bütler, einfachen Bauern, die ihre acht Kinder fromm erzogen...

Schon als junges Mädchen hegte sie den Wunsch, sich ganz Gott zu weihen... Auf Anraten ihres Pfarrers trat sie am 12. November 1867 mit 19 Jahren in das Kloster Maria Hilf in Altstätten, Schweiz, ein, wo sie am 4. Mai 1868 den Habit der Franziskanerinnen und den Ordensnamen Maria Bernarda vom Heiligsten Herzen Mariä erhielt und am 4. Oktober 1869 die Gelübde ablegte mit der festen Absicht, Gott bis zum Tod in einem beschaulichen Leben zu dienen.

In Altstätten wurde sie bald zur Novizenmeisterin und später zur Oberin gewählt. Ihr missionarischer Geist und Eifer für das Reich Gottes drängten sie, ein Filialkloster zu gründen. Als Mgr. Schumacher, Bischof von Portoviejo in Ecuador, die schwierige Situation seines Volkes schilderte und eine Missionsniederlassung in seiner Diözese anbot, betrachtete Maria Bernarda dieses Angebot als deutlichen Ruf Gottes.

Nach Erhalt des päpstlichen Indults verliess Maria Bernarda Altstätten, um am 19. Juni 1888 mit sechs weiteren Schwestern nach Ecuador aufzubrechen. Im Licht des Glaubens und im missionarischen Eifer fanden sie die Kraft, den Abschiedsschmerz der endgültigen Trennung von der Heimat zu tragen.

Maria Bernarda, die nur eine Missionsfiliale des Schweizer Klosters gründen wollte, sah sich plötzlich als Gründerin eines neuen Instituts, der Kongregation der Franziskaner Missionsschwestern von Maria Hilf. In Ecuador angekommen, wies ihnen der Bischof als Arbeitsfeld Chone zu, einen Ort von etwa 13 000 Einwohnern, der als schwierig und vernachlässigt galt.

Maria Bernarda, die zur Grundlage ihrer Missionstätigkeit das Gebet, die Armut, die Treue zur Kirche und die Werke der Barmherzigkeit machte, wurde hier «allen alles». Sie lernte nebenbei Sprache und Gebräuche des Volkes und widmete sich von Anfang an der Jugenderziehung, dem Familienapostolat, allen sozialen Diensten, und sorgte auch für Verbesserung der liturgischen Feiern und der Katechese...

Trotz dieser Erfolge blieb ihr Werk vom Kreuz gezeichnet: Armut, Klima, gesundheitliche Probleme, Missverständnisse von Seiten der kirchlichen Oberen und die Trennung einiger Schwestern von der Kongregation, als ausserhalb von Ecuador eine Neugründung vorgenommen wurde, brachten viel Leid. Maria Bernarda ertrug dies alles mit heroischer Tugend und in bedingungslosem Gehorsam. In der Stille ihres Herzens vergab sie allen und betete besonders für jene, die ihr Leid zufügten.

Als im Jahr 1895 eine gewaltsame Verfolgung ausbrach, musste sie mit ihren Schwestern den kirchenfeindlichen Kräften weichen und Ecuador verlassen. Maria Bernarda kam mit 15 Schwestern nach Bahia und brach von dort nach Kolumbien auf. Noch auf dem Schiff erreichte sie die Einladung des Bischofs von Cartagena, Mgr. Eugenio Biffi, in seiner Diözese in Kolumbien zu arbeiten. Am 2. August 1895 trafen Maria Bernarda und ihre Schwestern in Cartagena ein, wo der Bischof sie mit väterlicher Liebe aufnahm und ihnen einen Flügel des Frauenspitals zur Verfügung stellte, das den schönen Namen «Obra Pia» trug, aber ein armseliges Gebäude war. Dieses Haus wurde zur Heimstätte ihrer restlichen Lebensjahre.

In franziskanischem Geist wirkten Maria Bernarda und ihre Kongregation unter den Armen, um ihre spirituellen und materiellen Nöte zu lindern. Als die Zahl der Schwestern wuchs, gründete sie auch in Österreich und Brasilien Niederlassungen, besuchte immer wieder persönlich ihre Mitschwestern in den Missionsstationen, teilte mit ihnen in beispielhafter evangelischer Einfachheit Arbeit und Leben. Wohin sie auch kam, waren Arme und Kranke ihre bevorzugten Lieblinge. Den Schwestern pflegte sie zu sagen: «Öffnet eure Häuser, um den Armen und Ausgestossenen zu helfen. Die Hilfe für die Armen soll jeder anderen Tätigkeit vorgezogen werden».

In staunenswerter Opferbereitschaft betete, ermahnte, schrieb und missionierte sie und leitete 32 Jahre ihre Kongregation. Als sie am 19. Mai 1924 starb, war sie 76 Jahre alt und 56 Jahre Ordensfrau. 36 Jahre wirkte sie in der Mission in Lateinamerika. In Windeseile verbreitete sich die Nachricht von ihrem Tod. In der Kathedrale von Cartagena sagte der Pfarrer. «Heute früh ist in unserer Stadt eine Heilige gestorben, die ehrwürdige Mutter Bernarda». Ihr Grab wurde schnell zu einem Wallfahrtsort und einer Stätte des Gebetes.

Die Liebe und der Missionsgeist von Mutter Maria Bernarda leben fort in ihrer Kongregation, die sich über 10 Länder in drei Kontinenten verbreitet hat. Maria Bernarda verwirklichte in ihrem Sein und Handeln, was man heute als «lnkulturation» des Evangeliums bezeichnet, die Voraussetzung einer wirkungsvollen Evangelisierung ist (vgl. Redemptoris missio, Nr. 52). Maria Bernarda verkörperte in ihrem Leben vollkommen ihr programmatisches Leitwort: Mein Leitstern ist das Evangelium.

Während ihres Lebens suchte und fand Maria Bernarda Hilfe und Trost allein in Gott. Seitdem sie die Heimat und das geliebte Kloster Altstätten verlassen hatte, wohin sie nie mehr zurückkehrte, und bei all ihrer unermüdlichen apostolischen Arbeit liess sie sich immer von einer soliden Spiritualität leiten und tragen, vom unablässigen Gebet, der heroischen Liebe zu Gott und den Menschen. Ihr Glaube war felsenfest, ihr Vertrauen auf die göttliche Vorsehung unbegrenzt. Sie lebte in Starkmut, evangelischer Demut und radikaler Treue die Gelübde des gottgeweihten Lebens...

Maria Bernarda bleibt ein leuchtendes Beispiel einer biblischen Frau: stark, klug, mystisch, spirituelle Meisterin und hervorragende Missionarin. Sie hinterlässt der Kirche ein wunderbares Zeugnis der Hingabe an das Evangelium und lehrt uns, wie man auch heute Gebet und Arbeit, Beschauung und Tätigkeit, Leben in Gott und im Dienst für den Nächsten miteinander verbinden kann, indem sie Gott den Menschen und den Menschen Gott näher bringt." (Die Biografie ist www. maria-bernarda.ch entnommen; das offizielle Heiligenbild findet sich in Brief 7; es bringt die starke, engagierte Frau leider nicht ins Bild;)

"Geheimnislos leben heißt, von dem Geheimnis in unserem eigenen Leben, von dem Geheimnis des anderen Menschen nichts wissen, heißt an der Oberfläche bleiben, heißt die Welt nur soweit ernst nehmen, als sie verrechnet und ausgenutzt werden kann." (Dietrich Bonhoeffer)

Einen schönen Muttertag und eine gute Woche! Euer Kurt Udermann


Pasacaballo, 5. Mai 2019 (13. Brief)


Wenn ich mit dem öffentlichen Bus in die Touristen-Metropole Cartagena fahre, steigen immer wieder "fliegende Verkäufer" in den Bus und geben den Fahrgästen ihre Produkte in die Hand zum Begutachten. Wenn sie auf ihrer Runde zurückkommen, dann bekommen sie entweder das Geld für die Ware oder nehmen diese zurück. Ich habe noch nie erlebt, dass so ein Verkäufer unerwünscht wäre. Manchmal ist unter ihnen auch eine Person, die ein Glaubenszeugnis ablegt.

In letzter Zeit fällt auf, dass immer öfter der eine oder andere Flüchtling aus Venezuela sich unter diese "fliegenden Verkäufer" mischt. Die Flüchtlinge sind schon an den einfachen Dingen zu erkennen, die sie kaufen und mit geringem Gewinn im Bus oder auf der Straße weiter verkaufen. Vor allem, wenn man sich in Cartagena bewegt, fallen einem die venezuelischen Flüchtlinge auf.

                

Im Zentrum der Stadt Cartagena sind Flüchtlingsfamilien anzutreffen, die immer auch etwas feilbieten, aber nie nur betteln. Wenn man mit dem Pkw unterwegs ist, trifft man sie an den Kreuzungen wiederum als "Verkäufer" oder bereit die Windschutzscheibe zu waschen und dafür einen Obolus zu bekommen. Auch in "unserer Kirche" tauchen zum Gottesdienst immer häufiger venezuelische Flüchtlinge auf. In Altarnähe steht ein Korb für Sachspenden zugunsten der Flüchtlinge bereit.

Jedenfalls sind viele der Flüchtlinge aus Venezuela Menschen mit kolumbianischen Vorfahren. Diese sind vor mehr oder weniger Jahrzehnten als die Petrodollars noch sprudelten nach Venezuela ausgewandert und erfreuten sich des höheren Verdienstes und Lebensstandards. Präsident Maduro verschaffte ihnen die Staatsbürgerschaft und gewann damit Wählerstimmen. Diese "Heimkehrer" können mit dem Beziehungsnetz der Verwandtschaft rechnen. Die "echten" venezuelischen Flüchtlinge haben es schwerer. Sie wollen arbeiten! Immerhin werden sie öffentlich als Flüchtlinge registriert. Und das ist schon viel. Die Stadt Cartagena und die Kirche versuchen zu helfen. Die Hilfsbereitschaft der Menschen ist groß. Nur der Staat kann sich nicht so recht für Hilfsmaßnahmen entscheiden. Noch ist die Öffentlichkeit bereit zu helfen. Hoffentlich bleibt das so.

Natürlich berichten die Medien über die Ereignisse im Nachbarstaat. Kolumbien ist rechtslastig und amerikafreundlich, der einzige Staat Südamerikas in dem es nie die Gefahr einer kommunistischen Regierung gab (dafür gibt es die Paramilitärs, Drogenbarone und die Guerilla). Dennoch beobachtet man mit gemischten Gefühlen die Versuche Maduro loszuwerden. Aber wird es dann wirklich besser? Die Hoffnung stirbt zuletzt.


Aufs Lesen möchte ich nie und nirgendwo verzichten müssen. Diese Passion verbindet mich mit schönen Erinnerungen. Als ich nach meinem fünfjährigen Taiwanaufenthalt den Jesuiten Dominik Dill in Peking besuchte war ich nicht nur von seiner weiß-kahlen Wohnung fasziniert, sondern auch von dem Genuss, mit dem er sich seiner täglichen Lektüre nach dem Mittagessen hingab, eine Zigarette rauchte (die einzige am Tag) und eine Schale Schwarzen trank. In Rom legte mir ein Professor ans Herz, täglich mindestens eine halbe Stunde Weltliteratur zu lesen, wenn ich eine Dissertation schreiben will. So erfreue ich mich an beidem, dem Lesen von "Weltliteratur" mit einer guten Schale Kaffee nach dem Mittagessen. Aus einer halben Stunde wird meistens mehr. Am Nachtkästchen allerdings liegt bei mir kein Buch.

So habe ich auch nach Kolumbien meine Bücher mitgebracht. Der Platzmangel wegen des bewusst wenigen Gepäcks besorgte die Einschränkung. Eingepackt habe ich die "Hundert Jahre Einsamkeit" von G. G. Marquez, eine Anthologie kolumbianischer Erzählungen: "Kolumbien fürs Handgepäck" und den Roman "Die geheime Geschichte Costaguanas".

Empfehlen möchte ich zunächst einen anderen Roman, den mir Reinhold Oster geborgt hat. Die in Mexiko lebende Kolumbianerin Laura Restrepo hat ihn geschrieben. Er trägt den Titel: "Land der Geister" und ist bei Luchterhand, München 2009 erschienen.

                            

Die Autorin seziert die psychisch, soziale Überheblichkeit der kolumbianischen Oberschicht des ausgehenden 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts. Der gesellschaftliche Schein und die darunter liegende Verlogenheit alteingesessener Familien wird anhand einer Familie exemplarisch dargestellt. Die Verlogenheit fordert ihre Opfer. Es sind die Schwachen, die es immerhin schaffen Größe dann an den Tag zu legen, wenn es am wenigsten von ihnen erwartet wird.

Hauptakteurin ist die wunderschöne, leicht verrückte Agustina. Sie lebt mit dem Literaturdozenten Aguilar zusammen, der ihretwegen Frau und zwei Söhne verlassen hat und sie wirklich liebt. Agustina hat übrigens hellseherische Kräfte. Sie hat einen in Kanada verschollenen kolumbianischen Ministersohn lokalisieren und retten können. Das Leben des Paares ist von Hochs und Tiefs geprägt.

An einem Wochenende, das Aguilar mit seinen beiden Söhnen allein verbringen möchte und Agustina zu Hause bleibt ist etwas merkwürdiges geschehen, das die hübsche, aber labile Frau an die Grenze der psychischen Belastbarkeit bringt. Als Aguilar heimkommt, bekommt er einen Anruf: "Er möge seine Frau im Hotel Esplanade abholen." Er bringt eine völlig ausgerastete Agustina nach Hause, die ihm und der plötzlich aufgetauchten Tante Sofi das Leben schwer macht.

Aus verschiedenen Perspektiven geht die Autorin dem, was an dem Wochenende geschah, auf den Grund. Da sind die Erfahrungen von Agustinas ehemaligem Freund Midas McAlister. Es gibt die Tagebuchaufzeichnungen der Großeltern Agustinas und schließlich den Bericht Aguilars. Übrigens mischt auch Pablo Escobar kräftig mit.

                         

Es war jedenfalls alles ganz anders. Die Unbeirrbarkeit des von Agustinas Familie verachteten "roten" Literaturdozenten siegt schlussendlich.

"Land der Geister" ist ein Roman zum Weinen und Lachen und nicht zuletzt auch zum Nachdenken. Eine Kostprobe: "Fast gesetzmäßig, sagt Tante Sofi zu Aguilar, haben wir immer wieder im Leben Zuflucht im Schweigen gesucht, sobald sich die Wahrheit zeigen wollte, Und dieses euer Schweigen kommt uns heute teuer zu stehen, sagt Aguilar zu ihr, Ich weiß erwiderte Sofi, du meinst in Form der Knoten in Agustinas Kopf, nicht wahr?"

"Nur aus dem Unmöglichen kann die Welt erneuert werden; dieses Unmögliche ist der Segen Gottes." (Dietrich Bonhoeffer)

Eine gute Woche mit eine bisschen mehr Wärme für Euch und für uns ein bisschen Abkühlung wünscht

Kurt Udermann


Pasacaballo, 28. April 2019 (12. Brief)


Haben Sie schon einmal den Namen Nikolaus Joseph von Jacquin gehört? Nein? Ich auch nicht! Hätte ich in Wien außer dem Kunsthistorischen Museums auch das Naturhistorische besucht, wäre mir der Name vielleicht ein Begriff. Jedenfalls ist er mir hier in der Stiftung untergekommen. Das Stück Land nämlich, wo in einem Pavillon der vorösterliche Einkehrtag stattfand, trägt den offiziellen Namen "Oasis de Jacquin". Es handelt sich also um die Oase des Freiherrn Nikolaus Joseph von Jacquin.


Wie kommt dieser in weiten Kreisen eher unbekannte Herr zu diesen Ehren? Er verdankt sie nicht unwesentlich der österreichischen Botschafterin in Kolumbien, die das Projekt seit vielen Jahren unterstützt. Am 18. Februar 2018 wurde in einem kleinen Festakt die Gärtnerei und Baumschule "Oasis de Jacquin" offiziell aus der Taufe gehoben. Der Name der Anlage und das Datum des kleinen Festes sind nicht Produkte des Zufalls, sondern bewusst gewählt. Am 16. Februar hätte nämlich der österreichisch-niederländische Botaniker Nikolaus Joseph von Jacquin seinen 291. Geburtstag gefeiert.


Nikolaus Joseph Freiherr von Jacquin kam am 16. Februar in Leiden auf die Welt und starb am 26. Oktober 1817 in Wien. Er war Botaniker und Chemiker und hatte in Leiden, Paris und Wien Medizin studiert. Der kaiserliche Hof in Wien hatte ihm Expeditionsreisen in die Karibik ermöglicht, um dort neue Pflanzen für die kaiserlichen Gärten in Wien und für das Schloss Schönbrunn zu sammeln. Er besuchte in den Jahren 1757-59 die Küstenregionen von Venezuela und Kolumbien und war auch auf Haiti, Jamaika und auf Kuba.


Nach seiner Rückkehr war er ab 1769 Professor für Chemie und Botanik an der Universität Wien, zudem auch Direktor des Botanischen Gartens der Universität Wien und später der Kaiserlichen Gärten von Schloss Schönbrunn.

 
Alexander von Humboldt schrieb übrigens in seiner Autobiografie, dass er, bevor er nach Amerika aufbrach, nach Wien reiste, um sich bei seinem Kollegen Jacquin Rat zu holen.


Nun vom Namensgeber der "Oasis de Jacquin" zum Projekt selbst. Das Hauptaugenmerk soll der künftigen Zucht von regionalen Pflanzenarten gelten, die zum Teil gefährdet sind, ebenso den für die Küstenregion typischen Frucht- und Gemüsesorten. Auch weitere bauliche Maßnahmen sind geplant. Geträumt wird von einem Gästehaus, das der Stiftung erlaubt, das Grundstück auch für das Abhalten von Seminaren und Workshops zu nutzen bzw. zur Verfügung zu stellen. So ein Gäste- bzw. Bildungshaus käme den Menschen in unserem Einflussbereich zugute. Hier fehlt es an besinnlichen Rückzugsorten.


     


Zur Zeit genieße ich die Mangofrüchte. Sie warteten mit der Reife nicht bis zum Eintreffen der Regenzeit. Sie purzeln jetzt schon wie die Klaräpfel von den Bäumen. Bei jedem Klopfgeräusch lauf ich hinter das Haus, um die herabgefallene (Götter-) Frucht aufzuheben und oft auch gleich zu schälen und zu essen. Herrlich!!! Die aus den Mangos hergestellten Fruchtsäfte (Jugos) sind auch nicht zu verachten.


         


Am Freitag war ich ziemlich (über-)pünktlich in der Straße meiner Lehrerin und hatte Zeit die Straßenverkäufer zu beobachten. Einer dünkte sich besonders schlau und war sich dessen auch schelmisch bewusst. Er hatte eine lange Stange bei sich auf seinem Schubkarren und holte sich mit ihr die erspähten Mango-Früchte vom Baum. Wie bei uns die Kastanienbäume die Straßen säumen, so hier die Mangobäume.

Aber zuvor hatte ich einen Lumpensammler beobachtet, der mir mehr zu denken gab. Es faszinierte mich, mit welcher Hingabe er die Müllsäcke durchsuchte, die am Straßenrand deponiert worden waren, wie er die Plastikflaschen, die Getränkedosen und die Kartons aussortierte, sie bündelte und sie sorgfältig und in einer wohlüberlegten Ordnung auf seinem Wagen unterbrachte. Unvergesslich ist für mich der zufriedene Eindruck, den er vermittelte. Er war voll und ganz seiner Arbeit zugewandt. Mit solcher Hingabe meinen Tätigkeiten nachzukommen und so zufrieden zu sein, das möchte ich von diesem Mann lernen.


„Vergessen bedeutet soviel wie aus dem Glauben fallen. In der täglichen Erinnerung an Jesus Christus aber wird mir zugesagt, dass Gott mich von Ewigkeit her geliebt und mich nicht vergessen hat.“ (Dietrich Bonhoeffer)

Eine gute Woche wünscht euch Kurt Udermann


Pasacaballo, am 22. April 2019 (11. Brief)

Die "Heilige Woche" (Semana Santa) hat mit dem Einkehrtag sämtlicher Mitarbeiter begonnen. Die Teilnahme war auf freiwilliger Basis. Das "Geistliche Atemholen" fand auf dem Grundstück der Stiftung jenseits des Dique-Kanals statt, auf einem Stück Land, das übrigens durch den Bau der Brücke über den "Kanal" eine bedeutende Wertsteigerung erfahren hat. Dieses Grundstück bekam den Namen eines berühmten, aber fast unbekannten, österreichischen Naturforschers (darüber mehr in einem der nächsten Briefe). Reinhold Oster hat mit dem Stück Land viel vor. Da er nicht bloß Visionär, sondern auch Praktiker ist, ist gut möglich, dass dort ein kleiner Garten Eden entsteht.

Zurück zum Einkehrtag. Kelly, die Pastoralassistentin, hat den Einkehrtag vorbereitet. Sie stellte ihn unter das Motto: "Brot ist nicht Privatbesitz." Sie bezog sich auf eine Ansprache von Papst Franzisco bei einer Generalaudienz im März dieses Jahres. Er beschäftigte sich mit der Vaterunserbitte: "Unser tägliches Brot gib uns heute." Der Mensch sei kein selbstgenügsames Wesen. Nahrung kommt von "außen" und zwar als Gabe Gottes für alle und muss gerecht verteilt werden. Jesus hat vor allem uns Christen zu Compassion und zur Solidarität aufgerufen. Papst Franziskus hat auf die Eltern aufmerksam gemacht, die nicht schlafen können, weil sie nicht wissen, wie sie die Kinder am nächsten Tag ernähren sollen, ebenso auf die hungernden Kinder überall auf der Welt.

 

Um der christlichen Haltung der Compassion (Mitgefühl, Mitleid) und der Solidarität auf die Spur zu kommen wurde in vier Gruppen über die Brotvermehrungs-Erzählungen des Neuen Testamentes nachgedacht und die Ergebnisse im Plenum vorgetragen. Anschließend feierten wir Eucharistie mit einem großen Laib Brot (Weißbrot), das geteilt und einander weitergereicht wurde. Damit sollte das Empfangen und Weitergeben dürfen betont werden.

Es folgte ein gemeinsames Mittagessen und anschließend wurden die mitgebrachten Ostergeschenke ausgeteilt. Die Süßigkeiten lassen vermuten, dass Kalorienprobleme keine Rolle spielen. Um ca. 15.00 Uhr war Schluss und der Bus brachte uns nach Hause. Ich hatte unerträgliche Hitze befürchtet, aber das Palmenblätter-Dach hat eine erträgliche Temperatur geschaffen. Es war eine gute Einstimmung auf das "Triduum Pasquale".

Am Gründonnerstag feierten Kelly, Mario (tiermedizinstudierender, indianerstämmiger Laien-Missionar) und ich mit der Gemeinde in Publito die Einsetzung der Eucharistie. Es war ein Boot vorbereitet und drum herum die zwölf Sessel für die Apostel. Das Boot erinnert an die Einnahmequelle der Fischerei. Die Zwölf setzten sich aus Kindern, Jugendlichen (ein junger Mann) und Frauen zusammen. Erwachsener Mann war nur einer beim Gottesdienst. Männliche Jugendliche waren mehrere gekommen. Ich erinnere mich, was Schwester Herlinde über die Machos, den Alkohol und die häusliche Gewalt in den Dörfern schrieb. Bleibt zu hoffen, dass die jungen Männer mit mehr Bildung, nicht ins Fahrwasser der Alten geraten.

Tief berührt hat mich wie immer die Fußwaschung, vor allem die Reaktion der Betroffenen und die Atmosphäre während des Geschehens. Auch die Gabenprozession war feierlich mit vielen Gaben. Zum Schluss wurde ein schönes Fischernetz gebracht. Die liturgische Feier endete mit der Andacht beim "Hl. Grab", die Mario hielt. 

                                                             

       


Auf der Heimfahrt wurden wir gleich nach dem Dorfende zurückgerufen, um eine kranke Frau ins Spital mitzunehmen und drei junge Männer kletterten unterwegs noch auf die Ladefläche unseres Wagens.

Am Karfreitag wurden wir schon am Ortseingang mit einer Mega-Lärmverbreitungs-Anlage konfrontiert. Auch der Kirche gegenüber ertönte laute Musik aus einer Anlage. Für die Liturgie befürchtete ich das Schlimmste. Als endlich die Leute für den Gottesdienst sich versammelt hatten, wurde zwar die Lärmquelle gegenüber sehr reduziert, aber der vom Dorfeingang war immer noch zu hören. Trotzdem feierten wir würdig die Karfreitagsliturgie bei großer Hitze. Die Kreuzverehrung hatten wir ziemlich beschränkt, weil abends ein Kreuzweg durch das Dorf stattfand, den Mario hielt.

    

In besonderer Erinnerung wird mir der Auferstehungsgottesdienst am Karsamstag um 10.00 Uhr bleiben. Die ungewöhnliche Zeit hat mit dem Dorffest zu tun. Ab 17.00 Uhr gibt es bis Sonntag spät in die Nacht kein Halten mehr, die Fiesta geht vor. Was gefeiert wird und warum spielt keine Rolle. Hauptsache: Lärm und Alkohol.

Als wir vor der Kirche mit der Feuerweihe anfingen war die Hitze zum Höhepunkt unterwegs. So stand ich mit der Osterkerze vor dem Feuer und spürte wie der Schweiß Bächlein bildete und an mir abfloß. In der Kirche gab es wenigstens ein wenig Schatten. Bei der Segnung des Wassers und der Tauferneuerung wurde mir die Bedeutung des Wassers für das Leben der Menschen hier bewusst. Alle hatten Wasser für die Segnung mitgebracht. Besonders herzlich war das gegenseitige Zusprechen der Ostergnade vor dem Auseinandergehen.

    


                                

Jedenfalls ließ ich es mir nicht nehmen, die "Solemne Vigilia Pascual" abends in der Pfarrkirche mitzufeiern. Angekündigter Beginn 20.00 Uhr, tatsächlicher Beginn eine halbe Stunde später, dafür "volles Programm", alle vorgesehenen Lesungen und der 1. Kanon mit sämtlichen Heiligen, dazu ein ausführlicher Kommentar zur Feier. Die Lektoren und Lektorinnen waren ganz in Weiß gekleidet, die Kirche wunderschön geschmückt und alle Anwesenden in bester Feierstimmung. Allerdings: kein Chor, kein Kantor. Ein junger Mann mit Gitarre begleitete die Feier. Er sang auch ein rhythmisches Exultet, bei dem mir kalt über den Rücken lief und bei dem das Volk eingebunden war. Ansonsten wurde alles gemeinsam mit begeistertem Gesang, Klatschen uns Hüftschwingen gefeiert. Natürlich auch mit der eindrücklichen Finsternis-Licht-Symbolik am Beginn. Berührender Höhepunkt war das Gloria. Vier Männer trugen eine schöne Statue des Auferstandenen durch die Kirche und danach wurde eine andere Statue des Auferstandenen am Altar enthüllt.

Drei Stunden dauerte die Feier. Aber Zeit, so kam mir vor, spielt keine Rolle. Man ist präsent, feiert und gibt sich dem erhabenen Festgeheimnis hin. Wo bei uns in Europa feierlicher Ernst im Vordergrund steht, ist es hier die begeisterte Beteiligung. Was ist besser? Die Frage ist wohl falsch. Entscheidend ist: Lasse ich mich von dem ergreifen, was gefeiert wird, getragen entweder vom Ernst oder von der Begeisterung? Lasse ich mich berühren und mein Leben verändern?

                             

                                          Pfarrkirche von Pasacaballos

"Ein Ja Gottes zur schuldigen Menschheit, ein neuer Sinn für all unser Tun - das ist Ostern." (D. Bonhoeffer).

Herzlichen Dank für die Ostergrüße und Euch allen ein begeistertes, ernstes Ostern, das auf neue Wege führt. Euer Kurt Udermann


Pasacaballo, am 14. April 2019, (10. Brief)

Heute habe ich frühmorgens (6.30 Uhr) bei bereits schweißtreibender Hitze die Palmsonntag-Liturgie mitgefeiert. Die begeisterten Gesänge und die lange Prozession durch das ärmliche Dorf sind jedenfalls unvergesslich.

                        

In einem schriftlichen Resümee nach 30jähriger missionarisch-sozialer Tätigkeit mit den afroamerikanischen Gemeinschaften in der Bucht von Cartagena schrieb Herlinde Moises, dass ihre Arbeit auf zwei Standbeinen steht. Das erste bilden „diejenigen, die ganzzeitig in den Gemeinschaften arbeiten; das zweite, die freiwilligen Kolumbianer und Ausländer, die unsere Arbeit unterstützen, sei es für ein paar Stunden oder ganze Lebensabschnitte lang… Besondere Dankbarkeit empfinde ich für die Freiwilligen aus Österreich, meiner Heimat. Ich bin wirklich stolz darauf, dass Privatleute (Freunde und Verwandte), Nicht-Regierungs-Organisationen und staatliche Stellen aus meinem Land viele Werke ermöglicht haben, Leben zu retten, das Elend zu verringern, viele Kinder und Jugendliche zu erziehen und im allgemeinen die Lage der Gemeinschaften an der Bucht von Cartagena zu verbessern… Auch wenn es stimmt, dass Ungerechtigkeit und Hass existieren, so existieren auch Liebe und Gerechtigkeit, die in der Lage sind, leise aber dauerhaft Veränderungen zu erreichen.“

Anfang 1967 kamen aus Österreich zwei freiwillige Krankenschwestern, Agathe Nussbaum und Hermina Zopf, die sich in den Dienst der gesundheitlichen Bedürfnisse der Menschen von Pasacaballo und der umliegenden Dörfer stellten. Nach dreijährigem freiwilligem Dienst kehrten die Krankenschwestern per Schiff in die Heimat zurück.

Bleibende Spuren hat Konrad Piock, einer der vielen österreichischen Freiwilligen, hinterlassen. Er war als Pastoralbeauftragter für die Jugend tätig und war „Baumeister“ bei der Errichtung einiger Schulen.

In jenem Jahr, in dem Schwester Herlinde nicht nach Kolumbien zurückkehren durfte, wurde die Arbeit fortgeführt, nicht zuletzt durch den tatkräftigen Einsatz der deutschen Freiwilligen Reinhold Oster, Markus Buchal und Melanie Kahlen. Auch zwei spanische Freiwillige haben vor Ort verdienstvoll gewirkt: die Ärztin Arantza Garcia und die Pädagogin Angela Ruiz.

So ist aus den zahlreichen Freiwilligen, vor allem aus Deutschland und Österreich, eine ansehnliche „Familie“ bereitwilliger Helfer entstanden. Viele von ihnen sind mit der Stiftung immer noch in Kontakt und nehmen an spontanen Treffen teil, vor allem dann, wenn sich Reinhold Oster in Deutschland oder Österreich aufhält.

Auch im vergangenen August haben wieder vier junge Leute ihren Dienst als Freiwillige in der „Stiftung Madre Herlinde Moises“ angetreten: Johanna, Daniel, Lily und Tabea.

                  

                                    Tabea, Lily, Johanna und Daniel

Johanna und Daniel kommen aus Österreich und nehmen am Internationalen Freiwilligendienst Programm der Caritas teil. Johanna ist 20 und Daniel 24 und die beiden sind gemeinsam nach Kolumbien gekommen. In der Stiftung ist jeder in seinen eigenen Spezialgebieten tätig: Daniel, als ausgebildeter Elektriker ist der Mann für alles Handwerkliche und Technische und verbringt die meiste Zeit damit Regale zu bauen, Kabel zu verlegen und Wände anzustreichen. Johanna kümmert sich um das Design der Webseite und um das Fotografieren der verschiedenen Aktivitäten und Projekte.

Tabea und Lily sind beide 18 Jahre alt und kommen aus Deutschland. Neben der Organisation eines Englischkurses, dem Übersetzen von Texten von deutsch auf spanisch und wieder zurück, arbeiten sie mit den Kindern der stiftungseigenen Vorschule.

Die Vorschule liegt im Barrio Madre Herlinda Moises. Das Viertel ist eines der ärmsten Pasacaballos und wurde erst 2008 nach monatelanger illegaler Landbesetzung offiziell anerkannt und nach unserer Stiftungsgründerin Mutter Herlinde benannt. Durch ihre Arbeit dort, haben die Freiwilligen den kleinen Dilan und dessen Familie kennengelernt. Zu acht lebt diese in einem Haus, das selbst im Angesicht der nach wie vor ärmlichen Verhältnisse im Barrio, weit unter der Grenze des Menschenwürdigen liegt.

Durch die ungünstige Lage des Bretterverschlags und die durchlässigen Wände, wird die Hütte regelmäßig von tropischen Regengüssen überschwemmt – besonders in der Regenzeit ist das ein schlimmer Zustand.

Um die Familie zu unterstützen haben die vier Freiwilligen der Fundación nun ein Spendenprojekt gestartet um den Bau einer stabilen Behausung zu finanzieren. Zusammen mit Reinhold wurde ein Kostenvoranschlag aufgestellt, ein Plan entworfen und jetzt soll es so schnell wie möglich ans Bauen gehen! Das soll in Zusammenarbeit mit der betroffenen Familie und einer ganzen Handvoll Helferinnen, Helfern und Freunden der Stiftung stattfinden.

Da der Großteil des benötigten Geldbetrages bereits am Spendenkonto verbucht ist, konnte gestern, am Samstag vor dem Palmsonntag, der feierliche Spatenstich, dank der Initiative von Tabea, Lily, Johanna und Daniel, erfolgen.

                                                       

Mit Worten von Dietrich Bonhoeffer wünsche ich Euch eine Karwoche, die Euch persönlich „angeht“: „Nicht um einen Kampf von Dunkel und Licht, handelt es sich Ostern, sondern um den Kampf der schuldigen Menschheit gegen die göttliche Liebe; einen Kampf, in dem Gott zu unterliegen scheint am Karfreitag und in dem er gerade, indem er unterliegt, siegt – an Ostern.“ Euer Kurt Udermann
 

Pasacaballo, am 07. April 2019 (9. Brief)


Vergangenen Sonntag besuchte ich erstmals die Abendmesse. Ich war zwar andächtig und gesammelt, dennoch fiel mir auf, dass mehr junge Frauen anwesend waren und einige von ihnen eine Blume im Haar trugen. Überhaupt hatte ich den Eindruck in einem Film über Haiti oder sonst einem Land der Karibik zu sein. Schön langsam wurde mir bewusst, wo ich eigentlich bin: Zwar in Kolumbien, aber nicht einfach an der Küste im Westen mit Blick auf den Pazifik Richtung Australien etc. Mir wurde auch klar, dass der Panama-Kanal südwestlich von uns liegt und wir eigentlich schon zur Karibik gehören. Ob diese Erkenntnis von Heiligen Geist kam? Immerhin, jetzt weiß ich ungefähr wo ich wirklich bin!

Am Dienstag waren wir wieder in Publito. Der eigentliche Grund war die Übergabe und Segnung eines Kreuzweges. Eine Gruppe der Mutterpfarre hat ihn gespendet. Der Pfarrer verfügte, dass er aufgehängt wird. Sicher gut gemeint. Die Pastoralassistentin und ich sind und einig, dass der Nazarener-Kreuzweg nicht zur „naiven“ Malerei der Kirche passt. Das Bilder-Band des Lebens Jesu mit der Kreuzigung im Rücken des Altares hat eine schlichte, zu Herzen gehende Kraft. Schade! Jedenfalls haben wir den Kreuzweg gesegnet und er wird aufgehängt, um den Herrn Pfarrer nicht zu vergrämen.

   

                                                

Auffallend war, dass kein einziger Mann bei der Segensfeier anwesend war. Die Herren der Schöpfung waren politisch engagiert. Eine Wasserleitung wird vom Dique-Kanal durch das Dorf nach Turban gelegt. Alle demokratischen Formalitäten sind von Seiten der Stadtverwaltung erfüllt worden. Jetzt vertraten einige der Männer die Ansicht, dass nicht einzusehen sei, dass sie untätig herumsitzen müssen und der Bagger die Arbeit erledigt. Der Bauleiter vor Ort versuchte ihnen klar zu machen, dass sie ihre Argumente früher hätten vorbringen müssen und der Vorschlag der Gemeinde wohl zu teuer gekommen wäre. Ich erinnere mich an ein Statement von Schwester Herlinde, dass sie bei schwierigen Entscheidungen immer vorab mit den Frauen klärende Gespräche geführt hat. Meist war es ihnen gelungen ihre Männer zu überzeugen.

                   

Zurück in die Kirche. Ich hatte mich gerade in den Schatten der Kirche gesetzt und beobachtete vier Buben, die so an die zehn Jahre alt gewesen sein mussten. Sie tuschelten miteinander und schauten immer wieder zu mir her. Plötzlich kam einer zu mir und fragte schüchtern wie alt ich sei. Nachdem ich ihm Auskunft gegeben hatte bedankte er sich mit einer herzlichen Umarmung. Ich war ziemlich erstaunt und gerührt.

In der vergangenen Woche war es an drei Tagen ziemlich schwül. Das Handy zeigte für Cartagena 34°. Anchel, ein einheimischer Mitarbeiter, bestand darauf, dass es 40° habe (gemessene und gefühlte Temperatur?). Jedenfalls haderte ich Freitag morgens bei der Betrachtung mit den heiß-schwülen Bedingungen. Mir kam der Gedanke, dass ich den Umgang mit den hohen Temperaturen ebenso als Sendung ansehen sollte wie auch die Übernahme des einfachen Lebensstiles der Menschen vor Ort. Dieser Sinneswandel machte die Hitze doch irgendwie erträglicher.

Auch was das Essen betrifft, fällt es mir nicht schwer, am heimischen Angebot Geschmack zu finden. Es gibt viel Reis, Hühnerfleisch, auch Schweinefleisch, zum Frühstück, das ich besonders lecker finde, gibt es Kartoffel, Yuka, Bananen, Ei und natürlich guten, kolumbianischen Kaffee. Nur am Sonntag, ich richte mir das Essen selbst, begnüge ich mich mit einemToast. Alkohol gibt es keinen, aber dafür herrliche Fruchtsäfte (Jugos).

       

                                       Frühstück mit Senora Fermina, unserer Köchin

„Nicht die Angst vor dem Tag, nicht die Last der Werke, die ich zu tun vorhabe, sondern der Herr ‚weckt mich alle Morgen‘.“ (Dietrich Bonhoeffer)

Ich wünsche Euch eine gute Vorbereitung auf Ostern, Euer Kurt Udermann


Pasacaballo, am 31. März 2019 (8. Brief)

Das "Dusch-Fasten" hat sich gelohnt. Es gibt wieder genug Wasser. Hoffentlich nicht nur vorübergehend. Auch die Kapellentür lässt sich wieder öffnen. Dafür hat der Decken-Ventilator den Geist aufgegeben. Man ist sich nie sicher! Der Ersatz ist weniger effektiv.

Aber nun wieder zu "Madre" Herlinde. Durch eine Alphabetisierung-Initiative kam sie nach Pasacaballo. Die Lebensbedingungen der Menschen hier mobilisierten all ihre Kräfte, um so gut als möglich zu helfen. Zusammen mit zwei Schwestern, die der Orden gemeinsam mit ihr zur Arbeit hierher sandte, mit Priestern und Laien bildete sie ein Team, das sehr tatkräftig und engagiert Hand anlegte, nicht nur in Pasacaballo, sondern auch in der Umgebung. Natürlich fürchteten auch einige um ihre Vorteile. Vor allem, als ein Quecksilber-Abwasser-Skandal aufgedeckt und öffentlich gemacht wurde.

                                             

So entstand die absurde Situation, dass Schwester Herlinde, die hier soviel für Bildung und Gesundheit investierte und dafür von der Regierung als Schulinspektorin für die Region eingesetzt worden war, aufgrund von Denunziationen nach einer Hausdurchsuchung, zusammen mit einem Priester und einem Campesino inhaftiert wurde. Die vermuteten Waffen hat man natürlich nicht gefunden. Fünf Monate lang wurden sie festgehalten. Schwester Herlinde berichtete von psychologischer Folter. Einmal hatten die Wärter eine Mapana-Schlange in ihre Zelle geworfen. Zitternd auf einem Sessel stehend musste sie hoffen, dass ihr jemand zu Hilfe kam.

Im Mai 1977 wurde sie frei gelassen, nicht zuletzt aufgrund öffentlichen Drucks, den die Bevölkerung und der Erzbischof von Cartagena unter Mithilfe zweier Rechtsanwälte, ausübten. Die die Untersuchung durchführenden Behörden mussten bestätigen, dass es keine Indizien gab, die Festgenommen der Rebellion anzuklagen. Nichts desto trotz wurde 1979 Segito festgenommen und gefoltert. Seine Arme wurden übrigens in Salzburg wiederhergestellt. Jeder, der sich für die Armen einsetzte war in Gefahr als kommunistischer Aufwiegler festgenommen zu werden.

Jedenfalls bekam die franziskanische Ordensleitung kalte Füße und stellte Herlinde vor die Wahl, entweder zurück ins Ordenshaus zu kommen oder sich dem Missions-Team anzuschließen. Schweren Herzens entschied sie sich für den Einsatz auf Seiten des Missions-Teams für die Armen. Der Heilige Stuhl hatte sich wieder einmal äußerst "sensibel und kompetent" verhalten und Herlinde gegen ihre Überzeugung aus dem Orden ausgeschlossen. Dennoch blieb Herlinde mit der Gemeinschaft verbunden und auch die Gemeinschaft mit ihr.

1982 nahm Schwester Herlinde zusammen mit Segito Akosta den Erzbischof-Romero -Preis der Katholischen Männerbewegung Salzburg entgegen. Nach 30 jährigem Dienst für die Menschen in Kolumbien musste sie dann schmerzlich feststellen, dass ihr das Visum für die Rückreise nach Kolumbien verweigert wurde, und zwar aus politischen Gründen.

Sie wollte unbedingt wieder zurück nach Kolumbien. An dem Tag als in Stockholm Gabriel Garcia Marquez der Literatur-Nobelpreis überreicht wurde, erschien sie mit einem Strauß gelber Rosen, seinen Lieblingsblumen. Entgegengenommen hat sie seine Gattin, der sie auch ihr Anliegen anvertraute.

Endlich, im November 1983, durfte sie nach Kolumbien zurückkehren. In Pasacaballo wurde ihr ein großartiger Empfang bereitet. Die Freude, dass die "Madre" wieder unter ihnen ist, war riesig. So konnte sie und ihr Team, das auch in der Zwischenzeit unermüdlich weiterwirkte, ihr Engagement für Glaube und Gerechtigkeit fortsetzen. So hat das Missions-Team seine Tätigkeit bis zu den Indianern in der Sierra Nevada ausgeweitet und sich besonders für die Gesundheit der Indios eingesetzt. Bis heute wird dort ein Arzt von einer österreichischen Institution bezahlt.

Im Juni 2006 wurde Schwester Herlinde bei einem Österreich-Aufenthalt mit der Tatsache einer schweren Krankheit konfrontiert. Eine sinnvolle Behandlung erlaubte keine Rückreise nach Kolumbien. Sie aber wollte unbedingt "zu Hause" sterben. Eine Gönnerin erfüllte ihr ihren letzten Wunsch. Das Totengeläute verkündete in Pasacaballo dem ganzen Dorf die Trauer und die Lokalzeitung El Universal von Cartagena titelte "Die Missionarin der Bucht hat uns verlassen."

                                            

Vorgestern haben wir übrigens eine Totenmesse für die verstorbene Schwester von Herlinde, Rosa Bernhardt, geb. Moises, gefeiert. So lebt von den Geschwistern nur noch Margaretha Moises, die ein Jahr nach Herlinde ebenfalls als Missionarin nach Kolumbien gekommen ist. Sie hat mit einer Mitschwester in Medellin ein Kommunikationszentrum aufgebaut und arbeitet immer noch unermüdlich daran, die Gewalt in der Sprache aufzudecken und einzudämmen. Sie hätte gerne mit ihrer Schwester im September in Bad Hofgastein Geburtstag gefeiert.

"Gott läßt sich aus der Welt heraus drängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns." (D. Bonhoeffer)

Ich wünsche Euch eine gute Woche, Euer Kurt Udermann

       

7. Brief: Pasacaballo am 24. März 2019

Gestern war ein Tag, an dem alles schief zu gehen schien. Angefangen hat es mit einem Morgen ohne Dusche. Seit einigen Tagen gibt es Wasserprobleme. Die "Waschung" aus den Wasserbehältern ist nur eine halbe Sache. Der Hitze des Tages ist mit einer kühlen Morgendusche ganz anders zu begegnen als mit der bescheidenen „Katzenwäsche“. Als ich dann wie gewohnt in die Kapelle gehen wollte, um zu meditieren, verweigerte sich das Schloss. Ich konnte tun, was ich wollte, die Tür war nicht zu öffnen. Keine Dusche, keine Kapelle, wie wird das weiter gehen?

In nicht gerade bester Stimmung ging ich zum Frühstück. Der Kaffee brachte mich wenigstens ein wenig in die Gänge. Ich bereitete mich noch ein wenig für den Unterricht vor und fuhr wie gewohnt Samstag vormittags zur Lehrerin.

Es war bereits ziemlich heiß und schwül. An die fünfundzwanzig Minuten muss ich zu Fuß gehen. Als ich ankam stand ich vor verschlossener Tür, zum ersten Mal. Aber das wunderte mich heute schon nicht mehr. Ich habe eine Viertelstunde gewartet, bin in der Affenhitze zurückmarschiert und im Sammeltaxi nach Hause gefahren. Was wird heute noch schiefgehen? Ich litt noch ein wenig unter der Hitze. Der Nachmittag nahm glücklicherweise wieder seinen gewohnten Lauf.

Heute, am Sonntag, gab es auch noch keine Dusche, auch die Kapelle ist geschlossen. Aber ich habe mich darauf eingestellt. Es geht auch ohne. Dennoch sind lieb gewordene Gewohnheiten und Errungenschaften einfach wichtig und hilfreich, wenn auch nicht lebenswichtig.

                   

                              Alles bereit zur "Morgenwäsche"
 
Nun noch weitere Informationen zu „Madre“ Herlinde Moises: Im Jahre 1949 schloss sie ihre Ausbildung zur Lehrerin ab und beschloss in den Franziskanerinnen-Missionsorden Maria Hilf in Gaisau einzutreten. Diese Ordensgemeinschaft wurde übrigens von der Schweizerin, „Mutter“ Bernarda Bütler gegründet, die Papst Johannes Paul II. 1995 selig gesprochen hat. 2008 wurde sie Heiliggesprochen. Eine Freundin hat Maria einen Prospekt dieser Ordensgemeinschaft zukommen lassen. Für die Eltern war es nicht leicht ihre Entscheidung überschwänglich aufzunehmen. Sie freuten sich zwar über ihre Berufung, aber es bedeutete auch Abschied.

                    

                                            "Mutter" Bernarda Bütler
 
Als Schwester Herlinde – den Namen bekam sie im Orden – ihre Gelübde ablegte, las der Priester den von ihr gewählten Bibelvers aus dem Römerbrief. Er sollte sie ihr ganzes Leben lang als Motto begleiten: „Wenn wir leben, leben wir für den Herrn, und wenn wir sterben, sterben wir für den Herrn.“ (Kapitel 14, Vers 8) Die zweite Hälfte des ersten Halbverses ist auch dem Altar in unserer Kapelle eingeschrieben: „Vivimos para Dios…“ Vor dem II. Vatikanum wurden die Nonnen nicht mit „Schwester“ gerufen, sondern mit „Mutter“. Für die Kolumbianer blieb Herlinde Moises immer „Madre Herlinde“. Männer, Frauen und Kinder hatten ihre mütterliche Liebe leibhaftig erfahren.

                       
           

Mit zwei Mitschwestern trat sie die lange Schiffsreise von Genua nach Cartagena an. Bereits am Schiff machten sie Bekanntschaft mit der großen Hitze, die im braunen Ordenskleid voll zur Geltung kam. Bei der Fahrt durch die Stadt zur Ordensniederlassung zeigte sich Cartagena von seiner schönen Seite. Die andere würden sie noch früh genug kennen lernen. Zunächst war die Phase der Eingewöhnung, der Erlernung bzw. Vertiefung der Sprache geplant. Ihrer Ausbildung entsprechend war Herlinde für den Schuldienst vorgesehen. Das tat sie gerne und auch für lange Zeit, an verschieden Orten, als Lehrerin und als Schulleiterin. Irgendwann kam sie zurück nach Cartagena. Der Sonntag war für die Schwestern kein absoluter Ruhetag. Es gab das Sonntags-Apostolat. So kam Herlinde nach Pasacaballo, um bei einer Alphabetisierungs-Aktion mitzuwirken. Daraus entstand ihr apostolisch und sozial segensreiches Wirken unter ihrem zweiten Lebensmotto: „Zur Ehre Gottes und zum Wohle der Menschen.“ Nicht allein, immer gemeinsam mit Gleichgesinnten, aber immer als Zugpferd und Motivatorin. (Fortsetzung folgt)

Vor einigen Tagen hat mich die traurige Nachricht erreicht, dass Erich Nindler-Moser am 13. d. M. verstorben ist. Das tut mir sehr leid und ich spreche seiner Frau Trude mein herzliches Beileid aus. Ich durfte mit Erich viele schöne Stunden in Bodensdorf bei einem Glas Wein und dem Blick hinüber nach Ossiach verbringen. Mit Freude erinnere ich mich an die schöne Feier zu seinem 90. Geburtstag. Es war ein Tag, den Erich bewusst genoss und sich mit uns Gästen riesig freute. Gott, der Herr, schenke ihm die wohlverdiente, ewige Ruhe. Seinen Todestag werde ich gewiss nicht vergessen.

„Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“ (D. Bonhoeffer)

Ich wünsche Euch eine gute Woche und eine erfrischende Dusche. Nichts ist selbstverständlich. Euer Kurt Udermann


6. Brief: Psacaballos, am 17. März 2019

Für die Monate bis Juli ist in der Pfarre monatlich ein Bibelnachmittag angekündigt. Meine Erwartungen waren an jenem Samstag groß. Ich hatte gehofft, dass ich in einer Bibelrunde persönlichen Erfahrungen in Zusammenhang des lateinamerikanischen Umgangs mit der Bibel in Basisgemeinden begegnen werde. Meine Erwartungen wurden leider nicht erfüllt. Es gab eine Einführung in Grundkenntnisse der Bibel wie sie auch in Österreich hätte gehört werden können. An die 50 Personen lauschten interessiert den Ausführungen des angehenden Priesters. Natürlich arbeitete er mit Power Point, wieselte durch die Reihen und belohnte kluge Antworten mit einer Süßigkeit. Lassen die amerikanischen Fernsehprediger grüßen? Allerdings erstaunte mich das profunde Wissen und das begeisterte Mittun der anwesenden Hörer.

Am Montag hatten wir einen schweren Weg vor uns. Wir besuchten Gregorius, der im September des vergangenen Jahres aufgrund seiner schweren Krankheit, Multiple Sklerose, seinen Dienst hier in der Stiftung aufgeben musste und sich seitdem in einem Altenheim in Cartagena befindet. Er war eines der vielen Kinder von „Madre Herlinde“, die sie quasi aufgezogen hat. Der 46 jährige lag in seinem Bett in einem himmelschreienden, bedauernswerten Zustand; ein Anblick, der den persönlichen Glauben herausfordert. In solchen Situationen ist mir das Wort von Henry Newman immer eine große Hilfe: „Ohne Gott ist die Welt absurd, mit Gott ist sie ein Geheimnis.“

Ich weiß nicht, ob Gregorius von der Krankensalbung etwas mitbekommen hat, ob er die Kartengrüße der ehemaligen österreichischen Freiwilligen, die sich in Wien getroffen hatten und Reinhold die Kartengrüße mitgegeben haben, zur Kenntnis nehmen konnte. Gott schenke ihm schon bald eine friedliche Heimkehr.


Den Mittwoch (13. März) haben wir entsprechend gefeiert. Wir sind ja in Südamerika. Am 13. März 2013 wurde Jorge Mario Bergoglio zum Papst erkoren. Er wählte den Namen Franziskus und macht dem Namen alle Ehre. Wir haben für ihn gebetet und wünschen ihm viel Kraft, die Reformarbeit in der Kirche entschieden weiter zu führen.

                              

Dass mich die Vorgänge in der Diözese Gurk-Klagenfurt nicht loslassen wird jeder verstehen. Der Text des Evangeliums am Freitag und gestern am Samstag hat mich wieder sehr getroffen. In einer der Antithesen der Bergpredigt hebt Jesus den Verstoß gegen die Brüderlichkeit auf die Ebene des Mordes, also einer Todsünde. Die Brüderlichkeit oder wie wir heute modern sagen, die Geschwisterlichkeit, hat einen einzigartigen Stellenwert in der Verkündigung und Praxis der Reich-Gottes Botschaft. Was wir offenbar vergessen haben, das hat Paulus in seiner ganzen Tiefe begriffen: „Einer schätze den anderen höher ein als sich selbst.“ Sehr geehrte Herren Domkapitulare, falls ihr diese Bibelstelle betrachtet habt, was habt ihr Euch gedacht?

Gestern war von der Feindesliebe die Rede. Die, die wie die Heiden handeln, nämlich die lieben, die auch sie lieben, haben keinen Lohn zu erwarten. Die, die um ihren Lohn von der medialen Öffentlichkeit gieren, wie stehen die da vor Gott? Sie erhalten ihren Lohn schon hier von unkritischen Medien-Konsumenten.

Wie weit sind wir, die Kirche, doch vom Evangelium entfernt! Das II. Vatikanum hat eine Öffnung gewünscht, doch passiert ist eine jämmerliche Anpassung an die Strömungen der Gesellschaft. Diese Gesellschaft richtet jetzt uns, die wir „Kontrastgesellschaft“, Salz der Erde und Licht der Welt sein sollten.

Nun zu den versprochenen Informationen der Namensgeberin der Stiftung. Meine Kurzcharakteristika von „Madre“, Schwester Herlinde Moises lautet: Sie war (im besten Sinn des Wortes) eine fromme, entschiedene und solidarische Frau. Die sicht- und greifbare Not der Menschen bestimmte ihre Nachfolge Christi. Die Gewissheit, dass es Gottes Wille war, diesem Weg die Treue zu bewahren, war für sie unerschütterlich. Außerdem war sie eine fesche Frau, was ihr gewiss half, gute und geeignete Befürworter und Mitarbeiter für ihre Anliegen zu finden.

                          

Sie kam am 3. Juli 1928 in Bad Hofgastein auf die Welt und wurde schon am nächsten Tag auf den Namen Maria Margarita getauft. Alle riefen sie Maria. Als Älteste von sechs Kindern lernte sie früh Verantwortung zu tragen und wurde am elterlichen Bauernhof von den Eltern in eine tiefe, erdverbundene Glaubenspraxis eingeführt. Dem Erbe der gütigen Mutter und des Gerechtigkeitssinnes des Vaters fühlte sie sich Zeitlebens verpflichtet. Die Nazizeit hat sie als Pubertierende erlebt, ließ sich aber von den Attraktionen des Lagerfeuers, der Aufmärsche und der Uniformen nicht blenden. Vielmehr nahm sie die Gefahren der Kirche im Untergrund in Kauf. Den Religionsunterricht besuchte sie geheim in der Sakristei.

Weil sie beim Gottesdienst ein Gedicht aufgesagt hatte, wurde sie von der Gestapo abgeholt und verhört. Offenbar geschah das alles in Vorbereitung auf ihre spätere Mission. Viel an Glaubensvertiefung verdankt sie ihrem Jugendkaplan Dr. Holböck, der in ihrem Heimatort die „Katholische Jugend“ aufgebaut und geführt hatte, der oft bei der Familie zu Gast war und Maria riet eine Lehrerinnenausbildung zu absolvieren. Vier Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges konnte sie das Abschlusszeugnis in Empfang nehmen. (Fortsetzung folgt.)

Am 13. März haben wir übrigens auch meinen Geburtstag gefeiert. Ich danke allen in der Heimat sehr herzlich, die mir auf dem einen oder anderen Weg Geburtstagswünsche zukommen ließen. Danke!

„Christ ist der Mensch, der sein Heil, seine Rettung, seine Gerechtigkeit nicht mehr bei sich selber sucht, sondern bei Jesus Christus alleine.“ (D. Bonhoeffer)

Liebe Grüße, Euer Kurt Udermann


5. Brief, Pasacaballo, 10. März 2019

Das vergangene Wochenende stand noch ganz im Zeichen des Faschings. Für die Tanzgruppe der Stiftung „Cayambe“ war es das Wochenende, auf das sie sich intensiv vorbereitet hat. In der Stadt Barranquilla (nördlich von Cartagena) fand der Umzug unzähliger Tanzgruppen statt. Und das nicht nur in einer, sondern in vielen Straßen, so dass kaum jemand alle Gruppen zu Gesicht bekommt. Diese Veranstaltung, die neben Rio die zweitgrößte in Lateinamerika sein soll, ist einer der Höhepunkte im Wirken „unserer“ Tanzgruppe.

                    

                                                                    


Für mich allerdings war der Aschermittwoch ein ganz besonderer Tag, nicht nur wegen seiner besonderen Liturgie. Ich feierte die erste hl. Messe in spanischer Sprache in Publito. Zuerst fuhren wir in die Volksschule nach Boca de Tigre, wo die Pastoralassistentin mit zwei Katechistinnen eine Katechese für die Kinder zum Aschermittwoch gehalten haben. Danach ging es auf zum Teil ziemlich unwegsamem Gelände zuerst nach Turban, wo uns der junge Pfarrer die Mess-Utensilien und einiges anderes für die Gemeinde mitgab. Er selbst ist angeblich nie in Publito anzutreffen. Jedenfalls liegt der Ort ziemlich abgelegen und die Fahrt ist beschwerlich.

Wir rechneten mit 10-15 Personen. Schon bald kamen die Schüler aus der nahegelegenen Volksschule dazu. Das Kirchlein war ziemlich voll. Ich zelebrierte und Kelly, die Pastoralassistentin, hielt wieder eine Katechese, bei der sie die „reconciliacion“ besonders hervorhob. Ich ergänzte vor dem Segen und der Entlassung: „reconciliacion es la libertad del corazon“ (Versöhnung ist die Freiheit des Herzens). Dieser Gottesdienst mit dem Aschenkreuz fand in einer merkwürdigen, doch erbaulichen Atmosphäre statt, die mich sehr glücklich machte.

                   

Aber so richtig begriffen habe ich das Ganze erst beim Frühstück des nächsten Tages. Im Hintergrund dieses Dorfes steht eine wechselvolle Geschichte, die von viel Leid geprägt ist. Das Dorf hat noch keine lange Geschichte. Seine Bewohner waren zunächst obdachlos gewordene Familien aus verschiedenen Gebieten um den Dique-Kanal. Überschwemmungen hatten ihre Häuser überflutet und sie standen oft genug mit leeren Händen da. Schwester Herlinde hat diese Menschen „zusammengesammelt“ und eine Landbesetzung auf dem Grund einer Finka durchgeführt, deren Besitzer Bankrott gegangen war. Aber die Agrarbank, die in den Besitz des Grundstückes kam, vertrat nicht die Interessen der Kleinbauern, sondern der Großgrundbesitzer. Die Männer wurden um 1980 in Cartagena inhaftiert. Schwester Herlinde organisierte die Frauen, transportierte sie nach Cartagena, wo sie öffentlich aufkochten und auf das Schicksal ihrer Männer aufmerksam machten. Die Eingesperrten wurden entlassen und die Landbesetzer-Familien haben das Land nun zu erschwinglichem Preis erwerben können. Die Stiftung und Schwester Herlinde unterstützen die Selbstverwaltungs-Bemühungen so gut es ging, stießen aber auf Grenzen.

Jedenfalls kam für das Dorf eine schlimme Zeit. Wegen der relativen Abgeschiedenheit bauten Paramilitärs und Drogenbanden ihren Einfluss auch in diesem Gebiet und Dorf aus. Die Angst derer, die nicht mitmachten und permanent unter Druck gerieten, wurde immer größer. Auch die Angst vor Denunzianten ging um. Eines Tages erschien ein Erschießungskommando, ein Denunziant zeigte auf einige Männer und die wurden kaltblütig erschossen. Schließlich musste das Heer für Ordnung sorgen. Die Bereitschaft über diese Ereignisse zu reden ist angeblich sehr gering, ist aber unterschwellig immer präsent.

Daher also die besondere Betonung der Versöhnung mit Gott und den Mitmenschen. Kelly meinte, dass mir die Menschen aufmerksam zugehört haben, weil sie in meiner Intonation jene von Schwester Herlinde wiedererkannt haben. Jedenfalls war Schwester Herlinde eine Kirchenfrau, die noch den Mut hatte, Partei zu ergreifen, natürlich nicht ungestraft. Aber hat Jesus etwas anderes verheißen?

„Nicht der religiöse Akt macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben.“ (D. Bonhoeffer)

Ich wünsche Euch eine gute Woche. Euer Kurt Udermann


4. Brief -  3. März 2019


Am Montag waren Reinhold, der offizielle Vertreter der Stiftung, und ich, beim Erzbischof von Cartagena, Jorge Enrique Jimenez Carvajal. Das war erforderlich, da sich die Stiftung in seiner Diözese befindet und ich in den ursprünglich zur Stiftung gehörenden Pfarren auch Messe feiern soll. Es handelt sich um Pfarren, die offiziell wohl einem Pfarrer zugewiesen sind, aber dieser gar nicht oder nur selten erscheint, um Gottesdienst zu feiern. Ob die Pfarren zu klein, zu arm oder zu unattraktiv sind oder ob die Priester überlastet sind weiß man (ich) nicht so genau. Jedenfalls bekommen sie vom Bischof kein Gehalt. Sie müssen einen Beruf ausüben, um für den Lebensunterhalt und oft auch für die Aufwendungen der Pfarren aufzukommen.

Der Herr Erzbischof war freundlich und hat gleich den Pfarrer von Pasacaballos angerufen und ihm aufgetragen, mich unter seine Fittiche zu nehmen. Heute beim Gemeindegottesdienst hat mich dieser offiziell der Gemeinde vorgestellt. Der Leiter der Stiftung und ich haben uns vor dem Bischofsgespräch abgesprochen, dass ich mich vom Bischof nicht (direkt) in Dienst nehmen lassen werde, sondern bevorzugt in den (ehemaligen) Pfarren der Stiftung tätig sein werde. Dies hat Exzellenz wohl gemerkt und war nicht „amused“. Dennoch hat er mir eine Lizenz zum Zelebrieren ausgestellt.

                          

Morgen haben wir das Gespräch mit dem Ortspfarrer, der heute der Gemeinde mitgeteilt hat, dass ich hier in das Pfarrleben eingeführt werde. Segito, der früher sehr engagiert für die Stiftung tätig war, der deshalb der kommunistischen Agitation verdächtigt wurde, im Gefängnis gefoltert wurde und dem Salzburger Ärzte seine Arme wieder gebrauchsfähig machten, hat mich eingeladen, ihn bei Krankenbesuchen zu begleiten. Am Aschermittwoch werde ich mit der Pastoralassistentin in eine der „Stiftungspfarren“ fahren bzw. bringen lassen, denn mit einem Auto fahre ich hier sicher nicht! (Sag niemals, nie!???)

Am Samstag werde ich am monatlichen Bibelabend der Pfarre teilnehmen. Auf den freue ich mich schon sehr und bin gespannt ob und wieviel Befreiungstheologie und Praxis der Basisgemeinden zum Vorschein kommen. Die Pfarrkirche ist übrigens dem Heiligen Hieronymus geweiht. Ihm verdanken wir die Bibelübersetzung der Vulgata und er gilt darüber hinaus als Patron der Übersetzer.

                        

Am Dienstag, dem 5. März, bin ich bereits vier Wochen hier. Bisher bestand meine Aufgabe im Spanischlernen und im Zurverfügungstellen meiner Coaching-Kenntnisse für die Teamsitzungen an jedem Montag. Schon merkwürdig, dass der Chef hier sich der Ressourcen zu bedienen versteht, die die Kirche in Kärnten ignorierte. (Nun ja, ein Priester darf ja keinem Laien die Arbeit wegnehmen.) Mit der Lehrerin habe ich den Text durchgearbeitet, der auf die neue Homepage der Fondacion kommen soll. Wir haben einige Fehler gefunden und ich habe sehr viele neue Vokabel gelernt. Jetzt kommt die deutsche Fassung an die Reihe. Auch die gleichbleibenden Texte der Messfeier habe ich mit der Lehrerin bereits gut geübt, in der Hoffnung, dass ich einigermaßen verstanden werde.

Beim Durcharbeiten der Geschichte der Fondacion und der Beschreibung der Projekte ist mir der prägende Einfluss von Schwester Herlinde Moises aufgefallen. Manchmal stockte mir der Atem, zum Beispiel als eine Schlange als Folterinstrument gegen sie eingesetzt wurde. Über Schwester Herlinde mehr im nächsten Brief.

                    

„Wir müssen uns immer wieder sehr lange und sehr ruhig in das Leben, Sprechen, Handeln, Leiden und Sterben Jesu versenken, um zu erkennen, was Gott verheißt und was er erfüllt.“ Mit Dietrich Bonhoeffer’s Worten wünsche ich Euch einen guten Beginn der österlichen Bußzeit.
Euer Kurt Udermann


3. Brief – 24. Februar 2019

Heute war ich um 9.00 Uhr wieder beim Pfarrgottesdienst. Auch heute wurden wieder zwei kleine Kinder getauft und bewusst in die Pfarrgemeinde aufgenommen. Was mich bei diesem Gottesdienst aber besonders bewegte war der Friedensgruß. Der fällt hier viel ausführlicher aus als in unseren Breiten. Die Gläubigen verlassen die Bankreihen und gehen zu anderen hin, umarmen oder küssen sie und wünschen Frieden. Als Ausländer weiß man den Friedensgruß besonders zu schätzen. Denn bei diesem liturgischen Gruß fallen die Schranken auch gegenüber dem Unbekannten. Mit einer verblüffenden Offenheit und einem herzlichen Lächeln werden einem die Hände entgegengestreckt und man fühlt sich unweigerlich angenommen. Es ist letztlich der Friede Christi, den nur der gekreuzigte Gottessohn uns schenken kann, der uns verbindet, egal mit welcher Hautfarbe wir einander begegnen. Ich bin der Liturgiereform des Konzils dankbar, dass sie diese wunderbare Geste in die liturgische Feier aufgenommen hat. Wenn sie dann noch in ihrer letzten Tiefe vollzogen wird, ist er wohl ein Segen für Kirche und Welt.

Ich erwähne die Hautfarbe, weil sie hier eine Rolle spielt. Peter Claver, der Schutzheilige Kolumbiens, hat in Cartagena gewirkt. Er war ein spanischer Jesuit, der vom Orden in die Mission nach Südamerika, ins Zentrum des Sklavenhandels geschickt wurde. Er verstand sich selbst „als Sklave der Sklaven“. Er stieg in den „Rumpf“ der aus Afrika angekommen Sklavenschiffe, versorgte die Kranken und bemühte sich um Verständnis und menschliche Bedingungen für die Schwarzen. Er ist auch heimlich in die Umgebung von Cartagena gewandert, um sich für die geflohenen Sklaven einzusetzen. Er ist sehr wahrscheinlich auch hier in Pasacaballos gewesen. Jedenfalls habe ich am vergangenen Freitag das Jesuitenkolleg mit dem wunderbaren Portal in Cartagena gesehen und mir vorgestellt, dass Peter Claver in seinem Zimmer im ersten Stock nach ankommenden Sklavenschiffen Ausschau hält. Natürlich wandte ich einige Zeit für die Besichtigung der Kathedrale auf, sah die Fassade der Inquisition und besuchte schließlich die hl. Messe in der Kirche Santo Domingo, der mir vom Jakobsweg her ein Begriff ist. Ich habe mir übrigens eine Bibel und ein Messbuch in spanischer Sprache gekauft.

Meine Hauptaufgabe im ersten Monat ist das Spanischstudium. Dreimal in der Woche fahre ich für eineinhalb Stunden zu einer pensionierten Lehrerin, die mir die Fondacion empfohlen hat. Sie war mit Schwester Herlinde Moises gut bekannt und kennt die Einrichtung aus nächster Nähe. Wir lesen Zeitungsartikel und neuerdings die spanischen Texte, die auf der neuen Homepage der Fondacion präsentiert werden sollen. Besonders wichtig ist für mich aber das Sprechen. Die Texte vorbereiten und Vokabel lernen, sowie Verben konjugieren muss ich sowieso zu Hause und selbst. Da ist auch der Googl-Übersetzer keine Hilfe. Leider wird es noch einige Zeit dauern, bis ich an den Tischgesprächen beim Mittagessen werde teilnehmen können. Der Dialekt präsentiert sich mir als undurchdringliches Gestrüpp. Da ist viel Geduld nötig. 

Gestern sah mich übrigens ein Taxifahrer im Rückspiel, fuhr zurück und nahm mich auf. Ich bedankte mich herzlich. Er wollte mit mir ins Gespräch kommen… Ich verstand leider nicht einmal „Autobus“.

Im Hause meiner Lehrerin ist meist viel Leben. Entweder kommen ihre Freunde oder Freundinnen zu Besuch, nicht selten auch Mitschüler und Mitschülerinnen ihrer Enkelin. Ihre Tochter unterrichtet übrigens Englisch an einer Sekundarschule.

                   

                  

                  

       

                  

So sieht es in einer Mittelstandswohnung in einer "reicheren" Gegend aus.


Zum Schluss ein Wort von Dietrich Bonhoeffer und einen besonderen Gruß an die Mitglieder des Dietrich Bonhoeffer Vereins: „Ohne Christus ist Unfriede zwischen Gott und den Menschen und zwischen Mensch und Mensch. Christus ist der Mittler geworden und hat Frieden gemacht mit Gott und unter den Menschen.“

Eine gute Woche mit viel Frieden wünscht Euch, Kurt Udermann


2. Brief - Sonntag, 17. Februar 2019

Ein Wort zu Pasacaballos, wo die „Fondation Madre Herlinde Moises“ beheimatet ist: Pasacaballos liegt im Südwesten der Bucht von Cartagena am Dique-Kanal, 25 km von der Stadt entfernt. Man lässt die Touristenmetropole hinter sich und gelangt durch übelriechendes Industriegebiet ins Zentrum der Armut. Im Sozial-Ranking des Gebietes liegt Pasacaballo an unterster Stelle. Das ist nicht zuletzt historisch bedingt. Der Ort wurde 1775 als Sammelpunkt für Sklaven gegründet, die aus Cartagena geflohen waren. Das ist auch der Grund weshalb hier ausschließlich Schwarze lebten. Heute ist es nicht viel anders. Später war das Dorf als Schmugglernest bekannt. Erst im Mai 1965 wurde hier der erste Pfarrer eingesetzt. Im Jänner 1966 kam Herlinde Moises mit zwei anderen Schwestern der Franziskaner Missionsschwestern von Maria Hilf, hierher, um mit den Menschen zu leben. Herlinde schrieb in einer Rückschau auf die ersten 30 Jahre ihrer Missionstätigkeit in Kolumbien, warum sie die Unbequemlichkeiten des Lebens einer Missionarin auf sich nahm: „weil der Arme, wie der brennende Dornbusch, den Moses sah, der wunderbarste Ort der Verkündigung ist, den man sich vorstellen kann.“

Als ich Mittwoch abends vom Unterricht mit dem Sammeltaxi nach Hause fuhr zahlte ich wie gewohnt gleich nachdem ich eingestiegen war. Unterwegs stieg eine junge Frau zu, die mit ihren Gedanken offenbar ganz woanders war. Unerwartet stellte sie mir eine Frage, die ich nicht verstand. Da merkte sie erst, dass ich Ausländer bin. Als ich ihr sagte, dass ich Österreicher bin, tippte sie sofort, dass ich in der „Fondation Madre Herlinde Moises“ wohne. Ich bejahte und sie stieg kurz danach aus. Aber ein anderer Fahrgast hat es gehört. Als der Lenker ein zweites Mal von mir kassieren wollte, machte ihn der Fahrgast, der gehört hatte, dass ich in der Fondation wohne, energisch aufmerksam, dass ich der erste war, der bezahlt hatte und außerdem in der Fondation wohne. Das hat mir nicht nur Ärger erspart, sondern zeigt auch wie bekannt und angesehen die Fondation ist. Die halbstündige Fahrt kostet übrigens 3.500,- Pesos, das sind knapp 1 Euro.
 

         

           Die gelben Sammeltaxis prägen das Straßenbild


Es geht bei uns immer ziemlich laut zu. Am Vormittag höre ich in den Pausen die Schüler „toben“ und in der Unterrichtszeit die Lehrerin die Kinder bändigen und lautstark zu unterweisen. Am Nachmittag hallt Trommelwirbel durchs Gelände, weil die Vorbereitungen der Tanzgruppe für den Karnevalsumzug in vollem Gange sind. Schon erstaunlich, dass man bei solchen Temperaturen (32°) noch zu solchen schweißtreibenden Bewegungen fähig ist. Aber sie sind mit Begeisterung und konzentriert bei der Sache. Wir arrangieren uns mit dem Lärm, was ja auch nicht nichts ist. Gegen 16.00 Uhr machen die Fußballer Pause und kommen, um Wasser aufzutanken. Und abends ist immer Fiesta bis zum späten Abend, an Wochenenden bis zum frühen Morgen. Man gewöhnt sich an alles und wenn man am nächsten Tag nicht in die Arbeit muss, ist es sowieso halb so schlimm.

         


Aber es gibt auch einen wunderbaren Ort der Ruhe, unsere Kapelle. Zudem ist sie mit einer Klimaanlage versehen, sodass auch die Abkühlung sehr wohltuend wirkt. Mindestens zur Morgenmeditation und zum Abendgebet gehe ich hin. Dazu ein Gedanke von Dietrich Bonhoeffer: „Wir schweigen am frühen Morgen des Tages, weil Gott das erste Wort haben soll und wir schweigen vor dem Schlafengehen, weil Gott auch das letzte Wort gehört.“


                        

           

                          

Ich habe den Eindruck, dass mir das Geschenk gegeben ist, den Glauben neu lernen zu dürfen… In diesem Sinne alles Gute und viel Freude für die kommende Woche, Euer Kurt Udermann



                 Pasacaballos, am 10. Februar 2019

                      

                                           

Mit der Radiosendung „punkt eins“ hat alles angefangen. Ich weiß nicht einmal mehr in welchem Monat das genau war. Frau Ines Refener, die ich mittlerweile persönlich kennen gelernt habe, stellte Voluntaris vor. Diese Institution organisiert Freiwilligeneinsätze in aller Welt. Anruferinnen haben von ihren persönlichen Erfahrungen erzählt. Mir war sofort klar, hier bin ich gemeint. Meine Antwort war auch sofort ein klares Ja. Wie immer bei solchen Entscheidungen hoffte ich auf einen „Fingerzeig Gottes“, der mir Klarheit verschaffen sollte. Der ließ nicht lange auf sich warten. Bei einem meiner monatlichen Wienaufenthalte luden mich Beatrix und Andy zu sich ein. Ob ich einverstanden sei, dass auch Erich komme, der mit uns gemeinsam am „Albertus Magnus-Gymnasium“ zu unterrichten begonnen hat? Natürlich! Seit meinem Abgang von der Schule hatte ich nichts mehr von ihm gehört.

Nicht nur, dass Erich die Kopien meiner Rundbriefe, die ich damals aus Taiwan geschrieben habe, mitgebracht hat, die drei schwärmten auch von ihren Südamerika-Aufenthalten. Es stellte sich heraus, dass Erich einige Voluntaris-Einsätze ins Lateinamerika absolviert hatte. Da war es, das erwartete Zeichen.

Von da an ging es Schlag auf Schlag. Am nächsten Tag rief ich bei Voluntaris an und vereinbarte mit Georg einen Termin. Ich erklärte meinen Wunsch in einem spanischsprachigen Land einen sechsmonatigen Einsatz absolvieren zu wollen. In Erichs Fußstapfen zu treten war nicht möglich. Er spricht sehr gut Spanisch. Ich bin blutiger Anfänger. Völlig unerwartet erschien ein neuer Projektpartner auf der Bühne. Reinhold Oster, der Projektleiter der „Mutter Herlinde Moises Stiftung“ sprach bei Voluntaris vor. Georg rief mich an und wir trafen uns in einem Wiener Kaffeehaus. Die Chemie stimmte und wir beschlossen, es miteinander zu versuchen. In den letzten beiden Monaten des vergangenen Jahres fanden zwei Einführungswochenenden statt. Wir hatten nicht nur viel Spaß, sondern lernten sehr viel, sodass die Begeisterung noch befeuert wurde. Die Sorge, dass wir in der Fremde allein dastehen könnten, wurde uns durch die umsichtige, sowohl gesundheitliche als auch versicherungstechnische Aspekte berücksichtigende Planung, genommen.

Das zweite Vorbereitungswochenende schloss mit dem Kochen eines landestypischen Gerichtes ab. Ehemalige Freiwillige und Freunde waren geladen und erfreuten sich unserer Kochkünste.
Mittlerweile habe ich sämtliche Impfungen hinter mich gebracht, gut betreut vom weltreisenden Arzt, der sich wie ich vor der Impfnadel fürchtet.

Als ich vorgestern ins Kino ging und mir „Green Book“ ansah, bekam ich durch brasilianische Samba-Tänzerinnen im Einkaufszentrum Wien-Mitte einen kleinen Vorgeschmack vom südamerikanischen Karneval. Die Homepage der Herlinde Moises-Stiftung rühmt die stiftungseigene Tanzgruppe, die beim zweitgrößten Karnevalsumzug in Lateinamerika teilnimmt. Na, ich werde sehen!

Heute habe ich nach dem Gottesdienst in „Muttergottes im Augarten“ Fridel getroffen. Er hat mir für Reinhold ein Salzgehalts-Messgerät anvertraut. Zum Glück sind dessen Maße überschaubar. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass ich morgen, also am allerletzten Tag, das Visum bekomme. Geduld üben will erlernt sein und ist für Lateinamerika offenbar lebenswichtig.

Nun sitze ich bereits in meinem kleinen, sehr bescheidenen Zimmer. Das Allernötigste zum Leben ist vorhanden: der WELAN-Anschluss, Licht und Wasser, wenngleich nur gleichbleibend erfrischend. Die fehlende „Brille“ verhindert langes Sitzen. Wie wenig man eigentlich braucht. Dafür ist alles wahnsinnig aufregend. Zunächst entging mir, dass hier Spanisch gesprochen wird, der praktizierte Dialekt ist schier unverständlich. Aber er ist erlernbar. Das beweisen die vier jungen Freiwillen aus Deutschland und Österreich, die sich für ein ganzes Jahr verpflichtet haben.
Reinhold Oster, der offizielle Vertreter der Herlinde-Moises-Stiftung, hat mich mit seinem Sohn am Flughafen abgeholt. Wir fuhren gleich zur Geburtstagsfeier eines seiner Enkelkinder. Der Kleine war mehr überrascht als erfreut. Aber das wird sich vermutlich bald ändern. Nachdem ich meinen Koffer ausgepackt hatte und unter der Dusche beinah in Schockstarre verfiel, schlief ich „hundsmüde“ rasch ein. Der Tag war sehr lang: Um 4.10 Uhr läutete der Wecker und um 23.00 Uhr ging ich zu Bett. Der Schlaf wurde nur durch das Surren der Mosquitos und dem bellenden Zwiegespräch zweier Hunde gestört.

                                     

Das Frühstück war vielversprechend. Es gab guten kolumbianischen Kaffee und plattgedrückte, frittierte Bananen mit der guten, alten Rama, Käse und einer Ananas-Marmelade. Mittwoch vormittags standen eine ausführliche Vorstellung der Stiftung, sowie die Besichtigung einiger Einrichtungen auf dem Programm. Fröhlichkeit verbreiten die Kinder in beiden Schulen, die größeren hier vor Ort und die kleineren etwa 20 Minuten zu Fuß auf einer kleinen Anhöhe, in einem sehr ärmlichen Gebiet. Die größeren Kinder haben keine Aufnahme in der Regelschule gefunden. Damit sie den Anschluss nicht verlieren werden sie hier privat und unentgeltlich auf die Regelschule vorbereitet. 

                     
 
                  

                  

Am Nachmittag fuhr ich mit Reinhold ins Zentrum von Cartagena. Er zeigte mir den Hafen, wo vor Zeiten die Sklaven ankamen und „verhandelt“ wurden. Der Jesuit Peter Claver hat hier gewirkt und hat einen großen Beitrag für die Sklavenbefreiung geleistet. Cartagena ist aber nicht nur wegen der besonders gut erhaltenen Stadtmauern Weltkulturerbe.

                 

Nach Erledigung eines Amtsgeschäftes fuhren wir zur pensionierten Lehrerin, bei der ich heute den Unterricht aufgenommen habe. Alle Beteiligten legten ihre Anliegen dar und so konnte es heute losgehen. Der einstündige Hinweg dürfte die einzige Herausforderung gewesen sein.
Jedenfalls habe ich bereits zwei Lerneinheiten hinter mir. Wir sind auf einem guten, gemeinsamen Weg. Ich brauche weniger Grammatik, sondern muss reden, reden, reden… Und sie ist einverstanden. So erzähle ich viel und schreibe es dann als Hausaufgabe nieder.

Heute, am Sonntag, war ich im Pfarrgottesdienst. Er hat mich tief beeindruckt. Nicht nur, dass die Kirche voll war von alten und vielen jungen Menschen und drei Kinder während des Gottesdienstes getauft wurden. Die Lebendigkeit und Beteiligung überraschte mich. Schon beim Einzug klatschten alle den Rhythmus der Lieder mit. Die Gesten spielen eine große Rolle. Beim „Erhebet die Herzen“ zum Beispiel, strecken alle ihre Hände in die Höhe.

Was mich besonders betroffen machte, war aber eine junge Frau, die nach den Verlautbarungen, um finanzielle Hilfe bat. Als sie durch den Kirchenraum nach hinten ging, steckten ihr einige Kirchbesucher Geldscheine in die Hand. Das nenne ich Caritas (Liebe). Das ist konkret gelebte Geschwisterlichkeit, der Kitt der Pfarrgemeinde und keine Organisation der delegierten Geldverteilung.

Ein großes Erlebnis war die Begegnung mit der Schwester der verstorbenen Gründerin der Stiftung, Margaretha Moises. Sie ist über 82 Jahre alt, aber engagiert und hellwach und eine überzeugte Anhängerin der Befreiungstheologie. Über sie und ihre Schwester Herlinde ein anderes Mal.

              

         Der Vorstand der Stiftung mit Margaretha Moises


Dankbarkeit macht das Leben erst reich.“ las ich in einem Büchlein mit Bonhoeffer-Zitaten. Es begleitet mich auch hier.

In diesem Sinne, liebe Grüße aus der „Neuen Welt“.  Euer Kurt



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Ich stehe Ihnen gerne als Coach zur Verfügung, um Ihnen in Fragen der persönlichen Entwicklung (personal coaching), der beruflichen Tätigkeit und der Führung eines Betriebes (business coaching), sowie in der Frage nach Sinn und Gesamtzusammenhang (spiritual coaching) neue Sichtweisen und kreative Lösungen zu finden.
Kurt Udermann